Eichener ZainilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang <933 Montag, den 21. Zedruar Nummer 11 Nach dem Ball. Bon Detlev von L t l l e n c r o n. Setz In des Wagens Finsternis Getrost den Atlasschuh. Die Füchse schäumen ins Gebiß, Und nun, Johann, fahr zu. Es ruht an meiner Schulter aus Und schläft, ein müder Veilchenstrauß, Die kleine blonde Komtesse. Die Nacht versinkt in Sumpf und Moor, Ein erster roter Streif. Der Kiebitz schüttelt sich im Rohr Aus Schopf und Pelz den Reif. Noch hört im Traum der Rosse Lauf, Dann schlägt die blauen Augen auf Die kleine blonde Komtesse. Die Sichel klingt vom Wiesengrund, Der Tauber gurrt und lacht, Am Rade kläsft der Bauernhund, All Leben ist erwacht. Ach, wie die Sonne köstlich schien. Wir fuhren schnell nach Gretna Green, Ich und die kleine Komtesse. Karneval. Bon Leo Sternberg. Lachen ist gesund und unterscheidet den Menschen vom Tier. Es gehört in das mit Wundern erfüllte Kapitel von den körperlichen Wirkungen des Geistigen, daß Fröhlichkeit sogar vor Krantheitskeimen bewahren und vom Tod erretten kann. Schon jene drei Jünglinge und sieben Mädchen wußten es, die im Jahre 1398, als die Pest in Florenz wütete, in ein einsames Landhaus flüchteten und sich durch Erzählung froher Spähe, die In den hundert Geschichten des Dekamerou niedergelegt sind, vor der ansteckenden Seuche schützten. Man verfiel in allen Krisenzeiten aus die 'Heilmethode dieser Höhenbestrahlung, wie sich denn auch der Schäsflertanz und der Metzgersprung, die beiden bekannten Lustbarkeiten des Münchener Karnevals, eingebürgert haben, weil sie bei einem Massensterben des 14. Jahrhunderts das Volk der Verzweiflung entrissen. Im übrigen wachsen Narren auch ohne Begießen. Sie haben sich daher 8on früh ihre eigenen Feste zu schassen gewußt; Feste, die in den orten eines französischen Geistlichen aus dem 15. Jahrhundert folgende köstliche Rechtfertigung finden: „Wir feiern das Narrenfest, damit die Narrheit, die uns angeboren ist, wenigstens einmal im Jahr ausbrechen könne. Fässer mit Wein würden springen, wenn man ihnen nicht von Zeit zu Zeit Lust ließe. Wir alle sind alte Fässer, die schlecht gebunden sind, und welche der Wein der Weisheit würde springen machen, wenn wir ihn durch eine unaufhörliche Aufmerksamkeit im Dienste Gottes fortbrausen ließen. Man muß ihm bisweilen einige kleine Erholungen geben, damit er sich nicht ohne Nutzen verliere." Da jeder Mensch ein Paar Narrenschuhe zerreißen muß, ist man allerdings auch schon früher um Anlässe zu den mannigfaltigsten Narrenfesten nidjt verlegen gewesen. Dabei zeigt es sich, daß fast alle Fastnachtsbrauche, die wir kennen, auch bei den Alten schon im Schwang gewesen sind. Bei der athenischen Feier zu Ehren des NMischen Bachus mußten an einem der drei Festtage die Herren ihre Sklaven bewirten, damit der Zustand der Ungleichheit unter den Menschen einmal im Jahre umgekehrt werde. Bei den römischen Saturnalien gingen die Sklaven sogar in der weißen Toga, im Purpurrock oder im Hute einher, wie die freien Bürger, speisten mit den Herrn an derselben Tafel und dursten sich über deren Fehler und Schwächen ungestraft lustig machen. Es wurden Festköniqe erwählt und volle Narrenfreiheit eingeräumt. Das uneingeschränkte Recht, zu sagen, was man wolle, verlieh auch den Lupercalien ihren Reiz, bei denen Hoch und Nieder nur mit Tierfellen bekleidet unter Führung der Lupercen durch die Straßen zogen und alles, was ihnen begegnete, mit Riemen, die sie schwangen, unter dem Jubel des Volkes scherzweise schlugen. Man glaubt sogar die Spitzen unsrer Narrenmlltzen von den Hörnern herleiten zu können, die sie unter der Maske von Panen und Satyrn aufsteckten. Auch damals also wäre das Korn wohlfeil gewesen, wenn die Narren kein Brot gegessen hätten. Was Goethe vom römischen Karneval sagt, gilt vom Karneval überhaupt: Er ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt — man könnte auch sagen: eine souveräne Schöpfung der ewig sich gleichbleibenden Menschennatur, die sich zuweilen in überichäumenoer Tollheit entlädt, wie mit der Wintersonnenwende die Säfte in Baum und Strauch steigen. Die christliche Kirche konnte einer so tief im Elementarischen begründeten Volkseinrichtung nicht ernstlich entgegentreten. Wie sie die Altäre des Altertums unter Veränderung der heidnischen Apoll- und Venusdarstellungen in ihre Basiliken übernahm, so beschränkte sie sich daraus, auch das altüberlieferte Narren- treiben nur im Geiste des Christentums zu veredeln. Sie brauchte dabei statt des Auferftehungsfestes der Natur nur das Auferstehungsfest des Heilands zu fetzen, auf dessen Ernst die vierzigtägigen Fasten vorbereiten, vor deren Beginn die Freude am Leben in einem alle Alltagssorgen betäubenden Strudel sich noch einmal austoben mochte. Genau betrachtet bedeutet Fastnacht nur den Tag vor Beginn der Fastenzeit. Frühzeitig aber dehnte man die „Murnmerey und heidnische Tobung" weiter aus, und wenn das „hilltge" Köln die Faschingssreuden heute bereits mit der doppelten Narrenzahl des „Elften im Elften" inauguriert, so kann es sich darauf berufen, daß auch während des Mittelalters schon die heiligen dreizehn Tage von Weihnachten bis zu- Öen Sen drei Königen auf dem karnevalistischen Festkalender standen und e am Dreikönigstag die Narrheit ihre phantastischsten Räder schlug. " Wie römische Kultur und ^itte im Innern Deutschlands niemals Fuß gefaßt, fo ist auch der Karneval der christlichen Zeit niemals dort heimisch geworden. Er wurde — außer den lateinischen Ländern — „sürnemüch gemepn am Rheinstrom". Wo andere Gegenden Nachbildungen versuchten, nahmen diese meist einen gequälten Charakter an, und noch heute kann man dort nicht erfahren, daß ein Narr hundert Narren macht. Sekt aus Kaffeetassen! Wie wenig man sich in solchen Außengebleten auf „Spaß versteht", veranschaulicht eine Begebenheit, die sich in Leipzig zutrug, als Masken einst den Fastnachtspflug (der die Hoffnung auf Öen bcginnenöen Anbau des Landes verfinnbildllcht) durch die Stadt zogen und alte Jungfern und junge Mädchen haschten, um sie einzuspannen, zur Strafe dafür, daß sie sich Im Laufe des Jahres nicht unter das Ehe- joch hatten zwingen lassen. Doch bei einem der Mädchen tanzte kein Stern, als sie geboren wurde, und sie stach den armen Gecken, der sie einfangen wollte, in sittlicher Entrüstung nieder. Wie anders klingelten die Narrenschellen in dem „Königreich zu Mainz". Wie man in Holland denjenigen zum Bohnenkönig erhob, dem bei der Verteilung eines Kuchens das Stück mit der eingeborenen Bohne zufiel, so zog man an dem kurfürstlichen Hof zu Mainz Zettel aus einem Hut, auf denen über sechzig Hof- und Regierungsämter verzeichnet waren, und errichtete darnach ein Narrenkönigreich mit einem vollzähligen Hof. ftaat dessen Herrlichkeit vom Dreikönigstag bis Aschermittwoch dauerte. Schon Jordaens' berühmter „Bohnenkönig" In Paris und Shakespeares , Was ihr wollt" weisen darauf hin, welcher Beliebtheit und Verbreitung sich der „Twelfthnight - king“ erfreute. Bon der Ausgelassenheit der Spotttieder, die dabei gesungen wurden, hat sich das bekannte Sprichwort erhalten: „Das geht noch über das Bohnenlied". Ergötzlich berichtet ein alter Chronist, wie bei einer derartigen Maskerade, die Gustav Adolf im Jahre 1631 in Frankfurt am Main veranstaltete, das Los des Wirtes auf den König fiel, die Königin Kammermagd, der Graf von Hanau Narr, der Pfalzgraf Friedrich, gewesener König von Böhmen, ein Jesuit wurde und ein jeder seinen gebührlichen Habit hatte: Die Königin ihrer Magd Kleid, der Pfalzgraf eines Jesuiten Rock und Haube, welcher bann wegen seiner langen schwanken Statur und schwarzen Farbe einem Jesuiten gar ähnlich sah, also daß auch der König fein selbst lachte und sagte: „Es ist keiner der fein Person naturäter praefentiert als der König in Böhmen, lieber Tisch wie auch sonsten ward dem König diesmal kein Vorzug geben, er mußte unten sitzen wie auch die Königin, und er zeigte sich gar fröhlich." In Mainz ging der luftige Brauch, bei dem es der Würde des Reichserzkanzlers keinen Abbruch tat, wenn ihn das Los zum Hofschreiner, Hosschuster ober Hundsjung erniedrigte, erst mit dem letzten Kurfürsten am Ausgang des 18. Jahrhunderts zu Ende. Allein die Herrschaft der Pritsche blieb. „Der Uewwerschuß an Narretei, der is so eminent, daß mer in Määnz das ganze Jahr nur Fastnacht halle kennt Es ist daher begreiflich wenn das überfprubelnbe rheinische Blut zuweilen zu Bußprebigten Anlaß gab, wie man sie feit Sebastian Brants „Narrenschisf" häufiger zu hören gewohnt war. Doch man hütete sich ben Bogen zu Überspannen, bamit es nicht etwa ginge, w e bei jenen Solbaten der Ligue, die ihre eigenen Priester, als sie Ihnen die Fasten nicht erlassen wollten, zwangen, Kälber, S-bwelne unb Strafe in — Fische urnzutausen, damit diese nun ohne Sünde verspeist werden konnten. Pfeiffer. Venedig, den 26. Februar 1740. Mit wem ich wollte, da man ja große Freiheit genoß. Nach diesem Bescheid faßte ich mir ein Herz und näherte mich einer Ich fühle mich nun sehr verpflichtet, Ihnen zu berichten, welches Vergnügen mir der gestrige Ball bereitet hat. Es war wirklich wunderbar und daher einer kleinen Beschreibung wert. Ich bitte Sie jedoch, keinen Anstoß an meiner Schilderung zu nehmen. Ist es doch das Hauptziel eines Reisenden, die Eigentümlichkeiten der Völker, ihre Sitten und verschiedenen Gebräuche kennen zu lernen! Man kann dies aber nur, wenn Venezianisches Maskenfest. Ein Reisebericht von Johann Kaspar Goethe. Aus Anlaß des Goethe-Jubiläums 1932 wurden im Auftrage des Kgl. Italienischen Akademie von Professor Arturo Farinelli, dem Präsidenten des Kölner Petrarca-Hauses, die italienischen Reiseaufzeichnungen von Goethes Vater veröffentlicht. Professor Farinelli sagt in seinem feinsinnigen Vorwort zu den Tagebuch-Briefen mit Recht, daß man sich erst nach der Lektüre dieser Briefe ein wahres Bild von Goethes Vater machen kann. Wir veröffentlichen nachstehend auszugsweise einen kurzen Abschnitt in der Uebersetzung von Emmi man sich bei derartigen Anlässen unter sie mischt. Ich betrat also gegen Mitternacht einen gut eingerichteten Saal, der von mehr als zweihundert weißen Wachskerzen beleuchtet war. Es befanden sich zwei Orchester dort; beide waren einander gegenüber auf einer kleinen Erhöhung aufgestellt und in der Mitte des Saales tum- große Gesellschaft von Masken beiderlei Geschlechts. Sie getanzt war und schwamm tm Taumel von narrtjajen wu Auszügen und Umzügen der Prinzengarde, Ranzengarden und Kleppergarden, von Kappensahrten, Bällen, Konzerten, Kinderfesten, Aufführungen von Narrenstücken und auf den hochgehenden Wogen des Straßengetümmels und der Festzugssatyr-, die keinen Vorgang der Ze>tg°schcchte — Regierung, Frauenbewegung oder Veriungung-lehre — ungegeifjelt ließ. Eine stattliche Reihe von Jüngern der zehnten Muse, die auch sonst als Schwankdichter und Mundartpoeten einen weitverbreiteten Ruf genossen - wie I a k o b y, L a u f s, L e n n i g und D r e m m e l — fheg dabei in die Bütt und kam auch der originellen Einrichtung zu statten, daß man alljährlich ein preisgekröntes Narrenstück im Stadttheater aufführte und damit in anderer Weise das alte, einst in vielen deutschen Städten eingebürgerte Fastnachtfpiel, wie es die drei berühmten Hanse — Hans S a ch s, Hans Folz und Hans R o s e n p l u t schrieben — Nur Schicksalszeiten erster Ordnung — wie das Revolutionsiahr 1848 oder die Jahre des Weltkriegs — haben seit der ersten Halste des 19. Jahrhunderts dem Prinzen Karneval in Mainz das Narrenszepter entwunden. Selbst der Besaßung-zeit ist der Humor nicht ausgegangen und obwohl sie mit offenem Visier kämpfen mußte, weil die Militärbehörde Gesichtsmasken nicht zu tragen erlaubte, hat sie das .Marianne geht und^niemals kehrt' sie wieder" den sprachunkundlgen Franzosen wenigstens mit dem Besen verständlich und auch aus ihren zoologischen Beooachtungen in den Kasernen der weißen und schwarzen Rheinbezwinger kein Hehl gemacht. Sonst tanzte man Jahr für Jahr um den Baum der Narrheit, wie man in den Tagen de» Klubbistcn Forster um den Freiheitsbaum und schwamm im Taumel oon_ narrischen Sitzungen, von mette sich eine hatten infolge der großen Hitze größtenteils schon ihre Larven abgenommen. Ich staunte in der Tat über diesen prächtigen Anblick, wo alles Prunk und venezianische Herrlichkeit atmete. Auch ich war maskiert. Als ich, an einen Stuhl gelehnt, ihr Benehmen beobachtete und ihrem Treiben zusah, erblickte ich inmitten einer Schar einen mir bekannten jungen Nobile. Ich frug ihn. wer jene Persönlichkeiten wären; er antwortete mir, es seien junge Prinzen, Grasen, Marquis, Nobili, Gelehrte und auch einige der hervorragendsten Bürger; zusammen mit ihren grauen, und Geliebten. Und er sagte mir, ich könnte Bekanntschaften anknüpfen töicbcr belebte. Seinen Ruf als Mekka des Faschings macht dem goldenen Mainz nur das heilige Köln streitig. Der Faschingskorfo von Nizza ist ein groß- artiges (öchaugepränge ; betn Karneval in Suffelborf, München Florenz verleiht das Künstlerleben sein Gepräge; der einst berühmte Karneval in Rom und Venedig mit seinen Dominos, Halblarven und geheimnisvollen Liebeshändeln, dessen Eigenheit heute mehr oder weniger dem ausqleichenden Einfluß der Kultur, die alle Welt beleckt, zum Opfer gefallen ist, will mehr Ernst als Spiel, mehr Vermummung a s Ausbruch der sich nach dem Unschuldsglück ihres Kindesalters zurucksehnenden Menschennatur. Wer die innerste Herzensfreudigkeit der pon den Fesseln des Schicksals aufatmenden Kreatur erleben will, muß sich durch die Holzraspeln und Papphörner, roten Zylinder und verstärkten Riechorgane, Harsenlieschen und fliegenden Musikanten der Kölner Straßen kämpfen; muh mit der Losung „Geck loh Geck elans" in Konfettischnee u-d Avfel- sinknhagel, in Pfauenfedern und Luftschlangenlabyrinth durch Weinstuben und Ballsäle bringen; und zwischen den zweifarbigen „Funken des Rosenmontagszuges den „Bellegeck" einhertänzeln sehen, dessen klatschende Pritsche einst die wilde Weiberfastnacht regierte und dem man sogar unter französischer Herrschaft zugestehen mußte: II est permis au citoyen Bellenjeck de faire son tour. Blumen- und Karamellenregen — Wirbel der Welt... „ ... Man kann eine „so lebendige Masse sinnlicher Gegenstände nicht beschreiben. Wer aber selbst die vierfarbige Schellenkappe aufsetzt, deren Zauber die geheime Sprache der Erscheinungen verstehen lehrt, wird unter dem wogenden Flitterglanz manches versetzte Oberbett mit einem versetzten Unterbett den Narrenwalzer zusammen schwingen sehen, um bittrer Notdurft und Verzweiflung für einen Augenblick des Rausches zu entrinnen; und manche schöne Schelmenmaske wird an ihm vorüber- huschen, die verstohlen einem Manne folgt, um ihn im Wahrheitsspiegel der Narrennrobe zu erblicken, gleichwie man in rheinischem Rebenland an keinen Mann sich zu binden wagt, bevor man ihn trunken sah: Wahrheit! Dame, von der es mir schien, als hätte sie ein 2tuge auf mich gemorfen, ohne Darauf zu achten, ob sie Prinzessin, Bürgerin Gattin oder Geliebte war. Ich hatte kaum zwei Worte hervorgebracht, da antwortete sie mir, sie hätte mich schon einmal flüchtig gesehen, als ich bei ihrem Omel zu Besuch gewesen wäre. Ich prüfte diesen Ausspruch nicht weiter nach, sondern sagte, ich sei dort gewesen und würde nicht verfehlen, nochmals einen Besuch dort abzustatten; wenn mir schon die Bekanntschaft des Onkels großes Vergnügen bereitet hätte, so würde mich die seiner Richte um so stolzer machen. Inzwischen fing der Tanz wieder an und ich nahm die Gelegenheit wahr und bat sie, ein Menuett mit mir zu tanzery was sie auch tat. Auf diese Weise vergnügten wir uns bis zum nächsten Tag. Wer nicht gern tanzt, kann spielen. Die Gesahr, daß er sich dabei zugrunde richtet, ist nicht so groß als in den Spielsalen. Denn in en an den Tanzsaal sich anschließenden Gemächern smden sich die Kartenliebhaber zusammen. Es gibt dort Erfrischungen und Liköre in Hülle und Fülle. Und wen es danach gelüstet, der kann Kaffee, Schokolade, Gefrorenes usw. bekommen. Man bezahlt nur drei Skudi pro Kopf. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, was dafür geboten wird und wie groß der Gewinn für einen Ausländer ist. Wenn es meine Zeit erlaubt, will ich auch die andern weniger feinen Bälle besuchen und ich verspreche, Ihnen gleichfalls eine entsprechende Schilderung davon zu geben. Aber ich sehe im Geist, wie verwundert Sie sind und an meinen Worten zweifeln, da Sie sich nicht vorstellen können, daß sich soviele verschiedenartige Personen untereinandermischen und sich dennoch so friedlich benehmen ohne jede Störung, wie man dies bei uns unter den gleichen Verhältnissen nicht finden würde. Nur langsam! Wenn Sie den Grund gehört haben, dann werden Sie sich nicht mehr wundern: Die venezianischen Nobili verkehren nämlich obgleich sie größtenteils von sehr altem Adel sind, mit den kleinsten Krämern so ungezwungen, als ob sie ihresgleichen wären. Und in der Tat — sagen Sie mir doch — worin besteht der wahre ! Adel? Indern man die Niedrigstehenden gering einschätzt und sich wie der Frosch in der Fabel aufbläft? O nein! Sind die Nobili etwa aus einem anderen Guß als die Menschen, die aus einer bloßen Laune des Geschicks als einfache Bürger auf die Welt tarnen? Auch nicht! Also sind die wahren Nobili die Menschen, die unbeschadet des schuldigen Respektes sich anderen Menschen, die geringer als sie sind, mitteilen, die Sünde fliehen und einen tugendhaften Lebenswandel führen. Wir Deutsche sollten uns schämen' Wolle der Himmel, daß unsere Fürsten einige von ihren Edel- [euten hierherschickten, damit sie ein solches Verhalten erlernen, Schicken sie doch auch Knaben und Mädchen nach Italien, um die Musik zu er- lernen! Ich schwöre Ihnen, daß sie bann in kurzer Zeit ihr unmenschliches । Vorurteil, keine Bürgerlichen bei ihren Zusammenkünften zu dulden ab- ! legen werden. Aber mir scheint, ich predige tauben Ohren, so daß ich i bester daran tue, wenn ich in meiner Schilderung forlfahre. i Ich kann also nicht stillschweigend jene Sitte übergehen, die hauptsächlich einem jeden Fremden Vergnügen und Gewinn bereifet, nämlich, I daß sogar bejahrte Nobili außer der Karnevalszeit die Bucherladen, ! Kaffeehäuser und öfsentlichen Plätze ohne jede Förmlichkeit besuchen, । gleichsam als wären sie mit jedermann verbrüdert. Was das weibliche Ge chlecht anbetrifft, so steht es außer Zweifel, daß ihm in der Maskenzeit mehr Freiheit zugestanden wird als vordem, wenn man auch dem Gerede keinen Glauben schenken darf, daß fast alle grauen zu Hanse j eingeschlossen und streng behütet würden. Diese Eifersucht, die man heute bei den Venezianern vermutet, findet man vielleicht noch ausgeprägter unter den westlichen Nationen, obgleich sich hier bis in die Gegenwart alte Sitten erhalten haben, die hart scheinen, es in Wirklichkeit aber nicht sind- nämlich seltenes Ausgehen und wenn es wirklich einmal vorkommen sollte, dann nur in Begleitung, Um die Wahrheit zu sagen, hit man das nur weil es so der Brauch des Landes will. Indessen versteht es die weibliche Schlauheit, tausend Arten zu erfinden, um diese weise Einführung zu hintergehen, vorausgesetzt, daß der Mann nicht zu jenen rounber. lichen Wesen gehört, die einen Schatten für einen Körper halten. Ich machte die Bekanntschaft von einigen Ebelleuten, bie nicht wußten, was Eifersucht ist; obgleich sie allen Grund dazu hatten, da ihre bewunderungswürdigen Gattinnen sehr schön waren und mich mit unsäglicher Liebenswürdigkeit empfingen und je nachdem mit Schokolade oder Gefrorenem bewirteten. Aber wohin gelange ich! Ich bin ein wenig abgeschweift. Ich wiederhole schließlich nochmals, daß meine Worte viel zu schwach sind, um jene Harmonie zwischen Ungleichgestellten und deren Vorzüge gebührend zu loben. Wie ost hatte ich gewünscht, daß Sie meine Vergnügungen mit mir zusammen genießen könnten! Aber da dies unmöglich ist, will ich sie Ihnen wenigstens schriftlich mitteilen und Sie versichern, daß ich niemals aufhören werde zu sein ' Ew. Gnaden untertänigster Diener. Das deutsche Fastnachtsspiel. Von Dr. Heinrich Klein. Die komische Kraft und derbe Sinnlichkeit, die sich in der „grobiant» schen" Epoche des deutschen Mittelalters so urwüchsig und ungeschlacht auslebte, feierte ihre unbändigsten gefte zur gastnachtzeit und entfaltete ihren dramatisch dichterischen Sinn in den g a st n a ch t s s p i e l e n. Diese Spiele sind uns daher nicht nur wichtig als die bedeutsamsten Keime eines weltlichen deutschen Dramas, sondern sie stehen auch da als die kolossalischen Dokumente germanischer Heiterkeit, als der gewaltige Ausdruck jener schon von Tacikus bezeugten Hingebung, mit der unsere Alt- vorderen sich der greube und dem Genuß überlassen konnten. Ein erschütterndes, alle gesseln zerberstendes Lachen dröhnt durch diese Schnurren und Possen, eine ungeheure Gesundheit tobt sich in ihnen aus, und der Rundgesang geht um wie in Auerbachs Keller: „Uns ist ganz kannibalisch wohl als wie 500 Säuen". Die langen strengen Fasten, die die Kirche vor der Pasflonszeit anordnet, hatten all die Lustbarkeiten und Feiern, mit denen das Volk dereinst den Frühlingsanlauf begleitet, verdrängt, so daß sie erst am Auferstehungstage wieder hervorbrechen konnten. Aber einen noch größeren Teil dieser Feste verlegte die ungeduldige Menge vor die freudenlose Zeit, und so brauste denn der volle Strom der mächtig empordrängenden Lebenslust bald nach Beginn des neuen Jahres gegen das Stauwehr, das die Kirche errichtet, und brach sich Bahn in Umzügen, Vermummungen, in Tänzen, Liedern und Spielen. Schüchtern sehen wir solche Elemente des Humors schon in den komischen Zwischenspielen der geistlichen Mysterien im 14. Jahrhundert ausblitzen, aber keck und frei wagte sich das weltliche Drama erst im 15. Jahrhundert hervor, wo es bald im Fast- nachtspiSl die Herrschaft erlangte. Seit Jahrhunderten hatte sich in der mittelalterlichen Literatur ein Schatz von kleinen Erzählungen, Schwänken, Scherzsprüchen angesammelt. Komische Charaktertypen, lächerliche Frage- und Rätselspiele waren so gegeben und liefen in aller Munde um; sie wurden aber besonders häufig erfunden, gebraucht und ausgeschmückt zur Fastnacht, da Patrizier und Zünfte in ihren Trinkstuben fichs wohl fein ließen. Wie man für diese Zeit die Mägen lange vorher abhärtete, damit sie das „große Schlemmen und Sausen" gehörig aushalten könnten, so wetzten erfinderische und übermütige Köpfe bei Zeiten ihren Scharfsinn, um für die Narrenwochen einen recht tollen Mummenschanz, ein paar saftige Sprüchlein und einen kräftigen Scherz in Reimen oorzubereiten. Freiwillig sammelten sich dann, wie die ersten Komödianten des Altertums, ein paar gleichgesinnte Burschen und zogen in allerhand Berkleidungen als Narren, Bauern, Bettler, wilde Männer und dergleichen von Haus zu Haus, rückten wohl in den Trinkstuben ober tu den Privathäusern von Bekannten ein paar Bänke als Bühne aneinander und begannen etwas vorzuspielen, wofür sie dann eine gastliche Bewirtung erhielten. Pfeifer zogen ihnen voraus; ein Vorläufer oder Ausschreier führte sie. In vielen der uns erhaltenen Fastnachtsspiele läßt sich diese Eingangs- sttuation noch ganz deutlich erkennen. Der „Ehrenhold", wie der Anführer nach dem ritterlichen Festordner bei Turnieren noch bisweilen genannt «wird, leitet mit einem Spruch an den Wirt die Vorstellung ein, bittet i um Platz und Ruhe, erklärt den Zweck des Kommens und gibt den Inhalt des Stückes an. Dann treten die einzelnen vor und sagen ihren Spruch, je nach der Maske, die sie vorstellen, als Liebesnarren, als Trunkene, als Quacksalber oder als Teufel, kurz als einer jener Typen, wie sie die Bolksliteratur darbot. Oder jeder erzählt ein komisches Stücklein. Endlich spricht dann der Scharführer als „Ausschreier" den Epilog, bittet um j Entschuldigung wegen allzu großer Derbheiten, womit es aber nicht sehr ernst gemeint war, und fordert wohl auch in diesem „Gesegenreim" einen* Trunk für die Spieler. Dann blasen die Pfeifer noch einen Tanz, und die Gesellschaft zieht weiter. Von einer dialogischen Verknüpfung, einer dramatischen Handlung ist zunächst keine Rede; wie auf den alten Holzschnitten den steifen Figuren ihre Spruchbänder zum Munde heraushängen, so stellt sich jede Person vor und sagt ihren Reim, ohne sich um die andern zu kümmern. In Rätselspielen macht sich dann zuerst mit Frage und Antwort ein ganz primitiver Dialog bemerkbar, und aus dem Zwiegespräch entsteht ein Streitgespräch, das wohl auch in eine Schlägerei nusartet, an die ein Prozeß geknüpft wird. Die Gerichtsverhandlung wird ].um eigentlichen Hebel, um den sich die dramatische Entwicklung des Fast- l nachtsspieles dreht. Komische Rechtssälle sind ein uralter Stoff der Posse, hchon ein Aristophanes. Das dramatische Element der Gerichteszenen |l ließ sich am reinsten aus der Wirklichkeit in die Kunst übertragen. Ein Reichtum an Figuren, eine wechselnde Fülle von Themen kommen durch ! dieses Prozeßelement in die Schwänke. Da tritt der Richter auf mit den Schöffen, Kläger und Beklagter, dann die lange Reihe der Zeugen. Nicht •eiten handelt es sich um Streitsachen zwischen Braut- und Eheleuten, weil solche Situationen zu den derbsten Unanständigkeiten Anlaß geben. 3n dem parodistischen Drum und Dran sind die Formen der mittelalter- l liicfjen Prozeßordnung so gut beobachtet, daß die Fastnachtsspiele der j rechtsgeschichtlichen Forschung als wichtige Quelle haben dienen können. I Sehr beliebt sind ferner die Preisgerichte, bei denen etwa eine Frau dem | einen Apfel bietet, der die größte Narrheit begeht, und die zehn Kandi- I taten sich im tollsten Unsinn übertrumpfen. So weitet das Fastnachtsspiel peine Formen allmählich aus, und wenngleich das epische Element in I hangen Erzählungen noch immer überwiegt, so entstehen doch auch nicht ungeschickt angelegte Einakter, in denen sich eine Handlung recht flott iibrollt. Aber auch seinem Inhalt nach entfaltet sich das Fastnachtspiel im | 115. Jahrhundert immer mehr und zeigt neben dem Possenhaft-Burlesken I i in politisches Pathos, eine religiöse Innigkeit. Synagoge und Kirche »reiten sich um den rechten Glauben; die fauftitfjen Spiele von der Frau Jutta und dem Theophilus offenbaren die Macht des Bösen. Der Teufel, als Vater aller Torheiten und Sünden, erscheint bald als betrogener Betrüger, als gefoppter Poffenreißer. Sogar die schaurige Prophezeiung vom Antichrist wird satirisch umgebildet und in „des Antichrist Fastnacht" enthüllt sich der falsche Messias als Herr der Narrheit. Selbst biblische Stücke, wie das Urteil Salomonis, wurden zu Fastnacht gespielt. Zur Zeit Luthers kommt vielfach ein sehr ernster Ton in diese Spiele. t Solch dunkler gehaltener Grundakkord ist aber doch eine seltene Ausnahme. Gewöhnlich sind sie, auch wo sie Zeitfragen behandeln und die b errschenden Zustande scharf kritisieren, doch von einem herzhaften Lachen ii nd einem groben Spott getragen. So werden z. B. in einer kecken Allegorie Fastnacht und Fasten einander gegenüber gestellt, und die Fastnacht wird der Sittenverderbnis angeklagt; aber sie wird freigesprochen, weil sie di« rechte Zeit für Tollheit und Ausgelassenheit sei; hingegegen soll jeder, der nicht fröhlich ist, „zu Dummbach" in den Bann erklärt werden. Zesonders kühn ist in solchen aktuellen Spielen, die sich mit Fragen der Segenroart beschäftigen, Hans Schnepperer, genannt R o f e n p l ü t, non Nürnberg. Im Spiel vom Papst, Kardinal und Bischöfen frbiebt Immer einer auf den andern die Schuld wegen des unchristlichen Treibens, die geistlieyen Fürsten auf die weltlichen, die Ritter auf die Bürger tmb Bauern. „Des Türken Fastnachtspiel" läßt den türkischen Kaiser in Deutschland erscheinen, um Hilfe von aller Not zu bringen. Die Großen Protestieren gegen [ein Auftreten in gespreizten Worten, aber die Städter wenden sich an ihn und nehmen ihn auf; ein grimmiger Stolz lebt in des Bürgermeisters prächtiger Rede, eine trotzige Verzweiflung darüber, daß !le Städter bei den hoffnungslosen Verhältnissen des Landes als den letzten Ausweg ihre Zuflucht zu dem grausamen Großtürken nehmen müssen. Eine edle Ausfassung vom Wesen der Frau, wie sie sich sonst im Fastnachtspiel kaum sindet, offenbart sich in dem schönen, der Arthus- Sage entstammenden Stück „Der Luneten Mantel", in dem die junge Königin den Untreue verratenden Mantel getrost anlegt, während die Frau des Narren es lieber nicht tut, da sie nicht recht weiß, wie die Sache ablaufen wird. Sonst ist hauptsächlich von ungetreuen und schlechten Weibern die Rede. Die buhlerische Phyllis benutzt den liebestollen Welt- weisen „Aristotiles" als Reitpferd; die schöne Helena erscheint als Welt- verderberin; eine böse Sieben wird in eine Pserdehaut genäht. Besonders werden die alten Weiber mitgenommen, vor denen sogar der Teufel Reißaus nimmt und die man mit herzhaften Schlägen „wieder jung schmiedet". Schlimm getjt’s den „Ehekrüppeln", die sich nur durch Dummstellen, wie beim „Kälberbrüten", vor dem Zorn der Ehehälfte retten können; ihnen folgt die unabsehbare Zahl der Liebesnarren, die zumeist Bauern sind. Als ein echt bürgerliches Produkt, das nur in den Städten gedieh, wendet sich das Fastnachtspiel mit Schärfe gegen die anderen Stände. Die Ritter erscheinen als Verschwender und werden, z. B. im Neithart-Spiel, sogar von den Bauern betrogen und reingelegt; die Geistlichkeit wird bitter verspottet; am schlimmsten aber geht es den Bauern, auf die alle nur erdenkliche Unfläterei und Zoterei gehäuft wird. Ihre Unmäßigkeit, Plumpheit, zeigt sich schon in den Namen: Fretendusel, Weinschlunt, Nasenstank, Mückensist, Molkenbauch usw. Aus der städtisch-bürgerlichen Kultur erwächst das deutsche Fastnachtspiel so allmählich zu immer größerer Bedeutung. Soweit die deutsche Zunge klang, wurden solche Spiele ausgeführt; wir wissen von Spielen von Reval und Lübeck bis nach Basel. Ausgangs- und Mittelpunkt aber war und blieb Nürnberg. Die beiden ersten Dichter, die wir beim Namen kennen, Rosenplüt und der aus Worms eingewanderte Barbier Hans Folz, wirkten dort. Nürnberger sind die Vollender und letzten Vertreter der Gattung, Hans Sachs, Peter Probst und Jakob Ayrer. Hans Sachs ist der klassische Meister der Fastnachtspiele, von denen er 64 geschaffen hat. Alle Roheit und Gemeinheit ist aus seinen heiter gütigen, lebhaft klaren Szenen entfernt. Er weiß den Stoff, der ihm aus Novellen und Schwankfammlungen reichlich zufließt, anmutig umzuformen. Wie rührend schlicht ist feine Frau Wahrheit, die niemand herbergen will, wie harmlos ehrbar sind feine Bauern, selbst wenn sie in lockere Geschichten verwickelt sind! Er wettert gutmütig gegen Weiber und Pfaffen, zeichnet reizende Genreszenen, und versucht sich sogar in so dramatischen Szenen, wie der, wo die Bürgersfrau bei der Kupplerin statt des Domherrn ihren Mann trifft. Hans Sachsens innigem, kleinmalendem Talent war die anspruchslose Form des Fastnachtspieles am genehmsten, und er leistete hier dramatisch sein Bestes. Bei Ayrer herrscht bereits der Einfluß der englischen Komödianten, der das Fastnachtspiel zu einem szenenreichen Lustspiel umformt und neue Elemente einführt. Seitdem ist das deutsche Drama manch verschlungene Jrrpfade gegangen, bevor es zur Höhe tarn, aber Fastnachtspiele sind nur noch in bewußter Anlehnung und zu besonderer Ehrung dieser deutschen dramatischen Erstlingsform gedichtet worden, so von Goethe im „Pater Brey", so von einigen Romantikern, wie Tieck, A. W. Schlegel und Schelling. Das MangoSaumwunder. Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nf. Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. (Fonfetzung.) „Und wer hat das getan?" „Zwei moslemitische Fanatiker, Afghanen. Man kennt sogar ihre Namen. Sie sollen sich schon vor Wochen in unbestimmten Redensarten ihrer Tat gerühmt haben." „Hat man sie festgenommen?" „Leider nicht. Die sind von ihren Glaubensgenossen schon längst in Sicherheit gebracht worden. Dafür haben ein paar ganz unschuldige arme Teufel die Rache des Hindumobs zu spüren bekommen, die Tempelhüter, die Diener des Pravatiheiligtums. Zwei von ihnen sind der wütenden Menge in die Hände gefallen. Der eine ist tot, der andere liegt im Missionsspital." „Und die andern?" „Auf die wird noch immer Jagd gemacht. Sie hätten übrigens Zeit genug gehabt, sich aus dem Staube zu machen. Man sagt, daß die Diener des Heiligtums das Verbrechen schon vor Monaten entdeckt haben. Nur aus Furcht vor Strafe verschwiegen sie es und suchten die Katastrophe, so lange es ging, hinauszuschieben. Heute, am Tage vor der Prozession, mußte die Sache natürlich ans Licht kommen. Hören Sie den Lärm? Offenbar ist man wieder hinter einem von den armen Teufeln her." Ich wußte jetzt, warum mich Ulam Singh so dringend um die dreiundvierzig Rupien gebeten hatte. Es war das Geld, das er für die Fahrt nach Bombay gebraucht hatte; er hatte Agra verlassen und sich vor der Rache des Hindumobs in der großen Hafenstadt verbergen wollen. Doktor, ich war grenzenlos wütend über den Kapitän Elliot, der mich gehindert hatte, dem Inder mit den dreiundvierzig Rupien aus feiner Not zu helfen. Ich war jetzt daran schuld, wenn der Unglückliche tot ober schwerverwundet im Missionsspital lag oder von der wütenden Menge durch die Straßen gehetzt wurde. Ich machte mir schwere Dorwürse. Ein Menschenleben hätte ich retten können! Und ich fühlte plötzlich Ulam Singhs letzten flehenden Blick wieder, mit dem er mich vergeblich um Hilfe gebeten hatte, als mein Wagen davonrollte. Ich verließ den Speisesaal. In der Halle kam der Manager des Hotels auf mich zu. „Herr Boron!" sagte er. „Sie haben kürzlich die Absicht geäußert, vor Ihrer Abreise einen eingeborenen Diener zu engagieren. Ich kann Ihnen einen sehr geschickten und verläßlichen Menschen empfehlen. Komm her, Boy! Mach dem Sahib deinen Salami" Und aus dem dunklen Winkel, in den er sich geduckt hatte, kam mein Freund Ulam Singh hervor, dessen Tod ich mir eben zum Vorwurf gemacht hatte. , „Nebenbei gesagt, Herr Baron: Sie tun cm gutes Werk mit diesem Ulam Singh. „Ich gewarnt Diese rüi in eine wilde Prügelei ousnrtete, bei der Ulam Singh den kürzeren zog. Er hinkte davon und stieg furchtbare Flüche und Verwünschungen in maharattischer Sprache aus. Von diesem Tage an suchte er offenbar ungewvrden war. „Ulam Singh!" forschte ich voll Aufregung. „Du hast mit dem Fuchs dasselbe getrieben, was du damals in Agra mit der Orchidee getan hast! ,^Ia, Sahib. Ich hab' ihn alt gemacht über Nacht." „Wie hast du das angestettt, gib Antwort, ober ich zerschlage dir alle Knochen. „Durch die Positur der Lotosblume", sagte der Inder zitternd. „Und durch den Verzicht des Atems, welcher die Reinigung meines Körpers bewirkt. Unsere Weisen nennen das: die Padmasana." , „Was ist das, die Positur der Lotosblume?" forschte ich. „Die Gewalt der Lotosblume ist sehr groß, der schmutzige Körpertopf muß gereinigt werden", gab Ulam Singh geheimnisvoll zur Antwort. „Beschreibe mir, was du getan hast", drängte ich. „Wille ist der Dünger, Entsagung der Regen, Versenkung die Sonne, sagten meine Lehrer", erwiderte Ulam Singh. Mehr war aus dem Inder nicht herauszuholen. Immer gab er diese gleichen, formelhaften Antworten. Dafür aber zeigte es sich, daß die Scheu und die Zurückhaltung, die sich Ulam Singh bis dahin auferleqt hatte, gebrochen waren. In der Tat! Tag für Tag wiederholte sich jetzt das Orchideenwunder. Ein kleiner Orangenbaum, der in der Halle stand, trug eines Morgens vier goldgelbe Früchte, ohne daß ich vorher Blüten wahrgenommen hätte. Eine Bohne, die ich selbst in die Erde gepflanzt , hatte, war tags daraus meterhoch emporgefchossen. Ein paar Farren- \ trauter in einem Winkel des Gartens wurden plötzlich zu einem undurchdringlichen Dickicht. Eine neugeborene Katze strich schon am Abend zwlsck>en den Schuppen umher und jagte Mäuse ... (Forts, folgt.) wäre und Zeit hätte, sich rechtzeitig auf und davon zu machen, cksichtsvolle Zeremonie unterließ Ulam Singh nie; ich und meine Gäste haben ost unseren Spaß daran gehabt. Nun hatte aber Philipp eines Tages in Abwesenheit Utam Singhs eine Art Götterdämmerung im Garten veranstaltet, zumindest drei Dutzend Rosen hatte er von den Stöcken geschnitten, natürlich ohne vorher den Göttern die gebührende Rücksicht des Aufweckens zu erweisen. Darüber kam es zwischen Philipp und Ulam Singh zu einem Streit, der diesmal ausgesetzt eine Gelegenheit, sich zu rächen. Und seine Rachsucht war so intensiv, daß sie ihn dazu brachte, jene geheimnisvolle, sorgsam vor mir verborgen gehaltene Fähigkeit zu benutzen, von der ich damals in Agra eine Probe erlebt hatte. Stellen Sie sich vor, Doktor, er kam auf den Gedanken, seine Kunst, das Wachstum eines fremden Organismus ... doch nein! Ich will Ihnen die Geschichte von Anfang an erzählen. Mein alter Philipp, der ein großer Tierfreund ist, hat vor em paar Wochen von seinem Neffen, einem Forstgehilfen in Naßwald, einfti possierlichen, ganz jungen Fuchs geschenkt bekommen, ein noch hilfloses, kaum acht Tage altes Tier, mit dem man spielen konnte wie mit einer Katze. Philipp gab sich die größte Mühe, ihn aufzuziehen. Der Fuchs war überaus drollig in seinen Bewegungen, und schon nach ein paar Stunden der Liebling der ganzen Dienerschaft, so daß es tagsüber ganze Prozessionen nach dem kleinen Schuppen gab, in dem Philipp das Tier untergebracht hatte. Dort lag es, ließ sich tätscheln und streicheln und spielte den ganzen Tag über mit Holzstücken und Zwirnknäueln, die man ihm gebracht hatte. Gegen acht Uhr morgens am nächsten Tage hörte ich plötzlich Lärm im Hof. Ich trat ans Fenster; der alte Philipp kam kreischend über den Hof gelaufen. Er schwenkte die eine Hand in der Luft, sah mich am Fenster, blieb stehen, und wies schreiend mit der anderen Hand nach dem Schuppen. ' ,r Da kam blitzschnell irgend etwas heroorgeschossen ... irgend etwas Großes, Langgestrecktes, Rotes ... ein toller Hund dachte ich im ersten Augenblick. Mitten unter die Hühner fuhr das Phantom hinein, die nach allen Selten auseinanderstoben. Dann raste es wütend hin und her zwi- schen den Mauern, die den Hof einschlossen, während Philipp mäuschenstill in einen Winkel gepreßt stand ... nur die Hand schwenkte er noch immer in der Luft. , Ich lief ins Nebenzimmer, riß die Jagdflinte von der Wand, lud, legte an und schoß. , I Die ekelhafte Bestie Überschlug sich, fiel nieder, schleppte sich noch em paar Schritte weit und streckte bann alle Mer von sich. Ich lief in den Hof hinunter. Ein riesiger fteinalter Fuchs war es, der tot auf der Erde lag. Meine Kugel hatte ihm das Rückgrat zer- schmettert. __ , , Jetzt kam auch der alte Philipp aus seinem Winkel hervor. Er war totenblaß vor Schreck und zitterte an allen Gliedern. „Das ist Ulam Singh gewesen, der indische Teufel! Er hat mir meinen kleinen Fuchs gestohlen und an seine Stelle diese wilde Bestie in den Schuppen gesperrt", jammerte er, und zeigte mir seinen Arm. Er blutete aus einer tiefen Bißwunde. Der Fuchs hatte ihn, als er in den Stall trat und das Tier streicheln wollte, sofort angesprungen und sich in seinen Arm verbissen. ... „ Ich ließ mir Ulam Singh kommen und überhäufte ihn mit Vorwürfen. Dabei mußte ich mir alle Mühe geben, ernst zu bleiben, denn die raffinierte und drollige Art seiner Rache belustigte mich mehr, als ich zugeben wollte. Woher er sich so rasch das alte, bissige Tier verschafft hatte, wollte ich wissen. ..... Aber aus dem Inder war nichts herauszubekommen. Er blieb bei allen Vorwürfen stumm und zuckte bloß mit den Achseln. Er sollte doch wenigstens sagen, wo er das junge Tier versteckt hätte. Ulam Singh gab keine Antwort. Ich holte die Reitpeitsche aus der Tischlade, knallte ein paarmal durch ' die Luft, markierte fürchterlichen Zorn und drohte dem Inder, ihn auf die Straße zu setzen. Aber Ulam Singh erschrak, als er mich zornig sah, und warf sich auf den Boden. „Wo hast du das Tier versteckt, Halunke!" schrie ich. „Sahib! Es ist der gleiche Fuchs!" jammerte Ulam Singh. „Ich schwöre, es ist der gleiche Fuchs!" „Bist du verrückt?" ,Er ist so alt geworden über Nacht! Ich schwöre, Sahib, es ist der gleiche Fuchs. Sieh den weißen Fleck auf der Stirne.“ Ich ging in den Schuppen...In der Ecke des Verschlages sah ich glimmende Holzkohle, und mit einem Male spürte ich jenen infernalischen Hanfgeruch wieder, und zu gleicher Zeit schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, der mir im Augenblick toll, wahnwitzig und unmöglich schien, aber schon im nächsten festbegründete und unbestreitbare Wirklichkeit für mich (Engagement. Der Bursche muß aus Agra fort. Er ist einer von den unglücklichen Dienern des Praoatitempels, denen heute nicht sehr wohl in ihrer Haut ist. Da ist keiner, der, wie die Dinge heute liegen, auf die Dauer für Ulam Singhs gerade Glieder einstehen möchte", meinte der Manager. Ulam Singh hatte sich tief vor mir verneigt. Jetzt holte er unter seinem gelben Mantel eine kleine Topfpflanze hervor und stellte sie vor mich hin auf den Boden. Cs war der Iasminstrauch mit den zweifach gefärbten Blüten, den ich hatte kaufen wollen. Er hatte ihn mitgebracht und bot ihn mir zum Geschenk an, so wie ein geprügelter Hund einen Knochen ober ein Stück Holz herbetschleppt, um feinen Herrn in gute Laune zu versetzen. Mir kam der Gedanke, daß ich Ulam Singh sehr gut In meinem Wiener Treibhaus verwenden könnte. „Du bist Gärtner?" fragte ich. „Der Sahib will dich mit nach Europa nehmen. Gib ihm Antwort, Boy! Er versteht", meinte der Manager, nun zu mir gewendet, „alle Gärtnerarbeiten: Beete anlegen, Bäume pfropfen und beschneiden-- „Sonst nichts?" fragte ich den Inder. „Ist das alles?" „Er wird sich jetzt zu jeder Arbeit verstehen, auch zu der niedersten, er hat nämlich feine Kaste verloren", versicherte der Manager. .Ich möchte einmal sehen, ob du diese Jasminknospe innerhalb einer Viertelstunde zum Aufblühen bringen kannst", sagte ich zu Ulam Singh. Aber der Inder schüttelte heftig den Kops und machte eine abwehrende Bewegung mit beiden Händen. „Ah, Sie denken offenbar an das bekannte Kunststück der indischen Büßer, Herr Baron?" sagte der Manager lächelnd. „Aber das ist keine alltägliche Sache, glauben Sie mir. Die Herren Jndientourislen meinen, ein jeder von den Eingeborenen, denen sie begegnen, verstände die Kunst. Lassen Sie sich sagen, Herr Baron, ich bin seit meinem sechzehnten Jahr in Indien, aber diesen Trick habe ich nur ein einziges Mal zu sehen bekommen. Das war da drüben in Dschaipur, von einem sogenannten Bhat, einem radschputischen Straßensänger. Nein, dergleichen dürfen Sie von unserem Mann nicht erwarten. Aber ein tüchtiger Gärtner ist er, der sein Fach versteht, dafür verbürge ich mich." Ulam Singh ließ den Kopf hängen, sprach kein Wort und erwartete meine Entscheidung. Seh'n Sie, Doktor, mir gefiel, daß der Inder seine Fähigkeiten geheim hielt. Es schien mir etwas von dem Feingefühl des echten Künstlers darin * zu liegen, der feine Leistungen nur ungern der Neugierde der großen Menge preisgibt. „Es ist gut, du kannst bleiben", sagte ich. „Mach dich reisefertig, wir fahren wahrscheinlich schon morgen ab." Ulam Singh war reisefertig. Er brachte ein Bündel aus seinem Winkel. Es enthielt Betelblätter und Nüsse, ein paar Armbänder und einen Gebetskranz aus roten Kugeln. Und noch etwas: Eine Handvoll geriebenen Hanfs. — Die Positur der Lotosblume. Während der Rückfahrt nach Europa habe Ich an Ulam Singhs Wesen wenig Absonderliches oder Merkwürdiges gefunden. Er unterschied sich in nichts von jedem anderen eingeborenen Diener. Er hielt meine Sachen leidlich in Ordnung, bediente mich zu meiner Zufriedenheit und verbrachte im übrigen feine freie Zeit mit dem Kauen von Betelblättern, die er sehr geschickt mit Butter zu bestreichen und mit einer Einlage von Arkanuß zu füllen verstand. Auch hier in meiner Wiener Villa war er anfänglich ein Diener wie jeder andere; ein wenig exotisch vielleicht in seinen Lebensgewohnheiten, im ^gemeinen aber erinnerte nichts in seinem Verhalten an jenen geheimnisvollen Vorgang, der sich im Garten des Pravatitempels in Agra abgespielt hatte. Erst nach einigen Monaten erfolgte das tragikomische Abenteuer meines Kammerdieners Philipp mit seinem Fuchs, das eigentlich die Einleitung zu jenen Ereignissen bildete, deren Verlauf, Doktor, mich zwang, Ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Um mich kurz zu fassen--Philipp und mein indischer Gärtner vertrugen sich schlecht. Eine gewisse Eifersucht meines alten Kammerdieners mag wohl die Hauptschuld daran getragen haben. Sie müssen wissen, daß Philipp schon seit vielen Jahren in meinen Diensten steht; ich habe ihn von meinem verstorbenen alten Bruder übernommen. Daneben hat wohl auch Philipps Unduldsamkeit gegen die maiinigsachen, ost allzu indischen Gewohnheiten Ulam Singhs mltgesplelt. Der Inder liebte es beispielsweise, im Garten bei feiner Arbeit zu fingen, in einem sonderbaren Rhythmus, der für europäische Ohren einsach unerträglich war. Auch war Ulam toingt) nicht davon abzubringen, Treppen und Veranda täglich mit einer abscheulichen Kuhdunglösung zu bestreichen, wie er es von seiner Heimat her gewohnt war. All das gab Gelegenheit zu Streit, und eines Tages kam es sogar zu Tätlichkeiten — — der Anlaß war übrigens komisch genug. Ulam Singh war abergläubisch. Er duldete es nicht, daß irgendwer im ©arten auch nur eine einzige Rose von einem der Stöcke schnitt. Er war überzeugt, daß in jedem von den Rosenstöcken irgendein indischer Gott seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte, der im übrigen den ganzen Tag zu schlafen schien. Denn bevor Ulam Singh die Gartenschere an die Rosen setzte, klatschte er dreimal in die Hände, damit der Rosengott Verantwortlich: vr. Hans Thyr lot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts.Puch» und Dteindruckerei. R. Lange, Gieße'-