SiehenerZamilieMätter Unterhaltüngrbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang |933 Montag, -en 2b. Juni Nummer 48 Soldatenabschied. Von Heinrich Lersch. Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn! All das Weinen kann uns nichts mehr nützen, Denn wir gehn das Vaterland zu schützen! Laß mich gehn, Mutter, laß mich gehn! Deinen letzten Gruß will ich vom Mund dir'küssen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Wir sind frei, Vater, wir sind frei! Tief im Herzen brennt das heiße Leben, Frei wären wir nicht, könnten wir's nicht geben. Wir sind frei, Vater, wir sind frei! Selber riefst du einst in Kugelgüssen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft Gott! Der uns Heimat, Brot und Vaterland geschaffen, Recht und Mut und Liebe, das find feine Waffen. Uns ruft Gott, mein Weib, uns ruft (Bott! Wenn wir unser Glück mit Trauern büßen: Deutschland muß leben, und wenn wir sterben müssen! Das Attentat in Sarajevo. Zur Erinnerung an den 28. Juni 1914. Von Bruno Brehm. Ilie steht drüben am Eck der Oesterreichisch-ungarischen Bank, er hört den Donner des Saluts, er muß sich an einen Alleebaum lehnen, er hält den Mund offen, das Herz will ihm aus der Brust fliegen. Neben ihm Sieht ein Mann feine Uhr: „Zehn Uhr, nun müssen sie gleich kommen." Ilie stellt sich auf die Zehen, eine kleine Frau mit einem großen Hut versperrt ihm den Ausblick. Ach, sie sind wirklich da! Alle sind sie gekommen, alle! Dort als erster steht groß, aufgeregt und unruhig Mehmedbasic mit einer leuchtend weißen Hose und dem roten Fez — niemand mehr steht neben ihm in der prallen Sonne, wie dumm! Und dann dicht neben der Cumurja-Brücke steht Vaso Cubrinovic und schneidet Gesichter, tritt von einem Bein auf das andere. Und auf der anderen Seite der Brücke nimmt jetzt eben Cabrinovic Aufstellung. Durch das Donnern der Geschütze hört man schon das Hochrufen der Menge. Gott sei Dank, die beiden da drüben rühren sich nicht. Ah — da — ein paar Schritt weiter, aus der gleichen Seite wie Ilie, steht auch der kleine Popovic, der aber wird sicher nicht zum Werfen kommen, da neben ihm gerade ein Polizist steht. Mein Gott im Himmel, was macht denn Cabrinovic jetzt, wo schon der erste Wagen zu sehen ist? Er zieht aus seiner Rocktasche eine Bombe heraus, als wäre es eine Pfeife ... als wäre es eine Pfeife ... 3lic sieht nichts mehr, das erste Auto fährt vorbei, im zweiten Auto ist der Thronfolger auch nicht, das ist der rote Fez des Bürgermeisters — aber da, aber jetzt, im dritten Wagen, da wehen die grünen Federn der Generalshüte, dort muß er fein, er und Potiorek. — und was macht denn jetzt Cabrinovic dort drüben an der Kaimauer? Patiorek streckt den Arm aus und zeigt dem Erzherzog drüben etwas auf der anderen Seite des Flusses. Da fliegt ein schwarzes Ding durch die Lust, die Herzogin Sophie, die dem Cabrinovic zunächst, au der rechten Seite des Erzherzogs sitzt, beugt sich vor. Das Auto, dessen Ehaus- feur den Abwurs gewahr geworden sein muß. macht einen Sprung, der Gegenstand rollt über das zurückgeschlagene Wagendach. Und nun sieht ölic nichts mehr, nur ein wenig Rauch und eine häßliche gelbe Flamme, dann fühlt er einen heftigen Druck, bann hört er Schmerzensschreie, sieht, sich einige Leute am Boden wälzen, und sieht, wie Cabrinovic gegen bie Brücke rennt, Polizeibeamten in die Arme läuft, wie er sich über die Kaimauer schwingt und in den Fluß hinunterspringt. Aus einem dem Erzherzog nachfolgenden Auto springen mehrere Offiziere und schwingen sich auch über die Kaimauer. Run keuchen die Leute an Ilic vorbei, er lehnt an der Wand eines Hauses und starrt umher: die anderen Burschen sind wie vom Erdboden verschwunden. Ein Auto steht dort, ein Rad des Wagens ist eingeknickt. Man hebt einen Ofifzier aus dem Wagen, der am Kopf blutet. Eine Frau E großem Reiherfederbufch auf dem Hut steht daneben, ihr lichtes Kleid >st mit Blut bespritzt. Weiter vorne steht das Auto des Erzherzogs. Warum nur jetzt niemand auf den Erzherzog schießt, denkt sich Ilic. Warum nur Eabrinovic nicht gleich tot war, wie er das Gift genommen hat. _ . ,raf Harrach hastet zum Auto des Erzherzogs zurück: „Kaiserliche i)oheit, eine Bombe. Oberstleutnant von Merizzi verwundet, am Kopf, wahrscheinlich nicht schwer. Baron Rurnerskirch läßt bitten, weiterzufahren." „Also weiterfahren!" sagt der Erzherzog mit einem kurzen Seitenblick auf Potiorek, der bleich, mit blauen Lippen vor ihm sitzt. * Schon lange vor zehn Uhr hat sich der Gemeinderat mit den zwei Bizebürgermeistern unter der Bogenhalle und aus der Freitreppe des Rathauses versammelt. Fernher dröhnen die Salutschüsse der Forts, man hört das immer näher kommende Rufen, man sieht den Wagen de» Bürgermeisters — bann stockt auf einmal alles — bann kommt ein atem- loser Mensch gelaufen und brüllt: „Bomben! Bomben! Diele sind tot." Die Polizei brängt bie Menge zurück. „So sägt boch, was geschehen ist!" Aber ba kommt auch schon bas erste Auto mit bem Polizeikomman- bauten unb bas zweite mit bem Bürgermeister in voller Fahrt daher. „Was ist geschehen?" Der Bürgermeister kann nicht antworten, er zittert am ganzen Körper, er tastet seinen Frack nach einem Zettel ab. Und schon sind die beiden hellgrünen Federbüsche da — und das Volk in weitem Umkreis und bie Gemeinderäte in ber Bogenhalle bes Rathauses versäumen es zu rufen ober zu winken, beim bas Gesicht des Richters und Rächers läßt jede Regung verstummen. Franz Ferdinand wartet, bis die Herzogin ausgeftiegen ist, er geht geradewegs auf den Bürgermeister zu. „Herr Bürgermeister, es ist empörend. Es wurden Bomben geworfen! Man kommt nach Sarajevo und wird so empfangen ..." Er streicht mit einer kurzen, heftigen Bewegung seinen Schnurrbart. Sein Gesicht ist so rot, feine Augen treten so weit hervor. Run hat sich auch ber Bürgermeister gefaßt unb hält seine Rebe, bereu Worte nachdem, was vorgefallen ist, wie blutiger Hohn klingen. * Run steht ber Erzherzog neben ber Herzogin in der großen rot- goldenen Kuppelhalle — ber Bürgermeister unb bie (Bemeinberäte halten sich etwas abseits. Der Erzherzog winkt ben Regierungskommissar zu sich heran. „Was ist Ihre Meinung, fragt Franz Ferbinano ben Beamten, kann man bie Fahrt fortsetzen oder nicht?" „Ich glaube ja." „Das klingt nicht gerade sicher", erwidert ber Erzherzog, „mir scheint, wir werben heute noch ein paar Kugeln bekommen!" „Wenn wir über ben Kai fahren, können wir ein rasches Tempo ein- schlagen", wirft Potiorek ein. „Wie wir fahren, ist mir ganz einerlei, Hauptsache bleibt, ich wiederhole bas, daß ich Merizzi besuchen kann, ber sich für mich einen blutigen Kopf geholt hat." „Dann warte ich auch nicht im Konak auf bich, bann fahre ich mit", sagt bie Herzogin. Und wie ber Erzherzog ablehnen will, wieberholt sie: „Ich bleibe heute, wohin bu auch immer gehst, an beiner Seite." Der Erzherzog blickt sie bantbar an. Weber er noch einer ber Herren feines Gefolges schenken den Herren des Gemeinberates auch nur einen Blick. Oberst Barbolff geht voraus, ber Erzherzog unb bie Herzogin folgen, bann bie übrigen Herren. Das Gesicht ber Herzogin ist zu einem steinernen Lächeln erstarrt. So schreiten sie — große Ziele für jemanben, ber jetzt aus biefer bidjtgebrängten Menge auf sie schießen will, langsam bie Treppe hinab zum Auto. Die Fahnen wehen, bie Fahnen flattern. Graf Harrach überblickt bie Gefahr, bie bem Erzherzog beim Einsteigen von ber roartenben Menge broht unb springt, um ihn mit seinem Leibe zu schützen, auf bas linke Trittbrett bes Wagens. Bei ber Einmündung ber Franz-Josef-Straße gegenüber ber Lateinerbrücke, biegt ber Chauffeur bes vorausfahrenben Sürgermeifterautos in die ursprünglich feftgelegte Richtung ein. Das Auto des Erzherzogs will nachfahren, aber Potiorek klopft dem Chauffeur auf bie Schulter: „Wir fahren ja falsch. Wir sollen boch gerabeaus über ben Appelkai!" Der Chauffeur bremst ab ... Gerabe in biesem Augenblick des Haltens springt hinter der großen, hölzernen Reklameflasche einer Weinhandlung ein junger Bursche hervor, dicht bis an das Auto heran, unb gibt zwei Schüsse ab. Die Herzogin ist ohnmächtig geworben, glaubt Potiorek, wie er sich zurückbeugt unb sieht, baß bie Herzogin langsam vom Sitz sinkt unb ihr Haupt in ben Schoß bes Erzherzogs bettet. Tumult! Säbel fliegen aus ber Scheibe, blitzen burch bie Luft unb häuen auf ben jungen Burschen ein. Frauen kreischen auf. Leute rennen zusammen. Das Auto reversiert unb fährt über bie Lateinerbrücke zum Konak hinüber. Major Höger, Baron Rurnerskirch unb Oberst Barbolff springen auf bas Trittbrett bes Wagens, um bie anscheinenb Verwundeten zu schützen. Der Erzherzog streichelt ber vor ihm tnienben Herzogin bie Wange. „Stirb nicht, Soph, bleib boch am Leben für unsere Kinber." Graf Harrach beugt sich über ben Erzherzog: wt. irgenb M MM. W» »LM »-«: ictyuiiy s„, kl^kor nnrh hi» (Thptnifet UtliCrer „Kaiserliche >onne trunken, haben es Gommerkied. Von Hans Leif heim. Kling auf, Musik der Grillen, Laß deine Saiten schrillen Das gläsernhelle Sommerlied, Laß aus den Wiesen steigen Im hohen Junischweigen Den Reigen zwischen Bühl und Ried. Die Erde liegt versunken, Von heißer Sl— Umhüllt vom Ruch des Thymian, Es schwanken sacht die Dolden, Die Blüten weiß und golden, In vielverschlungner Sternenbahn. Kreis zu übertragen. Aber schon scheint sich der unerbittliche Tod rächen zu wollen für all den Prunk, dec seinem Wesen nicht entspricht. Das Zink, aus dem die "'Gras Harrach beugt sich dieser, er fragt und fragt wort einen Spritzer Blut, der ihn mitten ms Gesich Es starr'n die Weidenschossen Wie Kronen grün an Wassers Bord. Es segeln hin die Bienen, Die Falter sonndurchschienen, Der Bach geht schimmernd immerfort. Der Grund liegt duftumslossen, die Weidenschossen Kling aus, Musik der Grillen, Laß deine Saiten schrillen Das gläjernhelle Sommerlied — Wenn sich die Fluren neigen, Weht auf dein hoher Reigen, Der mit der Sommersonne zieht. Das tausendjährige Merseburg. Von Heinrich Ludwig Neuner. 3n dec Gcust der Herzöge. Ein "kleiner Tropfen Blut quillt aus dem Munde Franz Ferdinands seine Augen weiten sich und verlieren jedes Ziel, seine Hande streicheln das Gesicht der zusammengesunkenen Frau: „Es ist nichts sagt er leise vor sich hin „es ist nichts." Wieder ein Tropfen Blut und noch einer, der btouejöaffenrod rötet s'ch^uf Brust, „es .st 00n e?ne7 Krankheit befallen, de/ bisher auch die Chemiker unserer Tage nicht zu trotzen vermochten. Verläßt man die Gruft und fallt der Blick rückwärts auf das schwarze Schild mit feinen zwei mahnenden Worten, so scheint es, als klängen sie nachdrücklicher in der eigenen er- I regten Seele wieder. Dorzeit. Weder beginnt noch endet die Geschichte der Stadt mit der Existenz und den Höfen der Merseburgei^Herzöge. Sie waren lediglich, bei allen Verdiensten um die Schönheit der Stadt, Vertreter jener im 17. Jahrhundert besonders lebendigen, unseligen Kleinstaaterei. Der Herzog Georg von Sachsen-Merseburg verteilt noch zu Lebzeiten seine Lande unter seine vier Söhne, die damit eigene Herzogtümer errichten. Das Geschick ging aber hart mit ihnen um. Schon nach 90 Jahren waren drei dieser Neben. wort einen «prmec ou», u« - Besicht trifft. Da sitzt nun dieser verstummende Mann, der sich vor dem Tode nicht beugen will,aufrecht im Wagen und ist ein Herr, der mit starren Augen über die zu- fammenrennenbe, kreischende, tobende Menge hmwegblickt, da sitzt er, eine Hand auf dem Wagenfchlag, die andere auf dem Haupte der geliebten Frau, die vor ihm kniet und ihr Gesicht in seinem Schoße birgt, und ein dünner Faden Blut rinnt durch die zu ammengepreßten Lippen über den lichtblauen Generalsrock, über das goldene Blies hinunter bis * W*. f KW 6.l.«nM.n«uf den Trittbrettern die Offiziere mit wutverzerrten Gesichtern und gezuckten Säbeln der Wafserwind weht die leichten Papagelfedern aus dem Gene- ralshut' des Erzherzogs auf und spielt mit dem Reiherbusch der Herzogln, das Gesicht des Grafen Harrach ist rot von Blut, fein Handschuh ist blutig, Menschen rennen neben dem unter seiner Last nur vorsichtig fahrenden Wagen her, Aerzte in Uniform, Aerzte in Zivil, die Augen starr, den Mund offen — sie wollen Helsen, sie wollen retten, sie wollen das Furchtbare aufhalten — sie wollen das Entsetzliche sehen mit ihren schreckens- gierigen Augen... Im Kreuzfchiff des Domes zu Merseburg befindet sich der Eingang zur Gruft der Merseburger Herzöge. Dieser Eingang ist ein großes, selbständiges Portal, dem man kaum anzusehen vermag, daß es die Schwelle zum Reiche der Toten ist. Aber es ist kein Zweifel — über dem Portal und ihm zugehörig steht auf einer lebendig umrankten schwarzen Tafel mit lebhaft geschwungenen goldenen Settern das „MEMENTO MORI , das die Grenze zwifchen dem Leben und dem Tod kennzeichnen will. Dieses Por.al zur Gruft ist in einer Zeit entstanden, in der man gewillt schien, selbst den Tod mit lächelndem Antlitz darzustellen. Kräftige gewundene Sauten stehen auf reich verzierten Sockeln zu beiden Seiten der Tür, verzierte Pilaster flankieren tiefe Nischen, viele Ornamente schmücken den Türrahmen Engel in faltigen Gewändern überhöhen das dreiteilige Portal, während eine pausbackige Putte, auf einer goldenen Kugel sitzend, die Eingangstür krönt. Nur an zwei Stellen, und zwar recht nebensächlich dargestellt, wollen Totenschädel auf gekreuzten Knochen das memento mori veranschaulichen. _.. , L ... Wer die Hand auf die schwere Klinke der metallenen Ture legt, ist im Begriff, hinunterzusteigen zu den letzten beugen fürstlicher Machtentfaltung in der tausendjährigen Stadt. In der Gruft find in schweren Zinkfärgen, 37 an der Zahl, die sorgsam einbalsamierten sterblichen Ueberreste der Merseburger Herzöge und ihrer nächsten Angehörigen aufgebahrt. Stand schon die Form des Portals zu seinem Sinn in würdigem Gegensatz, so begegnet in den Särgen selbst dem Beschauer ein Prunk, der seinesgleichen in Deutschland sucht. Mit einem Schauer der Ehrfurcht und einem nicht zu leugnenden Interesse geht man mit wenigen Schritten durch den völlig kahlen, gotisch-kreuzbogenüberwölbten Raum, und sieht auf die wenigen großen Särge der Fürsten und die vielen kleineren ihrer allzu früh verstorbenen Kinder aus einem, wie es scheint, wenig lebensfähigem Geschlecht, die die Gruft bis in den letzten Winkel füllen. Die Särge find mit buntbemalten Wappen, mit Bändern und Kronen, mit den verschiedensten Insignien fürstlicher Würden geschmückt. Die Herzöge - ' gut verstanden, Versailler und Dresdner Prunk in ihren kleineren Die Geschichte des Merseburger Landes beginnt mit sicherem Wissen 4500 Jahre früher. Das Land an der Saale ist uralter Kulturboden. Der Hügel, der heute das Schloß und den Dom trägt war vorzeitliche Kultstätte. Zahlreiche Funde beweisen es. Die Vorgeschichte ließ sich in jeder Phase ihrer Entwicklung verfolgen. Den Slaven war der Hügel Mittel- vunkt Ihres reliqiöfen und politischen Lebens, „mefe (Zentrale) hießen sie den geheiligten Ort. Später tarnen germanische Völkerstamme wieder, die vordem im Lande waren, vertrieben die Wenden, fugten dem „meje die , bürg" hinzu, und wollte man im Hersfelder Zehentverzeichnis (Aus- gang des 9. Jahrhunderts) nachblättern, so fände man den Namen „Mefe- bürg" als die erste schriftliche Eintragung des Kamens, der in der deutschen Geschichte tiefen, vollen und reinen Klang Hal. Merseburg trat um die Wende des 9. Jahrhunderts in das Licht der deutschen Geschichte. Stadt der deutschen Kaiser. Das deutsche Erbübel der Zerrissenheit trat in Stadt und Burg Merse- bürg zeitig genug auf. Heinrich I. fühlte sich schon bald veranlaßt, die damals verschiedenen Herren gehörige Stadt zu einem Gemeinwesen zu vereinigen. Er ist der eigentliche Gründer der Stadt. Als dec gleiche Kaiser 933 die Hunnen bei Merseburg vernichtend schlug und der Stadt damit die äußere Freiheit gab, waren der Entwicklung die Tore geöffnet. Bald wurde ein Bistum gegründet, dem der Kaiser ebensoviel Land wie Rechte überantwortete. Heinrich II. weilte oft m der Stadt und hielt dort 1021 einen Reichstag ab, 22 Jahre später fand wieder ein Reichstag statt. Der Adel des Reiches traf sich hier. Es ging hoch her. Inzwischen war der Dom begonnen worden. Die Burg hatte Befestigungen erhalten. Die Macht der Stadt und des Bistums griff weit in die Lande. Kaiser Heinrich IV. vereinigte 1087 die Stände wieder zum Reichstag, 1152 hielt ! der neugewählte Kaiser Friedrich Barbarossa ebenfalls einen Reichstag ab. Stabt der Bischöfe. Merseburg hatte den Kaisern viel zu verdanken, viel aber auch den Bischöfen, die nicht nur geistliche, sondern auch weltliche Fürsten von weitreichender Gewalt waren. Der streitbare Eckehardt baute Merseburg zur Festung aus. Die Bischöse Gerhard von S ch r a p l a u, Friedrich v o n H o y m, Johann von Bose wirkten im Bistum, ftiftetm Spitaler und Stifte, stritten sich mit der Stadt herum, jahrzehntelang allein wegen eines Braurechtes, an dem den Bischöfen fehr-gelegen zu sem schien. Die Stadt wurde weiter befestigt und stark bestückt. So hielten sich die Bischöfe teils in gutem und teils in bösem Sinne immer wieder in der Erinnerung der von ihnen manchmal hart bedrückten Bürgerschaft. Thilo von Trotha wirkte am längsten (nahezu 40 Jahre) >m Bistum. Unter seiner kunstverständigen Initiative wurde — nach dem Abbruch der kaiserlichen Burg — das Schloß erbaut, das sich heute noch in wesentlichen Teilen in der vom ihm gefchasfenen Form darbietet Aus allen Teilen Deutschlands kamen die Künstler herbei. Manches bleibende I Kunstwerk wurde geschossen. Des Bischofs Name ist untrennbar mit Merseburg verbunden. Die fiunff im Dom. Der Dom zu Merseburg ist heiliger Boden der Kunst. Mit Ehrfurcht betritt man schon den Vorraum. An einer der hohen Wände sieht man die mutmaßlich älteste deutsche Christusdarstellung, Christus am Kreuze, in Stein gehauen, die den Erlöser in primitivster, kindlicher, aber von tiefem Glauben erfüllter Form zeigt. Ein alter riesiger Kronleuchter, der noch nicht durch elektrische Kerzen entweiht ist, hängt vom hohen Gewölbe herab. Zur rechten Hand steht ein nun bald tausendjähriger Taufstein mit I vielen Figuren des Alten und Neuen Testaments geschmückt. Die Jünger Jesu sind nach damaliger Sitte auf den Schultern der Propheten dargestellt. Eine schöne Madonna fesselt die Aufmerksamkeit, ein dreiflügeliger Altar, Epitaphien, in die Wand eingelassen, eine alte Glocke und vieles andere sind ein eindrucksvolles Präludium für die Schätze, die der Haupt- raum des Domes birgt. . ... Hocherstaunt steht man bann im Schiff. Eine vielfältig geschnitzte Kanzel schmiegt sich an einen der mächtigen Pfeiler, große und schone Altäre schließen die Seitenschiffe nach Osten ab, im Chor aber ptmngt der Hochaltar in Überschäumender barocker Pracht, so daß man sich m einer bayerischen Klosterkirche versetzt wähnte, wüßte man nicht, daß der Dom fast seit Luthers Zeit evangelisch ist. (Luther predigte zweimal hier!) Im Altarraum befindet sich das Grabmal Rudolfs von Schwaben, der im Kampf gegen Kaiser Heinrich IV. bei Hohenmölsen eine ^anO verlor und in Merseburg starb. Sein Grabmal ist eines der herrlichsten Bronzedenkmäler, das seinesgleichen nur in der Bernwardssäule im Dom zu Hildesheim hat. Der Bischof von Trotha hatte sich seinen Sarkophag, ebenfalls aus Bronze gegoßen, in Nürnberg bestellt. Auch in diesem Wert spricht unantastbare Kunst zum Beschauer. Der Sarkophag entstand tn der Werkstatt Peter V i s ch e r s. Er trögt das Relief des Bischofs. Einzigartiges Chorqestühl mit herrlichsten Schnitzereien befindet sich an Den Wänden des Altarraumes. Wohl kennt man die Stifter, aber des Künstlers Name ist unbekannt. , ,, Der alte Kreuzgang neben dem Dom ist vollkommen erhalten uno birgt noch manches steingehauene Bildwerk. Der Kreuzgang ist em wett- vergeßenes stilles Plätzchen abseits vom Lärm der Stqdt. Schloß und Dom, Kreuzgang und das Haus des Küsters bilden ein harmonisches Ganzes, das eine Fülle des Schönen umschließt. Im Schlohhos aber ragen viele mit Voluten und Obelisken gezierte Giebel in den Himmel, Türme ragen auf, in den vielen Fenstern spiegelt sich die Sonne, im Efeu, der die Wände bedeckt, schilpen die Spatzen, über dem vielgestaltigen Neptunbrunnen in der rechten Ecke des Hofes verbindet ein breiter Erker mit schönen Kragen das Schloß mit dem Dom, durch vielfältig geschmückte Portale, und über Wendeltreppen gelangt man in das Schloß, während an der Nordfront einer der schönsten Renaissance-Erker, die in Deutschland zu finden sind, über zwei Stockwerke spielt. Krieg — Feuer — Pest. Die Stadt inmitten Deutschlands stand immer im Brennpunkt lebendigsten Geschehens. Von der Zeit der Hunnen her bis in die Zeit des Kapp-Putsches war oftmals Krieg und Kriegsgeschrei um die Mauern der Stadt. Beispiellos litt Merseburg während des 30jährigen Krieges. Die Schlacht bei Lützen warf auch über Merseburgs Mauern schwere Schatten. Die Bürger seufzten, wie überall, unter den Kriegslasten und den Gewalttaten der Soldateska und ihrer herrischen Führer. Der Siebenjährige Krieg sah Merseburg inmitten des kriegerischen Geschehens. Immer wieder zogen deutsche und fremde Truppen durch die Stadt. Nach der Schlacht bei Roßbach wurden viele Gefangene und Verwundete eingebracht, und die Bürger hatten ihre liebe Not. Nach Jena und Auerstadt wohnte Napoleon im Schloß, und seine Soldaten machten den Merseburgern kaum Freude. 1813 kam es zwischen Franzosen und Preußen zu Kämpfen inmitten der Straßen. Nach dem Wiener Kongreß kam Merseburg an Preußen. Nun waren die Zeiten der fürstlichen Administratoren und Stiftsherren vorbei. Unter den Preußen wurde Merseburg zu einer Stadt der Beamten. t „ Mit der Hygiene scheint es in Merseburg, wie zur Zeit des Mittelalters in vielen anderen Städten, nicht gut bestellt gewesen zu sein. In den Jahren 1349 und 1350 schritt der schwarze Tod durch das Land. Damals folgten ihm die Flagellanten, die Geißler auf dem Fuße mit Jammern und Wehklagen, mit Anklagen, in gläubiger Demut, mit ihren heißen Wünschen, Gott und den schwarzen Tod zu versöhnen. Aber es wollte wenig Helsen. 1581 forderte die Pest wieder ihre Opfer, diesmal 700 Menschen; 1611 sanken über 1600 Menschen in die breiten Graber; ja sogar noch in den Jahren 1849 und 1850 fand die Cholera 500 Opfer. Aber bei Krieg, Seuche und Krankheit war es nie geblieben. Auch eine andere Furie schien der Stadt zugetan; das Feuer! An sechsmal standen die Merseburger mit zitternden Händen und starrten m die Flammenmeere, in denen die Häuser versanken. 1323 brannte fast die ganze Stadt nieder. 1387, als gerade die Zeit der Messe war, saß wieder der rote Hahn auf den Dächern und — auf den Meßbuden der Kaufleute Die Händler kamen seit diesem Tage nicht wieder. Sie hielten von nun an die Messe in Leipzig, und sie taten es weiter bis auf den heutigen Tag. Im Jahre 1400 fiel die Stadt den verzweifelten Burgern wieder in Asche. 1444 vernichtete das Feuer große Teile der wiederaufgebnuten Innenstadt, und.der Rache der Bürger fielen der Anstifter und jener zum Opfer, der das Feuer gelegt hatte. Der Anstifter wurde gerädert, der Brandstifter kam auf den Scheiterhaufen. Bürgermeister H o bürg k und sein Sohn waren am fünften Brande (1479) schuld und büßten eine Leichtfertigkeit mit dem Leben. 1662 waren wieder Flammen und Rauch über der Stadt. 55 Häuser, Ställe und Scheunen verbrannten. Prosa der Gegenwart. Nach 1813 kehrte mehr Ruhe in die Stadt ein. Der Glanz der fürstlichen Zeiten begann zu verblassen. Es gab keine Feste mehr im Park und im Schloßgartensalon. Um das Schloß und den Dom, um die Grus, und die Parks begann sich die Erinnerung zu ranken. Preußischer Geist hielt Einzug. Klarheit und Ordnung wurden überall da geschaffen, wo es ürstliche Nonchalance nicht für notwendig hielt. Merseburg trat in eine neue Sphäre und wurde die Stadt der Verwaltung. Industrie wuchs auf. Die neuentdeckten Braunkohlenfelder des nahen Geiseltals halfen die weitere Entwicklung der Stadt mitbeftimmen. Der lange Zeit arifto= kratische Charakter der Stadt, das Wesen, von dem sie als geistliche Hochburg lange Zeit umflossen war, trat vor dem gewaltigen Aufstreben der Industrie in den Hintergrund. Merseburgs reiche Geschichte wurde gewissermaßen zur historischen Folie, die mehr und mehr nur für einen bestimmten Kreis von Menschen ihre Bedeutung behielt. Die Zeiten der kaiserlichen Reichstage, der fürstlichen Festlichkeiten und der geistlichen Machtentfaltung waren endgültig vorbei. Merseburg wurde zuni ^>entral- punkt eines Industriegebietes. 260 Züge berühren täglich die Stadt, die am Hauptvcrbindungsstrang zwischen dem deutsche^ Norden und dem Süden liegt. Das Leunawerk. Der Reisende, der von Süden kommt, Naumburg und Weißenfels hinter sich hat und vom Zuge in das flache Merseburger Land> geiragen wird, empfindet sicherlich den plötzlichen Wechsel in der Landschaft sehr stark. Noch versuchen einige Windmühlen den Charakter des Ländlichen zu wahren, aber es ist vergeblich. Ueber ihren trägen Flügeln ragen schon die über hundert Meter hohen 13 Schornsteine des Leunawerkes auf. Diese Schornsteine flankieren das nahezu einen Kilometer lange, vielfach unterteilte gigantische Maschinenhaus, sie wachsen empor aus einem scheinbar völlig desorganisierten Gewirr von Silos, Kuhlturmen, Gasometern, Kesseln, Hallen, Kranen, Pochwerken, Rohrleitungen, Brucken usw. und senden Tag und Nacht ihre Rauchfahnen über das Land Das Leunawerk, dessen eigentlicher Name „Ammoniakwerk Merseburg lautet, ist ein Werk der IG, das im Jahre 1916 entstand und anfänglich dem Zweck diente, Deutschland von der Linfuhr chilenischen Salpeters unabhängig zu machen. Der Aufgabenkreis ist inzwischen gewachsen Es gab eine Zeit, da wurden in diesem Werk in drei Schichten 27 000 Menschen beschäftigt. Das ist im Laufe der Jahre und unter dem Druck der- Wirtschaftskrise anders geworden. Dem Wohlfahrtsamt der ötnbt Merst -g erwuchs dadurch manche große Sorge. Das Werk vermochte zusammen mit dem Schwesterwerk Oppau über die Hälfte des Stickstoffes zu erzeugen, dessen die deutsche Landwirtschaft zu Düngungszwecken bedarf. In jüngster Zeit hat die Herstellung synthetischen Benzins dem Werke neue Impulse gegeben. Das einzigartige Jndustriewerk, wohl das größte in Deutschland, ist nicht mehr von der Stadt zu trennen. So wie die sieben Türme von Dom und Schloß die Stadt der Vergangenheit überragten, so überragen die Schornsteine des Leunawerkes und die Essen der übrigen Werke der Stadt selbst das Merseburg der Gegenwart. So ist die tausendjährige Stadt heute prosaischer geworden, als es die Stadt der Vergangenheit gewesen sein mag. Ihr Glanz und ihre Bedeutung verblaßten vor der Bedeutung der Nachbarstüdte Halle und Leipzig, deren geistiges Leben das der ehemaligen Bischofsftadt Merseburg überflügelte. Der deutsche Mensch aber, der alten Werten und künstlerischen, besonders aber architektonischen Schätzen nachspürt, wird in Merseburg viel Freude erleben. Festwoche — tausend Jahre Merseburg. In diesem Jahre erinnert man sich in der Domstadt lebhafter der reichen Vergangenheit. In den Tagen vom 21. bis 27. Juni finden viele Veranstaltungen statt, die den Geist der Vergangenheit in Wort und Bild heraufrufen sollen. Die Glocken läuten über der Stadt, öfters als sonst, Festvorstellungen und Konzerte werden abgehalten, dem König Heinrich I. wird man ein Denkmal weihen, Heimatabende und Führüngen zeigen dem Fremden die Stadt in ihrer vielfältigen Gestalt, ein großer historischer Festzug läßt die Erscheinungen der Jahrhunderte noch einmal erstehen, und vieles andere mehr rückt in diesen Tagen die Stadt in den Brennpunkt des Interesses. Im Kranz der Städte, in denen sich deutsche Geschichte und deutsches Wesen formten und läuterten, darf Merseburg, die tausendjährige Stadt, nicht vergessen sein, wenngleich sich das Merseburg der Gegenwart nicht den Zauber zu erhalten vermochte, der heute noch über den Städten Hildesheim, Bamberg, Nürnberg, Würzburg, Rothenburg und einigen anderen liegt. Unvergänglich aber sind die Zeugen einer großen Vergangenheit in dieser Stadt. Oie Dame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) „Mensch, Sie sind ja ... 1" zischte der Kommissar ihn an. Irrsinnig — hatte er sagen wollen. Aber er hielt sich zurück. Einlenkend fuhr er fort: „Reden Sie doch keinen Unsinn, Grau! Und bemühen Sie sich doch, ein bißchen logisch zu denken! Vorläufig handelt es sich doch nur um Ihre Tat, deren Sie sich selbst bezichtigt haben. Und nicht um die Klärung irgendeines — Verbrechens oder wie Sie es nennen wollen, das vielleicht damit im Zusammenhang steht und ..." Er brach mitten im Satz, von einem plötzlichen Einfall getroffen, ab, und sah dem Maler fcharf in die Augen. „Oder sollten Sie uns am Ende durch falschen Alarm auf diefe Fährte gelockt haben?" Grau bewegte verständnislos den Kopf. „Ich weiß nicht, wie Sie das meinen, Herr Kommifsar." Na daß Sie diesen angeblichen Mord nur als Vorwand benutzt hoben, um unsere Aufmerksamkeit auf das Schicksal Ihrer Freundin zu lenken. Vielleicht wollten Sie aus irgendeinem Grund Fuchs nicht direkt anzeigen und versuchten es darum auf dem Umweg einer Vorspiegelung? Antworten Sie, Grau! Ist es nicht so? Es wird höchste Zeit, daß Sie endlich mal mit der Wahrheit herausrücken!" . Donald Grau hielt seinen Blick ruhig aus. Gerne Mundwinkel zuckten geringschätzig. Erst allmählig hatte er den Sinn der Anschuldigung erfaßt. Und mit einem bitteren Auflachen sagte er: „Wie spitzfindig Ihr feid! Ich hätte nie gedacht, daß es einem so schwer gemacht würde, für einen Verbrecher gehalten zu werden!" Er drehte dem Kommifsar brüsk den Rücken und preßte die Stirn gegen die Fensterscheibe. Kling war einem Tobsuchtsanfall nahe. Er hätte diesen widerspenstigen Burschen ohrfeigen können. Aber er mußte sein Gelüst unterdrücken, um sich den einzigen Weg zu seinem Ziel nicht selbst zu verbauen. Er ließ Grau stehen und wandte sich mit kalter Sachlichkeit an Jensen: „Herr Grau bleibt also dabei, in diesem Zimmer einen gewissen Caspar Fuchs ermordet zu haben. Und zwar mit einem Brecheisen — wie er wiederholt zu Protokoll gegeben hat. Dieses Brecheisen müßte demnach noch irgendwo in der Wohnung zu finden ftin. Denn mitgenommen haben Sie es doch wohl nicht, Herr Grau? Grau schüttelte, ohne sich umzudrehen, den Kopf. „Gut, dann muß sich die Waffe ja noch irgendwo finden lassen. Gehen wir also auf die Suche, Jensen!" • Er schickte sich an, mit Jensen das Zimmer zu durchstöbern. Es war eigentlich nur eine Finte, um Grau aus feiner verbissenen Unzulänglichkeit herauszulocken oder ihn vielleicht dahin zu bringen, daß er sich durch eine impulsive Aeußerung verriet. Denn im Ernst glaubte keiner der beiden Kriminalisten daran, daß die Waffe zum Vorschein kommen würde. Jeder logisch denkende Mensch mußte sich sagen — selbst unter der Voraussetzung, daß der Mord wirklich geschehen war — daß die Waffe wohl von der gleichen Hand beiseite geschafft worden fern mochte wie der Tote. Aber das Manöver hatte nicht den erhofften Erfolg. Grau blieb unbeweglich am Fenster stehen und schenkte der Haussuchung nicht das geringste Interesse. Ganz umsonst kroch Jensen unter Tische und Schränke und machte sich auf dem verstaubten Fußboden die Knie schmutzig. Vergebens rückte er im Schweiße seines Angesichts mit Kommissar Kling die schwersten Möbelstücke zur Seite. Der Maler blieb völlig teilnahmslos. Da förderte der junge Beamte plötzlich mit einem Griff unter den Divan einen großen Werkzeugkasten zutage. In der ersten UeberrafchckNg stieß er einen Pfiff durch die Vorderzähne, der die Aufmerksamkeit des Kommissars auf ihn lenkte. Auch Donald Grau drehte sich unwillkürlich um. Der Polizeibeamte wog mit nachdenklicher Miene ein etwa sechzig Zoll langes, sehr spitziges Brecheisen in seiner Rechten. Schweigend liefe er seinen Blick von einem zum andern schweifen. Aber weder Kling noch der Maler äußerte ein Wort. Da meinte er trocken, indem er mit dem Daumen die Spitze des Werkzeugs prüfte: „Ich schätze, daß man mit hem Ding da schon einen Menschen ins Jenseits befördern könnte. Was meinen Sie, Herr Kommissar?" Kling nahm, ohne zu antworten, dem Beamten das Eisen aus der Hand und hielt es Grau vor die Augen. „Sagen Sie, Grau, ist das vielleicht das Instrument, mit dem Sie Fuchs getötet haben?" Der junge Mann tat einen röchelnden Atemzug. „Ich glaube — ja!" quälte er hervor. Der Kommissar hielt die Mordwaffe gegen das Licht und unterzog sie einer langen, aufmerksamen Prüfung. Endlich richtete er seinen Blick forschend auf den Maler und sagte mit Bestimmtheit: „Wenn diese Flecke hier an der Spitze Blut bedeuten, dann müssen Sie Fuchs erstochen haben. Und nicht, wie Sie zu Protokoll gaben, ihn durch einen Schlag getötet haben lVerstehen Sie, was das heißt?" „Nein!" „Das heißt, daß durch diese Tatsache die von Ihnen geschilderte Situation ganz und gar verschoben wird. Wenn nämlich Fuchs erstochen worden ist, dann muß auch die Stellung, die Sie bei der Tat eingenommen haben, eine andere gewesen sein, als Sie angeben. Sie können Fuchs nicht, wie es Ihrer Schilderung nach der Fall sein müßte, auf eine Entfernung von nahezu anderthalb Metern getötet haben." Grau sah ihn verständnislos an. „Warum nicht?" „Weil es technisch unmöglich ist! Ich will es Ihnen sofort beweisen. Nehmen wir an, das sei die Bilderkiste ..." Er rückte mit Jensens Hilfe eine alte Truhe an die in Frage kommende Stelle. „Zeigen Sie mir jetzt, wo Fuchs gekniet hat?" Der Maler kam zögernd näher und deutete auf die der Tür abgekehrte Seite der Truhe. Jensen übernahm nun die Rolle von Caspar Fuchs und kniete an der bezeichneten Stelle nieder. „Gut! Und der Werkzeugkasten? Wo stand der?" „Am Boden, glaube ich, rechts von ihm." „Also mehr nach der Tür zu. Und was geschah dann? Sie sind auf die Tür zugelaufen — vermutlich von der linken Seite her — nicht wahr? Und da bemerkten Sie erst, daß die Klinke fehlte, und daß die Tür verschlossen war. Nach einem vergeblichen Versuch, die Tür mit Ihrem Körpergewicht aufzudrücken, drehten Sie sich zornig nach Fuchs um, der immer noch auf der gleichen Stelle kniete und Sie höhnisch angrinste. Stimmt das soweit?" Grau nickte stumm. Dabei fiel ihr Blick auf den Werkzeugkasten. Und Sie entdeckten das Brecheisen. Ihr erster Gedanke war, sich des Instruments zu bemächtigen und damit die Tür aufzusprengen — ja?" Grau machte abermals eine bejahende Gebärde. „Sie stürzten sich alsa auf den Werkzeugkasten und griffen nach dem Eisen ... Und wie ging es weiter? Ich muß Sie bitten. Grau, die weiteren Vorgänge mit größter Genauigkeit zu schildern. Die geringste Unstimmigkeit kann Ihnen zum Verhängnis werden! Nun?" Er heftete seinen Blick erwartungsvoll auf Grau. Dieser fuhr sich langsam Über die feuchtgewordene Stirn. In seine roeitgeöffneten Augen trat ein Ausdruck, als horche er atemlos in sich hinein. Seine Bewegungen bekamen etwas Automatisches. Mit schwerer Zunge antwortete eh „Fuchd muß meine Absicht erraten haben. Blitzschnell griff er nach dem Stemmeisen, noch bevor ich es erreichen konnte. Und dann" ... Sein Ton wurde immer schleppender. Nur widerwillig schien sich das Filmband seiner Erinnerungen in ihm abzurollen ... „Dann richtete er sich auf. Er wollte aufstehen, aber er konnte sich nicht schnell bewegen. Sein fetter Bauch hinderte ihn daran. Und ich fühlte: er hatte die feste Absicht, mich niederzufchlagen!" „Woher wollen Sie das gewußt haben? Drohte er ihnen denn?" „Nein, ich merkte es an feinem Blick. An dem tückischen Funkeln in seinen Augen. So etwas — fühlt man doch auch." Kling unterdrückte ein spöttisches Lächeln. „Aha! Jetzi soll die Geschichte auf Notwehr hinauslaufen." Der junge Mann empfand die verächtliche Ironie dieser Worte wie einen körperlichen Hieb. Seine Lippen wurden schmal. „Nein, das soll es nicht!" sagte er finster. „Ich habe Fuchs nicht erschlagen, um mein Leben zu retten. So viel liegt mir an diesem Leben gar nicht. Das dürsten Sie schon bemerkt haben. Ich — mußte ihn einfach umbringen. Wie man ein böses und schädliches Tier umbringt. Ganz einfach! In jenem Augenblick wurde mir klar, daß ich das immer gewollt hatte. Daß ich vielleicht überhaupt deswegen — zu ihm gekommen war. Ja, — und da rife ich ihm das Eifen aus der Hand, noch bevor er ganz aufgeftanbert war. Und habe damit auf ihn losgeschlagen — ja ober ..." Seine Erinnerungen verwirrten sich mit einmal wieder. „Oder auch gestochen — wie Sie meinen — ich — weiß es — nicht mehr." Er ließ sich erschöpft auf die Truhe fallen. Aber Kling gönnte ihm keine Pause. „Das ist alles ziemlich verworrenes Zeug, lieber Grau! Und kein Richter wird Ihnen glauben, daß Sie sich an so ein Ereignis nicht mehr erinnern. Aber meinetwegen! Nun sagen Sie mir noch das eine: wie lag der Körper Fuchs', als er gefallen war?" Grau grübelte in sich hinein. „Er taumelte und fiel mit dem Gesicht vornüber. Der Unterkörper tag über der Kiste. Und — und — Blut — viel Blut ..Er wühlte schaudernd das Gesicht in beide Fäuste. Ein langes Schweigen trat ein. Man hörte nichts als den röchelnden Atem des jungen Mannes. Dann sagte Jensen plötzlich in die Stille: „Das könnte stimmen, Herr Kommissar. Hier auf dem Teppich ist eine dunkle Stelle, als wenn ein Fleck ausgewaschen worden wäre. Es ist mir schon vorhin ausgefallen." Kling winkte ihm mit den Augen. „Schon möglich! Aber hören Sie, Grau Sie sagten doch einmal, — „das Blut lief ihm übers Gesicht". Gewiß, das haben Sie wörtlich zu Protokoll gegeben! Ader nach Ihrer heutigen Darstellung konnten Sie fein Gesicht ja gar nicht sehen. Denn Sie haben ausdrücklich betont, daß er vornüber gefallen ist. Also ein neuer Widerspruch! Finden Sie nicht auch?" Grau bewegte müde die Schultern. „Und — woher wollen Sie denn überhaupt wissen, daß Fuchs tot war?" Grau ließ langsam die Hände sinken und sah den Kommissar mit einem Blick sprachloser Ueberraschung an. Kling behielt ihn unverwandt im Auge. „Ja, ich meine, wie können Sie behaupten, daß er tot war, als Sie ihn verließen — und nicht am Ende bloß bewußtlos? Haben Sie denn den Leichnam untersucht?" Donald Grau wehrte entsetzt ab. „Was denken Sie! Ich habe diesen Kerl nicht mehr angerührtl" „Dann können Sie auch nicht mit Bestimmtheit behaupten, dafe dir Wirkung Ihres — Schlages, sagen wir — eine tödliche war. Es ist doch sehr leicht denkbar, daß er sich, nachdem Sie die Wohnung verlassen hatten, wieder von seiner Ohnmacht erholt hat, und heute schon wieder spring- sidell herumspaziert." Donald Grau blickte eine Weile starr vor sich hin. Dann schüttelte er langsam den Kopf und sagte im Ton unerschütterlicher Gewißheit: „Rein, Caspar Fuchs ist tot — ich weife es!" Der Kommissar verdrehte mit einem Seufzer der Ungeduld die Augen. Aber, lieber Freund, wie wollen Sie denn das wissen? So etwas kann doch überhaupt nur der Arzt mit Sicherheit feststellen. Oder waren Sie vielleicht auch bei seinem Leichenbegängnis?" Der Maler verzog nervös das Gesicht. „Nein. Aber wenn dieser Mensch nicht tot wäre — wenn er noch irgendwo auf dieser Welt lebte — im entferntesten Erdenwinkel ... Das — glauben Sie mir! — das würde ich fühlen. So gewiß, wie ich jetzt fühle, daß er tot ist!" Er hatte mit einer Uebcrjeugung gesprochen, die etwas merkwürdig Suggestives hatte, und der sogar das exakt arbeitende Gehirn Klings für Sekunden unterlag. Wieder, wie fo oft schon bei diesem rätselhaften Fall, fühlte er sich von einer unerklärlichen Gewalt angerührt, die feine Kritik lähmte und ihm alle Hilfswerkzeuge reiner Vernunft aus der Hand schlug. Die Stille im Zimmer wurde beinahe quälend. Auf einmal richtete sich Donald Grau steil auf und horchte mit ver- haltenem Atem nach der Flügeltür. Seine Pupillen wurden unnatürlich groß. Ein feiner Schweiß trat ihm auf die Stirn. „Da — hören Sie bas nicht?" flüsterte er mit trockenen Lippen. Kling kam vorsichtig näher. „Was denn, lieber Grau, was meinen Sie denn?!" Der Maler fing auf einmal zu zittern an. Erst war-es nur wie ein Schauer. Wie das erste Frösteln eines Fieberanfalles. Aber mit jeder Sekunde nahm es zu. Sein ganzer Körper wurde in wilden Stößen davon geschüttelt. Man hörte seine Zähne aufeinanderschtagen. Und plötzlich brach ein fast tierhastes Stöhnen aus ihm hervor. Mit übermenschlicher Änstrengung befreite er sich von den beiden Kriminalisten, die ihn nieder- zuhalten versuchten, und taumelte auf die Tür zu. Mit feiner ganzen Schwere warf er sich dagegen. Wie ein Besessener trommelte er mit den Fäusten gegen das Holz. „Sitzt Ihr denn auf euren Ohren, daß Ihr das nicht hört? Dieses Weinen — das muß — ein Tauber muß ja das hören!" Er rüttelte verzweifelt an den Angeln. Aber die Tür gab nicht nach. Kling und Jensen wechselten einen Blick des Einverständnisses. Der Kommissar faßte den Tobenden behutsam von rückwärts an den Schultern und fagte in feinem väterlichsten Ton: „Beruhigen Sie sich doch, mein Lieber! So bringen Sie ja die Tür nicht auf. Aber wir haben ja Werkzeug da. Glauben Sie denn wirklich, daß hier nebenan jemand ist?" Grau sackte in feinen Armen zusammen. Sein Gebrüll verebbte in einem kindlichen Winseln. Willenlos tiefe er sich einen Sessel unterschieden und trank das Glas Wasser, das Jensen inzwischen aus der Küche geholt hatte. Seine Augen standen voll Tränen. „Ja, ich weife es. Ich habe es Ihnen ja gleich gesagt, dafe sie noch in der Wohnung ist. Wenn Sie dort hineingehen — in dem großen Schrank — hinter der Tür — müssen Sie sie finden!" Kommissar Kling schüttelte hinter seinem Rücken ratlos den Kopf. Aber Jensen ergriff plötzlich mit überraschendem Instinkt für bas Richtige die Initiative. „Wenn Sie erlauben, Herr Kommissar", sagte er in zielbewusstem Ton, „dann gehe ich einmal in das Zimmer hiniiher und sehe nach. Vom Gang aus führt ja noch eine Tür hinein. Wir können uns also die Arbeit des Aufbrechens sparen. Und wenn noch irgend wer in der Wohnung versteckt ist, bann werden wir ihn schon kriegen. Darauf können Sie sich verlassen, Herr Grau!" Er ließ den Kommissar mit Grau allein und betrat das ihm bereits von seinem ersten Besuch her bekannte Schlafzimmer. Es war noch in genau bemfetaen vernachlässigten Zustand. Der Schlafraum eines Junggesellen, der feine Hauswirtschaft allein belorqt! Zigarettenstummel lagen auf dem Bettvorleger zerstreut. Aus dem Wcstch- tisch ftanb noch bas schmutzige Wasser, in bem sich Fuchs kurz vor feiner Verhaftung gewaschen haben mochte. Und burch bas feit Tagen offen- stehende Fenster drang eisige Kälte ein. Jensen nahm seine Ausgabe ernst. Er burchsuchte gewissenhaft bas ganze Zimmer nach irgenbeinem (ebe'nben Wesen. Besonbers ben monströsen Kleiberschrank unterzog er ber eingehenbften Prüfung. (Fortsetzung fo^gt.) Reraniwortlich: vr. HanS Thhriot. — Druck unbDerlag:Drühl'scheUniverNtäts-'Luch- und Steindruckerei.L. Lange, Giekren.