GiehenerZamilienbMer ________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Freitag, -en 29. Dezember Kummer <00 Auf eine Christblume. Bon Eduard M ö r i k e. Im Wtnterboden schläft, ein Blumenkeim, Der Schmetterling, der einst um Busch und Hügel In Frühlingsnächten wiegt den samtnen Flügel: Nie soll er kosten deinen Honigseim. Wer aber weiß, ob nicht sein holder Geist, Wenn jede Zier des Sommers hingesunken, Dereinst, von deinem leisen Dufte trunken, Mir unsichtbar, dich Blühende umkreist. Salve zum neuen Jahr! Neujahrsbriese deutscher Meister. Zusammengestellt von Otto S ch a b b e l. „Salve zum neuen Jahr", so schließt knapp und beinah sachlich ein kurzes Billett, daß Schiller zur Begleitung eines Buches an Goethe schrieb, am Silvesterabend 1795, eines Jahres, das die beiden Dichterfreunde begonnen hatten mit dem Versprechen, es zuzubringen, wie sie das vorige geendigt hatten: „mit wech- selnder Teilnahme an dem, was wir lieben und treiben. Wenn sich die Gleichgesinnten nicht anfassen, was soll aus der Gesellschaft und der Geselligkeit werden." „Ich freue mich in der Hoffnung, hatte Schiller damals, am 3. Januar 1795, noch hinzugefügt, „daß Einwirkung und Vertrauen sich zwischen uns immer vermehren werden." Wenn wir selbst „jahreswendig" werden, gestimmt zu tiefer Besinnung, nachdenklichem Fazit, hoffendem Ausblick ins kommende Jahr, dann ist es voll besonderer Reize, in Vriesbänden zu blättern, die uns aus der Hinterlassenheit starker und schöpferischer Persönlichkeiten überkommen sind. Zu blättern und Halt zu machen bet den Seiten, wo auch sie, von der Seelenstimmuug des scheidenden Jahres ergrtfffen, rückhaltsloser als sonst wohl in Zwiesprache mit sich oder dem vertrautesten der Freunde einen tiefen Blick in ihr Innenleben gestatten. Hier sind einige solcher Seelenbekenntnisse, Ergebnisse einsamer, festlich erhabener Jahres- wendenstundcn, ausgeivühlt unter dem Gesichtspunkt des besonders Charakteristischen für die Geisteswelt der einzelnen Persönlichkeiten. Hier nun sprechen sie selbst. Schiller an Goethe. Jena, 2. Januar 1798. Es soll mir ein gutes Omen sein, daß Sie es sind, an den ich zum erstenmal unter dem neuen Datum schreibe. Das Glück sei Ihnen in diesem Jahre ebenso hold als in den zwei letztvergangenen, ich kann Ihnen nichts Beßres wünschen. Möchte auch mir die Freude in diesem Jahre beschert sein, daß Beste aus meiner Natur in einem Werke zu sublimieren, wie Sie mit der Ihrigen es getan. Ihre eigene Art und Weise, zwischen Reflexion und Produktion zu alternieren, ist wirklich beneidens- und bewundernswert. Beide Geschäfte trennen sich in Ihnen ganz, und das eben macht, daß beide als Geschäfte so rein ausgeführt werden. Sie sind ivirklich, solang Sie arbeiten, im Dunkeln, und das Licht ist bloß in Ihnen, und wenn Sie anfangen zu reflektieren, so tritt das innere Licht von Ihnen heraus und bestrahlt die Gegenstände Ihnen und andern. Bei mir verwischen uch beide Wirkungsarten und nicht sehr zum Vorteil der Sache ... Goethe au Schiller. Es ist mir dabei ganz wobl zuinute, dast wir zum neuen Jahre einander so nahe sind: ich wünsche nur, daß wir uns bald wieder seben und einige Zeit in der Kontinuation zusammen leben. Ich möchte Cvfijten manche Sachen Mitteilen und vertrimm. damit eine gewisse Epoche meines Denkens und Dichtens schneller zur Reise komme ... W e i m a r, am 3. Januar 1798. Friedrich Hebbel pflegte mit eiserner Konsequenz auf der Silvesterseite seiner Tagebücher eine sehr genaue geistige Bilanz des vergangenen Jahres zu ziehen. Selten war er so »nmirtelbar der reinen Stimmung hingegeben, wie im nachfolgenden: 1842, den 1. Januar, abends 10 Uhr. Da steht das Datum! Aber, was ich hineinschreiben soll, weiß ich ivirklich nicht. Statt alles übrigen steht hier am besten das Wort Vertrauen. Ja, Vertrauen! Mit Vertrauen will ich da» ^ahr anfangen, denn daran fehlt es mir oft gar sehr. Gott, du weißt es: ich bitte dich nicht um Tand, nicht um Ehre und Ruhm, so schmerzlich man den letzteren freilich in einer Welt voll bekränzter Lumpen entbehrt, nicht um Ueberfluß, nur um Fortdauer der inneren und äußeren Existenz, nur um das, was zu meiner und meiner Teuersten Erhaltung notwendig ist, und um deinen Segen für mein geistiges Leben. Darum will ich auch glauben, daß du mich erhören wirst! Theodor Fontane. Berlin, den 31. Januar 1890. Meine liebe, gute Mama! Eben habe ich den Vers durchgelesen, womit Emilie ihren Brief geschlossen hat, und fühle infolge davon eine so entschiedene Lähmung meiner Kräfte, daß ich nicht weiß, was aus diesen Zeilen werden soll. Vielleicht komm' ich darüber weg, namentlich wenn ich bedenke, daß der Sack mit Pfeffernüssen (für den ich aller- schönstens danke) neben mir liegt. Die Festlichkeit gestern war eigentlich eine völlig verfehlte Affäre, da sich alles in zwei Heerlager geteilt hatt: in Grippe Habende, die weggeblieben waren, und in Grippe Kriegende, die bitterlich froren und eigentlich nur einmal den Ausdruck natürlicher Heiterkeit annahmen — als die große Kutsche vorfuhr, die sie abholte: sie wohnen nämlich alle auf einem Klump in der Link- und Schellingstraße und hatten sich deshalb zu einer gemeinschaftlichen Chaise aufgeschwungen. Auch mir schmeckt alles heute erst. In der Regel sind unsere Gäste sehr heiter und animiert bei uns: dennoch stimmen Emilie und ich darin überein, daß es angenehmer ist, Gast als Wirt zu sein. Namentlich auch hilliger. Die Kälte ist seit gestern geradezu unanständig, und neben dem Wunsche, beim Einzug in Peking zugegen gewesen zu sein, erfüllt mich jetzt überwiegend die Sehnsucht nach Kairo, Nil, Pyramiden und —30 Grad Wärme. Aber statt der Pyramiden, um doch auch mal einen geistreichen Anlauf zu nehmen, hat man die Sphinx vor sich, die Rätselsphinx des neuen Jahres. Da wären wir denn beim neuen Jahre glücklich angelangt, und den herzlichsten Glückwünschen für dasselbe stellt sich weiter nichts in den Weg. Erhalte Dich Gott Deinen Kindern und Deine Kinder Dir. Erlebe außerdem so viel Freude an ihnen, wie man an Menschen erleben'kann, was nicht allzuviel ist, denn die Menschen taugen nichts, und auch die besten sind Package. Eine Ausnahme macht meine Frau, die darauf dringt, daß ich dies eigens hervorhebe. Ich tu' es mit Vergnügen. Uehrigens ist sie, unberufen und unöeschrien, recht gut. Ich mache sie nicht schlimmer. Mit diesem Wunsche und unter Wiederholung der herzlichsten Wünsche für Dein und Schwester Lieschens Wohl, wie immer Dein Theodor. Richard Wagner ist ganz erfüllt von der Seelentragödie des „Tristan", als er nach dem Erlebnis auf dem grünen Hügel in Zürich ein einsames Asyl in Venedig gefunden hat und hier am Neujahrsmorgen der Frau einen Brief schreibt, die mit ihrer Liebe und ihrem Verständnis das Drama von „Tristan und Isolde" miterlebt und befruchtet hat: Mathilde Wesend on k. 1. Januar 1859. Nein! bereue sie nie, diese Liebkosungen, durch die Du mein dürftiges Leben schmücktest! Ich kannte sie nicht, diese wonnigen Blumen, dem reinsten Boden der edelsten Liebe entblüht! Was ich als Dichter geträumt, mußte mir einmal so wundervoll wahr werden: auf den gemeinen Boden meines irdischen Daseins mußte dieser zartbelebenöe und verklärende Wonnethau einmal fallen. Ich hatte es nie gehofft, und nun ist mir, als hätte ich es doch gewußt. Nun bin ich geadelt: ich habe den höchsten Ritterschlag erhalten. An Deinem Herzen, in Deinem Auge von Deinen Lippen — ward ich der Welt enthoben. Jeder Zoll an mir ist nun frei und edel. Wie mit heiligem Grauen vor meiner Herrlichkeit durchschauert mich das Bewußtsein, von Dir in so ganzer Fülle, so süß zärtlich und doch so innig keusch geliebt worden zu sein! — Ach, noch athme ich ihn, den zauberischen Duft dieser Blumen, die Du mir von Deinem Herzen brachest: das waren nicht Keime des Lebens: so düsten die Wunderblumen des himmlischen Todes, des Lebens der Ewigkeit. So schmückten sie einst die Leiche des Helden, ehe sie zu göttlicher Asche gebrannt wurde: in dieses Grab von Flammen- und Wobldüsten stürzte sich die Liebende, um ihre Asche mit der des Geliebten zu vereinigen. Nun waren sie Eines! Ein Element! Nicht zwei lebende Menschen: ein göttlicher Urstoff der Ewigkeit! — Nein! bereue sie nie! Diese Flammen, sie brannten leuchtend, rein und helll Keine finstere Gluth, kein Gedünst, keine bangen Dämpfe verunreinten sie je, die lautre, keusche Flamme, die ja niemandem noch so rein und verklärend leuchtete rote uns, deshalb auch niemand von ihr ivisscn kann. — Deine Liebkosungen — sie sind die Krone meines Lebens, die wonnigen Rosen, die mir aus dem Dornenkranze erblühten, mit dem mein Haupt einzig geschmückt war. Nun bin ich stolz und glücklich! Kein Wunsch, kein Verlangen! Genuß, höchstes Bewußtsein, Kraft und Fähigkeit zu Allem, zu jedem Lebenssturmei — Nein! Nein! Bereue sie nicht! Bereue sie nie! — Rainer Maria Rilke. An Clara Rilke. Capri, Villa Discopoli (Italien), am 1. Januar 1907. Der heutige Morgen sing so strahlend an, nun wird ein grauer Tag daraus,- aber zuerst war ein Glänzen wie von einem ganz neuen, nie gebrauchten Jahr. Und die Nacht war eine Helle, ferne, die über viel mehr als nur über der Erde zu ruhen schien,- man fühlte, daß sie über Meeren lag und weit drüber hinaus über dem Raum, über sich selbst, über Sternen, die ihren Sternen entgegensahen aus unendlicher Tiefe. Das alles war in ihr gespiegelt und von ihr über die Erde gehalten und schon kaum mehr gehalten: denn es war rote ein beständiges Ueberfließen von Himmeln. Ich dachte, es würde vielleicht eine Mitternachtsmette geben, und ging nach elf Uhr aus,- die Gassen und Steige zwischen den Mauern lagen lang da, wie abgenommene hingebreitete Fahnentücher, schwarz-weiß, aus einem Streifen Mauerschatten neben einem Streisen Licht: denn es war die erste Nacht nach dem vollen Monde, und er stand ganz hoch im Himmel und überschien scharf alle die Sterne, so daß nur da und dort ein entfernter ganz großer so stark flatterte, daß etwas Dunkelheit um ihn entstand. Wie blendeten die beschienenen Mauerränder, wie war das Laub der Oliven ganz jaus Nacht gemacht, rote ausgeschnitten aus Himmeln, älteren,j nicht mehr benutzten Nachthimmeln. Und die Berghänge sahen sb mondhaft verfallen aus und ragten aus den Häusern empor rote Unbewältigtes. Und die Häuser waren dnnkel, und wo die Holzperstanen nicht vorgezogen worden waren, hatten die Fenster den fahlen, durchscheinenden Schein blinder Augen. Aus der kleinen Piazza endlich, unter dem Uhrturm, stand ein Hausen junger Capresen in Verabredung. Auf einem kleinen Kaffeehaus, das, rot verhangen, in die finsterste Ecke eingefügt war, kam dann und wann das ungeduldige Aufrasseln eines Tamburins. Ein Torbogen überspannte eine enge Gasse, die aufwärts führte, und griff ein Stück Himmel herein mit seiner Wölbung und hielt es ihr an. Ein Schritt in Holzschuhen klappte die Häuser entlang, die Uhr hob an und schlng das letzte Viertel vor Mitternacht ... Und nun wollen wir glanben an ein langes Jahr, das uns gegeben ist, neu, unberührt, voll nie gewesener Dinge, voll nie getaner Arbeit, voll Aufgabe, Anspruch und Zumutung,- und wollen sehen, daß wirs nehmen lernen, ohne allzuviel fallen zu lassen und von dem, was es zu vergeben hat, an die, die Notwendiges, Ernstes und Großes von ihm verlangen... Guten Neujahrsmorgen ... Neuiab'6 7ern Sirius. Von Dr. Erwin Kossinna. Wir kennen alle den gleißenden, unruhig funkelnden Sirius am winterlichen Südhimmel, den Hauptstern des großen Hundes, der nach einer uralten Sage in Ewigkeit dem Jäger Orion auf seiner Himmelsbahn folgen muß. Weniger bekannt ist die Beziehung dieses hellsten Fixsternes zu unserer Zeiteinteilung, insbesondere zum Jahresanfang. Wenn in der Silvesternacht die Zeiger der Uhr auf Zwölf rücken, das alte Jahr verrauscht und die Glocken das neue Jahr einläuten, erreicht Sirius den höchsten Punkt seiner scheinbaren Bahn am Himmel. Er kulminiert, wie man zu sagen pflegt, und überschreitet den Mertdan gerade um Mitternacht. Zwar findet dieses Ereignis, genau genommen, in den östlichen Provinzen des Reiches etwas vor, in den westlichen etwas nach Mitternacht mitteleuropäischer Zett statt, doch sind diese geringen Abweichungen lediglich eine Folge unserer Einheitszeit. Wir dürfen daher mit Fug und Recht Sirius als den Neujahrs st ern bezeichnen. Zu Beginn des Jahres beherrscht er als hellster aller Fixsterne den Südhimmel, und wenn nicht neidische Wolken ihn verdecken, ist sein Anblick in dieser günstigen Stellung von besonderer Pracht. Wie das „Feuer" eines Diamanten funkelt fein rein weißes Licht durch die Winternacht. Nicht immer war der Sirius Neujahrsstern in diesem Sinne, denn unser Kalender, der gregorianische, besteht erst fett 1582. Bet den Griechen und Römern des Altertums, die bekanntlich nach Mondjahren rechneten, fiel Neujahr tn den Monat März. Erst im Jahre 154 v. Chr ver'chob sich der Jahresanfang, der mit der Amtsübernahme der neugewählten römischen Konfnln zu- fammenhing, auf den 1. Januar. Die Kirchenversammlung zu Nicäa im Jahre 825 n. Chr. bestimmte, daß die Frühkingsnacht- gleiche stets auf den 21. März fallen tollte, wodurch auch der Jahresanfang endgültig festgelegt wurde und gegenwärtig mit der Kulmination des Sirius um Mitternacht zusammenfällt. Zeigt uns somit Sirius durch feine Stellung am Himmel den Begsnn des neuen Jahres an. fo verdanken wir der sorgfältigen Beobachtung dieses Sterns durch die alten Aegypter auch die erstmalige genaue Ermittlung der Jahreslänge. Für kein Volk des Altertums war die Kenntnis der Jahreslänge von so lebens- w'ch'iger Bedeutung wie für die Aeanpter. Galt es doch, die allsommerlich mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks eintretende Niküverschwemmung vorauszusagen, von der das ganze wirtschaftliche Leben des Landes abhing. Schnen, fast plv^rich, tritt Mitte Full der Nil über seine Ufer und überflutet weite Sirenen, das Tal in einen See verwandelnd. Da gilt es, rasch fein Eigentum vor den herankommenden Fluten zu bergen. Born Oktober an geht das Wasfer wieder zurück und hinterläßt den fruchtbaren Schlamm, der zwei- und dreifache Ernten ermöglicht. Schon in grauer Vorzeit, mindestens seit 4000 v. Ehr., war die Nttstut iorg- fältig geregelt und für die intensivste Bebauung des Landes ausgenutzt. Soioeit das kostbare Naß geleitet werden kann, reicht die grüne Ackerflur, hart daneben beginnt die öde, kahle Wüste. Jahrhunderte lange Beobachtung des Sternenlaufs hatte die ägyptischen Priester gelehrt, daß die Nilüberschwemmung jeweils mit dem Frühausgang des Sirius zusammensiel. Bekanntlich ist Stricks des Abends nur int Winter und im ersten Frühlingsmonat April sichtbar. Anfang 911 ai verschwindet er tn der Abenddämmerung, um erst wieder im Juli am Morgenhimmel zu erscheinen. Im alten Aegypten war nun der Tag, an dem Sirius srühmorgens gleichzeitig mit der Sonne über dem Horizont erschien, von größter Bedeutung. Sirius kündete das Kommen der Nilflut. Es muß eine feierliche Stunde gewesen sein, wenn die Priesterschaft sich vor dem Bilde der Sothtsgottheit versammelte, um den Frühaufgang des Sothis, wie Sirius bei den Aegyptern hieß, zu beobachten. No^ ist es dunkel. In der trockenen, klar durchsichtigen Wüsten- luft flimmern zahllose Sterne in einzigartiger Pracht über dem i ägyptischen Lande. Nur ganz kurz ist die Morgendämmerung. Da erscheint plötzlich Sothis, der Funkelnde, roeißblitzend über dem Horizont und gleich darauf geht die Sonne strahlend auf. In manchen Pyramiden scheint die Anlage besonderer Gänge, die nach dem damaligen Aufgangspunkt des Sirius zeigten, darauf hinzu- roeiien, daß man auch von hier den Frühaufgang dieses Sterns beobachtete. Nach dem heliakischen, daß heißt gleichzeitig mit Helios, der Sonne, erfolgenden Aufgang des Sirius bestimmten die Aegypter die Jahreslänge zunächst zu 365 Tagen. Das Jahr begann mit dem Tage des Frühaufganges des Sirius. Als Neu- jahrsstern, der den Jahresbeginn und den Eintritt der Nil- über,chwemmung anzeigte, wurde Sirius in Gestalt des Sothis- gottes von den Aegyptern besonders verehrt. Längere Beobachtungen des heliakischen Aufganges des Sirius ergaben nun, daß dieser sich in vier Jahren stets um einen vollen Tag verschob, und man erkannte alsbald, daß die wirkliche Jahreslänge 365% Tage betrug. Diese Berechnung der Länge des Sonnenjahres ist in Aegypten weit früher als in andern Ländern gemacht worden. Da man aber den Vierteltag im ägyptischen Kalender nicht berücksichtigte, rückte der Jahresanfang in einem Zeitraum von viermal 365 ober 1460 Jahren durch alle Jahreszeiten hindurch bis zu seinem ursprünglichen Ansangstag zurück. Es wiederholte sich daher in 1461 ägyptischen Jahren die Nilflut nur 1460 Mal. Den Zeitraum von 1460 Sonnenjahren nennt man nach dem Sirius oder Sothisstern die Sothisperiode. Ihre Länge ist aber geringen Schwankungen unterworfen. Nach Zinner fiel der Beginn des ägyptischen Jahres mit dem Frühaufgang des Sirius zusammen in den Jahren 4228, 2770, 1314 vor Christus und 141 nach Christus. Neben den Aegyptern, für die Sirius als Neujahrsstern und Künder der NilfliU von größter B"d->ntung ronr. erwiesen auch die andern großen Kulturvölker des Altertums diesem Stern eine besondere Verehrung. So heißt es bei den Persern im achten Opfergesang der „Avesta": „Den prächtigen Tischtrya-Steru ver- ihren wir, den weißen, der von ferne mit seinen lichten, makellosen Strahlen ausstrahlt, der in Gestalt eines nlän-enden. klaräugigen Mannes im Lichtstrahl schwebt, der in Gestalt eines weißen Rostes mit goldfarbigen Ohren und goldenen Zügeln im Lichtstrahl schwebt, der bei seinem Aufgang dem Land Gntjahr sowohl als auch das Mißjahr bringt." Hier wird also dem Sirius ein groß-r Einfluß auf den Ausfall der Ernte zugechriege,,. Die Römer benannten Sirius nach dem ägnptifchen Gott Osiris. Daneben führte er noch den Namen Canienla ober Hundsstern. Beide Bezeichnungen haben sich bi« heute erhalten. Nach dem Hundsstern nennen wir die heißeste Zeit des Jahres die Hundstaoe. Sie dauern von Wi'te Juli bis Mitte August, wenn nämkicb die Sonne im Sternbild des Löwen steht, und gleichzeitig mit Sirius, dem Hundsstern, aufgeht. Jahrtaufende lang haben die Menschen die Sterne bewundert und ste zur Zeitbestimmung genau beobachtet Dem modernen Menschen aber genügt es nicht, die Himmelserfcheinungen zu bewundern und sie lediglich praktischen Zwecken der Zeitmessung j dienstbar zu machen. Er will in das Wesen der Dinge eindringen und verflicht, mit dem ganzen Rüstzeug nr>n Wissenschaft und Technik verfehen, die Raffel der Sternenwelt zu förcn. Er hat die Entfernung des Sirius d"rch langsghrige Mestiuwen bestimmt und auch die physikalischen Verhältnisse dieses Sterns weitgehend erfordert Sirius ist van uns 550 OOOmat weiter entfernt als die Sonne. Rund 83 Bill'-men KiGmeter trennen uns von ihm, und fast neun Jahre ist fein Licht unterwegs bis es die Erde erreicht. Trotzdem ist Sirius der nächste in Europa mit freien Auae sichtbare Firstern. Die andern Hellen J-irsterne sind ans- nahmskäs viel weiter entfernt. Dem verlwltmisnwfug geringen Abstand ist haunffächlich die arohe fcheinbare Welligkeit des Siri"s znzufchreiben. Denn er gehört keineswegs zu den Lichtriefen wie beifnielswefse die Orionsterne. Immerhin strahlt er 27mal fo viel Licht und W'rm» ans wie die Sanne. welche in feiner Entfernung nur als Stern zweiter Gröhe eT-tch-in-n würde, schwacher als die Gsti-relsterne des <^rin” Im Vergleich an- Saniwutem- von 10 000 bis 11000 Grad. Sein Durchmesser berechnet sich zum I,7fachen des Sonnendurchmefsers. Direkt läßt sich jedoch der SiriuDvurdjmcner nicht beobachten; cs wäre dies geometrisch dasselbe, als wenn man die Größe eines Fünfpsennigstückes im Abstand von 600 Kilometer, gleich der Entfernung Hamburg- München, mit dem Fernrohr messen wollte. Vor nahezu hundert Jahren sprach der Königsberger Astronom B e s s e l die Ansicht aus, daß geietzmäßige Aenderungcn in der Eigenbewegung des Sirius aus die Existenz eines Begleiters schließen ließen. Sirius müsse ein Doppel sie rn sein. Diese Vermutung wurde 1862 durch die Entdeckung von Aloen Clark glanzend bestätigt. Er fand ein winziges Sternchen genau an dem vvrausberechneten Orte, das in der Tat der lange gesuchteSi- riusbegleiter war. Die wetteren Beobachtungen ergaben eine Umlaufszeit des Begleiters von 49,5 Jahren und eine Bahn von der Größe der Uranusbahn, woraus die Masse des Siriussystems sich zum Dreifachen der Sonnenmasse berechnet. Eine außerordentliche Bedeutung hat der Siriusbegleiter für die Atomphysik erhalten, seitdem man ans seinem Spektrum fest- gestellt hat, daß seine Materie viele tausendmal dichter sein muß als Wasser. Man versucht dies durch eine sehr viel engere Lagerung der Atome der Sternmaterie zu erklären, die in hohem Grade ionisiert ist und deren enorme Anziehungskraft sogar das vom Siriusbegleiter ausgestrahlte Licht merklich beeinflußt. So bietet der Neujahrsstern Sirius als Doppelsternsystem auch dem modernen Astrophysiker eine Reihe wichtiger und interessanter Probleme, die zum Teil noch der Klärung barren. Inge läuft ins neue Lahr. Von Geert Bloem. Ohne sich den Aerger merken zu lassen, nickte Inge einen ganz kurzen, ganz hochmütigen Gruß und wandte sich auf dem Gar- mi,cher Bahnsteig dem ichon absahrtbereiten Zug nach Mittenwald zu. So also verpufften nette Bahnbekanntichasten, am andern Ende des fröhlich spinnenden Schienensadens steht bereits eine aufgedonnerte weibliche Erscheinung auf Posten, das Besitzrecht ihrer Zuneigung durch entsprechende Umarmung nachdrücklich zu bekunden ... Lächerlich, sich darüber aufzuhalten, wenn draußen Pulverschnee in dicken knirschenden Haufen lag, kein Stein war mehr zu sehen, und von den Tannen stob die schwer gewordene Last in kleinen glitzernden Lawinen. Inges Augen liefen dem Zug voran und entdeckten immer neüe Gipfel, graue Wolkenschöpfe hingen seitwärts daran, erst knollig voll und schneeschwer, dann wie zerschlissene Fahnen ins Gebläu zerslatternd. In Mittenwald wurde sie von einem Mann mit Schlitten und Schimmel empfangen, noch ein paar andere versammelten sich um das Gespann, sie konnten Gepäck und Bretteln abladcn und behielten sich nur einen Skistock für den teilweise recht steilen und glatten Aufstieg, der eine Stunde zu der bekannten Hütte führte, dieser hochbeliebten Silvesterstätte rauher Bergfahrer. Und Inge, die dies Jahr kein Geld übrig gehabt hatte, um zu Weihnachten die weite Reise von München nach Norddeutschland zu machen, dachte sich solch ein Skisilvester mit vergnügten Hüttengästen besonders hübsch. Allerdings hatte der wunderliche neue Bekannte int Zug nach Gartnisch andeutend den Kopf gewiegt, er machte diesen Tag auch nicht zu Hause mit. „Ich habe mich in die Berge ausgemacht und suche da ein Silvester eigener Art, ich weiß noch nicht, wo man es findet, wohl kaum bei den Radaubrüdern." Sie hätte ihm den Frieden gewünscht, so wie er ihn suchte, und schließlich ging doch auch sie hierher, um sich aus der Unrast ein Eckchen Frieden zu sichern. Schade, daß ihn die Dicke auf dem Bahnsteig ein kassierte. Der offene Scheunenraum droben aus der Hütte starrte schon von Schneeschuhen aller Längen und Arten, der festgefrorene Lehmboden war glitschig vom tauenden Eis. Alles sehr düster. Inge stellte in überfüllten Regalen ihre Bretteln ab, — fand man sie aus diesem Tohuwabohu wohl je wieder heil und vollzählig heraus? Unaufhörlich schlug die derbe Tür, die ins Jnnenhaus führte, gleich der Nächste stieß sie mit der Faust oder hartem Skistiefel wieder auf, jedesmal wallte Dunst von Erbsensuppe und scharfem Tabak in einer stechend trüben Wolke hervor. Ein frostrotes Mannsgesicht lachte sie an: „Schau, was wir da noch für ein hüb'ches Haserl dazubekommen haben, nur immer herein in die gute Stube, draußen ist's minder gemütlich." Und er öffnete thr munter die Tür. „ , Drinnen war vor allem ein toller Lärm zu bemerken, beschlagene Skistiefel polterten die schmale Holztreppe hinauf und hinunter, daß es dröhnte, und scharrten über die eisüberkrusteten S'einfliescn zwischen Gaststube und Küche. Sie johlten, sangen, lachten und riefen durcheinander nach der Beppi um eine Maß und dem schwarzäugigen Alois um Himbeerwasser. Mitten in der Gaststube auf einem Tisch stand unvermittelt noch die vergessene kleine Tanne von Weihnachten her und hielt ihre lamettaummun- 6enctt Aermchcn hilseflehend und schüchtern in die durchwölkte Luft ihre Lichter waren nicht angetündet. Beklommen staptte Inge nun auch die Stiege hinauf, die derben soldatenmäßigen Stiefel hingen wie Bleigewichte bei jedem Anheben an den Fußgelenken; sie war von Kopf bis Fuß in der „Kluft" und schleppte den Ruckiack an einem Armriemen neben sich her. -fiter, in dem engen niederen Getgtz das fie für eine Nacht bezog, fühlte sie sich wohler, sie kannte schon biete Holzver'chläae. bliüteuber gescheuert und aus gebeiztem finte. schmucklos eingerichtet für todmüde Gäste, die nach ichnee- öurrfi*'ft<-ten Stimörtch-m hier eine kurte Nacht verbringen. Inges lange Hosenbeine sprangen die knarrenden Stufen wieder hinab. Silvester ging los. Ein großer Mann, kunterbunt im Gesicht angemalt und mit einem Papierzylinder auf dem Kopf, erschien, warf mit flatternden Konfettischlangcn, daß sich alles darin verwirrte und schüttete dann einen prallgefülltcn Sack Pfeffernüsse über ihren Köpfen aus. Das gab ein lustiges Ge- krabbel und scherzhaftes Balgen um die überall rollenden Aepfel und Pfeffernüsse. Zur Erholung wurde gesungen, sie sangen alle sehr gern und mit großer Begeisterung, aber Inge meinte, sie setzten den Streit um die Psesfernüsse nur noch fort, um recht ausgelassen laut zu sein. Hier drinnen erstickte man langsam, sie mußte ein bißchen Lust schnappen: zu ihrem Staunen entdeckte sie, daß es drauben sehr hell war, über der dünnen Woltemchicht mochte der Mond wandern, nun hatte das weiße Licht sich gleichmäßig überall hingestreut und schien aus den Schneekristallen hervorzuleuchten. In der völligen Windstille war es nicht sehr kalt. Einen rötlichen Schimmer sah sie deutlich am Hang, vielleicht gab es dort Menschen um eine Feuerstelle. Wie wäre es mit einem Probelauf in die Neujahrsnacht hinein? Ihre Bretteln waren schnell herausgesucht, Klapp, klapp schnappten die Bindungsschnallen, die Stockriemen wurden kunstgerecht um die mächtigen Fausthandschuhe geschlungen, sie machte em paar prüfende Schritte, ungeioohnt nach der langen Zwischenzeit, trat die Laufflächen glatt am festen Schnee und gab schon beglückt der ersten Senkung im Gelände nach, ein Pröbchen auf die kommende wilde Freude. Die Hänge waren glattgesegt vom Wind, aller lose Pulverschnee fortgewirbelt, die gewölbten weißen Flächen sahen aus wie eine endlose lebendig wellende Dünenland schajt. Die große Stille erschreckte sie nicht, sie tat wohl nach dem quälenden Menschenlärm; kein Laut drang von der Hütte hierher. „Die Welt hält den Atem an", dachte Inge, „und die Stille feiert Altjahresabend!" Sie lief immer weiter weg, schräg in das bergige Gelände, wo Lichtung sie an Lichtung weitergab. Auf ihre weiße Kunst verstand sie sich, schwenkte, stemmte kühne Bogen, sedernd in den Kniegelenken, und zog, hangabwürts sausend, eine stäubende Spur. Manchmal stieg sie hinauf, dem rötlichen Lichte entgegen, das wie der Schein einer Fackel zwischen den Tannen zuckte. „Ich werde den Zorn eines Schmugglers auf mich richten", vermutete Inge voller Neugier, „hier geht überall die Grenze nicht weit, aber was wird er mir schon tun, einem Schneemädel, das hier in der einsamen Winternacht herumläuft, gewiß nicht, um ihn auszuspionieren." Sie glitt an ein winziges Hüttchen heran, das rohgezimmert aus Tannenstämmen dastand, wie es die Hirten in den Sommernächten zur Unterkunft benutzen, rings am Dach hingen riesige Eiszapfen wie Fransen an der Tischdecke, glasig leuchtend im Schein, der aus schmalgeöffneter Türspalte drang. Zwei Schneeschuhe lehnten an der Außenwand, drinnen unter einer grauen wallenden Oualmwoge sah ein Mann, der Qualm kam zur Tür heraus und stieg schnurgerade in die Höhe. Der Mann hatte einen Mantel um seine Schultern gehängt, vor ihm prasselten Tannenzapfen in einem Feuerbecken. Das war eine eigentümliche Feier. „Darf man herein?" bat sie schüchtern. Der Mann sprang aus und erkannte sie sofort. „Warum sind Sie denn aus dem Bahnsteig weggelaufen. Sie kleiner Ausreißer?" „Oh, Sie?! Ist die merkwürdige Dame aus Garmisch hier in der Nähe?" „Keine Sorge! Wenn Sie mir ein bißchen kameradschaftlicher geholfen hätten, wäre es mir sicher schon eher gelungen, sreizu- kommen." Inge stand mit halber Skilänge in der Tür, ungefragt nestelte er die vereiste Bindung auf. „Die Dame, vor der Sie ausgeriffen sind, war die Schwester eines Freundes, die leider eine uner- wün'chte Schwäche für mich hat, wahrscheinlich erfuhr sie durch ihn. daß ich mit dem Zuge kam, da wollte sie mich für die Gemütlichkeit bei ihr daheim sestlegen. Aber ich bin lieber in die Berge gegangen." „Eine schöne Kerze haben Sie da!" sagte sie, trat näher, gebückt, damit ibr Kopf nicht in den gestauten Qualm unter der Hüttendecke geriet. Als sie ihre Hände gegen das Feuer streckte, sagte er, daß er schon stundenlang unterwegs gewesen sei, um im dünn verschneiten Dickicht Tannenzapfen zu holen, ein paar Rucksäcke, aus dem Haufen in der Ecke griff er Hände voll aus und schüttete sic in die aufpraflelndcn Flammen,'und wenn fie. Inge, nicht gleich sortgelaufen wäre, hätte er sie aus dem Trubel ihrer Hütte geholt. „Hier ist es friedlich! Da brennt unsere Kerze, die bald um Mitternacht das Licht des vergangenen Jahres weitergeben wird an das kommende." Er meinte vergnügt: „Ja, unsere", schwang seinen Mantel ab, den er um ibre Schultern legte, von vorn kam große Wärme, rückwärts drang Kckte herein. Dann stellte er einen Kessel auf das Feuer, das die Eitenwände schwarz anblakte, entnahm seinem Ruckteck eine Flasche Rotwein, schüttete sie ein und tat Zucker dazu! Das duftete! Inge kauerte ganz stumm und entzückt am Feuer. Er nabm ihre klammen Finger zwischen seine Hände und rieb sie heftig, daß es wehtat. „Wenn's nicht bald Neujahr schlägt —", und er lauschte besorgt zur Hütte hinaus, „da kocht es leider schon!" Er hatte nur einen Becher da, mit dem schöpfte er den dampfenden Wein. „Trinken Sie doch!" — „Ach, heiß!" Sie lachte fröhlich, der Wein im Becher kühlte bald. Genau als der letzte Tropfen ans dem Kessel getrunken war, Gruß an das alte Jahr, bas sich so unerwartet freundlich verabschiedete, — da klimperte ein dünnes Glöckchen kleine verfrorene Töne aus fernem Tal. Sie zählten beide mit angehaltenem Atem: zehn, elf, zp>öls." Und teMHf-'iten einander kräftig die Hände. Es siel ihnen ein, daß sie noch nicht einmal die Namen voneinander wußten. Oer Siernenbaum. Roman von Friedrich Schnack. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) Das Vesperbrot fällt aus für ihn. Er wird zum Steineauflesen in den Sturzacker geschickt. Im Nachwinter hatten die Schnec- schmelzen Schutt darüber gerollt. Der Knecht und der Bauer haben den Acker gepflügt, auf den Schollen liegen die Steine wie der Schaum auf den Wellen der Waldwässer. Gleich einem armen Rebhuhn läuft Juppt in den Schollen und pickt Steine. Am Rand des Ackers sammelt er sie zu einem Haufen. Es ist dunkel, wenn er müde hcimkommt. „Ich möchte meine Schulaufgabe machen", bittet er den Bauern. Der lacht ihn aus „Jetzt wird Vieh gefüttert." Der Knecht höhnt: „Ein Armenhäusler braucht nix zu lernen, schon detnen Kopf!" rät er ihm. Futterschneiden. Füttern. Ausmisten. Einstreuen. Milch leiern. Den Hos sauber kehren. Die Schuhe putzen, zwei, drei, vier Paar. Wasser in die Küche tragen. Holz holen. Ein paar Minuten bleiben ihm für die Schulbücher. Er lernt eine biblische Geschichte auswendig, löst eine Rechenaufgabe. Um neun Uhr, da das Haus dunkel wird, liegt er auf seinem Strohlager und schließt, umschnaubt vom Atem der Kühe, die Augen. Nun hat er Ruh. So endet sein Tag. Bergsonntag. Tag für Tag Plage, Tag für Tag offener Schmerz, heimliche Tränen. Von den Steinen, die da oben nackt lagen, hatten die Herzen Härte angenommen. Kein gutes Wort hört Juppt von den Einsamerleuten Tag für Tag. Und doch gab es manchmal einen Tag in der Woche, wo ihm anders geschah. Da läutete die Sonntagsglocke alle Trübsal aus seinem Seelenhimmel fort, und seine Einsamkeit war erfüllt von der sonntäglichen Stimme. Die erzene Lerche im Tal schmetterte ihm ihren Fetergesang zu, ihm und dem Berg, samt dem Wald darauf und dem Wiesengrün, das sich frühltngsrein sonnte. Wie sein Herz vom Sonntag durchdrungen war und durchäthert von dem guten Licht, so ruhten nun auch alle Pflanzen durchleuchtet, der Berg und der Wald. Sie alle waren dem Werktag entrückt. Selbst auf der verlassenen Pflugschar im Acker blinkte geweihter Schimmer Das Wasser entsprudelte mit Hellem Morgenblitz der Holzröhre. Auf dem Dachfirst saßen die Tauben. Nie hatte sich die Fichte auf der höchsten Höhe des Einödbergs so klar aus der Bläue gezackt. Makellos stand ihr Bild. Auch sie empfing einen Anruf der geistlichen Lerche. Andere Erzlerchen in Nachbartälern schwangen ihre Flügel und jubilierten einander zu. Sie lobsangen in den Lüften. Die Bauern, die von den Niederungen und die von den Höhen, folgten dem morgenlichcn großen Vogellocken, dem Matcnruf. Bergein wallten die Einsamerleute, Juppi ging mit Lots und der Magd: Flunk blieb zur Hofwachc daheim. Kräftig atmet die Flur, der Wald öffnete seine Gewürzschreine und schickte den Kirchgängern sein Arom nach: Rindenwürze, Grasdunst, Laubhauch, Harzgeruch und die seine Blume seines neuen Jahrgangs. Juppi liebte die Kirchwege sehr. Sonntags wurde er meist nicht so hart angeknurrt wie an Werktagen. Die Talwege, sonst nur Hiuderuisse zwischen HauS und Schule, die Felder, gewöhnlich nur Stätten der Mühe, Plage und Grobheiten, ivaren bann oft von einem friedlichen Glanz verklärt. Auch sie hielte« ihren Sonntag und sahn wunderbar schön aus. Besonders schön erschien ihm immer wieder das Gewölbe der Kirche, in die er bald darauf mit den Kirchgängern eintrat. Zwischen den gelbroten Steinrippen der Säulen, die sich gleich Bäumen unter dem Firmament verästeten, war ein strahlendes Blau aus- getüucht, das von Silbcrsternen übersät mar. Es mar ein Nachthimmel bei Tage. Sv mochten auch die Hallen des Himmels geschmückt sein. Hob Juppi den Blick, schwang sich sein Gefühl in eine herrliche Tiefe. Dazu tönte leis und heimlich die Orgel: als regneten ihre Weisen aus dem gemalten, hohen Kirchenhimmel. Und das Sternenzelt spannte sich über alle Leute, über die Männer in den Gängen und auf der Empore, über die Frauen an ihren Plätzen, über den Pfarrer und die Buben und Mädchen und über Jupvi mitten unter ihnen. Manchmal ivar er zerstreut und abgelenkt von der Andacht, die Worte des Pfarrers schallten an ihm vorbei: Juppi gedachte da seines verstorbenen BaterS. mit dem er Sonntags zur Kirche gegangen mar. lind sooft in ihm die Bläue jener Kinderhimmels- tagc aufgoldete, glaubte er sich seinem Vater nah: ein Deckenstern dort oben mar seines Vaters Augenstern, der sah auf ihn herab und gab acht mif ihn. Nach dem Gottesdienst drängte er mit allen Kirchenbesuchern hinaus ans den Platz, ivo es sonnig und kurzweilig mar. Bauern und Burschen standen beieinander, die Frauen und Mädchen schmatzten und scherzten, die Buben rotteten sich zu Gruppen. Feine Leute gingen vorüber: Kaufleute, Beamte und Handwerker des Kirchenorts. Radfahrer klingelten, Motorräder krachten und Pferde trabten los. Es gab viel zu sehn. Auch Juppi verweilte sich. Er dielt sich zu dem größten Bubenhaufen: mitten darin ße= faich «rb Onfa nnd sübrte das aroße Wort. Plötzlich richteten sich alle Gesichter auf Juppi, die Augen muster= ten ihn Sie liefen über seine Joppe, krochen über seine Hose und wanderten bis hinunter zu den Schuhen. Dann kamen fit wieder herauf, spöttisch glänzend. Juppt, derart geprüft, wurde fuchsfeuerrot. Die Blicke hatten ihn gefaßt, als wäre er ihr Gefangener. Da hörte er, wie ein Wort von den Lippen des Etnsamer- jungen zischte. „Armenhäusler ...!" Man kicherte verstohlen, dann lachten alle laut. Die Gesichter um ihn zerflossen zu einem tausendäugigen Gesicht. „Er itzt sich bet uns satt ...", sagte Lots. Gelächter, Wiehern, Grunzen. „Er hat seine Sonntagsjoppe an ..." „Und was für eine seine!" rief einer. Auf einmal war er allein. Die Jungens, die ihre schönen Sonntagskleider, weitze Kragen und bunte Schlipse trugen, hatten sich hinter die Bauern verzogen. Ein paar spähende Gesichter sah er noch, als er sich in Bewegung Jetzte und forteilte, bergwärts. Mit schmerzlicher Regung ging er an einem dürftigen Bildstock vorbei, wo auf einem Blechdreteck unter einem Rindendach die heilige Familie von bäuerischer Hand htngemalt war: Joseph, Maria und das Kind. Der heilige Mann hatte einen Zwirbcl- schnurrbart rote zu Lebzeiten Juppis Vater. Auch kleidete ihn eine einfache Waldarbetterjoppe. Dieser Zimmermann mochte roohl selber sein Werkholz im Wald schlagen. Das Gesicht der Muttergottes aber roar schon ganz verblaßt und auch das Nazarethblau ihres Mantels, von Regen und Schnee arg mitgenommen, roar verschwunden, als ob sich die Farbe in den rostigen Hintergrund hineinverloren hätte. Kaum ahnen ließ sich der Umriß und die Zeichnung des Gesichts. Ungenau war es rote Juppis Erinnerung an das Aussehen der eigenen Mutter. So beglückend roar das Bild. Gütig beschauten ihn die Augen des gemalten Vaters, und rote das Kind lächelte! Bei ihrem Anblick vergaß er sein Leib. Da blieb den ganzen Sonntag der Kirchennachklang in seinem Herzen und beflügelte thm den Sinn. Mochte das Gesicht des Bauern beim Mittagessen noch so grimmig dreinschauen — der hatte im Ort Bter getrunken und Krakeel gehabt —, mochte Flunk mit scheelem Blick noch so bös auf Juppt einstechen, weil auch er, gleich den andern, seinen Hunger stillen und einen Teller voll Essen haben wollte, stieß ihn auch Lots, wie so oft, unter dem Tisch mit der Fußspitze: all dies konnte ibn heute nicht stören. Sein Vater roar ihm Trost. Hinter den Wolkenfenstern, durch die der Weihrauch dampfte, saß er und schaute herunter in den Bayrischen Wald zu seinem Jungen. Niederstrahlten seine blauen Himmelsaugen aus dem Sonntagshim- mel rote vorhin von der Kirchendecke und aus dem Josephsgesicht auf dem Bildstock. Die Himmelsleiter. Eines Sonntags nach dem Essen ließ Juppi die Geißen aus dem Stall und trottete hinter den weißen und schwarzen Tieren am Wald entlang, darin die Finken und Amseln schlugen, nnd er zog aufwärts zum Bereich der sturmgekämmten, sönnenstillen Wetterfichte, die ihren Schatten über den Oedhang ivarf. Sie zir- , leite, von Morgen zu Abend, einen Bogen wandelnder Zeit. Zu ihren Wurzeln lagerte sich Juppi, und die Zieaenmäuler nagten das kurze, wilde Gras. Er war einsamer als die EirEamer- leute da unten: klein hingeschachtelt klebten Haus und Scheuer zwischen den färgltcßeit Obstbäumen und der Waldflanke. Zuweilen krähte der Hahn und schickte einen Ruf zu Juppi, und die Tauben warfen ihren winkenden Flügelschleier über das ziegelrote Dach. Der Himmel war durchsichtig wie Forellenwaffer. Ein paar schmale Wolkenfische schwammen schläfrig darin. Das klare Licht umspülte die Steine. Groß und mächtig ruhten sie und glichen kantigen Sockeln und Granitstühlen, darauf die vier Evangelisten hätten rasten können, wenn sie des Wegs hierber gekommen wären zur Zwiesprache mit Juppi und seinen Geißen. Er lag unter der Fichte und schaute in ihr Nadelhans emvor, in das Gebälk ihrer Aeste, in das Gegitter der vielhundert Zweige. Auf und nieder stieg sein Blick in dem flimmernden Fichtenturm, hoch oben wankte bas Lickt und schlug blitzende Kreuze. Eine geheime Himmelsleiter, wie sie sich in der biblischen Geschichte wolke«- hoch baute, batte die Wetterfichte mit ihren Abstockwerken über ihm aufgerichtet, und feine Einfälle turnten auf ihren Sprossen empor, der winzigen Meise gleich, die mit silberner Zmitfcber- botfchaft von Zweig zu Zweig hüpfte und oben verschwand Dort guoll der Sonnenschein stärker aus der Finsternis der Nadelkuppel, weiß und dick, gleich trapsendem Harz, zuckend rote Sterne. Juppi zählte Funken und Blitze, wie sie anfbrannten hervar- glübten und erloschen. Der Wind bewegte die Krone, er läutete sie langsam, und io rttbrte er das Sviel der Glanzpunkte nnd Auaen. Sie waren nicht zu zählen, die schönen Fichtenlichter, ebensowenig wie die Sterne nachts. Juvvi setzte seinen Finken von Watte und Federn aiE den untersten Fichtenast Feinzierlich nistete der Bogel im aoldfliin- mernden Nest. Sein Schnabel war schmal aeöfsnet: sicherlich flötete er ein boldes Lied, den Buchfinken im Walde antwortend, die den liegen langen Tag ifire Sätze schmetterten. Mit diesem kleinen Boaelgast iab der Zmeig ans einmal wie verwandelt ans, er sproßte aus Jupvis Woibnacktserinnernng und hielt ihm seinen Frieden bin. sein Glücka-oichcn. Indessen war die Meise mit ihrer Botschaft in den Himmel gestieaen und fintte ein Sternennest gesunden. Die inneren Licker im GaNübl des Baumes flammten, die Strab»,«kreuze und b»i- liaen Koeere zitterte« Der So««e«taa der Wattersickite mar vall- auf aukaezündet und entflammt. In klarer Reinheit badete der ganze Berg. lFortfetzunq folgt.) eranlwortlich: l)r. Hans Thyriot. —Druck und Derlag: Drühl'jche Untversitäls-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gietzen.