SichenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M3 Montag,-en 28.August Nummer'bö Abend. Von Stefan Georg«. Der Hügel, wo wir wandeln liegt im schatten, indes der drüben noch im lichte webt, der mond auf seinen zarten grünen matten nur erst als klein« weiße wolke schwebt. Die straßen weithin-deutend werden blasser, den Wandrern bietet ein gelispel halt: ist es vom berg ein unsichtbares wasser, ist es ein vogel, der sein schlaflied lallt? Der dunkelsalter zwei, die sich verfrühten, verfolgen sich von Halm zu Halm im scherz... der rain bereitet aus gesträuch und blüten den duft des abends für gedämpften schmerz. 3n der Königsgrust von Gt. Denis. Von Maria Josepha Krück von Poturzyn. Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem bei der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin, erschienenen Buche „K a i s e r I o s e p h d e r Deutsche" von M. I. Krückvon Poturzyn, in dem das Leben dieses Kaisers, der stolz war, ein Deutscher zu sein, vor dem farbigen Hintergründe seiner Zeit geschildert wird. Die nachstehende Textprobe beschreibt einen Besuch Josephs bei Ludwig XVI. und Marie Antoinette in Paris. Endlich, als Joseph ganz Paris gesehen hatte, alles, was die Könige von Frankreich nur mehr dem Namen nach kannten, fragte er Ludwig XVI. nach der Gruft von St. Denis. — Ich habe diese Abtei nie betreten, sagte der Schwager. Joseph, aus dem Geschlecht jener Habsburger, die ihre Grüfte besser kannten als ihre Paläste, erstaunte. — Wirklich, fragte Ludwig erheitert, verschaffst du dir oft dieses Vergnügen? — Ich dachte, Antoinette hätte dir erzählt, daß unsere Mutter zweimal im Monat nach der Kapuzinergruft geht, ich selbst, wir alle, tun es zuweilen. — Du machst mir Lust, Bruder, in deiner Gesellschaft ein Kotelette in St. Denis zu verspeisen ... Aber wie? Was würden dazu die Register der Großzeremonienmeister von Frankreich sagen? Wir Könige haben uns in Versailles zu langweilen, lieber solchem Abenteuer käme es zu Streitigkeiten zwischen dem Oberhofprediger und den Herren von St. Denis, zwischen dem Oberstallmeister und dem Eroßzeremonienmeister. Dann würden die Kammerherren kommen und die Palastwächter, man »vurde Denkschriften verfassen, sich beklagen, protestieren... Und inzwischen wärest du abgereist. — Parbleu, rief der Kaiser, du kannst dich wirklich der Unabhängigkeit rühmen! — Da siehst du es, schmollte Marie Antoinette, was ich in Versailles vorgefunden habe, und du wirfst mir vor, mich dagegen aufzulehnen! Aber — sie schmeichelte und sprach deutsch — ich möchte so gern nach St. Denis mit dir! — Gut, gehen wir zu dritt, inkognito, zu Mitternacht. Ein versiegelter Brief soll dem Prior der Gruft eine ausländische Familie melden. _ Das Königspaar klatschte in die Hände, sie freuten sich kindlich, ihren »chranzen diesen Streich zu spielen. Endlich ein Spaß, der neu war '■nmitten jener Vergnügungen von ewigem Einerlei. Im letzten Augenblick entschloß sich Marie Antoinette, die Prinzessin D°n Lamballe mitzunehmen. Die konnte mit dem König gehen: sie selbst wollte heut nacht den Bruder zum Führer. Der König mimte geduldig sein großes Taucher, sein kleines Coucher, k°g sich dann wieder an mit Hilfe eines einzigen Kammerdieners, auch 3ei der Königin gelang der Streich, und der Kaiser stellte sich rechtzeitig ein. An eine Säule gelehnt stand Marie Antoinette und lachte Tränen, *as Spitzentuch dämpfte nur schlecht den Laut. Ludwig schmunzelte, der Kaiser horchte ... War das nicht ihr Kinderlachen aus der Wiener Burg ~ immer noch — trotz aller Schminke von Versailles? In den Gängen wurde es rege, Schritte kamen heran. Da warf der Kaiser seinen Soldatenmantel über ihren Kopf, trug ne Königin von Frankreich als zappelndes Bündel zum Wagen. Beinahe nntte der König darüber die Fassung verloren. lieber St. Eloud, Bois de Boulogne, Chemin de la Revolte ging es. St. Denis war in großer Aufregung: man vermutete hinter dem Angekündigten den Kaiser. Rur er konnte von allen Ausländern solchen Einfall haben. Niemand dachte an das Königspaar. Ein Page, als Jockei verkleidet, meldet die Ankunft der Herrschaften. — Ihr Name? — Ich erinnere mich nicht gut... Wenn Ihr neugierig seid, könnt Ihr selber fragen. Der Großprior und zwei Akolythen erschienen zur Begrüßung an der Pforte. In einem Saal waren Erfrischungen bereit, der König aß mit gutem Appetit. Jetzt erkannte der Prior die Gäste. In stummer Ehrfurcht wahrte er das Inkognito, führte selbst durch die Kirche. Der Kaiser mit Marie Antoinette, Ludwig und die Prinzessin folgten. Auf riesigen Armleuchtern brannten Kerzen, eintönig schallte die Stimme der Mönche, sie sprachen von Ludwig dem Heiligen, der den Bau vollendet. An den Mausoleen der Merovinger und Karolinger kamen sie vorbei, unaufhörlich traten ihre Füße illustre Namen, vor Hugo Eapet, dem Ahnherrn, blieb Ludwig stehen — ein Erster und ein Letzter sahen sich an. Unruhe erfaßte das Königspaar, sie rückten eng aneinander. Vor einem offenen Gewölbe faßte der Kaiser den Prior am Arm: — Wohin führt das? — In die Gruft der erlauchten Fürsten des Hauses Bourbon! — Hier also liegen Heinrich IV. und Ludwig XIV., rief der Kaiser lebhaft, gehen wir hinunter! Er trat zurück: — Die Erben voran! sagte er zu Ludwig und Marie Antoinette, die über dem Scherz erblaßten. Zögernd gingen sie vor ... Eine Stiege mußte man niedersteigen, an ihrem Ende versperrte ein schwarzverhangener Sarg den Weg, der Samt trug die Wappen von Frankreich und Navarra, die Königskrone mit den Lilien. Die Mönche rückten den Sarg beiseite, ganz nebenbei fragte Ludwig: — Wer ist das? Der Prior erschrak, mit (eifer Stimme, sich tief neigend, flüsterte er: — Der Sarg des Vorgängers Seiner Erlauchten Majestät Ludwigs XVI. ... — Was, rief Ludwig, fein Inkognito vergessend, ist das ein würdiger Platz für unsere Vorfahren? Da zogen die drei Mönche ihre Kapuzen über das Gesicht und warfen sich vor ihrem König auf die Knie. Es wurde totenstill für einen Augenblick, auch unter diesen Lebenden. Dann hob der König sie auf, und der Prior sagte zur Königin: — Madame, den Vorschriften der Könige von Frankreich gemäß muß jeder an dieser Stelle auf feinen Nachfolger warten, bis er beigefetzt wird. Hier dieser Kandelaber brennt Tag und Nacht, er trägt so viel Kerzen, als des Königs Regierung Jahre gezählt hat: Der König und die Königin sanken in die Knie, dumpf tönte ihr De Profundis durch die Gruft... Plötzlich erhob sich ein Wind, dreimal flatterte das Leichentuch Ludwigs XV., an den Kandelabern erloschen die Kerzen... Nur siebzehn Lichter noch zitterten im Dunkeln. Mit einem Schrei warf sich Marie Antoinette in Ludwigs Arme, die Prinzessin von Lamballe schlug ohnmächtig zu Boden. — Gehen wir, sagte der Kaiser. Da faßte sich Ludwig. — Mon Pere, ich will aus dem Grabe meiner Vorfahren beten, führen Sie mich zu der Stelle, wo Heinrich IV. und Ludwig XIV. mich erwarten. — Sire, ich komme mit! rief Marie Antoinette. Sie gingen hin, allein. Eine halbe Stunde wartete der Kaiser: als sie wiederkamen, waren ihre Züge verstört. Kein Mensch sprach mehr ein Wort. Im Wagen, der nach Versailles zurückfuhr, saß Marie Antoinette zwischen den beiden Männern. Ludwig lehnte zusammengefunken in der Ecke, in jener kranken Apathie, vor der sie Mitleid ergriff. Des Kaisers Augen starrten in den dämmernden Morgen, fern war auch er. Nw unter der weißen Seide feines Waffenrocks sah sie das Herz, wie es fick hob und senkte. An diesem Morgen hoffte er auf Marie Antoinettes Einsicht, zun Heil für Frankreich, zum Heil für Europa. — Als Oesterreichs Gesandter der Vicomtesse d'Adhemar jenen Besuch iu St. Denis erzählte, wiederholte sie düster: — Siebzehn Kerzen — siebzehn Jahre ... — Der Kaiser sprach von einer Verdünnung der Luft durch den Zugwind, erwiderte er rasch. — Möge der Kaiser recht behalten, sagte sie, und nicht Gras St. Germain, der ein großer Physiker ist und doch lehrt, daß es Dinge gibt, di« über dem physikalischen Zufall stehen ... Im Jahre 1791, als man den sechzehnten Ludwig gefangennahm, war er siebzehn Jahre lang König gewesen. Man sage nicht, dah ein -und nicht auch schadenfroh fein tonne. Diese reinste Freude ist durchaus nicht nur dem Menschen Vorbehalten. Ich sollte einen schlagenden Beweis dafür erhalten. Natürlich war es Nigra, die ihn lieferte. . Während die Meute in einem Nebenhause über dem Hos eine Schlaf- stelle besaß, war Nigra hie Einzelstellung verliehen worden, im Ankleide- zimmer meiner Tante ein filmdivamäßig kokett verziertes Schlaskörbchen benutzen zu dürfen, und obendrein war ein richtiges An- und Auskleidezeremoniell eingeführt worden, an dem der ganze Haushalt beteiligt war. Denn es war gar nicht so einfach, Abend für Abend den dichten Lockenwald sein säuberlich zu bürsten und zu kämmen. Wenn Nigra dann in ihrem Körbchen lag, mit der roten seidenen Steppdecke zugedeckt, dann, beneidenswertes Los, steckte die Herrin ihr Abend für Abend ein prachtvolles Stück Nugat in das feuchte Schnäuzchen. Dann legte Nigra zufrieden das Köpfchen auf die Seite und schlief ein. Und ich aß Nugat leidenschaftlich gerne, aber ich kriegte keines. Ich sand das wenig ver- wandtschaftlich, und obgleich ich sehr sriedlich und wenig ausrührerisch bin, protestierte mein sehnsüchtiger Magen eines Tages doch, und ich stotterte in wunschvoller Verlegenheit: „Kann ich nicht auch einmal ein Stückchen Nugat haben?" Natürlich verstand Nigra jedes Wort, das man sprach, so steckte ße denn bei diesem Gestotter das Schnäuzchen noch einmal neugierig über den Rand des Schlafkorbes und sah die Tante mindestens eben so sra- gend an wie ich, denn sie war absolut nicht aufgelegt, ein nur ihr verliehenes Privileg mit irgendeinem Menschen zu teilen. Ader die Tante schüttelte verneinend das Haupt. „Jungen Damen sind Süßigkeiten vor dem Schlafengehen schädlich." Meine Wohlerzogenheit verbot mir, zu widersprechen mit dem Vermerk, dah Nigra auch nur eine junge Dame sei ... und so schwieg ich denn. Die Hundedame in ihrem Körbchen aber grunzte befriedigt auf, leckte sich noch einmal und legte die Sache dann scheinbar zu den Akten. Aber nur scheinbar. Denn von diesem Tage an ge- schah folgendes: Nachdem Nigra abends ihren Obolus empfangen, und nur dann, wenn ich dabei war, verzehrte fie ihn mit einem herausfordernden I Schmatzen ganz langsam und genießerisch, die Töne endlos ziehend, wie ein Tenor auf dem hohen C, und die ganze spitzbübische Physiognomie sagte deutlich: „Aetsch!" Nigra war unartig gewesen, sehr unartig. Das bedingte natürlich Strafe. Aber war für eine? Eine ganz schwere wurde beschlossen. Nigra durste am großen Nachmittagsspaziergang in den Wald (und in dem Waldhause gab es sllr die Meute frische Würstchen!) nicht teilnehmen. Das war bitter. Zur gewohnten Stunde verließ alles festlich gestimmt das Haus, Nigra aber wurde im Zimmer eingeschlossen und versalzte uns, am Fenster sitzend, mit den Augen, die bis an-den Rand mit Vorwürfen gefüllt waren. Wir waren fröhlich und guter Dinge, dachten mehrmals unterwegs der armen Gefangenen und freuten uns auf ein Wiedersehen. Aber es kam anders, als wir gedacht hatten. Nigra bewies wieder einmal, daß sie ein Tier von eigenartigem Charakter war, keineswegs gewillt, eine Streife von solcher Härte in Demut hinzunehmen. Als wir nach Hause kamen, stießen wir nämlich auf die Spuren einer groß angelegten Racheaktion, lieber» legt und strategisch einwandfrei durchgeführt. Die Tante hatte am Morgen einen Strauß herrlicher Treibhausnelken erhalten, an dem sie ihre Helle Freude hatte. Im Kristallglas standen sie auf dem Flügel und machten das Zimmer überaus festlich. Die Nelken ... wo waren die Nelken ... und wo war Nigra? ... Die Nelken ... von ihnen ragten nur noch einzelne Stengel, wie ein vom Wirbelsturm getroffener trauriger Wald, alle, ohne Ausnahme, dicht unter der Blüte abgebissen, die Blüten aber lagen, sein säuberlich aneinandergereiht, ausgerichtet wie eine Kompanie Soldaten, auf der Flügeldecke. Und Nigra? Trotzig war sie gewesen, aber daß dieser trotzige Racheakt wieder etwas sehr Straffälliges war, das hatte ihr ebenfalls gedämmert. Sie hatte sich also versteckt Aber wo? Wir suchten und suchten, lockten und riefen, aber alles blieb stumm. Und wir kriegtens nur heraus, weil Nigro, der Ehemann, Verrat übte. Wobei dahingestellt fein mag, aus welchen Motiven er das tat. Er stellte sich nämlich im Schlafzimmer plötzlich vor den Kleiderschrank und bellte wild herauf. (Ob bas kavaliermäßig war?) Aus dem Schrank aber stand ein Holzkarton, in ihm lag Tantes großer Skunksmuff. Wäre es möglich? ... Mir wurde der ehrenvolle Auftrag, dies zu ergründen. Ich stieg hinauf, öffnete den Derkeb sieh, da leckte mir etwas verstohlen die Hand, und aus dem Muff stach ein schwarzes Schnäuzchen. Und ich durste doch kein Bundesgenosse sein Marie Antoinette verließ das Abschiedsdiner für ihren Bruder. Spater - erschien sie noch einmal kurz, als er wegfuhr, und hatte rote Augen. Auch er hielt sie länger in den Armen, als d,e Etikette es wollte — sonderbar, trotz allen Mergers!" slüsterte der M Dann veNieß Joseph das Schloß, der erste und letzte Kaiser des römisch-deutschen Reichs, den Ver- laii@r ?ulu'durch" ganz Frankreich, am Atlantischen Ozean entlang bis zu der spanischen Festung Fuent Arabia — zurück über Bordeaux, Mar- I fetUe und Lyon ... aber [eine Stimmung wurde nicht besser. Ehe er Frankreichs Boden verließ, sandte er Marie Antoinette einen langen Ermahnungsbrief. _ ... . r,„ I „Die Revolution wird furchtbar sein, wenn Du ihr nicht vorbeugst, war noch einmal der Resrain. Das war im Frühsommer 1777. — Geschichten vom Pudel Nigra. Don Ilse Schmidt-Wissendorsf. Nigra war eine kohlschwarze Pudelhündin, herrlich geschoren, mit einer I brennend roten Schleife in den dichten Locken. Nigra gehörte, oh Schmerz, nicht mir, sondern einer Großtante, und das war um so bitterer, als die Tante [ehr achtunggebietend war und Nigra ein Hund ohne jeden Vergleich. Zahllose Male prämiiert, photographiert, examiniert und auf Ausstellungen herausstasfiert. Trotz all diesem hatte sie bei so vielbeachtetem Lebenswandel nichts von ihrer bescheidenen Natürlichkeit eingebaut. Wo war der Mensch mit einem hundeliebenden Herzen, der vor soviel Vorzügen nicht dahinschmolz? Ich leüenfalls war nigraüberwaltigt und fuhr gern an Sonntagen zu der Tante, die in der Vorstadt ein geräumiges Landhaus bewohnte und vom Rest der Verwandtschaft nicht gerade mit Begeisterung besucht wurde, denn neben einer zahlreichen Hundemeute aller Rassen und Größen krähte noch ein stimmbegabter Papagei seine melodischen Skalen durch die Räume. Man hatte also zur Unterhaltung die Auswahl zwischen Gekläff und Gekrächz, mitunter auch chorischen Leistungen der vereinigten Völker und den Lebensphilosophien der Tante. I Mich aber schreckte dieses alles nicht. Und zwar Nigras wegen. An einem schönen Sonntag war es wieder einmal soweit. Ich fuhr mit der Bahn hinaus, alle Taschen angefüllt mit ausgesuchten Hundeleckerbissen, denn die übrige Meute besaß immerhin auch einen Teil meines Herzens, und redlich verteilte ich meine Gunstbeweise noch auf Desch, den Setter, Murcks, den Dackel, Fisi, den Rattenpinscher, Rolf, den Schäferhund, und die beiden Doggen, die eigentlich namenlos waren und jeweils einen Saisonruf verliehen bekamen, weil sie große Naturfreunde I waren. Mein Herz klopfte sehr erregt bei dem Gedanken, daß Nigra Kinderchen bekommen hatte. Ich habe nämlich bis jetzt vergessen zu erwähnen, daß Nigra streng monogam verheiratet war mit Nigro, einem ebenfalls bildschönen Pudelkavalier, und vor einiger Zeit ihren Mutterpflichten in hervorragender Weise nachgekommen war. Das Haus meiner Xante lag in einem großen, parkähnlichen Garten, und schon von weitem zeichnete es sich durch die Symphonie der Tier- laute aus, die ihm entquollen. Heute war dieses auszeichnende Element besonders arg. Ein angstvolles Geheul klang auf die Straße hinaus, ein Jammer ohnegleichen ... aufgeregt kleffte die ganze Meute durcheinander. Das bedeutete doch irgend etwas? Ob bei Gänsen, Hunden oder Men- schen ... die Ausgerührtheit eines versammelten „Sprechchores" ist stets die gleiche. Es war wirklich zum Verwundern. Die Gitterpforte zum Garten, die sonst sest verschlossen war, stand weit offen, ich durchquerte den Garten, auch die Haustür war nur angelehnt, die Wohnung, durch die ich ging, vollständig menschenleer ... mir jagte ein richtiger Schrecken durch die Glieder ... das winselnde Geheul der Hundemeute drang aus dem Schlafzimmer der Tante ... es würde doch nicht etwa ... Mit einem Sprung war ich an der Tür und riß sie auf. Ein Blick in die Runde genügte, und mein Schreck löste sich in befreites Lachen. Oh, ihr guten Götter, welch ein Anblick! Nigra war ein weibliches Wesen, ich habe es mehrfach erwähnt. Nigra war eine Schönheitskönigin und eine glückliche junge Frau. Und Nigra besaß neben diesen Eigenschaften noch eine andere, aber durchaus nicht nur spezifisch weibliche (obschon Männer dies behaupten) — Nigra war naschhaft. Sie hatte sich in Abwesenheit der Tante — ja, wo steckte die Tante? — in die unverschlossene Speisekammer geschlichen. Sie wußte es genau, die geschmeidige Pudelmadame, oben auf dem zweiten Bort stand Morgen für Morgen der Topf mit der herrlichen süßen Sahne, die die nach den damaligen Modebegrisfen allzu hagere Tante mit Begeisterung literweise zu trinken pflegte. Und Nigra, von keinen ernährungsphilosophischen oder modischen Reflexionen belastet, dachte: „Warum nur die Tante?" Sie war also mit einem eleganten Satz hinaufgefprungen, hatte den Kopf in den Sahnetops gesteckt und sich tiefer und immer tiefer in den köstlichen Inhalt hineingeschleckt. Tiefer und immer tiefer. Und Nigra hatte einen breitstirnigen gelockten Pudelkopf mit einer mächtigen Schleife daraus, und der Topf war schmal und die Gier war groß. Grund genug, sich mit Gewalt hineinzuzwängen. Aber heraus ging es nicht mehr. Bis zur Hälfte des süßen Inhaltes in dem Tops mochte fie gelangt fein, da wurde es ganz finster um fie und die Luft begann ihr auszugehen. Merkwürdige Erfahrung! Sie wollte nun wieder zurück, aber es ging nicht. Absolut nicht. Sie begann den also behelmten Kopf hin und her zu schütteln, Sahnespritzer flogen in hohem Bogen nach allen Seiten, aber der Kopf wankte nicht und wich nicht. Der faß. Von Angst und Luftmangel geplagt, raste Nigra durch die Wohnung, die Sahne verriet den Weq, den fie genommen hatte, schnurstracks in das Schlafzimmer der Herrin. Nur die konnte helfen. Aber die Herrin war zum Unglück nicht da, und Nigra sah nichts mehr, sie witterte, gefangen und beengt, nur noch fchwach und flog dann im Bogen hinauf aufs Bett. Hinter ihr her stürmte die Meute, angstvoll jammernd und um Hilse stehend. Nigro, der Ehemann, mitunter galant, mitunter auch nicht, (prang diesmal zur Hilfeleistung nach und versuchte mit seinen Pfoten den Topf abzustreifen, die rabenschwarzen Kinderchen standen unten am Bettrand ausqereiht und winselten zu ihren, sich mühenden Erzeugern herauf, die Sahne spritzte auf Kissen und Wände, alles heulte und keiner konnte Hel- fen wie so oft, — da kam ich justament zur Türe herein. Die Meute sprang nun auf mich zu, wedelte, zerrte, so daß ich nur mit Mühe das Mohrenfrauchen erwischen konnte .... ober wie fest saß die- ser Topf! Nigra, du Gierige! Es hals nichts. Es blieb nur noch die Zertrümmerung. Ich holte einen Stock, und herzklopfend denn es handelte sich doch um eine Schönheitskönigin — schlug ich auf das untere, wahrscheinlich leere Ende des Topfes. Hoffentlich verletzte ich das 3arte Schnäuzchen nicht. Aber der heroische Angrisf gelang. Der Topf barst. Befreit und beseligt heulte Nigra auf, mich umhalsend und sahnesuy beleckend ... die Meute tobte beglückt um mich her, die Kinderchen wollten auch auf den Arm genommen (ein, es war ein stürmisches Familienglück. Und bann kam die Tante. Sie hatte meine Ankunst erwartet, schnell noch eine kleine nachbarliche Angelegenheit erledigen wollen. So hatte sie die Türen für mich einfach ofsenstehen lassen. Nun waren wir alle vollzählig, und Nigra bellte der Herrin die ganze Geschichte aufgeregt her und die Herrin streichelte den Hund und sah kritisch über das sahnebestritzte Bett, und dabei fiel ihr ein, daß Nigra wohl noch ein paar pädagogische Klapse kriegen mußte, was auch geschah, und dann wurde es noch ein wunderschöner Tag. mal als sie endlich eingeschlafen war, haben wir noch Tränen gelacht. und ist 1 lötim. Malta war ti Oie Entdeckung Asiens. Ergebnisse der letzten großen Forschungsfahrt Sven hedins. Von Dr. P. Lücke. Die große Zentralasien-Expedition Sven Hedins Das asiatische Mittelmeer und der wanderndeLop-nor. Das Hauptarbeitsgebiet der Forschungsgruppen war der Nordwesten won China, Kansu und Sinkiang. In Sinkiang leitete der Professor Jüan Fu-Li die geologische und paläontologische Erforschung der Und Nigra bekam eine furchtbare Strafpredigt und schlagende Bewerfe für ihr Benehmen, und Nigra bekam an diesem Abend kein Nugat, diesmal bekam ich es, aber ich schmatzte nicht, und Nigra war sehr beleidigt, ! Schlaf Unfleibti skörbchki lustleiif ligt war, i Lacke» dann in ft, bann, n pracht ligra p b üiugot mig t>(i' wisch bin, I (totteiti Stückchen steckte sie erig üdei n fo > 1 ihr w> >ie Inn» 'eilen m mir, i« ege Sa* chen adel irfje dann ige an je i, und nur oröernben fjenb, w amie fa(ii i6ftrant °us, dj, "te hei, nm mit sch di,, »ie Zen 65 han> unter,, 15 Satte ’ barst rsuh be< wollten iengliii. h schnell hacke >e ganze und sch 6 Nign geschah natiiiM en. W d in de» eilneiii»® timtni W oigt«* Üortw irmegsi*' er ö"! »61'( * Straf** en, fH* an U* ,h"Ü- "S* Ö i«*S °>>'ß % beendet. Die kühnen Forscher, die sechs Jahre lang eines der ältesten und größten Kulturgebiete der Erde durchforscht haben, sammeln sich zur Zeit in Peking, dem Hauptquartier der Expedition. Auch der seit 8 Monaten vermißte schwedische Geograph Dr. Niels A m b o l t ist auf dem Wege dorthin. In wenigen Monaten werden die Mitarbeiter Sven Hedins nach Haus zurückkehren, um die fast unübersehbare Ausbeute ihrer Entdeckungen wissenschaftlich zu bearbeiten. Schon jetzt aber ist sehr bemerkenswert, was Sven Hedin über sein größtes Forschungsunternehmen mitteilen kann. Man kann schon kaum noch Expedition nennen, was unter der Leitung des kühnen, großen, schwedischen Forschers vor sechs Jahren nach ' Zentralasien auszog. Eine ganze Universität war unterwegs! — Archäologie, Medizin, Geologie, Zoologie und Meteorologie — fast alle wissenschaftlichen Disziplinen waren durch hervorragende Fachleute vertreten, unter denen sich, wie wir mit Stolz feststellen dürfen, auch ein« Anzahl deutscher Forscher befanden. 25 Gelehrte, ein gutes Hundert Helfer und eingeborene Diener, Hunderte von Last- und Tragtieren zogen nach allen Richtungen über den großen Raum Chinas. Von der Mongo- : lei bis zum Himalaja, von Jehol bis Tursan gibt es kaum einen Fleck Erde, der von den Mitarbeitern Sven Hedins nicht durchzogen und durchforscht worden ist. Nicht Räuber, nicht Kälte und Hunger konnte die mutigen Forscher aufhalten. Und ein Wunder bei der Unsicherheit der chinesischen Verhältnisse und bei der Schwierigkeit der Verkehrsbedingungen —: keiner ging verloren, alle kehrten glücklich heim, bis auf den chinesischen Studenten Ma, der in der Einsamkeit des Ed-sin-gol wahnsinnig wurde, seinen Diener erschlug und sich selbst tötete. Räuber, Hungerund Kälte. Die unaufhörlichen politischen Wandlungen und Unruhen, die, wie ja allgemein bekannt, in China stattfinden, schufen für die Forscher besonders schwere Arbeitsbedingungen. Nur der diplomatischen Geschicklichkeit Sven Hedins war es zu verdanken, daß die Expedition überhaupt zugelassen wurde. Sven Hedin vereinbarte mit der chinesischen Regierung eine gleichberechtigte Beteiligung chinesischer Gelehrter, wodurch er von Anfang an ein freundschaftliches Verhältnis zu der chinesischen Diplomatie herstellte. Angesichts der unruhigen Verhältnisse in verschiedenen Provinzen Chinas und in Anbetracht der Tatsache, daß sich die Arbeiten der Forscher über einen Raum von 5 Millionen Quadratkilometer erstreckten, mußte man natürlich mit Gefahren aller Art rechnen. Das galt nicht nur für jene Gruppen, die sich auf Fahrt in noch unbekannte unwirtliche Teile des riesigen Kontinents befanden, sondern auch für jene Gruppen, die längere Zeit hindurch an einem bestimmten Ort planmäßig ihr« Forschungen betrieben. Besonders gefährlich war z. B. der UeberfaU räuberischer Soldaten aus die Gruppe Dr. Bexells in der Nähe von Suchow, aus dem die Betroffenen nur mit knapper Müh« dem Tode entronnen. Gefahren waren selbstverständlich auch mit dem Eindringen in unbekannte Gebiete l! verbunden. An abenteuerlichen Wechselsällen kann sich z. B. die Expedition Norins und Ambolts nach Nordtibet geradezu mit den Irrfahrten des Odysseus rn'essen. Acht Monate war man über das Schicksal Ambolts völlig im Ungewissen, man glaubte ihn verloren geben zu müssen. Schließlich tauchte er doch wieder auf, nachdem er Geld und Ausrüstung verloren, Schneestürme, Hunger und räuberische Stämme überstanden und feine Karawane eingebüßt hatte. Dies alles mußte man in Kauf nehmen, I fern von auch nur den bescheidensten Hilfsmitteln der Zivilisation. Es find hier nur kleine Beispiele aus dem Rahmen jener ungewöhnlich reichhaltigen Erlebnisse eines sechsjährigen Forscherlebens, di« die Helden- I romantik moderner Marco Polos kennzeichnen, von der man angenommen hatte, daß sie in kahlen Bibliotheken und nüchternen Laboratorien längst dahingeschwunden sei. EinewanderndeUniversität. Das Einzigartige an dieser Expedition ist, daß sich der Wagemut des Einzelnen und sein Wille, auch unter den härtesten Bedingungen durchzuhalten, mit einer überlegen planenden Organisation verband die jedem Einzelnen seine Aufgabe im großen Ganzen anwies. Das ist das Wezen I der modernen Expedition im Gegensatz zu denen vor allem des vorigen | Jahrhunderts, daß systematisch verschiedene Forschungsgebiete bearbeitet s werden und dadurch eine weit größere Unabhängigkeit vom Zufall und sine weit größere Breite im Untersuchungsmaterial und den Ergebnissen ; erreicht wird. Die Sven-Hedin-Expedition stellt den Rekord eines solchen 'ystematisch organisierten Forschungsunternehmens dar. Es war beinahe eine Universität, die sich da nach China aufgemacht hatte, deutsche schwedische und chinesische Gelehrte mit zahlreichen Assistenten und Hilfsarbeitern, die ihre Forschungen, nach dem Grundsatz der Spezialisierung und der Zusammenfassung der Spezialergebnisse ihre Forschungen sechs Jahre ang aus einem Raum von über 5 Millionen Quadratkilometer betrieben. Sven Hedin leitete dies« Riesen-Expedition von Peking aus, das trotz nller politischen Umwandlungen immer npch die geistige Zentrale Chinas geblieben ist. Hier wurde das Material, das von den einzelnen Gruppen ■ n den fernen Gebieten unaufhörlich einlief, gesammelt und verarbeitet. Dsundgarei, des Nordabhanges des Tien-schan und des Bogdo-ola. Er fand einen Saurier, den er als eine bisher noch unbekannte Species ansah. Auf gleichem wissenschaftlichen Gebiete erstreckte der Schwede Norin seine Untersuchungen über eine riesige Fläche: den östlichen Tien-schan, den nördlichen Teil der Lop-Wüske, den neuen Lauf des Tarim und seine Verbreitung in Seen bis 40 Kilometer nordöstlich der alten Stadt Lou- lan, vor allem aber auch den späteiszeillichen See, den er Tarim-See nennt. Es ließ sich aus diesen Forschungen der wichtige Schluß ziehen, daß sich in der Späteiszeit in China ein großes Binnenmeer befand, von dem nur der wandernde Lop-nor-See übrig geblieben ist. Eine geographische Großtat muß man die Lösung des Lop-nor-Rätsels nennen, dessen endgültige Lage und Wanderungsrichtung festzustellen nach mehr als 50jährigen Bemühungen, an denen sich viele bedeutende Forscher beteiligten, jetzt erst der Sven-Hedin-Expedition gelungen ist. Für Sven Hedin war es eine besondere Genugtuung, daß die von ihm vor 30 Jahren über die Wanderungen des Lop-nor ausgestellte Hypothese jetzt durch die Feststellung der Tatsachen und die Wiederausfindung des verloren gegangenen Tarim ihre Bestätigung gefunden hat. Der Himalaja wird größer. Großes hat Norin auch zur Erforschung der mittelasiatischen Ge- birgsroelt geleistet. Die bestehenden Anschauungen von der Entwicklung der mittelasiatischen Gebirgswelt werden durch die Auffassung Norins geradezu umgekehrt. Norin nimmt an, daß der Himalaja sich in einem dauernden Wachstum befinde, und Sven Hedin mißt seiner Hypothese den größten Wert bei. Auf seinen gefahrvollen Reisen in Nordtibet konnte Norin kartographische Auszeichnungen machen, die über einen bisher unbekannten Teil der Welt Klarheit geben. Hervorragendes hat auch der deutsche Meteorologe Dr. Haude geleistet, der ständige, meteorologische Beobachtungsstationen in Urumtschi, Turfan, Kutscha und Chotan errichtet hat und junge begabte Chinesen ausbildete, so daß sie die Leitung dieser Stationen, die dem Hauptobservatorium in Nanking unterstehen, auch nach Beendigung der Expedition fortsetzen können. Das ist für die Meteorologie von besonderem Wert, da bisher aus Zentralasien keine regelmäßigen meteorologischen Beobachtungen zur Verfügung standen. . Eine Bibliothek von 10000 Manuskripten auf H o l z st ä b ch e n. In Kansu waren vier Expeditionen mit vier verschiedenen Ausgaben tätig. Dort erforschte Dr. Hörner in dem als nordwestlichen Ausfallsund Durchgangstor berühmten, auch durch Marco Polo bekannten Ed- singol-Gebiet die Quartärgeologie. Dr. Hörner verfolgte besonders die Richtung der alten und neuen Vergletscherung im Nan-Schcm. Im Cdsingol- Gebiet in der Mongolei glückte auch Dr. Folke Bergmann eine ungewöhnliche Entdeckung von unabsehbarer Bedeutung. Er konnte eine reichhaltige Bibliothek ausgraben, über 10 000 gut erhaltene Manuskripte, die für die Kenntnis der Geschichte und Kulturgeschichte Zentralasiens von größter Bedeutung sind. Sie sind nicht auf Papier oder Pergament, sondern auf Holzstäbchen geschrieben, und enthalten militärische Befehle und Berichte über die Kämpfe der Chinesen mit den Mongolen zur Zeit der Han-Dynastie. In diesem Zusammenhang spielt die große chinesische Mauer, die der Abwehr der mongolischen Einfälle diente, eine besondere Rolle. Wie von der Expedition festgestellt wurde, ist sie nicht die einzige ihrer Art gewesen; man hat Reste mehrerer Mauern und vorgeschobener Wachtposten, Festungen und Kanäle gefunden. Ein Teil davon liegt in der Nähe der berühmten „Schwarzen Stadt" Chara Chotto, die mit ihren überaus reichen Schätzen ein wichtiges Dokument für die eigenartige Mischkultur griechischer und chinesischer Einflüsse bildet. Insekten, älter als d i e Menschheit. Eine glückliche anthropologisch« Entdeckung gelang Dr. Bohlin, der den sog. Sinanthropus Pekinensis fand. Uber diesen Fund ist in der wissenschaftlichen Welt viel diskutiert worden. Bis jetzt steht fest, daß es sich dabei nicht um eine sehr frühe Form des Menschen handelt. Der Pflanzenpaläontologe der Expedition fand Jahrmillionen alte Insekten wunderbar gut in Versteinerungen erhalten: „Sodaß man glauben konnte, sie hätten sich eben erst niedergelassen." Es ist nicht möglich, die Namen aller zu erwähnen, die sich bei dieser Expedition hervorgetan haben und deren Forschungsergebnisse von nicht minderem Rang sind. An allem hat natürlich Sven Hedin mitgewirkt, mit unermüdlicher Kraft, mit bewundernswerter Umsicht und Zähigkeit. In einem Alter, in dem andere sich bereits auszuruhen pflegen. Ihm gebührt vor allem der Dank der Welt für die großartige Tat dieser Expedition. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.). (Fortsetzung.) „Aber was wollen Sie denn machen?" „Das findet sich. Es geht immer ruckweise, scheint mir, plötzlich ist die Welt mit Brettern vernagelt, und es will auf keine Weise mciter« getjen. Aber es geht immer weiter, Elli, es gibt immer irgendeinen Ausweg, und an Stelle dieser Möglichkeit gibt es siebzehn andere." Während Elli einen Durchschlag der Anzeige heraussucht, zieht Anton seinen blauen Anzug an, rasiert sich mit Sorgfalt und Genuß und fährt mit Ellis wackeligem Fahrrad zur Zeitung, wo man ihm nach einigem Hin und Her ohne weiteres glaubt, daß der Bote mit dem Geld offenbar durchgegangen sei, Doktor Wagenschanz werde jedoch den Betrag nachträglich überweisen. Wieder ein Ruck vorwärts, und sosort wieder die unvermeidliche Bretterwand. Denn woher soll er nun dies Geld nehmen? Darüber zerbricht er sich nicht lange den Kopf. Anton beginnt einzusehen, daß mit etwas Mut und Wurstigkeit sich alles von selber einrenkt, nicht leicht, nicht gut, aber es geht an, es läßt sich ertragen, es ist eine heimliche Ordnung im Weltall, eine unbekannte Schwerkraft sorgt dafür, daß die Ding« schließlich an die Stelle kommen, an die sie unweigerlich gehören. Unsere Hausfrauenausstellung schließt im Juni ihre Pforten, Im Sinne des Fortschritts war sie ein unzweifelhafter Erfolg, »edoch was die Sanierung der Stadtsinanzen anbetrifft, so reden wir besser nicht darüber Bei den verschiedenen Gelegenheiten steigen Erörterungen mit peinlichem Unterton. Im Stadtrat findet man, die Werbung für d,e Ausstellung sei mit übertriebenen Mitteln geschehen, wahrend die Hausfrauen genau umgekehrt erklären, die Leitung habe sich ja förmlich den SUiunb verbunden, da fei natürlich nur ein Mißerfolg bentbor. „Die Leitung" sagt man, und Herrn Peter Schönlein meint man. Zur Erledigung solcher Angelegenheiten hätte man besser einen Fachmann wie den jungen Doktor Wagenschanz von der Kosmetischen Fabrik heran- gezoqen, der neuerdings das ganze Thüringerland in Atem zu halten versteht, meint die Frau Kommerzienrat Wehrhahn. Man vermeidet daran zu erinnern, daß der Anwalt Schönlein das Thema seinerzeit in einem vielbeachteten Vortrag überhaupt anregte, und führt alles zurück auf die Tüchtigkeit der Stadtverwaltung einerseits und des Hausfrauenvereins anderseits. Wenn sich bis jetzt bei uns eine gewisse Unterströmung gegen den jungen Anwalt wenden sollte, so wundert er sich besser nicht darüber, man sieht ihn als verheirateten Mann sehr oft in Begleitung einer jungen Dame, deren Lebensschicksal allmählich jeder kennt, dazu ist seine Frau angeblich verreist, das fällt natürlich auf, das wird ihm übel genommen, bei uns herrscht Ordnung. Es wird nicht nur ihm übelgenommen. Schwer zu sagen, ob die Entlassung der jungen Reubold aus ihrer Stellung als Klavierstimmerin in irgendeinem Zusammenhang mit diesen Ereignissen steht, ihre Kündigung erfolgte ordnungsgemäß und mit einem ganzen Schub, die Pianosortefabrik Wehrhahn & Söhne hat wichtigere Sorgen als einen Klatsch um Rosemarie. Rosemarie nimmt die Kündigung, die der Abteilungsleiter bedauernd überbringt, mit ihrem Prinzessinnengesicht hin, tut die Arbeit bis zum Schluß, empfängt ihren Restlohn und bleibt zu Hause. Die enge Welt schrumpft von neuem ein Stück zusammen, zuerst wollen die Füße oft durchaus den gewohnten Weg zur Fabrik gehen. Rosemarie hat über diese Arbeit früher gemurrt, jetzt steht sie eines Nachts vor den geschlossenen Gittern und Mauern der Fabrik wie vor dem Tor eines dunklen Paradieses. Die ersten Tage ohne Arbeit sind schlimmer als eine Zuchthausstrafe. Das Schicksal trifft, wohin es will, und wen es sich aussucht, jawohl, und „Perlanalabteilung" klingt so schön unpersönlich, nahezu sachlich. Aber Peter Schönleins Tätigkeit auf den Arbeitsgerichten beraubte ihn der Illusionen. Die jungen hübschen Mädchen sind manchmal von Entlassungen sicherer als jene, die einen Buckel haben, dicke Beine oder auch nur die Falten im Gesicht, die auf die Dauer keinem von uns erspart bleiben. Auch Peters Rechtshilfe für die Pianofortefabrik schrumpft ein, vielmehr sie verändert sich merkbar, vielleicht möchte Herbert Wehrhahn ihn ärgern, jedenfalls wird Schönlein seit kurzem gern mit solchen Arbeiten betraut, die für ihn besonders mühsam sind und wenig einträglich. Diese Männerfreundschaft bestand jahrzehntelang, obwohl sie von keiner Gesinnungsgemeinschaft gefördert wurde. Als Halbwüchsige unterm Stahlhelm ahnten sie nichts von den Verschiedenheiten der Seele und auch der Stände. Es ist niemals gut, wenn die kleine Kasse mit der großen geht. Es ist immer falsch. Nun verläuft auch diese Kriegskameradschaft aus nichtigem Anlaß im Sande, sie verliert sich spurlos in der Vergangenheit. Da Peter kein Gefühl empfinden kann, ohne es zu zerknicken und uinzubiegen, so sagt er sich achselzuckend: Aus diesem Stern verläuft alles im Sande, sogar eine Wut um ein Mädchen. Es ergibt sich ganz von selbst, daß Rosemarie sich nach ihrer Entlassung noch enger an ihn anschließt, er muß sich doch um sie kümmern und fühlt sich mitverantwortlich an der.ungünstigen Entwicklung. Seit langem an Arbeit und Ueberarbeit gewöhnt, erträgt sie nun den Leerlauf der ersten Tage nicht. Da steht ein gutes Klavier in ihrer Mansarde, * sie hat es jetzt nicht zurückgegeben, fällt ihr gar nicht ein, und die Mansarde besitzt sie jetzt den ganzen Tag für sich, da Elli nun regelmäßig in den Kosmetischen Werken arbeitet, seit kurzem gibt es dort ein richtiges Büro, wirkliche Löhne und Gehälter, wenn auch winzige. Aber wie soll man in solcher Stimmung am Klavier sitzen, wenn alles mißglückt ist und alle Wege sich noch mehr versperren als je? Sie betätigt sich also in Schönleins Haushalt, der einer fürsorglichen Hand ohnehin bedarf, und daraus wird in ganz kurzer Zeit eine Regel. Sie tut etwas sehr Gewagtes. In diesem immer häufigeren Zusammensein liegt die Gefahr, daß sie Peters Geliebte wird, ein anderer Mann hätte das jetzt schon durchgesetzt, wahrscheinlich sogar wird sich so etwas daraus entwickeln, die menschlichen Beziehungen bleiben nicht auf der Stelle stehen. Und dann kommt möglicherweise Lisa eines Tages zurück, oder die Nasenspitze seiner Freundin behagt ihm plötzlich nicht mehr, derartiges soll anderswo schon vorgekommen fein. Sie steht wohl als Erwerbsuchende in den Listen des Arbeitsamtes, aber das bedeutet kaum mehr als eine Formalität. Um ihr Gewissen zu beruhigen, erkundigt Rosemarie sich mehrmals nach den Angeboten, sie muh endlos warten, man schickt sie mit einem ziemlich groben Achselzucken weg und verweist sie darauf, daß sie ja in einigen Wochen ihre Unterstützung erhalten werde. Die Ungezählten treten jeder einzeln an den Schalter, jede Seele zuckt und leidet, und sie müssen als Masse abgefertigt werden, es geht nicht anders. Ohne die Beschäftigung in Peters Haushalt wüßte Rosemarie nicht, woher sie jetzt ihr Brot nehmen sollte. Und nun — Peter will ihr unbedingt ein Taschengeld geben. Es sieht so aus, als seien alle großen Hoffnungen eingefargt, die Sehnsucht nach der Musik und nach einer Leistung, die niemand nachmachen kann. Solche Gedanken bewegen sie den ganzen Tag, Peter kennt sie gut genug, ihre Stase sieht spitzer aus und der Mund ein bißchen zimperlich, ui.j etwas zieht an den Augenlidern, die sich nicht heben wollen. Dies, obwohl er zufrieden ihr gegenübersitzt, er rühmt ihre Fähigkeiten, einige Zimmer erstrahlen schon in einem nie gesehenen Glanz, ein Geruch nach Bohnerwachs zieht durch die ganze Wohnung. Peter ist wirklich sehr zu- frieden. Alles übrige steht in der Zeit, bitte nichts überstürzen, die Zeil arbeitet sowieso für ihn und läßt die menschlichen Beziehungen nicht auf der Stelle treten. Er ist auch noch mit Lisa verheiratet, und bisher hat keines den andern um die Scheidung gebeten. „Was haben Sie, Rosemarie?" „Nichts", lautete die übliche Antwort. „Aber ich habe Augen im Kopf." „Aber was soll ich denn haben, Peterl" Schon stürzen die Tränen hervor, Rosemarie läuft ins andere Zimmer. Die Welt geht sichtlich aus den Fugen, und man soll sich um Frauentränen kümmern. Nach einer Weile folgt er ihr gehorsam, wie es der Mann tut und wie die Frau es verlangen kann, sie hockt in einem Stuhl, stemmt die Hacken in die Querleiste und preßt ihren Kops zwilchen die Knie. „9ft es denn etwas Schlimmes, Kindchen?" Heftiges Kopfschutteln und heftigeres Schluchzen. Nun legt Peter die Hände um ihre Oberarme und redet ihr begütigend zu, allmählich gerät er in eine ehrliche Besorg- nis, was vorgefallen fei. ,Lat Doktor Wehrhahn Ihnen etwas getan, ober Doktor Wagenschanz, es wimmelt von Doktoren in diesem Lande, ein natürlicher Reichtum gleichsam —" Die schwimmenden Augen heben sich zu ihm auf. „Sag’s mir doch", bittet er und küßt sie. Um feinen Nacken legen sich zaghafte Arme. „Sie sind lieb zu mir, Peter." Natürlich sagt sie ihm schließlich, was sie so niederdrückt. Peter nimmt sie lachend bei der Hand, zieht sie ins Musikzimmer und klappt den Flügel auf. „Hier, wenn ich bitten darf, Sonate hundertelf, Adagio semplice e cantabile. Kindchen, Sie sind dumml Hier steht der Flügel, nie- mand spielt ihn. Das bißchen Hauskram, jedenfalls gehört Ihnen der halbe Tag. Der Notenschrank steht voll bis an den Rand, und Sie haben selber davon einen ganzen Koffer. Endlich ist wieder Leben in der Bude!" Jungenhaft strahlt sein Gesicht, es erscheint darauf dieser unbesinnliche Ausdruck, den Lisa so liebte, dann kann er sich und anderen die Eroberung der Welt versprechen. „Was brauchen Sie, Rosemarie? Wünschen Sie, daß ich ein Konzert veranstalte? Das sollten wir schaffen. Machen Sie ein Programm! Ich werde Sie menätschen." Das geliebte Instrument singt auf unter Rosemaries Griff, aber gleich hält jeder die Finger um den Nacken des andern verschränkt. „Wir mieten einen Saal, erst hier, dann in Braunschweig, dann in Weimar, bann in Stettin, und nach biesem ehrerbietigen Halbkreis schließlich in Berlin, das Ganze kostet ein paar tausend Mark, die werben gepumpt oder verdient." „Meinen Sie denn das überhaupt im Ernst, Peter?" „Wirklich. Ich dachte schon manchmal darüber nach, wie es wäre, wenn man Ihnen ein bißchen auf die Sprünge hülse." „Aber Sie haben doch auch kein Geld." „Das stimmt. Aber komischerweise: für alle Sachen, die ich mir fest vornehme, habe ich immer Geld wie Heu. Nehme ich mir vielleicht nur nicht genug vor?" Ein großes Schild hängt über dem Eingang zum Hof, der sich zur Seite niedriger Werkgebäude befindet. Dort erscheinen Handwerker, die alte Inschrift des Blechschildes wird heruntergewaschen, sodann kommt säuberlich erst ein roter und nun ein schwarzer Grund. Endlich steht dort nicht mehr zu lesen „Farbenfabrik Joh. Leer", sondern „Chemische Werke Dr. Wagenschanz", neuerdings heißen sie so, mit einem hoffnungsvollen Seitenblick in die Zukunft, man kann ja nicht wissen, ob man bei der Kosmetik stehen bleibt. Das Grundstück gehört dem Unternehmer nicht, er hat es mit Vorkaufsrecht von Herrn Leer gepachtet, es besteht nur aus vier Räumen, in deren größtem mehrere Arbeiter damit beschäftigt sind, die Rohstoffe für die Salbe Erotikon zu mögen und zu mischen, eine schmierige Arbeit. Ein junger chemischer Assistent führt die Aufsicht und greift selber zu. Aber selbst ihm traut Anton Wagenschanz nicht, täglich eine Stunde vor Arbeitsbeginn öffnet er das Vorhängeschloß einer bemalten Bauernkiste und fertigt mehrere Kilo eines schwefelgelben Pulvers an, das stark riecht und dessen Zusammensetzung nur er kennt, es wird neuerdings der Creme hinzugefügt. Mit der Uhr in der Hand paßt Anton dann auf, ob niemand zu spät kommt. Aber sie erscheinen alle pünktlich, Fabisch und die andern Arbeiter und die beiden Packmädchen, der Chemieassistent und die Anfangskontoristin, ein fünfzehnjähriges Mädchen mit Pickeln im Gesicht, so eifrig, ungeschickt und immer schuldbewußt wie Elli selbst, als sie vor langen Jahren anfing. Aber diese erscheint zuweilen eine volle Viertelstunde zu spät, spöttisch und wach verbreitet sie um sich den Geruch von Kernseife und von einem billigen Parfüm. Sie kennt Antons seelischen Knacks, daß er nicht mehr weiterschimpfen kann, wenn man ihn anlacht, richtig herzlich anlacht, aus- probierte Sache, die fast immer klappt, er muß nach einer Weile mitlachen, obwohl er es wütend tut. Sie nimmt sich überhaupt gegen ihren Brotgeber eine Menge heraus, und einmal, als er wieder brummt, fährt sie ihn an: „Sie bezahlen mir ja auch meine Ueberftunben nicht, haben Sie sich doch nicht so mit den paar Minuten! Jetzt im Sommer, wo man doch erst mal gern ein Weilchen am Fenster steht und sieht, wie draußen alles immer lebendiger wird, man hat noch den Schlaf in allen Gliedern, aber das Wasser ist so schön kalt, und Stück für Stück wird maa langsam wieder ein Mensch. Das freut einen, dazu braucht man Zeit." Anton hört ihr zu und denkt darüber nach, diese Behauptung kommt ihm merkwürdig richtig vor. Künftig setzt er Elli gegenüber seine Autorität nicht länger aufs Spiel und läßt sie ihr Viertelstündchen später kommen, mehr riskiert sie nie, und es ist eben Elli, ein Mensch ohne Feinde. Es ist Elli, schlechthin, man sollte sie lieben. (Fortsetzung folgt.) Versuiwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fcheUniversitäts-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.