Nummer 41 Montag, -en 29. Mai Jahrgang 1933 Geheim Zamilienblälter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Oer Kobold. Von Werner Bergengruen. Das Haus hab ich erbaut vom Kelter bis zum Dach. Wer hat den Kobold eingesetzt, der unter der Treppe wcchnt?' Er trinkt von meinem Wein, Er nagt am Schinkenbein. Er steckt sich Zucker in den Sack, er schmaust von meinem Rauchtabak, macht allen Vorrat klein. Wo nur die Tinte bleibt? Des Nachts, wenn keiner wach, da geht er an mein Markenfach. Weih niemand, wem er schreibt. Was tut er zum Vergelt? Er geigt um Mitternacht. Er gibt auf meine Kinder acht, daß feine die Treppe fällt. Was tut er noch zum Dank? Er putzt das Mondhorn blank. Damit es silberrein in meine Fenster schein. Oie Geschichte des Knechtes Mathias Anfelder. Von Eberhard Meckel. Als der Knecht Mathias Anfelder beim Schlägern im Wald von einer niedergehenden Tanne mitgerissen wurde und ihn die Fällerburschen tot und zerschlagen unter dem dichten Geäst hervorbargen, da meinten gleich ein paar, das vermöchte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, und säst habe es den Anschein, als habe der Anfelder freiwillig gezögert, bis es chn erwischte. Aber die anderen Füller sagten dagegen, was das für ein Unfinn fei; was habe für den Anfelder, der ein froher Mensch gewesen und dem keiner das geringste angemerkt hätte, denn ein Grund Vorgelegen? So könne es doch jeden einmal treffen, zudem der Stamm unversehens im Fall um eine Armlänge aus der Richtung geschrägt sei. Und überhaupt, wenn sie ein wenig tiefer von der linken Seite den Baum angeschlagen und nicht so zeitig damit aufgehört hätten, wäre das ganze Unglück wahrscheinlich gar nicht passiert ... Und schier wäre es noch bei dem, was die einen und die anderen wußten, zu einem Streit gekommen, wenn nicht einer dazwischen gerufen hätte, eine Schande sei's, über einer Leiche zu streiten. Da hielten alle inne und trugen den Anfelder, der wenn ihm auch sonst alles zerschlagen war, auf dem fast unversehrten Gesicht einen rätselhaft friedlichen Ausdruck hatte, auf Aesten schweigend aus dem Wald ins Dorf. In der Scheuer des Bauernhofes, wo er Knecht war, ließen sie ihn nieder ins Heu. Der Anfelder hatte im Dorf keinen Anhang mehr, und auch sonst wußte man eigentlich nichts über ihn, als daß er, ein Mensch von ungefähr Dreißig, ein guter Schaffer war und zuverlüsfig. Er kam vor ungefähr einem Dreioierieljahr von außerhalb zugewandert, wie es schien, aus dem Schwäbischen, aber vielleicht auch nicht, denn er hatte noch einen anderen Ton in seiner Sprache, wie aus dem Offen irgendwoher. Er zeigte sich bald sehr vertraut mit allem, was im Dorf und in der Gegend war. Er gab sich freundlich, wußte die Ziehharmonika mit feltsamen, ja traurigen Melodien zu spielen, und er war sonst recht für sich; das fiel jetzt erst allen auf, nachdem er tot war. Doch die junge Magd Barbara vom Talhos mochte er wohl gleich recht gern, und die patte sich auch sehr aufgeregt gezeigt, als sie, am Weg stehend, wo die Burschen den Toten aus dem Wald entlang trugen, von dem Unglück erfuhr; so war demnach feine Zuneigung nicht ganz einseitig gewesen. Das war es ungefähr, was man über den Anfelder wußte, aber die Frage, was nun zu tun wäre, hatte sich damit noch nicht gelöst. Und als der Gendarm von der nächsten größeren Ortschaft zur Untersuchung des Unglücks kam, gingen er und der Bauer und die Bäuerin zunächst einmal hinauf in die Kncchtskammer, um nachzufchauen, was sich da noch von dem Knecht fände, ob sie aus der Hinterlassenschaft Angehörige ausfindig machen könnten oder ähnliches. Oben in der Lade, die aufgebrochen werden mußte, lag nicht viel, nur, was eben so ein Knecht hat. Doch in einer Ecke entdeckte man Papiere und beschriebenes Zeug, und bei der Einsicht darin zeigte es sich gleich, daß irgend etwas mit dem Toten nicht stimmen mußte. Da war ein Paß auf den Namen des Knechtes, aber daneben tag ein Schein, auf dem zur Seite einer Photographie, die einen bärtigen jungen Mann in russischer Uniform darstellte, in unverständlicher Schrift etwas Langes geschrieben war. Dann tarnen Briefschaften zum Vorschein, die über die Bürgermeisterei des Dorfes an einen Kriegsgefangenen Sergei Petermann adressiert waren. Versehen waren die Briefe, die über das Roke Kreuz in der Schweiz gegangen waren, mit vielen Stempeln, die neben dem jeweiligen Monats- und Tagesdatum die Zahl 1915 trugen; sie mußten wohl aus Rußland stammen. Dann fanden die drei noch einen Umschlag mit Photographien, Bildern eines Mädchens und wieder des Soldaten und dann des Knechtes Anfelder selbst. Eine größere Summe deutschen Geldes und ein paar russische Rubel enthielt eine Vlechschachtel, bann lag da noch die Ziehharmonika, eine Uhr und ein wenig Wäsche, Schuhe, ein besserer Anzug vervollständigten die geringe Habe des Knechtes. Das genügte zunächst, daß alles, was mit dem Knecht zusammenhing, ziemlich merkwürdig erschien. Der Tote lag still und stumm, bis der Sarg für ihn fertig wurde, wie ein friedlich Schlafender in der Scheuer auf dem Heu, das er noch vor kurzem mitgemäht hatte; nachher brachte man ihn in das Totenhaus auf dem Gottesacker, wo er nach der Vorschrift achtundvierzig Stunden zur Schau liegen muhte. Doch in den achtundvierzig Stunden vermochte das Geheimnis des scheu von der ganzen Gemeinde Betrachteten bereits ziemlich gelüftet zu werden. Es waren im Krieg, als die männlichen Einwohner des Dorfes alle im Feld draußen standen, russische Kriegsgefangene als Knechte auf die Bauernhöfe hier verteilt worden, und unter ihnen gab es auch, wie man herausbrachte, einen Sergei Petermann, der unten beim Talhofbauem dienstete. Die Bäuerin, die ihn nach den Bildern des russischen Soldaten als diesen wiedererkannte, konnte sich noch recht an ihn erinnern; sie mochten ihn alle gern, sagte sie, und es sei noch ein blutjunger Mensch gewesen. Er habe recht gut deutsch gekonnt und habe erzählt, er stamme aus einer deutsch-russischen Familie aus dem Südrussischen; Lieder habe er daher gewußt wie keiner. Doch eines Tages sei er abkommandiert worden, und das eine, das wüßte nicht nur sie, das wüßten noch alle im Dors, daß die inzwischen verstorbene Magd Anna des Talhofes recht bald danach ein Kind, das fttzt die junge Magd Barbara fei, bekommen hätte. Aber man wisse bis heute noch nicht, wer der Vater fei, aber alle hätten den russi- schen Kriegsgefangenen im Verdacht gehabt. Und das Mädchen auf den Bildern aus der Hinterlassenschaft des Anfelder, das fei die Magd Anna gewesen, so habe sie früher ausgesehen. Und solche Briefe feien manchmal an den Sergei Petermann gekommen. Aber vielleicht könnte die Magd Barbara noch einen Bescheid geben zu der Sache? Die Magd Barbara, ein junges Ding von sechzehn Jahren, vermochte auch nicht viel Genaues zu sagen. Ihre Mutter, die Magd Anna, hätte ihr nie viel erzählt; und den Knecht Anfelder, der hab' ihr wohl nicht schlecht gefallen, doch gewesen sei zwischen ihnen nichts, rein gar nichts. Was er zu ihr geredet habe? Ach, verstanden hatte sie nicht alles; er käme aus einer Gegend, wo jetzt alles ganz schrecklich zuginge, sagte er einmal. Er habe niemanden mehr, keinen Anhang und nichts, denn alle seine Leut' seien in der Zeit nach dem Krieg umgekommen und alles sei ihnen und ihm fortgenommen worden. Nach langen Jahren endlich wäre er durchgegangen. Und wenn er das erzählt habe, sei er immer anders geworden und habe gemeint, er habe keine Heimat und nichts Rechtes mehr. Aber hier fei es schön, und vielleicht könne er sich spater einmal etwas kaufen, darauf spare er. Doch das sei schon länger her, daß er so mit ihr geredet hätte, fügte die Magd Barbara hinzu. In der letzten Zeit wäre er kaum mehr gekommen, und wenn, habe er sie so merkwürdig angefchaut, daß es ihr einmal ganz Angst wurde. Und neulich, ein paar Tage erst fei es her, wäre er erschienen und habe sie aufgeregt gefragt, ob sie die Tochter der Magd Anna und ob diese wirklich gestorben sei. Da habe sie sich noch gewundert, wie denn der Anfelder darauf käme; und als sie es ihm bestätigte, sei er still geworden und sei gegangen; nachher habe er di« halbe Nacht Ziehharmonika gespielt und wieder seine traurigen Lieder gesungen; das wußten alle, daß der Anfelder das neulich noch getan hatte. Dieses kam heraus, und allen im Dorf war nun gewiß, daß es sich bei dem Erschlagenen um den damaligen Kriegsgefangenen Sergei Petermann handeln muhte und daß die junge Magd Barbara fein Kind war. Nun wollten auch einige eine überraschende Aehnlichkeit feststellen zwischen beiden. Die Bäuerin vom Talhof behauptete jetzt auch, daß sie doch gleich gemerkt habe, mit dem Anfelder stimme etwas nicht. Jemand sagte, daß neulich einer lange Zeit an der Stelle auf dem Gottesacker sich aufgehalten habe, wo der Magd Anna Grab liege, und sicher sei es Der Knecht gewesen, denn es hätten sich auch Blumen am andern Tag bort gelten; unb roer lallte sonst der Magd Anna jetzt derartiges h.n- tUn*jnit einiger Sicherheit lieh sich noch solgendes vermuten: Der Knecht Anselder alias Petermann, der seiner Sprache und seinen Aussagen nach aus einer Siedlung srüherer Schwaben an der unteren Wolga stammte, hatte als nach dein Krieg wieder nach Rußland Abgeschobener wahrscheinlich von seiner Heimat nicht mehr viel vorgesunden. Die Revolution hatte dort gewütet, vielleicht war er mitten fjerein geraten und mutzte mit ansehen, wie [eine Familie umkam und ihnen und ,hm alles genommen wurde. Ein Heimatloser geworden, kam ihm wohl der Gedanke an den Ort, wo er im Krieg einmal als Gefangener gewesen war und wo er einen Menschen geliebt hatte; und sicher erst nach endlosen Be- nuThunqen gelang es ihm mit Hilfe eines gefälschten Passes zu fliehen und hier zu finden, wo er sich als Knecht verdingte und eine neue Heimat zu sinden hasste. Vielleicht aus Furcht wegen des gefälschten Passes gab er sich nicht zu erkennen; vorsichtig suchte er sich, dn"ut niemand hinter seine Vertrautheit mit dem Leben des Dorfes kam, nach der Magd Anna zu erkundigen, die er vielleicht noch liebte und von der er sich vielleicht noch viel erhoffte. Wer weiß auch, was Zwischen den beiden gewefen war und was sie miteinander ausgemacht hatten? In dem Bemühen, etwas über die Magd Anna aus dem Talhof zu erfahren, kam er auf die Magd Barbara, ohne zu ahnen, daß sie eigentlich sein Kind war. Vielleicht hatte er auch zu ihr ahnungslos eine Zuneigung gefotzt; a[s er alles sah, wie es war, als er eine geträumte neue Heimat wieder zerrinnen sah, was da in ihm vorgegangen sein mochte, — wer wollte es genau sagen auher dem Knecht selbst? Doch der war tot, und als die achtundvierzig Stunden öffentliche Schaufrist abgelaufen waren, kam er ohne viel Umstände unter die Erde, unweit von dem Grab der Magd Anna; vielleicht war das nun für ihn die wirkliche Heimat. Paul Anselm von Feuerbach. Zum 100. Todestage des berühmten Rechtslehrers. Vor Dr. Friedrich S p r e e n. Seine Freunde nannten ihn Vesuvius, auch Vulcanus. Es mar eine scherzhafte Anspielung auf seinen Namen Feuerbach, aber in einem tieferen Sinne war damit die glühende Lava seines Innern bezeichnet, der Feuerstrom seines Geistes, dessen zähe Ausbrüche er durch eiserne Willenskraft zu unsterblichen Werken des Genius zu erstarren wußte. Das vulkanische Wesen seines Geschlechtes hat weiter geleuchtet in [einen Nachkommen: in feinem Sohne Ludwig, dessen Philosophie Göttliches und Menschliches, in seinem Enkel Anselm, dessen Kunst antike und moderne Schönheit zu vereinen suchte. Ihnen beiden hat der große Kriminalist die strahlende Schöpferkrast, aber auch die tragische Düsternis gegeben, jenen unheimlich grandiosen Glanz der aus dunklen Tiefen hervorschießenden Flammensäule, der in Namen und Beinamen seine eigene Gestalt mit einem eigenartigen Schimmer umgibt. Feuerbach ist neben Savigny der bedeutendste Jurist des 19. Jahrhunderts gewesen; sein Schaffen ist für immer verknüpft mit der Ge- schichte der Strasrechts-Wissenfchast und der Gesetzgebung. Aber darüber hinaus gehört er dem ganzen deutschen Volk an als einer der hervorragenden Vertreter deutscher Art, als Kämpfer für Wahrheit, Freiheit und Recht, als eine jener faustischen Naturen, die immer strebend sich bemühen, als ein Sohn und Erbe jener Hoch-Zeit, die in Kant und Goethe verkörpert ist. Sein „Leben und Wirken", das sein Sohn Ludwig aus [einen Briefen und Tagebüchern, Vorträgen und Denkschriften schuf, ist eines der schönsten biographischen Denkmäler, die wir besitzen; es gibt von ihm Schriften, aus denen Proben in keiner Auswahl der besten deutschen Prosa fehlen dürsten. Vorbildlich ist sein Ausstieg aus engen und schwierigen Verhältnissen, vorbildlich die Größe, die er in einer kleinen Umweit bewahrt, die Sicherheit, mit der er unbeirrt feinen Weg ging. Aus einem harten Vaterhause, in dem noch die strenge Despotie des absolutistischen Zeitalters herrschte, entfloh er 1792 mit 17 Jahren auf die Universität nach Jena, um hier Philosophie zu studieren. Seine wild aufbrausende Leidenschaft, fein von der Empfindsamkeit ergriffenes schwärmendes Gemüt unterwarf er dem Joch des kategorischen Imperativs, aber der 18jährige schildert richtig die Grundlagen seiner Natur: „Ehrgeiz und Ruhmbegierde machen einen hervorstechenden Zug in meinem Charakter aus. Von Welt und Nachwelt gepriesen zu werden, dünkt mir das größte Erdenglück. Ost wünsche ich, mein Leben im Vollbringen großer Taten selbst unter qualvollen Martern hinzugeben, um nur in den Jahrbüchern der Menschheit als großer Mann zu glänzen. Ich meine, ich müßte vor Scham vergehen, wenn ich bedenke, daß ich schon 18 Jahre alt und noch der Welt unbekannt bin..." Da der Vater der brotlosen Be- schästigung mit Philosophie sich widersetzte und zugleich ein Liebesverhältnis ihn drängte, sobald als möglich einen Hausstand zu gründen, wandte sich Feuerbach rasch entschlossen der Jurisprudenz zu. Seinem Sohn Anselm, dem Vater des Malers, schrieb er 25 Jahre später, als dieser in einem schweren Kamps zwischen seiner Neigung zur Theologie und der schließlich siegreich gebliebenen Archäologie stand, über die entscheidende Wendung seines Lebens: „Die Jurisprudenz war mir von meiner frühesten Jugend an in der Seele zuwider. Auf Geschichte und besonders Philosophie war ausschließlich meine Liebe gerichtet; meine ganze erste Universitäts-Zeit war allein diesen Lieblingen, die meine ganze Seele erfüllten, gewidmet; ich dachte nichts als sie, glaubte, nicht leben zu können ohne sie. Aber siehe! Da wurde ich mit Deiner Mutter bekannt; es galt ein Fach zu ergreifen, das schneller als die Philosophie Amt und Einnahme bringe. Da wandte ich mich mit raschem, aber festem Entschluß von meiner geliebten Philosophie zur abstoßenden Jurisprudenz; sie wurde mir bald minder unangenehm, da ich einmal wußte, daß ich sie liebgewinnen müsse; und so gelang es meiner Unverdrossenheit meinem durch die bloße Pflicht begeisterten Mut, daß ich schon nach zwei Jahren den Lehrstuhl besteigen, meine Zwangs-, Not- und Brot- Wissenschaft durch Schriften bereichern und so einen Standpunkt fassen konnte, von welchem aus ich rasch zu Ruhm und äußerem Gluck mich emporgeschwungen und das laute Zeugnis erhalten habe, daß mein Leben der Menschheit nützlich gewesen ist." Feuerbachs umwälzende Tat in der Rechtswissenschast liegt nicht so in der Neuheit seiner Anschauungen als in ihrer systematischen und folgerichtigen Begründung auf dem Boden der Kantschen Philosophie. Seme S t r a s r e ch t s t h e o r i e, die er in mehreren Lehrbüchern niederlegte und in dem überaus einflußreichen bayrischen Strafgesetzbuch von 1813 in die Praxis umsetzte, erweitert die alte Abschreckungs-Lehre zu der des „psychologischen Zwanges". Aus dem Zweck des Staates, die Rechtsordnung aufrecht zu erhalten, folgert er fein Recht und feine Pflicht, dem Bürger durch Strafdrohungen entgegenzutreten. Da der Mensch notwendig von zwei liebeln das kleinere wählt, wird er sich „psychologisch gezwungen" sehen, den ihm innewohnenden Hang zum Verbrechen zu unterdrücken, wenn ihm als das größere liebel schwere Strafe in sichere Aussicht gestellt ist. Er trat damit der Rechtsprechung der Aufklärung entgegen, die durch die Humanität zu einer übertriebenen Milde und durch die Verehrung des gefunden Menschenverstandes zu einer subjektiven Willkür gekommen war, so daß man sich nicht mehr an die Gesetze gebunden glaubte. Infolgedessen war eine beispiellose Unordnung eingerissen; jede feste Grundlage für das richterliche Urteil fehlte. Feuerbach machte den Richter wieder zum Diener des Gesetzes. Die dadurch bedingte Einseitigkeit, die Härte der Strafdrohungen und die übergroße Einengung des richterlichen Ermessens, hat er später selbst gemildert. Er erkannte, daß man den Bogen nicht überspannen dürfe, daß es auch Verbrechen gibt, die nicht der „sinnlichen Triebfeder", sondern einem unwiderstehlichen Drange entstammen, der gar nicht an Strafe denkt, oder einer schlauen Berechnung, die auf das Unentdeckt- Bleiben spekuliert, daß allzu grausame Strafen, indem sie die Gemüter abstumpfen, eine Ursache der Rechtverletzung werden können. Aus diesem Geiste heraus setzte er, als er 1804 nach Bayern berufen wurde, dort die Abschaffung der Folter durch, sehr gegen die allgemeine Ansicht, der selbst der milde und wohlwollende König M ax Jo s e s mit den Worten Ausdruck verlieh: „Möge es Feuerbach verantworten, wenn nun die Verbrecher der Strafe entgehen!" In Bayern war der berühmte Kriminalist, der bald in die neu eingerichtete Minifterial-Juftiz-Adteilung berufen wurde, als „Ausländer" den schwersten Angriffen der Einheimischen ausgesetzt, denen die vielfach bevorzugten Norddeutschen ein Dorn Im Auge waren. Durch die vielen Kämpfe und Kränkungen, durch die Arbeitslast, die auf ihm lag, wurde die ohnehin zarte Gesundheit des feinnervigen, sich in innerer Glut oer- zehrenden Mannes früh untergraben. Während in den Napoleon verehrenden Kreisen Bayerns kein Verständnis für die deutsche Freiheits- Erhebung war, veröffentlichte Feuerbach wenige Wochen nach der Leip- ziger Völkerschlacht die Schrift „lieber bie Unterdrückung und Wiederbesreiung Europas", von der er später schreiben durste: „Es waren dies die ersten freien Worte, welche damals im südlichen Deutschland laut in die Welt hinausgerufen die unheimliche Stille unterbrachen." Im Jahre daraus folgten: „Die Weltherrschaft das Grab der Menschheit" und „U e b e r teutsche Freiheit und Vertretung teut scher Völker durch Land stände", mutige Bekenntnisse, die in Bayern großen Anstoß erregten. Feuerbach wurde nach Bamberg und bann als erster Präsibent des Appellationsgerichts nach Ansbach versetzt. Diese nahe Berührung mit der juristischen Praxis vertiefte noch feine Kenntnis der Mensthenfeele; der Gerichtshof wurde ihm, wie er jagt, „zugleich zu einem Hörfaal, worin ihm gleichsam bie Natur selbst in merkwürdigen Erfahrungen ihre Lehren zu erkennen gab und welchen er daher nur feiten ohne mancherlei Ausbeute entweder für bie Wissenschaft ober für seine klare Einsicht in dieselbe verließ." Auf ber Höhe seines Schassens entftanb nun neben verschiebenen gelehrten Werken seine zweibänbige Sammlung „Aktenmähige Darstellung mertroürbiger Verbrechen", der schon seine „Merkwürbigen Kriminalgerichtsfälle" vorausgegangen waren. Feuerbach erweist sich hier als ber genialste Ergrünber bes Seelenlebens von Verbrechern, unb feinen psychologischen Stubien kann kein andres derartiges Werk, roeber ber alte noch ber neue Pitava 1, erst recht nicht bie Literatur ber Kriminalgeschichten, an die Seite gestellt werben. Aus ber tief erlebten Darstellung „aktenmcißiger" Tatsachen ent- stehen erschütternde, plastisch klare, manchmal dramatisch spannende Kunstwerke; es ist eine unergründliche Fundgrube für die Verirrungen des Menschenherzens, und mit dem düstern Inhalt kontrastiert eigenartig bie klassische Form der Sprache, die erhabene Ruhe des Stils. Daher durfte der österreichische Justizminister Glaser mit Recht die „akten- mäßige Darstellung" ein Buch nennen, „bas nicht bloß keinem Kriminalisten fremd sein darf, sondern als eine seltene Zierde ber beutschen Nationalliteratur allen Gebildeten bekannt sein sollte". Dieser Leistung schließt sich, wenn auch nicht ganz ebenbürtig, die heute verbreitetste Schrift Feuerbachs an, „Kaspar Hauser, Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen", entstanden aus seinem letzten kriminalistischen Erlebnis. Als oberster Richter des Bezirks, in dem der berühmte Findling austauchte, hat er seine Kenntnisse aus erster Hand zu einer lebendigen Schilderung benutzt, die trotz manches Falschen stets die Grundlage für die Beurteilung dieses ungelösten Rätsels bleiben wirb unb zugleich ein Denkmal für bie eble Menschlichkeit, bas tiefe Verständnis und die Gestaltungskraft des Verfasiers ist. Als er mitten im Kamps um Kaspar Hauser am 29. Mai 1833 starb, ging das Gerücht um, er sei wegen feiner warmen Teilnahme am Schicksal des Findlings vergiftet worden. Tatsächlich hatte übermenschliche Arbeit und heißestes Mit- erleben seiner Zeit den Krater dieses Vesuvs vorzeitig ausgebrannt bayerischen Alpen uns besonders nahe, und viele, die sonst glaubten, man müsse in die Schweiz oder nach Oesterreich fahren, wenn man seinen Urlaub im Hochgebirge verbringen wolle, werden jetzt nach Süddeutsch- Vom Bodensee zum Königsee. Von Dr. Alfred Detig. München, im Mai. land kommen. v , ,, ... ... Man kann sich in der Tat kein gewaltigeres und gleichzeitig lieblicheres Erholungsgebiet denken, als jenes Land, das sich in einer Breite von rund 250 Kilometern vom Bodensee bis zum Königsee erstreckt, Hochebene, Borgebirge und schneebedeckte Felsberge, die bis zur Dreitausend-Meter-Grenze ansteigen, wohnen dicht beieinander und gehen ineinander über. Dieses wundersame Gebiet ist übersät mit ungezählten Denkmälern einer alten Kultur, aus denen der Reichtum der Geschichte dieses Landes zu uns spricht. Es ist das Land der Kirchen und Klöster, der Burgen und Königsschlösser, und nirgends finden wir so herrliche Beispiele des deutschen Barocks, als in Südbayern. In den Tälern der bayerischen Berge wohnt ein Menschenschlag, ur- eingesessen und bodenständig, der am hartnäckigsten einen übertriebenen Zivilisationsbetrieb ablehnt und ihm mit Erfolg Widerstand leistet. Diese Tatsache erscheint uns in der heutigen Zeit erst recht bedeutungsvoll und für den, der in einer schönen Natur und unter ruhigen, bedächtigen und biederen Menschen Erholung sucht, erfreulich. Nicht umsonst zieht es eine große Anzahl der Führer des neuen Deutschland immer wieder ms bayeri ehe Hochgebirge, in erster Linie den Kanzler unseres Reiches, weil diese den großen Gegensatz zwischen der Unrast der Großstadt und dem tiefen Frieden von Natur und Mensch, die hier wirklich noch eine Einheit darstellen, am deutlichsten empfinden und erkennen. Welche Wohltat schon allein, wenn man sofort nach der Ankunft die kleidsame, kniefreie Hose, das Leinenhemd und die bunte Trachtenjoppe anziehen kann und mit dieser Tracht, der sogenannten „kurzen Wichs , sich mit Land und Volk verbunden fühlt! Welche Freude, auf Schritt und Tritt uralten Bolksbräuchen und Sitten zu begegnen, die der ehrlichen, einfachen, graben Gesinnung des Oberbayern entspringen, der mit unsagbarer Zähigkeit am Althergebrachten hängt und festhält! Ist es nicht eine Erholung, statt Jazzmusik dem Zitherspiel der jungen Burschen unter der alten Dorslinde zu lauschen, alte, lustige Stanzer! und ernste Volkslieder im altbayerischen Dialekt anzuhören, oder den ewigen Volkstänzen zuzu- chauen, die mehr als tausend Jahre von Geschlecht zu Geschlecht überliefert wurden? Wer Glück hat, und das kann bei der großen Zahl der Volksbräuche in Bayern sehr leicht der Fall sein, erlebt einen feierlichen Ritt der ganzen Bauernschaft oder eine Umfahrt mit den alten bunten Wagen, wie am St. Georg- oder Leonhardi-Tag. Mensch und Tier glänzen im Feststaat, man sieht die wunderbarsten Trachten der Vorzeit, Rieqelhauben und Mieder, Spitzhüte und lange bunte Röcke, kurz alles, was in tausendfacher farbiger Abwechslung von den Vorfahren ererbt wurde und treu behütet wird. Die modernen Verkehrsmittel haben uns nun von Jahr zu Jahr dieses Gebiet immer näher gerückt. Die Elektrifizierung der wichtigsten Reichsbahnstrecken in Süddeutschland, das Flugzeug, das neuerdings auch von München aus die wichtigsten Fremdenverkehrsorte im bayerischen Hochland aufsucht und die Gäste in wenigen Minuten von der Großstadt an den Ort ihrer Erholung inmitten der Berge befördert, und viele andere moderne Einrichtungen, wie die zahlreichen Kraftpostlinien, verkürzen die Fahrzeiten aus dem ganzen Reich bis in die entlegensten Alpentaler und Alpendörfer immer mehr. Die Verbindungen sind derart hervorragend, daß der Herr Reichskanzler nunmehr so recht den Begriff des Berliner Wochenendes im bayerischen Hochgebirge praktisch geschaffen und einleuchtend vor Augen geführt hat. Verkehrstechnisch ist also d,e Möglichkeit gegeben, in wenigen Stunden aus einer Großstadt des Reiches in die bayeri chen Alpen zu gelangen. Reichsbahn, Lufthansa und Reichspost bemühen sich gemeinsam, mit der Verkürzung der Fahrzeiten auch eine Verbilligung der Fahrpreise Hand in Hand gehen zu lassen. Auf diesem Gebiete ist manches geschehen und wird vieles vorbereitet. Die Urlaubskarte bleibt auch in diesem 5orn= wer bestehen bei gleichzeitiger Verlängerung ihrer Gültigkeitsdauer, Ge- sellschaftsfahrten werden erleichtert, die verbilligten Sportzuge von München verkehren immer häufiger und sahren mit Schnellzugsgeschwindigkeit, um nur einige Neuerungen anzuführen. Seit dem Sommer 1931 gtbt es während der Reisemonate eine wunderbare Kraftpostverbmdung vom Königsee bis zum Bodensee, die regelmäßig in zwei Tagen die ganze Strecke als Ouerverbindung von Tal zu Tal v o n B e r ch t e s g a b e n bis Lindau zurücklegt, und die dem Reisenden gemächlich einen eindrucksvollen Gesamtüberblick über die bayerische Alpenwelt vermittelt 482 Kilometer werden auf dieser Linie zuruckgelegt und der iZahrgast bekommt die wichtigsten Kur- und Fremdenverkehrsorte und die landschaftlich bedeutendsten Gebiete der ganzen deutschen Alpen zu> sehen. J Es ist unmöglich, in diesem Rahmen das weite deutsche Alpenland zu beschreiben. Ein paar wenige Stichworte, ein paar Striche sollen im Umriß die schönsten Gegenden hervorheben. Ans Bodenseegebiet und den Bregenzer Wald schließt sich ostwärts das Allgau an mit semen grunen Matten und herrlichen Almen, von denen der berühmte Allgäuer Käse in die Täler herniederrollt. Der wichtigste Fremdenverkehrsort des Allgäu« ist Oberstdorf mit seiner wunderbaren Seilschwebebahn auss Nebelhorn. Die gewaltigsten Bergriesen umschließen den weiten Oberstdorfer Talkessel und nach allen Seiten strahlen prächtige Hochgebirgstäler aus. Das kleine Walsertal, das Birgsauertal und das Tal von Spielmannsau vermitteln unbeschreibliche Eindrücke. Kein Kr°ltwagen darf in die heilige Stille dieser Täler eindrtngen. Wir verlassen dieses Es scheint uns ein erfreuliches Zeichen zu sein, daß der nationale Umschwung in Deutschland auch eine Bevorzugung der Jnlandreisen mit ich gebracht hat. Ganz von selbst, seiner inneren Stimme folgend, sagt ich heute jeder Deutsche, daß er zunächst einmal sein eigenes VateAand, eine schöne deutsche Heimat gründlich kennen muß, ehe er seine Schritte iber die Reichsgrenze lenkt. Und so stehen auch heuer unsere herrlichen Märchenland mit seinen zahlreichen Wasserfällen, seinen schönen Höfen und seinen schroffen Felsenwänden und folgen nach Norden dem Tal der Iller. Durch das malerische Dorf Fischen, das sich an die auf zackigen Felsen ruhende Schöllenger Burg anschmiegt, gelangen wir nach Hindelang und dem benachbarten berühmten Bad Oberdorf, und bann nach Jmmenstadt mit bem Grünten als Wahrzeichen. Auf dem Wege ins Werbenselser Lanb liegt ostwärts bas weitverzweigte Pfronten, besten dreizehn Ortschaften ein weites, blumiges Tal aussüllen. Wir kommen nach Füssen, der ehemaligen Bischofsresidenz, mit seinen romantischen Bergseen und den benachbarten Königschlössern Hohenschwangau und Neuschwanstein. Den Allgäuer Bergen vorgelagert ist das weltberühmte Heilbad Wörishosen, die Wirkungsstätte des Pfarrers Kneipp, der hier nach feiner Natur-Wasterheil- methode (Kneippkur) Wörishofens Ruhm begründete. Seinem Verfahren dienen heute die modernsten Einrichtungen und Heilmittel. An der langgestreckten Alpenkette entlang gelangen wir ostwärts ins Werdenfelfer Land, wo der beste bayerische Jodler wächst und der höchste deutsche Berg, die Zugspitze, zum Himmel ragt. Garmisch- Partenkirchen kennt jedes Kind in Deutschland bem Namen nach unb mit diesem festen Begriff verbindet sich die Vorstellung einer unerhört schönen Bergwelt, verbinden sich Bergseen und wilde Schluchten, ewiger Schnee und schroffe Felsenriffe. Diese Schwesternorte besitzen drei Bergbahnen, auf die Zugspitze, aufs Kreuzeck und den Wank, die auch denen die Wunderwelt des Hochgebirges erschließen, die körperlich nicht in der Lage sind, Bergtouren zu unternehmen. Unweit Garmisch liegt das Passionsborf Oberammergau mit seinen schönen bemalten Häusern im unversälschten Stil ber oberbayerischen Gebirgsdörfer, liegt das höchst gelegene Moorbad Deutschlands, Kohlgrub, unb liegt schließlich am lieblichen Staffelsee bas altvertraute M u r n a u. Mit der Mittenwaldbahn kommt man in bas alte Geigenbauerbors Mitten- raalb vorbei an Kainzenbab mit ber berühmten Partnachklamm. Besonders beliebte Sommerfrischen bieten ber Koche 1 see mit dem Orte Kochel, unb das Gebiet des Tegernsees und Schliersees. Am Tegernsee hat das Jodbad W i e s f e e feit dem Kriege einen gewaltigen, geradezu amerikanischen Aufschwung genommen und es kann gegenüber dem alten Ruhm des Jobbades Tölz, zu dem Bad Heilbrunn gehört, [einen Rang behaupten. Am Südzipfel des Tegernsees liegt in lieblichster Lage der Doppelort Rottach-Egern und weiter talein- wörts bas Wildbad Kreuth. Von Schliersee dagegen kommt man nach Bayrischzell in den hintersten Winkel des abgelegenen Gebirgstales am Fuße des Wendelsteins. Eine alte Bergbahn führt auf diesen herrlichen Aussichtsberg. Auf der anderen Seite des Wendelsteins, nahe des Inn, liegt unweit von Bad Aibling die schöne Sommersrische Feilnbach und von dort findet man leicht den liebergang und den Weg in den Chiemgau und ins Berchtesgadener Land. Hart an der Tiroler Grenze kommen wir in das alte Dorf am Inn Oberaudorf mit dem verschwiegenen Hechtsee. . __ ,, Im Berchtesgadener Land öffnet sich uns eine neue Welt. Eine scharf gegliederte Kette wuchtiger Bergmassive umgibt dieses köstliche Gebiet, und in den Fluten des märchenhaften Königsees spiegeln sich zweitausend Meter hohe Felswände. Das bayerische Staatsbad Reichenha 11 mit dem benachbarten Bayrisch-Gmain ist eines der größten und bekanntesten Bäder der Welt für Asthmaleidende. Die Dame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) 10. Als ihr Herr am Mittwoch immer noch nicht zurückgekehrt war, entschloß sich Frau Schnee auf den Rat eines Nachbarn, zur Polizei zu gehen. Sie zwängte zu diesem Zweck ihre Körperfülle in das Schwarz- seidene, das sie seit dem Ableben ihres Seligen nicht mehr getragen hatte Denn sie erwartete, Herrn Grau beftenfalls als Leiche wieberzusehen, und war darauf bedacht, sich dieser Situation in jeder Hinsicht gewachsen zu ^^Auf der Polizei steckten die uniformierten Herren die Köpfe zusammen, und der eine rief ins Nebenzimmer: Hören Sie, Becker, da ist eine Frau, die eine Abgängigkeitsanzeige machen will. Grau, Kunstmaler — ist das nicht der Mann, der vor ein paar Tagen zu uns gekommen ist? Kommissar Kling, glaube ich, behandelt die Sache." . . , Silina ist zur Zeit verreist", antwortete von drinnen eine Stimme. Schicken Sie die Frau auf Zimmer 108 ju Wachtmeister Reuter. Wir haben Order, alles, was in der Sache einläuft, an ihn weiterzugeben. Der braven Frau Schne fuhr ein lähmender Schreck tn die Kme. Al,o wußten die hier schon etwas von dem Schicksal ihres unglücklichen Herrn. Wie auf Bestellung begannen ihre Tränen zu rinnen. Zitternd erklomm sie die zwei Treppen unb folgte mit verschwimmenben 21ugen einer Un= zahl von Nummern, bis sie enblich zaghaft an bie Tur von Nr. 108 klopfte. (Ftn knurrender Baß kante herein! Unb beinahe wäre ber alten Dame der perlenbestickte Pompadour aus der Hand gefallen, als sie sich plötzlich jenem „besseren Herrn gegen- übersah ber sich am vergangenen Sonntag so anregend mit ihr unterhalten hatte. Auch er schien sie auf den ersten Bück wieberzuerkennen, denn er streckte ihr mit wohlwollendem Schmunzeln die Hand entgegen, in die sie zögernd und nicht ohne ein leises Mißtrauen ihre mit einem feierlichen schwarzen Zwirnhanbschuh bekleidete Rechte legte. Er führte sie zu einem Stuhl. Tsa - meine liebe Frau Schnee, richtig, Veronika Schnee war ja der "Name — so sieht man sich wieder!" nickte er zutraulich „Ich hatte ja immer erwartet, daß Sie uns einmal besuchen mürben, aber... Jetzt fanb Frau Schnee enblich ihre Sprache roieber. Nur ber Kopf wackelte noch beirrt auf bem faltigen Hals. Ihr bescheibenes Gehirn vermochte die unerwartete Begegnung noch nicht zu registrieren. „Aber wie kommen Sie denn hierher, Herr — Herr Reuter? Reuter lächelte vergnügt. . _ „ „Ich bin hier sozusagen zu Hause, meine liebe Frau Schnee. Der Kopi der guten Alten wackelte immer starker. , Aber damals sagten Sie doch, daß Sie in Berlin wohnen. Und daß -ir ----..Mn-.. «- » ->» W» »° -m »mm-,-->«,» steckt er denn?" ^Wir haben^ihn ein wenig bei uns in Pension genommen. Auf seinen eigenen Wunsch übrigens. Wenn Sie nicht selbst gekommen waren Frau Schnee, hätte ich heute einen unserer Leute zu Ihnen hmausge schickt, um ein wenig Wäsche und dergleichen für Herrn Grau holen zu lassen. Er ist sür einen längeren Aufenthalt in unserm Hotel denn doch zu mangel- gute fünf Minuten, bis der guten Frau Schnee die Zusammenhänge zu dämmern begannen. Und als enMtd) die ^ntchchen sich in ihrem Gehirn zu einem einigermaßen klaren Bild verdichtet hatten, faltete sie wie betäubt die Hände und ein Gießbach von .tränen überflutete die Jettbrust ihres Schwarzseidenen. Großer Gott, wer hätte so etwas von Herrn Grau gedacht! Wo doch der' selige Herr die Rechtschasfenheit selbst war! Ein Gluck, daß er das nicht mehr erleben mußte!" . Sie sah sich gezwungen, ihr Reservetaschentuch anzugreifen, das gc= stickte Brauttaschentuch mit der echten Spitzenkante, mit dem sie eigentlich den Leichnam ihres Herrn zu beweinen beabsichtigt hatte. Denn ihr baumwollenes Sacktuch reichte nicht aus. Aber wer hätte auch ahnen können, dah so außergewöhnliche Nachrichten sie zu so außergewöhnlichen Ge- mutserschütterungen veranlassen würden! Endlich nach einem energischen Schnauben, hatte sich Frau Schnee so weit gefaßt, daß sie die ihr nächst wichtige Frage zu äußern imstande war. , „Und wird Herr Grau — nun überhaupt nicht mehr nach Hause kommen?" Reuter wiegte seinen runden Schädel. „Na, na, das will ich nicht hoffen, Frau Schnee." Nämlich, es ist, weil ich mich doch nach etwas anderem umfehen muß. Man 'ist ja leider darauf angewiesen. Wenn man auck> einmal bessere Tage gesehen hat. Gott ja! Sie wissen ja, wie das geht. Reuter machte ein todernstes Gesicht. Ich weiß, verehrte Frau Schnee. Ihr Mann war ja Steuermann, und" wenn er nicht immer seine ganze Heuer vertrunken hatte, konntet Sie setzt ein Haus im Grünewald haben und ein Auto dazu! Das Schicksal ist eben nicht gerecht, ich weiß es. Und darum denke ich, wäre es das beste sür Sie, vorläufig ganz ruhig abzuwarten, ob Ihr Hexx nicht doch bald wieder nach Haufe kommt." , , Frau Schnee richtete sich, soweit ihre Gestalt dies überhaupt zulieh, kerzengerade auf und erklärte in tiefster Entrüstung: „Was fallt Ihnen ein Herr Reuter! Keinen Tag diene ich länger bei einem Herrn, der... Gott soll mich bewahren! Ich bin eine unbescholtene Frau. Lieber ver- hungern ’ D-r Wachtmeister fand, daß es mit dem Verhungern bei der braven Frau Schnee eine Komplikationen haben dürfte. Aber er ließ seine Betrachtungen nicht laut werden. Er setzte sich ihr gegenüber und strahlte sie aus seinen blauen Augen vertrauenerweckend an. .Meine liebe Frau Schnee, ich muß Sie noch um Entschuldigung bitten, daß ich mich am vergangenen Sonntag unter falscher Etikette m Ihr Vertrauen geschmuggelt habe. Aber es ging leider nicht anders. Einem Kriminalbeamten hätten Sie sicher nicht so bereitwillig Auskunft gcoeben. Und sehen Sie, liebe Frau, gerade Ihre Aussagen sind von allergrößter Wichtigkeit sür das Schicksal von Herrn Grau. Sie dürfen ihn und uns jetzt nicht im Stich lassen. Denn Sie sind der einzige Mensch, der in den kritischen Tagen um ihn war. Wir rechnen stark auf Ihre Unterstützung, verehrte Frau Schnee!" ... Der Ton verfehlte seine Wirkung nicht. Frau Schnee quoll förmlich auf im Hochgefühl ihrer Wichtigkeit. Reuter fuhr fort: , Sie haben mir doch neulich gesagt, daß Herr Grau an einem Bild gemalt hat. In jener Zeit, als er sich immer in seinem Atelier einschloh und niemanden zu sich ließ. Das Bild meine ich, das Sie niemals zu Gesicht bekommen ljaben. Wissen Sie eigentlich, wo dieses Bild hm- gekommen ist?" „Nein, darüber kann ich rein gar nichts sagen. Eines Morgens war es fort. Ich denke mir, dah Herr Donald es selbst aus dem Haufe geschafft hak." ..Schon möglich. Und noch etwas. Erinnern Sie sich, ob Herr Grau in der letzten Zeit einmal mit der Post einen Geldbetrag bekommen hat?" Die Alte nickte so lebhaft, daß ihr Jetthütchen ins Rutschen kam. , Ja, freilich erinnere ich mich! Es kommt ja leider nicht häufig vor, daß zu Herrn Grau der Geldbote kommt. Und es muß keine kleine Summe gewesen sein, denn der Postbote sagte noch im Spaß zu mir: ,So, jetzt kann Herr Krau sich ein Schloß bauen lassen!'" „Na, das war wohl ein bißchen übertrieben! Wann war denn das? Besinnen Sie sich doch einmal!" Frau Schnee rieb sich ratlos die Stirn. „Sie müssen entschuldigen, es fällt mir beim besten Willen nicht mehr ein. Aber länger als vierzehn Tage ist es bestimmt nicht her." Wachtmeister Reuter ging nachdenklich im Zimmer auf und ab. Dann blieb er wieder vor Frau Schnee stehen. „Hören Sie, Frau Schnee, suchen Sie doch mal bei Herrn Grau zu Hause alles ab. Vielleicht finden Sie noch irgendwo einen Brief oder eine Vostbescheinigung, aus der hervorgeht, daß er in der letzten Zeit ein Bild fortgeschickt hat. Haben Sie beim Saubermachen Papiere verbrannt?" hieße. (Fortsetzung folgt.) Frau Schnee nickte schuldbewußt. Ja einen ganzen Papierkorb voll. Und alles, was so herumlag. Wenn es nach Herrn Donald ginge, würden wir in Papieren ersticken. Er wirft ja nie etwas fort." , Um so besser! Vielleicht findet sich das Papier, auf das ich es ab- gesehen habe, doch noch irgendwo. Gehen Sie jetzt nach Hause, liebe Frau Schnee. Und suchen Sie, suchen Sie, was Sie nur können! Er reichte ihr zum Abschied die Hand und brachte sie bis an die Treppe, damit sie sich in dem ausgedehnten Gebäude nicht verlaufen sollte. Als Frau Schnee endlich wieder auf der Straße stand und vor einem Schaufenster das verfchobene Hütchen zurechtrückte, hatte sie das erhebende Gefühl, daß von ihrer Person das Schicksal ihres Brotherrn abhing. * Inzwischen saß Kommissar Kling im Speisewagen des V-Zugs Berlin—Königsberg und starrte abwesend zum Fenster hinaus. Vor ihm auf dem Rand seiner Kaffeetasse verschwelte eine halbgerauchte Zigarette, was ihm die mißbilligenden Blicke einer ihm gegenübersitzenden ältlichen Dame eintrug Aber die Gedanken Klings waren auf andere Dinge als die empfindlichen Stimmbänder seiner Mitreisenden gerichtet. Er sah ein wenig angegriffen aus, wie nach einer schlaflosen Nacht. Und von seinen Mundwinkeln abwärts grub sich eine mißvergnügte Furche. Zum erstenmal in seinem Leben war Kommissar Kling mit sich selbst im Unreinen Seine eigenen Handlungen erschienen ihm zuweilen unverständlich und ohne Logik. Wie zum Beispiel diese Reise, zu der er sich an diesem Morgen urplötzlich entschlossen hatte. Nicht etwa, daß Kling onst schwerfällig von Entschlüssen gewesen wäre. Im Gegenteil, es kam sogar häufig vor daß er Hals über Kopf eine Dienstreise antrat. Dann aber verfolgte er damit stets einen ganz bestimmten Zweck. Oder er war sich doch zum mindesten felbst darüber klar, worauf er mit seiner Exkursion hinaus- wollte. Wenn ihn dagegen heute jemand gefragt hatte, warum er diese Reise eigentlich unternommen hatte, so hatte er als einzigen Grund nur die Eingebung seines Instinkts dafür ins Treffen fuhren können, ein Argument, das wohl kein Kriminalfachmann als stichhaltig anerkannt haben würde. Und Kommissar Kling hatte auch bereits etwas davon zu spüren bekommen. Er hatte nämlich am Tage vorher, nach einer langen und ausführlichen Unterredung mit Dr. Morris, ein Telephongefprach mit Berlin geführt, und dieser Kriminalbehörde den Fall Grau noch einmal dringend ans Herz gelegt. Aber er war einem durch nichts zu über- windenden passiven Widerstand begegnet. Ma» hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß man weder Lust noch Veranlassung habe, sich nut einer Sache zu befassen, die jeder tatsächlichen Basis entbehicke. Man könne doch unmöglich das Gefasel eines hergelaufenen Menschen zum Anlaß nehmen, einen unbescholtenen und harmlosen Burger mit Haussuchungen und anderen polizeilichen Maßnahmen zu belästigen. Man stellte es Kling anheim, auf eigenes Risiko weitere Erhebungen zu pflegen und beendete das Gespräch mit der immerhin tröstlichen Versicherung daß falls diese Erhebungen wider Erwarten positive Resultate zu Tage sördern sollten, ihm die Berliner Kriminalpolizei ihren Beistand natürlich nicht versagen würde. Kommissar Kling hatte eine ganze Nacht lang mit sich gekämpst. Er wußte, daß er mit dieser Sache feine aussichtsreiche Karriere aus- opiel fetzte. Daß er unrettbar dem Fluch der Lächerlichkeit Versalien war, wenn seine Witterung versagte und er sich geschlagen geben mußte. Aber sein । Ehrgeiz und der durch das ablehnende Verhalten der Berliner Behörde ! poch verschärfte Eigensinn in ihm gewannen die Oberhand. Dazu kam noch das Gutachten von Dr. Morris, den er trotz fl>ner Jugend für eme , psychiatrische Kompetenz hielt. Sein Urteil über Donald Grau hatte dahin - gelautet, daß der junge Mann geistig vollkommen normal sei wenn auch in hohem Maße suggestibel und von einer ungewöhnlichen Sensibilität. Er betonte ausdrücklich, daß Grau den Eindruck eines durchaus glaub- i würdigen Menschen mache, und daß ihm ein Betrug ober absichtliche 6nh i stellunq der Tatsachen nicht zuzutrauen sei. Er gab offen zu, daß er sich in der komplizierten Psyche des Patienten selbst noch Nicht restlos aus- kenne und noch irgendwelche unerschlossene Hintergründe ahne. Aber das Gesamtbild ei doch ziemlich klar und der allgemeine Eindruck so günstig, daß Morris sich ernsthaft dafür ausfprach, den Fall nicht auf die leichte Achsel zu nehmen. Und so war es gekommen, daß der Kommissar sich entschlossen hatte, auf eigene Faust zu handeln. Er wiederholte sich noch einmal die wenigen Tatsächlichkeiten, die ihm als Anhaltspunkt dienen konnten, und baute darauf feinen Aktionsplan auf. Da es ihm ohne den Beistand der Berliner Polizei vorläufig nicht möglich war, sich mit der Personjenes Caspar Fuchs in der Jiivalidenstraße näher zu befassen, so versuchte er, die Sache am entgegengesetzten Zipfel anzupacken. Die Adresse, die Donald Grau auf dem Deckel der Bilderkiste gelesen haben wollte, bot ihm eine neue Handhabe. Seine Nachsorschungen ergaben, daß tatsächlich ein Graf Werdenburg-Kolinsky in der Nahe von Marienburg in Ostpreußen seinen Herrensitz hatte. Möglicherweise ver- mochte dieser irgendwelche Auskünfte zu geben, die $u neuen Wegen führten Vielleicht auch lief die neue Spur ganz von felbst zu Caspar Fuchs zurück und gab ihm die ersehnte Gelegenheit, mit die em Fischs eine Verbindung anzuknüpsen. Oder... Kling unterbrach ,ah seinen Ge- dankenqang und bohrte seinen Blick in das Zeitungsblatt, das die empsmd- same alte Dame zum Schutz gegen den Zigarettenqualm vor sich auf- gepslanzt hatte. Aus dieser harmlosen Seite der „Vossischen Zeitung hatte ihn plötzlich der Name Fuchs angesprungen. Oder war es nur die Spiegelung seiner Gedanken, die sich eben noch so intensiv nut die,em Namen beschäftigt hatten? Aber nein, er täuschte sich nicht! Dort, inmitten einer Unzahl schwarzumränderter Anzeigen, stand in fetten Lettern „Fuchs". Ja, es schien ihm sogar, als ob der Vorname Caspar verantwortlich. Dr. Hans Thyriot. -Druck und Verlag: BrÜhl'sche Universitüts-Vuch. und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.