GietzenerKninIienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger I rhrgang <955 Montag, -en 27. März Nummer 24 Schlaf' ein. Von Jula Hartmann. Und leise leg' ich meine Hand Auf deine Augen lind, Da kommt herab vom Sternenland Der Schlaf zu meinem Kind. Nicht denken mehr und sorgen, Nur müde, müde sein, In Liebe still geborgen Schlaf' einl Vom Schlummerbrunnen trinke nun In tiefem, langem Zug, Du darfst gelöst und glücklich ruhn, Dein Tag ist Tat genug! Nicht grübeln mehr und klügeln, Gleiten ins dunkle Sein Auf sammtnen Schwalbenslügeln — Schlaf' ein! Schon schlummert unterm Sterncnschild Dein Haus und atmet sacht, Wie leise Harfen um dich schwillt Die Melodie der Nacht. Gib Zweifel, Angst und Sorgen In Gottes Herz hinein, Glaub' an den lichten Morgen, Schlaf' ein! Auf -ei' Universität. Novelle von Theodor Störm. Core. Ich hatte keine Schwester, welche mir den Verkehr mit Mädchen meines Alters hätte vermitteln können; aber ich ging in die Tanzschule. Sie wurde zweimal wöchentlich im Saale des städtischen Rathauses gehalten, welches zugleich die Wohnung des Bürgermeisters bildete. Mit dessen Sohn, meinem treusten Kameraden, waren wir acht Tänzer, sämtlich Sekundaner der lateinischen Schule unserer Vaterstadt. Nur in betreff der Tänzerinnen hatte sich anfänglich eine scheinbar unüberwindliche Schwierigkeit herausgestellt; die achte standesmähige Dame war nicht zu beschaffen gewesen. Allein Fritz Bürgermeister muhte Rat. Eine frühere, bei allen Fest- schmäusen von der Frau Bürgermeisterin noch immer zugezogene Köchin seiner Eltern war an einen Flickschneider verheiratet, einen gelben, Hagern Menschen mit französischem Rainen, der lieber im Wirtshaus das große Wort, als aus seinem Schneidertische die Nadel führte. Die Leute wohnten am Ende der Stadt, dort, wo die Straße dem Schloßgarten gegenüberliegt. Das schmale Häuschen mit der großen Linde davor, welche das einzige neben der Tür befindliche Fenster fast ganz beschattete, war uns wohlbekannt; wir waren ost daran vorübergegangen, um einen Blick des hübschen Mädchens zu erhaschen, das hinter Den Reseda- und Geranientöpfen an einer Näharbeit zu sitzen pflegte und In unseren Knabenphantasien eine nicht unbedeutende Rolle spielte. Es war das einzige Kind des französischen Schneiders, ein breizehnjähriges, zierliches Mädchen, das auch in der Kleidung, troß der geringen Mittel, von der Mutter in großer Sauberkeit gehalten wurde. Die bräunliche Hautfarbe und die großen dunkeln Augen bekundeten die fremdländische Abkunft ihres Vaters; und ich entsinne mich noch, daß sie ihr schwarzes Haar sehr lief und schlicht an den Schläfen hernbgestrichen trug, was Dem ohnehin kleinen Kopse ein besonders feines Aussehen gab. Friß und ich waren bald miteinander einig, daß Lenore Beauregard die achte Dome werden müsse. Zwar hatten wir mit Hindernissen zu kämpfen; beim die übrigen kleinen Fräulein und „gnädigen" Fräulein wurden sehr seriös und einsilbig, als mir unfern Vorschlag mitzuteilen wagten; -allein die Künste ihres Lieblingssohnes hatten die Bürgermeisterin auf unsere Seite gebracht, und vor dem heitern und resoluten Wesen dieser mackem Frau vermochten weder die gerümpften Näschen der kleinen Damen, noch, was gefährlicher war, die bestimmten Einwendungen ihrer Mütter standzuhalten. So waren wir denn eines Nachmittags unterwegs nach dem Häuschen des französischen Schneiders. — Sonst hatte ich oft wohl bedauert, daß meine Kameradschaft mit dem Sohne unsers Haustischlers eingegangen war, dessen Schweller fast täglich mit der kleinen Beauregard verkehrte; ich hatte auch wohl daran gedacht, die Bekanntschaft wieder anzuknüpfen und mich in der Werkstatt seines Vaters in der Schreinerei unterweisen zu lassen; denn Christoph war Im übrigen ein ehrlicher Junge und keineswegs auf den Kopf gefallen; nur daß er auf die Schüler der Gelehrtenschule, „die Lateiner", wie er mit einer unangenehmen Betonung zu sagen liebte, einen wunderlichen Haß geworfen hatte; auch pflegte er sich unter Beihilfe gleichgesinnter Freunde auf dem Exerzierplätze von Zeit zu Zeit mit den „Lateinern" nach Leibeskräften durchzuprllgeln, ohne daß jedoch durch diese Schlachten ein Ende des Krieges erzielt wäre. Nun bedurfte ich jener Vermittlung nicht; beim schon waren wir vor dem Hause und schritten über bie gelben Blätter der ßlnbe, bie ber Novemberwind herabgesegt hatte, auf die niedrige Haustür zu. Bei dem Klingeln der Schelle kam uns Frau Beauregard aus der Küche entgegen, und nachdem sie sich sorgsam ihre Hände an Der weißen Schürze abgetrocknet, wurden wir in das kleine Wohnstübchen genötigt. Es war schwer, in dieser blonden, untersetzten Frau die Mutter der zarten, dunkeln Mädchengestalt zu erkennen, die setzt bei unferm Eintritt von der Näharbeit aufsprang und sich dann mit einem Ausdruck zwischen Neugier und Verlegenheit an die Schatulle lehnte. Während Fritz unser Anliegen vorbrachte, überflog ein helles Rot ihr Gesichtchen, und ich sah, wie ihre Augen leuchteten und größer wurden; al? aber die Mutter schwieg und nachdenklich den Kopf schüttelte, stahl sie sich leise hinter ihrem Rücken fort und verschwand durch eine anscheinend in bie Schlafkammer führende Tür. — Ich warf einen Blick nach bem Tische, vor bem sie bei unferm (Eintritte gesessen hatte. Zwischen Bänbern unb anberm Mäbchenkram standen ein Paar schmale Lastingschühchen', fertig bis auf die Einfassung, womit, wie es schien, bas Mädchen sich soeben noch beschäftigt hatte. Die Dinger waren beunruhigen!) klein, unb meine Knabenphantasie ließ nicht nach, sich bie Füßchen vorzusiellen, bie mutmaßlich ba hinein gehörten; mir war, als säh ich sie fgjon im Tanze um bie meinen herumwechfeln, ich hätte sie bitten mögen, nur einen Augenblick standzuhalten; aber sie waren ba unb waren wieder fort unb neckten mich unaufhörlich. Währenb biefer visionären Träumerei hatte bie Frau Benuregarb mit meinem Freunbe, bem ich, wie billig, bas Wort überlassen mußte, Grünbe unb Gegengrünbe auszutauschen begonnen, bis sich die Sache, nachbem auch ber Name ber Bürgermeisterin in die Waagschale gelegt war, mehr unb mehr zu unfern Gunsten neigte . „Und ba stehen ja schon bie Tanzschuhe!" sagte Fritz. „Ist Herr Bean- regnrb beim auch ein Schuhmacher?" Die Frau schüttelte den Kovs. „Sie wissen ja wohl, Fritz, daß er, leider Gottes, ein Tausendkünstler ist! (Er mußte Ihnen doch auch Ihre Taschenuhr im Frühjahr reparieren! — Die Schühchen hat er dem Kinde auf Weihnachten schon im voraus gemacht." — „Nun, Margret, und meine Mutter hat einen ganzen Koffer voll schöner, aller Kleider; da könnt Ihr neue daraus schneidern für bie Lore; es reicht jebes wenigstens ein viertel butzenbmal für sie." Die Alte lächelte; aber sie würbe wieber ernst. „Ich weiß nicht," sagte sie, „es sollte nicht fein; aber wenn bie Frau Bürgermeisterin es meint!" Das Mäbchen war inbeffen wieber eingetreten unb hatte sich neben bie Mutter gestellt. Es entging mir nicht, baß sie ein weißes Krägelchen umgetan hatte; auch meinte ich bie Ohrringe mit ben roten Korallen- knopschen vorhin nicht an ihr gesehen zu haben. „Was meinst du, Lore?" sagte Fritz, während bie Mutter noch immer nachbenklich unb unschlüssig brein sah, „hast du Lust mit uns zu tanzen?" Sie antwortete nicht; aber sie faßte die Mutter mit beiden Händen um ben Hals unb flüsterte ihr zu, währenb ihr Antlitz mit immer tieferm Rot überzogen würbe. „Fritz", sagte bie Alle, inbem sie sich sanft bes ungestümen Mäbchens erwehrte, „ich wollte, Sie hätten mir bie Geschichte erst allein erzählt; es wäre bann nichts baraus geworben. So habt ihr mir nun einmal das Mädel auf ben Hals gehetzt; ich weiß es schon, sie läßt mir keine Ruh'!" — Wir hatten also gesiegt. „Mittwoch abend um sieben Uhr!" rief Fritz noch im Fortgehen; dann traten wir, von Mutter unb Tochter zur Tür begleitet, aus bem Hause. — Als wir uns nach einer Welle umblicften, taub nur noch unsere junge Freunbin ba; sie nickte uns ein paarmal zu unb lief bann rasch ins Haus zurück. 3n ber Tanzstunde. Am Inge daraus war, wie mir Fntz vertraute, die Frau Beauregard bei seiner Mutter gewesen, hatte mit ihr eine geraume Zett in ber Kleiberkammer gekramt unb dann mit einem wohlgesüllten Päckchen das Haus verlassen. Am Mittwochabenb war bie Tanzstunbe. Ich hatte mir bie lackierten Schuhe mit Stahlschnallen unb bie neue Jacke erst im letzten Augenblick von Schuster und Schnetber heravsgepocht unb sanb schon alles versam- 1 Zeugschuhe. MZWWMZ MZMWffMW MEWLLA-SS-U - MMML-SELZ Haffael. in «n ift eiaentlich nur das e ne von Wicyngren: uuB » Raffael ift ru einem der Elemente geworden, auf denen bie hohe Menschheit lebt, er zeitlosfort; as eine Sonn am> H.mm d K^, ich. — L-------- , den, und schon zu Ende bie1 „Nun?" „Ich hab' sie der Alten gegeben " „Was sagte die Alte?" . „n > „Es wäre zuviel: die Frau Bürgermeisterin hatte diesen Morgen ja schon ein Paar geschickt." „Guts" dalbte ich: „so merkt sie nichts. In der nächsten Tanzstunde trug Lore die neuen Handschuhe: ich weiß nicht ob die meinen oder bie von der Bürgermeisterin, aber sie lagen wie angegossen um das schlanke Handgelenk-, und nun sah keine vornehmer aus als Lore in ihrem dunkeln Kleide. Die Lehrstunden gingen nun ihren ebenen Lauf. Nachdem die Mazurka einqeübt war. kam ein'Coittretanz an die Reihe, in welchem ^rit} unb Lore zusammen tanzten. — Ein Verhältnis bicfer zu den andern Mädchen 3U3Sbirhm sammeln sich wie in einem Brennpunkt alle Tendenzen der italienischen Malerei, die umbrische und bolognesijche Art der Perugino und Francia, die slorentinische der Masaccio und Fra Bartolomeo: von Leonardo lernt er und von Michelangelo, bildet sich als Baumeister an Bramante und Peruzzi. Und diese Anpassungs ahigkett diese geniale Schmiegsamkeit, die sich mit höchster Schopjerkrast und starker Eigenart vereinigen, sie erklären die sonst unbegrestliche Fülle seines Schassens, machen seine Kunst zum Inbegriff alles Wiindervollen, was der italienische Dolksgeist heroorgebracht, und lassen auch 1°.?'° ungeheure Volkstümlichkeit begreifen, die er, wie fein anderer Künstler vor ihm und nach ihm, errungen. Freilich hängt damit auch das ^emmme und Weiche zusammen, das seinem Wesen ausgeprägt ist. Seiner Kunst ist eine gewisse Sanftheit und Zartheit eigen, eine Süße unb Reise, wie sie ber Ausgleich aller Seelenkräfte verleiht, etwas Ueberirdisch-Derklartes und Paradiesisches, fast „zu schön" für uns ringende Erdenk,oder. Dieses „schlechthin Vollkommene" der Rassaelschen Kunst, das sie zur Schwärmerei mancher Epochen gemacht hat, hat ihr auch die scharfe * Friedrich Silcher. der schwäbische Dolksliedsammler und Komponist, gab einige Hefte ausländischer Melodien mit deutschen Texten heraus. BB Ld-N. -fit höre, kann ich immer nur an sie denken. (Fortsetzung folgt.) Zum 450. Geburtstage des großen Malers. Von Dr. Georg Kuhn. Nickt als einen Maler schlechthin wollte der Kunsthistoriker Hermann (Brimm fRaffael den er neben Goethe am meisten geliebt hat, und r'e 'E?was kleine Gnädige", rief die Mutter meines Freundes komm ""L7ie klecksLme^mußt?h7rL>r"?nbsi7d<>7'ä dos mit der Schnei- ""'SlÄÄ"; IW« 8«rb.n ,<»,16«: Sen.r. W,, «In 'SÄÄMÄ fi ns roanrenu uicjci «yiuu m n,Atlr MWZMM-s« rierle einen Schritt. „Mamsell Lore wird wohl die größere fern , sagte NUch^einer Weile wurden die Paare formiert. Ich war ber zweite in der Reihe ber Knaben, unb Lore wurde meine Dame. Sie 'ache te a s nJihre fianb in meine legte. „Wir wollen sie um und um tanzen! sagte ■ - b unb wir hielten Wort. Es sollte zunächst eine Mazurka emgeubt wei- - * "'»(er ersten Lehrstunde, da eine lour nicht gehen wollte klopfte unser alter Maestro mit dem Bogen aus den Geigendeckei: ^Kleine Beauregard! Herr Philipp' Machen Sie emmal vor! und wahrend er bie Melobie zugleich geigte unb sang, tanzten wir. — E. war keine Kunst mit ihr zu tanzen, ich glaube, es hätte niemandem mißglücken ännen aber der alte Herr rief ein begeistertes „Bravo!" nach dem andern unb bie wackere Frau Bürgermeisterin lehnte sich vor Behagen Llnb weit zu^M in ihren Sofa, Ivo sie seit Beginn bes Unterrichts als aufmerksame Zuschauerin Platz genommen hatte. „ . ^riiulein Charlotte war meinem Freunbe Fritz als Partnerin zuge fallen unb ihr lebhaftes Wesen schien, wie ich gern bemerkte, ihn balb eine anfängliche Begeisterung für bie Schneibertochter vergesie^ zu mw dien Da ich die letztere aber letzt gewissermaßen als mein Eigentum betrachtete so war ich eifersüchtig aus die Schönheit und Eleganz meiner Dame, unb ein verweilender Blick ihrer tadellos gekleideten Neben'ulslenn dem meine Augen gefolgt waren, hatte rmch belehrt daß die Beschützer des schönen Mädchens dennoch eines nicht genügend bedacht hatte. Die Handschuhe waren zu groß für diese schmalen Hande: sie waren osseimur °"1lm andern Mmgen, sobald ich aus der Klasse kam., ließ es mir keine Ruhe mehr Ich machte mich über den Schrank, worin meine blecherne Sparbüchse aufbewahrt wurde, unb grub und schüttelte so lange, bis ich aus dem Spalt einen harten Taler neben ber roten Tuchzunge hervorgearbeitet hatte. Dann rannte ich in einen Kaufladen ,Zch wollte kleine, weihe Handschuhe!" tagte id) nicht ohne Beklommenheit. Der Labendiener warf einen sachverständigen Blick auf meine■flnnb. „Nummer sechs!" meinte er, während er die Handfchuh-Schacktel auf den Tisch stellte. „Geben Sie mir Nummer fünf! bemerkte ich kleinlaut Nummer fünf? — Wird wohl nicht paffen! Und er machte Anstalt, die Handschuhe über meine Hand zu spannen. Es stieg mir siedendheiß ins Gesicht. Sie sollen nicht für mich, sagte id) unb bebanertc mehr als jemals den Mangel einer Schwester, auf d id) den Handel hätte bringen können. Aber uh roar cntju-ft von den nennen Handschuhen mit den weihen, seidenen Bändchen die mm vor nur ausgebreitet lagen. Ich kaufte zwei Paar, und bald'nachdem uh den Laden verlassen, hatte ich einen Jungen von der Strabe auffleftWjt. „Bring' das an die Lore Beauregard", sagte ich. .„einen Gruß von der Frau 'Bürgermeisterin, hier wären die Handschuhe für die Tansttundel Unb bann bring' mir Bescheid. ich warte hier an ber Ecke auf dich. Nach zehn Minuten war ber Junge wieder da. ZMWWSW ZMWHWS -MLWSWMWrz vollkommen war! einzelne treffliche Nachkommen haben genähert, i .r «rreirht hat ihn niemand. So stellten sie den Mozart hin, als etwas Un7rr7ichLebs ck kr Mchik. Unb fo in der Poesie Shakespeare. Ich me.ne | „,,r b^r/')7nturen bas große Angeborene ber Natur. . I Als solch ein seliger Geist aus bem Himmelreich ber Schönheit wird Raffaels Lichtgestalt weiter durch die Jahrhunderte schweben, omehesten ' vergleichbar mit einigen andern vom flanz der Jugend und Lrebever. Härten Schöpfern harmonischer Anmut, mit Prax11 e l e s unb ! zart. Als Weltmacht offenbart er sich nid)t nur burd) b'esen unzerstor । Lren Gehalt feines Schaffens, fonbern auch daburch, baß In ihm ber Ausdruck ecker ganz großen Kulturepoche, ber Hochrenaissance am rem= ft en unb reichsten verkörpert ift. Die Verschmelzung bes d)rtft(i^en unO antiken Ideals, die diese Zeit erstrebt, ist in seinen Werken zurWir l'ch- keit geworden, unb stets wirb man in .hm den Malerischen ^°t>epun(t öer italienifdien Kunstentwicklung verehren, wie in P h i d i a s bie reifste Frucht des antiken plastischen Gestaltens, in Mozart die IBoUenbung ber Musik des 18. Jahrhunderts. Raffael gleicht einem jener,'"aiestatische , Jrucktbarkeit und Segen weithin verbreitenden Strome, in den sich die ! Gewässer von allen Seiten ergießen, um ihm Brette, Fülle, Klarheit -l- 14 l«»«n S°°> SSÄ" um den alten Tanzmeister, der -naen Scholaren entgegennahm. im Saale aus und ab . „ . unroejt der Tür und unb sich sogar nicht um sie flimmerten meinte lick inbeifen nicht Herausstellen: nur mit ber tätigen Jenni. welche Me ältefte unbrnieid) glaube, die klügste von ihnen war, fah ich sie ein -tzOMMMs Verurteilung anders gearteter Zeiten eingetragen. Wer titanenhaftes Ringen, dämonischen Tiefsinn, wuchtige Schwere von der Kunst verlangt, wird die gleichsam „aus dem Nichts geborene", in Glanz und Heiterkeit strahlende Schönheit Raffaels nicht für das Höchste halten. Schon zu feinen Lebzeiten hielt man Leonardo und Michelangelo für größere Künstler, und Safari, der ihn in der zweiten Auflage seiner Lebensbeschreibungen mit einer gewissen Absichtlichkeit als „Halbgott" gegen Michelangelo ausspielte, hat ihn in so überschwenglicher Weise gefeiert, daß er bald wieder Widerspruch hervorrief. Die aufgewühlte Zerrissenheit des Barocks steht ganz unter dem Einfluß Michelangelos, also Raffael fern. Nur in Frankreich erwuchsen ihm Verehrer und Nachahmer, und zu Anfang des 18. Jahrhunderts, als der mildere Geist des Rokoko in die Weltkunst einzieht, da erwacht wieder die Liebe der Italiener für ihn. In Italien haben Mengs und Winckelmann in ihm den „Meister der Meister" kennen gelernt, und die Raffael-Schwärmerei, die sich nun in Deutschland entwickelte, war eigentlich nur von der Verehrung eines Originalwerkes, der Sixtinischen Madonna in Dresden, getragen. Diese Verehrung erbte Goethe bereits von seinem Vater; er macht sie zu einem Teil seines Selbst durch die italienische Reise, auf der er neben der Antike am eingehendsten Raffael studiert hat, von ihm am tiefsten beeinflußt ist. Als den „ersten Maler der Welt" proklamieren ihn die Künstler der napoleonischen Zeit, die David und Ingres, und die Romantiker entdecken auf den Spuren Wackenroders und T i e ck s den „göttlichen Jüngling", den Träumer der Rittergeschlchten und Minnesänger der Madonnen der Frühzeit Im Anschluß an die Romantik hat dann im 19. Jahrhundert die Kunstgeschichte sein Werk bis in alle Einzelheiten erforscht, kritisch beleuchtet und dabei immer mehr seine Selbständigkeit, seine universale Größe erkannt. Einzelne Teile seines Werkes, von denen man vorher kaum etwas ahnte, treten nun imponierend hervor: feine gewaltige Arbeitsleistung als Architekt, die das Buch von G e y m ü l l e r enthüllte, der hinreißende Reichtum seiner Zeichenkunst. Als Bildhauer und Kunstgewerbler, als Archäologen und Dichter haben wir diesen wahrhaftigen Renaissancemenschen kennen gelernt. Um so großartiger heben sich aus dieser überwältigenden Fülle seiner so kurzen Schaffenszeit die ewigen Höhepunkte, hervor. Die Träume seiner Jugend gipfeln in den beiden Meisterwerken der umbrischen Frühzeit, in der „Krönung der Maria" und vor allem dem „S p o s a l i z i o", diesem höchsten Lobgesang der Kunst auf die Heiligkeit bdr Ehe. Seine Florentiner Jahre schließen mit der „Grablegung C h r i ft i", in der alles furchtbare Leiden zu reiner Schönheit verklärt wird. Im Vollbesitz harmonischer Gestaltungskraft beginnt der Fünfundzwanzigjährige in Rom seine kurze Reisezeit; er schafft hier in einer unvergleichlichen und unfaßbaren Fruchtbarkeit, umgeben von einer völlig von ihm abhängenden Schülerschar, die unsterblichen Fresken der „Stanzen", in denen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunst der Menschheit im Lichte des erhabensten geistigen Zusammenwirkens dargestellt sind; er erweckt in der „Galathea" und den „A m o r - u n d - P s y ch e"- Bildern die Wunder der Antike so rein wie kein anderer Nachfolger der Griechen; er krönt die liebliche Schar seiner Madonnendarstellungen durch die Madonna della Sedia, das Urbild des irdischen Mutterglücks, und durch die Sixtina, die Verkörperung überirdischer Mutterliebe, er schafft in den Kartons zu den „Teppichen" das höchste Formideal der „klassischen" italienischen Kunst und entdeckt in seinem letzten Werk, der „Verklärung C h r i st i", Wucht und Rhythmik eines neuen Stils, des Barock. So schließt sich der Ring seiner Entwicklung in einem ganz organischen und harmonischen Aufbau. Andere Epochen kannten andere Götter neben dem „einzigen": Rembrandt und Michelangelo, Leonardo und Velasquez. Es kam gegen Ende des vorigen Jahrhunderts eine Zeit, in der man recht geringschätzig von Raffael sprach, weil die Mode es so wollte. Aber heute leuchtet fein Gestirn wieder im Hellen Glanz, und wie der Mozart-Kult unserer Tage erkennen läßt, daß man sich wieder mehr als früher zu den seligen Inseln einer harmonischen Schönheit flüchten will, so ist auch Raffaels Zeit wieder gekommen, und seine Kunst wird als die Weltmacht erkannt, die sie darstellt. Aus den Kinderiaqen unserer Landkarte. Don E. Weber. Wenn mit den ersten milderen Lüften die Wanderlust wieder erwacht, bann kommen auch bie stummen unb doch so berebten Führer ins unbekannte Land die Weg- und Landkarten, wieder zu ihrem Rechte und werden aus ihrer Winterschlummerstätte im Bücherschrank hervorgeholt. Sie, die uns heute unentbehrliche Begleiter auf Fußwanderungen, un Auto, bei Reisen durch Stadt und Land sind, wie sie den Seefahrer durch die Meere, den Flieger durch das Reich der Lüfte leiten, können sich eines langen, bis ins Altertum zurückreichenden Stammbaums rühmen, der von einer stolzen Entwicklung kündet, die heute durch bie Ausnahmen vom Flugzeug ganz neue Möglichkeiten gewonnen hak. Nicht einem Volke allein gebührt bas Verbienst, Erfinder der Landkarte zu sein. Der Name des Aegypterkönigs Roms e s ^.^"d mit der ältesten um das Jahr 1300 v. Ehr. gezeichneten Karte ber Nillandschaft in Verbindung gebracht. Daß die Aegypter mit Landmessungsarbeiten wohl vertraut waren, davon zeugt bie Darstellung zweier mit Meßketten ein Felb burchschreikenben Männer. Im Museum von Turin werben zwei der ältesten uns bekannten „Karten" aufbewahrt; sie sind auf Papyri gezenh- . riet unb geben bie Lage ber Goldminen in ber Nubifchen Wiiste an. Em anderer Turiner Papyrus zeigt die Rü-^kehr des Pharaos Seti I. aus Syrien, die Straße von Heropolis und den Nilkanal, der von Krokodilen wimmelt. Für den großen Anteil, den die Babylonier an der Entwickümg ber Karte genommen haben, zeugt ein im Irak ausgegrabenes Tafelchen a der Zeit um 1000 o. Ehr., auf bem bie Welt als eine runbe Scheibe nut Babylon im Mittelpunkt dargestellt ist. Mer erst die Griechen schufen Karten, die auf der Erkenntnis der wahren Gestalt der Erde beruhlni. Eratost Heues, der Verwalter der Bibliothek in Alexandria, war überzeugt von der Kugelgestalt der Erde unb suchte ihre Größe auf wissenschaftlichem Wege festzusteUen. Er bebiente sich ber bei ägyptischen Forschern üblichen Meßmethoden, berechnete bie Entfernung von Alexandria nach Syene, visierte die Sonne mit seinem -primitiven Sonnenzeiger und suchte bann bie Länge bes Meribians zu bestimmen. Mit besten Hilfe nahm er eine Schätzung bes Erdumfanges vor. Auf ihn geht auch ber Gebanke zurück, ein Netzwerk von Linien, ähnlich unseren heutigen Hängen- unb Breitegraben, zur Ortsbestimmung auf ben Karten zu benützen. Doch ber größte Schritt, ber zur wissenschaftlichen Darstellung unserer Welt jemals gemacht worben ist, würbe von Ptolemäos in feiner acht- bänbigen Geographie um 150 n. Ehr. zurückgelegt. Durch lange Jahr- hunberte verschollen, würbe eine ber ältesten Abschriften bes Manuskripts im Kloster aus bem Berge Athos gefunden. Sechs ber acht Bücher enthalten Längen- unb Breitebestimmungen von mehr als 8000 Orten. Auch 26 Karten einzelner ßänber unb eine Weltkarte fanben sich in biejem trotz all feiner Irrtümer bahnbrechenden Werk, das sich in den andern Bänden mit astronomischen unb mathematischen Problemen ber Geographie, mit ber Bahn ber Sonne, ber Tagesdauer, ber Verschiebenheit ber Zeit an verschiebenen Stellen ber Erde auseinanbersetzt. Die Karten zeigen, wie Kaufleute unb Abenteurer bie Grenzen ber bekannten Welt schon bamals weit nach Norden bis zu den Shetland-Inseln unb nach Großbritannien vorgerückt hatten, währenb fübmärts Afrika bis jenseits bes Aequators bargestellt würbe. Auch vom Indischen Ozean schuf Ptolemäos eine genauere Karte, bie zweifellos auf bie Berichte von Seidenhändlern, bie nach bem Fernen Osten oorbrangen, zurückgeht. Merkwürdigerweise sind uns von den Römern keine topographischen Karten überliefert, wenngleich Plinius und Seneca solche erwähnen. Dagegen sind uns erstaunliche Proben römischer Wegkarten erhalten, die außerordentlich den heute von Automobilisten benützten ähneln. Eine derartige Karte, die unter dem Namen ihres glücklichen Wiederentdeckers, des Humanisten Conrad P e u t i n g e r fortlebt und sich in ber Wiener Staatsbibliothek befindet, reicht von England bis zur Mündung des Ganges; sie ist 6 Meter lang, annähernd 30 Zentimeter breit unb in mehreren Farben ausgeführt. In einer Kopie eines Kolmarer Mönches aus bem Jahre 1265 ist sie auf uns gekommen. In zwölf Abteilungen gibt uns ber „Peutinger", besten Original aus vorchristlicher Zeit stammte, eine Wegkarte bes Römischen Reiches unter Augustus. Von späteren Zeichnern sind bekannte Züge der biblischen Geographie eingefügt worden, wie bie Wüste, burch bie bie Israeliten zogen, und ber Berg ber Gesetzesgebung Moses. Neben ben in roter Farbe verzeichneten Hauptstraßen weist bie Karte befonbere Silber für bie einzelnen Städte auf, und zwar für die kleinen winzige Häuschen, für bie großen besondere Vignetten. So erkennt man bie Bebeutung Konstantinopels an der Darstellung eines thronenden Herrschers, während bas Gebiet bes heutigen Deutschland mit seinen weiten Forsten durch die Zeichnungen von Bäumen charakterisiert wird. Mit Größenverhältnissen und Entfernungen wirtschaftet freilich die Peutinger-Karke recht selbstherrlich. Mit dem Zusammenbruch des Römischen Reiches erfuhr die kartographische Kunst des Abendlandes einen argen Rückschlag. In ben nächsten Jahrhunderten bienten solche Karten meist nur ber Illustration religiöser Bücher. In welchem Geist sie geschossen waren, beweist bie „Christ - lidje Topographie" bes gelehrten Mönches Kosmas, beren Karten bartun sollen, baß bie Erbe flach unb viereckig sei. Man sah barauf Menschen Fuß gegen Fuß, bie sog. Antipoden stehen, sah Regen, der bei ben Antipoden statt abwärts auswärts fällt — alles, um bie Unmöglichkeit ber Kugelgestalt ber Erbe zu „beweisen". Unterdessen erreichte bie Kartographie im Morgenland eine hohe Blüte. Hier wurden Karten unb ©loben geschaffen, bie für jene Zeit von hervorragender Genauigkeit waren. China, Persien, Aegypten, alle hatten ihren Anteil an biesem Aufschwung, beson- bers aber waren es bie Araber, benen währenb bes 8. unb 9. Jahr- hunberts bie Erdkunbe entscheibenbe Fortschritte zu bauten hat. In ber Schule bes Kalifen A l M a m u n wurden bie Werke bes Ptolemäos und des Aristoteles ins Arabische übersetzt. Die Sternwarte Bagdads erforschte die Sonnenbahn und in der Ebene von Mesopotamien wurden zwei Meri» biangrabe nachgemessen. Ibn Kordadbeh, ber arabische Schriftsteller, Reisenbe unb Direktor bes Postwesens, nahm eine Karie ber Poststraßen bes Kalifen auf. Sein Werk ist, wie bie seiner phantasiebegabten Zeit- genossen, eine Mischung von Wissenschaft, Aberglauben und reinem Unsinn. Er erzählt von Schlangen, bie Elefanten verschlucken können, von einem Leuchtturm in Alexcmbria, ber einen Spiegel birgt, in bem man alles, was sich in Konstantinopel abspielt, sehen kann usw. Ungeachtet solcher Tollheiten hat Khorbabbeh wie M a s u b i und andere arabische Gelehrte sein Verdienst um bie Vervollständigung ber Weltkarte burch bie Beschreibung ber Hanbelswege, ber Flüsse, Berge, Grenzen unb Märkte. In einem seiner Bücher erörtert Masubi das Problem von Ebbe unb Flut. Seine Karte ist, mit ben unseren verglichen, verkehrt, indem Süden oben dargestellt ist. Aber vieles von dem, was er vor tausend Jahren beschrieb, hat noch heute seine volle Gültigkeit. Er kannte die Größe der Erde mit ziemlicher Genauigkeit, wußte, daß sie sich um die Sonne dreht und wie weit es von den Polen bis zum Aequator ist. Auch hatte er einige Kenntnisse von den geographischen Längen und Breiten, den Polen unb ber Erdachse. Im Abendlande brachte die Renaissance auch für die Erdkunde und Kartographie einen neuen Aufschwung. Die auf Kielschiffen, einer von den Wikingern übernommenen Verbesserung, das Mittelländische Meer durchkreuzenden katalanischen und italienischen Seefahrer bedienten sich einer neuen Art der Landkarte, des sogenannten P o r t o 1 a n o, die, verglichen mit jenen früheren Gebilden der Phantasie, bie sich Karten nannten, einen Riesenschritt vorwärts bebeuteten. Vorher benützten die Schiffer im Mittelländischen Meer den griechischen P e r i p l u s . ein Buch, in bem das Auf- tauchen von Städten und Borgebirgen, vom Meere aus gesehen, beschicke, ben war unb bas natürlich nur bei Küstenfahrten eine Hilfe fein konnte. Erst ber Portolano ermöglichte es ben Schiffern, auch auf dem offenen Meer ben beabsichtigten Kurs einzuhalten. Diese Karten wiesen ,iur Orientierung über die Richtung unb Entfernungen ein Netzwerk von Linien auf, bie von einem gemeinsamen Zentrum ausgingen unb alle Meridiane unter die die gleichem Winkel schnitten. Die besten dieser Karten zeigten die Lage von | Hunderten verschiedenen Orten an der Küste und ihre Entfernungen von einander an. Die Erfindung der Buchdruckerkunst sorgte für größere Ver- ; breitung der Karten. Nun wurde die Geographie des Ptolemoos übersetzt und in mehr als fünfzig Ausgaben bei allen Volkern verbreitete Colum- bu s b-nützte st° c.uf ^iner^ntdeckungsfahrt und fand trotz ihrer oder vielmehr gerade durch ihre Irrtümer den Weg nach der neuen Welt. Das Zeitalter der Entdeckungen brachte einen durchgreifenden Wandel in den Landkarten, deren Herstellung nun zu einem blühenden Jndustrie- ,meia wurde. Die phantastischen Bilder von Meerjungfrauen, Kannibalen- festen einäugigen Ungeheuern, geflügelten Kühen und Darstellungen der Arche'Noah, die sich auf den leeren Flecken der mittelalterlichen Landkarten breit machten, verschwanden, zumal auch die zunehmende Kenntnis der Länder den Platz für solche Phantasiegebilde beschränkte. Als den Bahnbrecher der neuen Epoche, der die Kartographie als Wissenschaft begründete kann man Gerhard Kremer, gen. Mercator bezeichnen, der 1569 mit'seiner „Mercator-Projektion" den Seefahrern ein sicheres System der Orientierung durch seine mathematisch genauen, rechtwinklig aufeinanderstehenden Langen- und Breitenlinien gab. Durch ihn wurde das Kartenzeichnen aus einer Kunst zu einer Wissenschaft, und die Entwicklung schritt unter seinen Nachfolgern, seinem Freund O r t e l i u s, der in seinem , Welttheater" einen Atlas mit 53 Karten, einen Vorläufer unserer modernen Atlanten, herausgab, und seinem Sohn Rumold, fort. Im 17. Jahrhundert standen die holländischen Kartenverleger an erster Stelle. Willem B l a e u begründete in Amsterdam das größte Verlagshaus für Karten, das die Welt jemals gesehen hatte. Im 18. Jahrhundert ging dann die Führung in der Kartenindustrie an Frankreich über, während um die Mitte des 19. Jahrhunderts Die deutschen Atlanten ihren Weltruhm gewannen. Auf den Plan eines deutschen Gelehrten, Professor Penck, geht ' internationale Weltkarte im Maßstab von 1:1000 000 zurück, an der Geographen vieler Völker in gemeinsamer Arbeit schaffen. Oie Minute des Schicksals. Von Manfred Georg. Solange seine Freunde ihn kannten, hatten sie ihn nur in Eile gesehen. Er war immer unterwegs. Zu einem Bahnhof, zu einer Besprechung, zu einem Rendezvous. In den Cafes tauchte er auf, schob den Hut etwas nach hinten, aß eilig einige Würstchen, zerkrümelte nervös Kuchen auf dem Teller, schalt mit dem Kellner, der zu sehr trödelte, und erledigte dazwischen Gespräche und Geschäfte. Zugegeben, er erledigte sie schlecht. Er paßte zu wenig auf. Gewitztere Beobachter merkten, daß er sie, während sie logisch ihre Absichten und Pläne entwarfen, bisweilen ansah, als wundere er sich, daß sie da seien. Er war schon weit weg gewesen, in der Welt der nächsten Stunde. So stürzte Iwan Hund durch den Tag dem Abend zu. Mit voll arbeitenden Maschinen des Körpers und der Nerven. Wenn er In ein Auto sprang, sah es aus, als flüchte ein Verbrecher. Oder auch, als wolle ein Polizist einen Perbrecher einyolen. Es war nicht so genau zu unterscheiden. Aber wem war Iwan auf den Fersen? Um zwei, drei Uhr nachts kreuzte man seinen Weg in den Hauptstraßen. Er sah unter den Bogenlampen dann bereits etwas ramponiert aus. Die Haut wirkte jetzt unrasiert und der Anzug hatte einige Flecken durch die Hast, mit der Iwan seine Mahlzeiten herunterschlang. Einem so geschäftigen Menschen, der nicht ohne Verstand war und einen Blick für die kleinen Chancen des Verdienens hatte, konnte es nicht schlecht gehen. Er hatte Geld. Aber er hatte ebenso viel Pflichten. Wie halbgebaute Häuser in einer Villenkolonie, deren Terrainspekulant sich übernommen hat und bankerott gegangen ist, standen auf Iwans Weg unvollendete Schicksale. Sie waren nicht unter das Fach und Dach des Lebens gebracht worden, und nun mußten sie von Iwan instandgehalten werden, damit das Material nicht in dem Wetter der Jahre brüchig wurde. Ab und zu wurde eines dieser Schicksale von einem Passanten erworben und vollendet, in ein anderes wieder schlug der Blitz und vernichtete es. Aber das nützte Iwan nichts. Der war ja schon längst weiter, und da er sich nicht entschließen konnte, einmal in Ruhe eine Stunde nachzudenken, geschah immer mehr auf feinem Wege. Und das unregelmäßige Essen verdarb ihm den Magen. Mitunter kamen Menschen, die aus ihrem Land ausgewandert waren. Die ihren Acker in einem stillen Bauernland bebauten, oder im Gebirge Pensionen aufgemacht halten und ihr redliches Dasein damit fristeten. Mit denen saß Iwan des Mittags — denn er konnte sich nicht entschließen, selbst schon fo Entserntes aus dem Kreise seiner Interessensphäre zu entlassen — genau zwanzig Minuten in einer Weinstube beisammen, und sie versuchten, ihm von sich zu erzählen. Aber sie weilten bei einem Detail des Anfanges, und da waren bann die zwanzig Minuten zu Ende, und Iwans Blicke brannten auf der Uhr am Handgelenk. So zerfloß alles. Alte und neue Bindung verwirrte sich, verknotete sich, zerfiel. Alles blieb ungepflegt, nichts wuchs, der Sturm einer Stunde, ja die Sekunde eines Blickes begann die Ewigkeit zu ersetzen. Was sah Iwan vor sich? Die tickende Zahluhr eines Autotaxis, die schwimmenden Nanienstafeln der Eisenbahnstationen, die Rücken vieler Gehender auf den Straßen, Kellner, die mit Schwung notierend sich zu ihm hinabbeugten, ein dunkles Zimmer, in dem er sich nachts leise auszog, um Frau und Kinder nicht zu stören — und vieles andere noch, das abrollte, nicht anders als ein Ausschnitt aus hundert Filmleben. Je geschwinder sich aber die roten Kalenderzahlen, die die Sonntage bedeuten, jagten, desto größer wurde die Angst, die Iwan schon lange im Herzen trug. Ihm wurde zu Mute wie einem, der eine v-Zugstrecke fährt, einem unangenehmen Ziele entgegen, sagen wir von Berlin nach SWln. Zn Han« nover ist man noch guter Dinge und schmaust behaglich, weck es bis zum Ende der Fahrt noch so weit ist. In Hamm beginnt das Herz zu schlagen. In Deutz sucht man, aschfahl und angstgeschüttelt, seine Sachen zufaminen. Iwan wußte also, daß er bald aussteigen mußte. Er suchte sich die Notiz» zettelchen seines Lebens zusammen, wollte addieren, abstreichen, ganz wie es ein ordentlicher Hausvater zu tun pflegt. Aber auch das kam nicht zustande. Konferenzen, Besuche, Abendbesprechungen, sinnlose Vergnügungen — der Jazz ging weiter, und Iwan blieb nichts übrig, als in feinen Disharmonien dahinzutreiben. An dieser Stelle ist von Natascha zu erzählen. Jeder kennt Natascha. Sie dürfen das Folgende nicht mystisch ausfassen. Wir haben es mit lebendigen Menschen zu tun. Aber haben Sie nicht auch mitunter das Gefühl gehabt, daß jemand, den Sie erkennen (rote es in der Bibel so Herr- lieh heißt), gewissermaßen unter geräuschlosem Donner und Blitz in Er- cheinung tritt. Es donnert in Ihrem Herzen und blitzt in Ihrem Hirn — kurz, es schlägt bei Ihnen ein (sagt der Volksmund). Da gilt es eben, Geistesgegenwart zu zeigen. Hatte sie Iwan? Wiederholen wir also: Jeder kennt Natascha. Sie taucht immer an einer gewissen Kurve auf. Meistens ist es ihr Schatten. Man greift zu, .und der Platz ist leer. Oder wenn man einige Schritte mit ihr gegangen ist, merkt man, daß sie hinkt, oder sie schlägt den Schleier zurück, und ihr Gesicht ist entstellt. Nun, als Iwan Natascha traf, ging es ihm gerade um rumänisches Petroleum, einen Abend mit dem Star Henrietta und das Schreiben eines Freundes, der feine letzte Kraft mit dem Schreiben von Eilbriefen verzettelte. Es ist sicherlich schwer, sich Iwan erschüttert vorzustellen. Er telephonierte, als Natascha mit dem Brief, den sie zu überbringen hatte, ins Zmimer trat. Da legte er den Hörer hin. Weiter nichts. Andere plündern in solchen Fällen Kassen, um in Blumenläden zu laufen, oder sie trainieren für den Nürburgring oder begehen politische Morde. Das kommt daher, daß sie nicht vielbeschäftigt sind. Iwan ließ nur die Hand mit dem Sprechrohr sinken. Was brach hier herein in das von Botenjungen und Sekre- tärinnen doppelt bewachte Büro? Was entfaltete sich für ein zerstörendes Wunder vor Iwans Augen? Seine Schutzengel klingelten Sturm im Telephon. Sein Kompagnon hüllte sich in eine Wolke schwarzer Blicke und hüstelte mahnend. Iwan saß noch immer da. — Woher, fragt man sich oft, wissen die Schriftsteller, die es doch schildern, daß vor dem Tode in den letzten Minuten sich „das ganze Leben blitzartig abrollt"? Haben sie mit den Geistern ihrer verstorbenen Helden korrespondiert? Sind sie selbst in den Romanen dieses Todes gestorben? Nun, bei Iwan läßt es sich aus seinen Erzählungen feststellen, denn er behauptet steif und fest, daß er in der Sekunde, da Natascha ihm den Brief hinrelchke, gestorben ist. Ihm wurde, als er in die Ruhe und die edle Schönheit des Antlitzes sah, das Natascha trug, die feste Schicht harter Erwägungen, mit der er seine Erinnerung bedeckt hatte, gesprengt. Sie flog empor, und Iwan stürzte hinab, besinnungslos, betäubt und überwach zugleich, vorbei an all den lausend Stationen seines vlelbeschäfllglen^Lebens, hinunter bis fast in seine Wiege. Die Uhren aller versäumten totunben läuteten. Es erhob sich ein infernalisches Gebimmel in ihm, Bilder huschten, wie von einem wahnwitzigen und genialen Psychomonteur komponiert, in Blitzen und Fetzen an ihm vorbei, der Bürosessel, obwohl aus solidem Stahl, schmolz unter ihm fort, die Wände wankten und nun fang sogar zwischen den Gehallstabellen, die den Tisch bedeckten, ein englischer Chor: „Nun wird sich alles, alles wenden---". Da sagte Natascha: „Ich soll das hier abgeben." Da sagte Iwan: „Danke " Da sagte der Kompagnon: „Iwan, das TelephonI" ' Automatisch hob Iwan den Hörer wieder. Automatisch ging Natascha zur Tür. Iwan, den Mund schon halb in die Telephonmuschel vergraben, halte noch die Kraft zu flüstern: „Ich werde schriftlich auf den Brief antworten. Ich bin jetzt zu beschäftigt." „Gut", meinte Natascha. Und war fort. Wie aus der Versenkung tauchten der Kalender, das Tintenfaß, das Familienphoto, der Schreibtisch, das Gesicht des Kompagnons auf. Sie war sehr real gegangen, ja sie halte sich mit dem wellen Aermel ihres Mantels noch an der Türklinke verheddert. Langsam nur wich von Iwan die Bestürzung der Erscheinung. Die Minute des Schicksals war vorüber. Die Verbindung wegen des rumänischen Oeles aber war inzwischen getrennt worden. Ehe Iwan eine zweite nach vielen Besetztzeichen erlangen konnte, Halle die fremde Firma das Geschäft mit einem anderen Konkurrenten abgeschlossen. Iwan glückte es nicht mehr, hinelnzukommen. Hiermit begann fein finanzieller Abstieg. Er war zwar bis zu feinem zweiten Schlaganfall Immer noch viel beschäftigt. Aber er lief zahllose Treppen statt Autos zu fahren, er verbreitete feine Unruhe in Schnellreslaurants stall in Weinlokalen, er Halle des Nachts, wenn man ihn traf, noch mehr Flecke auf dem Anzug. So um die zweite Stunde früh saß er gewöhnlich in der Destille von Zeunerl. Er schrieb Kundenbriefe, Zeitungsausschnille quollen aus feinen | Taschen, Leute fragwürdigen Aussehens kamen, um mit ihm zu sprechen. Er krank hastig fein Bier, steckte nervös bisweilen den Bleistift zwilchen die Zähne und schob den Hut etwas nach hinten. In dieser Stellung pflegte er, schon die Augen etwas umnebelt, ganz unvermittelt die Leute, die um ihn saßen, zu fragen: „Haltet ihr es eigentlich für richtig, so viel beschäftigt zu [ein?" Beraniworlllch: Or. Hans Thyriol. — Druck und Berlag: Brühl 'schellniverfitäls-Bucd- und Stein drucke! ei, R. Lange, Gießen.