GichenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <933 Freitag, den 27.Januar Nummer 8 Ein Lied, Hinterm Ofen zu singen. Bon Matthias Claudiu». Der Winter ist ein rechter Mann. Kernfest und auf die Dauer; Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an. Und scheut nicht Süß noch Sauer. War je ein Mann gesund, ist er-»; Er krankt und kränkelt nimmer, Weitz nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs Und schläft im kalten Zimmer. Er zieht sein Hemd im Freien an, Und lätzt's vorher nicht wärmen; Und spottet über Fluß im Zahn Und Kolik in Gedärmen. Aus Blumen und aus Vogelsang Weitz er sich nichts zu machen, Hatzt warmen Drang und warmen Klang Und alle warme Sachen. Doch wenn die Füchse bellen sehr, Wenn's Holz im Ösen knittert, Und um den Ofen Knecht und Herr Die Hände reibt und zittert; Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht Und Teich' und Seen krachen; Das klingt ihm gut, das haßt er nicht. Dann will er sich totlachen. — Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus Beim Nordpol an dem Strande; Doch hat er auch ein Sommerhaus Im lieben Schweizerlande. Da ist er denn bald dort bald hier, Gut Regiment zu führen. Und wenn er durchzieht, stehen wir Und sehn ihn an und frieren. Liebe im Schnee. Eine luftige Geschichte von Caren. Sie war mir schon am Vormittag ausgefallen. Bei der Sprungschanze droben — aus dem großen Uebungsgelänoe. Reizend sah sie aus — elegant unter all den knallbunten Skihasen — in ihrem einfachen, dunkelblauen Norwegeranzug. Fein und schmal und biegsam wie ein Flitzbogen ... 3d) versteh' nicht, was die Leute jetzt immer gegen die „schlanke Linie" haben. 3ch finde sie entzückend. Und ganz und gar nicht männlich. 3m Gegenteil! Gerade diese Schlankheit — das Ueberzarte der weiblichen Silhouette stimmt mich so weichl Ganz versunken — teils in Bewunderung und teils in kniehohem Schnee — stand ich hinter dem Stacheldraht und sah ihr zu, wie sie mit der Unerschütterlichkeit eines Columbus mit ihren Bretteln das glitzernde Schneefeld pflügte. In allen Gangarten: — im Telemark, Im Stemmbogen und im Christiania, „gerissen", „gezogen" (und manchmal sogar gestürzt!) — hiigelan, hügelab. Unermüdlich. Drei volle Stunden! Frauen besitzen eine unheimliche Ausdauer in unpraktlsd)en Dingen ...! Plötzlich — das Herz stand mir still vor Entzücken — in fünfzig Meter Distanz, mitten aus elegantem Schwung wendet sie sich plötzlich mir zu. M i rl Reißt sich mit strahlendem Lachen die Mutze vom Kops und schwenkt sie mir grüßend entgegen. Und schießt in fliegender Fahrt direkt aus mich los — umsprüht von einer kleinen Schneelawine. Mit windgeröteten Backen, verwuscheltem Bubenscheitel und buntflatterndem Halstuch. Einfach fuß! 3ch werde rot. 3ch halte den Atem an vor Glück. Auch ich reiße mir die Mütze herunter. Schwinge sie — so keß und sportlich wie nur möglich: „Skiheil!" Aber da ist sie schon. Schrammt, aus vollem Tempo stoppend, dicht vor mir einen bravourösen Telemark, daß mir der ausspritzende Schnee in den Halskragen stäubt. Und ruft mit einer hellen, herben Stimme über den Stacheldraht: „Servus, Mutti — schon Zeit zum Mittagessen?" Mir schwammen sämtliche Felle weg. 3etzt erst fiel mir die alte Dame, hie schräg hinter mir stand, wie Schuppen von den Augen..U Nach Tisch machte ich einen einsamen Spaziergang zur „Sellerhütte" hinaus. Enttäuschung im Herzen und, zur Erinnerung an S l e, an beiden Füßen ein paar angenehm bitzelnde Frostbeulen... 3n der Hütte tobte der übliche Naturbetrieb: — mit Charleston und Grammophon... Als dooser Fußtourist von sämtlichen Skihaserln boykottiert, hockte ich vergrämt in meinem Winkel und trank zur Ausbalancierung meines seelischen Gleichgewichts acht Enzian hintereinander. Erst nachdem die letzten Wintersportier sich talwärts verkrümelt hatten und die Dämmerung mit kalter Hand den letzten Schimmer von den Hängen wischte, brach ich auf. Der Abstieg war so verharscht, daß ich mich trotz meines Stockes nur schrittweise Vorwärtskämpfen konnte. Dazu sank das Licht mit jeder Viertelstunde. Weiße Nebelfetzen schwelten in den Tälern. Schwarz und scharskantig standen die Tannen im blassen Gelb des verlöschenden Himmels^, Ein eisiger Wind schnitt mir ins Gesicht... Aus einmal entdecke ich bei einer Wegbiegung auf etwa zwanzig Meter vor mir eine schmale, dunkle Gestalt, die kick langsam und mit sichtbarer Anstrengung fortbewegt. Nach jedem Scyritt bleibt sie stehen, krümmt sich zur Seite — tastet nach einem Baumstamm und ... Fix Laudon! — das ist ja sie! 3n der ganzen Gegend gibt’» diese „Linie nicht zum zweitenmal: Mein Herz trommelt wie rasend Alarm. Trotz des Bruchharschs schwinge ich mich an meinem Stock mit Affenbehendigkeit vorwärts. Und stehe blitzplötzlich vor ihr — jeder Zoll ein Retter! Denn — daß sie sich in irgendeiner brenzligen Situation befindet, ist mir äugen», bllcklich klar. Ganz blaß lehnt.sie an einer Tanne und äugt wie ein verwundetes Schmaltier hilflos umher. Neben ihr aus dem Schnee ragen wie ein drohendes Menetekel die abgeknickten Brettln. 3hre Verlassenheit rührte mich tief. „Verzeihen Sie ... es scheint. Sie haben Malheur gehabt" — stotterte ich direkt geistvoll. Sie blickte mit fatalistischem Lächeln auf die zerbrochenen Skier. „Ja — es scheint so." Die zarte Ironie biß sich in mein Herz. Aber nein — jetzt nicht locker lassen! Hier Sollend' ich's — die Gelegenheit ist günstig! „Kann ich ... dürste ich Ihnen vielleicht mit irgend etwas ... behilflich ... fein?" Gleichzeitig bemerkte ich, daß ihr das Auftreten Schwierigkeiten machte. Nach zwei Schritten war sie grün im Gesicht. „Um Gotteswillen — find Sie verletzt? Haben Sie — Schmerzen??" Sie versuchte noch einen letzten Anlauf ins Heroische und lachte. Ein keckes, knabenhaft helles Lachen, das mir wonnig durch's Gebein riefelte. Ich weiß nicht — ich liebe nun mal an Frauen dieses Herbe, entzückend Burschikose. Es hat so etwas Erquickendes! „Schmerzen — ach wo!" log sie tapfer. „Bloß der linke Fuß streikt ein Biffel. Aber die paar Schritte schaff' ich's schon noch; 's ist mir ja bloß wegen Mama ... die macht sich immer gleich Sorgen um m ..." Das letzte Wort ging unter in einem kläglichen Gewimmer. Und plötzlich wurde sie kreideweiß und klappte zusammen... Mit meinem Taschenmesser schnitt ich den Stiefel auf — betastete den verletzten Knöchel. Er war dick angeschwvllen — offenbar eine Sehnenzerrung. Keine Rede davon, daß sie den beschwerlichen Weg bis ins Tal machen konnte! Und immer schneller fiel die Dunkelheit. Wa also tun...? Rasch entschlossen hob ich sie hoch. Lud sie mir auf den Rücken. Klemmte mir noch ihre Skier unter den Arm. Und startete unerschrocken talwärts. Sie war doch schwerer, als ich gedacht hätte, nach ihrem Wuchs zu schließen. Aber die Liebe verlieh mir Gigantenkräfte. Wunderbar belebend durchströmte mich die sanfte Wörme ihres Körpers. Der hilflose Druck ihrer Arme, der zarte, lauwarme Atem an meinem Hals ... Stolz In der Brust — siegesbewußt, kämpfte ich mich unverdrossen burd) Nacht und Eis, über Stock und Stein. Bis die ersten Lichter der kleinen Ortschaft uns tröstlich entgegenblinkten und ich wieder halbwegs horizontalen Boden unter den Füßen spürte. Zum Uebersluß des Glückes kam auch noch ein leerer Hörnerschlitten des Weges daher, der uns bis vor ihr Hotel brachte. Sie erlaubte mir nicht, sie in die Halle zu führen und quälte sich allein aus dem Schlitten. „Das sieht so dumm aus — wissen Sie", erklärte sie mit verzerrtem Lächeln. „So weibisch! Aber kommen Sie doch nach dem Abendbrot nod) ein bißchen herüber ins Hotel. Wir erwarten Sie in der Halle. Mama wird sich sicher freuen, Sie kennenzulernen ..." Alle Encsteln fangen In mir: „Mama wird sich sicher freuen..." Wenn das nicht ein versteckter Heiratsantrag war — bann heiß' ich Nepomuk! Knapp vor Labenfchluß stürme ich noch ein Blumengeschäft. Kaufe alles auf, was an roten Rosen auf Laaer ist. Werfe mich in meinen Smoking. Und bin um 21 Uhr im Hotel. Mein Rücken schmerzte infernalisch. Aber es war ein süßer Schmerz. Suchend ließ ich meine strahlenben Blicke über bas Rosenbukett hinweg burd) bie Halle schweifen. Da erhebt sich aus einem Klubsessel eine ältliche Dame. Dieselbe liebe, ältliche Dame wie vormittags — droben am Sportplatz. Sie hält In direkter Richtung auf mich zu. Streckt mir wohlwollend die Hand entgegen und sagt sehr freundlich: „Sie sind Herr Helbig — nicht wahr? Vielen, vielen Dank für Ihre Freundlichkeit.. .1 Selber kann mein Sohn nicht herunterkommen. Sein Fuß schmerzt zu sehr." ...??! Winierlandfchaff. Bon Friedrich Hebbel. Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche, Bis aus den letzten Hauch von Leben leer; Die muntern Pulse stockten längst, die Bäche, Es regt sich selbst der kalte Wind nicht mehr. Der Rabe dort, im Berg von Schnee und Eise, Erstarrt und hungrig, gräbt sich tief hinab, Und gräbt er nicht heraus den Bissen Speise, So gräbt er, glaub ich, sich hinein ins Grab. Die Sonne, einmal noch durch Wolken blitzend, Wirst einen letzten Blick auss öde Land, Doch, gähnend aus dem Thron des Lebens sitzend, Trotzt ihr der Tod im weihen Festgewand. Notizen über Finnland. Bon Dr. Erwin Stranik. Die Finnen gehören zu den ehrlichsten Menschen der Welt; ihr ganzes Leben baut sich aus gegenseitigem Vertrauem auf. Der Landmann, dessen Has viele Kilometer weit vom nächsten entfernt steht, legt an der Straße, die das Postauto passiert, jene Bunde! nieder, die er in die Stadt befördert haben will. Er wartet nicht, bis der Wagen kommt, er fürchtet nicht, daß ihm jemand fein Eigentum nähme. Und tatsächlich vergreift sich niemand an diesem fremden, anscheinend herrenlosen Gut. * Ich bin auf eine Wirtschaft eingeladen, die mitten im Taoastland liegt. Es ist mir nicht möglich, meine Ankunft im voraus anzuzeigen. Unerwartet treffe ich ein. Zwei Herrenhäuser erheben sich da an einem See, umgeben von würzigem Nadelwald. Keines der Däuser ist verschlossen. Weit offen stehen alle Türen, — weit offen alle Schränke. Ich kann ein- treten und es mir bequem machen, ohne daß es jemand vom Haufe merkt, denn feine Bewohner sind eben im Bade oder auf dem Felde. Nicht einmal einen Hund gibt es, der die Ankunft eines Fremden melden würde. Später, als die Leute von ihrer Arbeit und ihrem Vergnügen heim- gekehrt ^ind und mich begrüßen, bringe ich das Gespräch auf ihre große Vertrauensseligkeit. — „Wird denn hier niemals gestohlen?" frage ich. — „Gestohlen? Nein!" antwortet der junge Gutsherr. — „Oder, warten Sie einmal, ja doch, —" Und er wendet sich an feinen Großvater. — „Sag mal, Großvater, du erinnerst dich doch noch an die Sache, wie damals aus unserem Hos, so vor sechzig oder siebzig Jahren, die Pferdedecke wegkam?" (Ejv Ml aber wird doch gestohlen. Ich bin Zeuge, wie einer Same, die einer putschen Touristengefellschaft angehört, auf einem kleinen Dampfer bei einer Binnenfeefahrt ihr Handtäfchchen wegkommt. Die Dame läuft erregt zum Kapitän; der ist sassungslos. Er will und kann den Vorfall nicht begreifen. Ein unehrlicher Mensch unter seinen Fahrgästen, das war noch nicht da! — Aber die Dame beharrt auf ihren Anschuldigungen, und dank ihrer gewandten Zunge weih bald das ganze Schiff, was geschehen ist. Sofort treten ein paar Finnen auf die deutsche Dame zu und fragen, was sie in ihrem Handtäfchchen gehabt hätte. Natürlich sei Geld darinnen gewesen, erwidert sie. — Die Finnen greifen sofort nach ihren Brieftaschen. — „Gnädige Frau, bitte, seien Sie nicht ungehalten darüber, daß Ihnen so etwas in unserem Lande geschehen konnte. Würden Sie uns gestatten, Ihnen wenigstens einen Teil Ihrer Verluste zu ersetzen?" Jeder der Finnen gibt, und die Same nimmt. Eine Viertelstunde später lacht sie über das ganze Gesicht. Ich bin überzeugt, sie hat mehr Geld bekommen, als sie verlor. (Und dies zur Aufklärung: die Tasche fand sich, allerdings geleert, später wieder, — bei einem ausländischen Touristen!) Sie Finnen sind nicht nur ein sehr zähes, sondern auch ein sehr ernstes Volk. Mit ihnen zu sprechen, heißt eigentlich nur immer selber reden, indes das Gegenüber bloß hin und wieder ein beifälliges, erstauntes, zweifelndes oder bejahendes „Hm!" hören läßt. Trotzdem darf man nicht glauben, daß das Interesse der Finnen an den Berichten eines anderen gering sei: im Gegenteil. Sie verarbeiten das Gehörte gründlich und noch nach Wochen kommen sie daraus zurück. Aber sie reden erst, wenn sie den andern Menschen ganz durchschaut und als zuverlässig erkannt haben. * Ein Beispiel ihrer Menschenkenntnis bietet das Verhalten der Finnen zu den Engländern. Jahr für Jahr kommen viele Engländer an die finnischen Gewässer, oon_benen es heißt, daß sie lachsreich seien, um zu fischen. Ein finnisches Scherzwort erzählt nun:’ wenn die Engländer ein= treffen, zeigen ihnen die Finnen jene Flüsse und Buchten, in denen keine Lachse sind. — „Sie Engländer wollen ja nur angeln, aber nichts sangen", — so begründen sie ihr Verhalten. * Auch lachen sieht man Finnen selten. Schon in ihrem Nationalepos, dem „Kalewala", heißt es, daß den Männern das Lachen nicht zieme, wohl aber das Weinen. Seshalb meinen die Finnen gern und gründlich. Sie meinen, roenn sie erkennen, daß das Schicksal mächtiger ist als sie und alle Tapferkeit der eigenen Arme nicht nutzt, seiner Herr zu roerben. Sie meinen, roenn ein Frost ihre Ernte zerstört, wenn ein Sturm ihre Felder verwüstet, roenn ein Gewitter während des Erntens losbricht, roenn ihr Haus zu brennen beginnt oder der Schnaps ihre fündige Seele einmal dem Teufel zugetrieben hat. 2(111 Weinen erkennt der Finne auch, was für einen Menschen er vor sich hat. Ser Feigling meint anders als der Held, der kräftige Mann anders als der schwache. Wenn aber der Finne mit einem Fremden zu- sammentrisft, der bei dieser Gelegenheit sein Gesicht zu freundlichem Grinsen verzieht, so weih er ebenfalls, was er zu tun hat. Er ahmt, dem Fremden zuliebe, dessen „barbarische Sitte' nach und lädjelt ebenso. Mein Freund Älmori hat mich drei Tage lang angelachelt. Sas war der Gipfelpunkt feiner Höflichkeit. In Finnland gibt es keine Analphabeten. Sas beste Mittel, auch die störrischesten Köpfe zum Lesen- und Schreiben-Lernen zu zwingen, wurde hier erfunden: die Kirchpröbfte trauen keinen Jungen und kein Mädel, die nicht ihre Bibel und den Katechismus fließend lesen können. Nun wollen natürlich auch fast alle Finnen heiraten, und so müssen die dick- schädettgen Burschen, die in ihrer Jugend die schule schwänzten, wenn sie an den Ehestand denken, vorerst einmal die Fibel zur Hand nehmen. Aleksis Kivi, der „finnische Homer", hat in seinem humorvollen Roman „Sie sieben Brüder" sehr ergötzlich den Kampf von sieben Jungen mit dem ABC geschildert. Monatelang mühen sie sich, das Alphabet in ihre Hirne zu trichtern; der Küster als ihr Lehrer zaust sie bei den Haaren, daß ganze Büschel stachsiger Strähnen vom Kopf fliegen, bis sie schließlich durch ein Fenster dem Höllengräuel entkommen. Senn lieber wollen sie in den Wäldern Bären jagen, als die ungeheure Kunst des Lesens erlernen. Doch der Himmel sendet tausend Strafen über sie, weil sie Analphabeten blieben. Ständig erscheint vor ihren Augen der Schandblock, der am Sonntag vor der Kirche aufgestellt wird, und in den der Probst jene stecken läßt, die ihr ABC nicht können. Neun Jahre durchstreifen sie die Einsamkeiten, nur um dem Schicksal des „Lesen-Lernen- Müssens" auszuweichen. Endlich aber, als die Sehnsucht nach Frauen doch zu mächtig in ihnen wird, fügen sie sich in das Unabänderliche: und nach der Mühe eines vollen Jahres melden sie sich mit geschwellter Brust und erhobenen Hauptes zur Leseprüsung. Nun sind sie stolz und fühlen sich wie weiland Kaiser Karl, der auch noch als reifer Mann die Kunst des Schreibens übte. * Finnland ist das Land ohne Tempo, der absolute Gegensatz zu Amerika. — „Von nichts gibt es so viel auf der Welt, als von Zeit," lautet eines der beliebtesten und geläufigsten Sprichwörter. Ser Finne versteht nicht, warum man sich eilt und hastet. — Als ich einmal dringend einen Ueberlandautobus erreichen will und rasch meine Sachen packe, fragt mich mein Gastgeber erstaunt: „Weshalb beeilen Sie sich so?" — „In drei Minuten kommt schon das Auto!" — „Aber morgen sährt doch wieder eines!" gibt der Finne mit ernster Miene zurück. Oder man kommt irgendwohin als Gast. „Sie müssen lange bei uns bleiben", sagt der Hausherr, „zwei, drei Monate, so lange es Ihnen gefällt." — Irgendwo kurz zu verweilen, nur ein bis zwei Wochen oder gar bloß ein paar Tage, gilt als Beleidigung. Und selbst roenn der Hausherr von seinem Besitz, seinem Gut oder seiner Wohnung fort ist, soll sich der Gast nicht abhalten lassen, allein dort weiter zu hausen. Alles steht ihm offen und alles zur Verfügung. * Saß der Finne über viel Zeit verfügt, erweisen auch deutlich seine Eisenbahnen. Sie Züge fahren beinahe ausschließlich im 30-Kilometer- Tempo pro Stunde (und dann entsprechen sie schon unseren Schnellzügen), manche von ihnen legen eine noch viel kürzere Strecke in der gleichen Zeit zurück. Jede halbe Stunde hält der Zug bei irgendeiner besonderen Station. Ser Schaffner nennt sie „Ravitola-Afema" oder „Kahvila-Afema", d. i. Gasthaus- und Kaffeehaus-Station, je nachdem man dort nur Getränke ober ganze Menüs erhält. Und jebemal, roenn ein solches Ziel erreicht ist, verlassen alle Finnen, vom Zugpersonal angefangen bis zum letzten Fahrgast im letzten Wagen den Zug und beginnen eine Schmauserei. Fünfzehn bis zwanzig Minuten Aufenthalt wird überall als Eßpause gerechnet. Sie Finnen können sich Reisen ohne solche Eß-Stationen in kurzen Entfernungen überhaupt nicht denken. Kein Wunder, daß man in diesem Lande die mächtigsten Männer und die stärksten Frauen sieht. ♦ Sen Höhepunkt eines finnischen Tages bildet der Besuch der Badestube. Jeder Finne, ob arm oder reich, besitzt seine „Sauna", und wer ein Bettler ist, der bittet vor den Türen der Fremden, ob er auch einmal die „Sauna" des Herrn benützen dürfe. Was man ihm niemals verwehrt. Schon Livius, der römische Historiker, berichtet von diesen eigentümlichen Badestuben bei den Skythen, die er den Russen gleichsetzt. Von ihnen übernahmen wahrscheinlich die Finnen schon vor Jahrhunderten den Gebrauch des heißen Bades. Aber während das russische Dampfbad nur in einer möglichst starken Erhitzung bes Raumes besteht, um die darin Verweilenden zu großen Schweißausbrüchen zu bringen, bietet die „Sauna" noch eine besondere Sensation: das Schlagen des Körpers mit Birkenreisern. Wo immer man hinkommt, wird man in Finnland sofort in die Sauna eingeladen. Es ist eine kleine, dumpfe Stube, beinahe lichtlos, mit einem Steinofen in einer Ecke, den man ständig mit heißem Wasser begießt. In Zweidrittelhöhe des Raumes läuft eine Galerie um die Sauna, auf der die Badenden — meist Männer und Frauen miteinander — Platz nehmen und sich von den Dünsten erhitzen und räuchern lassen. Infolge der Dunkelheit sieht einer den andern kaum. Ist der Körper krebsrot gefallen, dann holt man junges Birkenlaub hervor und läßt sich damit den Rücken peitschen. Schließlich eilt man aus der Sauna heraus, springt im Freien in kaltes Wasser (einen See oder Fluß) und kehrt bann roieber in die Babestube zurück. Diesen Vorgang wiederholt man so oft, als es bas Herz erlaubt. Als ich zum erstenmal eine Sauna besuchte, flieg meine Hochachtung für biese Menschen ins Unermeßliche. Denn ich glaube, in ber Hölle läßt sich leichter braten als in einer solchen Stube. Unb jene Tropenqualen, bie man bort erleidet, bezeichnen sie als ihr schönstes Vergnügen im Leben. Aber über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Philosophie im Bottsmund. Von Dr. Raoul Francs. Die Sprichwörter verraten untrüglich die wirkliche Denkungsart der Volksseele, it)vt wahre Ethik und Religion, die tatsächliche Regelung des Handels und'Wandels, das alle Zeiten und Verfälschungen lieber« dauernde seiner Seele. Und wie sieht diese Seele aus? Wovon ist der deutsche Geist wirklich überzeugt? „Ehrlich währt am längsten." — „Unrecht Gut gedeiht nicht. — „Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen." — „Gottes Mühlen mahlen langsam." — Was bedeuten diese Sätze, wenn nicht die folgende Ueberzeugung: Es gibt eine ewige Weltordnung, ausgedrückt im Gottesbegriff, die sich zwar in einem langsamen, wahrhaft geologischen Schritt, aber doch vollkommen durchsetzt. Wer sich ihr einordnet, wird am besten fahren, wer ihr widerstrebt, hat Nachteil. Diese Weltordnung ist uns übergeordnet, mir können unsere Ränke gegen sie noch so fein spinnen, sie besteht fort und fort. „Man soll das eine tun, das andere nicht lassen." „Cs ist unklug, die Kuh zu schlachten, welche die Milch gibt." So heißt im Volksmund das genaue Wissen, daß nur harmonisches Verhalten dieser Weltordnung entspricht. „Ein magerer Ausgleich ist besser als ein fetter Prozeß." Jeder aber kann seine Harmonie nur im Bereich seiner Persönlichkeit finden, muß also nach dem ihm zukommenden Platz im Stufenbau der Welt suchen. Denn: „Setz' einen Frosch auf goldnen Stuhl, er hüpft doch wieder in seinen Pfuhl." Und (in Oberbayern): „Wenn der Bettelmann aufs Roß kommt, kann ihn kein Teufel erreiten." Dermaßen wirft ein Verstoß gegen das Stufengesetz dann die Welt durcheinander. Aber die Stufe, der man angehört, wird zunächst von Vererbung bestimmt. „Der Apse! fällt nicht weit vom Stamme." Die Lebensführung wird freilich durch Auslese schließlich doch in die weltgesetzlichen Bahnen gezwungen. „Wer nicht hören will, muh sühlen" und „Wen Gott liebt, den züchtigt er." „Durch Erfahrung wird man klug." Diese Auslese muß selbst des Lebens eigene Schritte bestimmen, soll man Erfolg haben. „Trau, schau, wem." Sie hat bestimmte Regeln und Gesetze. Man braucht nicht erst durch Erfahrung klug zu werden. „Weisheit baut vor." Denn: „Wie gewonnen, so zerronnen." „Das Richtige tun ist alles." „Man kann nicht zwei Herren dienen." „In Einfachheit steckt das Glück." „Salz und Brot macht Wangen rot." Und so geht das fort; vom Höchsten bis zur letzten Arbeitsregel längst feftgelegt, längst tausendfach erprobt, ein festes System, das man eigentlich nur zu befolgen braucht, um Öen Erfolg eines gerechten, weifen, hochverehrten, richtigen Menschen zu haben. Sv hat sich das Volk alles geschasfen, was es braucht, und die Philosophie braucht es ihm eigentlich nur nachzudenken, es sich bewußt zu machen, warum die Volksweisheit die richtige ist. Seit einigen Jahrzehnten hat die Sprachforschung die große Entdeckung sicher gestellt, daß die Volksmärchen und Sagen nichts anderes als Weltweisheiten sind, die durch sie verklärt und farbig roieberholt werden. Man hat damit gelernt, was der Zweck der Kunst fein soll. Das Wissen vom „Volksverstand", der jene besonders gut behütet, die sich nur ihm anvertrauen, hat rührende und liebliche Formen angenommen in den Märchen von dem Schutzengel der Kinder. Daß das Volk „vergleichend biologisch" denkt, erzählt es uns in den Märchen stets aufs neue, weil darin alle Tiere und Pflanzen verkleidete Menschen sind, die reden. Die Erneuerungskraft der Natur, ihr Bedürfnis, ungestört zu bleiben, ist eines der Hauptmotive der Märchen, und man möge endlich einmal anfangen, auch das zu bedenken, nicht nur die im Märchen enthaltenen Reste des Dämonenglaubens. Auch im Mythos steckt doch schließlich die ganze Erbweisheit des Volkes. Wenn Antäus als Sohn der Mutter Erde durch die Berührung nut ihr feine Kraft roiebergeroinnt, dann ist damit in finnigster Weife eine der bedeutsamsten naturwissenschaftlich-philosophisch erarbeiteten Wahrheiten vorweggenommen. In den Alpen behüten die „Seligen Fräulein die Unberührtheit der Natur; zahllose Sagen wandeln dieses Motiv ab. Und wenn die Alten die „Erstlinge" der Ernte opferten, dann legten sie Zeugnis ab: ich bin mir der Abhängigkeit und Einordnung bewußt und nütze daher nicht restlos alles aus. Ein solcher „Aberglaube" war viel lebensfördernder als die materialistische, „aufgeklärte" und glaubenslose Raffgier der Gegenwart. Die Wenden im Spreewald ließen noch vor einem Menschenalter auf den Obftbäumen einzelne Früchte hängen, damit die Tiere der Flur auch ihren Teil bekommen. Als ich klein war, sah ich, daß die mährischen Bauern beim Pflügen ein Stückchen Rain mit Bufch und Wildnis ungepflügt ließen. Auf meine Frage sagte man mir, „das schicke sich". Es sei alte Sitte. In Franken tun es heute die Bauern Nicht. Aber in Mähren gab es viel mehr Singvögel, ein viel reicheres Naturleben durch jene Raine als in Franken. Als Bvdenforscher habe ich m meinem Fach erkannt, daß von jenen Rainen aus sich das Bodenleben der Aecker leichter erneuern und gesund erhalten muß. Und nun verstehe ich den Sinn der alten Sitte. Es ist Erbwissen um die Weltgesetze in diesem Fall Aufrechterhaltung des Naturgleichgewichts darin. Man ist bereit, nicht alles auszunützen. Tut es nicht um des Lohnes willen und erhält ihn doch. , _ „ ... . ... In Japan gilt der Fujji-Pama dem „abergläubischen Volke für heuig, und die Wälder an feinen Flanken wurden geschont. Seitdem man das nicht mehr tut, zwingt die Aenderung seiner Natur die an den Flanken angesiedelten Menschen zur Abwanderung. _ . _ Aber mögen andere das dicke Buch schreiben, das von Sprache, Sage, Spruch, Sitte, Volksbrauch und Wissen um das richtige Leben handeln mu%, will einer alle Zusammenhänge aufdecken. Die Hauptsache rotjjen roh schon: Aus sich heraus hat unser Volk, haben alle Völker der Erde viel Richtiges, ja alles Wesentliche der Welterkenntnis hervorgebracht. Die Menschen sind nur alle in ihrer natürlichen seelischen Verfassung gestört und wenden heute ihr Bestes, die einmal festgelegte und >n Lebensregeln ausgeprägte Lebensweisheit nicht mehr genügend an. i leje müssen ihnen erst wieder entdeckt werden. Die Menschen gleichen dadurch einem Hungernden, der ganz vergessen hat, daß er einen Schatz besitzt, der ihm ein sorgloses Dasein gestattet. Eine Redensart nennt das: „Hungern bei vollen Schüsseln". Carlyle, der neben H u m e, Mill und Spencer der größte englische Denker ist, hat zeitlebens den Satz verfochten, daß ein Volk nur ein Umweg der Natur sei, um zu einigen großen Männern zu kommen, also etwa, daß die Existenz des englischen Volkes von 1800 bis 1850 nur den Sinn gehabt habe, diese vier Denker hervorzubringen. Und Nietzsche, und mit ihm eine große und gläubige Menge, hat ihm den Satz nachgesagt als Zeichen, wie schlecht eigentlich die Menschen von sich selber denken. Zum Glück zeigt es sich nun, daß dieser Satz gar nicht wahr ist. Nicht etwa bloß deshalb, weil die „Natur" dann die größte Verschwenderin ihrer Kräfte wäre, was sie nämlich gar nicht ist, sondern weil wir eben auf das überzeugendste gesehen haben, wie das Denken der Einzelnen den geistigen Leistungen der Volksseele als Ganzem nur nachfolgt. Nein, der Sinn der großen Männer ist ein anderer, als diese hochmütige und menschenseindliche Ueberheblichkeit meint. Sie verkörpern ihr Volk, das für sie die sie erzeugende und erhaltende Umwelt bildet, auf das vollkommenste und reinste und haben die Pflicht, das Hirn, der Arm, die Zunge, das Auge dieses großen Körpers zu fein, das Organ, welches ausführt, was ein Volk empfindet, will und denkt. Aber immer sind auch sie nur der Teil, und ihr Volk ist das Ganze; niemals übersteigt ihr Denken die Leistung ihrer Nation als Ganzes genommen und immer haben sie daher Ursache, dankbar, gefügig, bescheiden sich in den Dienst des Ganzen zu stellen. Wo sie sich verrannt, übersteigert und verirrt haben, da lag ihr Heilmittel nie in ihnen selbst, sondern in der Volksseele, die unabänderlich, in sich ruhend, gütig und weise noch stets mit einem milden Lächeln über alle Wunderlichkeiten ihrer Kinder zur Tagesordnung übergegangen ist, sogar dann, wenn eine ganze Generation scheinbar unheilbar verwirrt gegen sich selbst wütete, Vernunft als Unsinn lästerte und die Verkehrtheit anbetete. Oft genug ist bas geschehen. Frankreich bietet von 1791 bis 1795 das Bild eines irrsinnig gewordenen Volkes; der ausgezeichnete französische „bon sens“, der natürliche Mutterwitz der Franzosen aber hat sich deshalb nicht geändert. Die Generation von 1918 und der folgenden Jahre glaubte in Deutschland in einem wahren Tollhaus zu leben und viele zweifeln, ob der deutsche Geist seine alte Lauterkeit, den redlichen Sinn, das Gemüt, die Ordnungsliebe, das Pflichtgefühl und was ihn sonst noch auszeichnet, jemals noch roieberfinben werbe. Aber wer das soeben Durchdachte wirklich verstanden hat, wird mit mir guten Mutes sein und daran nicht verzweiseln. Wieb-r werben große Männer kommen, bas Richtige zeigen unb tun; bas Volk wirb sich in ihnen selber roieberfinben unb fein Genie wirb strahlen wie immerdar. Das Mangobaumwunder. Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nk. Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. (Rortlefiung.i „Ja, er ist ein außerordentlich verläßlicher Führer, der Schwarzinger , setzte er sein Verhör fort. „Das hat sich ja auch damals aus der Eil Unbici gezeigt, bei bem Gratübergang, als sich der Stein loslöste." Sie stiegen langsam im Gespräch bie Treppe empor, die in den ersten Stock führte. „Wie gut Sie informiert sind!" rief der Baron in freudigem Erstaunen. „Ich weiß schon, sicher waren Sie bei dem Vortrag, den ich im Juni im Touringklub gehalten habe." „Erraten!" log Dr. Kircheisen. Aber seine Stimme klang verzagt... Er ist wahrhaftig der, für den er sich ausgibt. Ich war auf einem Irrweg. Aber wie, zum Teufel, fall ich mir bann fein Verhalten feiner Braut gegenüber erklären! Nach einen letzten Versuch! „Haben Sie nicht auch Spuren Ihres verunglückten Vorgängers ge- funben?" fragte er. „Natürlich, ich habe das ja auch erwähnt in meinem Vortrag. Hundert Schritt vor bem ersten Schneefelb unterhalb bes Riffes liegt noch heute Mac Cullochs Eispickel im Geröll." Jetzt gibt es keine Zweifel mehr. Er ist wirklich unb wahrhaftig der tolle Baron"! Ein Glück, baß ich nichts hab' merken lassen von meinem "bummen Verbacht... Da hätt' ich mich gehörig lächerlich gemacht. „Sie kannten wohl MacCulloch nicht?" fragte ber Baron, inbem er zwei Stufen auf einmal nahm. Ich hab' ihn gut gekannt. Er war ein verschlossener Mensch, ber nur selten unb auch bann nur wenig sprach; aber immer hatte er einen höhnischen Zug um ben Munb. Ich bin zweimal mit ihm geklettert, vor Jahren. Die Vajolett-Türme hab' ich mit ihm gemacht unb bann bie Bischofsmütze: Die war meine erste Klettertour. Iw war ein Anfänger, bamals. Ich glaube, bah ich mich gut gehalten habe, aber er hatte kein Wort der Anerkennung für mich, nur immer ben überlegenen, mokanten Zug um ben Munb." Der Baron stieg rafch unb voll Eifer bie Treppe empor. „Sehen Sie, brum hat es mich immer gelockt und getrieben, die Cima-Undici-Nor^ wand zu erklettern, an der der große MacCulloch gefcheitert ist. Und ich hab' sie erstiegen! Ich hab' mir selbst bewiesen, daß jenes impertinente Lächeln MacCullochs eine Lüge war, an die er selbst niemals geglaubt hat." . Der Baron schöpfte tief Atem, nahm wieder ein paar Stufen und f"^,Sehn Sie. Doktor, da war eine Stelle auf der Cima Unbici bart unterhalb bes Gipfels, bie war noch schwerer als der Riß, an dem Mac Culloch verunglückt ist. Eine glatte steile Wand, fast ohne Grifte Wir machten das so: Der Schwarzinger flieg mir auf die Schultern und ich richtete mich langsam auf. Dann muhte ich mit dieser Last auf dem Rücken drei Schritte weit die Wand traversieren, bisber Schwarzinger ben einen Griff erhaschen konnte, ben bie Wanb bot." Der Baron brehte sich nach bem Arzt um unb bemonftnerte ihm jenen Griff, wobei er zur Verbeutlichung ber Situation bas Treppen- g^Äbe/ber'Schwarzinger konnte ben Griff nicht iinben", setzte er im raschen Weitergehen fort. „Unb ich hatte keinen Halt, ich suhlte, bah wlr beide, der Schwarzinger und Ich, Im nächsten Augenblick zerschmettert in der Tiefe liegen mutzten, wenn ich die Last nicht los würde. Mein Fuß begann abzugleiten und oben brüllte der Schwarzinger: .Aushaltens Um Gottes willen, aushalten!' So hatte ich ihn noch nie rufen gehört. Der Baron holte tief Atem, zitternd vor Erregung. „Und ich hielt aus, bis der Schwarzinger seinen Griff hatte. Ich weih heut' noch nicht, wie ich's gemacht hab'. Nicht Hände und Füße allein, nein, Knie, Schulter, Brust, alles griff zu, saugte sich an der Felswand fest. Als wir oben waren, sagte der Schwarzinger: ,Mit keinem geh ich nochmals da herauf, und wenn er mir zweitausend Gulden bar auf den Tisch legt. Aber mit Ihnen, Herr Baron, noch zwanzigmal.' Da hat sich's nicht mehr um Geschicklichkeit gehandelt, Doktor, nicht um Mut, nicht um Ausdauer. Rein, nur um Kraft, um ganz gemeine, rohe, körperliche Kraft!" ,, Dr. Kircheifen fchloh die Augen. In Gedanken versuchte er sich die schauerliche Situation auszumaien. Er sah die gewaltigen Felswände und die schwindelerregenden Tiefen, er hörte den Gletfcherbach brausen und fühlte den kalten Hauch des Windes, der vom ewigen Eise herkam, lind inmitten dieser Welt des Grauens sah er den Baron, wie er mit seiner Last auf den Schultern furchtlos Schritt für Schritt die glatte Wand traversierte, den gähnenden Abgrund zu seinen Flltzen. Dr. Kircheisens Mißtrauen war längst gewichen. Nichts als schrankenlose Bewunderung erfüllte ihn vor dem Manne, der unter solchen Gefahren mit solch übermenschlicher Kraft--- Plötzlich fühlte er einen leichten Stotz. Der „tolle Baron", der die Nordwand der Elma Unbici bezwungen hatte, war ihm mitten auf der Treppe in die Arme gesunken: hilflos, zitternd, nach Atem ringend lag er da und stieß mit einem müden und traurigen Lächeln hervor: „Doktor ... ich kann nicht weiter, ... Sie müssen mir ...da hinauf helfen, ... die vielen Stufen! ... ich hab' mir ... zuviel zugemutet, ... die Stiege ist ... zu steil ..." Die Wachteln von Allahabad. Dr. Kircheifen hatte das Mittagessen allein nehmen müssen. Den Baron hatte er nach jenem Schwächeanfall auf der Treppe in fein Arbeitszimmer gebracht; dort lag der alte Herr jetzt auf das Sofa gebettet und schlief. — Dr. Kircheifen schob den Obstteller von sich, zündete sich eine Zigarre an und wandte sich an den Kammerdiener Philipp, der Ihn während des Essens bedient hatte. „Also Sie bleiben dabei?" fragte er. „Sie können sich wirklich nicht erinnern, daß sich der Baron schon früher über allerlei beklagt hat? lieber Schmerzen im Hinterkopf beispielsweise, über Schwindelanfälle, über Zittern in den Händen?" „Davon hat der Herr Baron ganz bestimmt niemals gesprochen!" sagte der Diener. „Das Leiden, das ich bet Ihrem Herrn festgestellt habe, ist nämlich nicht von heute oder gestern. Es ist eine sehr ernste Sache, mit der nicht zu spaßen ist. Sie haben sicher schon einmal den Ausdruck .Arterienverkalkung' gehört?" „Jesus, Maria!" schrie der alte Diener aus. „Das, was ihm vorhin auf der Treppe geschehen ist, das war nicht die Folge einer Ermüdung, wie Sie meinen. Das war ein leichter Schlaganfall, nichts mehr und nichts weniger. Wir müssen das Kind beim rechten Namen nennen." „Jesus, Maria, Josef!" stammelte Philipp entsetzt. „Nun denken Sie doch nochmals nach! Haben Sie niemals Klagen über Unwohlsein von Ihrem Herrn gehört?" Der Diener schüttelte den Kopf. „Er ist immer ganz gesund gewesen. Bor vier oder fünf Tagen hat er einen Furunkel am Hälfe gehabt, den hat ihm der Hausarzt gefchnitten. Herr Doktor haben vielleicht den Verband gesehen. Das ist aber auch alles. Sonst hat dem Herrn Baron niemals etwas gefehlt." „Hören Sie einmal!" sagte Dr. Kircheisen. „Diese Krankheit geht methodisch vor, ich möchte sagen: haushälterisch. Sie schießt nicht gleich mit schwerem Geschütz. Sie macht sich zuerst durch kleine Symptome bemerkbar: durch Kopfschmerzen, durch Zittern in den Händen und allerlei andere kleine Beschwerden. Dann erst kommen ernstere Anzeichen. Wenn Sie des Morgens aufftehen, ziehen Sie zuerst die Weste an, dann den Rock — Sie verstehen, was ich meine!" „Ich verstehe den Herrn Doktor schon. Aber die Krankheit ist über Nacht gekommen!" „Das ist ausgeschlossen. Ick werde mich mit dem Hausarzt des Herrn Barons in Verbindung setzen/' „Ja, das wäre das beste; vielleicht linden die beiden Herren gemein» ■ (am etwas, um dem Gärtner zu helfen." „Aber ich spreche doch von Ihrem Herrn! Von Ulam Singh war ja nicht die Rede! Dem ist nicht zu helfen, der wird den morgigen Tag nicht überleben." „Versuchen Sie's doch, Herr Doktor! Versuchen Sie's doch! Vielleicht finden Sie doch ein Mittel", jammerte der alte Diener. „Es handelt sich mir jetzt In erster Linie um Ihren Herrn. Sie scheinen sich des Ernstes der Sache noch immer ebensowenig bewußt zu fein, wie der Baron selbst, sonst würden Sie sich nicht immer mit dem Gärtner beschäftigen, der mit der Krankheit Ihres Herrn doch gar nichts zu tun hat. Ihr Herr leidet an Sklerose und raucht trotzdem die schwersten Zigarren, trinkt die unmöglichsten Weine und hat nichts als Bergtouren und Reifen im Kopf. Das muh von Grund auf anders werden. Cs wird am besten fein, wenn ich ein ernstes Wort mit der Baronesse spreche; die scheint der einzige erwachsene Mensch hier im Hause zu sein." Diese Bemerkung schien den alten Philipp in eine heftige Besorgnis zu versetzen. „Ich bitte, Herr Doktor sollten das nicht tun, Herr Doktor sollten das auf keinen Fall tun!" ries er aufgeregt. „Aber weshalb denn nicht? Ich werde selbstverständlich mit der notwendigen Schonung vorgehen. So rücksichtsvoll, als möglich." „Unsere Baronesie sollten der Herr Doktor nicht beunruhigen. Es hat gar keinen Zweck, mit ihr darüber zu sprechen." „Es hilft nichts. Es ist meine Pflicht als Arzt, dafür zu sorgen, dah sie ihren Baier zu einer Aenderung seiner Lebensweise bestimmt, solange es noch Zeit ist." „Herr Doktor müssen mir schon glauben: Es hat keinen Sinn, mit unserer Baronesse darüber zu sprechen. Sie hat nicht solchen Einsluß auf den Herrn Baron, wie der Herr Doktor vielleicht meinen." Der alte Philipp holte sein blaugetupftes Schnupftuch hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dr. Kircheisen überlegte eine Weile. „Wer ist der Hausarzt der Familie?" „Der Herr Doktor Bäumel, Schönbrunner Straße 62." „Rufen Sie ihn, bitte, an den Apparat!" Die Auskunft, die Dr. Kircheisen in diesem telephonischen Gespräch erhielt, vermochte ihn nur wenig zu befriedigen. Der Arzt selbst war nicht in seiner Wohnung anwesend, aber seine Frau konnte aus Notizen und Bucheintragungen seststellen, daß ihr Mann in den letzten Jahren überhaupt nur drei Besuche in der Villa gemacht hatte. Zweimal war Dr. Bäumet im letzten Herbst wegen einer leichten Influenza der Baronesse zu Rate gezogen worden. Dann noch einmal, und zwar vor fünf Tagen, da hatte er dem Baron einen kleinen Furunkel operativ entfernt. Sonst hatte der Baron die Dienste des Hausarztes niemals in Anspruch genommen. Daß ihrem Gatten bei einem dieser Besuche Symptome eines ernsteren organischen Leidens an dem Baron ausgefallen wären, war aus seinen Eintragungen nicht zu entnehmen. Kopfschüttelnd ging Dr. Kircheisen im Zimmer auf und nieder. Das Charakterbild des Barons Vogh begann sich vor feinen Augen zu formen. Da war ein Mann, der mit bewundernswerter und dennoch lächerlich wirkender Energie sich bemühte, die Spuren des Alters vor feiner Dienerschaft, vor seiner Tochter, seiner Braut, seinem Hausarzt, ja sogar vor sich selbst zu verbergen. Ein müder Mann, der jahrelang der Welt den ewig Jungen, den Unverwüstlichen, den „tollen Baron" vorgespielt, der die letzte und höchste aller Weisheiten niemals gelernt hatte: Still abseits zu treten, wenn die Zeit um ist, und der Jugend, der echten, wirklichen Jugend, den Platz sreizugeben. Aber vielleicht wird ihm der Ohnmachts- anfall von vorhin die Augen öffnen, ... dachte Dr. Kircheisen ... Vielleicht wird er jetzt begreifen, daß die Natur sich nicht täuschen und betrügen läßt wie sein Diener oder seine Brant, und daß sie mit der Faust anklopft, wenn man sich vor ihren ersten leisen Mahnungen die Ohren verschließt... Ein Diener, der ihn in das Zimmer des Barons bat, ritz ihn aus seinen Gedanken. Der Baron war erwacht und schien den Arzt mit Ungeduld erwartet zu Haden. Er ging im Zimmer auf und nieder, mit gesenktem Kopf, die glimmende Zigarre in der Hand. Rock uni) Weste hatte er abgelegt, denn das Zimmer war stark überheizt, das Fenster geschlossen und noch immer brannte das Feuer im Kamin. „Entschuldigen Sie, daß ich es mir so bequem gemacht habe", begann der Baron. „Ich habe Sie zu mir bitten lassen, weil ich — aber, was wollen Sie denn von meiner Zigarre, Doktor?" Dr. Kircheisen hatte ihm die Zigarre aus der Hand genommen und besah sie: Natürlich! Wieder eine schwere Importe! „Hat Ihnen Ihr Hausarzt nicht das Rauchen verboten, Herr Baron?" „Keine Spur!“ sagte der Baron. „Sie finden, daß ich das Rauchen aufgeben sollte?" „Ich müßte es Ihnen auf jeden Fall streng untersagen, wenn Sie mich zu Rate ziehen würden“, erklärte Dr. Kircheisen. Jetzt, da der Baron ohne Rock und Weste vor ihm stand, bemerkte er den Verband, den der alte Herr am Hals trug, und entsann sich, dah die Frau des Hausarztes und der Diener von einem Furunkel gesprochen hatten, der dem Baron vor ein paar Tagen geschnitten worden war. „Arteriosklerose. Nicht wahr?“ fragte plötzlich der Baron. Er sagte das mit gleichgültiger Miene, aber es klang so zaghast und unsicher, daß es dem Arzt schien, als hätte der Baron dieses Wort zum ersten Male über die Lippen gebracht. „Ich kann nicht annehmen, daß Ihr Hausarzt Sie über Ihren Zustand Im Unklaren gelassen hat.“ , Ich habe cs mir gleich gedacht. Sofort als sich der lästige Druck auf dem Hlnterkops zum ersten Male zeigte." Der Baron sprach mit leiser Stimme, beinahe nur zu sich selbst. „Fühlen Sie diese Beschwerde schon seit längerer Zeit?“ fragte der Arzt. „Seit einiger Zeit, ja“, sagte der Baron. „(Eben deswegen habe ich Sie ja jetzt herausgebeten, Doktor, es muß etwas geschehen, und zwar rasch, sonst wird es zu spät." „Natürlich. Vor allem werden Sie bas Rauchen aufgeben ober wenigstens einschränken, allen körperlichen Anstrengungen aus dem Wege gehen und sich bei Ihren Mahlzeiten an eine vorgeschriebene Diät halten.“ „Das alles werde ich gerne tun", versprach der Baron. „Aber außerdem ..." Er dachte einen Augenblick lang nach. „Außerdem werden Sie dem Ulam Singh jetzt endlich chas Mittel geben müssen.“ Der Arzt wurde ungebulbig und ärgerlich. Diese sprunghafte Art des Barons! Unmöglich für ihn, bei der Sache zu bleiben, einen Gedanken folgerichtig zu Ende zu denken. Jetzt war er plötzlich wieder Ulam Sinoh! „Von welchem Mittel sprachen Sie eigentlich, Herr Baron?" fragte Dr, Kircheifen gereizt. „Von dem Mittel, das ihn für eine halbe Stunde lebendig machen kann." „Sie spielen auf etwas Bestimmtes an?“ „Ja, Sic wissen, was ich meine. Ihr Mittel, Doktor!“ „Ah! Das Karafin-Serum?" „Ja! Das Karasin-Serum! Natürlich! Das ist der Name! Ich quäle mich schon seit vierundzwanzig Stunden und konnte auf den Namen nicht kommen.“ (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und L erlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch-undSleindruckerei, R. Lange, Gießen.