Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1933 Hreitag, den 21. Oktober Nummer 83 Herbstelegie. Von Manfred S t u r m a n n. Tote Blätter streift dein Fuß Auf den schwarzen Ackerkrumen, Und die letzten Gartenblumen Spenden einen Abschiedsgrutz. Vogelschwärme ziehn ums Haus Ihre großen Wanderkreise Und du ahnst es kaum, so leise Klingt das Lied des Sommers aus. -In den Fässern gärt der Most, Scheite lehnen an der Mauer, Und die Aussaat schützt der Bauer Vor des Herbstes frühem Frost. In den Nächten flieht der Schlaf, In das Dunkel mußt du lauschen, Hörst die toten Blätter rauschen, Wenn der wilde Sturm sie traf. Herz, du darfst voll Trauer sein. Jeder Tag ist ein Ermüden. Deine Seele träumt gen Süden, Und die Wehmut hüllt sie ein. Riesele. Die Geschichte eines kleine« Pferdes. Von Nikolaus Schwarzkopf. (Nachdruck verboten.) I. Trudel, die kleine Stute, zog ihren mit frischem Gras beladenen Wagen den tiefgleisigen Weg heimzu, und der Bauer, der mit seinen drei Kindern oben auf dem Grase lag, sagte: „Sie hat nun Feierabend für ein paar Wochen: morgen oder übermorgen wird sie uns ein Füllen schenken!" Die Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, hüpften aus Freude darüber von dem Wagen herab: sie sprangen an die Räder und drückten und schoben, daß Trudel nicht mehr zn ziehen brauchte. Vor lauter Freude wieherte das Tier hell in den Tag. Aus dem Fenster der Wohnstube, grad überm Stall, guckte die Bäuerin, die Mutter der Kinder, nnd rief: „Jst's Zeit für die Trudel? Soll ich kommen?" Sie sprang die hohe Steintreppe herab, verlor den einen Holzschuh, stieß auch den andern von sich, riß die Stalltür auf und rannte barfuß in die kleine Schenne, frisches Stroh zn holen. „Nur Geduld!" sprach der Bauer, „so eilt's wohl nicht, Katherin." Hühner, dreißig an der Zahl, schüttelten den Staub aus den Federn nnd sahen neugierig und wie in Ehrfurcht zu der Stute hin. Der bnnte Hahn krähte, eine Henne kam mit ihren zehn Küchlein ans den Halmen der Wiese, junge Enten, die im Wiesengraben plätscherten, wackelten mühselig an den Weg, und etliche schwere Gänse hüpften flatternd anf den Wagen, das frische Gras zu versuchen. Indessen wurde Trudel von rührigen Händen abgeschirrt, das kleine Mädchen, das auch Trudel hieß, legte seine Hand an des Tieres schwabbelige Lippen, nnd nun folgte die Trudel der Trudel in den weitgeöffneten Stall. Bärbel, die Kuh, deren Kalb, weil es ein vernaschtes Ding war, seitabgebnnöen an feinem Stricke riß, drehte den breiten Kopf nach der Trudel und schob zugleich das Hinterteil mit dem schweren Euter dem blökenden Kinde zu, das heftig einstieß. „Mama, der Max sauft schon wieder!" rief der rothaarige August der Mutter zu, die mit einem Arm voll Stroh hereinkam in den Stall. „Laß' ihn hent noch einmal saufen, den Nimmersatt, morgen ist er nicht mehr der Jüngste im Stall, da wird er sich schämen, so vernascht zu fein!" Sie zerknüllte das widerborstige Stroh und breitete es unter oer Trudel aus. Zwei Zicklein hüpften um sie her und warfen die überlangen Hinterbeine nach allen Seiten in der Luft umher. Auch Sapperlot, der Hasenvater, kam über die sauberen Pflastersterne des Stalles dahergehopft, indes die alte Häsin in ihrem verdrahteten Kasten bei einer wimmelnden Kinderschar hockte. Sapperlot hüpfte mitten hinein ins neue Stroh, die Bäuerin packte ihn int Genick und warf ihn ins Gras. Die Bäuerin rieb des Pferdes Schenkel, das Mädchen streichelte dre lange Mähne glatt und versuchte, ein Zöpfchen zu flechten. August und Gustav schabten an der Stalltür Dreck von den Nun- keln und warfen sie in die Futtermaschine. Die Hühner kamen, alte und junge, angelockt vom frischen Stroh, und die Enten standen schräg hintereinandergereiht, wie das ihre Art ist, vor der Schwelle und wackten nach ihrem Abendessen. Auch die Sonne guckte in den Stall: sie schob Licht herein, das an der hmteren Wand sich emporstellte und bis an die Decke hin- aufretchte, wo ein Schwalbennest klebte. Die Bäuerin trat aus dem Stall, schlüpfte treppauf in die Holzschnhe in die Küche, das Getränk zu kochen. Gustav warf oben von der Treppe herab Gerste und Mats in vollen Händen weithin, und das Federvieh schoß aus allen Winkeln drauf zu, laut und gierig, und auch der Hahn tat, als könne er nicht genug bekommen, obwohl er doch sonst gern den Anschein erweckte, daß er vom Wind lebe! Drüben aber in den Wiesen erging sich das Schwesterchen, tappte hterhin und dahin, sammelte sich die großsterntgen Kuhblumen, die Millionenhaft den Abhang überblühten, und das freundliche gelbe Scharbockskraut, dessen Blüten wie kleine Sonnen zerstrahlten. Einen ganzen Arm voll Gelb und Weiß stellte bas Kind in sein Eimerchen, ließ an dem fließenden Quellrohr, in dessen Trog ein Entlein schwamm, Wasser ins Eimerchen laufen und hob die zarte Herrlichkeit ans Stallfenster hinauf, daß bas Iimge Fullen, wenn es komme, gleich einen Gruß von ihr habe. Der Nachbar mähte die erste Blust seiner Wiesen vorm .Raufe ab, ein gelbweißer breiter Weg schob sich in die weißlibertupfte m nu5 fetne Kinder zogen aus dem niedergemähten Gras die Blumen heraus. Das Mädchen sprang zu ihnen hin und verkündete, daß heute nacht ein junges Gänlchen ankommen werde. ... D'e Mutter rief zum Essen, der Vater schloß die untere Stall- tur, die Schwalben setzten sich drauf, das Federvieh ging schlafen, die Sonne ging schlafen, das Glöckletn des spitzen Kirchturmes bimmelte sich schläfrig, bas Gras duftete, ein Kohlweißling flatterte übermüdet vorüber. Dann wurden die Kinder sogleich ins Beit geschickt. „Einen Fuchs gibt's!" sagte August leise. „Ein Schimmelchen!" entgegnete Gustav. „Ein Rapple!" rispelte Trudel. „Ruhig! Eingeschlafen!" flötete die Stimme der Mutter aus der Küche. „Wenn's ein Fuchs ist, muß es August heißen!" Hub August wieder an. „Gustav muß es heißen ..." sagte Gustav, und Trudel kicherte: „Wenn's aber ein Räppele ist, wie heißt's denn dann?" „Räppele!" antwortete Gustav. „Aber wie witd denn das große R gemacht?" fragte Trudel. „Ruhig! Eingeschlafen!" rief der Vater. Im Kirchtürmletn schlug's langsam zehn: so langsam, daß man darüber ein- und ausschlafen könnte. Dann sing auch das fleißige Lieschen an und schnurrte eilig und abgearbeitet seine zehn herunter. Die Eltern gingen im Nachbarzimmer zu Veit. „Mutter", rief Trudel, „das große R, wie wird denn das gemacht?" „Schlaf!" sagte der Vater, „die Mutter muß noch rasch ein Weilchen schlafen." Gustav und August schliefen, und der eine schnarchte laut. „Vater", fing nach einer Weile Trudelchen wieder an, „Vater, wie wird das große R gemacht?" „Ruhig!" antwortete jetzt die Mutter, „6er Vater schläft!" Jenseits vom Wiesentälchen fang im Birkenschlag eine Nachtigall: sie und die Bäuerin wachte in der Nacht, da das Gänlchen zur Welt kam. Als der Bauer in den Stall trat, stand es schon auf den weit- gespreizten Beinen im Stroh und ließ sich behaglich von feiner Mutter lecken. Ein Räppchen war's, ganz schwarz, und nur auf feiner Stirn leuchtete ein weißer Fleck, allerliebst anzusehen und gar gefällig und kleidsam! Die Bäuerin holte ihr Mädchen ans dem Bett, die beiden Buben sprangen in ihren Hemdchen hinterdrein, und das Füllen streckte seinen naffen, großen, eckigen Kopf von dem Halse der Mutter weg, den Kindern entgegen. Das Schwesterchen steckte den Damnen ins Mäulchen, Netz Sen Arm um ihrer Mutter Hals liegen und blinzelte durch die schweren Lider, als sei es von dem Ankömmling recht enttäuscht. Die Buben tätschelten schon an ihm herum, worüber die Pferdemutter sehr erfreut war und ihre Augen aus dem Duster des Morgens leuchten ließ. Die Mutter schob des Tierleins Kopf zur Pferdemutter und sogleich begann der kleine Gaulmann wacker zu saugen. Unendlich zärtlich bog die Alte ihren Kops nach ihrem Jungen herab, daß die Mähne ihre strahlenden Augen verdeckte, leckte, leckte, daß das Junge sauber und fein sein Erdendasein beginne! Dann schob sie den Kopf wieder hochauf, spitzte die Ohren, hälmelte an dem Gras oben in den Raufen und sah wieder zurück, hob mit den schwabbeligen Lippen ein Bündel Heu auf und putzte damit an dem Kleinen herum. Dieses ließ sich, als es sich vollgesoffen hatte, genau wie die großen Gäule auf die Vorderknie nieder und dann zurückplumpsen ins Stroh, und sogleich legte sich auch die Mutter daneben. Die Bauern der Nachbarschaft kamen am selben Morgen, die Bäuerinnen kamen und auch der Herr Pfarrer kam, den Säugling zu sehen. Er kannte Trudel, die Mutter, sehr gut: sie hatte ihn schon oft, wenn Glatteis war, übers Gebirg gezogen in die Filialorte, sie hatte ihn schon oft bei Regenwetter vom Bahnhof des Städtchens abgeholt! Was sollte er sie in ihrem Wochenbett nicht einmal heimsuchen? Er war ein sehr großer Mann, der Herr Pfarrer, und als er in die Stalltür trat, mußte er sich bücken. Der Bauer, ängstlich besorgt, der Herr Pfarrer könnte trotzdem den Kopf an die Oberschwelle stoßen, legte vertraut die Hand auf des Herrn Schulter und sagte: „Herr Pastor, geben Sie acht, daß Sie Ihren Grind nit anstoßen!" „Schon gut", entgegnete der Pfarrer und dachte: Grind braucht er grad nit zu sagen. Der Pfarrer freute sich gern und freute sich über das Tierlein und über die Mutter. Doch war es ihm nicht vergönnt, einen Aerger zu verschlucken, als der Bauer den eckigen Kopf des Säuglings überaus zärtlich untern Arm nahm, ihn, den Pfarrer glücklich wie ein Vater angrinste und sagte: „Gucke Sie doch, Herr Pastor, welch ein goldiges Köpfle!" „Allerliebst!" antwortete der Pfarrer, aber er dachte bei sich: sein Vieh hat ein Köpfle, ich, sein Pfarrer, hab nur einen Grind! II. Als das Räppchen zum erstenmal aus dem Stall gehen durfte, rannte es unter den Händen der drei Kinder davon und feuerte aus, wie wenn es toll wäre. Die Hühner stoben auseinander, die Glucke sträubte das Gefieder, die Enten ordneten sich schräg hintereinander und guckten in die Höhe, und nur die Gänse gingen vor- gestreckten Halses beherzt auf den Fremdling los, ihn mit ihren sägig bewehrten Schnäbeln zu beißen und zu vertreiben. Jedoch Sas Räppchen achtete nicht ihrer Waffen, hüpfte weiter und blieb erst stehen, wo kein Huhn und keine Gans mehr stand, und turnte da einmal recht kräftig auf seine Vorderbeine, um mit den dickknochigen Hinterbeinen gehörig auszufeuern und gleichsam die ganze Flatterschar keck zum Kampf herauszufordern. Da es immerzu lustig um sich guckte, ob ihm vielleicht Gegner auf die Walstatt gefolgt seien, drehte sich der Hahn seitab und krähte einmal ins Virkenwäldchen, als ginge ihn dieser Weitspur herzlich wenig an. Die Gänse streckten die Schnäbel zusammen und schnatterten was sie gesehen, und machten sich lustig über den Tollpatsch, und nur die Enten kamen gutmütig, wie sie sind, seitlich am Rand der Wiese entlang auf das Räppchen zugewackelt, sagten aber nichts. Auch die drei Kinder kamen, schnalzten mit den Zungen, hielten die Hände vor und rieben die Daumen auf den Zeigefingern. Das Räppchen blieb stehen bis die Kinder nur noch einen Schritt entfernt waren, aber dann warf es sich behend herum und raste davon. Die kleine Trudel begann zu weinen, und auch aus dem Stall erscholl das klagende Wiehern der anderen Trudel, aber das Räppchen achtete aus nichts und lief immer weiter ins Dorf hinein. Die Bauern traten in die Türen und sahen ihm nach, die Bäuerinnen kamen mit ihren Kochlöffeln gelaufen, alle Kinder eilten herzu, das Füllen einzufangen. Er, der Reißaus, konnte schließlich der Meute der Jugend nicht weiter entfliehen, und er ergab sich, wieherte und streckte den zahnlosen Mund in die Luft und schweifte das dünne Schwänzchen hin und her, bis es von kleiner Hand festgehalten wurde. Die Mähne, die wie ein Besen in die Höhe starrte, ward von Kinderhänden überstreichelt bis tief in den Rücken. Auch die beiden Ohren wurden fcstgehalten und die zierlichen Hufe, die Lippen, die Mähne, und schier wäre das ganze Kerlchen von Kinderhänden überdeckt worden, hätte das Räppchen nicht durch einen heftigen Ruck sich selber befreien können. Da stand aber die kleine Trudel vor ihm, und diese Trudel durfte ihm über die Augen fahren und an die weiße Stirn. Mit ihr ging das Räppchen auch wieder heimzu. Die Kinder strömten hinterdrein und drangen bis in den Stall, und Katherin, die Bäuerin, hatte ihre liebe Not, sie wieder hinans- zubringen. Als der Bauer mit Bärbel, der Kuh, die den kleinen Pferde- wagen an der Stirn hängen hatte, gemächlich, wie es einem Kuhfuhrwerk zukommt, den Weg herauftrottete, saßen noch einige auf der Stadtschwelle und betrachteten das kleine Füllen mit seiner Mutter- denn junge Pferde gab's nicht alle Tage, und zudem solch ein kleines war noch nicht gesehen worden im Dors und nicht iw TaL Der Bauer war böse, daß der kleine Mann so früh schon an! die Gasse gelaufen. Er holte sich das Tierlein heraus in üsi Sonne, hob zärtlich den einen der zierlichen Hufe und so auch der anderen, und da er nicht erkennen konnte, daß das junge Horn fick allzu abgenutzt hatte, gab er dem Räppchen einen gelinden Stof auf die schmalen Backen und jagte es in den Stall zur Mutter. Sapperlot, der Hasenvater, kam ganz nahe an seinen Hinterhu! herangehopst, als wollte er jetzt schon einmal prüfen, welch tückisch, Macht ihm den Aufenthalt in dem ruhigen Stall vielleicht verleiden könne! Er wagte sich sehr nahe an den kleinen kindlich harmlosen Huf heran, zog die Oberlippe faltig in die Höhe, streckte selbst das Zünglein zwischen den spitzen Zähnen hervor und drehte sich schließlich davon weg, um eiligst nach seinem Drahtgitter zu hüpfen. Daselbst, so mochte es scheinen, erzählte er das Ergebnis der Untersuchung seiner Häsin und seiner Jungmannschaft- denn alle krabbelten plötzlich ans Gitter und staunten nach dem winzige» Pferdehuf, der gelb wie ein Fetzen Maibutter neben der dunkleu Lende lag. Am Nachmittag kam Trudel, das Mädchen, aus der Schule und hatte an der Stirn einen großen Kreidefleck, den es wie eilt Aschermittwoch ängstlich hütete. Es stellte sich vor sein Räppcheit und sagte: „Guck, das hat mir mein Lehrer gemacht!" Sie trug aber ein Stückchen Kreide in der Hand und machte nun dem Mutterpferd auch eine Blesse, dann Sapperlot, 6enr Hasenvater, der in der Reife seiner Jahre geduldig standhielt, öer Stalltür und den zwölf Steinstufen der hohen Treppe, der Haustür, dem Küchentisch und schließlich gar den eisernen Kochhäsen, die in Reih und Glied hochangefüllt mit Kartoffeln auf dem kalten Herde standen. Und über jeden Fleck malte Trudel ein großes R. Als die Mutter aus dem Garten hervorkam, um den Heid zu heizen, sah sie, was ihr Mädchen gemacht hatte, und da sie eine rechte Kindsmutter war, lachte sie über den sinnigen Unsinn und ließ sich selber eine Blesse auf die Stirn malen. Bald qualmten die Kartoffelhäfen, und der Schwarm des Dampfes stieg überin Herde auf, an der dunklen Decke hin, vorüber an der Mückenleimampel, die da pendelte, und hinaus durchs offene Fenster. Es geschah aber, daß die Buben mit dem Namen Räppchen nicht mehr zufrieden waren und sich auf einen anderen Namen besannen. Da hatte Trudel, das Kind, seine liebe Not! Es wolltc sein Gäulchen „Richard" nennen, „Richardele", aber die Buben spotteten und hörten sie nicht einmal an! Da standen sie wieder beisammen, die Herren Buben, standen mit ihren Reifen im Stall und waren keine Minute mehr zrüch zuhaltcv, diese Gassenbuben. (Fortsetzung folgt.) Neige des Jahres. Von Gustav Gardthausen. Der Herbst ist da. Dahin sind Anemonen, Violen, Rosen und der ganze Flor- £)eö’ steht der Garten, auf das Gartentor, Um kahle Stangen ranken nasse Bohnen- Der arme Vogel selbst, er will nicht wohnen, Wo sich die späte Aster schon verlor- Zcrstreut entfliegt er in die nahe Koppel Und hüpft verlassen durch die falbe Stoppel. Der Herbst ist da. Dahin sind alle Lieder. So einst die bunten Sänger angestimmt- Nur einzeln tönt noch aus vcrgeß'nem Flieder Ein Drosselschlag, der bebend Abschied nimmt. Leb' wohl! Leb' wohl! ruft auf die Erde nieder Der letzte Zug, der durch die Lüfte schwimmt- Es flohen längst, ihr Sonnenland zu finden, Viel hundert Züge vor den rauhen Winden. Denn hin, dahin sind deine holden Küsse, O Luft! die sonst mein Augenlid erquickt- Von allen Seiten kommen sie geschickt Die Stürme und die ew'gen Regengüsse- Der Landsee schwillt, es treten aus die Flüffe, Und Wolken jagen, wohinaus man bltckt- Jn Wald und Forst, die sich erschüttert neigen, Peitscht Stoß auf Stoß die Blätter von den Zweigen. Dahin ist nun mit ihren Turteltauben Der Sommersptele wonnigliche Fee, Dahin das Vaden in der offnen See, Dahin das Naschen von verbot'nen Trauben- Dahin mit ihrem wollustreichen Weh Die Hellen Nächte und die dunkeln Lauben- Dein ganzes Herz, du junge Schäferin, Und was nicht sonst, es ist dahin, dahin! Der Herbst ist da. Schon streckt er seine Hände Nach meines Holsteins ferner Küste aus. Ein altes Schloß steht dort an Waldes Ende, Und Nebel stürmen um das hohe Haus. Scharf schlägt der Regen an die grauen Wände, Es kreischt die Wetterfahne ins Gesaus Der hingcreihten Eschen- wie Gespenster Weht's von den Zweigen an die trüben Fenster- Crnst Rietschel. Ein Meister deutscher Denkmalsknnst. Von Wilhelm B o e ck. . Es ist eine Ehrenpflicht unserer Tage, eine Künstlergencration wiederzuentdecken, die wie keine andere deutsch war, ja der die ganz besondere Aufgabe zufiel, im Geiste das zu erschaffen, was zu gleicher Zeit Bismarck mit politischer Energie anstrebte, die deutsche Einheit. Die Künstler, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts tätig waren, haben sich vielfach eine Vernachläs- stgung gefallen lassen müssen, weil man die Gedankenwelt, aus der heraus sie schufen, nicht mehr verstand,- aus jede Weise tat man innen Unrecht, indem man sie aus ihrer eigenen Welt herausnahm, für die ein starker Aufbauwille, idealer Schwung und die Fähigkeit zu volkstümlicher Wirkung charakteristisch sind. Das Schaffen dieser Männer zeigt gewöhnlich eine Reihe ganz bestimmter Züge: sie verdankten alles mehr oder weniger sich selbst; nach strenger Kindheit mußten sie lange vergebens um die technischen Grundlagen ringen, auf denen ihre gestaltenden Kräfte aufbauen konnten,- und nur durch eiserne Selbstzucht errangen sie ihr Ziel. — Das ist in kurzen Worten auch das Schicksal des Bildhauers Ernst Rietschel, der im Lessing-Denkmal zu Braunschweig, dem Goethe-Schiller-Denkmal inWeimar und dem Wormser Luther-Denkmal Deutschlands populärste Denkmäler geschaffen hat. Rietschel wurde 1804 in Pulsnitz bei Dresden als Sohn kleiner Handwerker geboren. Die verständnisvollen Eltern duldeten wohl, daß der begabte Knabe schon älteren Kindern Zeichenunterricht gab und sich manch blankes Geldstück mit kleinen dekorativen Malereien, z.B. der Verzierung einer bunten Bauernbettstatt, verdiente, aber der Gedanke, daß das Kind mit seinem besonderen Talent einmal seinen Unterhalt erwerben könne, lag ihnen zunächst ganz fern. Erst als der Widerwille gegen die Kaufmannslehre, mit der er es versuchte, den Jungen totunglücklich machte, wurde in einer gesegneten Minute der Entschluß geboren, den Sechzehnjährigen der Dresdener Kunstakademie vorzuführen. Wie das Wunder der herrlichen Elbestaüt sich vor dem empfänglichen Gemüt Rietschels auftat, hat er später in seinen „Jugend- erinnerungen" lebhaft beschrieben, einem Büchlein, das es verdiente, auch heute namentlich von der Jugend gelesen zu werden. Von der Anspruchslosigkeit seiner Jugend gibt es einen rührenden Begriff, daß er, als er sich den ersten Mantel machen lassen konnte, erst abends damit ausging, weil er das Gefühl hatte, aufzufallen,- das war aber schon in Berlin. In Dresden zunächst fand der gänzlich unbewanderte Jüngling hilfreiche Menschen, die seine Begabung nach Kräften förderten, aber die Möglichkeit zu einem gediegenen Studium zumal der Bildhauerei, zu der er bald ausgesprochener hinneigte, waren damals üt der sächsischen Hauptstadt recht gering. Oft kamen ihm auch Zweifel und Enttäuschungen, wenn der unerfahrene Kunstschüler, ganz auf sich gestellt, in einem Zwingerpavillon, der ihm ' als Werkstatt eingeräumt worden war, seinen ersten Auftrag, I einen lebensgroßen Neptun, modellieren sollte. Niemand war da, \ der ihm sagte, daß man eine solche Figur mit Eisenstangen und Draht stützen muß, wenn der Ton nicht immer wieder in sich zusammensinken soll. So blieb das Werk trotz unmenschlicher Anstrengungen zuletzt ein voller Mißerfolg. Nur der Eintritt in eine große auswärtige Vildhauerwerkstatt versprach Hilfe. Der Plan seiner Gönner führte ihn nach Berlin, in die Werk- I statt Christian Rauchs, zu dem Rietschel schon in Dresden be- ■ wundernd emporgeblickt hatte. Rauchs Standbilder Unter den 1 Linden, die er bei seinem Orientierungsgang gleich betrachtete, waren die „ersten neuen Skulpturwerke von Bedeutung, die ihm 1 vor die Augen kamen", und die ernste Arbeitslust, die ihm in der : Werkstatt selbst entgegenschlug, ließ ihn freudig sein bescheidenes Dachstubenleben fortsetzen. Zwar behielt ihn Rauch zunächst nur zur Probe da, und auch der sich nach einem Führer sehnende Rietschel wurde anfangs durch Rauchs verschloffenes Wesen enttäuscht; um so enger schlossen sich beide nach besserer Bekanntschaft an: Ihr schlichter, aufrechter Charakter, ihre edle und wahrheitsliebende künstlerische Uebcrzeugung waren zu verwandt, als daß sie nicht erprobte Freunde hätten werden müssen. Was Rietschel einmal zur Kennzeichnung seines Lehrers gesagt hat, kann ebensogut von ihnen beiden gelten: Sie waren „durch und durch gesund an Geist und Körper, und das Extravagieren in Empfindungen, Phantasien und Stimmungen war ihnen zuwider" Aber die Zweifel an der eigenen Kraft beruhigten sich auch in der Nähe des vorbildhaften Mannes nicht; ja sie befielen Rietschel erneut im Wettbewerb mit müheloser schaffenden jungen Kollegen und haben ihn eigentlich bis ans Ende nicht losgelassen. - Dennoch war seinen Arbeiten bereits 1829 auch ein aufsehen- i erregender, äußerer Erfolg bcschieden: Er errang den 1. Preis , der Berliner Akademie; ein Sieg, der ihm um so höher ange- i rechnet werden muß, da er als sächsischer „Ausländer" von vorn- ; herein nicht mit der Verleihung des ausgesetzten Stipendiums rechnen konnte. Aber nie hat Rietschel in seiner großen Bescheidenheit glauben mögen, baß die Stellung, die er sich allmählich im deutschen Kunstlcben gewann, eine verdiente sei. „Ich frage mich immer von Neuem, ob die Leute nicht irren, ob es nicht eine durch besondere Glücksumständc auf mich zurückgeftthrte Meinung sei, daß meine Arbeiten die Vorzüge haben sollen, die man ihnen zuerkennt. Ich weiß wohl, es ist manches in meinen Arbeiten, was andere nicht haben; was aber andere haben, erscheint mir viel znehr und höher zu stehen." Seiner reinen und tief verantwortungsbewußten Denkart entsprach auch seine menschliche Handlungsweise in jeder Beziehung. Er war ein absolut zuverlässiger und im Herzen dankbarer Freund, ein nicht fortzudenkendes Glied der Geselligkeit unter den Dresde- ner Künstlern. Denn dorthin war Rietschel, der einmal gesagt hat, daß ihm jeder Tag außer der Heimat ein Schmerz sei, aus | Berlin zuruckgekehrt, um das aufzubauen, was er selbst einst ent- ; behrt hatte. Als Professor der Akademie rief er eine blühende Vlldhauerschule ins Leben, der an erster Stelle Ernst Hähne l, Rietschels Mitarbeiter bei der plastischen Ausschmückung der Ge- maldegalerie, dann Johannes Schilling angehört hat, der Künstler, der unserem Meister selbst das Denkmal auf der Brühl- schen Terrasse errichten sollte. Hähnel war auch der besonders an- regende Gesellschafter bei den Samstag-Zusammenkünften im Meißuerschen Kaffeehaus, an denen u. a. auch die Maler Schnorr von Carolsfeld, Bendemann und der damals bereits ' außerordentlich volkstümliche Ludwig Richter tetlnahmen, sämt- lich mit Rietschel mehr oder weniger innig befreundet. Sein eigentlichster persönlicher Wirkungskreis war aber stets die Familie; ihre Gemeinschaft betrachtete er als so unentbehrlich, i daß er sich schon als leidender Mann zum dritten Mal verheiratete, nachdem ihm zweimal die Frau nach kurzer Ehe gestorben war. Sein äußeres Dasein verlief also in Bahnen, die in keiner Weise ungewöhnlich waren, es sei denn, daß man ein so hohes Maß tätiger Energie für ungewöhnlich halten will. Ueberblicken wir in Gedanken, was dieser Mann dem deutschen Volke geschenkt hat, so ist es vielleicht für manchen erstaunlich, in w,e verschiedenen Gegenden des Vaterlandes seine Meisterwerke stehen. Zunächst hat er mit dem Dresdener Denkmal König Friedrich Augusts des Gerechten — wie später dann auch noch mit dem Denkmal für Carl Maria v. W e b e r — der Heimat seinen Tribut entrichtet; das Königsdenkmal wurde 1843 im historischen Hofraum des Zwinger enthüllt und offenbart schon insofern des Künstlers Eigenart, als er durch eine Phantasielösung den Streit zu schlichten verstand, der um das kritische Problem „Antiker Mantel oder historisches Kostüm für den Herrscher" auch in diesem Falle ausgebrochen war. In der Potsdamer Frieöenskirche steht sein nächstes großes Werk, eine Darstellung der „Pietu", also der Beweinung des toten Heilands durch seine Mutter Maria. In fünf verschiedenen Kompositionsentwürfen hat sich Rietschel schließlich zu der Gestaltung durchgekämpft, die ihm den Augenblick am ergreifendsten wiederzugeben schien: der Körper Christi ist starr horizontal ausgestreckt, steil erhebt sich dahinter die strenge Gestalt der knienden Mutter, deren sanft geneigter Blick allein ein weiches Nachgeben an den Schmerz verrät. Wir wissen, daß der Meister einmal nahe daran war, an der Durchführung des großartigen Werkes zu verzagen, als zu den künstlerischen Schwierigkeiten die praktische hinzutrat, einen geeigneten Marmorblock für die Gruppe zu finden; seine angeborene Seelenstärke half ihm auch über diese, keinem Schöpferischen unbekannten Tiefpunkte hinweg. Im Lessing-Denkmal zu Braunschweig betrat er zum ersten Mal bas Gebiet, das seiner hoben psychologischen Begabung am eigensten war, Deutschlands Geisteshelden in einer allgemein einleuchtenden Weise zu verkörpern. Mit Benutzung eines Porträts von Tischbein schuf Rietschel aus seiner intuitiven Vorstellung vom Wesen Lessings ein plastisches Bild, das Beredsamkeit, Klugheit und Milde in einer nur.diesem Manne eigentümlichen Verbindung umfaßt und doch darunter den durchdringenden Geist des Bildners selbst verspüren läßt. Aufwärts in seiner Kunst, aufwärts in der Wahl der Heroen, deren Darstellung ihm zufiel, führte ihn der Weg der Tüchtigkeit: Zum Weimarer Denkmal der Dichterfreundschaft Goethe-Schiller. Wohl machte auch Ranch dazu einen Entwurf in antikem Kostüm, er trat aber zurück, als König Ludwig von Bayern eine große Spende mit der Bedingung verknüpfte, daß das Zeitkostüm bevorzugt würde. Rietschel gelang es annähernd, alle Teile mit den Einzelheiten des Anzugs zufriedenzustellen; er wog seine künstlerischen Möglichkeiten aufs beste ab und machte das gleichfalls vom bayerischen König vorgeschlagene Motiv des Kranzes, den Goethe fest in der Hand hält und an den Schiller zaghaft faßt, innerlich glaubhaft. In seiner Auffasiung sind die Weimarer Geistesfürsten leibhaftig unter das Volk getreten, ohne das Geringste von ihrem Adel aufzugeben. Und kein Gedanke daran, daß etwa die Darstellung Schillers matter ausgefallen wäre, weil Rietschel ihn nicht gekannt hatte! Denn mit Goethe war er zweimal zusammengekommen, zuletzt sehr behaglich in Begleitung Rauchs, als dieser an seiner Goethe- Statuette eine Aenderung vornahm. Dann schuf er das Lutber-Denkmal zu Worms, zu dem im Jahre der Vollendung des Weimarer Doppelstandbildes eine Vereinigung Wormser Bürger die erste Anregung gab. Die Beiträge aus ganz Deutschland liefen so über Erwarten reich ein, daß aus dem ursprünglich kleineren Plan ein umfangreiches Denkmal der Reformation wurde. Als sein Bildhauer aber konnte nur einer in Frage kommen, Rietschel. Doch das Schicksal wollte nicht, daß er es vollendete; und still fügte sich der Sterbende in die Tragik dieses Verzichtes: „Manche haben gedacht, ich auch, Gott würbe mir das Werk, Luthers Monument, nicht haben zukommen lasten, wenn ich's nicht durchführen sollte, allein es wird doch vielleicht ohne mich gehen müssen, damit ich nicht vor meinem Ende eitel werde, was ich bis jetzt nicht gewesen bin." Immerhin ist das Ganze des Denkmals sein Werk, wenn auch Schüler die zahlreichen Figuren ausführten. Wie einst das Monument Friedrich Augusts des Gerechten, so wurde auch bas letzte in ber sächsischen Gießerei Lauchhammer gegossen, während Goethe-Schiller bei Miller in München entstanden waren. Die Gestalt des Reformators selbst hat Rietschel noch mit letzter Kraft durchgebilöet, nachdem er lange MN Me volkstümlichste Fassung gerungen batte: Auch Riekschel hatte nämlich Luther zuerst als Mönch, so wie er in Worms vor dem Kaiser gestanden war, zu modellieren versucht, ihn aber dann in der uns heute selbstverständlich gewordenen Art gegeben: im protestantischen Chorrock, die Hand aus der Bibel. Uebrigens wurde der Rictschelsche Originalkops nicht in Worms, sondern an der Luther-Statue vor der Dresdener Frauenkirche benutzt, die zum Reformationsfest 1885 enthüllt wurde. Im einzelnen läßt sich über den Werdegang des Reformationsdenkmals wie auch der anderen großen Arbeiten Rietschels am anschaulichsten vor den Modell- schähen des Dresdener Albertinums unterrichten, wo das Gedächtnis des Meisters eine treue Pflegestätte gefunden hat. Oie Anfänge menschlicher Technik. Die Entdeckung der altsteinzeitlichen Kultur i« Afrika. Von Professor Hans Reck. Der Berliner Paläontologe Professor Hans Reck hat schon vor dem Kriege in Oldoway, einer abgelegenen Schlucht des damaligen Deutsch-Ostafrika, das versteinerte Skelett eines Urmenschen ausgegraben, der zu den ältesten Menschenfunden gehört. Zur weiteren Erforschung der Fundstätte unternahm er 1931 aus Anregung des englischen Archäologen L e a k e y eine zweite Expedition mit britischen Gelehrten, die zur Entdeckung der Kultur dieses Oldoway-Menschen in der Altstein- Zeit führte. Die aberteuerlichen Erlebnisse und wissenschaftlichen Erfahrungen aus diesen Fahrten schildert Reck in seinem bet F. A. Brockhaus in Leipzig erscheinenden Werk „Oldoway, die Schlucht des Urmenschen. Die Entdeckung des altstcinzettlichen Menschen in Deutsch-Ostasrika". Wir teilen daraus den Abschnitt mit, der die Auffindung der ältesten menschlichen Werkzeuge und damit die Krönung des ganzen Unternehmens schildert. Die Stücke waren durchweg rundliche, dick scheibenförmige Flußgerölle von einer Größe, daß sie bequem von der Faust umschlossen iverdcn konnten. Ihr eines unverändertes Halbrund ruhte offenbar in der Hand, die andere Hälfte aber hatte der Mensch zu schärfen versucht, indem er abwechselnd rechts und links von der Flachsette dieses Geröllbogens grobe Stücke absplitterte. So entstand die erste und roheste Form der Zickzackkante, die später, noch kaum verfeinert, in Oldoway im nächsthöheren Menschenhorizont auch die Seiten der ersten Faustkeile kennzeichnet. Zur Zeit der Menschen des ersten Horizontes war also die Keilform des Gerätes und überhaupt irgendwelche selbstgeschaffene Werkzeugform noch nicht erdacht. Die Schneidekante, die noch ausschließlich gcbrauchSgroß von der Natur gebotenen Ge- röllcn ausgeprägt wurde, ist die elfte technische Erfindung der Menschheit in der Bearbeitung des Steins. Bei dem Fehlen eigener Zurichtung von Steinen zur Gevrauchsgröße fehlte natürlich auch noch jede bewußte Auswahl des Werkzeugmaterials. Der Mensch dieser srühesten Urzeit benutzte wahllos jedes harte Geröll, das ihm zur Hand kam, und die Seltenheit bearbeiteter Stücke trotz des Vorkommens zahlloser Gerölle zeigt deutlich genug, daß steinernes Werkgerät überhaupt noch nicht zu seinen unentbehrlichen Begleitern gehörte, sondern erst anfing, den Nutzen seiner Anwendung dem Menschen einzuprägen. Typ dieses Urwerkzeuges und Zeit seines Auftretens sind in Oldoway ausschließlich auf die tiefsten Schichten des ganzen Profils beschränkt. Waren nach dem Formeirvergleich mit europäischen Verhältnissen die rohen und verfeinerten Faustkeile des zweiten und dritten Horizontes als stufenweise weiterentwickelte „Chell- knlturen angesprochen worden, so müssen diese ersten Zickzack- kantengerölle, die nach Lage und Technik noch tiefer stehen, als „Prächell" bezeichnet werden. „Eolithe", wie man die vielbezweifelten, allerersten Spuren menschlicher Steinbearbeitung an verschiedenen Stellen der Erde genannt hat, sind es nicht, denn für diese ist gerade das Fehlen jeglicher zielbewußter Gestaltung charakteristisches Kennzeichen. Sie tragen nur regellose Formver- änbcrnngen zur Schau, die ohne erkennbare Gesetzlichkeit von Stück 8it Stück wechseln, weshalb ihre Entstehung durch Menschenhand in den meisten Fällen überhaupt bezweifelt worden ist. Das Kennzeichen des Oldowayprächell ist dagegen die zielbewußten Willen und damit das Erwachen menschlichen Verstandes kündende, immer wiederkchrende Schneide an naturgegebener Form des Werkzeuges. Dieses Ergebnis bildete das Ende unserer Arbeit in Oldoway. Ein Abschluß, so überraschend im Auftreten, so erdrückend in der Wucht der wissenschaftlichen Bedeutung für früheste Menschheitsgeschichte, daß Ü e a k e y in der Tat zu beglückwünschen war. Denn Oldoway war nun nicht mehr nur durch den früheren Skelettfund, sondern mit diesen neuen Erkenntnissen auch unabhängig davon durch seine Kulturen für alle Zeiten klassische Lagerstätte für das Altpaläolithikum Afrikas geworden. Das Einzigartige, Neber- raschende seiner Lagerstätter war nach Abschluß unserer Arbeiten gar nicht mehr so sehr die Tatsache des Auftretens der alten Kulturen im Verbände mit auSgestorbenen Tieren, deren Entdeckung uns ursprünglich als daS letzte Ziel unserer Reise vorgeschwebt hatte, als vielmehr die gesicherte Erkenntnis einer lückenlos durch die ganze Schichtfolge durchgehenden Entwicklungsreihe der Kulturen beS Altpaläolithikums von ihren ersten Anfängen bis zur höchsten Vollendung des Faustkeiles. Diese Reihe ist in ihrer Vollständigkeit an ein und demselben Ort bis heute noch einzigartig in der Welt. Kein Beispiel könnte überzeugender vor Augen führen, rote der erste Funke menschlichen Geistes sich zum Feuer nicht mehr einzudämmender Verstandestätigkeit entfaltete. Dieser erste Funke kam aus dem Dunkel. Daß er die eigentliche Menschwerdung aus dem Tier in sich birgt, geht am besten daraus hervor, daß auch das höchstentwickelte Tier wohl Steine zum Werfen oder Schlagen benutzen kann, aber noch niemals sinnvolle Arbeit zur Gebrauchsvervollkommnung an ihnen geleistet hat. Es zeigt sich hierin, wie weit die Entwicklung des Gehirns fortgeschritten sein muffte, ehe ihm die erste technische Regung entsprang — die Herstellung einer Schneidekante. Der aus Skelettresten heute noch unbekannte Uebergangstyp, der Mensch und Tier verknüpft, steht verstandesmäßig an der Grenze zwischen der Benutzung naturgegebener Gegenstände und planmäßiger Herstellung von solchen. Werkzeugtechnisch umspannt er auf dem Gebiet der Steinbearbeitung die Zeit der Eolithcn, die in Oldoway bis heute noch nicht gesunden sind, aber auch dort vielleicht eines Tages noch aus den tiefsten Lagen seines untersten Horizontes zum Vorschein kommen werden. Von der Herstellung der ersten Schneidekante an aber hat Oldoway heute schon den ganzen Werdegang menschlicher Gedankenarbeit zur Formung des Steins, der in seinen Schichten wie in einem Museum aufbewahrt ist, unserer Arbeit erschlossen. Die Bedeutung dieser Tatsache ist so groß, daß es wohl verlohnt, abschließend in kurzem Ueberblick bas Gesamtbild einheitlich zusammenzufassen, das die Einzelfunde uns stückweise zu erkennen erlaubt hatten. Die gebogene älteste Kante des Flußgerölls löste die gestreckte Doppelkante des Faustkeils ab, erst roh und plump in Technik und Form, aber durch die ganze Chellzeit hindurch stetig weiter- entwickelt, bis ans der Zickzackkante ungeschlachter Anfänge das formvollendete, feingemetßelte Werkzeug des Acheul wurde. Hand in Hand mit dem Fortschritt der Technik ging die Leichtigkeit der Herstellung und damit die rasch zunehmende Zahl der erzeugten Werkzeuge, die offenbar meist nur für vorübergehenden Gebrauch angefertigt waren. Umgekehrt entwickelten sich Gewicht und Größe der Stücke in dem Sinne, daß besser werdende Arbeit mit abnehmender Schwere und Größe des Gerätes Hand in Hand ging. Der Fortschritt der Technik des Faustkeils beruhte aber nicht nur auf mechanischer Steigerung der Handfertigkeit, sondern ebensosehr daraus, daß die Denkgrundlage der Arbeit sich vertiefte. Sie war zwar noch fest in der ererbten Keilform und ihren wenigen Abarten verankert, aber sie hatte sprunghaft den Wert der Auswahl des günstigsten Arbeitsmaterials erkannt. Die wahllose Werkstoffverwendung ist auf die untersten beiden Horizonte beschränkt. Erstmals wird die Materialauswahl bei den ebenmäßig schönen Oberchellformen der Roten Bank deutlich, die fast ganz aus dunklen Laven gemacht sind. Ihr Mnttergestein entstammt den Strömen des vulkanischen Hochlandes, von dem es als Vruch- schutt und Geröll durch die Flüsse dem Oldowaysee zugeftthrt und bort meist schon in handlichen Größen abgelagert worden war. Am Ende der Chellzeit muß es eine große Entdeckung gewesen sein — in unserer Zeit etwa der Erfindung des Aluminiums oder des Autos vergleichbar, die Verkehr und Wirtschaft in ganz neue Bahnen lenkten —, als der Mensch merkte, daß die Lava zu zäh war, um mtt Holzstäben feine Abschläge und damit ausgeglichen glatte Keilklanten zu ermöglichen. Das aber gestattete der zugleich widerstandsfähige und doch kleinkörnig brechende Quarzit des Oldowayinselberges. Die Ablösung der Zickzackkante durch die verfeinerte glatte Schneidekante des Keils erscheint ganz an den Materialwechsel von Lava zu Quarzit gebunden. Sein Vorteil muß so eindrucksvoll gewesen sein, daß das Bild des Werkzeuges mit dieser Entdeckung sprunghaft wechselte. Im dritten Horizont bestand es in Oldoway noch zu 90 Prozent aus Lava, im vierten Horizont schon zu 90 Prozent aus Quarzit. Natürlich bedeuten solche Horizonte nach Jahren gemessen sehr lange, wenn auch noch nicht näher umgrenzbare Zeiträume, die viele Generationen umfassen können. Geologisch betrachtet, also in der auf wenige Dutzend Meter Gestein zusammengepreßten Perspektive des Geschehens erscheint der Wechsel fast übergangslos. Mensch und Erdgeschichte rechnen die nach so verschiedenen Maßstäben, daß schon die erdgeschichtlich kurze Spanne einiger tausend Jahre dem Menschen kaum noch eine wirklich plastische und inhalterfüllte Vorstellung ist. Einen noch viel größeren Sprung, in der Tat eine Kultur- roenöe Jnnerafrikas, verursachte nach erreichter Vollkommenheit der Quarzitkeiltechnik des Acheul ein abermaliger Materialwechsel, welcher der Entdeckung des Obsidians als Werkstoff folgte. Er steigerte die Verwendbarkeit und erleichterte die Herstellung handlichen Werkzeuges in solchem Maße, daß sein Aufkommen das Ende der Faustkeilform des Gerätes überhaupt bedeutete, die viele Jahrtausende lang Markt und Lebensweise des diluvialen Menschen beherrscht hatte. Der Obsidian steht in Ostafrika als revolutionierende Entdeckung an der Grenze zweier Kuliurabschnittet der Menschheit. Mit ihm endet daS Altpaläolithikum, er führt das jüngere Paläoli- tkikum ein. Aber sein Einzug ist jünger als das Schichtpaket des mittcldiluvialcn Oldowaysecs, der als letzte noch die Quarzit- knltur des Acheul.in sich aufnahm. Nur in den jüngeren Füllschichten der schon in trockenen Boden eingeschnittenen Oldoway- schlucht kommt hier das Obsidianwerkzeug noch vor, Kulturen verratend und belegend, die vor allem in der Kenya-Kolonie weiter im Norden in einzigartiger Blüte und Reichhaltigkeit ergraben wurden. Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Univerfitäts-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.