SietzenerZaimlienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Hreitag, den 25. August Nummer 65 Oie schöne Agnete. Von Agnes M i e g e l.*) Als Herrn Ulrichs Wittib in der Kirche gekniet, Da klang vom Kirchhof herüber ein Lied, Die Orgel droben, die hörte auf zu gehn, Und die Priester und die Knaben, alle blieben stehn, Cs horchte die Gemeinde, Greis, Kind und Braut, Die Stimme draußen sang wie die Nachtigall so laut: „Liebste Mutter in der Kirche, wo des Mesners Göcklein klingt, Liebe Mutter, hör, wie draußen deine Tochter singt, Denn ich kann ja nicht mehr knien vor Marias Schrein, Denn ich kann ja nicht mehr knien von Marias Schrein, Denn ich hab ja verloren die ewige Seligkeit, Denn ich hab ja den schlammschwarzen Wassermann gefreit. Meine Kinder spielen mit den Fischen im See, Meine Kinder haben Flossen zwischen Finger und Zeh, Keine Sonne trocknet ihrer Perlenkleidchen Saum, Meiner Kinder Augen, die schließt nicht Tod noch Traum Liebste Mutter, ach, ich bitte dich. Liebste Mutter, ach, ich bitte dich flehentlich. Wolle beten mit deinem Jngesind Für meine grünhaarigen Nixenkind, Wolle beten zu den Heiligen und zu unsrer lieben Frau Vor jeder Kirche und vor jedem Kreuz in Feld und Au. Liebste Mutter, ach, ich bitte dich sehr. Alle sieben Jahre einmal darf ich Arme nur hierher. Sage du dem Priester nun. Er soll weit auf die Kirchentüre tun — Daß ich sehen kann der Kerzen Glanz, Daß ich sehen kann die güldene Monstranz, Daß ich sagen kann meinen Kinderlein, Wie so sonnengolden strahlt des Kelches Schein!..." — Und die Stimme schwieg. Da Hub die Orgel an, Da ward die Türe weit aufgetan — Und das ganze heilige Hochamt lang — Ein weißes, weißes Wasser vor der Kirchentüre sprang. Agnes Miegel. Von Börries, Freiherrn von Münchhausen, GDS. Agnes M i e g e l s erste drei Gedichtsammlungen, 1901 bei Cotta, 1907 unb 1920 bei Eugen Diederichs, enthielten 158 Gedichte. Der Sammel- »and, den sie 1927 in Jena herausgab, umschließt 79 Gedichte. Das bedeutet, daß die Dichterin unserer Zeit genau die Hälfte alles dessen, was sie früher veröffentlichte, in diesem abschließenden Bande ausgemerzt hat. Ich kenne kein gleiches Zeichen künstlerischer Selbstkritik im Schrifttum wie dies. Und ich will gleich sagen, daß mir eine Selbst-Amputation »on solch wahrhaft indianischem Stoizismus doch allzu nahe ans Herz zeht, wobei der Chirurg an sein schönes Fachwort „allzu proximal", der Freund deutscher Dichkunst an sein Herz, das auch die heute verworfenen Dichtungen liebte, denken mag. Darf ich mich, da ich mich mit diesem Satze nun seit 30 Jahren so oft wiederholt habe, heute noch einmal wiederholen: Agnes Miegel ist der zrüßte lebende Balladendichter unseres Volkes, und wir andern alle nüfsen tief den Pallasch vor ihr neigen! Keiner von uns kann, was sie tann, — keiner! Sie beherrt alle Register der mächtigen Orgel, alle Pfeifen der königlichen Kunst klingen bei ihr gleich voll und stark, zart und weich. In der »Griseldis" das geschichtliche Stimmungsbild, dessen Handlung weiter ticfjts ist, als daß die verstoßene Griseldis aus dem Hause ihres Herzogs Unausgeht. Aber wie ist das gemacht, daß in Beginn des kurzen Gedichtes der Herzog so lieblos ist, und am Ende der große Hund so zärtlich ... Und duckte sich, als er die Herrin erkqnnt, Und leckte schmeichelnd die kalte Hand. Der Dogge Augen glommen grün Im Lichte, das durch die Fenster schien... *) Aus dem Balladenbuch.gesammelt von Ferdinand Aoena- lius, herausgegeben vom Kunstwort, Mönchen, Georg D. W. Callwey. In der Mitte des Gedichtes aber, als Antwort auf die Absage ihres Geliebten, steht nicht ein einziges armes Wort, steht nichts als einq einzige stumme Gebärde: Um des Bettes eichenen Pfosten schlang Ihre Rechte sich zitternd und todesbang, Ihre Linke liebkoste die Lagerstatt Und strich die schimmernden Laken glatt... In der „Sancta Caecilia" eine heroische Legende: Die Heilige spielt trt ihrer weihen Burg hoch auf den Schieferfelsen der Wolken eine Fuge. Wieder ist die Handlung von beinahe asketischer Kargheit, aber um ihren gotisch-schmalen Leib wallt das königliche Gewand einer wahrhaft unerhört herrlichen Schilderung, blitzten die Funken der Sprache wie Geschmeide auf, einer Sprache, vor der sich das gequälte, geballte, verwickelte Deutsch gewisser Aestheten in den tiefsten Tartaros verkriechen muß. Und wo die Verse sich am Ende der Abschnitte rythmisch auflösen, da müssen wohl auch dem Unmusikalischen die Ohren klingen, als ob da nicht mehr Worte, als ob da die Noten der Heiligen-Fuge stünden:. Und ihre ewig junge Stimme singt. — In der „Agnes Bernauerin" eine geschichtliche Lyrik: Die Handlung ist hier ganz aus dem Gedicht hinaus verlegt, steht ganz jenseits in der Zukunft hinter der Ballade. Aber man braucht nichts vom Herzog Bernhard von Bayern und der Tochter des Baders Bernauer in Augsburg zu wissen, braucht nicht zu wissen, wie das Mädchen als Zauberin in der Donau ertränkt wurde. Die Ballade ist wundervoll in ihrer Schlaftrunkenheit und ihrer hellseherischen Andeutung, — sie steht unmittelbar neben einer geschichtlichen Lyrik Fontanes, dem „James Mon- mouth", mit dem zusammen sie den Parnaß dieser Gattung bildet. Im „Rembrandt" haben wir eine Idylle Ostadescher Art, aber durchglüht von Rembrandtischem Helldunkel. Der verwitwete und kinderlose Meister malt aus der Erinnerung ein Kinderbildnis und ist so versunken in fein Werk, daß er halb nach hinten gewendet den Namen der geliebten Frau, ach, des geliebten Kindes ruft. Und vom Flur, wo die Magd die Fliesen scheuert, gellt es roh: „Du Narr, was schreist du wieder nach den Toten!" Und es will den greifen Genius ein Weinen ankommen, kindisch schiebt sich die Unterlippe vor ... da kommt die göttliche, die unerhörte Maler- Tröstung: Im Vorderhause erglimmen die Kerzen des Trödlers Aschkenas, und ihr Licht spiegelt auf Gracht und Kogge. Und der zitternde Greis, während ihm noch die Tränen aus den verschwollenen Trinkeraugen tropfen, beginnt zu lächeln und atmet auf... unb pfeift. Kaum je ist greifen Künstlers Leid und Trost so gewaltig ausgesprochen wie hier — Verdammung in den fürchterlichsten Alltag, Erlösung in alle Seligkeiten künstlerischer Schau. Aber wo soll ich aufhören bei der Wiedergabe dieser Balladen, von denen jede einzelne ein Meisterwerk ist! Heber die „Mär vom Ritter Manuel" habe ich in meinen „Meisterballaden" ein langes Kapitel geschrieben, — ich könnte über jede andere ebenso viel sagen, um den Zeitgenossen klar zu machen, was für Schätze hier ruhen! — Es ist eine sehr merkwürdige und nachdenkliche Erscheinung, daß neuerdings alle Sonderbegabungen der Ballade auf einmal als lyrische Dichter geradezu entdeckt werden. Die Ballade mit ihrem Sprachprunk und ihrer fabelhaften Vorlese-Wirksamkeit übertönte jahrelang, solange sie die große Mode war, die leiseren lyrischen Flöten. Heute hat sich das gewandelt, und wer ein wenig in die Schrifttumsgeschichten und die Zeitungsurteile hineinlauscht, der hört überall dasselbe: Aber überhört doch nicht die Lyrik! Agnes Miegels Lyrik ist die eigenartigste aller Balladendichter. Auch hier begegnen uns Seite für Seite die Bestandteile der Ballade: Starke Bildhaftigkeit, prachtvolle Sprache, mächtige Tiefe aller Register. Es fehlt fast ganz das Singende, ich möchte sagen der Singsang, der etwa das Kennzeichen der Lieder von Löns ist. Dabei haben die Lieder alle eine ganz starke eigene Melodik, nicht nur da, wo sie, — ein häufiger Fall bei der Miegel — ein Lied anführen: Die Kinder gehn im Reigen, Sie fingen ihren alten Sang: „Wir traten auf die Kette, Und die Kette klang ..." Eines der in feiner Großartigkeit wohl ganz unerreichbaren Gedichte ist die politische Phantasie „England". Man denke: ein sozusagen unmöglicher Vorwurf, ein drei Seiten langes Kriegs- und Abrechnung;- und Droh-Gedicht, eine Verkörperung Englands, — „Weißbrüstige Tochter Alfreds, die ihm die Keltin gebar —" ein Zwiegespräch zwischen ihr und der Dichterin, die hier völlig zur Seherin wird. Man frage ein Dutzend echte Dichter, jeder wird sagen: „Das ist nicht zu machen, das gibt kein Gedicht". Nun, ob es ein Gedkcht geworden ist, weiß auch ich nicht, aber daß es eine gewaltige dichterische Leistung fft, die allerdings wohl nur von den wenigsten völlig erkannt werden kann, — das weiß ich allerdings. — . Ich erwähnte eben die Miegel als Seherin. Es ift das eine irr fabelhaftesten Gaben der einzigen Frau, sie ist ganz das, was das lateinische Wort vates ausdrückt: Dichterin, Priesterin, Seherin. Die Gabe des Zweiten Gesichts spukt über alle Seiten des Buches hin, und wir erleben mit Staunen, daß hier ein Mensch unter uns geht, der an Dinge glaubt, wirklich' glaubt, die wir nur als Bestandteile des Mythos und der Sage im Gedicht gelten lassen. So liegt etwas Unheimliches, ja Tragisches über ihrem Werk, und wir fühlen sie von uns getrennt durch eine gläserne Wand, vor der Humor und Leichtmut scheu zur Seite treten, hinter der die Dämonen ihr Spiel treiben, Wirkliches zum Sinnbild, Unwirkliches zum gespenstischen Leben wird. Agnes Miegel tritt dadurch ganz nah neben die andere große Dichterin unseres Volkes, die D r o st e - H ü l s h o f f. Beide niederdeutschen Stammes, beide vogelsprachekund wie Salomo und wundergläubig wie eine Norne, beide ganz ausgesprochen balladische Talente. Das Leben der Droste spielte sich auf zwei einsamen Burgen ab, das der Miegel seit nunmehr einem halben Jahrhundert fast nur in Königsberg, beide haben das Reisen nicht nötig, da eine unerhörte innere Schau ihnen viel mehr von Ländern und Völkern greifbar nahe führt, als alle Reisen, uns anderen Beide blieben unverheiratet, beide haben viel gelitten, beiden eignet der gewisse spröde Sprachton, der sie von allen anderen Dichtern so leicht unterscheidet. U-nb beide sind ganz nahe der ewigen Natur verschwistert, so nahe, daß sie „in regloser Luft durchsichtiger Flügel Geklirr" hören, und das Gespenst sehen, das ihnen „mit gleichem Rubine die gleiche Hand" entgegenstreckt, die sie ihm reichen. Ganz so strecken auch die beiden Dichterinnen sich aus dem äußersten Westen und dem äußersten Osten des Reiches die Hände über Deutschland entgegen, die vom Jahre 97 des achtzehnten und die vom Jahre 79 des neunzehnten Jahrhunderts. Und beiden glänzt an gleicher Dichterhand der gleiche Rubin ewiger Kunst... Erntelied. Von Hermann Sudermann. Der letzte Streifen Glut verglimmt, Zum Gestern oerftattert das Heut, Und in den rötlichen Nebeln schwimmt Ein Tropfen Abendgeläut. Ich sitze vor meines Vaters Haus Auf der weißgestrichenen Bank Und horch' auf die dämmernde Straße hinaus Und die rauschenden Pappeln entlang. Dort, von dem Dunkel der Kronen umfchirmt, Ist ein heimliches Leben erwacht; Heuwagen schwanken hochgetürmt Durch die rötliche Sommernacht — Und oben Mädel in krausem Gewühl Und Bursche ganz dicht nebenbei — Und aus dem prickelnden, duftenden Pfühl Ein Kichern — ein Singsang — ein Schrei. Und also sind sie vorübergefahr'n. Und es folgen ihrer noch viel, Und ich wette, auch heute, nach vierzig Jahr'n, Ist es das alte Spiel. Und immer noch fahren unverwandt Der Liebe törichte Fracht Heuwagen im alten Litauerland Durch die rötliche Sommernacht. Ostpreußen. Aus der Geschichte seiner „Entdeckung" Von Dr. Rolf Gärtner. Die enge Verbundenheit mit Ostpreußen ist dem deutschen Volk erst in den letzten beiden Jahrzehnten so recht zum Bewußtsein gekommen. Die Zerstörung in den ersten Wochen des Krieges, die Abtrennung durch das Diktat von Versailles haben uns die Nord-Ostmark, die in der Geschichte eine so bedeutsame Rolle gespielt, immer näher gebracht. Heut kann die Provinz als das Lieblingskind der Nation gelten, und die Ostland-Treue- Fahrt Ende August wird dafür ein eindrucksvolles Zeugnis liefern. Die deutsche Ost-Messe in Königsberg, die Jubiläumsfeier des Königsberger Domes sind weitere Ereignisse, die die Augen nach unserem Osten lenken. Wie lange hat es aber gedauert, bis es so weit kam! Man kann geradezu von einer „Entdeckungsgeschichte" sprechen. Zwar hat der Königsberger Professor und Konsistorialrat Dr. Johann Gottfried Haffe in feiner 1799 erschienenen Abhandlung „Preußens Ansprüche, als Bernsteinland das Paradies der Alten und Urland der Menschheit gewesen zu sein", des Näheren bargelegt, warum Ostpreußen „als das älteste und in der Geschichte berühmteste Land der Erde" das biblische Eden sein müsse. Aber viel Glauben hat er mit dieser Ansicht vom paradiesischen Ostpreußen nicht gesunden. Ganz im Gegenteil hat Ostpreußen unter der Geringschätzung und Nichtachtung des übrigen Deutschland zu leiden gehabt, nur deshalb, weil es niemand kannte, weil es als „Ausland" betrachtet wurde, wie schon ein Blick auf irgendeine ältere Karte beweist. Mit bitterer Ironie, aber mit gutem Recht schrieb der Geograph Dr. Hugo Bonk 1895 in der „Altpreußischen Monatsschrift": Bei dieser Gelegenheit muß auf die merkwürdige Tatsache aufmerksam gemacht werden, daß es im Zeitalter der Erschließung des „Dunklen Erdteils", wo schon fast jeder Berg auf dem Mond feinen Namen hat, in Deutschland ein Gebiet gibt, dessen Entdeckung erst vor kurzem begonnen hat. Einzelne Teil« Ostpreußens sind bis vor nicht langer Zeit gerade so bekannt gewesen, wie die dunkelsten Teile von Afrika. Es wäre wünschenswert, daß, wie dereinst die Kreuzfahrer den Zug nach Altpreußen als bequemes Surrogat für den Orient nahmen, daß fo auch heute die vom Entdeckungseifer beseelten Männer die bequemere Reise nach den dunkelsten Teilen von Ostpreußen der beschwerlicheren nach anderen dunklen Gegenden vorzögen. Und er regt die Aufgabe an, „eine Geschichte der Entdeckungen in Ostpreußen im 19. Jahrhundert zu schreiben". Als Herder, der Sohn Mohrungens, der später die Stätten seiner Heimat nie wiedergesehen hat, in feiner „Adrastea" „Gemälde aus der preußischen Geschichte" darstellte, da knüpfte er an die Phantasien Hasses an, und erzählte die Sage, Phaeton sei bei seiner Fahrt auf dem Sonnenwagen des Vaters in die Ostsee gestürzt, feine Schwestern, die Helia- ben, feien in Palmbäume verwandelt worden, und hätten als solche im Strahl der Sonne goldene Tränen vergossen — den Bernstein. Er besang das heilige Bernsteinland und seine uralte Geschichte, aber für die Gegenwart feines Geburtslandes fand er keine Worte. Damals galt Ostpreußen noch allgemein für eine „Wüstenei". Es bedurfte des genialen Scharf- und Weitblicks eines weltdurchwandernden Univerfalgeiftes, der mit grenzenlosem Erstaunen am äußersten Ende seines Vaterlandes Wunder entdeckte, die der Pracht des heißgeliebten Italien, des berauschenden Spanien nicht zu weichen brauchten: Wilhelm von Humboldt, der „Römling", in der Zeit der Not zum Wirken für König und Reich heimgekehrt, sand auf feinen Dienstreisen Ostpreußens Schönheit wie einst Saul (ein Königreich. Von einer stürmischen Mondnacht an der samländischen Küste schreibt er an seine Frau: „Es war ein sehr großes Naturschauspiel. Ich werde die Nacht nie vergessen; sie ist das größte und schönste, was ich feit meiner Abreife aus Italien erlebt habe." Und von einer Wanderung über die kurifche Nehrung entwirft er eine glänzende wortgewaltige Schilderung, die mit den Worten beginnt: „Die kurifche Nehrung ist fo „merkwürdig, daß man sie eigentlich ebenso gut wie Spanien und Italien gesehen haben muß, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll. Ein schmaler Strich toten Sandes, an dem das Meer unaufhörlich auf einer Seite wütet und den an der andern eine ruhige große Wasserfläche, das Haff, bespült. Die ödesten Sandhügel, die schrecklichsten, traurigsten Kiefern, die ganze Stunden lang, fo weit man sehen kann, bloß aus dem Sand ohne einen einzigen Grashalm emporwachsen, und nur oben durch die Luft zu leben scheinen, eine Stille und Leere, selbst von Vögeln auf dem Lande, die dem Brausen des Meeres nichts zu übertäuben gibt, nur einzelne große Möven, die am Ufer hinfchweben. Auch im Memelgebiet, „wo schon die Namen erschrecken", findet er di« Gegenden doch sehr anziehend. Die Romantik vermochte dem Klassiker in dieser Weitsicht nicht zu folgen. Sie sah nur das Phantastisch-Wilde, das Unheimlich-Spukhafte, in der ostpreußischen Landschaft, wie es der Königsberger E. T. A. Hoffmann in feiner auf dem Schloß Roffitten fpielenden Novelle „Das Majorat" gemalt hat. Die Romantik begeisterte sich auch, nachdem Ostpreußen durch [eine führende Rolle in der großen Zeit der Erhebung eine kurze Zeit in den Mittelpunkt Deutschlands gerückt war, für die Gotik des deutschen Ordens, wie Schenkendorfs Aufruf zur Rettung der Marienburg beweist. Doch blieb die Provinz weiter das „Ausland", das man im „Reich" schon zu Rußland rechnete. Das zeigen am deutlichsten die beweglichen Klagereden, die der weitbekannte Hegelianer Karl Rosenkranz 1842 in der Einleitung zu seinen „Königsberger Skizzen" führte, dem Buch, das zuerst die Bahn gebrochen hot für eine tiefere Kenntnis, für ein besseres Verständnis ostpreußifcher Kultur. Er gesteht, selbst mit den wunderlichsten Vorurteilen nach der Pregelstadl gewandert zu fein: „Ich erinnerte mich, wie dunkel und fabelhaft meine eigenen Vorstellungen von Königsberg in Deutschland gewesen waren." Er kommt sich fast wie exotischer Reifeschriftsteller vor, der den abgelegensten und undankbarsten Stoff gewählt hat. „Pückler-Muskau geht nach Afrika, Theodor Mundt nach Krakau, George Sand nach Majorka. Aber Königsberg? Wer käme wohl zu ihm? Wodurch zöge es wohl an?" Es ift „für das Ausland nur ein Name" ober gar „nur eine Fata Morgana einiger zufälliger Umstände". Rosenkranz ift sich bewußt, „gleichsam ein Brachfeld zu kultivieren"; aber er hat die „tiefe Eigentümlichkeit", die „gediegene Bildung", die „Poesie der Erscheinung" dieser Stabt in sich ausgenommen unb stellt dies „schöne Königsberg" nun meisterhaft einem großen deutschen Publikum vor. Mit dem immer stärkeren Hervortreten des preußischen Staates, der sich feiner Führerstellung in Deutschland bewußt wurde, wuchs auch das Interesse für die Geschichte Ostpreußens, das die Wiege der Monarchie gewesen. Gustav Freytag bot in seinen einflußreichen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" ein farbenreiches Bild von der Kulturtat des Deutschen Ordens. Doch noch 1863 klagt Treitschke in seiner meisterhaften Abhandlung über das Orbens- lanb Preußen, daß man in Süb- unb Mittelbeutschlanb wenig begriffen habe von bem historischen Zauber biefes Bobens, „ben bas ebelfte deutsche Blut gebüngt hat im Kamps für ben deutschen Namen und die reinsten Güter der Menschheit", aus dem erst das innerste Wesen von Preußens Volk unb Staat recht zu verstehen sei. Lcstalsorscher hatten sich bereits eifrig mit echt ostpreußifcher Heimatliebe ber Vorgeschichte, Geschichte, Volkskunbe und Kunst der Provinz angenommen unb haben ein außerorbentlich reiches Material gesammelt. Aber es blieb lange Zeit für bas übrige Deutfchlanb tot. Da fährt 1856 ber stets ausnahmelustige, stets anregende Wilhelm Lübke durch bas Laub unb schildert (eine Eindrücke mit lebendiger Begeisterung in einem Aufsatz „Acht Tage in Preußen" im Deutschen Kunstblatt. Die acht Tage haben mehr Leute für die ostpreußifche Kunst interessiert, als es acht Jahre ticfdringender Forschung vermocht hätten. S ch n a a s e beschäftigt sich im sechsten Band seiner großen Geschichte der bildenden Künste eingehend mit der altpreußischen Baukunst, deren Eigenart, kcaftvollc Schönheit und hohe Bedeutung für die Entwicklung der deutschen Arc/tektur er hervorhob, und man erkannt« nun immer klarer den Wert der ost- preußischen Kunstdenkmäler. Die landschaftliche Schönheit aber ist erst kurz vor dem Kriege durch einige Dichter und Maler entdeckt worden, die von dem einzigartigen Wunder ber kurischen Nehrung, von ben Herr- lichkeiten der Samländischen Steilkünste, von Masurens „buckliger Welt" und dem ganzen Zauber dieser Gegenden kündeten. Als dann der verdiente Provinzialkonservator Richard D e t l e s s e n sein treffliches Werk „Das schone Ostpreußen" veröffentlichte (1916), da setzte er gleichsam den Schlußstrich unter dieses Kapitel, .das so lange von Ostpreußen als Paradies" und „dunklem Erdteil" gefabelt, und enthüllte nun endgültig ein besonders eigenartiges Juwel in der Krone der deutschen Landschaften. Oftpreußischer Bernstein. Von Kurt Schmidt. Das Palmnicker Bernsteinwerk soll im Rahmen der ostpreußischen Arbeitsbeschaffung wieder in großem Umfange in Betrieb genommen werden. Ostpreußen ist den Bewohnern des Reiches auch durch seinen V ernst e i n bekannt, den gelben Schmuckstein, der seit den Zeiten des Altertums immer wieder in wechselndem Umfange zur Mode geworden ist. Bernstein kommt wohl auch in Sizilien oder in Rumänien vor, nirgends aber findet man auf der Erde einen Winkel wie die samländische Küste Ostpreußens, die diesen Stein in solcher Güte und in solchen Mengen lieferte. Auch in anderen Teilen Norddeutschlands bis nach Holland sind Bernsteinfunde nicht selten, und dieses Material ist mit dem ostpreußischen identisch, denn es läßt sich nachweisen, daß diese Funde durch geologische Vorgänge der Eis- und Nacheiszeit aus Ostpreußen entnommen und in jene Gegenden verschleppt worden sind. Auch im Altertum war die Natur des Steins als verhärtetes Baumharz bereits klar erkannt, aber man glaubte, es handele sich um ein Produkt, das sich eben erst bilde, und über den Fundort waren die Vorstellungen, da das wertvolle und sehr gesuchte Material von Hand zu Hand ging, einigermaßen verworren. Im deutschen Mittelalter wurden Heimat und Gewinnung bekannter, aber damals konnte man sich nicht erklären, daß der Bernstein, ein Harz festländischer Bäume, vom Meere ausgeworfen werden sollte. Dieser Widerspruch bleibt bestehen, wenn wir auch das Harz auf seiner ältesten Ablagerungsstätte, in der „Blauen Erde", einer Meeresablagerung neben anderen Meeresversteinerungen finden, aber er wird für uns dadurch erklärbar, daß der Bernstein ein fossiles Baumharz aus einem längst vergangenen Abschnitt der geologischen Vorzeit ist und schon verschiedene Umlagerungen erfahren hat, bevor er in jene Ablagerung hineinkam. Erst Ende des achtzehnten Jahrhunderts schwand jeder Zweifel an der Harznatur des Steins, der Naturforscher ß i n n 6 bemühte sich, die Beweise für die pflanzliche Herkunft des Materials zusammenzutragen, und heute sind wir wohl in der Lage, uns ein halbwegs zutreffendes Bild von einem Bernsteinurwald zu-machen; die Bernfteinflora, unter der die immergrünen Eichen, die Cypreffen, die Thuja und die Fächerpalmen am häufigsten waren, bedurfte zu ihrem Gedeihen einer mittleren Temperatur von 20 Grad Celsius, also eines Klimas, wie es damals in einem nordischen Festlande geherrscht hat, wie es heute aber etwa in Nord- asrika vorkommt. Es ist noch heute eine Lieblingsbeschäftigung der badenden Kinder, an der samländischen Küste kleine Bernsteinstückchen zu sammeln, die sich besonders im angetriebenen Blasentang finden lassen, und dieses Auf- sanimeln ist in der Tat die älteste und primitivste Gewinnungsart des Harzes. Besonders bei heftigen Nordweftftürmen, wenn der Boden der Ostsee stark aufgewühlt wird und die großen Tangmassen herantreiben, stehen die Bernsteinfischer mit ihren Käschern (Fangnetzen) in der Brandung und fischen, da diese Tangmassen mit der zweiten oder dritten Welle sehr weit abgetrieben werden können. Auch durch Stechen gewinnen die Fischer oft schöne Stücke. Sie fahren bei ganz ruhiger See aus, wenden die auf dem Meeresgründe liegenden Steine mit Haken um und fischen den losgelösten Bernstein mit Netzen auf. Besonders ergiebig war diese Art der Gewinnung lange Zeit an der Brüsterorter Spitze, wo sich bis weit ins Meer ein Steinriff hinzieht, an dem bei stürmischem Wetter große Mengen Bernstein hängen bleiben. Der Gewinn, den die Fischer der kleinen Stranddörfer dadurch hatten, ist nicht zu unterschätzen; so hatten die Fischer von Groß-Kuhren im Jahre 1911 zehn Zentner Bernstein gewonnen, für die sie einen Bergelohn von sechstausend Mark erhielten. Ein Fischer bekam für ein besonders schönes Stück sechzig Mark. Das „Gold des Sanllandes" kommt zwar an Wert nicht dem wirklichen Gold, wohl aber bei Stücken von über 75 Gramm dem des Silbers gleich. Daß der Bernstein staatliches Eigentum sei, wurde schon durch ein Gesetz der Ordensritter festgelegt, durch die das Harz überhaupt erst in großem Umfang an die Fabriken in Danzig, Lübeck und Königsberg verkauft wurde. Auch heute noch ist aller Bernstein Eigentum des Staates und muß an die staatlichen Abnehmer an der Küste abgeliefert werden, die dafür je nach Größe und Güte des Fundes eine Vergütung zahlen und dann den Bernstein an die staatlichen Bernsteinwerke in Königsberg senden. Erst seit 1872, als durch Grabungen feftgefteUt worden war, daß sich die „Blaue Erde" weit landeinwärts erstreckt und Überall mit dem ge" u Harz ziemlich gleichmäßig durchsetzt ist, wurde die Bernsteingewin- nung bei den Stranddörfern Palmnicken und Kraxtepellen bergwerksmäßig betrieben. Diese „Blau Erde" zieht sich unter der ganzen samländischen Küste in einer Stärke von einem bis zu sechs Metern hin und läuft in einer Tiefe von fünf bis zwölf Metern in das Meer hinein. So erklärt sich auch der Auswurf des Harzes durch die Wellen, die an der Erde unaufhörlich nagen, den Bernstein loslöfen und an die Küste treiben. Bis zum "Jahre 1924 gab es im Palmnicker Bernsteinwerk richtige Schächte und Stollen, die bis zwanzig und dreißig Meter in die blauen Erdschichten hinunterführten. Die Tätigkeit der Bergleute bestand darin, die blaue Erde auszuschachten, sie in Wagen zu laden und ans Tageslicht zu befördern, wo die Erde mit Wasser durchspült und durch Siebe geleitet wird, bis schließlich die Erde verschwunden und der Bernstein zurückgeblieben ist. Aber seit 1924 hat man den Tiefbau als wenig lohnend eingestellt, und die Gewinnung geschieht allein durch den Tagbau, bei dem die kostspielige Stollenanlage und die stete Wassergesahr fortfallen. Mit Trockenbaggern wird die über der Blauen Erde siegende Erdschicht a». gehoben und die dann freiliegende wertvolle Erde hinausbefördert Dann erst beginnt die ziemlich langwierige Bearbeitung des Bernsteins: er hat im Rohzustände eine verschmutzte, gelbbraune Rinde, die erst durch längeres Schleifen in Sandtronuneln abgeschliffen werden muß. Erst dann kann an die sehr mühevolle Arbeit des Sortierens nach Farbe und Wert gegangen werden; man unterscheidet etwa 250 Handelssorten. Die kleinen Bernsteinstücke, die man früher nur zum Räuchern verwendete, werden letzt in ziegelartige Formen gepackt und unter hydraulischen •prellen zu Bernsteinblocken zusammengeschweißt, sie dienen außerdem zur Herstellung von Lack und Bernsteinöl. . Um eine zahlenmäßige Vorstellung von dem Umfang der Bernstein- lndustne zu gewinnen, fei noch gesagt, daß im letzten normalen Friedens- )ahre 1913 in Palmnicken im Ties- und Tagebau 433 Tonnen Bernstein gefordert wurden, zu denen noch gegen 60 aus der Strandbergung hinzukamen. Damals wurden gegen 1700 Menschen direkt und indirekt durch das Bernsteinwerk beschäftigt, und rechnet man noch die Zahl der Heimarbeiterinnen hinzu und die Angestellten, die in den Bernsteinfabriken Ostpreußens und des übrigen Deutschlands arbeiteten, so erhält man einen Begriff von der immerhin nicht unwesentlichen Bedeutung des Bernsteins für das Wirtschaftsleben. Der Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius Bio em (GDS.). (Fortsetzung.) Erst als es ganz dunkel wird, Mondschein mit einer haarscharfen Sichel, beendet die kleine Elli ihre flinke Arbeit, sie öffnet das Tor und setzt sich noch ein bißchen an den Platz des Führers. Man kann hier im dunklen Holzschuppen so gut das Steuerrad ergreifen und mit gespannten Augen ins Leere starren. Wenn man dazu noch ein gedämpftes Knurren ertönen läßt, so ist die Einbildung vollkommen, flüchtige Länder ziehen vor Ellis trunkenem Blick vorbei, schwarze Teerstraßen schlucken jede beliebige Geschwindigkeit, es geht in schwindelerregender Fahrt um enge Kurven, die steilsten Berge hinauf und Abhänge hinunter, daß das Auge der Führerin sich vor Grauen schließt, aber nein, keine Angst, ein Tritt auf irgendeins von den drei Pedalen da unten, welches ist gleichgültig, und sofort steht der Wagen wie angenagelt. Dabei ist es vollkommen ungefährlich, so im Holzschuppen spazieren zu fahren. Nach langer Zeit nähern sich leise Schritte, sehr jung, sehr rasch, vor dem geöffneten Schuppen bleibt Rosemarie stehen und lugt herein. Sie trägt Mantel und Hut. Rosemarie kommt jetzt oft ziemlich spät heim. Natürlich muß jemand für Peter sorgen. Elli sitzt ganz regungslos und beobachtet die andere, die mit sachverständig kühlem Blick nach den Lampen sieht, bann schraubt sie an diesem glänzenden Bügel da vorne, Elli weiß nicht, wie das Ding heißt, irgend etwas herunter und steckt einen Finger hinein. „Schlamperei", murmelt Rosemarie. „Wieso?" meldet Elli sich empört. Die Freundin zuckt zusammen. „Sag' doch einen Ton, wenn du da bist. Hier ist das Kühlwasser drin, und wahrscheinlich kümmert sich kein Mensch um die Batterie; ist die eigentlich geladen oder nicht? — und die Gummis stehen auch halb leer." „Keine Ahnung von sowas." „Wenn das hier noch lange herumsteht, ist es verrostet und verkommen." „Aber ich putze es doch alle paar Tage, Rosemarie." „Warum tust du das? Laß doch den Doktor dafür sorgen." „Der hat alle Hände voll zu tun." „Dann mag seine Mutier sich drum kümmern." „Die Alte? Die versteht von sowas nichts!" „Du etwa, Elli?" „Mein Herzchen", höhnt Elli, „jemand muß es tun." Damit ist diese Frage für Elli erledigt. .Jemand muß es tun, und wenn niemand sonst es tut, tu ich's. Sehr einfach ist die Welt eingerichtet.' „Warum fährt Dr. Wagenschanz nicht mit [einem Auto?" „Er kann doch nicht fahren." „Warum lernt er es nicht? Hat er keine Zeit?" Elli orakelt: „Zeit ist Geld." Flüchtig streichelt Rofemarie über das blanke Metall. „Schade!" Sie geht ins Haus. Das findet Elli ja auch, es ist schade um den Wagen, und weil niemand damit fahren kann, so wird, wohl der Sommer verstreichen. Es gibt so schöne Straßen im hohen Harz, die von den Gummis aufradiert werden wollen, dazu sind sie da. Diese Gedanken lenken Elli zu Anton Wagenschanz und seinen Nöten zurück, neuerdings bekommt die Geschichte ein bedenkliches Aussehen, lauter unverkäufliche Tuben in der Ecke aufgehäuft, und keine eitle Frau hat die mindeste Ahnung davon, also keine Frau schlechthin weiß etwas von der Creme Erotikon. Wenn Anton umwirft, fängt er vielleicht wieder an, sie zu lieben. Elli mag jetzt schlafen gehen, wenn sie will, oder oben in der Mansarde noch ein Stündchen mit Rosemarie plaudern, denn an Schlaf läßt sich nicht denken in dieser warmen Frühlingsnacht, man ist halb verrückt und weih nicht wieso. Rosemarie hat ein anderes Aussehen bekommen in den letzten Wochen. Kunststück! Oder liegt es an der neuen Frisur? Die Haltung hat sich verändert, wie denn nur? Elli merkt wohl, ihre Freundin macht sich Hoffnungen. Es ist die Hoffnung, aus der Tretmühle herauszukommen, und die Sehnsucht nach einem würdigen Leben,in welchem Rosemarie ein Mensch sein dars und — sogar! — ein Weid. Viel verlangt, heutzutage, findet Elli, als sie aus dem Führersitz hkrausschlüpft und das Tor des Schuppens abschließt. Aber zum Schlafen ist es wirklich zu früh. Sie treibt sich unschlüssig einige Minuten vor dem Wagenschanzhaus herum, dann kommt ihr in den Sinn, man konnte mal nach dem Kandidaten Kieselbach sehen, von selbst liefert der das Inserat ja doch nicht rechtzeitig ab. M 'Berantirortlicö: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'fche Univerf ttäts-Duch- und Sleindruckerei. R. Lange, Gießen. Sie klopft an sein Kellerfenster. Aus dem ersten Stockwerk herunter oibt seine Wirtin Bescheid, der Mann habe eine Reise durch alle möglichen Wirtschasten unternommen, und nun säße er schreibend und sternhagelbetrunken in seiner Kneipe. Schreiben? Elli macht sich erwartung ö° De^Kandidat^sitzt wirklich in der Arbeitslosenkneipe, er.hat^em altes Kollegheft vor sich und kritzelt mit einem winzigen Rotstiftstummel h n- eiu das fieft wurde in besseren Tagen einseitig beschrieben, uich nun klemmen sich in Spinozas Lehre vom Parallelisrnus zwischen Körper und Geist die flammenden Aufrufe an das deutsche Volk zum Berbrauch von Doktor Wagenschanz' Erotikon. „Es wird herrlich, Fräulein Elli. Sie will sich ein luxuriöses kleines .Helles bestellen, aber Kieselbach ladet sie zu einem dicken Grog ein, der wunderbar heiß ihr ungewohntes Kehlchen hinabrinnt. Sie läßt sich geduldig vorlesen, was b's ietzt ge- schrieben steht, und manchmal nickt s,e freudig, wenn em besonders.schöner Satz kommt. „Aber der Herr Doktor hat doch keine Broschüre bestellt, sagt sie schließlich, „sondern bloß ein kleines Inserat." „Davon verstehen Sie nichts, gutes Kind, hier habe ich getan, was mir die Muse befahl, und nun werden wir den Extrakt auf dl« kürzeste Formel bringen." Die Schankmaid liefert erst einen zweiten Grog für Elli und dann Papier und einen Bleistift. Elli und der Kandidat suchen die schönsten Satze und Gedanken hervor und umranden sie mit dicken Strichen ... „Ob hoch, ob niedrig, jede Frau sehnt sich nach der Schönheit!" . Kieselbach hat keine Anzeige für die Creme Erotikon geschrieben, sondern eine feine Abhandlung über den Segen der Jugend. „Es ist ja nicht wahr", liest er mit großen Gebärden und feuriger Betonung den aushorchenden Gästen vor, deren Spielkarten vor Staunen tn der Luft hängen bleiben, „es ist nicht wahr, daß eine Frau so alt ist, wie sie sich fühlt — sondern sie fühlt sich so alt, wie sie aussieht. Ein verfang es Gesicht strafft nicht nur die haut der Wangen: das Selbstvertrauen kehrt zurück, die Haltung wird zuversichtlich, die Atmung lebhafter, unb em frischer Blutstrom wäscht die trüben Gedanken aus der Seele, und so schreitet der jugendlich aussehende Mensch von Erfolg zu Erfolg.' Vielleicht schrieb der Geist Spinozas an dieser Abhandlung mit. Elli versteht kein Latein, und als der Kandidat mit feuriger Stimme von der zuversichtlichen Haltung spricht, muß sie unwillkürlich an Rosemarie denken und an den ganz veränderten Eindruck, sollte vielleicht Herr Peter Schönlein nicht so sehr an dieser Verwandlung beteiligt sein als etwa die Salbe Erotikon? In Ellis Nachtkästchen liegt nämlich auch eine Tube davon, sie hat sich schon lange nicht mehr banim gekümmert, Elli mit ihren neunzehn Jährchen bedarf noch keiner Schönheitscreme und keiner Pflege, um so hübsch zu sein, wie sie es irgend kann. In aller Herrgottsfrühe erscheint sie in der Farbenfabrik. Anton und Fabisch sitzen, statt Erotikon zu fabrizieren, trübselig vor dem Hausen der unverkauften Tuben. „Na seht ihr, hier ist das Inserat!" „Ach, Kohl", erklärt Anton, „wir haben eben eingesehen, es hat keinen Zweck mehr, daß wir uns so abschinden. Außerdem sind meine Vorräte zu Ende. Mit andern Worten, der Betrieb geht ein, Herr Schönlein hatte recht, es waren die kornetischen Werke." Elli flüstert entgeistert: „Was soll denn werden?" „Nichts." „Nichts —" höhnt sie mit seiner Stimme, „nichts gibt es gar nicht! Tun Sie mal was, um Ihre Sachen loszuwerden, hier ist das Inserat, zum Donnerwetter!" „Du bist sehr geschäftig, mein Kind. Vielleicht treibst du ,emand auf, der es uns aus Gefälligkeit abdruckt?" „Das kommt nicht in Frage", erwidert Elli entschlossen, „zahlen muß man überall. Aber wenn Sie keinen Schwung mehr haben, dann werde ich Feuer/dahinter machen!" Erst geht sie zur Witwe Wagenschanz und macht ihr ganz energisch klar, daß sie als die Mutter jetzt auch mal was für ihren Sohn tun müsse, rund hundert Mark feien auf der Stelle nötig, also bitte! Die alte Frau entrüstet sich sehr, sie brauche ihre Spargroschen für ihre alten Tage, davon könne sie nichts abgeben, auf keinen Fall. Sie streiten hin und her, die alte Wagenschanz begreift einfach nicht, wie Elli ihr das überhaupt zumuten kann. „Tja", meint_öas Mädchen erbost, „graue haare haben Sie und machen sich noch Sorgen für Ihre Zukunft, und Ihr bißchen Geld geben Sie Leuten, von denen Sie keine Ahnung haben, statt daß Sie Ihrem eigenen Fleisch und Blut und feiner jungen Kraft vertrauen. Wohin jetzt, wen kann man anpumpen? Sie geht zum alten Tifchler Groth und handelt von ihm zwanzig Mark heraus, rückzahlbar binnen Jahresfrist in Hemden, Flicksachen und Bügeleien. Die Klempnersfrau von gegenüber, hochschwanger mit dem sechsten Kind, gibt ein großes Silberstück gegen zu liefernde Kinderwäsche. Na siehste, es geht mal wieder auf Anhieb! Der nächste Erfolg, zehn Mark, wird erzielt bei Fräulein Lilly Schammel, der Bardame aus dem Nebenhaus, die auf diese Weise billig zu einem neuen Seidenkleid kommt, Stofs und Zutaten muß sie selber liefern. Das Fräulein aus der Var liegt am Hellen Morgen noch zu Bett, Elli ekelt sich ein bißchen vor der Schlamperei in diesem Zimmer, aber cs kommt ihr nur aus das Geld an. Das Geld und Kieselbachs Inserat in sauberer Maschinenschrift steckt in ihrem abgegriffenen Handtäschchen, das ganz heiß wird in ihrer Hand: Antons Zukunft steckt darin. Sie denkt, nur ein wenig muß sie ihn noch stemmen, ganz dicht vor dem Gipfel verliert er die Puste, aber er soll sehen, Elli schiebt und hetzt ihn hinüber! Jetzt beginnt ein Bauerlauf von Familie zu Familie, sie bekommt überall Abweisungen, oder man gibt ihr fünfzig Pfennige, um sie loszuwerden. Sie stellt sich in ihrer Verzweiflung in einen Telephonautomaten und versucht mit Peter Schönlein zu sprechen, aber die Sterne haben sich gegen sie gekehrt, sie kann ihn nirgends erreichen. Doch sie hat Immer noch Pulver zu verschießen, eilt in die Kneipe und hält vor Kieselbach und den anderen Arbeitslosen eine flammende Ansprache, es müsse eine Sammlung veranstaltet werden, sie, Elli, per- bürge sich für die Rückgabe des Geldes. „Das ist ganz gut und schon sagt der Kandidat,, aber Sie haben sich offenbar in der Adresie geirrt, bei uns ist doch nichts zu holen." Jemand kommt auf den Gedanken, man könnte etwas Geld vom Kneipenwirt verlangen. „Dem Kerl saufen wir seit Jahr und Tag seinen Schnaps und sein Bier weg, — und wenn Sie nichts geben, dann suchen wir uns ein anderes Lokal. Der Wirt in die Enge getrieben, rückt nach langem Verhandeln schließlich dreißig Mark heraus, keinen Pfennig mehr. Elli unterschreibt mit kühlem Bleistift den Bürgschein. Sie hat immerhin schon ein ganz hübsches Sümmchen aufgetrieben, als Anzahlung sollte es auf alle Falle genügen. Aus zur Farbenfabrik! Mit Kieselbach, Gambel und vielen andern, die von ihrer Geschäftigkeit angesteckt worden sind, stürmt sie hinüber. „Hier ist massenhaft Geld, Herr Doktor, nun schnell damit zum „Generalanzeiger"!" Anton springt begeistert auf, verspricht Berge von Arbeit und lauft ans Telephon, um mit der Zeitung zu verhandeln. Es herrscht eine Stimmung wie am ersten Tag. Als er wiederkommt, ist schon beschlossen, daß jetzt drei oder vier kleine Trupps durch die Stabt schwärmen werden, um den Drogisten und Friseuren ganze Paketchen der Schonheitscreme amubieten, unter Hinweis auf die morgige Anzeige. Elli rennt nut fliegendem Röckchen heim, fte soll einige Briefe schreiben, die man den Leuten mitgeben will. Die Kosmetischen Werke, die heute früh stillgelegt werden sollten, geraten in fieberhafte Tätigkeit. Die Pakete werden fertig gemacht, und lemanb muß zum „Generalanzeiger". Der junge Gambel hat schon oft mit wendiger Geschicklichkeit Botendienste geleistet, ihm erteilt Anton den Auftrag. „Laufen Sie hinüber, hier ist das Geld, — aber nicht verlieren!'" droht er. Gambel saust ab. Gambel ist ein einundzwanzigjähriger blonder Junge mit hohlen Wangen und fahrigem Blick, aber ein gutmutiger Bursche. Nicht hier daheim, nirgends daheim, aber hier fand er vor Jahren für kurze Zeit Arbeit, und so blieb er da und drückte sich herum. Er krampft seine Fäuste um den zerknitterten Umschlag und läuft in den blanken, dampfenden Frühlingsmorgen hinein. Gambel kommt an einen Park und verschnauft für Minuten auf einer Bank. Neugierig befühlt er den dicken Briefumschlag, es sind viele Münzen darin, wieviel Geld eigentlich? Er bohrt mit einem Finger hinein, ein Taler und mehrere Fünfziger fallen heraus, dafür könnte man eigentlich einen heben gehen, -Boten« ^er^betntt eine Wirtschaft und trinkt zwei Schnäpse. Der Briefumschlag hat sich von dem vielen Bohren ein Stückchen eingenffen Gambel erkennt die Ecken mehrerer verschmutzter Geldscheine. Er hat nicht die Absicht, irgend etwas Unrechtes zu tun, aber diesen hcllbze^ rifjenen Umschlag kann er doch nicht mehr abliefern, es kommt ja auch nicht auf den Umschlag an, nur auf das, was drin ist. Gambel zahlt über achtzig Mark bar in [einer Hand. Er schnüffelt, es riecht hier irgendwo nach Pökelfleisch, Sauerkohl und Erbsenbrei, und weil es bei fo viel Geld wirklich nicht so genau daraus ankommt, bestellt er sich eine Portion, ,,e Er 9schUngt"'die Mahlzeit hinunter, in der größten Furcht, Doktor Waqenschanz werde jeden Augenblick hereinkommen und ihn halbtot prügeln Die Wirtsfrau sieht, daß er viel Geld unterm Tisch verbirgt, und als er zahlt, redet sie ihm zu, er solle das Geld zurückbringen. Gambel springt aus dem Lokal, ein Schuhmann steht in der Nähe, der Bursche läuft, was er laufen kann, immer kreuz und quer durch eine TI enge Straßen, jetzt hastet er durch den Stadtwald, von dem sich em schmaler Waldstreifen zu den Harzbergen hinüberzieht. Gambel verkriecht sich in einen Busch, zerrt aus seiner Rocktasche das Geld heraus und betrachtet es mit verliebten Blicken. Er streichelt es. Er zählt es immer wieder. Er kann es noch gar nicht glauben. Es ist eine ungeheure Summe. Man kann davon geradezu viele Monate leben, besonders jetzt in dieser Jahreszeit. Man könnte sich nach Hamburg durchschlagen, läßt sich anheuern und verschwindet in der weiten Welt, hat bas deutsche Elend hinter sich. Um Gambel herum duftet es nach fetter Walb- erbe, nach frischen Kräutern, auf solchem Baben kann man nachts liegen unb’ schlafen, tags roanbern, es ist eine unausdenkbare Vorstellung: nirgenbroo finbet die Erde ihr Ende, überall geht es weiter, bis nach h Gambel schleicht geduckt wie ein Soldat zwischen den Stämmen. Jetzt begegnet er einem Rehböckchen, die Schreie unbekannter Vögel begleiten ihn. _ ,, Gambel taucht in die Tannenschatten des ersten Harzberges zur selben Stunde, als Doktor Wagenschanz ans Telephon gerufen wird, der „Generalanzeiger" will ihn sprechen. „Wir haben Ihnen in unsrer nächsten Nummer einen besonders günstigen Platz für Ihre Annonce offengehalten, Herr- Doktor, aber es ist die höchste Zeit, daß Sie uns den Text-bringen •gegtou(,t> in diesem Augenblick müßte Ayton Wagenschanz Umstürzen wie ein gefällter Baum. Nichts davon wird bemerkt. Er stößt ein trockenes Lachen aus. „Das hätte ich mir an allen Fingern ausrechnen können —" Mit der größten Ruhe geht er nach Hause, wobei Elli ihn begleitet. Sie meint und schimpft. „Ich kann tun und lassen, was ich will, mir geht alles schief, ich habe niemals Gluck. Wir müssen zur Polizei, der Kerl gehört ins Zuchthaus!" „Nun warte mal ab", beruhigt er sie, „die Polizei kann dabei nichts Vernünftiges tun, die legen ein paar Akten an und machen einen Mordsbetrieb und schlagen noch ein paar läppe kaputt. Darum kümmern wir uns gar nicht. Wir werden jetzt sehen, was sich tun läßt." (Fortsetzung folgt.) ffnbli »n Fra »i, XVI . -3< km Zes M[te, -W iiiijtn? *1 im Meilen .-D < Dem «r ®to S! tag' ' ?■ Si Mn w pütbe j S Hä -Pi Wneni hiun Mr - 5t'Sen Mio :.®«5 Mllen 'im Sm Nie S 'S . Sn P v Sa phä **tg