Geheim ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang <955 Freitag, den 28. April Nummer 55 Auf eine Unbekannte. Von Friedrich Hebbel. Die Dämmerung war längst hereingebrochen, Ich hott' dich nie gesehn, du tratst heran; Da hat dein Mund manch mildes Wort gesprochen In heil'gem Ernst, der dir mein Herz gewann. Still, wie du nahtest, hast du dich erhoben Und sanft uns allen gute Nacht gesagt; Dein Bild war tief von Finsternis umwoben, Nach deinem Namen hab' ich nicht gefragt. Nun wird mein Auge nimmer dich erkennen, Wenn du auch einst vorübergehst an mir, Und hör' ich dich von fremder Lippe nennen, So sagt dein Name selbst mir nichts von dir. Und dennoch wirst du ewig in mir leben. Gleichwie ein Ton lebt in der stillen Luft, Und kann ich Form dir und Gestalt nicht geben, So reißt auch keine Form dich in die Gruft. Das Leben hat geheimnisvolle Stunden, Drin tut, selbstherrschend, die Natur sich kund; Da bluten wir und fühlen keine Wunden, Da freun wir uns und freun uns ohne Grund. Vielleicht wird dann zu flüchtigstem Vereine Verwandtes dem Verwandten nahgerückt; Vielleicht, ich schaudre, jauchze oder weine, Jst's dein Empfinden, welches mich durchzückt! Die Dame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. I. Am neunzehnten November, einem hoffnungslos düsteren Regensonntag, wurde Kommissar Kling durch das Geschmetter des Telephons aus dem besten Morgenschlaf gerissen. Verdrossen tastete er nach dem Apparat neben seinem Bett und klemmte mit Gewohnheitsgeste den Hörer zwischen Kinn und Schulterblatt. Sein „Hallo, was gibt's denn?" klang nur um eine geringfügige Nuance zarter als ein Fluch. Er erkannte sofort den bellenden Baß von Wachtmeister Reuter, einem seiner tüchtigsten Unterbeamten. „Bedaure, Sie so früh stören zu müssen, Herr Kommissar, aber Kommissar Klaproth läßt Sie bitten, so bald wie möglich ins Amt zu kommen. Eine dringende Sache ..." „Mord?" „Jawohl, Herr Kommissar. Das heißt, es ift vor einer Viertelstunde ein Mann auf die Wache gekommen, der angibt, gestern abend in Berlin einen Mord begangen zu haben. Die Personalien stimmen. Kommissar Klaproth hat bereits ein kurzes Protokoll ausgenommen, aber er kann mit dem Mann nicht weiterkommen. Ein schwieriger Bursche, wie es scheint. Kommissar Klaproch läßt Sie dringend ersuchen..." „Also gut, ich komme. In spätestens zwanzig Minuten." Während seiner überstürzten Morgentoilette fand Kommissar Kling noch Zeit genug, die Seelengröße eines Menschen zu bewundern, der an einem Sonntagmorgen, an dem es mit Scheffeln vom Himmel gießt, um 6 Uhr 40 Minuten dem Bedürfnis nicht widerstehen kann, sein Gewissen zu erleichtern. Und ich wage nicht sestzustellen, ob Herr Kling nicht etwa im Stillen der Meinung war, daß dieser unwahrscheinliche Mensch seinen Drang nach Vergeltung zum mindesten bis nach der Morgenpredigt hätte bezähmen können. Eine Ansicht, die natürlich streng privat war und auch nur so lange anhielt, als er sich außerhalb seiner Dienstzone befand. Sobald er — genau zwanzig Minuten später — sein Amtszimmer im Polizeigebäude betreten hatte, war er wieder der korrekte, sachlich denkende Kommissar Kling, einer der fähigsten Kriminalbeamten von Stralsund, dem man wegen seiner ungewöhnlichen Geschicklichkeit, den gestelltesten Gauner zum Reden zu bringen, eine große Karriere voraussagte. Nachdem er das Protokoll Klaproths flüchtig durchgelesen hatte, ließ er sich den Erftatter der Selbstanzeige vorführen. Ein junger, blasser Mensch trat ins Zimmer, der den nicht gerade kleinen Reuter fast um eine Kopflänge überragte. Brust und Schultern waren breit gebaut, beinahe athletisch. Und Kling versuchte vergebens sich darüber klar zu werden, warum dieser Mann trotzdem neben der untersetzten Erscheinung des Wachtineifters einen fast schwächlichen Eindruck machte. Vielleicht lag es nur an der saloppen und auffallend flüchtigen Art seiner Kleidung. Der Mantel war schief zugeknöpft und triefte vor Nässe. Und trotz des hochgeklappten Kragens konnte man sehen, daß er keine Krawatte trug. Seine Schuhe waren von guter Qualität, aber ungepflegt und ohne Sorgfalt zugeschnürt, so daß ein Schuhriemen aufgelöst am Boden schleifte. Ein Umstand, der nicht dazu angetan war, den Kriminalkommissar für den jungen Mann einzunehmen. Denn Kling hatte seit je gerade für diese weitverbreitete Form menschlicher Liederlichkeit eine tiefwurzelnde Abneigung. Und er vertrat die etwas kühne Theorie, daß ein Mensch, der seine Schnürsenkel unbekümmert nachschleppen lasse, zweifellos auch andere moralische Defekte aufzuweisen habe. „Setzen Sie sich", sagte er in barscherem Ton, als es sonst seine Art war, und blätterte eine Weile, schweigend und mit gestellten Brauen in , dem Protokoll. „Sie heißen Grau, Donald Grau, 27 Jahre alt, ledig, . von Beruf Kunstmaler, wohnhaft in Stralsund, Lindenallee 9. Sie haben i zu Protokoll gegeben, am 18. November zwischen 5 bis 6 Uhr abends den Kunsthändler Caspar Fuchs in seiner Wohnung in der Jnvalidenstraße 113 in Berlin ermordet zu haben. Halten Sie dieses Geständnis aufrecht?" Eine auffallend angenehme Stimme antwortete: „Ich wüßte nicht, warum ich ein freiwilliges Geständnis, das ich vor kaum einer Stunde abgegeben habe, widerrufen sollte." Kling sah unwillig auf, er hatte seine Zurechtweisung auf den Lippen. Aber er vergaß sie über einer Entdeckung, die seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war ihm plötzlich klargeworden, woran es lag, daß Grau bei feinem Eintritt auf ihn den Eindruck eines schwächlichen Menschen ! gemacht hatte. Es lag ohne Zweifel an der auffallend schmalen Schädelbildung, die zu seinem kräftigen Körperbau in beinahe groteskem Gegensatz stand. Auch seine Hände waren unwahrscheinlich zart. Sie hatten etwas Hilfloses, beinahe Infantiles. Etwas von einer degenerierten Pflanze. Kommissar Kling heftete seinen Blick nachdenklich aus diese Hände und war intensiv bemüht, sich darin eine Mordwaffe vorzustellen. Der Gedanke kam ihm auf einmal absonderlich vor. Dabei machte er die Wahrnehmung, daß die Hände des Mannes unter feinem Blickck zu zittern begannen. Sie erwachten gleichsam aus ihrer starren Pose zu einer unnatürlich flattrigen Lebendigkeit. Und plötzlich hörte er Graus Stimme wie ein Echo seiner Gedanken sagen: „Sie können sich offenbar nicht entschließen, mich für einen Mörder zu halten, Herr Kommissar?" Kling bekam einen roten Kopf. Aber er zwang seine Gereiztheit in einen ironischen Ton. „Wenn Sie gestatten, Herr Grau, möchte ich mir meine Entschlüsse bis nach dem Verhör aufsparen. Ich empfehle Ihnen, sich weniger mit Gedankenlesen zu befassen als mit der möglichst raschen und klaren Beantwortung meiner Fragen." Er drückte auf die Klingel und reichte dem eintretenden Reuter das Protokoll. „Verlangen Sie dringende Verbindung mit Berlin und fragen Sie an, ob dort bereits über die Sache etwas bekannt ist." Dann faßte er Grau scharf ins Auge. „Aus welchem Grunde haben Sie den Kunsthändler Caspar Fuchs getötet?" „Wir kamen in Streit." „Sie hatten also den Vorsatz, ihn zu ermorden, nicht schon früher gefaßt?" „Nein." „Wie lange haben Sie sich vor der Tat in Berlin aufgehalten?" Der Befragte machte eine unsichere Geste. „Ich — verstehe nicht..." „Nun, ich meine — waren Sie schon ein paar Tage früher in Berlin oder..." „Ich war seit meiner Studienzeit nicht mehr in Berlin." „Dann wäre es vielleicht günstiger für Sie gewesen, wenn Sie mit dieser Reise noch einen Tag länger gewartet hätten... Was also hat Sie veranlaßt, aus einmal nach der Hauptstadt zu fahren?" „Ich wollte mein Bild zurückhaben." „Ein Bild? Welches Bild?" „Ein Bild, das ich an Fuchs verkauft hatte." „Ich verstehe. Sie standen mit Fuchs in geschäftlichen Beziehungen. Hat er des öfteren Arbeiten von Ihnen gekauft, ich meine, hatten Sie mit ihm einen laufenden Vertrag?" „Nein, ich habe nur dieses eine Bild für ihn gemalt, auf Bestellung. Ich lernte ihn ja erst vor kurzem kennen." „War ein Honorar vereinbart?" „Ja, tausend Mark." „Und haben Sie diese Summe pünktlich erhalten? Oder sind Sie etwa nach Berlin gesahren, um Fuchs an seine Derpslichtungen zu mahnen? Im Gegenteil, ich wollte ihm ja sogar sein Geld wieder zuruckgeben. Ich'hatte noch keinen Pfennig davon angerührt. Ich drängte es ihm auf, ich wars es ihm vor die Füße. Aber er lachte mich aus. Er war durch nichts zu bewegen, mir das Bild-zurückzugeben. Und da.. Die Stimme des jungen Mannes überschlug sich in jäh ausbrechender Erregung. Seine Augenlider begannen nervös zu flattern. Mit ruhelosen Fingern riß er an seinen Mantelknöpsen. „Gerieten Sie in Zorn und haben ihn getötet. Stimmt es? Grau antwortete nicht, er bewegte nur mechanisch den Kopf. Der Kommissar legte den Bleistift weg und faßte den Maler mit einem langen, vorsichtig forschenden Blick ins Auge. Seine Stimme klang einschmeichelnd, beinahe teilnahmsvoll, als er nach einer kleinen Pause in einem Verhör sortsuhr. . , m . „Und nun sagen Sie mir, mein lieber Grau, aus welchem Grunde wollten Sie denn eigentlich dieses Bild durchaus wiederhaben?" Der Maler zögerte mit der Antwort. „Ich hatte keinen besonderen Grund", sagte er dann ausweichend. „Es'reute mich einfach, das Bild verkauft zu haben. Das ist alles." Seine Augen gingen an Kling vorbei ins Leere. Ein Zug eigensinniger Verschlossenheit lagerte sich um seinen Mund. Aber noch kollegialer als zuvor svrach Kling aus fein Opfer ein. „Hören Sie mal. Grau, es widerspricht doch jeder Logik, daß man ein Bild für jemand auf Bestellung malt, es abliefert und das Honorar einstreicht. Und bann, nach Tagen oder Wochen, wandelt einen plötzlich die Luft an, den ganzen Handel wieder rückgängig zu machen. Selbst angenommen, es wäre so — es gibt ja unter euch Künstlern jo verrückte Käuze — bloß, weil der Andere sich weigert, auf Ihre Marotte einzugehen, schlägt man ihn doch nicht gleich mir nichts, dir nichts, tot. Sie machen nicht den Eindruck eines besonders gewalttätigen Menschen. Die Geschichte muh einen anderen Haken haben. Also heraus mit der Sprache — in Ihrem eigenen Interesse! Was für eine Bewandtnis hat es mit diesem Bild? Hatte es aus irgendeinem Grund für Sie einen persönlichen Wert?" Grau sah steif auf seinem Stuhl und starrte hartnäckig auf einen Punkt. Er war mit einem Male wie eingefroren in hochmütiger Unzulänglichkeit. Und Kling glaubte zu bemerken, daß in feinem Blick etwas Gequältes war. Eine schmerzliche Unruhe, die er vergebens zu verbergen suchte. Abweisend entgegnete er: „Ich bin der Meinung, daß Sie Ihre Zeit mit überflüssigen Fragen verschwenden, Herr Kommissar. Die Sache liegt doch ganz einfach für Sie: ich habe ein Verbrechen begangen. Ich habe dieses Verbrechen selber gemeldet und wünsche in Has (genommen zu werden. Me Ijrals ich Ihnen ausgejagt habe, wird auch der Herr Staatsanwalt nicht aus mir herausbekommen. Es ist mir gleichgültig, wie meine Strafe ausfallen wird, und ich denke, Ihnen kann das doch erst recht gleichgültig fein. Warum wollen Sie also durchaus Dinge aus mir herauspreffen, die — ich nicht — sagen will?" Sein Tonfall bekam etwas Schleppendes, und Kommissar Kling fiel es auf, wie verfallen er auf einmal aussah. Das frostige Zwielicht des kahlen Amtsraumes ließ ihn noch blasser erscheinen, blaß zum Erbarmen. Die dunklen Augen lagen unheimlich tief, wie eingesogen, verkrochen unter den weit vorspringenden Stirnbögen. Erloschene, verschreckte Tieraugen, aus denen eine apathische Traurigkeit bettelte. In dem Kommissar kämpfte der überspitzte Instinkt des Kriminalbeamten mit einer durchaus menschlichen Sympathie, die dieser junge Mann ihm auszwang. Dabei verlor er keinen Augenblick feine in fast zehnjähriger kriminalistischer Tätigkeit erworbene Skepsis, die ihn ermahnte, auf der Hut zu fein. Es wäre nicht zum ersten Male gewesen, daß ein gewitzter Gauner ihn durch ein aus der Luft gegriffenes Geständnis auf eine falsche Fährte zu locken oder sich durch sein Erscheinen auf der Polizei ein raffiniertes Alibi zu verschaffen versucht hätte. Er zwang si chalso zu äußerster Sachlichkeit und wandte sich mit liebenswürdiger Ironie an Donald Grau: „Ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihr Bemühen, meine Zeit zu schonen, Herr (8rau. Ich sinde Ihren Vorschlag eines abgekürzten Verfahrens ungemein praktisch und loyal. Leider aber bin ich nach dem derzeitigen Stand unserer Kriminalistik für diesmal noch verpflichtet. Sie solange mit zudringlichen Fragen zu belästigen, bis ich Sie mit gutem Gewissen dem Staatsanwalt überantworten kann. $s hängt also ganz von Ihrem Entgegenkommen ab, wann dieser doch auch Ihnen offenbar erwünschte Moment erreicht sein wird und ..." Er wurde durch ein Klopfen unterbrochen. Wachtmeister Reuter betrat das Zimmer. „Nun, Reuter, haben Sie Antwort von Berlin?" „Jawohl, Herr Kommissar, Berlin faßt, daß bis fetzt keine Anzeige eingelaufen ist. Es wird sofort recherchiert werden. In einer Stunde können wir Nachricht haben." „Danke. Verbinden Sie dann direkt zu mir herein. Inzwischen geben Sie Order, daß dem Arrestanten ein Zimmer angewiesen wird." Er machte eine Geste zum Aufbruch. „Ich will Sie bis dahin sich selbst überlassen, Herr Grau. Vielleicht sind sie später besser zur Unterhaltung aufgelegt. Sollten Sie noch nicht gefrühstückt haben, so können Sie sich auf Ihre Kosten ein Frühstück servieren lassen. Ich will Ihnen sogar Gelegenheit geben, sich zu rasieren. Meiner Schätzung nach sind Sie etwa vier Tage nicht mehr dazu gekommen." Er sah den jungen Mann mit einem kühl lächelnden, durchdringenden Blick in die Augen. „Vielleicht erzählen Sie mir bei Gelegenheit, was Sie so lange von dieser Morgenübung abgehalten hat." II. Von der Erlöserkirche schlug es acht, als von der Brunnenstrahe her ein Mietauto in vorschriftswidrigem Tempo in die Inoalidenftrahe einbog und bald darauf vor dem Haus Nr. 113 hielt. Zwei Herren in dunklen Regenmänteln fliegen aus. Während der eine den Chauffeur bezahlte, studierte der andere die Klingelschilder und ließ dann feinen Blick unauffällig die Häuserfront entlangschweifen. Es war ein altes, unschönes Mletaebäude mit kahlen, vorhanglosen Fensterreihen und einer Unmenge von Firmenschildern an der Haustür. Eines jener nüchternen Geschäftshäuser die zu neun Zehntel aus Büros und Lagerräumen bestehen und an Wochentagen einem Taubenschlag gleichen. „Es stimmt — zweiter Aufgang, vier Treppen. Wir müssen über den Hof, Jensen", jagte der Aeltere der Herren zu feinem Begleiter. Sie eilten durch den finsteren Hausflur, überquerten einen Hof, in dem Kisten und leere Fässer umherstanden, auf denen der Regen trommelte, und gelangten in ein Rückgebäude, das, ebenso wie das Vorderhaus, fast ausschließlich zu Bürozwecken vermietet war. Man sah es den schmalen, aus« gehöhlten Stufen an, daß Hunderte von Füßen Tag für Tag über sie auf und ab wanderten. Heute am Sonntag waren sie leidlich sauber gescheuert; es ro chnach Seifenlauge und Chlor und das ganze Haus schlief in einer beinahe beklemmenden Feiertagsstille. „Im Seitenbau ist eine Schlosserei" äußerte Jensen im Hinaussteigen. „Für den Fall, daß wir aujbrechen lassen müssen." Der andere stolperte über eine Milchkanne, die jemand vor die Tür gestellt hatte, und hielt sich fluchend am Geländer fest. „Verdammte Hühnerstiege! Den Hals kann man sich brechen bei dieser Finsternis." Im vierten Stock machten sie Halt. Inspektor Scharf kramte seine Taschenlampe hervor und suchte damit die Tür ab, bis ein kleines Mes- singschild aufblinkte, auf dem der Name Fuchs zu lesen war. Die Tür war aus massivem Eichenholz und hatte in der Mitte ein kleines Guckloch, mit einer von ihnen verschiebbaren Klappe. Neben der Glocke hing ein kleiner Abreißblock für Notizen. Auf dem obersten Blakt stand in einer fahrigen Frauenschrift: „Morgen 4 Uhr Schachklub. Olly." Die beiden Herren sahen sich vieldeutig an. (Fortsetzung folgt.) Nun ruhen alle Wälder. Von Paul Gerhardt. Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, Es schläft die ganze Welt: Ihr aber, meine Sinnen, Auf, auf! ihr sollt beginnen, Was eurem Schöpfer wohlgefällt. Wo bist du, Sonne, blieben? Die Nacht hat dich vertrieben, Die Nacht, des Tages Feind: Fahr hin, ein andre Sonne, Mein Jesus, meine Wonne, Gar hell in meinem Herzen scheint. Der Tag ist nun vergangen. Die güldnen Sternlein prangen Am blauen Himmelssaal: So, so werd ich auch stehen, Wenn mich wird heißen gehen Mein Goü aus diesem Jammertal. Der Leib, der eilt zur Ruhe, Legt ab das Kleid und Schuhe, Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus, dagegen Wird Christus mir anlegen Den Rock der Ehr und Herrlichkeit. Das Haupt, die Füß und Hände Sind froh, daß nun zum Ende Die Arbeit kommen sei: Herz, freu dich, du sollst werden Vom Elend dieser Erden Und von der Sünden Arbeit frei. Breit aus die Flügel beide, O Jesu, meine Freude Und nimm dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein fingen: Dies Kind soll unverletzet sein. Auch euch, ihr meine Lieben, Soll heute nicht betrüben Kein Unfall noch Gefahr! Gott laß euch ruhig fchlasen, Stell euch die güldnen Waffen Ums Bett und feiner Helden Schar! Ein deutsches Geiehrtenleben. Ein Gespräch mi( dem Nobelpreisträger Max Planck. Von Ernst Lorenz. Im Folgenden erzählt der Nobelpreisträger Professor Max P l a n ck , der als Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft die höchste Stufenleiter wissenschaftlicher Ehren erklommen hat, aus feinem Leben. Als Schöpfer der Quantentheorie gehört er zu den bedeutendsten wiffenschastlichen Entdeckern unserer Epoche — ein deutscher Gelehrter von Weltruf, der, wie bereits gemeldet, in diesen Tagen seinen 75. Geburtstag beging. Die Natur macht keine "Sprünge: so lehrten die Weisen des Altertums und so wußte es auch Newton, der die uralte Weisheit als ein Naturgesetz in eine eherne Formel faßte. Dieses Gesetz war einer der Pfeiler, auf die das 18. und 19. Jahrhundert die Naturlehre aufbaute, es schien für alle Ewigkeit zu gelten. Alle Genies der Physik glaubten daran, denn alle Erscheinungen, die sie in der Natur oder in ihrem Laboratorium sahen, ließen sie mit jenem Gesetz erklären, aber nicht ohne das Gesetz. Das heißt: alle Erscheinungen bis auf eine kleine Gruppe, die Erscheinungen der Strahlung aus einem vollkommen dunklen Körper, der selbst Strahlen aller Arten restlos verschlang. Da kam ein deutscher Gelehrter und sand das Gesetz, nach dem jene Strahlung vor sich geht. Er sand aber, daß es sich mit Newtons Gesetz nicht vertrug. Er hatte nur bei diesem Widerspruch stehenbleiben können, aber er ging einen Riesenschritt weiter und entfernte kurz entschlossen jenes Newtonsche Gesetz, den massivsten Grundpfeiler aus dem Gedankengang der Naturlehre, indem er gleichzeitig einen neuen Pfeiler einbaute. Dies war die Plancksche Theorie, die'behauptet, daß jede Aussendung von Strahlen sprungweise vor sich gebt. Diese Worte treffen keineswegs das Wesen dessen, was die Wissenschaft Plancks Ouantenlehre nennt, sie wollen nur eine blasse Ahnung von ihr geben. Sicher ist, daß, nachdem einmal Plancks Gesetz ausgesprochen und von den Tatsachen bestätigt worden war die ganze Physik und die ganze Chemie von Grund auf umgebaut werden mußte. Planck ist der größte Revolutionär im Bereiche zeitgenössischer Wissenschaft. Er steht am Anfang einer ungeheuren Bewegung der Geister Die besten Köpfe aller Nationen arbeiten daran, jene Helligkeit, die einst Planck aus dem dunklen Körper gewann, noch Heller zu machen. * Max Planck, dessen Sätze unsere Enkel aus ihren Schulbüchern lernen werden, lebt unter uns, in einer Villa im Berliner Grünewald. Ein Helles geräumiges Arbeitszimmer mit nicht gar zu vielen Büchern. Von einem Stehpult her kommt ein mittelgroßer, zierlich schlanker Mann aus den Besucher zu und reicht ihm die Hand. Er willigt ein, von seiner Jugend zu erzählen. — Ich bin in Kiel geboren, das damals noch dänisch war. (Im Jahre 1858.) Die Familie meines Vaters stammte aus dem Schwäbischen. Es war eine Familie von Theologen und Juristen. Mein Vater war Professor der Rechte. Meine Mutter schenkte meinem Vater fünf Kinder: ein Sohn fiel 1870 als bayerischer Soldat, der zweite Sohn wurde Ingenieur bei Siemens & Halske, dann kam eine Schwester, Gattin eines Oberlandesgerichtspräsidenten in Hamburg, dann kam ich und schließlich noch ein Bruder, der Staatspräsident am Landesversicherungsamt in München ist. Ich war der Kleine, und ich war sehr stolz, wenn meine größeren Brüder mich an ihren Spielen beteiligten. Ich habe als Junge von 6 Jahren noch die dänische Garnison aus Kiel abziehen sehen. Wir hatten dann Einquartierung, preußische und österreichifche, immer sechs ober acht Mann und, roenn’s hoch ging, einen Sergeanten. Wir zogen die Weißröcke vor, denn wir fürchteten, daß Preußen die Herzogtümer annektieren würde. Unsere ganze Familie war eben gut augustenburgisch. Der Herzog, ein stattlicher, vornehmer Mann, be- Kte uns in Kiel und später auch in München, und zwar mit seiner hter, der späteren Kaiserin Auguste Viktoria. Unsere Familie begeisterte sich für seine legitimen Erbanjprüche. Mein Vater war der erste, der mir von einem Naturgesetz sprach. Er hatte für Naturwisfenschasten viel übrig, besonders für Astronomie. Ich sehe ihn vor mir, wie er mir den gestirnten Himmel zeigt und von den Planeten spricht. „Sieh diese Sterne", sagte er, „sie bewegen sich nach ewigen Gesetzen." Ich glaube fast, der Vater sprach mit mir 9jährigen Knaben von den K e p l e r s ch e n Gesetzen. Es machte einen ganz starken Eindruck aus mich. Nach Königgrätz hatte mein Vater einen Ruf an die Universität München angenommen. Aus dem Gymnasium hatte ich einen guten Mathematiklehrer. Herr Müller war ein sehr lebhafter und reichlich grober Mann, der uns aber für feine Wisfenfchaft zu interessieren wußte. Ich war Müllers Liebling, weil ich alles, was er uns lehrte, schnell begriff, und ich war der Jüngste der Klaffe, um ein, zwei Jahre jünger, als die meisten meiner Mitschüler. — Müller nahm einmal in der Stunde einen Kreuzer aus der Tasche — wir rechneten nach nach Gulden und Kreuzern — und erklärte: Diesen Kreuzer bekommt, wer mir sagen kann, die wievielte Potenz von Zehn Null ergibt! Die Klasse saß recht still da. Da meinte Müller in seiner spöttischen Art: Ich könnte euch wohl Millionen Gulden versprechen, von euch würde ich doch nicht die richtige Antwort erhalten. Da meldete ich mich und sagte: Minus unendlich! Müller hatte uns am Anfang der Stunde den Sinn des negativen Exponenten klargemacht: der Schluß ergab sich zwangsläufig. Ich bekam den Kreuzer. War München damals eine luftige Stadt! Die Bayern liebten ihren König Ludwig II., obwohl sie ihn selten sahen. Er bringe Geld unter die Leute, hörte ist oft sagen, weil er viel Arbeiter bei feinen Schloßbauten beschäftige. Sein Andenken lebt heute nach, und ich kenne Menschen in Bayern, die noch immer nicht glauben wollen, daß er gestorben ist. Das Jahr 1870 ist mir unvergeßlich. Der Ruck, der durch Bayern ging! Es hielt die Bundestreue, es marschierte mit. Ich war zu jung, um mit meinen zwei Brüdern ins Feld zu ziehen, von denen einer nicht zurück- tommen sollte. Aber ich sammelte alle Extrablätter; ich habe sie heute noch. 1874 bezog ich die Universität München, der erste aus unserer Familie, der Naturwissenschaften studierte. Ein Jahr hörte ich auch in Berlin, wo ich beinahe Musiker geworden wäre. Ich habe früh Klavierspielen gelernt, später auch Cello und, jawohl, auch Zither! Ich sang auch. In Berlin war ich von den Joachim-Quartetten so begeistert, daß ich an der Hochschule für Musik Harmonielehre und Kontrapunkt belegte. Nach der letzten Stünde des Semesters fragte ich Franz Schulz, den Spandauer Organisten, meinen Lehrer: „Sagen Sie mir doch, soll ich nicht Künstler werden?" Er antwortete „Sie haben ja Talent. Aber wenn Sie mich fragen, dann muß ich Ihnen antworten: gehen Sie lieber nicht zur Kunst; denn wenn Sie zum Künstler prädestiniert wären, so hätten Sie mich gar nicht gefragt." Ich fand diese Antwort vortrefflich, ich habe den Rat befolgt und habe es nickt bereut. Kunst als Nebenbeschäftigung kann einem Wissenschaftler gute Dienste leisten; er kann dabei sein Gehirn ausruhen lassen; er darf aber nie sich ganz der Kunst hingeden, weil der Künstler sein Bestes aus seinen Nerven schöpft: die aber braucht der Wissenschaftler für seinen Berus. Ich machte in München meinen Doktor, habe mich bald habilitiert und lebte weiter bei meinen Eltern. Sie waren lieb und gut zu mir, es waren die Jahre der gespannten Erwartung, ob man einen Ruf an eine Universität bekommt. Ich arbeitete an der Beantwortung einer Preisfrage der Universität Göttingen über die Erhaltung der Energie, aber mein Fach, schon damals die theoretische Physik, war an den Universitäten noch nicht vertreten. Ich war zu ungeschickt, um zu experimentieren, ich verdiente nur wenig mit Stundengeben in der Familie, und die Stunden zogen mich überdies von meinen Studien ab, der Münchener Boden brannte mir unter den Sohlen. Ich hatte das Staatsexamen bestanden und mich bereits mit dem Gedanken des U m f a 11 e l n s vertraut gemacht, ja, ich verhandelte bereits wegen eines Postens an der Forstlehranstalt Aschaffenburg. Da ließ eines Tages A1 thoff, der allmächtige Leiter des preußischen Universitätswesens, seine Visitenkarte bei mir abgeben. Ich eilte zu ihm ins Hotel Mcirienbad und hatte keine Ahnung, was er von mir wollen könne, ja, ich wußte gar nicht, was der Name Althoff zu bedeuten hatte. Er sprach sehr nett zu mir in seiner väterlich burschikosen Art, nannte mich „mein lieber Herr" und rückte nach einigem Herumreden mit der Frage heraus, was wohl meine Bedingungen für die Uebernohme der außerordentlichen Professur der Physik in Kiel wären. Meine Bedingungen? Ich hätte dem Mann am liebsten die Hand geküßt. In fünf Minuten waren wir handelseinig, und bald ging ich nach Kiel, der Heimatstadt, ins Sommersemester. Dann gewann ich die Göttinger Preisarbeit, und nun dachte ich auch daran, mir einen Hausstand zu gründen. Ich heiratete Marie Merck, eine Freundin meiner Schwester aus München. Sie starb mir nach 20 Jahren, nachdem sie mir zwei Söhne und zwei Töchter geschenkt hatte. Und 1889 starb der große Kirchhoff, der Inhaber des einzigen Lehrstuhls der theoretifchen Physik, der an der Universität Berlin errichtet worden war. Man berief mich als Extraordinarius zu Kirchhoffs Nachfolge. Man wagte es mit mir. Das war schon ein Wagnis: ehe ein Gelehrter nicht vierzig ist, kann ihm kein sicheres Prognostikum gestellt werden, namentlich, was seine Wirkung nach außen anlangt. In Berlin kam ich gleich in den Kreis von Hermann Helmholtz. Das war ein Edelmann durch und durch, ich halte sein Andenken hoch in Ehren. In seinem Hause lernte ich Joachim kennen und mit Joachim zusammen spielte ich manches Stück von Brahms und Beethoven. Helmholtz, ein Meister in allem, war auch ein Meister in der Kunsft mit seiner Kraft hauszuhalten. Run bt, der andere Physiker, dem ich befonöers nahe kam, war viel lebhafter, viel zugänglicher als er, er hat sich auch fchneller aufgebraucht. Er beklagte sich einmal bitter bei Helmholtz, daß er in Berlin viel weniger Zeit als in Straßburg für sich und feine Arbeit habe, weil er die Menschen hier nicht abschütteln könne. „Ja, Herr Kollege", antwortete Helmholtz, „ich verstehe Sie sehr gut, da gibt es nur ein Mittel: Sie müssen vornehm werden." Helmholtz selbst war vornehm geworden aus Sorge um fein Werk. Er hatte recht. Jeder muß wissen, was ihn fördert, aus dem Gefühl und mit dem Verstände muß er sich Lebensregeln fetzen, und wer sich mit 40 nicht selber kurieren kann, bei dem steht es schlecht um die Verwirklichung des Lebensplans. Seit 1894 hatte ich den Plan, die G e f e tz e d e r W ä rrn e st r a h l e N zu studieren. Ich sprach ihn aus in meiner Antrittsrede in der Akademie. Sechs Jahre dauerte es noch, bis ich die Quantenlehre fand, ich sollte noch manchen Kreuz- und Ouerweg gehen, bis ich ans Ziel anlangte. Sie wollen wißen, wie mir der Gedanke kam? Das kann ich Ihnen sagen. In der Physikalischen Reichsanftalt wurden um 1896 herum Messungen über Strahlungsenergie ausgeführt. Es gab damals zwei Formeln, die die Verteilung der Strahlungsenergie auf die verschiedenen Wellenlängen ausdrückten, die des Lord Rayleigh und die des Professors Wien in Würzburg. Professor Rubens besuchte mich eines Tages und erzählte nur von jenen Messungen in der Physikalischen Reichsanstalt. Ich hörte ihm zu, ließ mir seine Zahlen durch den Kopf gehen und plötzlich dachte ich: „Donnerwetter! So könnte es fein!" Mir war eine Formel eingefallen, die jene beiden Formeln in sich begriff und die Strahlungserscheinungen aller Wellenlängen und Temperaturen, die bis dahin beobachtet wurden, genau beschrieb. Einige Wochen später ging ich in meinem Zimmer auf und ab, und da tarn mir der Gedanke des Wirkungsquantums, damit war die theoretische Grundlage der Formel geschaffen. Ob ich damals Glück hatte? Ich hatte Glück und Pech zugleich. Mein Glück bestand darin, daß jene Experimente in meiner Zeit und in meiner Nähe aber freilich ganz unabhängig von mir angefteUt wurden. Was ich Pech nenne, besteht darin, daß ich, den Arbeiten Professor Wiens folgend, eine Zeitlang einen Weg einschlug, der sich später als ein Irrweg Herausstellen sollte. Ende 1900 schloß ich meine Arbeit „Heber das Gesetz der Cnergiever- teilung im Normalspektrum" ab. Bei der Formulierung meines Gedankens batte ich mich bemüht, so weit wie möglich im Einklang mit den bisher geltenden Annahmen zu bleiben. Vielleicht, so sage ich mir heute hatte ich damals in der Form noch kühner vorgehen sollen. Ein paar Jahre lang wurde die Quantenlehre angezweifelt oder bestenfalls als em Kuriosum angesehen. Ernst genommen wurde sie zuerst nur von meinen Berliner Kollegen. Auf einem Naturforschertag wurde sie in einem Vortrag erwähnt: es stellte sich heraus, daß die meisten Leute von mir überhaupt nichts gehört hatten. . . . _ . Aber da tarnen die ersten Bestätigungen. Ich wußte zwar, daß meine ■ Lehre für die Chemie von Wichtigkeit werden könnte und hatte es auch ausgesprochen, aber von der Seite, von der mir jetzt die Bestätigung kam, hatte ich sie doch nicht erwartet. R u t h e r f o r d und Geiger beftimim I ten das absolute Gewicht der Atome durch Zahlung der Alpha-Partikel. Ich las den Sonderabdruck, in dem eine kleine Fußnote daran erinnerte, daß die absoluten Atomgewichte sich wirklich so bestimmen ließen, wie es nach Planck zu erwarten war. Nun war ich selber überzeugt Ob ich bis dahin noch nicht an meine eigene Lehre geglaubt batte? Doch ich glaubte an sie, weil sie schön war. Nun aber wußte 'ch, daß sie zu den Tatsachen paßte. Und darauf kommt es wohl an. Bald tarn die -weite Bestätigung, die direkte Messung des Wirkungsquantums und k dann kam Niels Bohr mit seinen großen Sachen, er baute eine Theorie । aus die meine auf, die weiter ging als sie. — Planck ist nun seit einer Reihe von Jahren emeritiert und hat jetzt die größte Position inne, die ein deutscher Wissenschaftler erreichen kann: er ist als Adolf Harnacks Nachfolger Präsident der Kaiser- Wilhelm-Gesellschast zur Förderung der Wissenschaft. Sein Tag verläuft so regelmäßig wie zur Zeit, da er die Quantenlehre schuf. Schon seit seinem vierzigste Lebensjahr vermeidet er es, spat zu Bett zu gehen. Mit großem Genuß raucht er seine zwei Zigarren täglich und trinkt gelegentlich gern ein Glas Bier oder Wein: doch erst am j Abend: Alkohol, hat er gefunden, beflügele wohl die Phantasie, ohne den Verstand zu schärfen. Seine besten Arbeitsstunden fallen zwischen 8 Unige älter Planck wird, desto mehr wenden sich seine Gedanken den letzten Dingen der Wissenschaft zu. Er denkt in diesen Tagen immer wieder über die Natur und die Grenzen unserer Erkenntnis nach und legt Gewicht aus die Feststellung, daß die Wissenschaft wohl nie alles werde erklären können. Die Freiheit des Willens, das Wesen der Wirklichkeit, Gott —: sie würden sich immer der Wissenschaft entziehen, sie haben kein Organ zu ihrer Erfassung Auf seinem Stehpult liegen die Schriften Karl Maxwells, des genialen englischen Physikers. „Wie wunderbar", schwärmt Planck, „daß ein Mensch seine Gedanken in Formeln bringen konnte, die Naturerscheinungen beschreiben, die erst später entdeckt wurden. Es ist, als gehorche die Natur unseren Denkgesetzen." OaS Wandern im deutschen Lied. Von Dr. Friedrich S p r e e n. Der Wandertrieb ist den Germanen tief eingewurzelt; solche Wanderzüge, wie sie ihre gewaltigste Entfaltung in der Völkerwanderung fanden, sind seit Anbeginn der deutschen Geschichte häufige Erscheinungen, und eine gewisse Ruhelosigkeit in unserem Volke noch durch das ganze Mittel- alter hin geblieben, wie die zahlreichen Kreuzzüge, Jtalienfahrten und dann die „Kriegsreisen" nach dem Osten erkennen lassen. Bei dieser allgemeinen Wanderlust des Volkes hat sich aber die Freude des Einzelnen l am Wandern und Reisen erst spät ausgebildet. Im deutschen Mittelalter waren es zunächst nur einige Stände und Berufe, die auf eine stete Be- \ wegung, ein Ziehen von Ort zu Ort angewiesen waren; aber das Umher- streifen in Gottes freier Natur hat ihnen noch nicht die Zunge gelöst zum Hellen Jubel und Preis des Wanderers, und die zahlreichen Wanderlieder, die heut aus aller Munde tönen und jetzt wieder vieltausendstimmig Wald und Feld durchhallen, sind verhältnismäßig jungen Ursprungs. j Die erste Blüte einer deutschen Wanderpoesie finden wir in den Lie- : dern dec Vaganten. Ein kräftiger Marschrhythmus, der auch noch Goethe ■ in seinen Gesellschaftsliedern anregte, tönt aus diesen lateinischen gereimten Strophen. Aber gerade die Wanderfreudigkeit, die ihnen später Poeten des 19. Jahrhunderts, wie Scheffel und Baumbach, angedichtet ; haben, fehlt den „Carmina burana“ völlig, sie verweilen ausführlich bei jeder freundlichen Einladung und jedem Aufenthalt in Herberge und i Schenke, über über die Zeit des Marschierens, die nur Mühe und Un- j gemach, höchstens einmal ein Liebesabenteuer bringt, gleiten sie mit Seufzen hinweg. Wanderlieder aus jener Epoche sind die Gesänge der Kreuzfahrer, die Hymnen der Wallfahrer, die Verse der „Reutersknaben" und der Handwerker, kurz aller fahrenden Gesellen. Sie erzählen von Krieg und Glauben, von Beutemachen und Plündern, von Schlemmerei und Dieberei, nirgends von Wanderlust. Am besten drückt den "Typus des damaligen Marschliedes etwa der stolze Gesang der Deutschordensritter aus. „Nach Ostland wollen wir reiten, Nach Ostland wollen wir weit All über die grünen Heiden, Frisch über die Heiden, Da ist eine bessere Zeit." Scheiden und Meiden, trauriges Sichtrennen von der Stadt und ihrer Lust spielt in allen Wanderliedern die Hauptrolle. Es seien nur einige der berühmtesten Abschiedslieder erwähnt, so „Ich stund an einem Morgen", „Innsbruck, ich muß dich lassen", „Ach Gott, wie weh tut scheiden!" oder von neueren „Muß i denn, muh i denn zum Städtle hinaus , „Nun leb wohl, du kleine Gasse". Wie es aber dem Wandersmann des Mittelalters auf seiner Fahrt ergehen konnte, davon erzählt das Lied vom armen „Schwartenhals", wohl eins der beliebtesten Wanderlieder der Landsknechiszeit. Auch spezifische Handwerkerstände tauchen schon im Wanderlied aus, weil sie die nicht seßhaft betriebenen Wandergewerbe repräsentieren, so der Wafsenschmied, der „jung jung Zimmergesell". Andere Berufe, wie der des Müllers, behalten den Ruf des Leichtfertig- Unsteten, auch wenn sie bereits seßhaft geworden sind. Daß „das Wandern des Müllers Lust" ist, galt zunächst als gar kein Ruhmestitel, sondern als das Zeichen eines wenig Vertrauen erweckenden Eharakters, und ist erst in unserer gerechter denkender Zeit durch Wilhelm Müllers Lied zu einem Lobspruch gemacht worden. Alle diese Volkslieder sind während des Marschierens entstanden, atmen zwar keine Wanderlust, aber doch Freiluft. Begab sich die Kunstdichtung _eiwnal auf eine Fußreise, dann tut sie es am liebsten — im Traum So sind die Wandergedichte der Meistersinger entstanden, eines, Hans Sachs und Adam Puschmann. Begibt sich aber ein Dichter dieser Zeit wirklich auf Reisen, dann schickt er, wie z. B. Philipp von Winnenberg in (einen „Christlichen Reuterliedern", ein Gebet zum Herrn vorauf, ihm seinen Schutzengel zu senden „in dieser schweren Not" und ihn „vor dem Uebcl zu behüten". Das klingt nicht nach großer Wanderlust, und ein freundlicheres Wort Moscheroschs steht ziemlich vereinzelt Auch tm 18. Jahrhundert hat der gedankenreiche Freiherr von Creuz in seiner „Reife-Ode" keine anderen Gefühle als die von der Vergänglichkeit alles Irdischen, von der Unbeständigkeit des Menschen- schicksals und den überall lauernden Gefahren. Andere Töne, die ein neues Empfinden, eine neue Welt jubelnd aufgeschlossener Herrlichkeit verraten, erklingen erst in dem „Sturmlied", das Goethe, „der Wanderer", auf der Landstraße zwischen Frankfurt und Darmstadt vor sich hinsingt. Goethe, der dem modernen Menschen eine solche Fülle neuer Möglichkeiten entdeckt hat, wird in seiner inbrünstigen Hingabe, an die Natur auch zum ersten Propheten und Verkünder der Wanderfreude. Zwar hatten schon vor ihm Klop stock und die Sänger des Hains die Bewegung in freier Luft gepriesen, aber erst der Dichter des „Egmont" ries die Jugend zu jeder Leibesübung auf, hinaus in die Weite: „Frisch hinaus, da wo wir hingehörenl Ins Feld, wo aus der Erde dampfend jede nächste Wohltat der Natur und durch den Himmel wehend alle Segen der Gestirne uns umwittern, wo wir, dem erdgeborenen Riefen gleich, von der Berührung unserer Mutter kräftiger uns in die Höhe reißen." Die Gestalt des „Wanderers" beseelt einige seiner schönsten Gedichte, und noch in „Wilhelm Meisters Wanderjahren" hat er sein prächtiges Wander- lied gesungen: „Bleibe nicht am Boden haften, Frisch gewagt und frisch hinaus! Kops und Arm mit heitern Kräften, Ueberall sind sie zu Haus: Wo wir uns der Sonne freuen, Sind wir jede Sorge los; Daß wir uns in ihr zerstreuen. Darum ist die Welt so groß." Seit Goethe ist erst der „Wanderer" in unserer Dichtung heimisch. Die Romantik nimmt den von Goethe angeschlagenen Ton sogleich auf. Tiecks „Sternbald" ist erfüllt von einem unablässigen Schweifen, einem sehnsüchtigen Wandern, das in dem Liede Florestans Ausdruck findet: „Wohlauf, es ruft der Sonnenschein Hinaus in Gottes freie Welt: Geht munter in das Land hinein Und wandelt über Berg und Feld!" Dieser mehrstrophige Gesang Florestans ist das Vorbild für eins unserer bekanntesten Wanderlieder, das „Wohlauf! noch getrunken den sunkelnden Wein!", das Justinus Kerner auf einer Wanderung in Gundelsheim am 1. Mai 1809 fang. Es dauert einige Zeit, bevor aus den dumpfgärenden Sehnsuchtswünschen der Romantik, die in eine nebelhafte Ferne und gestaltlose Weite drängt, sich der frische heimatssrohe Wandergeist entwickelt, der in Uhlands, Eichendorsfs und Wilhelm Müllers Liedern lebt. In Tiecks und Lenaus Gedichten regt sich oft etwas Unruhiges, Gehetztes, das schließlich Ahasver zum Symbol des „ewigen Wandrers" werden läßt. Den rechten Wandermut brachte die Zeit der Befreiungskriege; die Freude am Turnen und andere Leibesübungen gewann auch dem Wandersport zahlreiche Anhänger. Die wichtigsten, noch heute gültigen Wanderregeln hat Friedrich Ludwig Jahn aufgestellt. „Wandern, Zusammenwandern", so predigt er in seinen „Runenblättern", „erweckt schlummernde Tugenden, Mitgefühl, Teilnahme, Gemeingeist und Menschenliebe. Steigende Vervollkommnung, Trieb nach Verbesserung gehen daraus hervor und die edle Betriebsamkeit, das auswärtsgesehene Gut in die Heimat zu verpflanzen. Wandern ist ein Gehen aus der Heimat in die Fremde, aber immer in den Marken des Vaterlandes, um zu lernen, nach den Lehrjahren noch nachzulernen. Die Wanderschaft ist die Bienensahrt nach dem Honigtaue des Erdenlebens". Ihre ganze Pracht und Fülle entfaltet die Wanderlust in Uhlands „Wanderliedern", die von Scheiden und Meiden, von Heimat und Ferne, vom.„Wirte, wundermild" erzählen, in Eichendorsfs Gedichten, die im „Wanderleben" einen reichen Kranz noch heute überall gesungener Lieder vereinen und in dem Liederstraub der entzückenden Novelle vom „Taugenichts" die Schönheit der Wanderromantik unvergeßlich dargestellt haben, dann in Wilhelm Müllers durch Schubert vertonten Zyklen „Müllerlieder" und „Winterreise". Lieder von Eichendorfs, wie „Durch Feld- und Buchenhallen, bald singend, bald fröhlich still, recht luftig sei vor allem, wer's Reisen lernen will" ober „Wem Gott will rechte Gunst erweisen", Müllers „Das Wandern ist des Müllers Lust", sind Gemeingut unseres ganzen Volkes geworden. Diesen Klassikern des deutschen Wanderliedes gesellen sich Emanuel G e i b e 1 mit seinem „Der Mai ist gekommen" und dem schönen „Wer recht in Freuden wandern will, der geh der Sonn' entgegen!' und Victor Scheffel mit seinem „Wohlauf, die Lust weht srtsch und rein!“ und dem mehr studentischen „Naus, nix als naus!". Auch das Volkslied hat in dieser Blütezeit der Wanderpoesie noch seine Blüten getrieben, z. B. in dem Liede: „Schön ist die Welt, Drum Brüder laßt uns reisen Wohl in die weite Welt, Wohin es uns gefällt." Gedenken wir unter der großen Zahl hierher gehöriger Gedichte noch einiger nicht so bekannter schöner Lieder, jo des Rückert schen „Dem Wandersmann gehört die Welt", des Liedes von Franz Kugler „Frischer Mut, leichtes Blut ist des rüstigen Wandrers Gut", des Liedes aus Fritz Reuters ,^anne Nüte": „Die Wanderschaft ist schöner doch als sitzen still zu Haus". In den „Wanderliedern" M ö r i k e s („Entflohn sind ! wir der Stadt Gedränge: Wie anders leuchtet hier der Tag!) und K^ 1 - I lers („Glück auf! nun will ich wandern, von früh bis abends spät") ist eine dichterische Höhe gefunden, die auch die formvollendeten Gedichte L e u t h o 1 d s und C. F. Meyers nicht erreichen. B a u m b a ch und Julius Wolfs sind trotz vieler gern gelungener Lieder doch nur Epigonen, und auch spätere Dichter, wie L i 1 i e n c r o n , Otto Julius Bierbaum u. a. finden selten die starken Töne, die in der klassischen Zeit des Wanderliedes so wundervoll erklangen. Veran!wörtlich: l)r. HansThyriot. — Druck und Derlag:'Dcühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, A. Lana«, Gießen.