GieheimZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M3 Freitag, den 28. Juli Nummer 57 Hälfte des Lebens. Äon Friedrich Hölderlin. Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in dem See: Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilig nüchterne Wasser. Weh mir, wo nehm ich, wenn Es Winter ist, die Blumen, und wo Den Sonnenschein Und Schatten der Erde? Die Mauern stehen Sprachlos und kalt, im Winde Klirren die Fahnen. Bismarck stirbt... Zum 35. Todestag des Eisernen Kanzlers am 30. 3uti. Von Friedrich Wilhelm Heinz, GDS. Der Sommer lag wie eine Glutwolke über dem Land. Aber im Sachsenwald war es kühl und still. Die Menschen waren nichts mehr. Die Bäume waren alles, die knorrigen, ragenden, weitausgreifenden, himmeltrotzenden Bäume des Sachsenwaldes, die Jahrhunderte überdauert hatten, und in deren Gezweig der Sturm sich fing und die Vögel nisteten. Die Bäume waren alles ... und der eine, der mitten unter diesen Bäumen hauste: Otto von Bismarck. Vor langer, langer Zeit einst Fürst und Kanzler des Reiches gewesen, Sieger in drei Krie- ,en, Wiedererrichter des Kaisertums, gestürzt von dem jungen Enkel des zütigen Greises, dem er die Kaiserkrone geschmiedet. Der Sommer brütete. Aber das deutsche Leben ging seinen hastenden md aufgeregten Gang. Die Ozeandampfer zogen die Elbe herab, die Dampfhämmer auf den Werften dröhnten, die Eisenbahnen trugen ihre illtägliche Menschfracht vom verödenden Land im Osten in die empor« Schießenden Städte im Westen, die Schornsteine rauchten, der Handel ,lichte, die Märkte erschlossen sich ... aber der Einzige, der nicht in Handelsmärkten, sondern nur in politischen Räumen zu denken vermochte, er bereitete sich langsam auf das große Abschiednehmen vor. .Wenn die Sonne am höchsten steht, beginnt der Sturz! So lautet ein altes japanisches Wort, das Bismarck manchesmal zu seinen Be- nchern sprach, die ihn immer noch aufsuchten. Das ging nicht immer ranz glatt ab. Wer nun Bruder der Eichen und Buchen geworden war mb wer halb schon in der Bruderschaft des Todes steht, der kennt nicht mehr die Rücksichten der höfischen Gesellschaft. Mitte Juli noch erschien ein Berliner Minister des „neuen Kurses" im Gehrock, den Zy- Sinder auf dem Kopf. Als er sich zu einem Umgang anschickte, grollte unb knurrte der Alte: „Um Himmelswillen! Mit dieser Kopfbedeckung? Ersparen Sie meinen Bäumen diesen Anblick!" Und der peinlich berührte 8ast muhte mit.Bismarcks Schlapphut durch die Wälder ziehen. An Besuch also fehlte es noch immer nicht. Und doch war es emsam geworden um den Fürsten. Wenn der Dreiundachtzigjährige zwischen den -ngenden Stämmen hinschritt, erschien er verwittert wie die Rinde der haumriesen. Längst hatten die fröhlichen Zechereien aufgehort, die mordens damit begonnen hatten, daß Bismarck, um in Stimmung zu kom- nen, eine Flasche Sekt herunterspülte und dann kälter und nüchterner Hier die Angelegenheit des Staates und der Weltpolitik jprach als je iiuvor. Einmal noch hatte eine Tafelrunde den Alten mit bem jungen Lasier, einigen Diplomaten unb Marineoffizieren vereinigt. Bismarck ! I alle ernst unb eindringlich die Gefahren geschildert, die dem jungen 'Seid) drohten. Der junge Kaiser aber hatte kaum hingehört. Ihn be- Ichäftigten lustige Erzählungen und Anekdoten, die ein Irgendwer aus i 'einer Umgebung vortrug. Da schwieg Bismarck plötzlich in furchtbarer i Erregung. Unb während sein Gesicht zu zucken begann unb seine Augen iiunkel wurden wie die Nacht, wandte er sich zum Kaiser um unb brach Nit brüchig-dünner Stimme in die Worte aus: „Majestät, solange Sie ine[es Offizierkorps haben, können Sie sich freilich alles erlauben. Wenn Ins aber einmal nicht mehr fein wird, dann geht es schnell zu Ende. I Wit einem schrillen Mißklang Halle die Tafel geendet. Beim kurzen und Ichweigenden Abschied hatte sich einer der jüngeren Marineoffiziere über 'Zisinarcks Hand gebeugt und sie voller Ehrfurcht geküßt. Ahnte bieser I Äne, der damalige Kapitänleutnant von Tirpitz, in diejer otunöe ins tragische Geschick seines Lebens ..? . In diesem Juli des Jahres 1898 empfand der Fürst zum erstenmal Mit vollem und schmerzlichem Bewußtsein seine ganze Einsamkeit und Verlassenheit. Die Fürstin Johanna, an der er in unendlicher und ruh- I Ender Liebe gehangen hatte — wieviel Jahrzehnte sind es her, daß er |ie „mon adoree Jeanneton" und „angela mia" genannt hatte, und daß die Briefe an fi% abgegangen waren aus Petersburg, Paris, Biarritz mit dem Geständnis: „Wenn ich an Dich denke, bin ich gesund und heiter, aber etwas Wehmut, etwas Heimweh, Sehnsucht nach See, .Wald, Küste, Dir und Kindern, alles mit Sonnenuntergang und Beethoven vermischt"? — Johanna von Puttkammer, die Geliebte, die Gattin, die Mutter der Kinder, war tot. Alle Freunde waren vor ihm ins Grab gesunken. Zehn Jahre waren es her, seitdem sein Kaiser, dem er in Treue gedient und der ihm die Treue königlich vergalten hatte, von der Welt geschieden war. Der politische Himmel war trüb. Allenthalben drohten dem jungen, unfertigen Reich Gefahren. Rußland und Frankreich hatten sich gesunden. Der deutsche Welthandelsanspruch mußte uns na- turnotwendig mit England verfeinden. „Wenn gut regiert wird", so sprach Bismarck in diesen Tagen zu einem der Söhne, „bann wird das Werk alle Stürme überdauern. Wenn aber schlecht regiert wird, was ich befürchten muß, bann bestehen wir die furchtbaren und unausbleiblichen Kämpfe nicht." Und als der Sohn erschüttert schwieg, setzt Bismarck mit prophetischem Blick hinzu: „Der nächste Krieg wird sich gar nicht mehr mit früheren vergleichen lassen. Früher kämpften die Fürsten. Heute kämpfen die Völker, morgen werden die Erdteile miteinander kämpfen. Es wird ein Krieg sein, der sieben Jahre dauern kann. Es wird ein Krieg der Artillerie sein. Gewinnen wird der Staat, der am meisten Munition und Material heranschaffen kann!" Genau zwanzig Jahre später, im Juli 1918, erfüllte sich diese Voraussage wortgetreu. Amerikas Material entschied den Krieg. Und das Offizierkorps, das die Stütze des Staates gewesen war, lag zum größern Teil tot Schmerzen wühlten messergleich in Bismarcks Nerven. Seit dem Tage, da die große Einsamkeit begonnen hatte, schienen sich alle Leiden verdoppelt zu haben. Das Gesicht zuckte, in den Nerven bohrte und riß es, Gicht suchte den Körper niederzubeugen ... verbissen und verlassen schritt der Fürst alltäglich durch den Wald. „Wenn ich die Bäume nicht so liebte, ich wüßte nicht, wie ich leben sollte." Das hat er einst nach Varzin geschrieben, als die Verachtung der Menschen wieder einmal über ihn gekommen war. Immer mehr wurde der Wald zur eigentlichen Heimat. Seinem Nachfolger Caprivi konnte es der Fürst niemals verzeihen, daß er die alten herrlichen Bäume im Garten des Kanzlerpalais hatte niederlegen lassen. Den Wald und die Bäume, die in der Erde verwurzelte, mit dem Wipfel unb ber Krone aber freie unb in den Himmel ragende Kraft der Baumriesen begriff er als Sinnbild für sich selber Etwas vom altgermanischen Glauben, etwas vom vorchristlichen Heidentum, Trotz und Auflehnung und Freiheitlichkeit war in dieser Liebe für die Bäume. Der Kanzler, der um die Monatsmitte so sehr erkrankte, daß er nicht mehr gehen konnte, ließ die Fenster seines Krankenzimmers weit öffnen, daß das Rauschen der Zweige Tag und Nacht zu ihm hereindrang. Oftmals lag er stundenlang in [einem Bett, schweigend, die Augen halb geschlossen, bis auf einmal die Augen sich wieder weiteten und Halt fanden im grünen Meer der wogenden Wipfel. Oder der Blick verfolgte einen Zug Stare, der seltsam früh seine ersten Flugübungen für die Winterreise unternahm. Einmal wandte sich der Fürst an seine Enkelin und sagte mit einem feinen Lächeln, das nur in den Augen leuchtete: „Na, dieses Jahr fängt die Reise ja schon sehr früh an. Ob ich mich wohl anschließen werde? Es wird langweilig hier auf der Welt!" Ein andermal begann der Fürst unvermittelt von der Sitte der nord- amerikanischen Indianer zu erzählen, die ihre Toten hoch droben in das Geäst der Bäume hingen und sie dort verwittern ließen, so das Sterbliche gleichsam dem Wind und der Erde zurückgebend. Bismarck begann, ausführlich das Schicksal der Indianer zu schildern, die als freies und edles Naturvolk ausgerottet worden waren von den geschäftstüchtigeren und gemiffenlofen Weißen. Er rühmte die indianische Standhaftigkeit und Treue, und er pries, daß dort kein Fürst zur Herrschaft gekommen sei, der nicht Proben seines Mutes, seiner Standhaftigkeit, seines Führertums und feiner Unempfindlichkeit gegen Schmerzen abgegeben hätte. Bismarck wand sich bei diesem Bericht selbst vor furchtbaren Schmerzen. Aber er lachte mit einemmale ein etwas schmerzverzogenes Lachen und fragte seine Schwiegertochter: „Glaubst du nicht auch, daß ich ein guter Indianerhäuptling geworden wäre?" Der Gedanke, zwischen der Krone einer uralten Eiche aufgehängt zu werden, ließ ihn nicht mehr los. Der Fürst, mit einer ganz klaren Witterung für die großen unb erfdjütternben Ereignisse bes Lebens begabt, fühlte seinen Tod nahen. Für ihn persönlich hatte diese Gewißheit nichts Schreckhaftes mehr. Dachte er jedoch an das Reich und den unsicheren Kurs seines jungen Steuermannes, so begannen alle Nerven bes Gesichtes schmerzlich zu zucken, unb Bismarck sah in bas aufgetane Grab wie in ein tiefes unb dunkles Meer, dessen Geheimnisse unb Furchtbarkeiten keiner kennt. „Um ewig leben zu können, würbe ich meine Seligkeit verkaufen!" rief er einmal aus, als das Gespräch wieder bei der Politik bes neuen Kurses verweilte. Am 28. Juli verschlimmerte sich plötzlich der Zustand des Altreichskanzlers. Die Aerzte meldeten nach Berlin, dah mit dem Ableben des Fürsten täglich gerechnet werden müsse. Durch Deutschland ging ein Erschauern. In allen Stämmen des mächtig emporblühenden Volkes, tn allen Landschaften des weiten Reiches, in allen Herzen, die sich dem Kanzler und seinem Staate verbunden fühlten, wurzelte Otto o o tr$ i s - marck ganz persönlich. Jetzt wollte die Eiche stürzen, alle Herzen wurden aufgebrochen werden vom Riß der Wurzeln, der gesamte Boden würde wanken vom schweren Sturz. Die Verwandten des Fürsten weilten in Friedrichsruh. Und alle Gedanken der Deutschen aus den Gemarken des Reiches in West und Ost, Nord und Süd verweilten in dem Zimmer mit den weitgeösfneten Fenstern, durch die in einemfort das Rauschen der Eichen drang. Doch am 30. Juli schien sich das Befinden des Kranken etwas zu bessern. Er erkannte einzelne Personen seiner Umgebung und versuchte zu scherzen. Dann aber versank er wieder in eine tiefe Bewußtlosigkeit der Sinne. Mit dem steigenden und langsam wieder sinkenden Tag versank auch die Umwelt für den Sterbenden. Furchbare Seelenkämpfe schienen aus dem Hirn des Zerfallenden ein Schlachtfeld der Geister zu bereiten. Die Lippen bebten, der Kieser mahlte, das zerfurchte Gesicht zuckte im Widerschein der Gedanken. Gegen sechz Uhr nachmittags erwachte Fürst Otto von Bismarck zu klarem Bewußtsein. Er bemühte sich, etwas zu sprechen. In die zitternde Stille hinein fielen die Worte: „Keinen Zweifrontenkrieg ... den Rücken sreihalten ... die Volksvertretung ausschalten ... Reichstag gegen Willkür stärken ... sonst... sonst" Die folgenden Worte wurden nicht mehr vernommen. Das germanische Freiheitsbewußtsein des Fürsten fürchtete offenbar eine Unterdrückung des Volkswillens durch Diktaturgelüste des „neuen Kurses". Abends um zehn, — der nördliche Sommerhimmel ließ es nicht recht dunkel werden, und in der Ferne begann es stark zu wetterleuchten — richtete sich Bismarck noch einmal auf und flüsterte mit beschwörenden Blicken: „Niemals einen Zweifrontenkrieg!" Dann lag er wieder einige Sekunden still. In das Schluchzen der Kinder und Enkel aber fiel noch einmal, hoch im Ton und pfeifend aus versagender Gurgel: „Die Staats- raisonl Zuerst die Staatsraison!" Bismarck sank zurück. Mit dem allerletzten Gedanken dieses irdischen Daseins aus das Staatswohl bedacht, war Deutschlands größter Staatsmann eingegangen in die unsterbliche Seele seines Volkes. Die Bäume rauschten, das Wetterleuchten wurde stärker, ein Gewitter ballte sich zusammen ... Bismarck in der Dichtung seiner Zeit. Von Dr. Georg Kuhn. „Ich gehöre zu den Menschen, denen Sie recht eigentlich das Glück des Daseins erst ermöglicht haben", schrieb Adolf W i l b r a n d t dem Fürsten Bismarck. „In den Jahren meiner Jugendkraft gemartert und gefoltert durch die Zerrissenheit unseres Volkes, die Schmach unseres ganzen Zustandes, die Ohnmacht des Einzelnen, den halberstickte Tränen des Grimmes und der Scham nicht befreien konnten — in diesem verzehrenden Elend erlebte ich in Ihnen den Befreier, den Erretter, der mich selig machte, vor dessen Größe ich mich mit Gefühlen der Dankbarkeit beuge, die kein Wort umfaßt." In diesem Bekenntnis eines Dichters ist das Grundgefühl der besten Geister aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgesprochen. Wie Wilbrandt haben ähnlich K. F. Meyer, Raabe, Wildenbruch dem Schöpfer des Reiches gehuldigt, und in feinem Bann stand jeder Künstler nach 1870. Auch von diesem Klassiker der Staatskunst gilt, was W. v. Humboldt von Goethe gesagt, „dah er ohne alle Absicht, gleichsam unbewußt, bloß durch sein Dasein und Wirken in sich den mächtigen Einsluß aus die Geistestätigkeit seiner Zeitgenossen ausübte, der ihn vorzugsweise auszeichnet. Es ist dies noch geschieden von seinem eigenen geistigen Schaffen; es liegt in feiner großen und einzigen Persönlichkeit." Bismarck ist in seinen Reden, Briefen und Schriften auch ein Klassiker des deutschen Prosastils, und wenn Heyse bereits nach den kargen Briesproben in Hesekiels Biographie ausrief: „Gott fei Dank, daß er diesem großen Mann zu keiner Nebenbeschäftigung Zeit läßt, sonst würde er ein Dichter fein, der uns andere alle aussticht!" So hat sich sein Stoßseufzer erst voll bewahrheitet, (eit Bismarcks Briefe an die Gattin neben denen Goethes an Frau von Stein, seine „Gedanken und Erinnerungen" ebenbürtig neben „Dichtung und Wahrheit" stehen. Durch sein Wesen und Werk ist ein neuer unvergänglicher Gehalt in das deutsche Schrifttum gekommen, wie es Goethe von den Taten Friedrichs des Großen rühmte, und noch jede neue Dichtergeneration hat sich zu ihm bekannt. Doch sind neben unendlich vielen gutgemeinten Nichtigkeiten nur Ansätze vorhanden, die Bismarck-Gestalt dichterisch nachzuschasfen und monumental zu formen. Es ist interessant zu untersuchen, wie sich schon die Zeitgenossen darum bemüht haben. Bismarck hat auch in der ausländischen Literatur eine große Rolle gespielt; aber er erscheint bei Franzosen und Engländern, auch wenn keine Karikatur beabsichtigt ist, so verzerrt, dah diesen Werken wenig Bedeutung zukommt. Ausgenommen sei nur ein amerikanischer Roman, die erste Dichtung, die sich mit dem damals noch ganz unbekannten Landedelmann beschästigt, und ein schlagender Beweis ist für den Eindruck, den bereits der Student hinterlassen: es ist der 1839 in Neuyork erschienene Roman „Monton’s Hope" seines Jugendfreundes Mo11ey, in dem Bismarck als Otto von Rabenmark auftritt. Der romantische Held des Buches ist ein blutjunger altadliger Student von höchster Begabung, der der verwegenste und wildeste auf Kneipe und Mensur ist, in stillen Stunden aber die „Narrenmaske" abwirft und dann merkwürdig reif und groß erscheint. „Ich will meine Gefährten leiten, wie ich die Menschen leiten will in meinem späteren Leben", sagt er, und eine Ahnung künftigen Herrscherturns umgibt ihn, dem die Universität, die Schule des Handelns ist für kommende große Taten. Der intime Gefährte von Bismarcks Göttinger und ersten Berliner Tagen bewies hier einen guten Dorausblick. Ganz anderer Art und viel unbestimmter sind die Prophezeiungen glühender Vaterlandsfreunde aus der Mitte des Jahrhunderts, die man später auf Bismarck gedeutet hat. Deutschland sehnte sich nach seinem Einiger und Erretter, und besonders Seibel, dem Bismarck später allein neben Reuter öffentlich Anerkennung gespendet hat, wurde zum Verkünder dieser Sehnsucht, wenn er fang: „Wann, o wann erscheint der Meister, der, o Deutschland, dich erbaut?' Julius Große rief den „Mann von Blut und Eisen" herbei, der mit dieser Medizin den deutschen Michel gesund und stark mache. Er kam, den man ersehnt und erfleht hatte; aber lange Zeit verging, ehe man ihn erkannte, und wie das so Lauf der Welt ist, die Freiheitsschwärmer, die nach ihm geseufzt hatten, stöhnten nun am meisten unter feiner Faust. Die ersten, die sich poetisch mit dem Herrn von Bismarck befaßten, waren die Witzblätter, und sie taten es zumeist nicht gerade in freundlicher Weise. Eine Ausnahme macht das Witzblatt „Der kleine Reaktionär", das wohl die ersten Bismarck-Gedichte enthält und den neuen Ministerpräsidenten 1863 mit den Worten begrüßt: Kühner Schiffer, fest die Hand am Steuer, Fest den Blick gerichtet auf das Ziel, Also durch der Wogen mädjt’ge Brandung, Führ' zum Hafen den bedrängten Kiel! Wichtiger und bedeutsamer ist die künstlerische Arbeit des „Kladderadatsch", dessen „Gelehrte" die ganze Lebensart Bismarcks in Vers und Bild erst mit grimmem Spott, bann mit zögernder Anerkennung und schließlich mit rückhaltloser Bewunderung verfolgt haben. Wie der von dem Zeichner Scholz geschaffene Bismarck-Typus die populärste Darstellung des Kanzlers wurde, so sind auch die Gedichte, unter denen Ernst Dohm und Johannes Trojan die wertvollsten fchusen, ein Stück Geschichte, aus dem sich die allgemeine Beurteilung des großen Mannes erkennen läßt, und mit Recht hat sie Horst Kohl als historische Quelle mit Erläuterungen herausgegeben. Die gleiche Ehre gebührt eigentlich zweien der frühesten Bismarck-Dichtungen, die in den 70er und 80er Jahren in allen Händen waren und heute vergessen sind. Der Philologe und Verleger Gustav S ch w e t s ch k e dichtete 1867 in heller Begeisterung für den Nationalhelden in den trochäischen reimlosen Versen Heines und des Scheffelfchen „Trompeters" jein „didaktisches Epos" „Bismarckias", das viele Auslagen erlebte; dem folgte dann Anfang 1870 das „didaktische Idyll" „Varcinias", das Bismarcks Landaufenthalt in Varzin verherrlicht und neue große Taten feines Helden richtig vorhersagt. „Schwetschke gehört zu Bismark, wie der Schalk zum großen Herrn, wie Leporello zu Don Juan", sagt ein damaliger Kritiker. „Seine lustigen Gedichte sind das Satyrdrama zu der großen Trilogie: 1864, 1866 und 1870." Darin liegt etwas Wahres. Diese anspruchslosen Schilderungen verraten ein. feines Verständnis und eine warme Verehrung der genialen Persönlich- lichkeit: sie haben viel zu Bismarcks Popularität beigetragen und atmen eine so echte Zeitstimmung, wie sie kein späteres Werk besitzt. Der be- geisterte Neuhumanist dichtete auch Bismarck auf lateinisch an, wie es später noch Felix Dahn in feiner Hymne „Macte senex consiliator" (Heil Dir, alter Ratschlagfinder!) tat. Er ist der erste und ersreulichste jener „Bismarck-Dichter", die das Befingen des Kanzlers zur Spezialität erhoben und von denen noch Eduard D a e 1 e n mit „Bismarcks Himmelfahrt" und den Bismarckiaden „Von der Wurfchigkeit", Uli Schanz, Hamel mit feinen Bismarck-Epigrammen, Genee mit den Bismarck- Liedern, R e u 1 a u j mit den Bismarck-Sonetten und Max Berner genannt feien. Unendlich schwoll nach 1870 die Zahl der Bismarck-Gedichte. Alle, alle kamen, der echte Biedermeier, Ludwig Eichrodt, mit feinem prächtigen Lied auf Bismarck und fein moderner Nachfolger, Ostini in der „Jugend", der „Partikularist Bliemchen" und die andern Mundartdichter, von denen Wilhelm Schröder mit feinem trefflichen „De plattdütfche Bismarck" (1878) der früheste ist. Was ist nicht alles im Zusammenhang mit Bismarck bedichtet worden! Hat doch selbst die Reichstagsrede vom 6. Februar 1888 ein sicherer Eäsar 21 ft f a I f „in freien Jamben bearbeitet“! Die bedeutenden Dichter aber haben sich erst spät zu seinem Preise eingestellt, eigentlich erst beim 70. Geburtstag, an dem ihn Heyse, Fontane, Groth, Wilbrandt, K. F. Meyer besungen. Arn wuchtigsten ist Meyers Gedicht vorn Reichsschmied, der den Hammer in drei Schlägen niedersausen läßt: Den Hammer hob er noch zum drittenmal,. Der niederfuhr wie blanker Wetterstrahl, Und lachte: „Schmiede, dritter, du die Treu Und unsre alte Kaiserkrone neu!“ Fontane läßt den „alten Göttervater a. D. Zeus" in Bismarcks Gestalt auf Erden erscheinen und die Jovis-Brauen schütteln. Glücklicher ist er in seiner Ballade „Jung-Bismarck": In Lockenfütte das blonde Haar Allzeit im Sattel und neunzehn Jahr, Im Fluge weltein und nie zurück — Wer ist der Reiter nach dem Glück? Jung-Bismarck. Und das Gefühl ganz Deutschlands hat er dann ausgesprochei wundervollen Grabschrift „Wo Bismarck liegen soll". Heyse anfänglicher Gegnerschaft zu einem leidenschaftlichen Bewunderer des Kanzlers geworden und hat uns den alten „Herkules" in (einer form- vollendeten Epistel „Fürst Bismarck in München" bargeftellt. Don Wi 1 - denbruchs oerfdjiebenen Bismarckgedichten haben Die schlichten Derse nach der Entlassung klassischen Klang erhalten: Du gehst von deinem Werke, Deiy Werk geht nicht von dir, Denn wo du bist, ist Deutschland, Du warst, drum wurden wir. Was wir durch dich geworden, Wir wissen'? und die Welt, Was ohne dich wir bleiben, Gott fei’s anheimgestellt! Ehe und Liebe bei den Germanen. Von Professor Dr. Gustav Neckel. Wie oft wird uns versichert: lieber die inneren Verhältnisse des heidnischen Germanentums sei so gut wie nichts mit Sicherheit auszusagen, denn das Zeugnis der antiken Schriftsteller sei unergiebig oder, wie das bes lacitus, verdächtig, und andere verläßliche Quellen gebe es leider nicht. Was man früher über die germanische Religion zu wissen glaubte ei als Schaum zerronnen; Dichtung aus vorchristlicher Zeit sei wenig- tens in Deutschland kaum erhalten, und also habe es dergleichen wohl chwerlich in nennenswertem Umsang gegeben. Was die sittlichen An- chauungen betrifft, so verlautet von der germanischen Sittlichkeit wenig oder nichts, und daher bleibt der Satz, daß Kants kategorischer Imperativ rem formal sei und über den Inhalt oder die Richtung des Sittengebotes nichts aussage, allzu oft eine leere Rede, bei „Verschiedenheit der Sittlichkeit" ober „Wandel der Sittlichkeit" (wie ihn der christliche Staat allmählich herbeigeführt hat) kann man sich nichts denken. Diese Anschauungsweise ist die des Südländers, der nach Norden schaut und dort nur Nebel wahrnimmt. Ihre Grundlage ist Unwissenheit, natürlich für den Südländer, dem die Dinge fern liegen, unnatürlich für den Nordländer, dem die Dinge nahe liegen. Besonders ergiebig ist eine Gegenüberstellung der beiden Welten unter dem Gesichtspunkt des Verhältnisses der Geschlechter: ein südländischer Held kann nach unmäßigem Gelage fünfzig Männer köpfen und ebensoviele Weiber vergewaltigen. Dergleichen hat im Altnordischen zwar Gegenstücke, aber solche von tiefer, bezeichnender Verschiedenheit. Zudem wird sogar öfters erzählt, wie Berserker oder Riesen einem Bauern, vereinzelt auch einem Fürsten seine Tochter abtrotzen wollen. Zuweilen gelingt es dem Riesen, das Mädchen zu entführen und bei sich zu behalten, meist aber leistet die Sippe erfolgreichen Widerstand, oft Überwindet ein willkommener junger Helfer den Eindringling im Zweikampf und wird mit der Hand der Jungfrau belohnt. Im Germanischen ist nicht wie anderswo der Held ein gewalttätiger Don Juan, sondern die Gewalttat geht von Berserkern und Riesen aus, also von niedrig gearteten Wesen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, sie ist trotzdem singularisch und nicht pluralisch, entsprechend der Abwesenheit eigentlicher Vielweiberei, sie geht fast nie auf kurzen Rausch, sondern in der Regel auf dauernden Besitz, und das Weib widersetzt sich charaktervoll und folgt nur dem, der ihr gefällt. Es sei nicht verschwiegen, daß ritterliches Werben um Frauengunst in Fabeln wie Perseus und Andrornache ebenfalls vorkommt, wie es häufig ist im stark keltisch bedingten Ritterroman des französischen und deutschen Mittelalters. Auch kennen die altgermanischen Gesetze das Notzuchtverbrechen und entwickeln eine Art Kasuistik unerlaubter lieber« griffe gegen Frauen. Derartiges ist also vorgekommen. Es muß aber selten gewesen sein, da die Bezeugungen so vereinzelt sind, viel vereinzelter als in südländischen Ueberlieferungen, den eigentlichen Herden von Indezenz und Pornographie, und da die germanischen Dichtungshelden, im Gegensatz zu andern, frei sind von sexuellen Makeln. Die lehrreichen Hauptbeispiele sind Sygurd und Brynhild: aus der Werbungsfahrt, die er für den Freund unternommen, ruht er drei Nächte lang neben dessen Braut, der vom Schicksal ihm selber bestimmten Brynhild, und hat sein scharfes Schwert zwischen sie beide gelegt; und als er später sich hinreißen läßt, der Geliebter trotz ihrer Ehe einen Antrag zu machen, da weist sie, die ihn wiederliebt, ihn stolz und schroff zurück, da sie nicht zwei Männer in einer Halle haben wolle. Den Abstand einer Brynhild und einer Kriemhild von welschen Heldinnen, wie Isolde und Laudine, denen die Gattentreue wie ein Wahn verrauscht vor der schnell auf- flammenben Leidenschaft, hat man oft bemerkt und mit Recht bedeutsam gesunden. Bezeichnend ist auch, daß die provenzalische Fabel von Pastellen von Coucy in ihren vielen germanischen Fassungen fast durchweg den Ehebruch zum bloßen Verdacht verflüchtigt. Dazu passen die scharfe Verurteilung und strenge Bestrafung der Ehebrecherin, wovon Tacitus, der Ditmarsche Neocorus, altdänische Gesetze und andere Zeugnisse berichten, die Seltenheit der Ehebrüche und des Streites um Frauen in den Sagas und die deutliche Verwerfung vor- und außerehelicher Liebschaften ebendort. Die Lebensbilder der Sagas sind so reich und tragen so unverkennbar den Stempel wesentlicher Wahrheit, daß das Verhältnis von Regel und Ausnahme, welches sie ausweisen, und das die Regel so ausgesprochen triumphieren läßt, der Beurteilung der Wirklichkeit zugrunde gelegt werden darf. Die Regel ist, wie für die altisländische, so für das gesamte altgermanische Geschlechts- und Liebesleben diese: seine Form und Norm ist die Ehe. Die Erotik, die es vor und neben der Ehe gab, trat stark hinter ihr zurück und lebte gleichsam in ihrem Schatten, zwar nicht immer lichtscheu und mit bösem Gewissen — am wenigsten die vorübergehenden Verhältnisse mancher Männer zu Nebenfrauen — aber doch in der Regel ohne rechtes Genüge, da die volle Sanktionierung vor der Welt fehlte, die gemäß dem Oeffentlichkeitsgrundsatz des Rechts dem Menschen Bedürfnis war. Die alten Ehen waren aber ziemlich leicht lösbar, im Segen« atz zur kirchlichen Ehe, die im Mittelalter an ihre Stelle trat. Das ist nicht verwunderlich, denn wenn die Che das Gefäß für die Liebe ist, muß üe dies auch in den Fällen bleiben dürfen, wo die Liebe statt zu wachsen und lebenslang zu dauern, sich vom ersten Gegenstände ab- und einem anderen zuwendet. Man darf aber den Satz „Die Ehe ist das Gefäß des Eros" nicht so »erstehen, als wäre das Erotische ihr einziger oder auch nur ihr Haupt- whalt gewesen. Vor diesem Irrtum kann schon das Tacituskapitel schützen, das die Hochzeitsgebräuche schildert, jene Symbolik, deren Sinn die volle ^chicksalsgemeinschaft zwischen Mann und Frau ausmacht, wobei der Nachdruck auf dem liegt, was nicht erotisch ist. Die Frau ist nicht Weibchen, sondern Mensch; der Kamerad, die Lebensgefährtin, Mitarbeiterin; fmd ein starkes Freundschaftselement tritt übermächtig zu der erotischen Beziehung. Am besten sehen wir dies an altnordischen Ehen wie der des Mrli mit Aud und des Njall mit Bergthesa. Beide Frauen leisten, was sie vnnen, für das gemeinsame Hauswesen, dulden alles mit dem Gatten und er&en mit und für ihn. „Jung wurde ich dem Njall gegeben", sagt die alte Bergthesa in den Rauchschwaden des belagerten Hauses: „Da hab ich ihn, versprochen, e i n Schicksal solle uns beide treffen", und sie findet mit dem Manne zusammen den Tod. Hierzu stimmen die Motive der Eheschließung, so wie sie in den Sagas und in der Heldendichtung meistens sich darstellen. Selten handelt es sich um Liebe vom Sehen, Typus Romeo und Julia. Als Gunnar und Hallgard, zwei prachtvolle Erscheinungen, einander zum ersten Male begegnen, da ist es schon entschieden, daß sie seine Frau wird — zu seinem Verderben. Weit häufiger geschieht es, daß Interesse und Wunsch durch em Hörensagen wach werden. Wer erinnert sich nicht an Gunthers freite um Arunhildt, an Gudruns Freier, an Sigrun, die, durch Helgis Kriegsruhm gelockt, in iyrer Not zu ihm kommt, seine Liebe gewinnt und seine tragisch-glückliche Frau wird. In den Sagas läßt der Bauernsohn sich oft vom Vater oder andern Verwandten raten,- wen er heiraten solle und der Rat wird erteilt und befolgt auf Grund familienpolitischer Erwägungen und in Ansehung der Persönlichkeit der Braut, ob sie zum Bräutigam passen möge, wobei anscheinend auch eugenische Rücksichten bisweilen mitspielen. Offenbar nahm man an, wenn sonst alles in Ordnung sei, so werde die Liebe von selbst kommen, und man behielt in der Regel recht. Besonders ausschlußreich ist der Bericht der Geschichte vorn Hühner-Dhorir über die Werbung des jungen Herstein um Thurid, die Tochter Gunnars, und über die Hochzeit, bei der feierliche Tatgelübde abgelegt werden, offenbar unter voller Billigung der Braut, ein Lebensbild, das bezeichnend absticht von den Epithalamien (Hochzeitsliedern) südlicher Kulturen. Ein idyllischeres Gegenstück dazu bildet die Eheanbahnung zwischen Sörli, dem Sohne des ostländischen Häuptlings Brood-Helgi, und Thodirs, der reichen Erbtochter von Modruvellir Hier gibt ausnahmsweise persönliche Bekanntschaft der beiden Jungen den Ausgangspunkt her; ihr Wunsch, einander zu heiraten, besiegt schließlich den Widerstand des Brautvaters, der die bereits in den Mund der Leute genommene Liebelei anfangs nicht gerne sieht, dann aber sich durch einen klugen Vermittler umstimmen läßt, denn die Partie ist auch von seinem Standpunkt aus glänzend, verheißt sie ihm doch Aufstieg der eigenen Sippe. Der Hochzeit voraus ging die Verlobung. Die Verlobung mit der ihr folgenden Wartezeit, während deren die künftigen Gatten einander wenig sehen und so gut wie niemals miteinander allein sind, paßt vortrefflich zu dem Geist der germanischen Ehe, die volle Lebensgemeinschaft ist und daher erst mit dem Eintritt dieser beginnt, nachdem die nötigen wirtschaftlichen und häuslichen Vorbereitungen getroffen sind. Wir werden sie daher beide für uralt halten dürfen, und da die Einehe in Nordeuropa in unabsehbare Vorzeit hinauszeigt, wird auch die Verlobung uralt sein. Die germanischen Quellen kennen sie von Ansang an — der älteste Fall ist die Verlobung Thusneldas — und namentlich die nordischen erzählen viel Bezeichnendes und Reizvolles von verlobten Paaren. Das große Beispiel für die Braut, die in außergewöhnlichen Verhältnissen lange Jahre un- erschüttert und stolz dem Geliebten die Treue hält unter Opfern und Demütigungen, ist Gudrun, die Tochter König Hetels und der starken Hilde. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) An einem klaren Märzabend, dessen Ostwind kalt über die Ebene daherzieht, vernimmt Elli einen lärmenden Streit drunten aus dem Hinterzimmer der Grünkramhandlung. Mutter Wagenschanz liebt den rauhen Ton der Volkssprache. Türen schlagen, Geschirr klirrt, und dazwischen versucht Anton Wagenschanz, Dr. phil., Chemiker, seiner Mutter klarzu- machen, daß er durchaus kein Betrüger sei, ganz im Gegenteil. Bei den nahen und familiären Beziehungen zwischen der Wirtin und Elli ist es unnötig, hinunterzulausen und sich zu erkundigen, was das für ein Krach fei, bald kommt die alte Wagenfchanz erwartetermaßen die Treppe heraufgefchlurft und läßt einen langen Seufzer fahren, über diesen Sohn, den man unter Hunger, Sorgen und Tränen zu einem gelehrten Herrn gemacht hat, und nun wird ein Taugenichts aus ihm, den die Polizei in ein paar Tagen holen wird. Von unten schreit Anton herauf, die Sache verhalte sich ganz anders. Die Witwe Wagenfchanz keift dazu ihre Gegenmeinung die Treppe hinunter — in das verdutzte Gesicht von Fräulein Reubold hinein, die soeben aus der Fabrik heimkehrt. „Mein Himmel, was ist denn hier eigentlich passiert?" mochte Rosemarie erfahren. „Was hat er denn getan?" Elli springt hinunter, es geht um Anton, sie weiß hellsichtig, daß sie ihn verteidigen und schleunigst alles gutmachen wird. Anton steht in der Küche, auf dem Tisch liegt Geld, nicht viel, fünfzig Mark vielleicht, aber sehr viele Abschnitte von Zahlkarten. „Was haben Sie denn, Elli? Sie sind ja blaß wie eine Tote." „Haben Sie Geschichten gemacht —?" „Quatsch. Setz' dich daher. Pass' auf. Ich habe nämlich ins Blaue hinein ein Inserat losgelassen — die Sache ist so —" Seine Mutter knarrt die Treppe hinab und wendet sich an Elli. „Es ist viel Geld gekommen für eine Kosmetische Fabrik von Doktor Wagenschanz, ich habe dem Postboten gesagt, daß muß aber ein Irrtum fein, es gibt nämlich gar keine Fabrik bei uns. Wie finden Sie das, Elli, was sagen Sie dazu, habe ich das verdient?" „Nee, nee!" Anton schiebt sie mit Bauernkraft zur Tür, riegelt hinter ihr ab und sagt durch das Holz: „Das hast du nicht verdient, das verlangt auch kein Mensch von dir, und nun gib endlich Ruhe." Dreht sich um, packt Elli unter die Achseln, stemmt sie hoch, kein Kunststück, hundert Pfund, gibt ihr einen Kuß auf das rechte Herz und einen auf das linke, die Mädchen haben zwei, stellt sie wieder hin. Nun ist sie nicht mehr blaß wie eine Tote. „Tja", sagt er, „ich kann dir das in der Eile unmöglich erklären. Kaufe dir ein großes Notizbuch, hier ist Geld, vorne schreibst du auf die linke Seite „Soll" und auf die rechte „Haben", oder umgekehrt, ganz wie „nach alten, überlieferten Rezepten hergestellte und nach modernen Grund- s'ätzen vervollkommnete Schönheitskreme Erotikon . Wo hast du das Inserat her?" faucht der Kandidat. ,,KIar, Mensch! Das habe ich aus einer alten Zeitung so ungefähr ab- geschrieben." „Das Hütt' ich dir zehnmal besser gemacht!" Wahrscheinlich nicht." Anton kneift seine Augen zusammen. „Denn wenn ich dich darum gebeten hätte, Kieselbach, du hättest mir den ganzen Gedanken ausgeredet und zerquatscht, du kannst überhaupt nichts anderes als flaumachen und den andern jeden Mut nehmen. Plötzlich stehen sie alle auf Antons Seite. „Jawohl", schreien sie, so ist es, man nimmt sich etwas vor, man fragt diestn studierten Assen um Rat, man will 'n,al Schluß machen mit dieser Schweinereiaber der Kandidat Kieselbach redet dir ein Loch in den Kopf und beweist, daß d,e Sache bestimmt schief geht." „Tja", bestätigt der dicke Fabisch, „meinem vorigen Meister hat nam- lich auch so ein Idiot haarklein bewiesen, daß in drei Monaten kein Mensch mehr Kuchen kaufen kann. Und da hat mein Meister gesagt, Fa- bisch, jetzt geht'- ja eigentlich noch, aber wenn die Sache so steht, dann will ich meinen Betrieb lieber rechtzeitig kleiner einrichten, Sie müssen eben stempeln gehen." Dor zehn Minuten war Kieselbach noch der unbestrittene Herrscher über diese Leute, er hatte sie In der Hand, sie horten auf ihn. Jetzt steht sich der Kandidat plötzlich in einer Mitte wilder Burschen, denen Wut und Hunger in den Augen brennen, er ist kein Held der Faust, und diese Leute scheinen gesonnen, ihn persönlich für die ganze Misere verantwortlich zu machen. Er stellt sich also um. „Dein Plan ist übrigens nam nett, Doktor, wenn man das raffiniert anjangt, kann man den reichen Weibern das Geld aus der Rase ziehen und dreht ihnen dafür irgendeinen Schwindel an." besitzt ein Sparkassenbuch! . Doktor Wagenschanz erscheint wie'ein Triumphator in der Kneipe seiner arbeitslosen Freunde: die sitzen hinter Zeitungen und >m Geschwätz und machen ein Spielchen wie feit Wochen und Monaten und Jahren. Der Kandidat Kieselbach als geistiger Beherrscher dieses Kreises thront nut klugem Doqelgesicht am Tisch und erörtert die aussichtslose Lage des Reiches und der Welt im allgemeinen und des einzelnen im besonderen, fein Lieblingsbegriff heißt „das herrschende Wirtschaftssystem", welches er dem Untergänge widmet. „ ., , , , ,, „Alle Mann an die Pumpen", verkündet Anton, „ich habe Arbeit zu vergeben." Oho! Das Neuste! Was für welche? Chemische Panscherei. , ,Zch bin ja eigentlich Elekirotechniker", stellt Gambel fest. „Famos. Du haust drein, bis es zündet. Und du, Fabisch, du bist Konditor, du walkst mir meinen Brei." „Was für einen Brei, Doktor?" „Einen chemischen. Ich habe, wenn es die Herren gestatten, eine Schönheitskreme konstruiert, sozusagen erfunden." , Das ist entschieden eine originelle Idee, die du da ausgebruiet hast , erwidert Kieselbach höhnisch, klappt eine Zeitung auf und zählt einige Anzeigen, „hier werden schon fünfe angeboten. Wie heißt denn deine sechste?" Anton Wagenschanz runzelt ein wenig die Stirn. Wochen und Monate trug er dies Geheimnis mit sich. „Für die hab' ich einen feinen Namen ausgehechelt: die berühmte Schönheitskreme Erotikon." Auf diesen Namen muhte doch jede Frau fliegen! Nun sagt er ihn seinen Kumpanen, er sagt ihn in Kieselbachs im voraus skeptisches und überlegenes Gesicht — prompt klingt der Name dünn, unglaubwürdig, schwunglos und entmutigend. Die Arbeitslosen drängen sich um die beiden Duellanten. Der Kandidat schürzt seine dünnen Lippen. „Und mit so einem ausgelaugten Einfall willst du Geld verdienen?" „Habe schon. Hundert Mark." Es kommt nicht so genau »rauf an, Doktor Wagenschanz nennt eine runde Summe. Hier in diesem Kreis kann man den Mond vom Himmel herunterdisputieren, aber wer hundert Mark verdient hat, der wird auf die Schultern gehoben und unter allgemeinem Jubel zum Räuberhauptmann ausgerufen. „Raus mit Öen Moneten, Doktor! Wirt, Bier!" „Du haft schon?" staunt Kieselbach. „Zeig' mal das Geld her, wenn ich dir glauben soll, und auch die Salbe." Anton erklärt etwas kleinlaut, die Salbe gäbe es noch gar nicht, das habe er nämlich nur so in der Annonce behauptet, und die Kreme Erotikon müsse heute abend erst in Hast hergestellt werden und morgen auf Tuben gefüllt und dann sofort zur Poft. Er zieht ein Zeitungsblatt hervor, Eisenacher Stadtanzeiger, es ist weit genug vom Schuß, von dort her kann man die Sache nicht so genau kontrollieren. „Wie kommst du denn gerade auf Eisenach, Mensch?" „Ach Gott, nur so, ich habe da 'mal zufällig einen Karneval mitgemacht, da sind so kusseiige Mädchen, und da dacht' ich mir —" Bor Kieselbachs Augen schwankt eine wahrhaftige Anzeige, recht nett und ausfällig, die Kosmetischen Werke Dr. Wagenschanz rühmen ihre du willst ich versteh' nichts von sowas, aber das ist unser Hauptbuch, und"hinken trägft bu aUe biefe Wabfftnitt.e ein: ba, rft ung^unbem hurh etzt tatsächlich losgeht, dann wird sie ihm mit allen Kräften helfen, sogar mit Geld, sie besitzt — „Sagen Sie es aber niemand weiter! — fte „So ist es ja eigentlich nicht gemeint", sagt Anton, „die Salbe ist nämlich sehr gut, was ganz Besonderes." Mit fünf Gesellen, die er gegen ein geringes Handgeld für diesen Abend geworben hat, aber zahlbar erst bei Arbeitsschluß, vorsichtshalber, zieht er ab. Kieselbach hat erklärt, er fei eigentlich mehr sur geistige Tätigkeit, und wenn [ein Freund Wagenfchanz in dieser Hmsicht «twas für ihn zu tun hätte, gegen festes Honorar im voraus, — er druckte sich also. Dies ist ein verwegen aussehender Trupp, der durch die schneidend kalte Abendluft marschiert, sie reden laut und mit herausfordernden Gebärden, die Hälse vorgestreckt. Sie wissen plötzlich, niemand wird ihnen helfen, kein Präsident, kein Amtmann, kein Fürst, kein Priester, kein Wirtschaftsführer, die meisten werden sich ihnen hindernd in Den Weg stellen Eltern und Freunde werden ihnen nicht den Nacken steifen oie jeqreifen: sie selber müssen es tun, jetzt, sofort oder nie. Es ist vielleicht die Zeit der kleinen Trupps gekommen, die sich von der verzweifelten, irregeführten Hauptarmee ablösen unb guten Mutes auf eigene Faust davönmarschieren. . „ Wer werden uns jetzt 'mal am eigenen Zopf aus dem Dreck ziehen , erklärt Anton, halb außer Atem von seinem Sturmschritt, „wenn uns sonst keiner herausholt." Der Händler Karczinsky wohnt in einer kleinen Gasse. Ein altes Fach- werkqebäude. Drunten in der ungewissen Dunkelheit wartet Elli Hampel fröstelnd im eiskalten Märzwind. „Die Bestellung ist ausgerichtet ,,lu- ftert sie, „genau wie Sie es mir ausgeschrieben haben. Aber der Mann will seine Fettigkeiten nur gegen bares Geld Herausgebern Ich habe ihm hin und her zugeredet, und als er nicht wollte, hab ich ihm gesagt, na schön, dann bezahlen wir eben." ,Wir werden sehen", erklärt Anton unbehaglich, und die ganze Gesellschaft erklettert unter gewaltigem Getrampel die schiefe Treppe zum ersten Stockwerk der Karczinskyschen Behausung. Der Händler kommt vom Abendessen herein, die Serviette in der Hand, es riecht nach einer gesegneten Mahlzeit, Antons Kerle schnüsseln. Karczinsky fahrt zuruck. „Was wollen Sie denn? Was soll denn das?" „Wir wollen die Bestellung für die Kosmetischen Werke abholen." „Wer ist diese Kosmetische Fabrik?" „Die bin ich." „Haha. Sie sind mir ein Witzkopf, Herr Doktor. Hier ist die Rechnung. Das ist natürlich viel zu teuer", erklärt Anton Wagenschanz nach einer kurzen Prüfung. „Aber wenn Sie sich drei Monate gedulden, bann will ich es bezahlen." Der Händler steht auf kleinen, stämmigen Elefantenbeinen. Der Konditor Fabisch mustert ihn von oben bis unten, nickt seinen Freunden zu und krempelt geschästsmäßig ein wenig die Herme! auf, die andern folgen biesern Beispiel. Elli erinnert sich dunkel, daß dieser Brauch tm Handel eigentlich nicht üblich ist. Immerhin, niemand meint es böse, auch Herr Karczinsky nicht, der seine Ware sehr gern herausgeben wird, sie steht unten im Laden schon transportbereit, aber nur „gegen bar sofort". Die Kosmetischen Werke befinden sich anscheinend dicht vor dem Zu- fammeubrud), obwohl Anton Sicherheiten jeder Art anbietet, Schuldschein, Wechsel, Verpfändung der Erstgeburt, was Sie haben wollen! Jemand schlägt vor: könnten wir Ihnen die Rechnung nicht in Holz abhacken? Bedaure, es wird Frühling. Gambel meint, er sei Elektromonteur und werde dem Herrn Karczinsky so lange die Leitungen in Ordnung halten, bis die Schuld getilgt sei. „Haben Sie sich doch nicht so", erklärt Elli, „Sie könnten das Wirtschaftsleben auch 'mal ein bißchen ankurbeln." (Fortsetzung folgt.)