GiehenerKmilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |953 Montag, den 27. November Nummer 92 Oie stille Stadt. Von Richard D e h m c l. Liegt eine Stadt im Tale, Ein blasser Tag vergeht; Es wird nicht lange dauern mehr, Bis weder Mond noch Sterne, Nur Nacht am Himmel steht. Von allen Bergen drücken Nebel auf die Stadt; Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, Kein Laut aus ihrem Rauch heraus, Kaum Türme noch und Brücken. Doch als den Wandrer graute. Da ging ein Lichtlein auf im Grund; Und durch den Rauch und Nebel Begann ein leiser Lobgesang' Aus Kindermund. Der Palast des WaUenstem. Von Wilhelm H a u s e n st e i n. Als Friedrich V., der junge Kurfürst von der Pfalz, König zu Prag nach dem Willen der gegen den Kaiser in Wien aufständigen Böhmen, durch die Schlacht am Weißen Berge die Krone wieder verloren hatte und sich anschicken mutzte, die barocke Romanze des „Winterkönigtums" in der Reichsacht zu büßen, sing Wallenstein an, in Prag einen Palast zu bauen, der bis zum heutigen Tage als einziger Trotz gegen den Hradschin besteht, — eine schweigende, aber fürstliche Drohung, die der königlichen Burg gilt. Es gibt in Prag üppigere Adclspaläste; aber in keinem, scheint Mir, hat adlige Gewalt sich so dicht und widerständig zusammcn- gezogen, wie im Hause Wallensteins; keiner ist der großen Burg der österreichischen Kaiser so gefährlich, keiner ihr so verschworen entgegengesetzt. Der wallcnsteinische Palast ist im prunkvollen Prager Nahmen eine schlichte Form: aber cs müßte einer unempfindlich sein bis zur Stumpfheit, wenn er nicht spüren ivollte, daß dies Gebäude — wie überall der Geist den Ausdruck der Erscheinung prägt — in einer außerordentlichen, ja einzigartigen Seelenluft steht, und dies bis auf unseren Augenblick, weil der Geist an diesem Hause wie überall unsterblich ist. Man kommt von der Nikolauskirche des großen Dientzenhofer, die einen der gewaltigsten Maßstäbe des Barocks gibt, und ist darum gerüstet, uur noch mit dem Mächtigsten zufrieden zu sein. Es geht durch eine schlichte Gasse hinüber. Da steht zur Rechten die Wohnung des großen Feldherrn, der ein heimlicher König von Böhmen gewesen ist: zweistöckig, breitgestreckt, - breit, aber nicht kolossalisch; ein nobler, jedoch auch simpler Bau, zwilchen spater Renaissance und frühem Barock inmitten. Man würde aus der bloßen Banform, die schön und angenehm ist, ohne grandios zu sein kaum auf das Ungemeine schließen, das davon umfaßt und darin ausgesagt ist — aber freilich spricht aus der baulichen Form sofort, vom ersten Augenblick ab, die weltgeschichtliche Bedeutung des besonderen Mannes: so wie ein der Form nach entfache», ja bescheidenes Gesicht vom inneren Sinn, der die phystognomtsche Vollmacht des Genies empfängt. Im ersten Anblick.ahnt man nicht einmal die ungeheure Größe des äußeren Umfange, die erst von der Seite und vom Garten aus begriffen wird; doch sogleich verspürt man den Atem der Persönlichkeit. , , r. , Man hört: Wallenstein habe um die Erlaubuis gebeten, sich ans der Höhe anzusetzcn, nmweit der Burg — tn der Art, versteht sich, ivie etwa die Renaissance der Schwarzenberg oder Czernin sich hinter die Burg setzen durfte, oder wie der Erzbischof cs konnte- die Erlaubnis sei verweigert worden, und darauf habe Wallenstein dicht am Fuße des Burgbergs, sozusagen vorn an den Zehen des Berges, wo sie am heikelsten waren, zwei Duöcnd Häuser aufgekaust, die Häuser mit einer Gebärde Set, beherrschten Zorns eingerissen und sich den Palast erbaut, den wir heute sehen- und dies sei zwischen 1623 und 1632 geschehen (nach anderen zwi- ^'Man tritt'ein und weiß, daß man dieses Haus in s^ner ganzen Merkwürdigkeit erst allmählich begreifen wird. Es ist der schöne Zustand der bangen und erhebenden Ahnung, "ie nian ihn er , wo eine große Stätte sich nicht sofort im ganzen "schließt und wo sie mit dem Hieroglyphen des Schicksals gezeichnet ist. Man weiß nicht genau, wie man die Treppe hinaufkommt; mit einem Mal findet man sich im Festsaal. Er schimmert vor Marmor und Marino di stucco, wie es die barocken Kirchen und Paläste tun. Die Decke trägt eine ganze Herbsternte von Stukkaturen. Inmitten der Stuckgirlanden ist Wallenstein als Triumphator gemalt, ein gewappneter Mars, mythologisch phrasiert, wie eine vom Rubens entzückte italienische Plafondmalerei es liebte. Eine Spicgelwand, wie Ludwig der Vierzehnte sie gerne sah. Unten bei uns, auf dem Boden, einiges beliebige neuere Mobiliar, zusammengerückt, und allerlei Gesammeltes, das der Würde dieses Herrenhauses so wenig wie dieser Hausrat der Nachfahren Antwort gibt, aber auch viel zu schwach ist, sie zu verletzen. Die Nebenräume stehen — so versichert der kluge sympathische Diener glaubwürdig — noch mit den ursprünglichen Gegenständen der Ausstattung. Da hinterblieb ein barocker Sekretär von kurvenreicher französischer Arbeit; da blieb Schildkrotmobiliar, wie das Zeitalter es hervorbrachte; Goldtapetcn aus Cordoba und Gobelins mit gewirktem Pathos wärmen die Wände, und in der Mitte hängen venetianische Glasliister. Da ruht das Spinnrad der Tochter, und Schillers „Thekla" ivird mit einem Male körperlich; an einer Wand ist die Reisetruhe abgesetzt. Kaiser Ferdinand II.» der das blutige Opfer dieses Lebens empfangen hat, blickt aus dem Bildnis an der Wand nicht mit dem Ausdruck der gereizten Hoheit; wohl aber ist das Antlitz Wallensteins im Bilde vom Dämon berührt; ein Antlitz, in dem alle Komplikationen mit allen Kräften der ungelähmten Entschlosseheit ausgewogen sind ... Es ist mager und einigermaßen fahl, und die Brauen scheinen sich über dem Reich der Unterirdischen zu wölben. Am Ende der Räumeflucht empfängt uns das Arbeitskabinett: gerundet, die Basis eines Turms, denn ehedem war darüber, durch eine Wendeltreppe erreichbar, das astronomische Observatorium. Und hier ist man in der innersten Mitte. Hier bezeugt sich die Persönlichkeit am unmittelbarsten. Da steht ein Glasschrank mit den Reiterstiefeln des großen Konöottiere, der — man kann es kaum bezweifeln — wie Napoleon von kleinem Bau gewesen sein muß. Das Maß ist elegant, beinahe ein wenig damenhaft, und die Qucrfalten im Leder lassen noch heute die Bewegungen eines sensitiven, im Bügel nervösen Fußes vermuten. Es ist ein erschütternder Augenblick, diesen Abdruck eines tätigen Lebens im mattschwarzen Leder zu gewahren und ihn selbst noch wie etwas Lebendiges zu empfinden ... Auch die Sporen sind-klein und fein — nicht riesig wie die des Bartolommeo Colleoni in Venedig. Nebenan ist ein Glasschrein mit zwei Schabracken; einer roten, einer olivcnen; beide sind mit Silber gestickt; beide sind mittleren Formats. Der Degen ist keine große Waffe: er hat das Maß eines Spieldegens iund scheint freilich ein Galadegen des Barocks zu seins. Aber auch der Hals des Feldherrn ist nicht der eines Mannes von hoher und schwerer Statur. Eine Vitrine birgt den Spitzenkragen, den er bei der Ermordung trug. Es ist ein Kragen von fast zierlichem Durchmesser. Es ist ein wunderbarer Kragen; köstliche Arbeit: Laubornamente und Vögel sind in Seide ausgeschnitten und mit der zartesten Nadel gesäumt. Das Blut sitzt hinten, am Nacken; fahlbraun. Diese Erscheinung benimmt das Bewußtsein, so daß man das Oratorium, die Hauskapelle, das Zimmer mit den Puppenstuben der Tochter nur wie im Traum erblickt und nur wie im Schlaf die Stimme des Führers vernimmt, die berichtet, diese Tochter habe nicht Thekla, sondern Maria Elisabeth geheißen. Die schwer- beschlagene Kriegskasse dringt kaum in die Wahrnehmung. Erst drunten wird man wieder wach — aber nur, um sich aufs neue verzaubert zu fühlen: in der Badegrotte unter dem Arbeitszimmer, wo soeben der Kragen und die Stiefel, die Schabracken und der Degen gewesen sind. Badeqrotte mit künstlichem Tropfstein, mit Tropfstein aus geschwärztem Stuck. Der Diener erzählt, Wallenstein habe sich hier nach heißen Bädern, die er in einer ehernen Wanne nahm, von der Tropfsteindecke herab mit kaltem Wasser berieseln lassen. Es ist ein Höhlenbad; es ist ein Bad wie unter der Erde. Es ist das Bad des Wallenstein; hier verbarg er sich, ganz gewiß unathlethischen und wahrscheinlich höchst reizsamen Körpers, während über ihm das Arbeitskabinett leer war und zu- alleroberst Seni nach Gunst und Ungunst der Gestirne ausblickte ... Es ist seltsam genug, den blassen Körper Wallensteins in 6te|er schwarzen Grotte des Barocks zu denken und sein so tief unten eingesetztes, in dieser Höhe gleichsam wurzelndes Leben droben im Observatorium regiert, von Himmelsdiamanten überschimmert zn wissen. Es ist eine Hierarchie der Zustände und Funktionen: bas schwarze Bad; das matthelle Arbeitszimmer darüber und tn 6er Höhe der Posten des Astrologen, der Wege und Bedeutung der Geurrne mitzl. ~ . , . , Aber man hat noch lange nicht das Ganze geiehen und begriffen. Vom Bad tritt man in eine riesige Loggia vom reinsten ttalie- Nischen Geschmack,' es ist eine sala terrena, die dem großen Pal- ladio nicht mißfallen hätte. Nun ermißt man auch den intimeren Geschmack: die Loggia ist mit Bronzen dör Renaissance ungefüllt (beute freilich sind es Nachbildungen, da die Urbilder, von den Schweden des Dreißigjährigen Krieges geraubt, in Schweden verblieben). Hier ist die Begegnung des Soldaten mit den Musen. Sie ist vielleicht ein wenig primitiv, ein wenig zu drastisch,- aber sie ist auch leidenschaftlich. , . . „ Der Badegrotte gegenüber dem Spielzimmer — aber seinem ersten Zweck sonderbar entfremdet. Denn innen steht inmitten der Balg des nur mäßig großen, eher kleinen Leibpferdes, das den Feldherrn durch die Schlacht bei Lützen getragen hat, obwohl es in seinem eigenen Blute lief, das treue Tier. Der Rumpf allein ist echt,- Kopf und Füße, sagt der Führer, sind erneuert. Aber was tur es: die Reliquie des Krieges bewegt dennoch das Herz, und die Spinnweben über den Glasaugen schließen sich auch über dem betrachtenden Gemüt. Der orientalische Teppich an der Mauer, heißt eä. sei die Packung um den Ermordeten von Eger gewesen. Wir fragen nicht mehr, ob es wahr ist; denn längst ist uns. der Mythos wahrer als die Wirklichkeit ... Der Garten mit Beeten und Scherenlabyrinth bezeugt noch die erste Anlage französischen Geschmacks; und ist das Flughaus der Vögel heute leer, so sehen wir doch den Jäger Wallenstein, der zu seinen Falken geht und sie füttert. Die spätesten Blume des Jahres stehen noch in vergehendem rubinfarbenem Rot. Mumien von Blumen, vergeffene Mumien; dem Balg des Pferdes sonderbar verwandt. Die Kastanien stehen entlaubt. Der Führer weiß, daß an ihrer Stelle vordem Pappeln in geschnittener Pyramidenform und Spitzkegelform gestanden sind. Es beginnt zu regnen. Von ungefähr blickt man aus der umhegten Zone des Gartens himmelan — und man erschrickt, denn nun begreift man das Ganze. Vom Garten her erblickt man die Türme der Veitskaihedrale und den ganzen Hradschin! Und man weiß, was man bisher nur undeutlich empfunden hat: die großartige Loggia vom Garten her, der Palast, der nun erst seine überraschende Weitläufigkeit entwickelt (denn die Baulinie schlägt sich weit um die Ecke, als Offiziersflügel und als Prätorianerkaserne) — dies ganze Wallenstein- haus ist eine einzige Scheidemauer gegen den Hradschin: Scheidemauer und Wehrmauer, damit der Feldherr im weiten Garten unbemerkt gehen und sich dort hinstellen kann, wie und wo er will, um einen Blick zum Hradschin hinaufzuschicken, — einen Blick, der Könige mißt und Kaiser mustert. Oh, es ist ja gar nicht möglich, von irgendwo so stolz hinabzusehen, wie Wallenstein, ein einziger souveräner und wortloser Trotz, von diesem Garten aus, von der Weite dieses ummauerten Gartens aus hinausgeschaut haben mutz, dorthin, wo die Majestät satz oder der Stellvertreter der Majestät und den Feldherrn drunten, den kaiserlichen Generalissimus fürchtete. Es ist für diesmal zu Ende; aber man weih, dah man wiederkommen wird, und man kommt wieder. Uns hat die Atmosphäre, die noch jetzt das unsichtbare, dennoch merkliche Antlitz des magnetischen Verhängnisses trägt, in einer Woche dreimal hin- gezogen. Die Gasse um die Ecke heiht „Waldsteingasse". Palais steht an Palais, ein barocker Nachbar neben dem andern — Fürstenberg, Kolowrat und wie sie alle heitzen. Nach der anderen Seite geht es zu Sankt Thomas. Wallenstein ist mit der Kirche durch einen Korridor verbunden gewesen, und es würde uns nicht wundern, wenn dort oben sein Gesicht durch die Mauer käme: blaß, mager, mit dunklem Haar und Blick, hintergründigen Ausdrucks, vom Bösen berührt, aber noch viel mehr von den Sternen her gelenkt und gebildet, den Sternen, die ja auch das Dunkel brauchen: „Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen." Er liebte die Tiefe und das Dunkel, weil er die Sterne liebte. Rache für Tork. Von Frank I. Braun. Amtsrichter Domberg war Junggeselle; er war es, der diese nachmittäglichen Skatstunden zusammenhielt. Diesmal saßen in seiner Wohnung sein Freund Lilins, der Assesior bei der Staatsanwaltschaft war, und der kleine Doktor Nöhrbach, der einen rechten Beruf noch nicht gefunden hatte. Röhrbach fragte gerade: „Glauben Sie, Herr Amtsrichter, daß aus meiner Staatsanstellung als Kriminalassistent noch etwas werden mag?" Domberg batte einen Grand mit Vieren in der Hand. Er war insolgedessen bester Laune. „Sie täten bester, unseren Freund Lilins zu fragen, lieber Ihr Gesuch entscheidet die Staatsanwaltschaft. Aber ich kann Ihnen verraten, daß Ihre Aussichten gut sind." Affestor Lilins nickte. „Man wird wohl eine Prüfung veranstalten: aber ich hoffe, datz Sie bestehen werden." „WaS wird denn etwa verlangt?" wollte Röhrbach misten. Lilins sab ibn gemacht wichtig an: „Amtsgeheimnis, Doktor, wie dürfen Sie mich das fragen?" In diesem Augenblick läutete das Telephon im Nebenzimmer. Der Amtsrichter ging hinüber und meldete sich. „Wie denn", rief er, „meine Haustür ist geschlossen und es will mich jemand besuchen und kann nicht hinein? Wer spricht denn dort? Wer will denn ins Haus, hallo —* das Gespräch brach ab. Domberg kam ins Zimmer zurück. „Da ruft ein Unbekannteii an, ich soll einmal zum Fenster hinaussehen, unten ans bcn Straße stände jemand, der zu mir ins Haus wolle. Wer kann, denn jetzt am helltchten Tag die Haustür abgeschlossen haben?" „Wen erwarten Sie denn, Herr Domberg?" „Keinen Menschenl" Domberg öffnete das Fenster und streckte den Kopf hinaus. Er war wütend. Draußen goß es in Ströme». Er sah auf die Straße; zwei Stockwerk tiefer; niemand stand vo» der Tür. „Blöder Unfug", grollte Domberg und wollte gerade den Kopf zurückziehen, da stieß er einen kleinen Schrei aus. E» taumelte zurück. „Was ist los?" Seine beiden Freunde sprangen hinzu uni» fingen den Wankenden auf., „Ich bin gestochen!" schrie Dörnberg „da im Nacken! Es stach mich etwas. O, das brennt verteufelt Er hatte beide Hände in seinem Genick. Sie mußten sie ihm wegziehen. Da sahen Sie es. Im Haar, wohl schon aus der Wunde herausgerissen, steckte ein kleiner gefiederter Pfeil; daumenlang war er nur. Er fiel zu Boden. Lilins hob ihn auf. Ein winziges Papier war daran befestigt, so groß rote ein Fingernagel. Er entfernte es und las laut vor: „Rache für Tork!" „Was heißt das?" fragte Röhrbach, „Tork — war das nicht der Name jenes Mörders, den unser Freund Domberg der gerechten Strafe zuführte?" Lilins nickte; er betrachtete Dörnberg aufmerksam und er erschrak. Mit dem Amtsrichter war eine Veränderung vorgegangen.. Sein Gesicht schien verfärbt, seine Hände zitterten. Er warf seinem Kollegen einen Blick zu und hauchte mehr als er sprach: „Ich fühle es, ich bin vergiftet, es kriecht ein Gift durch mein Blut,, holt einen Arzt, rasch ..." Lilius schüttelt den Kopf. „Ein Arzt ohne Hilfsmittel nützt hier nichts. Sofort ins Krankenhaus, Tom- berg. Kommen Sie, unten an der Straßenecke stehen Autotarcn., mir wollen keinen Augenblick verlieren. Können Sie noch gehen?" „Wenn Sie mich stützen, roird es gelingen. Die beiden Männer schwankten hinaus. Lilius rief, sich in der Tür umsehcnd»! „Suchen Sie etwas über den feigen Täter zu erfahren, Dollem, Nöhrbach, aber seien Sie vorsichtig, Sie sehen, die Schurken geh» aufs Ganze!" Röhrbach blieb zurück. Stärker schlug der Regen gegen dm Scheiben. Rache für Tork. Ein Pfeil im Nacken des Amtsrichters. Vorher der telephonische Befehl zum Fenster hinauszusehen. Also eins geschickt gestellte Falle. I Er trat ans Fenster, öffnete es wieder und schaute hinan:.. Aber er blickte nach oben. Was unten auf der Straße geschah, man belanglos, lieber ihm befand sich noch ein Fenster, dann kam di« Dachrinne. Aber ein kleiner Vorsprung roar gerade dort gebaut, der Kohlenboden reckte seine Winde und das Aufzugsrckd über den Dachrand. Röhrbach sann. Der gefiederte Pfeil konnte geworfen, wahrscheinlicher aber geblasen worden fein. Der Schütze mußte aiffl dem Dach gestanden haben; denn das Fenster über dem, , welchem er hinaus sah, roar geschloßen. Immerhin: roer wohn!« dort? Sein Entschluß roar gefaßt. Er lief auf den Korridor und di«( Treppe hinaus. Sekretär Bell stand an der Tür. Den kannte co ja, der roar ja auch vom Gericht. Kam als Täter nicht in Frage.! Also sich nicht aufhalten lassen. Hinaus auf bas Dach. Er lief am den Boden, fand ihn geöffnet, stieß auf die Dachluke und tratl hinaus. Regen peitschte ihm sofort ins Gesicht, aber er kämpft«! ! sich tapfer bis zur Kohlenroinde an den Dachrand und Beugt«! sich vor. Ja, von hier aus konnte man den Pfeil abschietzen. E-t roar ein Leichtes ... er stutzte; hinter ihm knarrte das Darv-^ fenster. Was war das? Er lief zurück und verbarg sich hinten einem der Schornsteine. Das Fenster ging auf; heraus kam ein Mensch. RöhrbaÄ staunte, er meinte, feine Augen täuschten ihn. Der Mann im Regenmantel, den Hut ins Gesicht gezogen, so gut gegen Rege« geschützt, roar Sekretär Bell. Er erkannte ihn gut trotz der Vermummung. Bell ging denselben Weg zur Kohlsenroinde, Beugt«, sich vor und blickte vorsichtig auf die Straße oder an der Maucn hinab. Dann blickte er vor sich hin, als bestätige er sich etwa?. Aus seiner Tasche nahm er einen kleinen Gegenstand und wam Üjn zu Boden. Nicht genug damit, zog er noch einen Brief aus dem Mantel hervor, zerriß ihn und warf die Schnitzel roeg. S». roehten nicht roett. Der naffe geteerte Dachboden hielt sie fest. J Hierauf wandte sich Sekretär Bell berfiedtgt ab. Seinen Mun!t umspielte ein Lächeln. Er ging denselben Weg, den er gekommen war, zurück und tauchte wieder unter. Röhrbach überwand seine Erstarrung. Er schlich zum Kohle»”' aufzug. Leicht fand er den Gegenstand, den Bell weggeworftm hatte. Sein Staunen wuchs ins Maßlose. Am Boden lag ein 0t” fie&erter Pfeil, wie jener einer gewesen roar, der den Amtsrichter i getroffen hatte. Er bückte sich, nahm ihn vorsichtig an sich sammelte bann die zerrissenen Blättler, so viele er noch hnt>c i konnte. Er ließ sich nicht von dem herabklatschenbe» Regen ft»11* sondern setzte die Zettelteile an Ort und Stelle zusammen, j gut es ging. Die Schrift roar nicht ganz verroischt. Er las: „vaW 4567 Anruf Punkt vier Uhr dreißig." Mehr roar nicht zu ent~| Ziffern. . Röhrbach faßte sich an die Stirn. Sie roar naß und trotzoc .' heiß. Die Nummer roar Amtsrichter Dombergs Telephonann - Die Zeit stimmte genau. Um vier Uhr dreißig hatte der un°‘~ kannte den Amtsrichter ans Fenster gelockt. Um Himmelswiuc Was aber hatte Sekretär Bell damit zu tun! Er stand und I« . Der Regen rann ihm in den Kragen; seine Beinkleider lagen » auf der Haut, aber er achtete nicht darauf. Er hatte ein Lächeln um den Mund, ein sieghaftes Lächeln: und der Gedanke, der dieses Lächeln ausgelöst hatte, machte ihn den Regen vergessen Langsam schritt er dem Sekretär nach, der längst verschwunden war und trat durch das Dachfenster ins Haus zurück. Er klingelte im dritten Stock bei dem Sekretär Bell. Herr Bell öffnete selbst. Er war im Straßenanzug, keineswegs durchnäßt und schien recht vergnügt. „Ah, Herr Doktor Röhrbach, was verschafft mir die Ehre Ihres Besuchs?" Er führte ihn sofort ins Herrenzimmer. „Bitte, nehmen Sie Platz. Ein schauderhaftes Wetter draußen. Sie sind ohne Hut und Mantel hinausgegangen. „Ich war leider dazu gezwungen. Ich bin nämlich einem Verbrecher auf der Spur." „Was Sie sagen!" Der Mann war ganz ruhig und beherrscht. „Ja", fuhr Rohrbach fort, „und Sie, bester Herr Bell, spielen dabei auch eine Rolle. Wollen Sie mir antworten, wenn ich Sie etwas frage?" „Natürlich: ich begreife nur gar nicht ..." „Sie werden sofort begreifen. Wann haben Sie zuletzt die Wohnung verlassen?" „Ich war zuletzt auf der Straße, als ich — da Heute Samstag ist — um drei Uhr nach Hause kam." „Sehr gut. Um drei Uhr regnete es noch nicht, wenn ich mich recht erinnere?" „Nein, im Gegenteil, die Sonne schien." „Sonderbar, Herr Bell, Sie haben völlig nasses Schuhwerk an den Füßen und im Flur hängt Ihr Mantel und Ihr Hut, beide sind patschnaß. Hat ein anderer Ihre Sachen benutzt, so bleibt die Frage: „Wo haben Sie sich die nassen Schuhe geholt?" Bell stotterte etwas, das unverständlich blieb. Er war sichtlich aus dem Gleichmaß gebracht. Doktor Rührbach blieb die Ruhe selbst. „Noch eines ist sehr eigenartig, Herr Bell. Vom Boden herunter führt eine nasse Spur bis zu Ihrer Flurtür. Wenn es nicht so unwahrscheinlich wäre, möchte ich fast annehmen. Sie waren vor kurzer Zeit auf dem „Dach". „Aber Herr Doktor! Was hätte ich dort zu suchen gehabt?" „Darf ich einmal Ihr Telephon benutzen, Herr Bell?" sagte Bell trotzig. „Was ist sieben Jahre, er kann rufen Sie bas Kind herein. „Nein", wollen Sie von meinem Jungen? Er Ihnen gar keine Auskunft geben." „Bitte", sagte Bell tonlos,, was blieb ihm anderes übrig. Nöhrbach nahm den Hörer ab. „Fräulein", sagte er, „hier spricht die Kriminalpolizei: bitte stellen Sie fest, welche Nummer mit.üiesem Apparat zuletzt angerufen wurde und melden Sie es bitte hierher. Die Angelegenheit eilt!" Er hängte wieder ab. „Was heißt das?" begehrte Bell auf. „Meine Privatgespräche gehen niemanden etwas an! Ich bitte um Auskunft, was Sie von mir wollen." Nöhrbach machte eine beruhigende Handbewegung. „Sie erfahren noch alles", versicherte er. „Wollen Sie jetzt gestatten, daß ich ein oder zwei Fragen an Ihren kleinen Sohn stelle? Bitte, „Doch", verhieß Nöhrbach. „Er kann mir sagen, wo sein Pusterohr geblieben ist. Er hat doch ein Pusterohr besessen, nicht wahr? Herr Bell! Er blies doch diese kleinen gefiederten Pfeile nach der Scheibe, nicht wahr?" Nöhrbach wies das bunte Etwas vor, das er auf dem Dach gefunden hatte. „.Hier im Zimmer hat sich Ihr Jnnge vor nicht allzu langer Zeit mit diesem Spiel vergnügt. Dort steht noch die Schießscheibe. Man muß wie mit dem Gewehr das Zentrum treffen. Sie haben sich gewiß auch selber an dieser Scheibe eingeübt?" Bell brach zusammen. „Woher haben Sie diesen Pfeil?" „Ich fand ihn oben auf dem Dach, genau dort, von wo Sie Ihren hinterlistigen Pfeilschub auf den Amtsrichter abgaben, den S-' ans Fenster gelockt hatten. Rühren Sie sich nicht von der Stelle! Jetzt schlägt das Telephon an. Warten Sie noch diese Meldung ab und dann gestehen Sie!" Er nahm den Hörer zur Hand. Das Fräulein vom Amt meldete erwartungsgemäß: „Mit dem Apparat, mit dem Sie jetzt hören, ist zuletzt die Nummer 4567 angerufen worden." ' . , m „Danke", sagte Röhrbach, er schaltete bas Telephon aus. „Gestehen Sie jetzt den Mordversuch ein, Herr Sekretär Bell? Sekretär Bell richtete sich auf. „Ja", sagte er, „Sie sind ein findiger Kopf, Herr Doktor." Er erhob sich, tat drei Schritte und schob die Tür ins Nebenzimmer auseinander. Ein überraschendes Bild bot sich. Da saßen Amtsrichter Dornberger und Asseffor Lilius. Sie hatten offensichtlich gelauscht. Sie gingen Nöhrbach entgegen. „Das haben Sie gut gemacht, Doktor- chen", sagte Lilius. „Rascher als wir annehmen durften, haben Sie den Täter überführt. Ihrer Anstellung steh- nichts mehr rm Wege Dies war die Prüfung, die wir Ihnen angesagt hatten. Domberg streckte ihm die Hand bin. „Ich gratuliere ,.sagte er: wir fürchteten schon, unser Freund Bell, dem gerade, als er hinausgehen wollte, das Stiefelband riß, wäre zu spat gekommen, um auf dem Dach die Spuren zu legen: aber -8 hat alles noch tadellos geklappt." Er lachte. „Habe ich nicht fein den Pfeil in mein Nackcnhaar gemogelt? Bin ich nicht ein famoser Schau- Nöhrbach mimte Verblüffung. „Aber mein«!,Herren — so eine Irreführung —". Er sank in einen Seffel. Gelachter war um ibn herum: Lilius klopfte ihm auf die Schulter. Daß auch dieser Doktor Nöhrbach ein glänzender Schauspieler war, vielleicht der alkr- bcf>e in diesem Zimmer, blieb unbekannt. Riesele. Die Geschichte eines kleine« Pserdes. Von Nikolaus Schwarzkopf. lNachüruck verboten.) iFortseyung.« Der Marsch bricht ab! Dauphin steht wieder auf den vier Beinen. Einen Augenblick nur steht er so da und rennt nun im Kreise herum, toll vor Glück, als ob er Wein getrunken hätte, schießt nacheinander sieben Kanonen ab, aus denen der kaiserliche Adler prangt, und rast durch den Vorhang hinaus. Noch wackelt der Vorhang, da kommt Dauphin wieder, läuft schnurstracks auf die beiden Buben zu, biegt kurz ab, als habe er sich geirrt, und kniet plötzlich vor dem Thron des Königs und der Königin nieder. Und nun geschieht's: Die Königin erhebt sich von ihrem Thron! Mit einem blauen Seidentüchlein wischt sie sich die Freu- dentränen aus den Augen, kommt herab zu Dauphin, beugt sich weit vor, daß ihre Gewänder steil von den schmalen Schultern herunterfließen, daß ihre Krone fast wankt, und küßt Dauphin auf ^die weiße Blesse ... Dauphin hört und steht nicht mehr, hält die Augen geschloffen und spürt diesen warmen Kuß auf der Stirn. Er entblößt die Zähne und reckt geschlossenen Auges den Kopf steil in die Höhe. Er läßt den Kopf tief herabsinken und weiß offenbar nicht, was er tun soll. Zwar hört er allerlei Geklopf und Getick, aber er verharrt in seiner Verzückung, und die Menschen klatschen ihm und lächeln sich an vor Glück und Freude über das geküßte Kind .. Als Dauphin dann doch die Augen aufschlägt, schleppen Sklaven und Sklavenpferde den Thronsaal fort, ein werktätiges Balkengerüst, eine Dame hängt schäbig bemalt am Trapez, und alle Leute sehen nach der Dame! . . . Da springt Dauphin auf und davon und schämt sich, weil er es so eilig hat. Der Wärter empfängt ihn draußen, die Menge klatscht wieder, die Kinder rufen nach ihm, aber der Wärter zerrt ihn an den Ohren am großen Spiegel vorbei nach dem Stall zu. Vor den Ställen stehen fünfundsechzig Pferde beisammen. Mit Ehrfurcht sehen sie den kleinen Dauphin kommen, lassen die Köpfe hängen, bewegen sich nicht, heben die Augen und sehen gleich wieder weg. Wallenstein steht auch da und knappert mit den Zähnen am Randblech eines Wagenöaches. Dauphin schiebt sich zu ihm hin. Der Große laßt den Kopf über den Hals des Kleinen sinken, als wolle er das Wunderkind beschützen, und dieses reibt die Stirn an den straffen Lippen Wallensteins, denn der Kuß der Königin brennt ihn! Der Direktor kommt herzu, gibt Dauphin ein Stück Zucker und sagt: „Heut nacht darfst du bei Wallenstein schlafen!" Der starke Wallenstein tritt mit dem feinnervigen Künstler Dauphin in sein Stallzelt. Sie fressen aus einer Krippe und legen sich bald zum Schlaf nieder, und Dauphins Köpfchen ruht auf Wallensteins festem Halse. Dauphin kann nicht einschlafen: er spürt den Kutz der Königin auf der Stirn und sieht auch wohl den weißen Spiegel vor den Augen. Dann schläft er doch ein Weilchen: es ist ihm, als kämen tausend Kinder zu ihm 'n die Arena, als streichelten sie ihn alle auf denselben Fkeck der Stirn. Er erwacht wieder, schiebt den Kopf nach Wallensteins Ohren und reibt dort hin und her, und Wallenstein schnarcht, hebt den Kopf und läßt ihn wieder sinken und schnarcht weiter. Stets hochauf reckt Dauphin den schlanken Kopf und läßt die schweren Lippen von den Zähnen weghängen, daß die breiten weißen Zähne aufleuchten. Am Morgen, da Dauphin, allen Schmuckes bar, zur Probe am Spiegel vorübergeht, sieht er auf seiner Stirn die weiße Vleffe zum ersten Mal in seinem Leben. In dieser Stadt überraschte aber den . zarten Dauphin der Krieg. 13. Eines Abends fehlen bei der Vorstellung die bunten Offiziere, die Menschen reden lauter und kargen mit Beifall. Mitten in der Nacht, da alles schon schläft, werden plötzlich in allen Zeltställen die Lichter angedreht, alle Pferde werden tn die Arena geführt, und Soldaten suchen die stärksten und schönsten aus und stellen sie zu Paaren. Wie Dauphin sieht, datz auch Wallenstein mit ausgemustert ist, läuft er zu ihm hin. Ein Offizier schlägt ihm verächtlich auf die Backen, sagt: „Na Kleiner, dich wollen wir doch lieber hier laffen", und zerrt ihn weg. Dauphin aber möchte bei Wallenstein bleiben! Und wie die Pferde mit den Offizieren fortziehen, läuft er nochmals zu Wallenstein hin und wird wieder fortgejagt. „Fort, zurück, ihr da, in den Stall!" ruft der Direktor, und Dauphin geht in seinen Stall. Die Löwen brüllen in den Käfigen, die Affen kratzen an ihren Holzwänden, auf dem Pilaster der Straße vor dem Eingang zum Zirkus tuten und schollern Automobile, Pferde trappeln in endlosen Prozessionen durch die Nacht wie klingende Säulen steigt ihr fröhliches Wiehern in die Dunkelheit. Das Getrappel foltert den kleinen Dauphim Morgens sand keine Probe statt. Wenn die Sacktür des Stalles sich hob, sah Dauphin den blauen Wohnwagen des Direktors stehen. Künstler fütterten, Künstler halfen das große Zelt abschlagen. Künstlerinnen trugen die Schürzen der Wärter. Wenn Dauphin sich die übriggebliebenen sieben Pferde ansah, ward er traurig: Keiner von ihnen wußte anzugeben, wie alt er sic stürmen übern Platz Soldat anS an den Wohnwagen, und am Wohnwagen bob ein einem zweirädrigen. gelbaestrichenen Kastenwäoekchen und icbab eS Dauphin über den Kopf. ?end Gäule — War nicht Wallenstein dabei? — trabten am Waldrand, indes Kanoniere schwere Geschütze an langen Seilen durch den Sand zogen. Hinterm Wall aus dem Wald kam heftiges Geknatter, und Dauphins Fußeisen knatterte nicht minder heftig auf der Steinstraße. , Plötzlich stand der General da mitten auf der Straße, Dauphins ^Befreier! Dauphin rannte zu ihm hin und blieb halten. Aus seinen Nüstern stieß sich sein Atem, sein ganzer Körper dampfte, die Adern am Kopf waren fingerdick geschwollen: Das war die Kraft, die in ihm stak, die sich freimachte, die ihn so überaus beglückte! Dock» plötzlich senken sich die Lider über die jungfrohen Augen, und Dauphin irrt von der Straße ab und bricht an einem Kilometerstein zusammen, kugelt auf den Rücken und streckt die vier Beine zum Himmel. , , , Dauphin hielt die Augen noch geschlossen, aber er sah mit diesen seinen Augen! Er sah Soldaten schiefgebuckelt um Kanonen rennen, er sah einen Berg voller Soldaten! Ein Gebirge war statt nnt Bäumen mit Soldaten bewachsen, Soldaten sah er aus dem Erdboden auferstehen, Pferde schoben sich, wo sonst Wasser strömte, unendlich hin, und es war ihm, als sähe er Wallenstein neben sich im Straßengraben liegen, Wallenstein, den mächtigsten von allen Wallenstein reckte die vier Beine zum Himmel auf, und aus seiner Stirn, dort, wo Dauphin von der Königin geküßt worden war, floß rotes Blut. Dauphin hörte deutlich schießen und tat die Augen auf. Der Direktor stand bei ihm in dem fremden Stall, der Wärter rieb mit Stroh an seinem Leib herum, der General stand da und die Buben mit den Schulranzen, und der Kleine hatte den Daumen im Mund. , Dauphin sprang auf, nickte, beschnupperte der Buben fröhliche Haarbüschel und wieherte schon wieder vor Freude. Aber dann wurde er vom Wärter sortgeführt, und es ging nicht etwa in einen anderen Stall, sondern zurück am blauen Wagen vorbei, durch die Sacktür in den Stall zu den sieben. Die sieben wurden wieder spazieren geführt, und Danpbin blieb daheim Und Dauphin sah, solange er allein war, nach der Sacktür, ob nicht der General käme, oder ein Soldat, und niemand kam. Der Wind webte an der Sacktür herum, und manchmal sah Dauphin den blauen Wohnwagen stehen. Die sieben kamen zurück, und am nächsten Tage mutzte Dauphin mit ins Freie spazieren, und die Qual begann wieder, obwohl der Direktor sich auch nicht mehr sehen liefe. Bis eines Tages ein Soldat in den Stall kam, der alle Pferde mit Namen kannte, der Dauphin besonders liebkoste und alles so tat roic’g früher der Direktor getan hatte. Und wie Dauphin ein S^ück Zucker hinhielt, erkannte Dauphin, dafe der Soldat niemand anders war als der Direktor selber. Da freute sich Dauphin über die Mafeen und ritz an seiner Kette. Der geliebte Direktor redete in seltsam langgezogenem, klagendem Ton allerhand mit Danpbin, was Dauphin zwar nicht verstand, was aber dennoch sehr schön und gut war, und er zog dann seinen Säbel aus der Scheide und hielt ihn Dauphin an die Augen. Und Daichhin bekam ein bitzchen Angst vor dem blanken Stahl. Er streckte den Kopf ganz waagrecht vor, hob die Nüstern und beschnupperte, sreundlich aus den Augen zu ihm lächelnd, dessen Hand. . Der Direktor nahm Dauphins Kopf untern Arm und sagte. „Unser buntgekleidetes Künstlertum ist zu Ende, mein Lieber. Aber du lieber Himmel, was sind denn unsere Kunststückchen, was steckt dahinter? Du hast es ja durchgemacht unter meiner Peitsche, Dauphin! Ich habe dich gepeinigt, ich habe dir die Lenden verhauen, einmal habe ich dich, da du hilflos am Boden lagst und mit j dem Erdball nicht spielen wolltest oder vor Müdigkeit nicht spielen konntest, da habe ich dir mit meinen Füfeen die Weichen zertreten, nicht anders als wie der Töpfer seinen Ton tritt, auf dafe er ! weich werde und sich der formenden Hand füge! Nicht anders, MU= : hin! Die Schmerzen, die du unter meiner Peitsche erduldet hast, das sind so recht die Schmerzen aller Künstler. i Herrjeh, bringt nicht der Dichter gleich uns fein Herz zu Markt, um seinen Mitmenschen eine frohe Stunde zu bereiten? Leidet er etwa weniger, als du gelitten hast, Dauphin? (Fortsetzung folgt.) ein Kummet ...........- , ----- — .. ward Dauphin eingekcboben. die Buben sprangen nuf. der Soldat sprang aus — Danpbin batte in der Arena schon allerband Wagen gezogen und fonnr schon Kanonen — und husch ging's über den Platz bin und ber und rundum und dann hopp, hopp, übers Pflaster in die Stadt hinein durch alle Straßen bin, an hunderttausend mtenfcben vorbei und zur Stadt hinaus an den Fluß. Eine 'verantwörtlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerjitäts-Vucb- und Steindruckerei. R. Lange, Sieben. gingen wieder fort. Dauernd fah Dauvhin nach der Sacktür, und alle feine Gefährten laben bin und machten große, glotzige Auoen wie Kübe. lind siehe, gegen Abend — Dauvhin war ganz allein im Stalle — schlüpften die Generalsbuben herein, banden Dauphin los. Und mit ibm. der stets zu tollen Str-icben aufgelegt war, fet, wieviel Uhr es sei! Keiner konnte auf den Hinterbeinen lausen! Es waren simple, Halbstarke Reitpferde sur Akrobatinnen, Sklavenpferde, samt und sonders! Der kleine Schimmel, dessen Fufehaare über die Hufe gekräuselt herabhingen, konnte wenigstens durch einen Reis springen! Dauphin war fehl traurig. Was mochte nur los sein? Warum durste Dauphin nicht mit? , Dauphin wurde mit seinen sieben Genossen zu zweimal Vieren zusammengekoppelt und gleich einer Kindenchule ausgesuhrt. Alle , Straßen der Stadt und alle Straßen außer der Stadt waren | voller Soldaten, die Schiffe des Rhvns brachten Soldaten, Regi- meter marschierten dahin und dorthin und sangen, Automobile, mit dem roten Kreuz geschmückt, rasten, hundert hintereinander, die Hauptstraße hin, Pferde und immer wieder Pferde, mehr Pferde schier als Menschen! . „ Aus der Brückenrampe sah Dauphin seinen Freund Wallenstein, der mit fünf dicken Gäulen eine nestge Kanone zog. Als Wallenstein Dauphin erblickte, wieherte er, schlug einen leicfe en Trab an und zog ganz mörderisch an seinen Strängen. Welch eine Wonne mußte das sein für ihn! ™it. Wie gerne hätte Dauphin geholfen, mit der Kraft feiner Muskeln, die Kanone ziehen - er hatte in der Arena schon manche Kanone gezogen —, aber er war an den schäbigen Rest der einstigen Zirkusherrlichkeit gesesselt und konnte sich nicht befreien. Seine Augen wölbten sich und bettelten: „Wallenstein! Komm, Großer, Starker, hilf doch deinem kleinen Freunde!" Aber der hatte keine Zeit, und Dauphin mutzte zurück, heimzu, hinter ferne Sacktur. Täglich wurden die Acht ausgeführt. Die sieben foppten Dauphin, rissen, wenn er autzen ging, die Koppel nach links, daß er mit den Hinterbeinen aus dem Glied treten mutzte und vom Wärter einen Schlag bekam. Wenn er innen ging, zerrten sie sich j nach den Seiten von ihm weg, daß die Wärter meinen mutzten, ; er, Dauphin, sei der Störenfried, der seine Nachbarn belästige. ; Ging er im vorderen Glied, so wurde er gekitzelt, ging er tm j hinteren, so flog ihm irgendein Pferdeschweis über die Augen. Es l geschah selbst, dafe der oberflächliche Schimmel, nur um dem ! Wärter darzutnn, er fei belästigt worden, aufs Geratewohl nach hinten gegen Dauphin ausfeuerte und zurückfah, und der Wärter, der seine Pferde nicht kannte — der besonders Dauphin nicht kannte — sah seitab nach den lauten Dingen der Stratze und hieb ohne weiteres immer auf Dauphin ein. Oh, wenn Wallenstein dabei gevesen wäre! , ' .. Eines Tages kam ein Offizier mit breiten, roten Streifen an den Beinkleidern. Er hielt eine Zeitung in der Hand und sagte: „Wo also steht Dauphin?" Dauphin wurde losgebunden und aus dem Stall geführt, aber die sieben Gesellen mutzten zurückbleiben. Der Offizier strich ihm über die Ohren und sagte: „Stark genug ist er schon!" „Er hat Qualitäten und steht auf dem Höhepunkt seiner Kraft , entgegnete der Direktor, und Dauphin, der die Stunde der Befreiung ahnte, nickte lebhaft mit dem Kopfe und scharrte mit dem linken Voderbein, spürte fast den stolzen Husarenbusch, den er seit Wochen nicht mehr getragen, zwischen seinen Ohren schwanken und streckte die Nüstern gegen des Befreiers braungekleidete Hand. „Wie alt bist du, Dauphin?" fragte der Offizier freundlich, und der Direktor machte fein Geheimzeichen und sprach: „Na, sag's dem Herrn General, wie alt du bist!" Da nickte Dauphin siebenmal mit dem Kopfe. Dann fah er von der Stratze her zwei Buben am blauen Wohnwagen vorbei herzulaufen. Die Buben riefen schon von WC'„®er Dauphin, der Dauphin!" und sie schwangen die Mützen und kamen herbei, und Dauphin reckte den Kopf längs zu ihnen hin und zeigte seine Zähne. Der eine konnte Dauphin die weihe Vlesie streicheln, den andern mußte der General heben, daß er es auch tun konnte. Der Große zog feine Uhr aus dem Matroseublüslein, hielt sie Dauphin hin und sagte: „Na wieviel?" ' „Können Sie bis zwanzig zählen, Dauphin?" fragte der Kleine. „Geduld. Jungens!" sagte der General, und der Direktor liefe Dauvhin bis zwanzig zählen und liefe ihn die Nbr ablesen, und der Große beachtete genau das Geheimzeichen des Direktors. Dann mußte Dauphin mit den Buben übern Platz laufen, rundum so schnell er konnte, und dann lief er noch lange allein, da die Buben schon müde waren und auf den im Erdboden stecken- gebliebenen Zeltpfghlen hockten. Der General hob nunmehr die Sacktür, und Danpbin schlupfte in den Stall. Der General kam, der Direktor, der Wärter und die Buben kamen: aber Dauphin wurde angebunden, und alle