A, daß "ielnei Augrn *t einetn IQnbene8 uns M, So sind um, non »>rd nie- en Dem. uns M= > Sern«, men. gje den $on. mit einet ß willen Flaschen n finöct, gewonnen ' Dolioi '? »Rein itrSennb nehmigen isernatieS für T-g, an. Ohne 3e, es ß en', denli usgegebe» erfnnblgi tlich eine eben M M. „Um t Lippen, in bißchen i.“ Snton sich etwas in Priest Telephen' zu Hem die Frage l. „Haien nit gen» chasst->« aftenbedel jlofien i"- ietobie «r 66 K" it haben? Seit *. n Renb-li eien in unler® rji Ä * !N, d--L -richtig«! lerkalU? s-E *e AS ZS ualÄii! LS »S ®«r* a Är GiehenerZamMnbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M3 Zreitag, den 29. September Nummer 75 3m Garten. Von Theodor Fontane. Die hohen Himbeerwände trennten dich und mich, doch im Laubwerk unsre Hände fanden von selber sich. Die Hecke könnt' es nicht wehren, wie hoch sie immer stund: Ich reichte dir die Beeren, und du reichtest mir deinen Mund. Ach, schrittest du durch den Garten noch einmal in raschem Gang, wie gerne wollt' ich warten, warten stundenlang. Anruf um Mitternacht. Von Hartmut B a st i a n. Es war bereits gegen zwölf Uhr nachts, als Dr. Williams nach Hause kam, seine Mappe aufschloß und das umfangreiche Aktenstück „Pall gegen Hunter" herauszog. Merklich ermüdet, warf er es lässig auf den großen, unaufgeräumten Schreibtisch seiner Privatwohnung. Half nichts! Er mußte ran an den Fall, den er buchstäblich noch in letzter Minute übernommen hatte, wenn er nicht morgen beim Termin mangelhaft präpariert im wirren Sumpf dieses Prozesses herumschwimmen wollte. Die frisch entzündete Zigarre zwischen den Lippen, wandte er sich zum Fenster und schob es in die Höhe. Und wenn es auch der feuchte, den matten Schein der nahen Straßenlaterne schon wieder verschleiernde, Dunst der Londoner Vorstadt war, egal, es mußte andere Luft ins Zimmer kommen, wenn er hier noch Stunden arbeiten sollte. Minutenlang blickte er ausruhend über die Büsche und Sträucher des Vorgartens hinweg zur Straße. Ein Polizist spazierte fast lautlos durch den Lichtschein der Laterne. Die Kirchenturmuhr in der Nähe gongte zwölf Schlage durch die Nacht. Irgendwo in größerer Entfernung echote eine Glocke in hellerem Klang den Abschluß des Tages. Sonst lag alles still und schlafend. ~, Etwas gesammelter setzte er sich an den Schreibtisch und begann prüfend in dem Aktenstück zu blättern. Dann las er einen Brief — noch einen — und schon hatte ihn die Materie gepackt. Es war noch keine halbe Stunde vergangen, als der Rechtsanwalt aus seiner nächtlichen Arbeit aufgeschreckt wurde. Das Telephon hatte geklingelt! Zwar gedämpft, aber doch deutlich vernehmbar schrillte es aus dem zwei Räume weiter liegenden Schlas- iimmer herüber. John hatte wie immer den Apparat zur Nacht vom Schreibtisch zum Bett hinübergctragcn. Immerhin — merkwürdige Zeit für einen Anruf. Sekundenlang spielte er nut dem Gedanken, ihn überhaupt nicht zu beachten, bis ihn das nervöse Klingeln doch zum Nachgebcn zwang. Unmutig legte er Zigarre und Bleistift aus der Hand und erhob sich. Mit einem letzten schnellen Blick auf das zwar gcosfnetc, aber vergitterte Fenster seiner im Parterre gelegenen Wohnung öffnete er die Tür zum Nebenzimmer und ging dem rhythmischen Lauten »er Tclephonglocke nach. Im matten Schimmer der Nachttischlampe »riss er nach dem Hörer. „Halloh — bei Dr. Williams." „Herr Rechtsanwalt Williams selbst am Apparat? »Ja, bitte — aber was gibt's denn? Wer ist denn da? „Zunächst mal eine etwas seltsame Frage, Herr Doktor — befindet sich der Telephonapparat in Ihrem Schlafzimmer? „Allerdings, aber was interessiert Sie bas?" „Mehr als Sie ahnen, lieber Rechtsanwalt. Es ist beinahe der Hauptzweck meines Anrufes, das zu erfahren." „Also machen Sie keine Witze, Mann, und stellen Sie sich vor, onst hänge ich an." „Aber bitte nicht eher, als ich Ihnen etwas verraten habe, »as Sie bestimmt sehr interessiert. L>ie bearbeiten doch im Moment den Fall Pall gegen Hunter —?" „Bitte, Glicht ungeduldig werden, lieber Doktor, auch। meint ©tc «berarbeitct sind. Es ist durchaus wichtig, was ich Ihnen sagen will, nämlich —", der gebeimnisvolle Sprecher machte eine kurze pause, während der Dr. Williams immer mehr das Opfer einer unheimlichen Stimmung wurde. ich erfülle mit diesem Gespräch den Auftrag, Sie aus Ihrem Arbeitszimmer fortzulocken, damit man in der Zeit, in der wir hier sprechen, aus dem so griffbereit daliegenden Aktenstück das wichtigste Beweisstück gegen Hunter, den Brief vom 18. 12., entfernen kann. Das wollte ich Ihnen nur sagen. Gute Nacht." Ein Knacken in der Leitung beendete das Gespräch. In schreckhafter Verblüffung stand Dr. Williams sekundenlang unbeweglich. Einbrecher in der Wohnung! Eine unheimliche Situation. Auf jeden Fall Alarm! Er raffte sich zusammen, warf den Hörer aufs Bett und drückte Sturm läutend auf den Knopf der Klingelleitung zum Dienerzimmer. Dann riß er den Revolver aus dem Schubfach des Nachttisches und entsicherte ihn. Der kalte Stahl der Waffe gab ihm etwas Beruhigendes. Das überschnelle, verwirrende Herzklopfen begann nachzulassen. Vorsichtig, die schußbereite Waffe in der Hand, setzte er sich in Bewegung. Jugendwo hörte er eine Tür klappen. John mutzte wach geworden sein. Dieser Umstand beschleunigte sein Handeln. Mit einigen schnellen Schritten durchquerte er das Speisezimmer und schob sich dann entschlossen über die Schwelle seines Arbeitsraumes. Mit schnellem Griff zum Schalter wechselte er das diskrete Licht der Schreibtischlampe mit der hellflutendcn Deckenbeleuchtung. Blitzschnell überprüften seine Blicke das Zimmer, jede Ecke, jedes Möbelstück. Nichts fchien verändert. Eine Mystifikation? Aber nein, der Tisch sah furchtbar zerwühlt aus. Ueberstürzt durchblätterte er das Aktenstück. Der Brief vom 18. 12. war tatsächlich verschwunden! Und da — das corpus delicti — eine brennende Zigarette auf dem Teppich seines Zimmers. Es war also eben jemand hier gewesen. Das Blut strömte ihm erneut zu Kopf. Rasch hob er die Zigarette auf und drückte sie aus. Der Kriminalist in ihm erwachte. Es konnte von Wichtigkeit sein, die Marke zu wissen, die der Täter geraucht hatte. — In diesem Augenblick steckte der Diener seinen Kopf durch die geöffnete Tür. „Schnell, John, zur Wohnungstür. Sehen Sie nach, ob alles gut verschlossen ist. Man hat eingebrochen. Der Dieb kann noch im Hause sein. Hier, nehmen Sie meinen Revolver. Keine Angst, ich rufe sofort die Polizei." Während der erschrockene Diener die Tür weit hinter sich offen lieh und davonging, eilte Dr. Williams ans offene Fenster und rüttelte am Gitter. Es war nach wie vor fest. Unmöglich, daß jemand hier hereinkonnte. Ein Policeman querte die Straße und blickte aufmerksam zu ihm herüber. Der kam gerade wie gerufen. „Halloh — Sergeant!" „Was gibt's, Sir?" „Haben Sie eben einen Mann hier aus dem Hause kommen sehen?" „Nein, Sir, ganz bestimmt nicht." „Bleiben Sie bitte hier und halten Sie jeden fest, der hinaus will, bei mir ist eben eingebrochen worden." „Donnerwetter! Was hat man denn gestohlen?" „Schriftstücke, aber lassen wir das jetzt. Ich will die Polizei anrüfen. Wie ist die Nummer Ihrer Wache?" „Unsinn, Sir, wir können Ihnen nicht helfen. Wenden Sie sich doch da gleich an die richtige Adresse, Raubdezernat in Scotland Sjard. Da sitzen Tag und Nacht Beamte in Alarmbereitschaft." „Gut — die Nummer?" Der Polizist rief sie ihm zu, worauf der Rechtsanwalt abermals in sein Schlafzimmer rannte, um die Verbindung mit Scotland Aard herzustellen. Die diensthabende Stelle sicherte ihm auch sofort Aufnahme des Falles und Entsendung eines Kommissars zu. Immer noch erregt, suchte er dann sein Arbeitszimmer auf. Der Policeman stand auf der Straße und beobachtete den Hauseingang. „Nun, Sir, haben Sie telephoniert?" „Jawohl. Man schickt sofort her. Der Wagen kann in einer knappen halben Stunde hier sein." „Wer kommt denn?" „Kommissar Webster." Oh, der ist tüchtig. Zu dem können Sie Vertrauen haben." „Sehr schön. Weichen Sie inzwischen nicht von Ihrem Posten." John war zurückgekommen. Sein Bericht war recht merkwürdig. Beide Türen der Wohnung waren fest verschlossen. Die Schlösser vollkommen unversehrt. Es konnte nach menschlichem Ermessen niemand herein noch hinaus, der nicht über die nötigen Patentschlttssel verfügte. Am wahrscheinlichsten war daher nach wie vor der Gedanke, daß der Dieb sich noch im Hause befand. Wenig angenehm und doch wiederum unter Umständen sehr günstig Aber wo mochte er sich verborgen halten? ßtrffen Sie nur, Kohn, wir werden ihn jetzt nicht suchen", ordnete Williams an. „Es genügt, wenn wir die Ausgange überwachen, um seine Flucht zu verhindern. Und das ist eine Kernigkeit. Warten wir also, bis die Polizei kommt. Er sah nervös nach der Uhr. „Es ist mir nur ein Rätst:!, wie der Kerl hier ins Zimmer hineingelangtc. Durch die Tür doch kaum und durch die vergitterten Fenster erst recht nicht. Weitz der Teufel, rote er s möglich machte." , t , Kopfschüttelnd schritt er mehrfach auf und ab, blieb, gedankenlos in denAkten blätternd, am Schreibtisch stehen, bis ihn das auietschcnde Bremsen eines schnell anfahrenden Autos wieder zum Fenster rief. Ein Herr in Zivil und ein Uniformierter entstiegen dem Wagen. Beide wechselten ivenigc Worte mit dem wachenden Policeman und kamen danil eilig den Kiesiveg zum Hauseingang „Kommissar Webster", stellte-sich der Zivilist zum Fenster hinauf dem Rechtsanwalt vor. Minuten später hatte John geöffnet und ließ die beiden Herren eintreten. „Sie scheinen Pech zu haben in Sachen Hunter", lächelte der Kommissar nach der ersten Begrützung. Dann wurde er ernst und sachlich. „Also lassen Sie mich zunächst den Schreibtisch mal sehen, Herr Doktor. Sie haben alles so liegen lassen, wie es nach dem Diebstahl lag? Eine Zigarette? — Sehr interessant! Dars ich mal sehen. — Marke „Fürst von Monaco" — sieh mal einer an, das weckt bei mir einen ganz bestimmten Verdacht. Eigenartig, auf was für-Zufälle man als Kriminalist manchmal angewiesen ist. — Führen Sie mich doch bitte mal in Ihr Schlafzimmer, wohin Sie der den Diebstahl vorbereitende Telephonanruf lockte, ja? Dieses Ablockcn vom Tatort ist übrigens auch eine Taktik, die mich in meinem Verdacht bestärkt. — Sie, Sergeant, können inzwischen sich mal den Schreibtisch auf Fingerabdrücke ansehen." Nachdem Kommissar Webster sich im Schlafzimmer umgesehen und den ganzen Fall noch einmal gründlich hatte schildern lassen, kehrte er sehr nachdenklich ins Arbeitszimmer zurück. „Ich glaube, lieber Doktor, Ihnen kann überraschend schnell geholfen werden. Mein anfänglich gefaßter Verdacht hat sich immer mehr verstärkt. Zwar befindet sich der Täter auf keinen Fall mehr im Hause, wie Sie mutmaßten, das kann aber meinen schnellen Erfolg nicht hindern. Sie werden staunen, wer es ist. — Haben Sie was gefunden, Sergeant?" „Alles, was ich suchte, Herr Kommissar. Wir werden gründliche Arbeit leisten." „Sehr fein. Na denn schnell los. Der Vorsprung, den der Junge hat, darf nicht zu groß werden. — Sie werden bald von mir hören, Doktor." Eine Minute später raste das Auto wieder davon. Auch der Polizist von vorhin hatte seinen Rundgang wieder ausgenommen. Dr. Williams hatte jegliche Lust zum Arbeiten verloren. Der Raub des wichtigste« Beweisstückes schuf außerdem eine so riesige Lücke im Material, daß sie selbst von der gründlichsten Vorbereitung nicht ausgcfiillt werden konnte. Er mußte zufrieden sein, wenn das Gericht in Anbetracht der besonderen Umstände eine Vertagung bewilligte. Langsam räumte er die Akten zusammen und entdeckte erst jetzt, daß noch mehrere sehr wichtige Schriftstücke fehlten, etwas, das er vorhin in der ersten Aufregung gar nicht bemerkt hatte. Mißmutig versuchte er die fehlenden Briefe notizweisc zu erfassen, als abermals ein Auto vor der Tür bremste. Diesmal war es ein mit Scheinwerfer und Sirene ausgerüsteter Dienstwagen der Polizei. Mehrere Herren sprangen von den Sitzen herunter und näherten sich dem Hauseingang. Ein kleiner, dicklicher Herr, den der Rechtsanwalt nicht kannte, postierte sich unterhalb seines Fensters. „Halloh, Herr Dr. Williams, öffnen Sie bitte, ich bin Kommissar Webster." — Nach gründlicher Legitimierung saßen die Kriminalbeamten eine Viertelstunde später endlich dem Rechtsanwalt in dessen Wohnung gegenüber. „Ja, Herr Doktor, da sind Sie einem groß angelegten Bluff zum Opfer gefallen", bedauerte der Kommissar den Anwalt, nachdem er den ganzen Hergang erfahren hatte. „Der größte Trick war der erste Anruf, der Ihnen weismachte, es wird während der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit im Arbeitszimmer eingebrochen. In Wirklichkeit war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein Brief verschwunden, aus dem einfachen Grunde, weil ja niemand zu Ihnen hereinkonnte. Die Burschen rechneten eben mit dem Bluff und dem Umstand, daß Sic die Akten noch nicht so genau kannten. Wahrscheinlich wird jener Brief vom 18. 12. überhaupt nicht existieren. Da es auf ihrem Schreibtisch tatsächlich aussieht als ob die Räuber hier gehaust hätten, wahrscheinlich ein Dauerzustand, fiel Ihnen das heute zum erstenmal auf und vertiefte Ihre Ver- wirrnng, ebenso wie die brennende Zigarette, die der brave Policemann, der in Wirklichkeit gar keiner war, sehr einfach durch das offene Fenster ins Zimmer geivvrfen hat, um die Anwesenheit eines Fremden vorzutäuschen. Daraufhin befolgten Sie seinen Ratschlag und telephonierten, was an sich sehr vernünftig war, mit mir. Dann fragte Sic der falsche Polizist, welcher Beamte von Scotland Aard komme und Sie nannten ihm meinen Namen. Daraufhin fuhren kurze Zeit später zwei weitere Helfer mit einem Auto vor und täuschten Sie diesmal als Kriminalbeamte. In der Zeit, während Sie mit dem falschen Webster im Schlafzimmer waren, erfolgte erst der Diebstahl. Der Sergeant, den er mitbrachte, stahl alles, was er haben wollte." Ein leises Lächeln zuckte um die Mundwinkel der Kommissare. „Ja, tut mir leid, Sie haben Pech, lieber Herr Rechtsanwalt." Woran Dr. Williams nach dem Erlebnis dieser Nacht keinen Augenblick zu zweifeln wagte. Vom Vater hab' ich die Statur ... Von I. W. v o n G o e t h e. Vom Vater hab' ich die Statur, Des Lebens ernstes Führen, Vom Mütterchen die Frohnatur Und Lust zum Fabulieren. Urahnherr war der Schönsten hold, Das spukt so hin und wieder, Urahnfrau liebte Schmuck und Gold, Das zuckt wohl durch die Glieder. Sind nun die Elemente nicht Aus dem Komplex zu trennen, Was ist denn an dem ganzen Wicht Original zu nennen? Frau Rat im Spiegel ihrer Briefe. Von Dr. Georg Kuhn. Goethe wollte in der großen Darstellung seines Lebens, in „Dichtung und Wahrheit", auch seiner Mutter ein Ehrenmal errichten. „Aristcia der Mutter" war dieser Abschnitt überschrieben, dessen Anfänge sich unter seinen Papieren vorgcfunden habe». Wie bei der großen Schlacht um Troja einzelne Gesänge des Hower besonderen Taten berühmter Helden gewidmet sind und ihr Loblied feierlich angestimmt wird, so sollte in dem großen Heldenepos des Goetheschcn Lebens eine Rapsodie verkünden, wie die Mutter sich herrlich einst vorgctan unter den Frauen. Goethe hat sich nicht objektiv genug gefühlt, den vollen Ton dieses stark- geistigen kräftigen Lebens widcrhallen zu lassen. Seine Feder mag gezittert haben, wenn er der unendlichen Liebe gedacht, mit der die Mutter sein Leben begleitet. So suchte er in Briefen der Bettina Brentano etwas von ihrer Lebensart zu erhaschen: jedoch die Fran Rat konnte nur durch ihre eigenen Worte lebendig werden und so ist die eigentliche „Aristie der Mutter" ihr Loblied und Hcldengesang, in ihren Briefen beschlossen. Aus diesen „Bekenntnissen einer fröhlichen Seele" lacht uns ein lustiges Gesicht entgegen, auS diesen hastig hingeschleudcr- ten Zeilen redet ein nie stillstehender Mund. Eine crdcnfestc, robuste Frau war diese Frau Rat, die die Welt mit liebenden Armen umfaßte und Freude hatte an allem Sinnenwcscn. Schon muß sie uicht gerade gewesen sein, mit de^n leichten Doppelkinn, den rundlichen Wangen, der etwas langen Nase, selbst mit achtzehn Jahren nicht, als sie dem 21 Jahre älteren Rat Goethe die Hand zum Ehebund reichte: aber ein frohes munteres Ding war sie schon damals und selbst in dem weiten, kahlen Haus am Hirschgraben mit dem ernsten pedantischen Rat verbunden, den sie meistens „Papa" zu nennen pflegte, hat sie das Lachen nicht verlern! und ihre gute Laune behalten. Eine naive kindliche Freude hatte sie am Putz. So freute sie sich, wenn sie mit einer schönen Dose, einem feinen Geldbeutel prangen werde, und wenn sie auch in der Mode nicht recht Bescheid weiß, so sucht sic sich doch auf ihre Art prächtig auszustaffieren. . Unter allen Dichtermüttern steht sie so einzigartig da, wie ihr Sohn unter allen Dichtern. Eine große Pädaggogin ist sie nicht geivesen. Ihren ersten Urenkel begrüßt sie mit den Worten: „feg froh lieber Johann Georg Eduart die Urgroßmutter kan keine Kinder erziehen schickt sich gar nicht dazu — tut ihnen allen Willen wenn sie lachen und freundlich sind, und- prügelt sie wann sie greinen, oder schiefe Müulee machen, ohne aus den Grund zu gehen, warum sie lachen — warum sie greinen — aber lieb will ich dich haben, mich hcrtzlich deiner freuen — deiner vor Gott oste und viel gedencken — dir meinen Urgrobmütterlichen Seegen geben — ja das kan, das werde ich." Sie hat mit ihrem Wolfgang lieber herumgetollt, als ihm ernste Standreden gehalten, denn sie fühlte sich als seine Schwester: war sie doch nur 18 Jahre älter als er! So lange ihr Mann lebte, fühlte sich Frau Aja wohl ein wenig bedrückt: sie konnte das schöne Pflänzlcin ihrer Lebenslust nur sorgsam hüten und bas Lämpchen im Glühen halten: ganz frei entfaltet hat sich erst das Eigentümliche ihrer Persönlichkeit, als der Herr Rat nach langem Siechtum 1782 gestorben war. Biel Schweres hatte sie durchgemacht: einem ungeliebten Mann war sie in die Ehe gefolgt und hatte ihn sorgsam bis zum Tode gepflegt: ihre einzige Tochter Cornelie war ihr jäh entrissen worden, und doch ging ihr Blut noch im lustigen schnellen Takt und die Melodien, die das Leitmotiv ihres ganzen Lebens tjt, klang hell und fröhlich: „Freut euch des Lebens". „Erinnerst du dich noch" schreibt sie an Fritz von Stein, „wie wir Liedchen sangen und guter Dinge waren. Fröhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden, sagt Götz von Berlichingen, — und er hat wahrlich recht. Weil man froh und vergnügt ist, so wünscht man alle Menschen vergnügt und heiter zu sehen und trägt alles in seinem Wirkungskreis dazu bei. „Und ein unverwüstlicher Frohsinn strahlt von lick aus: „Ich habe die Gnade von Gott, daß noch keine Menschenseele mißvergnügt von mir weggegangen ist. Ich haben die Menschen sehr lieb — und das fühlt alt und jung, gehe ohne Preten- tion durch diese Welt und das behagt allen Evens Söhnen und Töchtern — bcmoralisire niemand — suche immer die gute tseite auszuspähen — überlasse die schlimme dem der die Menschen schüfe und der es am besten versteht, die scharffen Ecken avzu- fchleifcn, und bei dieser Mctoöe befinde ich mich wohl, glückiiw und vergnügt." Einen „Hauptspaß" muß sie immer haben, ein „Groß Gaudium": mit ihren acht Sonnkgmädeln, die mit cyr 'zusammen die Woche in einem heiteren Gelächter begraben, nopr und springt sie trotz ihrer stattlichen Korpulenz herum: sie !p>cicn „Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg" und Pfänderspiele, daß cs eine Lust ist. Märchen werden erzählt und Rätsel gelöst- das ist ein "Krehlen und Jubeln", ein Schreien und Jauchzen. „Vivat, ruft die Frau Raiin, Rosenfarb und Weiß sind ihre Leibfarbeu und ein Tänzchen die beste Motion. Tanzen Sie nur, wo Sie Gelegenheit finden", rät sie der ebenfalls so tanzlustigen Christiane. Und diese Fröhlichkeit des Herzens kommt aus dem Urgrund eines frommen gottesfürchtigen Gemütes. „Nun danket alle Gott!" das ist die markige und stolze Begleitung zu den lustigen Melodien. Daneben ist sie eine gute Wirtin, und wenn auch Rechnen nicht gerade ihre starke Seite ist, sie oft in Geldverlegenheit kommt, weil sie alles verschenkt, so weiß sie doch vorzüglich für das leibliche Wohl zu sorgen. Wie wohl Fleischbrühsuppe, Weißkraut und Rindfleisch oder Schweinebraten behagen, das läßt sie ihre Gäste gern verspüren. Jedes Jahr schickt sie „welsches Korn" und Kastanien nach Weimar, die sie mit sorgender Hand selbst vortrefflich ausgewählt hat, und viele andere Geschenke. Eine große Leidenschaft beherrschte Frau Aja, wie sie sich selbst gern nannte nach der guten fürsorglichen Mutter im alten Volksbuch von den „vier Haymonskindern": das war das Theater. Ihre Natur bedurfte der Aufregung der Bühne und freute sich über den bunten Glanz. „Da mir Gott die Gnade angetan hat, daß meine Seele von Jugend auf keine Schnürbrust angekriegt hat, sondern daß sie nach Hertzenlust hat wachsen und gedeihen, Ihre Aeste weit ausbreiten können usw. und nicht wie die Bäume in den langweiligen Zier Gärten zum Sonnenfächer ist verschnitten und verstümmelt worden,- so fühle ich alles, was wahr und gut und brav ist, mehr als vielleicht tausend andere meines Geschlechts — und wenn ich im Sturm und Drang meines Hertzens im Hamlet vor innerlichem Gefühl und Gewühl nach Luft und Odem schnappe, so kan eine andere die neben mir sitzt, mich abgaffen, und sagen, es ist ja gar nicht wahr, sie spielen ja nur so — Nun eben dieses unverfälschte und starke Nathurgefühl bewahrt meine Seele Gott sey ewig Danck — vor Rost und Fäulnis." Stets war sie im Theater abonniert und folgte dem vielfach wechselnden Repertoire von Jffland bis Kotzebue. Aber wenn der Götz gegeben wurde, oder „Egmont" oder „Clavigo", dann war sie stolz wie eine Königin. Mit welcher Andacht ist sie dabei! „Den Neujahrstag wird „Tell" von Schiller bei uns aufgeführt. — Die Leute um und neben mir sollen sich nicht unterstehen die Nase zu putzen, das mögen sie zu Hause tun." Sie war eine feine Kennerin der Schauspielkunst und wußte schauspielerische Leistungen scharfsichtig zu beurteilen. Sie hat dem Sohn als Leiter des Weimarer Hof- tyeaters manchen guten Rat gegeben, und ihn über das Frank- surter Repertoire stets ans dem Laufenden gehalten. In der Musik löste Mozarts Frohnatur die Melodien ihrer eigenen Seele aus,- an der „Zauberflöte" konnte sie sich nicht genug erlaben. Bon Politik mochte sie nichts wissen, dafür hatte sie vier Steckenpferde, die sie „ruhig gallopieren" ließ. „Einmal ist's Vrabanter Spitzenklöppeln, das ich noch in meinen alten Tagen gelernt, und eine kindische Freude darüber habe. — dann kommt das Klavier, — dann das Lesen, — und das lange aufgegebene aber wieder hervorgesuchte Schachspiel." Besonders liebte sie die Werke „Gevatter Wielands" und dann die Schriften ihres SohneS, die sie als wahre Leckerbissen nur Sonntags las, und deren tiefste Schönheiten sie wie kaum ein anderer durchfühlte. Wenn sie vorlas, so erklang „eine jede einzelne Stimme mit Majestät und das Ganze entwickelte sich als Geist mit einem kräftigen Leibe angetan." Frau Aja war eigentlich keine echte Briefschreiberin,' sie war „tintenscheu"; sich so gebückt auf längere Zeit zum Schreiben hin- zusetzen, war ihrem behenden flinken Wesen etwas Unleidliches. Aber eine hinreißende Plauderin war sie, eine Erzählerin von Geschichten und Märchen, der man nicht vom Munde^ fortsehen konnte. Und das gibt auch ihren Briefen den lebhaften Rhythmus, den belebenden Atem. Sie sind eilig auf das Papier geworfen, im luftigen Schwatzen mit all der Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes. Hurtig und bebend poltern die Sätze heraus, eine Menge Ansrufungs- und Fragezeichen, Gedankenstriche kennzeichnen die Ungeduld und Lebhaftigkeit, fortwährende Ausrufe wie „o Jemine", „potz fickerment", „potz Fischen" sprudeln heraus, ein jedes Wort am rechten Platz. Freilich, die Buchstaben purzeln „in der Eil", auch wohl durcheinander. Mit Fremdwörtern stand Frau Aja auf dem Kriegsfuß. Sie hatte nicht viel gelernt, „das läge am Schulmeister", und rührend ist es zu lesen, wie sie dem kleinen August ihre Unwissenheit gesteht und recht viel von ihm lernen will. „Wie ein aufgezogener Bratenwänder" geht's bei ihr „im Schwatzen und Schreiben",' an großen Sprüngen hopst es von einem zum anderen, von der Bettina zu den gläsernen Obst- flascheu, von „Wilhelm Meister" zur Weinernte. Aber wie sie den rechten Ton den verschiedenen Adressaten gegenüber zu treffen weiß! Wie ehrerbietig und doch herzlich ist sie gegen die Herzogin "Anna Amalie,' mit dem „Fräulein Thnsnelde", der Göchhausen, rührt sie ein schalkhaft poetisierende Briefspiel in köstlichen "erben Knittelversen auf, mit Klinger ist sie burschikos, mit La- ? liier fromm, und bibelfest mit allen. Mit Christiane, der Gattin ahres Sohnes, ist sie schnell in ein herzliches Verhältnis getreten, "ls sich noch ganz Weimar von ihr abwandte, und sie beglückwünschte ihren Sohn zu diesem Verhältnis, das bester sei als Eine „fatale Ehe". Kindlich schlicht hat sie mit ihren anderen ließen ^Enkelein geplaudert, in Kinöerbriefen, wie sie sonst nur Luther geschrieben hat. Und so sehen wir Frau Aja vor uns, unter der »roßen Haube fröhlich lächelnd, im gemütlichen Stübchen, während Die Kinder zu ihr hinaufblicken,' sie erzählt Märchen und nimmt Dabei eine „Prischen Tabak" und die „dicke Lißel" Bringt Konfekt. ?'nd endlich hat die Geschichte glücklich geendet und sie drehen sich inbelnd alle im Kreise. ____— Der Dwnn, der mif d'eser 3eif fertig w'>k Roman von Walter Julius Bloem jGDS.j. lFortsetzung.j . Davon versteht Doktor Wagenschanz erst recht nichts. Er hat das Gefühl, daß er hier dumm gemacht werden soll, horcht mit schlauen Blicken und wartet, wann er zugreifen kann. In seiner Seele sitzt immer noch ein kleiner Haken, vorhin sprach Schönlein wegwerfend von der „flachen Gegenwart" diesen gezielten Haken holt Anton aus seinem eignen Fleisch und läßt ihn geduldig ins Gespräch hineinhängen. Die beiden aus 6er andern Welt reden über das neue Werk eines großen Dichters, der plötzlich aus Büchern verworrener und morbider Zeit in eine biblisch ferne Vergangenheit flüchtete, ein aufsehenerregender Vorgang. „Er gehört nicht zu jenen Schriftstellern", meint Schonlein und neigt sich deutlicher zu Rosemarie hinüber, „die ans einer geheimnisvollen Einsicht ihres Mangels ihre Werke nur in der Gegenwartsform schreiben können. Er hat Begriffen, daß die Geistigen unsere Zeit verlassen, die Roheit, die Simplizität." „Vielleicht fällt ihm auch nichts Besseres ein", mischt Doktor Wagenschanz sich dazwischen, „dann schreißt man eßen etwas aus der Vergangenheit aß. Es sollte aller unsre eigentliche Ausgabe sein, daß uns zu dieser Zeit etwas einfällt. Sie hat es nötig. Wir müssen mit ihr fertig werden." Ein wenig über die Schulter erkundigt sich Schönlein, wer mit dieser Zeit fertig werden könne. „Ich" sagt Anton kühn und zieht zufrieden die Leine mit dem kleinen Haken heran, der nun in Schönleins Fleisch sitzt. „Sie wünschen sich eine andere Zeit. Bitte welche?" Schönlein weicht aus. „Es handelt sich um kein bestimmtes Zeitalter." „Ganz richtig. Denn jede Gegenwart von Anbeginn her war qualvoll, mühsam, flach und verworren, und wie Sie es titulieren mögen." „Ungefähr so." „Aber Sie wollen in den ewigen Gedanken leben, Herr Schönlein, die Ihnen von der Vergangenheit munöfertig gebacken worden sind. Sie wollen weder die Saat noch die Ernte und am wenigsten die Wetter des Schicksals, das lehnen Sie ab. Sie wollen nicht dreschen und Sie hassen die Spreu sogar der Vergangenheit. Sie wünschen nur das mundfertige Brot jener ewigen Gedanken." „Und wenn es so wäre, wie Sie sagen, Doktor Wagenschanz, was hätten Sie daran auszusetzen?" „Nicht viel. Nur eine Kleinigkeit. Im Vergleich zu Ihnen bin ich natürlich mehr als primitiv. Unsereiner träumt etwa vom Schlaraffenland, dort ist es nicht kalt, man hungert nicht, für alle körperlichen Bedürfnisse ist gesorgt, und im kompliziertesten Fall kriegt man dort soviel billigen Kredit aufgedrängt, wie man nur will. Sie jedoch sehnen sich nach einem geistigen Schlaraffenland, wo die Gedanken und die Erkenntnisse nicht Zoll um Zoll dem Unsinn entrissen werden müssen. Mithin", fährt er behaglich fort, „die Zeit, in der Sie leben möchten, gibt es nicht, es ist weder die uufrige noch irgendeine. Es ist nicht einmal die Erde. Diese Kleinigkeit hätte ich also auszusetzen. Sie suchen einen vergeistigten Himmel, zu dem nur die obersten Gesellschaftsklassen der Intelligenz Zutritt haben." Die Gegensätze zwischen Peter Schönlein und Doktor Wagenschanz haben sich ein wenig zugespitzt, mit einiger Angst erwarten die beiden Mädchen den Ausbruch von Streitigkeiten, schnell schenkt Elli die Sektgläser wieder voll. Aber zum Streiten neigt Schönlein nicht, sobald man ihn angreift. Sein eigner Angriff gegen Antons harte Stirn hat sich allerdings festgelaufen. „Sie sind ein glückliches Gemüt", versucht er sich aufs neue, „die Stelle, an der Sie stehen, ist immer der Mittelpunkt 6er Welt." „Das ist richtig", bestätigt Rosemarie. Peter öanft ihr mit den Augen: „Ptolemäisches Weltsystem der Seele! Wer es aber weniger hochmütig mit sich meint, der findet sich ganz außen am Rande aller Ereignisse, von ihnen nur halb betroffen und als etwas Unwichtiges behandelt. Ich zum Beispiel habe den Krieg mitgemacht, vorn und mittendrin, aber wenn ich daran denke oder wenn ich gar die Kriegsbücher lese, so mochte ich glauben, ich hätte die ganze Zeit verschlafen. Mit dieser Zeit fertig werden! Wer eine Meinung vertritt, so habe ich gesunden, gehört den geistig Beschränkten an; ich höre ihm zu, er überzeugt mich; ich fange an in seiner Richtung zu denken — ein anderer kommt mit einer entgegengesetzten Meinung, völlig andere Richtung, aber auch ste überzeugt mich." Schönleins Hand flattert in der Lust, Rofemarie betrachtet das edle zarte Gelenk. Ihre Lippen liegen schmal. „Man mutz Scheuklappen haben", sagt Anton Wagenschanz in die Stille. Peter lacht Bitter auf. Als oB es so einfach wäre: man muß Scheuklappen haßen. Er erinnert sich an den Nachmittag, Elli kam, er wollte ihre Sache in Ordnung Bringen und tat es wohl auch, aBer die Folge war, baß er auseinanderßrach wie jetzt. „Ich frage Sie, Doktor Wagenschanz, wie kann man zu Behaupten wagen, man werde mit dieser Zeit fertig — wenn man zu diesem versinkenden Volke gehört, das sich nur in Zeiten der Kriegsnot zusammenschließt, und das sonst die Gestalt eines Breies Besitzt, in dem die andern Volker mit dem Finger herumstochern. Es ist uns nicht gegeßen, Form zu werden, wie wir es Jahrhundert auf Jahrhundert so qualvoll verlangen. Und so können auch die deutschen Dichter, die Maler und die Musiker nur die Qual schildern, das neßelhaste Werden — den Glanz der Klarheit zu gestalten geht üßer ihre Kraft." „Man Braucht nur den Namen Goethe Zu nennen, Herr Schön- den Erde. * Das ist so: jede Nacht zu unbestimmter Zeit wandert durch die wenigen Räume der Wagenschanzwerke ein Mann mit verwirrtem Haar, in Hemd und Hose, ein paar uralte, ausgetretene Fnz- pantoffel an den nackten Füßen. Dies hier ist der Packraum, mit Material angetürmt bis unter die Decke, hier möchte alles ein= gewickelt und adressiert werden, in Kisten und Pakete. Ein Zimmer weiter, beinah ein kleiner Saal, findet der Mann ttt der Nacht eine Art Stapelei, Berge von Seife, Eishaarwaßer rn zierlich geschliffenen Gefäßen, viel zu teure Aufmachung. D,c Taschenlampe blitzt über Silber und ein tiefes Blau. Es duftet betäubend, ein nusgewählter Geruch, der sich an jedem Körper verwandelt. Die Schönheitskreme in vielen zehntausend Tuben. Das liegt hier und wartet, ob man die Leute zwingen kann, es zu kaufen. Von selber kaufen sie es nicht. Von selber kaufen sie, Kartoffeln und Brot. , , . , Der Nachtwandler betritt das Arbeitszimmer von Fräulein Reubold, hier hat der neue Erotikonduft sich schon zauberhaft verändert, es liegt iit der Luft. Fräulein Reubold schreibt an Berühmte Künstler und wählt in den Entwürfen, sie befindet sich im Auto viel auf Reisen, zu Händlern und Vertretern. Sre ist fütbtiö Gut hat es, wieder nebenan, der Kandidat Kieselbach. Seine Bomben sind konstruiert, man wird sie werfen: ob sie einschlagen, geht vor allem den Doktor Wagenschanz an. Diese beiden verlangen pünktlich ihre Gehälter. Wie das herbeigeschafft werden soll, das geht auch nur den Doktor Wagenschanz etwas an. Augenblicklich im allgemeinen Stillstand zahlt er einfach gar nichts, Hände in die Hosentaschen, das Geld wird anderweitig gebraucht, seht zu, wer euch was pumpt! Es kommt ihm nur darauf an, baß seine Firma die nächste Zeit übersteht, auch wenn darüber seine Mitarbeiter krepieren. Das ist ihre Sorge, haha! Quer über den Hof ins alte Spinnewebengemäuer der Farbenfabrik. Es bläst und regnet schräg über den Hof. Es wäre viel bester, zu schlafen. Hier hat man aus zwei Zimmern einen Saal gemacht. Fabrikation. Hier stehen bei Tag fast dreißig Arbeiter an den Tischen nnd Bottichen, drangvolle Enge, wir haben kernen Platz. Zweihundertvierzig Arbeitsstunden pro Tag, Ueberstunden dazu, beinah fünfzehnhundert in der Woche. Das schafft, das haut in die Finanzen, das stapelt Vorräte auf, das verbraucht tonnenweise die Rohstoffe. „Ihr begreift", sagt Anton zu den Schatten, die am Tage hier werken, „ihr müßt verstehen, das alles kostet viel zu viel. Ihr habt seit vierzehn Tagen keinen Lohn mehr bekommen. Ihr seid aber ein, es geht hier nicht um Geld." „So? Um was geht es denn sonst", erbosen sich die Schatten, „als daß Sie Geld verdienen wollen?" Verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fcheUniversitäts-Duch- undSteindruckerei. 2l. Lange, Gieße... „Ich kann es nicht sagen. Es hängt ganz eng mrt dem Leben- müssen zusammen, ich kann es nicht genauer erklären. „Dann wollen wir es Ihnen mal erklären, Herr Doktor, was Sie darunter verstehen!" murrte einer der schatten. „Sie sind gestern in Schierke gesehen worden. Sie ließen sich von der feinen Dame hinausfahren, aßen und tranken das Teuerste, Sie rauchten eine Importe dazu. Dem Kellner gaben Sie dreißig Mark, er brauchte nichts herauszugeben. Sie wollen sich imponieren. „Es war Sonntag", verteidigt sich Anton. „Uebrigens muß ch mir imponieren. Sonst mache ich hier die Bude zu und setze mich bei Mutter hinter die Theke. Da werde ich auch satt. Die Schatten toben durcheinander. „Und wir müssen Brot haben, damit wir uns imponieren können. Womit sollen rott unsre Kinder satt bekommen? Wir haben schon unsre Frauen zum Waschen weggeschickt. Ist das etwa ein Zustand, daß man für ehrliche Arbeit nichts bezahlt bekommt?" Dies alles sagt der Mann nicht, oder er murmelt es halblaut, oder er denkt es vielleicht auch nur. Im nächsten Raum klappern am Tag die Füllmaschinen, jetzt steht das alles stumm im Wege, läßt sich von den Lichtfetzen nächtlicher Straßenlaternen bescheinen, und in diesem untätigen Zustand sagt es böse Ereignisse voraus. Bet Tag dagegen mit dem Rasteln und Stampfen steht alles so mutig aus. Der ruhelose Mann wandert in das Schreibzimmer, wo die beiden Schreibmaschinen unter ihren unförmigen Holzkasten stehen. Er schlägt eine Mappe auf und liest mit der Taschenlampe, bitten wir Sie höflichst, sich mit der Zahlung noch kurze Zeit gedulden zu wollen, bis wir unsere Außenstände hereingeholt haben." Das klingt nicht gut. Diese Zimmer waren in früheren Zeiten viel zu groß, für die Farbenfabrik Johannes Leer, ein alter Kasten dies Haus, die Steinmauern zu dick, kaum zu Heizen. Jetzt eignen sich die kalten Wände, an ihnen entlang Zehntausende von Prospekten und I Werbeschreiben aufzubauen. Wieder ein neues ^Zimmer, seines, das Laboratorium, der Küchentisch am Fenster dient Anton als Arbeitsplatz, mit Papieren übersät, die Lampe brennt. Er, der Sohn der Grünkram- Händlerin, hat gestern abend einen Kredit von funfzigtausend Mark bekommen, zur Bezahlung von Rohstoffen angeblich, und zum geringeren Teil für seinen Werbefeldzug. Aber als Sicherheit mußte er der Bank seine ganze Fabrik überschreiben. Nun denn: Trommel gerührt! Der letzte Raum ist mit leeren Flaschen und eisernen Fässern vollgestopft, dazwischen hineingeklemmt ein Feldbett mit unordentlichen Kissen und Decken. Es steht nicht gut aus. Von der prächtigen Siebenzimmerwohnung ist nichts zu bemerken, hier räumt Elli auf, kein galonierter Diener hilft dem gnädigen Herrn in den neuen grauen Anzug, letzter Schick, der an einer Kiste über den Bügel gehängt ist. Das Feldbett kracht. Anton liegt da und starrt zu den Kringeln der Latcrnenlichter, die an der Decke tanzen. Zahlen. Rechnungen. Mahnungen. Drohungen. Er wagte noch etwas zu unternehmen in dieser Zeit, die Leute drängten sich um ihn, jetzt fangen sie an, ihn zu bedrängen, es wird ihnen unheimlich. Er tut kein Auge zu. Es ist gut, daß mau nur steil hinauf oder hinunter kann. Einerlei, sagt er sich, ich habe es jetzt heraus, wie man es macht, und wenn dies hier zusammenkracht, Pläne für etwas Neues sind schon da, am nächsten Tage geht es los! Aber das sagt er sich mit Mühe. Ein Wecker lärmt, wie um Tote im Grabe zu erschrecken. Der Mann fährt schwer auf, hat offenbar doch geschlafen. Der Herr Fabrikant schlurft in sein Laboratorium und stellt einen Top Wasser über den Bunsenbrenner. Dreht die Kaffeemühle. Zieht den schicken, grauen Modeanzug an. Verwandelt sich binnen einer halben Stunde aus einem entmutigten und überschuldeten Kleinbürger in einen smarten und zuversichtlichen Unternehmer, der sich einen Dreck um die schwierigen Zeiten kümmert. Um sechs pocht Rosemarie ans Fenster. Reisefertig in dickem Flauschmantel. Den hat Anton ihr geschenkt. Keinen Widerspruch, bitte, er gehört Ihnen. Er sollte ihr lieber das Gehalt auszahlen. Sie duftet nach Seife, am Geruch erkennt er, welche Sorte sie benutzt, Wagenschanz-Erzeugnts. Eine fröstelige Winternacht draußen, noch kein Schimmer von Tag. November. Früharbeiter trotten an ihre Beschäftigung, Atem- ranch vor den Lippen. Anton trägt einen bejahrten Schafpelz, Kriegsprodukt, dieser Pelz schob Wache in Kurland und paßt eigentlich nicht ganz zu dem taubengrauen Wagen, der jetzt blitzeno mit gepflegtem Lack aus seinem Schuppen rollt, Nase nach Osten. „Sie haben die Mappe mit den Entwürfen? Ihre Autopaplere? Handtuch und Seife? Den Karton mit frischer Wäsche für michc „Alles da, Herr Wagenschanz." „Avanti Savoja!" Sie fahren nicht im offenen Wagen, die Kühlerhaube ist äuge« klappt, trotzdem stößt der Novemberwind durch alle ffuflen, »er Sturm übermäßig schneller Fahrt. Fünf Stunden bis Berlin, in der Nacht müssen wir wieder zurück fein. Das Mädchen halt nm dicken Pelzhandschuhen das Steuerrad umfaßt. Wenn Rosemarie fahren kann, dann ist alles gut, diese Macht über die vorbeigc- riffene Landschaft verleiht ein Ueberwindergefühl. I (Fortsetzung folgt.) lein, »les Wunder des deutschen Geistes, um Sie zu widerlegen." Ein guter Einwand, Rojemarie", erkennt Peter an, „Goethe ist am deutschen Himmel kein Wunder. Er ist ein Rätsel. Dann streicht Peter sich über die Stirn. „Die Völker entwickeln sich auf eine starre und einseitige Art, die nach Jahrtausenden gemessen wird und nicht nach den zwei, drei Jahren, die uns noch vom . Erstükeri^ U immer ihnll, denkt Rosemarie mit einer immer heftigeren Auflehnung, ,alle Schwankungen schwankt er mit. vor einem Jahrzehnt soll er für den Weltfrieden begeistert gewesen sein und vor einem Jahrfünft war er ein glühender Anhänger der Verständigung, er Hai immer unrecht behalten, seine Borau-- sagen trafen nicht ein, und nun erbricht er dm allgemeine Hoffnungslosigkeit und macht eine Meinung daraus. Ein Schluck Sekt, höchst genießerisch über die Proletenlippen. „In Ihrem geistigen Paradies", meint Anton nachdenklich, „furchtet man offenbar die irdischen Erschütterungen, jedenfalls halt man sich dort für berechtigt, gediegene irdische Zustande zu beanspruchen. Die Frage, ob ich an Deutschland glaube, beantworte ich nicht, ich habe zu viele Redensarten darüber gehört. Es kann sein, daß es ans dem Leim geht, mit Ihrer Selbstmordphilosophie bestimmt. Ich halte es für besser, daß man in Seelenruhe sein Haus ausbaut, als werde es ewig stehen bleiben — und sollte es schon morgen in einem Erdbeben niederbrechen, so fange ich übermorgen wieder von vorne an und rege mich nicht darüber aus. Das sei nun die Philosophie der Ameisen, stellt Peter gering- schätzig fest. Ein Windstoß fährt durch den Fensterspalt und bläht die Gardinen, feucht kommt der Nebelatem der Herbstnacht herein. Rosemarie schließt das Fenster. Von hier aus blickt man über eine Menge Dächer, über glitzernde Lichter und über ein Stuck der Ebene. Diese Häuser und Fabriken, diese Tonhallen und Museen, die Lichter, Felder, Eisenbahnen wurden von Menschen geschaffen, die blind aufs Morgen losbauen, vyn Männern zumeist, sie^hatten Geld oder keines, jedenfalls machten sie welches, tedmlfalls zeugten sie Kinder und sicherten ihre Frauen vor der Not. Mehr taten sie nicht, aber das taten sie. Sie fluchten, wenn es arg herging, aber ,IC Warum mußte^Peter Schönlein erst von seiner Frau und dann von itzr Rosemarie, im Stich gelassen werden? Es ist em banges Gefühl, sich diesen Männern auszuliefern, die Städte und Fabriken erbauen, obwohl die Städte zerfallen oder ttt Kriegen z e r stört werden, Fabriken, die stillgelegt werden. Sie zögern nicht, Symphonien zu schaffen, die vielleicht nie aufgeführt werden. Sie müssen in immer tolleren Wünschen Flugzeuge erbauen, die manch- mal zerschmettert am Bogen liegen, tut nichts, diese Manner werden nimmer müde, Ameisenmänner, jawohl, auf der wimmeln-