Eichener ZamMenblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 4933 Montag, den 25.5eptember Nummer^ Oer geheimnisvolle Nachen. Von Friedrich Nietzsche. Gestern nachts, als alles schlief, Kaum der Wind mit ungewißen Seufzern durch die Gasten lief. Gab mir Ruhe nicht das Kisten, Noch der Mohn, noch, was sonst tief Schlafen macht, — ein gut Gewissen. Endlich schlug ich mir den Schlaf Aus dem Sinn und lief zum Strande. Mondhell roar's und mild, — ich traf Mann und Kahn auf warmem Sande, Schläfrig beide, Hirt und Schaf: — Schläfrig stieß der Kahn vom Lande. Eine Stunde, leicht auch zwei, Oder war's ein Jahr? — Da sanken Plötzlich mir Sinn und Gedanken In ein ewges Einerlei, Und ein Abgrund ohne Schranken , Tat sich auf: — da war's vorbei! — Morgen kam: auf schwarzen Tiefen Steht ein Kahn und ruht und ruht ... Was geschah? so rief's, so riefen Hundert bald: was gab es: Blut?-- Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen Alle — ach, so gut! so gut! Revolte auf „A XVIII“. Von Carl Maria Gilgen. Weithin leuchtete die glänzende Metallhülle von „A XVIII". Das Riesenluftschiff schaukelte sich leicht im Morgenwind und zog knarrend die Seile am Ankermast an. Die Autos flitzten über den großen Flugplatz. Trotz der frühen Morgenstunde fanden sich die leitenden Funktionäre der Regierung ein, denn heute sollte „A XVIIT die größte Fahrt, die je ein Luftschiff unternommen hatte, antreten und gleichzeitig allen Ländern beweisen, wie der Staat mächtig sei und wie gerüstet. Das Riesenlustichifs sollte ohne Zwischenlandung einen Rundflug um die Erde unternehmen nut voller Kriegsausrüstung und vollzähliger Mannschaftsbesatzung. Es sollte damit gezeigt werden, daß „A XVIII" jeden Stützpunkt auf der Erde angreifen und wieder zurückkehren könne, ohne eine Zwischenlandung vornehmen zu müßen. . Der Präsident, gefolgt von den Regierungsmitgliedern durchschritt zum letzten Mal die Räume des Luftschiffes, besichtigte die Bombengondel, die Abwurfapparate und die Gaskammer. Der Kapitän Loberano durfte mit dem Präsidenten ein Glas Champagner auf „Gut Fahrt" leeren. Wenige Augenblicke water hob sich „A XVIII" majestätisch in die Lüfte und verschwand wie ein Traum in den sich ballenden Nebeln des Westens. - In sechzehn Stunden hatte das Luftschiff das Meer überflogen. Es mußten Stürme zerschnitten werden, und oft übertonte das Rauschen des Meeres, das seine Wellenberge schäumend emporwarf, das Knattern der Motoren. In allen Städten, die „A X> überflog, sammelten sich die Menschen in den Ltraßen, stuf Platzen und Tüchern. Sie starrten empor und bewunderten die,e-. Ungeheuer. Tie Zeitungen brachten Artikel gegen den Krieg und tur verdoppelte Aufrüstung, das Tischgespräch in den ^okalen dreyre sich ausnahmslos um dieses Ereignis. „Rapport über die Motore!" ruft der Kapitän von der Führergondel in den Apparat. , „Alles in Ordnung", tönt es von der Motorengonöel zuruck. „Ter Flug klappt ganz vorzüglich. Jetzt zeigen wir der Welt einmal unsere Zähne", meint dann Loberano zum Zweiten Kapitän und reibt sich die Hände. „Ich gehe zur Ruhe, Hick» , fugte er dann hinzu. „Lösen Sie mich ab. Wir nehmen die Gerade gegen Westen. Bevor wir zur Gebirgskette kommen, e-> kann nicht vor acht Stunden sein, wecken Sie mich, falls ich nicht bereit-- am Posten sein sollte." ... , . .- Sicks übernahm den Dienst. Er revidierte in gewißen Abhanden die Bußole und gab die Berichte durch die Funkstation an den Heimatflugplatz ab, mit dem, das Lustühiff ständig in Verbindung war. — Es mochten ungefähr vier stunden vorüber »ein, und der Morgen kam langsam über die Erde geschlichem da horchte Sicks auf. Sollte er sich getäuscht haben? Wahrlcheinlich, denn,da- war doch unmöglich! Bald hatte er sich wieder beruhigt. Eben wollte er sich eine Zigarre anzünden, da — wieder. Er horchte. Jetzt konnte er sich nicht getäuscht haben: Ein Pfeifen zerschnitt das Motorgeknatter. Hicks rief die Motorengonüel an: „Was ist mit den Motoren los?" - ' „Alles in Ordnung!" Hicks lief durch den Gang zur Motorengondel hinüber. Dort traf er sonderbarerweise den ersten Motorenmeister Erne, der jetzt Ruhepause hatte. Erne empfing den Kapitän mit strammer Meldung. Doch Hicks merkte sofort, daß ein listiges Leuchten tn seinen Augen lag, auch schienen in den gewechselten Worten Trotz und Haß aufzuflackern. Hicks ging in die Führergondel zurück. Er ließ Kapitän Loberano wecken. Inzwischen war der Morgen über die Erde gekommen, die satt und schlaftrunken tief unten sich dehnte. „Da stimmt etwas nicht", tagte Loberano, nachdem er sich von den Wahrnehmungen Hicks' überzeugt hatte. „Ich werde nachsehen, kommen Sie mit." Als beide in den Gang des Lustschiffes einbiegen wollten, um nach rückwärts zu gelangen, fanden sie die Tür verschloßen. Es half kein Rütteln und kein Rufen. „Verflucht, was geht da vor?" Sie liefen zurück in die Führergondel und riefen durch den Apparat die Motorengondel an. Dort meldete sich der erste Motorenmeister Erne: „Alles in Ordnung, Kapitän!" In dieser Meldung lag breites, höhnisches Grinsen. „Zum Teufel, die Gangtür ist versperrt! Was soll das, Erne?" „Daß Sie sich als Gefangener betrachten müßen, Kapitän. Wir fliegen vorschriftsmäßig ostwärts. Sind wir über dem Gebirge drüben, dann landen wir, und Sie sind wieder frei. Sie können dann Ihrem Vaterlande melden, daß „A XV11I" von den Vereinigten Ostrepubliken dankend übernommen wurde und sich in ausgezeichnetem Zustande befinde." Mit einer Lache schnitt das Gespräch ab, denn Erne hängte den Apparat auf. „Was nun?" Loberano und Hicks, die beiden Kapitäne, standen einander wortlos gegenüber. Sie liefen die Gondel auf und ab. Ihre Gehirne arbeiteten. „Verteufelt, das Luftschiff steigt! Sie wollen über das Gebirge hinüber ... rief Loberano. Zufällig hatten sie eine zweite Senbestation in der Führergondel. Nach wenigen Augenblicken konnte Hicks eine Meldung abfangen, die der meuternde Funkbeamte abgab: „A XVIII" nimmt jetzt die Höhe des Gebirges, um es glatt zu überfliegen. In drei Stunden ist das Luftschiff drüben." Diese Meldung war für die Vereinigten Ostrepubliken abgegeben worden. Da funkte Hicks an das heimatliche Kommando. Beide warteten gespannt auf Antwort. Sie ließ längere Zeit auf sich warten. Endlich traf sie ein. Sie lautete: „Gas auslaßen. Steigen verhindern. Unbedingte Landung vor dem Gebirge erzwingen. Auch auf Kosten des Luftschisfes. Oberkommando." „Das ist zu machen", sagte Hicks. * Inzwischen stieg das Luftschiff stetig und würde bald die Höhe des Gebirges erreicht haben. „Wir dürfen keinen Augenblick versäumen!" „Vorher, müßen wir nun unsererseits den Gang verrammeln, damit Erne uns nicht bei unserer Arbeit stören kann." Mit allem Erreichbaren wurde der Gang verstellt. Außerdem hoben sie auf eine Länge von acht Metern den Boden der Gondel aus und warfen ihn in die Tiefe. Bretter oder Leitern waren nicht an Bord, so daß es ausgeschloffen war, diese Kluft, die in die Tiefe mündete, zu überbrücken. Mühsam krochen die beiden Kapitäne, den Gang, der zur vorderen Glasklappe führte, empor. Anfangs innen. „Bleiben Sie in der Führergondel, Kapitän und beobachten Sie. Sollte ich ab- ftürzen, dann arbeiten Sie weiter. Wozu sollen wir beide uns opfern und das Werk zum Scheitern verurteilen." „Gut, Hicks. Es wird Ihnen nicht vergeßen werben!" Loberano kroch in die Führergondel zurück. Inzwischen hatte Hicks die Außenseite des Luftriesen erreicht: nun Hetetrte er an einer kleinen Metalleiter zum Gasventil empor. Sproße für Sproße. Ganz langsam, denn ein Sturm rüttelte an dem Körper, alle Sehnen spannten sich an, die Muskeln strafften sich, der Körper suchte sich an den Leib des Luftschiffes anzupreßen, um dem Luftzug möglichst wenig Widerstand zu bieten. Nur langsam ging es aufwärts. Ganz langfam. Olck-> verschlug es oft den Atem. Er durfte sich nicht der Fahrtrichtung zuwenden. Er hatte das Gefühl, als würde ihm die Brust eingedrückt. Jetzt ... Er hatte den Bentilhebcl erreicht. Mit beiden Händen griff er nach ihm und hängte die ganze Last des Körpers dran. (Sin langsames Drehen ... jetzt... er war geöffnet und das Schi'vü men d^klammerte sich Hicks an der Leiter an. Er war einer Oünmackt nahe, jetzt, da das Werk erfüllt war. „Zum Teufel, was machen Sie denn?" brüllte Erne durch bas ^^„Da/Heliumgas anslassen, damit Ihr Meuterer nicht über die Berge kommt!" rief Loberano zurück. . Er Mite noch einen Fluch, Erne stürmte mit seiner Mannschaft durch den Gang. In rasender Hast räumten sie die Hindernisse ans dem Weg. „Verdammt!" „ _ Q Sie standen vor der aufgerissenen Kluft. „Das Luftschiff sinkt, meldete der Steuermann dem ersten Motorenmelster Erne. „Kommen wir noch hinüber?" . „Keinesfalls. In einer halben Stunde ist Notlandung. Ob wir wollen oder nicht." — * Loberano kroch zu Hicks empor, um ihn herunterzuholen. „Wir bleiben oben, Kapitän. Das Luftschiff wird bei der Notlandung zertrümmert, die Gondeln werden zu Brei zerschlagen. Hier oben ist es am sichersteü", erklärte Hicks. Beide Männer klammerten sich an die schmale Leiter. Der Luftzug hatte nachgelassen. Das Luftschiff sank von Minute zu Minute. Die Erde kam naher. Bereits waren Häuser deutlich erfennbar. Die einzelnen Baume konnten unterschieden werden. In der Ferne dämmerte das Gebirge auf. „Dort!" deutete Loberano hin. „Es war höchste Zeit", nickte Hicks. Da senkte sich der Luftriese rasch. Die Ackerfurchen kamen in greifbare Nähe. Ein Anprall ... ein Beben ging durch „AXVHI . Knirschen und Zersplittern überschrie den Leerlauf der Motore. Kaum vermochten sich bei den furchtbaren Stößen die beiden Kapitäne festzuhalten. , r m „ Sie wurden von der Ventilleiter herabgeholt. Beide waren ohnmächtig. Ermattung und Aufregung hatten sie überwältigt. Ihre Hände aber hatten sich in die Leiter verkrampft. Ein Riesen- wrack bedeckte die Aecker. Aus ü.en Gondeln wurden verstümmelte Leichen geborgen. , _ „Das Vaterland dankt den beiden Kapitänen Hicks und Loberano. Der Präsident." Dieses Telegramm erreichte die Beiden wenig später im Spital, in bas sie zur Erholung gebracht worden waren. Wallenstein. Zu seinem 35v. Geburtstage. Von Dr. Kurt Haack. Napoleon hat einmal gesagt, daß der Ruhm des größten Helden verbleichen müsse, wenn ihm sein Dichter fehle. Niemals hätte Achill ewig im Geist der Menschheit fortgelebt, wenn nicht Homer fein Andenken bewahrt hätte. Dies trifft trotz aller Verbreitung historischer Forschung auch heute noch zu. Wallenstein ist dafür ein gutes Beispiel. Was wüßte heute noch die breite Masse von diesem unheimlich funkelnden Kometen des Dreißigjährigen Krieges, der, plötzlich austauchend, tri kurzen acht Jahren durch das zerrissene deutsche Vaterland zog, um ebenso plötzlich in einem gräßlichen Sturz zu versinken? Nichts, wenn Schiller nicht diesen Helden seines größten Dramas unsterblich gemacht hätte. Und mit den Augen Schillers we'rden wir Wallenstein sehen, auch wenn die Wissenschaft in immer neuen Büchern und Abhandlungen das psychologische Rätsel seines Handelns und Nichthandelns erwägt und deutet. Schiller hat in seiner „Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" Wallenstein schwankend gegenüber gestanden. Zunächst hauptsächlich von einem kaiserlich gesinnten Darsteller beeinflußt, sah er in ihm den genialen Verschwörer, aber je weiter er vordrang, desto bedenklicher wurde er und schrieb schließlich: „So fiel Wallenstein nicht, weil er ein Rebell war, sondern er rebellierte, weil er fiel". Im Drama freilich mutzte er eine feste Stellung einnehmen und die psychologische Deutung .zu einer heldischen steigern. So wird bei ihm der Generalissimus zum Patrioten, der deutscher Neichssührer werden möchte, um seinem Vaterland den Frieden zu bringen. Die Tat des Verrats, an sich ixeber gut noch böse, wird erst durch den Zweck geheiligt oder verflucht. Daß Wallenstein den rechten Augenblick zum Handeln nicht findet, ist seine tragische Schuld, die zur Katastrophe führt. Die Frage: Verräter oder nicht? steht heute noch im Mittelpunkt der Wallenstein-Forschung, ohne daß die Beibringung neuen Materials das Schwanken zwischen Schuld und Unschuld endgültig beseitigt hätte. Nur das immer tiefere Eindringen in Wesen und Seele dieses problematischen Charakters führt zu einer klaren Eekenntnis, und so ist es wohl nicht ohne Grund wieder eine dichterische Erscheinung gewesen, der diese „komplizierteste Erscheinung der neuern Geschichte" uns menschlich näher gebracht hat. Es ist Ricarda H u djr, die mit fast zärtlicher Hand Hülle um Hülle von dem Kern seiner Natur löste, und in dies Innere sehen ließ, das menschliche Größe und Schwäche in innigster Verflechtung zeigt und so recht den ewigen Widerspruch alles irdischen Tuns offenbart. Der größte Teil von Wallensteins Leben vollzieht sich im Dunkel einer adligen Durchschnittsexistenz vom Anfang des siebzehnten Jahrhunderts. Erst 1625, als er bereits 42 Jahr alt war, wird seine Persönlichkeit über die engeren Grenzen seiner Heimat hinaus bekannt. So erscheint z. B. in den Berichten des spanischen Gesandten am Wiener Hof der Name zum erstenmal in diesem Jahr im Zusammenhang mit dem Plan des Kaisers, ein Heer anzuwerben. Zunächst verläuft seine Jugend und Ausbildung ht Öen gewöhnlichen Bahnen. Nach stürmischer Studentenzeit wird Wallenstein einer jener habgierigen und bedenkenlosen Edelleute, ine damals die größte Macht in Böhmen an sich geriffen hatten. Freilich seine Habgier ist stärker als die der anderen: Machtgier, Sinn für prunkvolle Repräsentation treten bereits hervor, und mit einer schicksalsvollen Leidenschaft ergibt er sich dem Aberglauben der Zeit, der Astrologie: „Wie er sein Schicksal an die Sterne knüpft, so gleicht er ihnen auch in wunderbarer geheimer, ewig unbegns- fener Bahn". t Es ist schwer, zu erkennen, wie weit der Glaube an die Sterne seine Laufbahn entscheidend beeinflußt hat. Aber merkwürdig sind die Zusammenhänge zwischen den Prophezeiungen des grotzten Sterndeuters, dem er sich anvertraute, Keplers, und der Entfaltung seines Wollens und Werdens. 1608 stellte ihm Kepler das Horoskop und sagt von ihm, „daß er ein wachendes, aufgemuntertes, emsiges, unruhiges Gemüt habe: allerhand Neuerungen begierig: dem gemeines menschliches Wesen und Händel nicht gefalle, sondern der nach neuen, unversuchten und doch seltsamen Mitteln trachte, viel mehr in Gedanken habe als er äußerlich sehen und spüren lasse. Auch gewaltsam wird er fein, unbarmherzig, ohne brüderliche und eheliche Liebe, niemanden achtend, nur ihm und feinen Wohllüsten ergeben, hart über die Untertanen, geizig, betrüglich, ungleich im Verhalten, meist stillschweigend, oft ungestüm, auch streitbar. Dann läßt sich bei ihm sehen großer Ehrendurst und Streben nach zeitlichen Dignitäten und Macht." Spater hat Kepler allerdings weitere Fragen dieses drängenden Suchers ironisch abgelchnt, aber wenn er ihm 1625 voraussagte, daß der Monat Februar 1634 nach der astrologischen Konstellation für sein Schicksal bedeutsam sei und ihm Unheil bringen werde, so hat er vielleicht damit dazu beigetragen, daß Wallenstein im entscheidenden Augenblick zögerte, die unheilbringende Zeit erst vorübergehen lassen wollte, und durch dieses Zaudern seine Ermordung am Vorabend des 1. März 1634 herbeiführte. Mit dem Glauben an die Gewalt der Gestirne ist bei diesem echten Sohn seiner Zeit eine verschlagene Realpolitik verknüpft, die ihn mit zäher Ausdauer auf dem einmal beschrittenen Wege fortgehen ließ. Um des Fortkommens willen tritt der Sproß einer zur Brüdergemeinde gehörigen Familie zum Katholizismus über, geht er eine vortreffliche Ehe ein; aber weder religiöse noch Familiengefühle bestimmen ihn. Im Mittelpunkt seines Wesens steht eine ungeheure Selbstsucht als treibende Kraft. „Gott im Himmel — ich auf Erden!" dieses Wort ist der Ausdruck des fatalistischen Hochmuts, der ihn auf seiner Bahn vorwärtstreibt. Sein Aufstieg in den Wirren des langen Krieges bringt überraschend schnell feine Kräfte zur Entfaltung. Als er nach seinem ersten Generalrat gestürzt wird, gehört er schon zu den mächtigsten Männern ganz Deutschlands, und als die Furcht des Kaisers vor Gustav Adolf ihn aufs neue zur Macht beruft, gewinnt er einen Einfluß, wie ihn seit Jahrhunderten kein Deutscher auf die Geschicke des Landes besessen, steht er als „Kaiser des Kaisers" auf schwindelnder Höhe, die den Keim seines Sturzes birgt. Das Mißtrauen gegen diesen Allmächtigen mutzte am Wiener Hofe wachsen, das Vertrauen des Kaisers war erschüttert, als er durch seine irrigen strategischen Berechnungen vom November 1633 das Haus Habsburg, das er zweimal gerettet, aufs neue in Gefahr brachte. Er aber glaubte unerschütterlich an seinen Stern und liotz den Monarchen rinn erst recht seine Abhängigkeit fühlen. Die damals herrschende Lehre des Machiavellismus, die er in seiner verschlagenen Diplomatie so meisterhaft zu handhaben wußte, wandte sich gegen ihn selbst, untergrub jedes Treueverhältnis, auf das er sich hätte stützen können und aus 6er dem Fürsten zugebilligten „Mordbefugnis" erwuchs das Gericht über den Abtrünnigen, das ihn znm Tode verurteilte. Wallenstein ist kein Feldherr gewesen wie sein Gegner Gustav Adolf; den Sieg über diesen größten Widersacher verdankte er nur dessen Tod, und bald schwand sein kriegerischer Nimbus durch Bernhard von Weimars bessere Taktik. Aber er war ein genialer Organisator, der es wie kaum ein anderer verstand, Armeen aus dem Boden zu stampfen, ein Hecresschöpfer, der durch diese Organisationsbegabung auch ein Heereserhalter wurde. So hat er dfe österreichische Armee begründet und ihr einen festen Zusammenhalt durch den Einfluß der magnetischen Gewalt seiner dämonischen Persönlichkeit gegeben. Die politischen Ideen, die er während seines zweiten Generalrats zu verwirklichen strebte, sind wohl eines großen Staatsmannes würdig, denn er wollte durch Wiederherstellung des Religionsfriedens Deutschland selbst den Frieden bringen und es politisch einigen. Wenn dieser gewaltige Plan, der die efgentfiche geschichtliche Größe seines Wirkens ausmacht, scheiterte, so lag dies in der Problematik seiner Natur, die wieder das menschliche Interesse an ihm stets wachhalten wird. Von des Gedankens Blässe angekränkelt, schwankt er in entscheidenden Augenblicken unschlüssig hin und her, und in sein Leben greift verhängnisvoll die unheimliche Gewalt jener dunklen Schicksalsmächte, denen er sich anheimgegeben. Vielleicht würden wir ihn heute einen Hysteriker nennen. Jedenfalls wurde er von nervösen Störungen heimgesucht, die man damals seinen „Schiefer" nannte. Gegen Geräusche war er so empfindlich, daß er, wie ein Zeitgenosse schreibt „nicht hören konnte, daß etwa ein Spatz zu laut geschrieen". „Er mocht den Hahn nit hören krähn, kein bellend Hünblein um sich sehn", heißt es im Volkslied. Bei diesen Anfällen konnte er eine wilde Grausamkeit zeigen, indem er, wenn ein Soldat zu laut mit den Sporen klirrte, den Besetzt gab „Laßt mir die Bestie henken!" Und derselbe Mann war ein gefühlvoller Träumer, der in seine Gärten und Bäume verlievi mar und rührend für das Wohl seiner Gärtner sorgte. Die krant- hafte Veranlagung, die zweifellos ein Element seiner Wirkung ausmachte, mußte zugleich verhängnisvoll auf sein sandeln einwirken. So mehren sich gegen Ende seines Lebens die Züge, die aus einen Verlust seines inneren Gleichgewichts, auf einen nervösen Zusammenbruch hindeuten. Der verschlossene Mann, der eine Atmosphäre des Geheimnisvollen um sich verbreitete und nichts Schriftliches von sich gab, wird immer unvorsichtiger in seinen Reden, immer unbegreiflicher in seinem Tun, spielt mit den Gedanken des Verrats. Der despotische Sonderling empfindet, innerlich ausgehölt, die Tragik der Einsamkeit,- er fühlt sich verloren, von den Besten verlassen, und mit fatalistischer Ruhe und Größe geht er dem Tod entgegen, den ihm die Hellebarde des Leutnants Deveroux im Schloß von Eger brachte. Das Zeitalter der Entdeckungen. Von Professor Dr. Hans Plischke. Wir entnehmen folgenden Abschnitt dem Buch von Professor Dr. Hans Plischke „Entdeckungsgeschichte vom Altertum bis zur Neuzeit", das im Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig erscheint. (Preis 1,80 Mark.) Die zusammenfassende Behandlung dieses Stoffgebietes sowie die interessante Darstellung, die besonders die politischen, wirtschaftlichen und geistes- geschichtlichen Gründe für die Entdeckungen erkennen läßt, erscheint uns sehr beachtenswert. Am Ausgang des Mittelalters, namentlich aber im 15. Jahrhundert, nahm die Seefahrtskunst des Abendlandes einen großen Aufschwung. Seit dem Ende des 12. Jahrhbunderts wurde, wohl durch Vermittlung der Araber, die vock den Chinesen erfundene Magnetnadel im Mittelmeer bekannt. Mit Hilfe des Kompasses kam man frei von der Küstenschiffahrt, auf die man sich bisher hatte beschränken müssen. Nur im Mittelmeer und unter Ausnutzung der Monsune im Indischen Ozean war man vordem über das offene Meer gefahren. Mit der Einführung der Magnetnadel gewann man nicht nur große Sicherheiten bei Seefahrten fern der Küste, sondern auch die Möglichkeit, bei Nacht und Nebel zu segeln. Bisher war man bei schlechter Sicht und bei Dunkelheit rechtzeitig an sicherer Stelle der Küste vor Anker gegangen. Den Arabern verdankte Europa ferner den Gebrauch des Astrolabiums. Dieses von Hipparch erfundene und von Ptolemäus eingehend beschriebene astronomische Instrument hatten die Araber von den Griechen übernommen. Es bestand aus zwei konzentrischen, gegeneinander verdrehbaren Kreisen, die mit Dioptern und mit Gradeinteilung versehen waren, und diente zur Messung der Sternhöhe. Später, in neuerer Zeit, wurde das Astrolabium durch den Spiegelsextanten ersetzt. Im 15. Jahrhundert wurde außerdem der Jakobsstab erfunden, der allerdings erst nach Kolumbus und Vasco de G a m a als Hauptinstrument für Ortsbestimmungen auf See verwendet wurde. Der Jakobsstab — so benannt nach dem Stabe des Apostels Jakobus — bestand aus einem längeren, mit Gradeinteilung versehenen Holz und einem darauf senkrecht stehenden, kurzen, verschiebbaren Querholz. Das Ende des längeren Stabes brachte man beim Visieren dicht vor das Auge und verschob dann das Querholz, bis dessen unteres Ende den Horizont, das obere den Stern, dessen Höhe man messen wollte, berührte. Dieses Instrument war bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts noch allgemein auf Schiffen in Gebrauch. Dazu gesellten sich seil dem 15. Jahrhundert die von Astronomen berechneten Ephemeriden, aus denen für jeden Zeitpunkt eines Jahres die Stellung der Gestirne entnommen werden konnte. Die ersten gab für die Jahre 1450 bis 1461 der deutsche Gelehrte Peuerbach, die damals bekanntesten der Nürnberger Astronom Regiomontanus für die Zeit von 1475 bis 1506 heraus. Durch den Nürnberger M. Vehaim wurden diese Ephemeriden und Verbesserungen, die Regiomontanus an astronomischen Instrumenten vornahm, in Lissabon bekannt. Schließlich hatten die Italiener größere Schiffe zu bauen gelernt. Sie schufen Seefahrzeuge, in denen bis zu 200 Mann untergebracht werden konnten. Gemeffen an modernen Schiffen, waren die des 16. Jahrhunderts sehr klein. Die drei Karavellen, mit denen Kolumbus 1492 ausfuhr, hatten einen Inhalt von 280, 140 und 100 Tonnen. Die Schiffe, in denen der Portugiese Barto- lemco D i a z die Sübspitze Afrikas umfuhr, besaßen je 50 Tonnen Rauminhalt. Die erste Ostindienfahrt der Portugiesen unter Vsaco da Gama wurde ausgeführt in zwei Dreimastern zu 120 und 100 Tonen. Die erste Weltumsegelungsfahrt trat Maga l h a e s 1519 mit fünf Schiffen an, von denen die „Trinidad 100, die „Antonio" 120, die „Concepcion" 90, die „Victoria" 85, die „San Jago" 75 Tonnen aufwies. Aber so klein die Schiffe des Zeitalters der Entdeckungen einer späteren Zeit anmuten mußten, verglichen mit mittelalterlichen Schiffen, kann man ivnen doch eine reichlichere Raumgestaltung zusprechen. Die Verpflegung auf den Schiffen beschränkte sich außer auf Wasser, das meist in offenen Tonnen auf dem Schiffsdeck stand, im wesentlichen auf Hartbrot und Salzfleisch, Nahrungsmittel, die es tagaus tagein gab und die obendrein bei langer Lagerung im dunklen Schiffsraum außerordentlich litten. Ein Teilnehmer der ersten Wcltumsegelungsfahrt, der italienische Ritter P i gasett a, schildert die Verpflcgungsverhältnisse während der dreimonatigen Fahrt über den Stillen Ozean folgendermaßen: „Der Zwieback, den wir essen mußten, war kein Brot mehr, sondern nur noch Staub, der sich mit Würmern, die denZwieback durchfressen hatten, vermischt hatte und der durch den Urin von Mäusen einen unerträglichen Geruch angenommen hatte. Das Wasser, das wir zu trinken gezwungen waren, war faulig und stinkend. Um nicht Hungers zu sterben, mußten wir Stücke Rindsleder essen, mit denen die große Rahe überzogen war, um die Taue vor dem Zerreißen zu schützen. Diese Lcderstücke, die jahrelang dem Regen, der Sonne und dem Wind ausgesetzt waren, hatten solche Härte, daß wir sie vier bis fünf Tage lang ins Meer hängen mußten, um sie ein wenig aufzuweichen. Dann brieten wir sie, um sie zu essen. Gar oft nahmen wir auch aus bitterster Not Sägespäne zu uns. Selbst Mäuse, so widrig sie dem Menschen sind, waren für nus eine begehrte Speise." Infolge dieser mangelhaften Ernäh- rnngsverhältniffe litt die körperliche und seelische Widerstandsfähigkeit der Expeditionsteilnehmer, brach unter den Leuten allerlei Krankheit, besonders der Skorbut, aus. Der Dienst auf den Segelschiffen des 16. und 17. Jahrhunderts war schwer und hart. Die Matrosen waren nur in zwei Wachen eingeteilt. Um ihre Stimmung, ihr seelisches Wohl kümmerte man sich nicht. Daher stellten die Entdeckungsunternehmcn dieser Zeit große Anforderungen an Körper und Geist. Meutereien, bei denen vom Führer die Heimkehr gefordert wurde, waren an der Tagesordnung. Mit Härte wurden solche Versuche niedergeschlagen. Infolge dieser Zustände waren die Verluste an Menschenleben, die diese Fahrten aufwiesen, auffallend hoch. Mit Magalhaes verließen 1519 265 Mann Europa, von denen 1522 mit dem Schiff „Victoria", der ersten Weltumscglerin, nur 30 Mann den heimatlichen Boden wieder betraten. Die Schwierigkeiten, die die Entdecker des 15. Jahrhunderts zu überwinden hatten, waren trotz nautischer und technischer Neuerungen, ebenso aber auch trotz der durch die humanistischen Bestrebungen stark in den Vordergrund getretenen kosmographischen Lehren des Altertums ungewöhnlich. Aber wirtschaftliche und politische Faktoren drängten bas Abendland zur Aufsuchung eines vom Orient unabhängigen Handelswegs nach Indien. Auf den Wegen dorthin entdeckte man die Küsten Afrikas und im Westen des Atlantischen Ozeans, zwischen Europa und Asien, einen neuen Kontinent, dem man den Namen Amerika gab, und ein neues Weltmeer, den Stillen Ozean. An den Entdeckungen jenseits der Meere nahm man im 16. Jahrhundert weithin regen Anteil. Dieses Interesse wurde geweckt und verbreitet durch die im 15. Jahrhundert erfundene Buchdruckerkunst. Anfangs erschienen zwar im Druck in erster Linie religiöse, bald aber auch gelehrte Bücher, darunter die Kos- mographie des Ptolemäus. Dadurch fand die aus dem Altertum geschöpfte erdkundliche Kenntnis Eingang in die gelehrten Kreise. Im engsten Anschluß an die Kosmographie des Ptolemäus wurden neue Erdbeschreibungen herausgegeben, die dem nun gewonnenen Stand der Erdkenntnis Rechnung trugen. Gleichzeitig gab man auf wenigen Blättern, damals in Deutschland „zey- tungen" genannt, die Entdeckungserfolge im Osten und Westen bekannt. Diese Blätter fanden reißenden Absatz und weckten das Verlangen nach Abenteuern in dieser, an Wunder so reichen indischen Ferne. Abenteurer aus allen Ländern strömten in spanischen und portugiesischen Häfen zusammen, um an den Seefahrten teilzunehmen. Auch viele Deutsche sind in den Mannschaftslisten solcher Fahrten verzeichnet. Man hat die Namen von über 1200 Deutschen festgestellt, die im 16. Jahrhundert auf spanischen, portugiesischen, französischen und holländischen Schiffen als Matrosen, Büchsenschtttzen, Artilleristen sowie als Beauftragte süddeutscher Handelshäuser ist Ost- und Westindien oder in Afrika weilten. Die Kapitäne und Piloten der spanischen und portugiesischen Schiffe waren verpflichtet, Berichte über ihre Erlebnisse und Beobachtungen zu geben. Aber auch manch einfacher Matrose und Soldat hat seine Eindrücke geschildert. In Spanien und Portugal wurden durch Gerichtsschreiber, die vom Staat eigens zu diesem Zweck bestellt waren, diese Logbücher, Reisebeschretbungen und Berichte zu historisch-landeskundlichen Monographien vcrarheitet. Si« lieferten Kenntnisse, die unbedingt notwendig waren, wenn man die neuentdeckten und besetzten Länder gewinnbringend ausbeuten wollte. Die Berichte selbst wurden schon frühzeitig in Sammlungen zusammengefaßt. Die erste erschien 1502 in Portugal, herausgegeben von Valentin Fernandez, einem Deutsch- Mähren. Bald folgten solche in Italien, so die von Ramusio, in England, so die von Hakluyt und Purchas, in Frankreich die von Thövenot und Deutschland die von de Bry und Hulsius. Die in Deutschland erschienen auf dem damals führenden Frankfurter Büchermarkt und zeichneten sich aus durch die Beigabe zahlreicher und guter Kupferstiche. Der Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.). (Fortsetzung.) Sicherlich saß hier auch nur eine Rosemarie, enttäuscht von den Unbilden früher Lebensjahreszeiten, sehnsüchtig auf Möglichkeiten der Entfaltung hoffend und unter Zögern sich in eine Richtung begebend, von der sie nicht genau wußte wohin. Aber, wenn man's recht bedenkt, so wird jede der dutzend Frauen, die hier im Laufe eines Jahrhunderts in Lust oder Gram saßen, sich von ihren Mitschwestern unterschieden haben. Alls Elli mit ihrem Fahrrad ankam, war Schönlein im Begriff, zu einer kurzen Besorgung fortzugehen. Also hatte sie Zeit, sich auszuweinen. Aber Peter vergaß, einen Akt mitzunehmen, kam nach fünf Minuten zurück, wobei er ihr eine Tüte Pfefferminzpralinen mitbrachte, nur so eben als Tröstchen im nächsten Loden gekauft, ein Viertelpfund. Dann ging er eilig wieder weg. Seine Geschäfte zögerten sich etwas hin, und erst Gät fand er ein paar Minuten Zeit, um den Doktor Wagenschanz anzurufen, „Das ist alles anders, Elli. Geht viel tiefer. Bis in die Wurzel." Sie überlegt mit ihrem ungelehrten Köpfchen, was wohl bis in Peter Schönleins Wurzel gehen könnte. Die Leute haben jeder seine Sorge, jeder seinen Gram, und jeder bekümmert sich nur um den Dreck, in dem er selber bis an den Hals steckt. Es ist nicht mehr die Zeit, in der man sich stolz im Zusammenhang mit dem Ganzen empfindet. Aber so groß und plötzlich aufgewacht ist jetzt ElliS Bemühen, daß sie bis zu der zweifelnden Frage vordringt: „Ist es wegen Deutschlands^" Der Mann spielt mit seiner großen, blanken Papierschere. „Aber nein, Kindchen. Was kann ich dafür? Ich habe immer getan, was ich konnte. Man kann sich zwar Vicht vorstellen, baß man so tief unten, als ginge es nie wieder hrnauf, als Einzelner glücklich sein kann." Er stockt immer wieder und laßt seine Augen auf dem spiegelnden Metall der Schere, klapp, macht sie mit einem bell reibenden Ton, klapp, und schneidet etwas nicht Vorhandenes weg,*kl ap p. ^,Oder"doch. iclleicht ist es sein Unglück, das uns alle innerlich schwanken macht, bis wir uns >elber anzweiseln. So sind wir ja selber: Deutschland ist seit allen Zeiten ein Traum, von dem viel geredet wird, aber er verwirklicht sich nicht, er wird niemals Wirklichkeit werden, er scheitert immer wieder an den Deutschen. Wir sterben unfertig, ein ganzes Volk. Und wa» uns gelingt, das kommt immer mühsam aus irgendeinem Elend hervor, “U es^ja^e°igentlich gewohnt", flüstert Elli beklommen. Sie versteht soviel wie ein Hund, der seinem Herrn zuhort: den Ton. Also alles. Also mehr als alles. Es tut Schonlein wohl, mit einer Frau zu reden, die ihm nichts erwidert um des Erwiderns willen. Er greift zum Fernsprecher.und bestellt ein paar Flaschen Wein, ausgesuchte Sorten, nicht teuer, etwas, was man findet, wenn man gelegentlich den Prozeß eines Weinhändlers gewonnen hat. Aber diese Bestellung gilt nicht, wie sich zeigen wird. Denn jetzt erscheinen die Gäste. Nur zwei? Nur Doktor Wagenschanz, und in seinem Gefolge Rosemarie Reubold? »Mein Neklamemann brütet ein wichtiges Ei aus", gibt Anton zur Kenntnis, „und wünscht dabei ungestört zu bleiben. Sie genehmigen darum diese intimere Zusammenstellung." t m . „Genehmigt", sagt Schönlein leichthin. Er nimmt Rosemaries Hand, drei Wochen war sie nicht hier, früher immer, Tag für Tag, sie blicken aneinander vorbei und reden sich mit Sie an. Ohne Frage, das ist richtig vor den andern, aber ohne Frage, es ist auch nötig so vor ihnen selbst. .Ich werde dir heute zeigen, denkt er in ihre streng gewordenen Augen hinein, was du aufgegeben 'Warum sind Sie denn heute weggelaufen, Elli?" erkundigt sich Doktor Waqenschanz gemütlich. „Sie hatten nämlich eine Viertelstunde später erfahren, daß Sie aufgebessert worden sind, bedenken Sie, heutzutage!" Der Wein steht auf dem Tisch. „Um — wieviel war es noch", überlegt er, „um zehn Mark. „Wenn schon." Sie rümpft gegen ihn die frechen Lippen. „Wird ja doch nicht ausgezahlt. Bessert mich nur auf, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Ich habe trotzdem kein Gluck. Anton ergreift die Flasche und prüft die Marke, ohne daß er sich etwas dabei denken kann. „Wein?" Man sieht und spurt ihn in Peters Arbeitszimmer hinüberstampfen, dort sucht er eine Telephon- nummer heraus. „Schicken Sie sofort drei Flaschen Sekt zu Herrn Rechtsanwalt Schönlein." . . „Was für eine Sorte, wenn ich bitten darf? lautet die Frage. „Die teuerste." Abgehängt. . , Prolet!' denken Rosemarie und Peter einstimmig. „Haben Sie heute eine Feier?" erkundigt sich der Gastgeber mit gerun- Acltei (Stitnc. Dieser Vorfall, der allem Gastrccht widerspricht, schafft eine feindselige Stimmung. Rosemarie öffnet stehend den Tastendeckci des Flügels, ihre Finger fahren ein paarmal unentschlossen zustoßend über die blanken Tasten,' aber bevor eine Melodie erkennbar wird, bricht das Mädchen ab. „Neben Sie noch?" „Ich habe wenig Zeit." „„ „Und wie steht es mit den Konzerten, die Sie geplant haben? „Sollten die Waqenschanz-Werke sich in einiger Zeit durch- gebisscn haben", mischt Anton sich ein, „so kann Fräulein Reubold so viele Konzerte veranstalten, wie sie mag." , „Wird sie dann noch mögen?" zweifelt Peter. „Was lesen «ie? examiniert er. „Nichts? Sagen Sie, warum muß man in unferm Land immer so gründlich die Fahne wechseln? Warum kommt man hierzulande aus den Gebirgen von Jahrtausenden und verliert sich spurlos in der Ebene unsrer flachen Gegenwart? Peter, bitten ihre Augen, vergiß nicht, daß ich bei dir em- gcladcn bin. , , t . Sein Blick antwortet: ,Jch habe dich nicht eingeladen. da» hat dein Herr Chef getan, und er spendiert jetzt auch folgerichtig den Sekt.' Dieser ist in wenigen Minuten zur Stelle, kellerkalt, cui Pfropfen knallt protzenhaft an die Decke, der Schaum strömt ui die Gläser, die Schönlein aus dem hintersten Winkel des Geschirr schranks hervorgesucht hat. Beim Sekt, wenn man ihn selten trinkt, denkt man gern: wann trinken wir die nächste Flasche, wann tranken wir die vorige, das war noch in Lisas Zeit! Anw damals wollten die innerlichen Zustände keinen festeren Umn« gewinnen, nur die Erinnerung täuscht ihn jetzt vor. Prost, Meteor meines Lebens, wir sind alle nur Raketen und verpuffen rubmw^i Uebrigens, Gastgeber ... Mit der Sicherheit seiner dialektitchen Fähigkeiten baut Peter a» den hohen Bogen eines Gesprächs, ote hie und da von den Pfeilern der höchst einsilbigen Erwiderungen. Rosemaries gestützt werden. In diesem Zusammenhang komm: e« auf Elli nicht an, sie besitzt die glückliche und weit verbreitete Gabe, mit Spannung auch da zuzuhören, wo sie kein Wort ver- steht. Wichtig ist nur, daß die Unterhaltung auf ästhctilchcn Fittichen hoch iiber Doktor Wagcnschanz' Bauernschädel hinwegglettcl- Schönlein bat den Mann nicht eingeladen, oder wenn, dann nur" um Ellis Entlassung bei einem Glase Wein abzuwcndcn. Gle,au- viel, zartbesaitet ist der Grünkramdoktor nicht. Bün Musik rcocn. die beiden ans der anderen Welt, sie finden sich leicht durm ö Gewirr unverständlicher Fachausdrücke, schon gleitet «chonici nut einer spielenden Wendung in die Literatur. (Fortsetzung folgt.) "3eranttoon diesen Wochen quälten ihn die beruflichen Aergerlichkeiten, das Uebliche, das man allein so heftig empfindet. Aber vor allem kam heute früh ein Brief von Lisa. ,Jch habe immer das Grenzenlose geliebt", schreibt sie aus ihrer süddeutschen kleinen Theaterstadt, „bin ich darum von dir weggegangen? Aber das weiß man selber nicht so genau, und wenn man einen Menschen kennt wie ich dich, verwickelt rnan sich in seinen Widersprüchen. Denn du bist ia grenzenlos, und gerade düs kann ich an. dir nicht leiden. Die sieben Jahre, die ich dir gab, fehlen mir nun, ich kann nicht mehr so übermütig auf der Himmelsleiter meines Lebens klettern, weil ich in den sieben Jahren mit dir gelernt habe, wie schwer das Klettern fallt: und wie! trügerisch der Lohn bleibt, das bringst du leder Frau bei, die dich liebt. Hier singe ich nun, endlich, eine der drei Damen aus der „Zauberflöte" immerhin eine beachtete Rolle. So geht es mit uns zu. wir ziehen am Himmel herauf und leuchten vor uns her rote Meteore, schließlich verpuffen rotr wie Raketen. Bei ^der^ Rückkehr findet Peter seine Besucherin ausgeweint, blaß und zusammengekauert. „„Also Sie beruhigen sich, Kindchen, es ist alles ins Lot gebracht, morgen früh werden Sie wieder an Ihrer geliebten Schreibmaschine sitzen." „Schon gut", antwortet Elli gleichgültig, „es hat sich was mit der geliebten Schreibmaschine. Aber ich habe mir gleich gedacht, Sie werden es schon wieder zusammenputzen. So oder so. „Elli, was fehlt Ihnen?" „ „Ich habe eine kleine Pfefferminzvergiftung. Die ganze Tute mit den scharfen weißen und rosa Pralinen, ein Viertelpfund, ist leer. Im nächsten Augenblick muß Elli über sich selber lachen, so unmäßig und übertrieben, daß ihr Gelächter nicht anders als wieder in einem sinnlosen Weinen endigen kann, ein kleines Mädchen, das seine Arbeit verlogen und sofort wiedergefunden hat, alles bleibt wie es war, hinauf und hinab rast das Geläuf über die Tasten dieses Seelchens. . m l , Die Pfefferminzbonbonvergiftung heilt Peter mit zwei starken Kognaks. „Nun ist doch alles wieder gut?" „Ach, gut. Ich habe niemals Glück. Niemals. „Wieso? Das ist mehr Glück als Verstand. Was verlangen Sie noch?" „Ich weiß es nicht, Herr Schönlein. Alles wurscht." . Der Oktoberabend draußen brachte Nebel, Peter hat kalte Fuße bekommen. Er schickt Elli in die Küche und läßt sich einen Tee kochen, und sogleich lächelt sie und springt davon, die. Kanne Tee für Peter Schönlcin verleiht ihr ein größeres Selbstgefühl als tue wiedergewonnene Schreibmaschine. Währenddessen sitzt Schönlcin vor seinem Arbeitstisch, an diesem männlichen Platz, und blickt mit leeren Augen an den ee= wohnten Dingen vorbei. Er ging während dieser Wochen durch Zimmer, die zum zweitenmal verwaisten, jedesmal möchte das Herz sich von Grund auf verwandeln, jedesmal verhält es sich nach demselben fehlerhaften Grundriß. Er knipst die Lampe an, Elli stellt ihm schüchtern sein Teetablettchen hin. „Warum wollen Sie denn niemals Glück haben, Elli? Sie sind hübsch und leichtherzig. Oder wissen Sie jemand, der wirklich Glück hat?" „Sie, Herr Schönlein!" strahlt sie ihn an. Sie sagt nicht: Doktor Wagcnschanz, weil er mit seiner Fabrik vorwärts kommt: oder Rosemarie, weil sie Geld verdient. „Ich möchte wissen, wieso." „Sie haben eine schöne Wohnung, die Leute kommen zu Jh,nen und fragen Sie um Rat, Sie haben immer etwas zu tun, niemand kann Ihnen kündigen. Das ist doch allerhand." „Das ist nicht genug, Elli." „Verdienen Sie nicht genug Geld?" Er lächelt. „Ich verstehe mich einzurichten." Das stimmt genau, - und es ist sicherlich jener Reichtum, der wieder in die Mode kommt: er versteht sich einznrichten und ist stolz auf seine Bedürfnislosigkeit. , , , . Elli hockt auf der dunkelsten Kante seiner Schreibtischplatte, läßt sie schlanken Beine herunterbaumeln und fängt an, Rätsel zu raten: Ob er mehr Prozesse verliere als andere Anwälte? „Oder", wagt sie sich vor, „ist es, weil jetzt keine Frau hier ist?" „Wohl nicht. Ich würde schon diese oder jene finden." „Das glaube ich nämlich auch. — Was sollen wir denn da sagen", trumpft sie aus, „wir kommen doch überhaupt nicht vorwärts, haben keine Aussichten und arbeiten für fremde Leute, und es kann uns eigentlich nur schlechter gehen. Aber Sie haben es zu etwas gebracht. Warum genügt es Ihnen nicht?"