GietzenerZamilienblätter ■jt bet Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger -sprech st war stoiizen Iahtenj il war Bato- >r fünf ntfernti «sprach e einer n, roat? :r. Dar formen.; icherlich Diener- iar oor. eit den eit, bet abseits tklichen machts> vielleicht ,en läßt n klapst, liefet... hn aus rmartet aps, die |t, denn immer begann er, wa- ien und r Haus- Hauchen nn Bi« ■ Baton ben bet isarzte» Baran x sagte 1er, daß n M°>e Zustand rutf aus 11 leifet >er Arzt, habe Ich >d zwar ■ wenig' ie gehe" m" ■ außer' ben S«e 2Irt de' wache" Jahrgang 1933 Montag, den 30. Januar Nummer 9 Winternacht. Bon Gottfried Keller. Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt. Still und blendend lag der weiße Schnee. Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt, Kein« Welle schlug im starren See. Aus der Tief« stieg der Seebaum auf, Bis sein Wipfel in dem Eis gefror. An den Aesten klomm die Nix heraus. Schaute durch das grüne Eis empor. Auf dem dünnen Glase stand ich da, Das die schwarze Tiefe von mir schied; Dicht ich unter meinen Füßen say Ihre weiße Schönheit Glied um Glied. Mit ersticktem Jammer tastet sie An der harten Decke her und hin, Ich vergeß das dunkle Antlitz nie. Immer, immer liegt es mir im Sinn. Alpenflug. Ein« lustige Geschichte von Elly Beinhorn. Copyright 1932 by I. L. A„ Wien. Wenn man einen Lusthansa-Piloten um die Beförderung eines Frackes bittet, wird er bedauernd den Kopf schütteln, denn Flugzeuge haben etwas gegen Kleidungsstücke. Aber das habe ich erst viel später erfahren. Schon die Vorgeschichte dieses Unternehmens war recht komisch. An einem Sonntag wurde ich durch den Telephonanruf meines ehemaligen Fluglehrers geweckt, der mich ohne Einleitung fragte, ob ich Luft und Schneid hätte, nach Rom zu fliegen. Ich fuhr aus den Kissen hoch und hatte erst zu tun, um mich zu überzeugen, daß es sich nicht um einen verspäteten Faschingsscherz handelte. Nachdem ich das begriffen hatte, sagte ich: Ja, aber... Man braucht genau wie im Auto, bei Auslandsflügen ein „Triptik", das ich natürlich nicht hatte. Und dann Streckenkarten, möglichst Maß- stab 1:300 000. Beides war in der kurzen Zeit nicht zu besorgen, denn erstens war es Sonntag, zweitens mußte ich spätestens am Montag, nachmittag um 17 Uhr in Rom sein. Die Sache mit dem Frack war nämlich so: Ein deutscher Großindustrieller war in Italien, um dort ein Werk seines Konzerns einzurichten. Er hatte um eine Audienz bei Mussolini ersucht, und sie war ihm über Erwarten schnell bewilligt worden. Die Einladung traf am Samstagabend ein und lautete auf Montag, 18 Uhr. Der Großindustrielle war in Rom, sein Frack aber in Berlin. Verkehrsflugzeuge flogen Sonntags nicht — also ein Sportflieger! Der war ich. Nun könnte man noch fragen: gibt es in Rom keine Schneider? Sicher- llch! Aber mein Großindustrieller war eigensinnig. Er wollte seinen gewohnten Frack haben. Also jetzt — Sonntag vormittag zehn Uhr — kam Tempo in bi« Sache. Reizendes Telephongespräch mit dem italienischen Konsulat über Einflugerlaubnis ohne Triplik (bewilligt), Krach wegen des Kartenmate- rials, das nicht aufzutreiben war, aber bald nach dem ersten Anruf war ich draußen in Staaken, machte meine Maschine für einen längeren Ueberlandflug klar, und wartete auf den Frack. Es schlug 12, und ich wurde langsam nervös; immerhin waren 1500 Kilometer in eineinhalb Tagen zu fliegen. Da, Telephonanruf: Herr Beinhorn wird gewünscht! Ich gehe an den Apparat und sage, daß ich aber ein Fräulein bin. Großes Erstaunen bei dem Direktor des Konzerns am andern Ende der Leitung, aber er versprach, sich zu beeilen, und eine Viertelstunde später stand er, völlig unrasiert, mit dem Festkleid seines Chefs an meiner Maschine und es ging endlich los. Die erste Etappe war Berlin—Dresden. Meine Maschine hat einen Aktionsradius von zirka 500 bis 600 Kilometer. In Dresden mußte ich zwischenlanden, weil Staaken keine Zollstation hat. Die Etappe verlief ganz normal; ich bekam meinen Betriebsstoff und Karten bis Wien. Südlich von Prag ist die Orientierung nicht ganz einfach, weil man am Boden eigentlich gar keine markanten Orientierungspunkte hat. Aber der Kompaß genügt bei gutem Wetter vollkommen. In Wien landete ich als erstes, selbstfliegendes, weibliches Wesen und wurde entsprechend herzlich begrüßt. Für die nächste Etappe bis Klagenfurt war es schon zu spät. Jetzt kommt ein dunkler Absatz. Es wurde nämlich abends „gedroht". egal! — aber ich muß den Wienern einen Vorwurf machen. Sie behaupten: vom Heurigen wird man nur luftig, aber man hat am nächsten Tag keinen schweren Kopf. Das stimmt nicht. Montag früh war ich um 6.30 Uhr auf dem Flugplatz, konnte aber wegen des Nebels erst um 8.30 Uhr starten. Ich wollte bis Venedig durchfliegen. Bald hinter Wiener-Neustadt passierte ein kleines Malheur. Ich flog der Bahn nach, die über den Semmering und dann weiter durch das Murtal führt. Auf einmal war in einem Knick die Bahn verfchwun- den. Ich dachte in meiner Harmlosigkeit natürlich nicht an Tunnels und suchte in der angefangenen Richtung weiter, die auch mit dem Kompaß- kurs übereinftimmte. Da war's geschehen: ich lag in einem „Sack-Tal". Nach der nächsten Biegung richtete sich ganz nah vor mir eine 2000 Tiefer hohe Felswand auf, und ich war doch nur 1200 Meter hoch. O Schreck, die fehlende Höhe ließ sich nicht schaffen. Zurück! Mer die beiden Felsseiten, zwischen denen ich flog, standen so nahe ... keine andere Möglichkeit ... also Vollgas, die Maschine aus den Flügel gestellt und herumgezogen. Und siehe da, es ging! Ja, wenn man da keine Erfahrung hat, verschätzt man sich ungeheuer in der Breite einer Schlucht, und man hat da einen kleinen Moment ... Angst. Ich flog wieder an den Punkt zurück, an dem ich die Bahn verloren hatte, aber sie war nicht wiederzufinden. Also höher gehen, Kompaßkurs fliegen! Langsam kletterte ich auf 2500 Meter hinauf — höher kam ich nicht, denn dummerweise stimmte mein Propeller nicht ganz. Er gab keine volle Motorleistung her, und das ausgerechnet zu einem Alpenslug — und ich flog Süd-Süd-West über die Berge. Es war schon ein sehr schöner Eindruck! Auf allen Gipfeln Schnee, und die Sonne schien. Unten feine menschliche Ansiedlung, bei mir nur das Geräusch des Motors... Ganz flüchtig kam mir der Gedanke, was fein würde, wenn mir plötzlich der Motor „verreckte", wie man im Fliegerjargon sagt, und ich in dieser Felseneinsamkeit notlanden müßte. Aber alles ging gut, und später im Murtal sah die Bodenbeschaffenheit schon viel hoffnungsvoller aus. Ich ging bis auf 50 Meter herunter, die Bewohner liefen auf das Motorgeräusch aus ihren Häusern und staunten die kleine, weißblaue Maschine an, es wurde eifrig heraus- und hinuntergewinkt — es war einfach herrlich! Ich überflog Villach, Klagenfurt, den Wörther See, ach, ich fühlte mich so wohl ... sicher auch der Frack hinter mir, aber da. plötzlich setzte ein Zylinder aus. Das hört sich nun sehr einfach an, ist aber entschieden unangenehm. Der Fünf-Zylinder-Motor hat mit vier Zylindern nicht mehr genügend Leistung, um die Maschine auf gleicher Höhe zu hatten. Das ist bitter, wenn man nur 50 Meter hoch ist und kein paffendes Gelände unter sich hat. Mein Schutzengel funktionierte. Im letzten Augenblick erwischte ich ein Plateau und landete. Die Maschine stand fünf Meter vor einigen Bäumen, die eine Fläche am Boden, die andere hoch in der Luft. Es war aber nichts passiert, nur daß ich den laut Karte in den dunkel gezeichneten Bergen ebenfalls braunen, italienischen Grenzstrich schon passiert hatte. Das begriff ich, als einige Jungens fjerangelaufen kamen und lebhaft gestikulierend, auf mich einsprachen. Mein italienifdjer Wortschatz war sehr klein. Ich habe nur gesagt: Motore caputto! Was mit strahlendem Lächeln quittiert wurde. Und dann kamen immerzu Menschen. Und ein Soldat, und noch -fünf Soldaten, und ein Offizier, und noch fünf Offiziere. Das war umsym- pathifch. Ich hatte doch meine Papiere nicht in Ordnung, kein „Triptik", dafür einen verdächtigen Männerfrack, für den ich verantwortlich war. Das viele Militär kam aber auf ganz harmlose Weise an, denn ich war direkt bei Tarvisio gelandet, wo alpine Grenzregimenter liegen. Ich krempelte mir nun die Aermel hoch und fing an, meine Zündkerzen herauszunehmen. Um mich herum furchtbare Aufregung. Eine kleine Sportmaschine und ein Mädchen und ganz allein und notgelandet und kein Bruch — nein, es war nicht zu begreifen. Eine Uniform sprach sehr gut deutsch und bat mich im Namen der Polizei um meine Papiere. Jetzt schien die Sache faul. Aber er nahm meinen Waffenschein als Zollpapier, und der Zylinder kam auch in Ordnung. Ich ließ den Motor etwas auf Probe laufen, alles klappte, und es ging wieder los. Ich versprach den Taroisianern — alles auf dem Weg über meinen Dolmetscher — wenn ich pünktlich mit meinem Frack nach Rom käme, ein Bild mit Unterschrift zu schicken. Ich bin nicht pünktlich hingekommen, aber das Bild habe ich geschickt. Daraus hat sich dann eine lange Korrespondenz ergeben, in der wunderschöne Sätze wie „Einem Adler gleich, der über die Festen herabschwebte", und ähnliche schöne Sachen eine große Rolle spielen... Dann kam noch eine ziemlich dolle Ecke: die Fellaschlucht. Die ist bei den Piloten, die diese Strecke fliegen, als Schlechtwetterweg besonders beliebt. An beiden Seiten hohe Berge, sehr schmal, und unten das fast ganz trockene, felsige Flußbett. Etwas deprimierend, aber sehr eindrucksvoll. Aber als Belohnung folgte die italienische Tiefebene und bald darauf Landung auf dem Lido, wo allerdings meinem Frackflug ein wenig ruhmreiches Ende befchieden war. Ich bekam Startverbot wegen des fehlenden Triptiks. Alles nützte nichts, Telephonate mit dem Konsulat, Mitnahme eines italienischen Piloten, Charterung einer italienischen Ma- mit ebensolchem Piloten zwecks weiterer Ueberführung des Fracks /- nichts! Meine Maschine wurde in die Halle gestellt, und .ch hab. 8 _ „Nein, nein!" wehrt der Kutscher mißtrauisch ab. „Die Fremden müssen im Hotel wohnen, da kann ich Ihnen nicht Helsen. „Verstehen Sie mich doch recht! Ich will der Fontana Maggiore nur einen kleinen Besuch abstatten. Dieser herrliche Brunnen ist einer der schönsten Italiens und weltbekannt." „Mein Herr! Nennen Sie das Hotel, in dem Sie wohnen wollen — "^„Jch^ahre mit dem nächsten Zug weiter nach Assisi! Ich will den Brunnen doch nur wiedersehen, ich habe mich vor Jahren in ihn ver- n°rrmit so was dürfen Sie mir nicht kommen, mein Herr! Ich bin ein alter Mann und will nichts mit der Polizei zu tun haben. Soll ich Ihnen vielleicht ein Hotel empfehlen?" „Nein! Mischen Sie sich doch nicht in meine Angelegenheiten! Fahren Sie mich sofort zum Domplatz, und dort warten Sie, bis ich den Brunnen photographiert habe!" , _ „Ach so! Sie find gar kein Fremder! Sie sind ja ein Photograph! Da kann ich doch mit meinem Gaul mit aufs Bild kommen, als Andenken für meine Hinterbliebenen. Sie machen doch auch Ansichtskarten? „Nein, das nicht! Ich schreibe nur ein Buch über Italien — mit vielen Bildern..." „Um fo besser! Da können Sie mich doch den Fremden empsehlen, die nach Italien kommen. Sie braunen doch nur nach mir zu fragen, auch meine Nummer genügt." Unterwegs setzte er dem Pferd einen alten Damenhut auf, der seitlich zwei Löcher für die Ohren hatte; auch besorgte er kleine Bestellungen. Einige Male lieh ich den Wagen selber halten, um den weiten Blick in das fruchtbare Tal zu genießen. Zwei Stunden nach meinem Eintreffen in Perugia hielten wir durch die Porta Nuova unferen Einzug in die Stadt. Das Auto oder die elektrische Straßenbahn hätte die Strecke von vier Kilometern rasch und fachlich bewältigt; was tut man aber nicht alles für einen Schimmer von Romantik! Don der Treppe des Palazzo del Municipio, unter dem eifernen Greis, bem Wappentier von Perugia, erlebe ich die Vision einer mittelalterlichen Stadt; die Arbeitslosen, die den prächtigen, dreischaligen Brunnen, die Fontana Maggiore, gelangweilt umsäumen, fügen sich durch Gang und Haltung in das allgemeine Bild. Schon fallen lange, düstere Schatten über den Platz; nur die Fassade des Domes leuchtet noch in warmen Hier herrschte im 15. Jahrhundert das Geschlecht der Baglioni, von deren blutigen ©reueltaten im Kamps gegen die mächtige Familie Oddi die Chroniken anschaulich berichten. „Die Baglionen waren eines von jenen Häusern, deren Herrschaft sich nicht zu einem förmlichen Fürstentum durchgebildet hatte, sondern mehr nur in einem städtischen Primat bestand und aus großem Familien- reichtum und tatsächlichem Einfluß auf die Aemterbesetzung beruhte. Innerhalb der Familie wurde einer als Gesamtoberhaupt anerkannt; doch herrschte tiefer, verborgener Haß zwischen den Mitgliedern der verschiedenen Zweige. Ihnen gegenüber hielt sich eine gegnerische Adelspartei unter Anführung der Familie Oddi; alles ging (um 1487) in Waffen, und alle Häuser der Großen waren voller Bravi (gelungene Banditen); täglich gab es Gewalttaten; ja bisweilen lieferten sich die Bravi verschiedener Häuser Schlachten auf offener, Piazza. Endlich müssen die Oddi Perugia verlassen, und nun wird die Stadt eine belagerte Feste unter der vollendeten Gewaltherrschast der Baglionen, welchen auch der Dom als Kaserne dienen muß. Komplotten und UebetfäUen wird mit furchtbarer Rache begegnet, nachdem man (tm Jahr« 1491) hundert» breifeig Eingedrungene zusammengehauen und am Staatspalaste auf» gehängt hatte, wurden aus der Piazza 35 Altäre errichtet und drei Tage lang Messen gelesen und Prozessionen gehalten, um den Fluch von der Stätte rvegzunehmen. Während (1494) Karl VIII. heranzog, führten die Baglionen und die in und um Assist gelagerten Verbannten einen Krieg von solcher Art, daß im Tale alle Gebäude dem Boden eben, die Felder unbebaut lagen, die Bauern zu kühnen Räubern und Mördern verwilderten und Hirsche und Wölfe das emporwuchernde Gestrüpp bevölkerten, wo letztere sich an den Leichen der Gefallenen, an „Christenfleisch' gütlich taten Als Alexander VL vor dem von Neapel zurückkehrenden Karl VIII. (1495) nach Umbrien entwich, fiel ihm Perugia ein, er könnte sich der Baglionen aus immer entledigen; er schlug dem Guido irgendein Fest, ein Turnier oder etwas dergleichen vor, um sie irgendwo alle beisammen »u haben, aber Guido war der Meinung, das „allerschönste Schauspiel wäre alle bewaffnete Macht von Perugia beisammen zu sehen', woraus der Papst seinen Plan fallen lieh. Bald darauf machten die Verbannten wieder einen Uebersall, bei welchem nur der persönliche Heldenmut der Baglionen den Sieg gewann. Da wehrte sich aus der Piazza der achtzehnjährige Simonetta Baglione mit wenigen gegen mehrere Hunderte und stürzte mit mehr als zwanzig Wunden, erhob sich aber wieder, als Ihm Astorre Baglione zu Hilfe kam, hoch zu Rost in vergoldeter Eisen- rustung mit einem Falken auf dem Helm: „Dem Mars vergleichbar an Anblick und Taten sprengte er in das Gewühl". Damals war Raffael als zwölfsähriger Knabe in der Lehre bei Pietro Perugino. Vielleicht sind Eidrücke dieses Tages verewigt in den sruheren kleinen Bildchen des heiligen Georg und des heiligen Michael; vielleicht lebt noch etwas davon unvergänglich fort in dem großen St. Michaels- bilde; und wenn irgendwo Astorre Baglione seine Verklärung gesunden hat, so ist es geschehen in der Gestalt des himmlischen Reiters im Heliodor. Die Gegner waren teils umgekommen, teils in panischem Schrecken gewichen und fortan keines solchen Angriffs mehr fähig. Aber Perugia wurde nicht sicherer nach ruhiger; die innere Zwietracht des herrschenden Hauses brach jetzt in entsetzlichen Taten aus. Gegenüber Guido, Ridolso und ihren Söhnen Gianpaolo, Astorre, Gismondo, Geniile Marcanionio und anderen taten sich zwei Großneffen, Grisone und Carlo Barciglia, zusammen, letztere zugleich Resse des Fürsten Varano und Camerino und Schwager eines der früheren Verbannten, Jeronimo dalla Penna. Vergebens bat Simonetto, der schlimme Ahnungen hatte, seinen Oheim kniefällig diesen Penna töten zu dürsen; Guido versagte es ihm. Das Kom- Slott reifte plötzlich bei. der Hochzeit des Astorre mit der Lavinia Colonna, Ritte Sommers 1500. Das Fest nahm feinen Anfang und dauerte einige Tage unter düsteren Anzeichen. In der Nacht vom 15. Juli wurden die Türen eingerannt und der Mord an Guido, Astorre, Simonetto und Gis» mondo vollzogen; die anderen konnten entweichen. Aber die entronnenen Baglionen sammelten draußen Mannschasten und drangen, Gianpaolo an der Spitze, des folgenden Tages in die Stadt, wo andere Anhänger, soeben von Barciglia mit dem Tode bedroht, schleunig zu ihm stießen; als bei S. Ercolano Grisone in seine Hände fiel, überließ er es seinen Leuten, ihn niederzumachen; Barciglia und Penna aber flüchteten; in einem Augenblick, saft ohne Verlust, war Gianpaolo Herr der Stadt. Atlanta, Grisones noch schöne und junge Mutter kam jetzt mit der Schwiegertochter herbei und suchte den sterbenden Sohn. Alles wich vor den beiden Frauen auf die Seite; niemand wollte als der erkannt sein, der den Grisone erstochen hätte, um nicht die Verwünschungen der Mutter aus sich zu ziehen. Aber man irrte sich; sie selber beschwor den Sohn, demjenigen zu verzeihen, welcher die tödlichen Streiche geführt, und er verschied unter ihren Segnungen. Ehrsurchtsvvll sahen die Leute den beiden Frauen nach, als sie in ihren blutigen Kleidern über den Platz schritten. Diese Atalanta ist es, für welche später Raffael die weltberühmte Grablegung gemalt hat. Damit legte sie ihr eigenes Lew dem höchsten und heiligsten Mutterschmerz zu Füßen. Der Dom, welcher das Meiste von dieser Tragödie in feiner Nähe gesehen, „wurde mit Wem ab- gewaschen und neu geweiht" (Jacob Burckhardt). Und Missetat reiht sich an Missetat, bis mit Ridolso, dem Sohne Malatestas, der „in Perugia durch Ermordung des Legaten und der Beamten im Jahre 1534 eine nur kurze, aber schreckliche Herrschaft übte , bas Tyrannengeschlecht der Baglioni erlischt. Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. (Fortsetzung., OoS Mangobaumwunder. Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nt. „Woher wissen Sie denn von der Existenz dieses Serums, Herr „Ich weiß, daß Sie mit dem Professor Karasin zusammen dieses Mittel erfunden haben." .. „ . „ B ... „Das stimmt nicht ganz. Der berühmte Chemiker, Professor Karasin hat mit dem Serum nichts zu tun. Er ist seit zwols Jahren tot. (Es mar einer seiner Schüler, Doktor Tilgner, mit dem ich zusammen an dieser Sache gearbeitet habe, und daß wir das Serum nach feinem verstorbenen Lehrer Karasin-Serum genannt haben, war bloß ein Akt der Pietät. Aber woher wissen Sie Näheres über die Wirkung dieses Serums? Doktor Tilgner und ich haben unsere gemeinsamen Untersuchungen nach nicht publizier jene Gerichtsverhandlung verfolgt — wie hat doch nur die große Kriminalaffäre im vorigen Herbst geheißen?' „Ach so! Sie haben die Zeitungsberichte über den Prozeß gegen die Mörder des Privatiers Hallasch und seiner Schwester gelesen/ Ja. richtig! Die Affäre Hallasch!" ~ _ ''Dann werden Sie aber auch wissen, daß Ich das Karasin-Serum nicht in Anwendung bringen darf '.sagte der Arzt ernst. „ . . , Ja, aber weshalb denn nicht? Eben damals haben Sie ja Gebrauch gemacht von dem Serum! Daher kenn' ich ja überhaupt Ihren Namen, Doktor!" Dr. Kircheisen wurde es mit einem Mal klar, warum die Wahl de» Barons gerade aus ihn, den nicht praktizierenden Arzt, gesallen war. Der Baron hatte das Karasin-Serum und den Namen seines Ersinders in den Zeitungsberichten über den Fall Hallasch erwähnt gesunden. Non allem Anfang an schien er dieses Serum im Auge gehabt und irgendwelche phantastische Vorstellungen an seine Wirkung geknüpft zu haben. Jetzt galt es, ihn von diesen Gedanken schleunigst abzubringen. „Das Karasin-Serum muh leider aus dem Spiele bleiben. Sie scheinen nicht zu wissen, daß die scheinbare Besserung, die es in dem Befinden des Patienten hervorbringt, von unheilvollen Folgen begleitet ist. Schon nach einer Stunde, oft auch noch früher, stellt sich eine heftige Reaktion ein, die zumeist mit dem Tode infolge Herzlähmung endet. Doktor Tilgner und ich haben da leider nur halbe Arbeit geleistet. Das Serum wirkt absolut lebensverkürzend, und ich habe daher kein Recht, rs anzuwenden." „Und damals in der Affäre Hallafch?" rief der Baron ganz verstört. „Damals tag die Sache anders. Der Privatier Anton Hallafch war ermordet, feine Schwester Petronella, die ihm den Haushalt geführt hatte, tödlich verletzt worden. Der Verdacht der Täterschaft ruhte auf dem Zimmerherrn der beiden, dem Handlungsgehilfen Emil Neubauer, der, wie sich nachher herausstellte, völlig unschuldig war. Die einzige Entlastungszeugin, die Petronella Hallasch, lag in Agonie und war nicht vernehmungsfähig. Damals hab' ich auf Antrag der Verteidigung der Petronella Hallafch eine Karasin-Jnjektion verabreicht, um sie für einige Minuten zu Bewußtsein zu bringen. Sie hat dann tatsächlich den wirklichen Täter genannt. Es stand eben ein Menschenleben auf dem Spiel, und darum habe ich ohne Bedenken das Karasin-Serum angewandt. Aber diesmal ..." „Auch diesmal steht ein Menschenleben auf dem Spiel, Doktor! jagte der Baron. „Ein Menschenleben?" „Ja! Das meine.“ „Ich verstehe Sie nicht, Herr Baronk" „Nein, Sie verstehen mich nicht und werden mich nie verstehen! Dok- tor, ich bin ein schwerkranker Mann, das wissen Sie. Ulam Singh allein kann mir helfen, er muh eine halbe Stunde lang denken und handeln können! Was nachher geschieht ist gleichgültig. Wenn er bann stirbt, — Sie haben ja selbst gesagt, daß er nicht mehr zu retten Ist.“ „Sie erwarten ärztliche Hilfe von ihrem indischen Gärtner? Das ist ja recht interessant! Ich habe offenbar in ihm eine Art Kollegen zu respektieren?“ {ragte Dr. Kircheisen spöttisch. „Nein. Ulam Singh ist kein Arzt. Ader er ist trotzdem der einzige, der mir helfen kann/ „Also ein exotischer Kurpfuscher? Ich fürchte, Herr Baron, unsere braven, altbewährten heimischen Kräuterweiber, die ohnehin so schwer unter dem unlauteren Wettbewerb der Aerzte zu leiden haben, werden über diese neue Konkurrenz recht ungehalten sein.“ „Sie verspotten mich, Doktor. Sie sind ein Mann der rationalistischen, materialistischen Wissenschaft Europas. Sie werde ich niemals überzeugen können, daß es dort drüben eine andere Wissenschaft gibt, die sicher älter und vielleicht auch tiefer ist, als die Ihre, und die ihren Jüngern Kräfte und Fähigkeiten verleiht, von denen Sie nichts ahnen.“ Es war etwas in der Stimme des Barons, das den Arzt bestimmte, den spöttischen Ton fallen zu taffen und der Diskussion einen ernsthafteren Charakter zu geben. „Doch, doch!" sagte er. „Ich habe allerlei davon gehört, auch einiges darüber gelesen. Sie glauben aber doch nicht im Ernst, daß irgendeiner dieser Fakirtricks sich nicht auf eine wissenschaftlich befriedigende Art erklären ließe? Das meiste ist zweisellos Training des Körpers, das Lebendigbegrabenlassen mancher Fakire zum Beispiel, soweit es nicht überhaupt als Schwindel und Humbug [eftgeftcUt ist. Andere Experimente beruhen anscheinend aus Wachsuggestion. In diese Kategorie gehört vermutlich jener bekannte Versuch mit der Bohnenranke, von dem man vor einiger Zeit so viel Aushebens gemacht hat." Der Baron hatte sich bei den letzten Worten Dr. Kircheisens erhoben, stützte die Arme auf den Schreibtisch und blickte den Arzt aufmerksam an. „Was ist das für ein Experiment, das mit der Bohnenranke? Das Experiment mit der Bohnenranke? In der Züricher psychologischen Gesellschaft wurde es meines Wissens vor zwei Jahren zum erstenmal einer kleinen Gesellschaft von Gelehrten vorgesührt. Ein InM» scher Gaukler pflanzte eine Bohne in die Erde, aus der innerhalb einer halben Stunde eine Ranke bis zur Höhe von zirka zwei Metern empor» schoß und Blüten ansetzte. Er hat dann das Experiment in umgekehrter Richtung wiederholt, bis zum Schluß die Bohne da war, die er m die Erde versenkt hatte. Später zeigte er dasselbe Experiment an einem Rosenstrauch. Ich war übrigens bei jener Sitzung nicht anwesend und kenne die ganze Geschichte nur aus Zeitungsberichten. Solange ich das Experiment nicht selbst gesehen und geprüft Jjabe, muß ich es für einen ausgezeichnet inszenierten Humbug halten." „Und wenn ich Ihnen nun sage, daß ich eben dieses Experiment mkt eigenen Augen gesehen und geprüft habe, und daß es kein Humbug ist, Doktor'" Der Baron hatte sich hoch ausgerichtet. Er zitterte am ganzen fi°r,P3n 3nbtan?C®Ufragte der Arzt. Er hatte einem Futteral «in kleines Thermometer entnommen und schob es dem Baron in die Achselhöhle. „Nein! Hier in diesem Hause!" „Don Ulam Singh vorgesührt, wahrscheinlich. Nicht wahr? ,3a, Doktor! Begreifen Sie jetzt, daß mir an feinem Leben liegt? „Waren zu diesen Versuchen noch andere — kritischer veranlagte Personen beigezogen? e "Sta”sieb unterliefen Umständen sicher, daß Sie nicht das Opfer einer Täuschung, oder" — Dr. Kircheisen lächelte — „sagen wir: 3hrer nicht genügend geschulten, unwissenschaftlichen Betrachtungsweise geworden find?" „Geben Sie ttjm da? Karastn-Serum! Bringen Sie ihn fiir eine halbe Stunde zum Bewußtsein, und Sie sollen das Experiment selbst mit ansehen und prüfen. Das verspreche ich Ihnen!" „Ich habe fein Recht, Herr Baron, das Leben dieses, nach allem was Sie mir erzählen, zweifellos sehr interessanten Patienten nur aus wissenschaftlicher Neugierde mutwillig abzukürzen", sagte Dr. Kircheisen lächelnd. „Sie nehmen mich noch immer nicht ernst, Doktor! Wenn Sie mir doch j nun endlich glauben wollten!" „Aber, Sie sind im Irrtum, ich glaube Ihnen ja jedes Wort, verehrter Herr Baron", beruhigte ihn der Arzt und zog das Thermometer unter dem Arm des Barons hervor. „Natürlich. Ich dachte mir’s gleich. Neununddreißig sechs! Sie fiebern, Herr Baron." Er bettete das Thermometer wieder in das Futteral. „Wundfieber offenbar. Sie haben ja vor ein paar Tagen eine kleine Operation überstanden", sagte er dann und wies auf den Verband, den der Baron am Halse trug. „Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen jetzt den Verband erneuern. Zu solch kleinen Diensten erweist sich die rationalistische, materialistische Wissenschaft Europas doch vielleicht als ausreichend. Meinen Sie nicht?" Dr. Kircheisen löste die Sicherheitsnadel ab, die den weißen Leinwandstreifen zusammenhielt. „Es ist ja wahrscheinlich nur eine Bagatelle, dieser geschnittene Furunkel, aber in Ihrem Alter muß man auch bei Kleinigkeiten vorsichtig sein. Wie alt sind Sie übrigens, Herr Baron, wenn man fragen darf?" Die Frage schien dem Baron nicht willkommen. „Warum wollen Sie das wissen?" fragte er. „Ich habe immer mein eigenes Tempo gehabt im Altwerden. Jeder Mensch hat sein eigenes Tempo: der eine beeilt sich, der andere läßt sich Zeit." „Ich meine Ihr kalendarisches Alter, Herr Baron." Der Baron gab keine Antwort. Dr. Kircheisen begann vorsichtig den Leinwandstreisen vom Hals des Patienten abzulösen. „In Indien, in der Stadt Allahabad", sagte der Baron plötzlich, „hab' ich Wachteln gefrühstückt, die waren vier Wochen alt und hatten dennoch viele hundertmal die Sonne auf- und untergehen gesehen. Sie hatten das zarte Fleisch junger Tiere und waren dabei uralt und fett vor Alter." „Wie das?" fragte Dr. Kircheisen. „Die Wachteln nehmen regelmäßig zu einer bestimmten Tageszeit ihr Futter zu sich, nämlich bei Sonnenaufgang. Das machen sich die Inder zunutze. Sie sperren die Wachteln, die gemästet werden sollen, in einen dunklen Keller. Wenn nun die Türen geöffnet werden und das Tageslicht in den Keller fällt, dann glauben die Tiere, es sei Morgen, beginnen zu singen und nehmen das Futter. Anfangs geschieht die Täuschung j zweimal täglich, dann öfter, zum Schluß beinahe stündlich. So werden ; die Wachteln alt und fett lang vor der Zeit. Sie glauben ihr Leben zu Ende gelebt zu haben, wenn ihnen das Küchenmesser am Halse sitzt, und sind satt und zufrieden. Welchen Sinn hätte es für die betrogenen Tiere, oarüoer nachzudenken, wann sie aus dem Ei gekrochen sind? Sie wissen nicht, ob es ein Tag war, der zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang lag, oder nur Minuten." „Sehr interessant", sagte Dr. Kircheisen zerstreut. „Ich dachte anfangs, es wäre wieder irgendein indisches Fakirkunststück, das Sie mir erzählen wollten. Eine sehr philosophische und lustige Geschichte, die Geschichte von den Wachteln von Allahabad." „Finden Sie sie wirklich so lustig?" fragte der Baron. Dr. Kircheisen hörte nur mit halbem Ohr hin. Er hielt den Verband- ftreifen in der Hand. „Donnerwetter!" sagte er. „Haben Sie aber viel Blut verloren. Die ganze Leinwand ist durchtränkt. So! Jetzt noch die Watte ablösen, am besten mit einem bißchen Wasser — schon nicht mehr nötig, es geht auch so. Jetzt, ein bißchen waschen zuerst, so und jetzt — ja, zum Kuckuck, was ist denn das?" Der Arzt legte die blutgetränkte Watte aus der Hand, ergriff den Kopf des Barons und drehte ihn nach rechts und nach links. „Was gibt'? denn, Doktor?" „Also, das geht über meinen Horizont! Ich finde nicht die geringste Spur einer Wunde!" „Das ist unmöglich!" rief der Baron. „Nicht die Spur einer Wunde! Nicht die allerkleinste Verletzung. Sie sind hier niemals geschnitten worden. Ich begreife nicht, warum Sie Ihren Hals mit einem blutgetränkten Verband umwickelt haben." „Sie müssen sich irren, Doktor. Mein Hausarzt hat mich vor fünf Tagen um 9.30 Uhr vormittags am Hals geschnitten, nachdem er mich vorher die ganze Nacht über mit essigsaurer Tonerde gequält hatte. Er hat die Geschwulst zuerst mit Chloräthyl-Spray anästhesiert und bann einen raschen Schnitt durchgezogen." „Unmöglich! Es mußte doch die charakteristische, kreisrunde, wie mit dem Locheisen ausgeschlagene Deffnung zurückgeblieben sein! Aber ich- finde nichts." „Wirklich? Ich habe keine Wunde am Hals?" schrie der Baron. „Was ist das wieder für eine Teufelei!" Er ließ den Zeigefinger über Hals und Nacken gleiten. „Doktor! Einen Spiegel! Dort an der Wand hängt einer." „An der Wand hängt gar nichts." „Ach fo! Ich vergaß, ich habe sie ja gestern selbst alle heruntergenom- men! Dort im Schreibtisch muß er liegen." Dr. Kircheisen holte den Spiegel hervor. Mit einem Mal schlug sich der Baron mit der Hand an die Stirn und ließ sich in seinen Lehnstuhl jurüctf allen. „Natürlich!" sagte er dann ruhig. „Daß mir das nicht gleich eingefallen ist!" „Ich verstehe nicht, was das zu bedeuten hat!" rief der Arzt. „Mir ist alles ganz klar!" „Dann erklären Sie mir doch .. „Es ist die selbstverständlichste Sache von der Welt!" rief der Baron mit feinem heiseren Lachen. „Was hat bas also zu bedeuten?" „Vielleicht ist auch das nur ein ausgezeichnet inszenierter Humbugk So nannten Sie's doch vorhin, nicht? Oder eine kleine Wachsugaestion, meinen Sie nicht, Doktor?" „Wollen Sie mich zum besten halten, Herr Baron? Was hat Ihr« Wunde mit jenem Bohnenrankenexperiment zu tun?" Baron Vogh kam nicht mehr dazu, dem Arzt Rede zu stehen. Denn ein Ereignis trug sich in diesem Augenblick zu, so überraschend und erschreckend, daß das Rätsel des blutbefleckten Verbandes sogleich in den Hintergrund gedrängt wurde. Der Baron war plötzlich aufgesprungen und bemühte sich mit seinen zitternden Fingern, das Fenster zu öffnen. „Hören Sie, Doktor! Haben Sie's gehört?" „Ja! Es hat jemand geschrien! Unten im Garten." Das Fenster flog auf. Der Baron beugte sich weit hinaus. Noch einmal ertönte ein Schrei, von unten her. Diesmal lauter. „Das ist Greil!" rief der Baron. „Es ist Greils Stimme! Was ist gefchehn?" Und jetzt, trapp, trapp, die Schritte eines Menschen, der in furchtbarer Aufregung über den Kiesweg gelaufen kam. „Philipp!" kreischte der Baron. „Philipp! Was ist gefchehn? „Herr Baron!" jammerte die Stimme des alten Philipp atemlos und keuchend von unten herauf. „Wieder eine Schlange! Der Baronetze ihr Hund ... ist gebissen ...!" Ein Urwaldabenteuer. Von all den merkwürdigen und aufregenden Erlebnissen, die an jenem Tage auf den unglücklichen Dr. Kircheisen einftürmten, war es öas abenteuer in des Barons kleinem Treibhausurwald, das die tiefsten und nachhaltigsten Wirkungen in den Nerven des Arztes zurückließ. Lange könnt« er die Erinnerung an den geheimnisvollen indischen Dschungel in der Orchideenableilung des Glashauses nicht loswerden und noch nachher schlich sich das spukhafte Erlebnis immer und immer wieder in feine Träume. Dann fuhr er schreiend aus dem Schlaf auf, schlug wild mit oen Fäusten um sich und stieß angsterfüllte oder anfeuernde Rufe aus, bis die alte Bettina kopfschüttelnd, die Lampe in der Hand, in fein Schlaf- zimmer trat und ihn mit ihrem Jammern in die Wirklichkeit zurückbrachte. „Herr Doktor! Aber Herr Doktor! Gewiß sind der Herr Doktor wieder im Urwald und jagen Schlangen!" Zweifellos ist es ein recht seltsames Ansinnen, von einem Arzt, bei ganz harmlos zu einem Krankenbesuch gekommen ist, zu verlangen, et möge an einer Schlangenjagd im indischen Urwald teilnehmen. Dr. Kirch» eisen fand mit Recht, daß es ein wenig außerhalb feiner beruflichen Sphäre lag, dem Baron zu helfen, das giftige Reptil, das im Treibhaufe fein Unwesen treiben sollte, unschädlich zu machen. Dr. Kircheisen war alles andere als ein Heros. Im ersten Augenblick wollte er energisch ablehnen. Ein vages Gefühl tauchte in ihm auf, daß es in einem wohl- geordneten Staatswesen noch wohl irgendeinen ivunttionar geben muffe, in des en Pflichtenkreis die Vertilgung solch gefährlicher Tiere fiele, — der Wasenmeister! Selbstverständlich der städtische Wasenmeister! Und fofort schoß ihm der Satz durch den Kopf, den er hier und da im Zusammenhang mit wutverdächtigen Hunden in den Zeitungen gelesen hatte: „... wurde dem Wasenmeister zur Vertilgung übergeben ... Aber in dem gleichen Augenblicke, da dieser Gedanke dem Arzt durch den Kopf flog, kam die Baronesse, den toten Faxt Billy in den Armen haltend, schluchzend die Treppe hinauf, und diese Begegnung war e», die dem Dr. Kircheisen zu der heroischesten Stunde feines Lebens verhalf. Eine Welle von Mut und Entschlossenheit strömte ihm plötzlich zum $Cr$!8aroneffe!" sagte er. „Weinen Sie nicht länger. Ich werde Ihren armen Hund rächen! Wie ist denn das Unglück überhaupt geschehen? „Billy ist aus dem Treibhaus gesprungen, hat furchtbar geschrien nnü geheult und ist hin und her gelaufen", berichtete die Baronesse, noch immer fchluchzend. „Dann ist er hingefallen, hat mit den Beinen gezuckt und war tot." _ _. „Im Treibhaus also müssen wir die Schlange finden. Kommen eie, h^Estien'Äugenblick, Doktor!" sagte der Baron. „Warten Sie hier auf mich, ich habe einiges vorzubereiten für unsere kleine Expedition. Spatz, du bleibst im Hause und gehst nicht in den Garten, eh' ich dir s erlaub. Der Baron verschwand im Nebenzimmer. Dr. Kircheisen wandte sich dem „Spatzen" zu. Er fand, daß dieser Name durchaus nicht zu der Erscheinung der Baronesse paßte. „Sie haben Ihren Hund wohl sehr gern gehabt? fragte er da» ^Er war das einzige, was ich auf der Welt hatte! Billy, mein süßer, armer Billy!" klagte die Baronesse und wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus ihren großen blauen Augen. .Aber! Aber! Das einzige? Sollte es keinen Menschen geben, den Sie"auch ein wenig lieb haben?" fragte Dr. Kircheisen. „Menschen? Die sind doch alle langweilig. Ich unterhalte mich viel lieber mit Hunden." , .... ... „Es ist merkwürdig", sagte Dr. Kircheisen, „wie unsere Ansichten sich begegnen. Würden Sie mir es glauben, daß auch ich zuzeiten das Gefühl haste, daß wahre, unegoistische Freundschaft nur zwischen Mensch und Tier möglich ist? Aber freilich, den Mut, diesen Gedanken laut auszusprechen, habe ich niemals gehabt. Sie sind mir um einige Jahre in Ihrer geistigen Entwicklung vor, Baronesse!" Das junge Mädchen streichelte ihren toten Liebling und gab keine Antwort. „Aber ich vergaß! Sie lieben ja die Komplimente nicht, Baronesse, nicht wahr?" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. -Druck und Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.