Wehem ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Zahrgang l9ZZ__Zreitag, den 24. November___________________________Nummer 9| Oie wir entronnen sind. Von Hans L e i f h e l m. Die wir entronnen sind dem Sterben vor der Zeit, Wir gehen immerdar im Totenkleid, Uns ist in Blut gestählt und altert nicht das Herz, Ein jeder Morgen morgenneu, ein jeder Tag wie Tag im März. Knaben, Jüngling, Mann — wir gruben viele ein, Wir hörten statt des Lerchenrufs den Totenvogel schrein, Und streifte Nacht für Nacht der dunklen Flügel Schlag, Uns rührte an mit seiner Hand der Tod vor Tag. Das läßt uns nimmermehr für uns allein, Das läßt uns immerdar mit unfern Toten sein, Mit unfern Toten durch das lichte Leben gehn, Mit ihnen schlafen und mit ihnen auscrstehn. Schlafen den Schlaf, in dem kein Traum lebendig ist, Kristallne Ruhe, die des Wandelns ganz vergißt, Und auferstehn, wie der nur aufersteht, Durch den der Atem der Erweckung geht. Wir bringen Botschaft mit von ihnen, die verstummt, Lächeln und Blick von ihnen, die vermummt, Von ihrem Leib, der modert und verfällt, Tragen wir Puls und Atem durch die Welt. Ore Stimme der Toten. Von Dr. Ernst Keienburg. Ausl laßt uns leben, damit unsre Toten lebenl G 0 r ch Fock. Es geziemt uns, den ersten Totensonntag im Jahre der Volkstrneuerung in einem Geist zu begehen, der den Tob als Brücke uni) zukunftsbildende Macht begreift und mit hoher sittlicher Freu- ügkeit dem Vermächtnis der Schlafenden gerecht wird. Denn rote iönnte ein Geschlecht, das durch Stahlgewitter und Sintfluten gelbritten ist, so ungebeugten Mutes ans Werk des Künftigen, gehen, wenn es nicht auf seinem schweren Gange den Gleichichritt der Toten neben sich fühlte, deren unsichtbare Hände uns segnen, damit ii'ir Vollender seien. Zwei Jahrzehnte Opfergang! Kein Haus ohne Kreuz, keines ieutschen Menschen Erinnerung ohne Leid. Deutiches Blut, versickert auf zerwühlter Erde, Legionen von Greifen unk' K udern Md Verzweifelten, hingemäht durch tückische Machte in der eigenen Heimat. — Millionen von erloschenen Augen sind heute auf uns berichtet. Sie fordern und mahnen. Ihr Anblick ist unausweichlich. Cie schauen in unser Verborgenstes. Sie stehen auf und fragen rach den Saaten, die aus ihren zermorichten Leibern iprießen füllten Das Heer der Toten ruft auf das Heer der Lebenden. Wehe der Nation, die nicht vor ihren Toten bestehen kann! Der letzte Sinn des Todes ist die Erkenntnis des Unvergäng- lichen, das Hinschenken an die Idee des Ewigen. Wo jemals große Menschen die Erschütterung des Todes spurten, übertönt ihre Prophetie die Klage über das Hinwelken,- über den Grabern er- keben sich die Bogen des Unendlichen. Stimmen erheben sich, mach- [tifl wie Orgeltöne, schwingen sich über die Jahrhunderte, eine An- s ge von der Größe und Gottgewolltheit der deutschen Passion. Da stellt einer in der Hoch-Zeit deutschen Mittelalters, Met - fier Eckhardt, geistiger Gipfel der gotischen Menschen deutscher Prägung. Mächtig tönen seine Worte: r .. . „Willst f|’i Gottes Kind sein, so gehe hin und leibe! — 3m Leiden prüft Gott den Menschen, ob er ^bewahren könne, wie man Gold prüft und brennt in einem Feuerofen. : Und wieder spricht einer, der bienend zu seinen Fußen satz, k-r Mystiker Heinrich Seuse: „ „Ein Mensch, der nicht gelitten hat — was weiß der! Grabmale türmten sich auf und zerfielen zu Schutt, mancher deutscher Frühling wurde zu Grabe getragen, jene mahnenden, aufrichtenden Stimmen aber blieben, sie drangen aus dem schweren Erdreich an die Ohren der Lebenden und rührten ihre Seelen auf, daß sie das Vermächtnis der Toten erfüllen sollten: „Ach Bruder, werde doch, was bleibst du Dunst und Schein, wir müssen wesentlich ein Neues worden sein!" Dessen Flehen so aus Grüften zu uns findet,- als wäre es zu dem heutigen Tage heiß in unsere Herzen gesprochen, ist der Schlesier Angelus Silestus, den sie vor drei Jahrhunderten der Erde übergaben. Seine gläubige Todesüberwinöung aber hatte Flugkraft tausendfältiger Keime, die in unseren Edelsten trieben und wirkten, wie in jener herrlichen Ode, die wir Matthias Claudius verdanken: Der Säemann säet den Samen, die Erd empfängt ihn, und über ein Kleines keimet die Blume herauf — Du liebtest sie. Was auch dies Leben sonst für Gewinn hat, war dir klein geachtet, und sie entschlummerte dir! Was weinest du neben dem Grabe und hebst die Hände zur Wolke des Todes und der Verwesung empor? Wie Gras auf dem Felde sind Menschen dahin, wie Blätter! Nur wenige Tage gehn wir verkleidet einher: Der Adler besuchet die Erde, doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel den Staub und kehrt zur Sonne zurück!" Höre, deutscher Mensch, die Stimmen deiner Besten, die je mkk den Schatten des Todes und der leiblichen Vernichtung rangen. Was denn ist der Tod als eine Brücke, wie Friedrich Hölderlin, der große Glücklose, sprach: „Er erschreckt uns, unser Retter, der Tod. Sanft kommt er leis im Gewölle des Schlafs, aber er bleibt fürchterlich und wir sehn nur nieder ins Gras, ob er gleich uns zur Vollendung führt aus Hüllen der Nacht hinüber in der Erkenntnisse Land." * Nicht „nieder ins Grab zu sehen", sondern auszublicken, gebietet das hohe Vermächtnis der Verblichenen. Noch ist die Erde schwer vom Saatgut der feldgrauen Toten. Noch sind ihre Stimmen so gegenwärtig in uns, noch liegt der Druck ihrer Hand so fest in der unseren, noch ist ihr Atem so dicht an unserem Ohr, daß wir sie kaum gestern von uns gegangen wähnen. Dennoch umschwebt schon höchste Prophetie die endlosen Kreuze. Wir blättern in ver- gilbten Briefen und lesen dies und das, was sie in ihren Unterständen schrieben, was sie zwischen Tag und Nacht, Vortrupps der Ewigkeit, beim Kerzenlicht auf schlechtes Papier chinfieberten — wir lesen bas heute mit einem neuen, erschreckend nahen Sinn und feierlich berührt wie von dem letzten Willen eines lieben Verstorbenen. Eine leise, tiefe, männliche Stimme hören wir, heröringend aus einem Wellengrabe am Skagerrak. Der Dichter und Heimat- mcnsch Go rch F.o ck sprach vor seinem Heldentode: „Wer seine Ewigkeit verliert, verliert damit seine Toten! Und was ein Mensch ohne Ewigkeit ist, das habe ich hier im Felde jeden Tag spüren können. Das will ich kniend aussprechen: der Lebenden sind wir ungewiß, aber nicht der treuen Toten, die unwandelbar bei uns bleiben." So sprach einer, der des leiblichen Todes gewiß war, und aber Tausende solcher Zeugnisse sind uns verblieben vom tröstlichen und mannhaften Sterben. Wie aber sollten wir Lebenden schwächer sein als die Toten und unwürdig dereinst, zu effen vom Brote des Todes! Mit Freudigkeit wollen wir zeugen für ihre Unverweslichkeit. Mit Freudigkeit erfüllen ihr Vermächtnis! Fe'd-egräSms einer Liebe. Novelle von Heimito Doderer. Copyright 1932 by I. L. A. Wien. Die folgende kleine Begebenheit erzählte mir einmal mein Schwadronschef, und ich darf sagen auch Freund und Kamerad, der Rittmeister Freiherr von U., der sie in Nordfrankreich erlebt hat. Er war damals — für lange Zeit wieder hatte der fröhliche Neiterkrieg geendet! — Kommandant einer Maschinengewehr- kompanic, also einer selbständigen Abteilung, die man entlang der Front überallhin dirigierte und dorr einsetzte, wo es gerade schlimm herging. Einstmals nun kamen sie da in eine Stellung, deren Gräben sich nahe vor einem waren Traum von Schlößchen hinzogen, das verlaffen stand, und teilweise durch dessen Park hindurch: beides, Gebäude wie Garten, waren von der feindlichen Artillerie schon übel zugerichtet, die alten Bäume großenteils längst niedergelegt, so daß man aus den Zimmern, wo die dienstfreien Mannschaften bequem zu nächtigen pflegten, frei water einem trüben Novemberhimmel über das trichterzerwühlte Vorfeld sah. In einem dieser Zimmer nun hatte auch Herr von U. sein Lager aufgeschlagen und das Feldtelephon eingerichtet. Indessen übersiedelten seine Leute bald mehr und mehr in die Kellerräume. Denn das Haus zerfiel. Die Treffer leichter und schwerer Granaten hatten ausstrahlende Nisie im grauen Mauerwerk auch dort erzeugt, wo dieses heil geblieben war, und gleich neben der Auffahrt lief ein solcher Sprung vom Portal weg, mitten durch eine Gruppe Kränze windender Putten hindurch, denen hier bei heller Bruchfläche, ein Aermchen oder Beinchen, dort schon der halbe Körper fehlte: ja einer dieser kleinen Engel war in ganzer Person herabgefallen und lag nun neben der Freitreppe mit dem Gesicht nach unten zwischen den zahlreichen Wagenspuren: denn bis hierher kamen des nachts Munitionsfuhrwerke und die Fahrküchen. . Herr v. U. aber hauste noch immer in seinem Eckzimmer oben am linken Flügel des stark mitgenommenen Gebäudes. Dieses Zimmer zeigte in der Einrichtung den gleichen Charakter wie alle Räume hier: eine gewisse Leichtigkeit und Zierlichkeit, die sich bis in die verblaßten Stiche fortsetzte, die da und dort hingen, von schmalen Golüleisten eingefaßt. Einen Wandteppich gab es, den Triumph der Ariadne darstellend. Im ganzen Hause, außer etwa im Speisesaal, stand kein einziges wirklich schweres Möbelstück, kein breiter Schreibtisch, kein mächtiger Schrank. Die Dinge hier mochten großenteils aus dem mittleren achtzehnten Jahrhundert stammen, manches auch aus napoleonischer Zeit. Herr v. U., der die letzten Tage dieses Schlößchens als deflen Bewohner miterlebte, und dessen eigene letzte Tage es wohl auch jederzeit hätten werben können, schlenderte nicht ungern durch die blassen und weiten Räume, in welchen, wenn sie auch vom Schwarm seiner Leute wieder verlassen waren, doch noch immer zwei allzu verschiedene Welten im Streite zu liegen schienen. Ber- . wüstet war verhältnismäßig wenig. Aber dieses Wenige genügte, um den Eindruck einer schweren und tödlichen Wunde an einem zarten Körper zu machen. Der weiße Speisesaal im Mittelbau war von der Mannschaft belegt worden, und nicht anders wie ein Schlafsaal in der Kaserne. Reihenweis, Mann neben Mann, hatte jeder seinen Platz am ausgeschütteten Stroh gefunden. In der Mitte hatte man einen entsprechenden Raum als Gang freige- halten, damit nicht beim Alarm einer über den andern steigen müsse. Nun freilich war das Stroh wieder hinaus und in den weniger freundlichen Keller geschafft worden: und nicht mehr lagen zu Häupten jedes Schlafplatzes die Werkzeuge des Soldaten in unscheinbar-strengem Grau: Sturmhelm, Spaten und der Leibgurt. Der Raum war leer wie früher, jetzt aber so vernachlässigt wie verlassen. Die einstmals matt spiegelnden großen Vierecke des Parketts lagen unter Staub und Schmutz erblindet und von den Stieseln zerkratzt: und daß man hier immer truppweise dieselben Wege getrampelt war, konnte noch aus einer breiten Bahn von trockenem Lehm entnommen werden, die sich vom Eingang her durch die Länge des Saales zog, eben jenen frei- gehaltenen Gang zwischen den einstigen Lagerstätten andeutend. Diese selbst aber hatten ja den Boden gedeckt und geschützt, und seine zu beiden Seiten des Schmutzstreifens reinere Fläche hob jetzt jene langgestreckte Spur kriegerischen Treibens noch schärfer hervor. Uebrigens setzte sich diese als schmales Band noch durch zwei angrenzende Salons und bis in die Flügel fort, wo der Rittmeister wohnte. Denn der Lehm aus den Gräben klebte an den Stiefeln der meldenden Unteroffiziere und Ordonnanzen ebensogut wie an jenen aller übrigen Soldaten. Herr v. U. betrachtete nach der Umquartierung seiner Leute in dem Keller nicht ohne wehmütige Verwunderung diesen einst so heiteren Raum, dem eine Terraffe vorgelagert war mit einer breit gegen den Garten zu ausladenden Treppe. Die Veränderung hier im Saale schien ihm eigentlich weit größer zu sein, als sich so im einzelnen feststellen ließ: denn man hatte ja hier um nichts mehr getan, als einen langen Speisetisch mit schwerer Marmorplatte, der vorher in der Mitte gestanden war, an die Riiwand geschoben, und vierundzwanzig leichte goldene Sesselchen obendrauf getürmt. Da und dort lagen in dem weiten Raum allerdings noch Reste von Stroh umfier; und in einer Ecke waren leere Verschlüge übereinandergestellt. Er besann sich unter alledem an den Tag seiner Ankunft hier. Gerade damals war die Front an dieser Stelle um einige Kilometer zurückgenommen worden, und der nächste Morgen hatte die Bäume im vorderen Teile des Parkes splitternd und brechend im schweren Feuer der feindlichen Artillerie gese^-n Wn df-^rn Morgen auch hatte das Haus den ersten Treffer bekommen. Aber am Nachmittag vorher, als sie bei eben erst ansetzender Dämmerung den Saal hier betraten, lag alles noch wie in eine Ich, Insel von Stille geflüchtet, die im zerwühlten Land ringsch wahrhaft selten geworden war. Der Schritt hallte, der Abend st»,, blau und hoch in den Scheiben, man sah über den Park binn- , und zwischen den kahlen Bäumen hindurch auf die Kontur fern t Hügel, die sich scharf gegen den Himmel absetzte. Herr v. \ betrat die Räume in den Seitentrakten, und gleich damals es, daß er im linksseitigen das letzte Zimmer bezog, den andch Flügel aber ganz absperrte. Heute, wie fast jeden Tag seither, legte er hier im Speisest f die schmutzigen Stiefel ab, schloß die hohe weiße Tür aus uy hinter sich wieder zu, um diesem kleinen Reich einen kurzen Ä- such abzustatten. Er sand alles unverändert. Noch hatte hier h, Treffer eingeschlagen, der die Vcrschloffenheit dieser Räume oti gespalten und sie dem Wind und Wetter, dem Schmutz und St«y preisgegeben hätte. Wenn da drüben, in dem andern Teil, wo « wohnte, zwei allzu verschiedene Welten auch in einem sozusa«» unsichtbaren Streite zu liegen schienen — hier war solcher Stiel noch nicht begonnen: eine zarte Wolke von Duft nahm ihn gleis hinter der Türe auf, weder durchkreuzt von dem öligen Geich der Gewehre, noch von den erfreulichen Gerüchen, die allabendlij mit den Fahrküchen eintrafen und aus den Eßschalen dort i,j Saale gedampft hatten. Es blieb hier stille, auch wenn einmf von draußen Lärm herandrang: man empfand ihn als fern, ne er gleich nah. Herr v. U. pflegte langsam bis in das letzte SinuM im Flügel vorzuschreiten. Hier ließ er sich dann für ein klewi Weilchen nieder. Es war ganz offenbar ein Damenzimmer — wo überhaupt rs diesem Hause sand sich auch nur ein einziger wesentlich nwni licher Raum, ein Raum, den man etwa als Gemach des Ha«> Herrn hätte ansehen können? Der kleine zierliche Sekretär ftoni nahe bei einem Fenster gegen den Park hinaus. Daneben gab»! an der Wand einen Breiten gestickten Klingelzug. Der RittmeM setzte sich behutsam auf eine Chaiselongue. Man konnte von M aus schräg durch die Gardine in den Himmel sehen, ohne daß inf Blick einen der zersplitterten Bäume draußen streifte. Die 8rri schwieg. Nur dann und wann kam ein fernes Dröhnen tjerüta| Er begann nach einer Weile leise auf den Socken im Zimmer di und ab zu schreiten und ließ sich am Ende vor dem kleinen Schleuß tl' Dein Sekretär entströmte ein merklich starker Duft, der «ul den Laden zu kommen schien. Ob diese verschlossen oder dIm waren, wollte Herr v. U. freilich nicht untersuchen. Er überlmi sich der Einwirkung dieses Parfüms, stützte den Kopf aus I« Arme und schloß die Augen. In diesen Tagen verbrachte er manche Viertelstunde in kleinen Boudoir und war allen Ernstes der Meinung, daß tiii daraus besondere Erholung komme. Während der letzten vieruw zwanzig Stunden verlegte die feindliche Artillerie, die bisher 1 der Hauptsache doch den vorderen Teil des Parkes, wo die M« ben liefen, bestrichen batte, ihr Feuer nach rückwärts, und in Treffer in dem Schlößchen, das nun mit entblößter Front hin!,« seinem von den Geschossen bald gänzlich rasierten Park IW wurden immer häufiger. Oft, wenn der Rittmeister sich für et: paar Stunden zum Schlafen hingeworfen hatte, drang der un der Einschläge in seinen Traum, freilich, ohne daß derlei eiw allen Frontsoldaten hätte erwecken können. Aber wieder muiw werdend, erinnerte er sich doch des kaum und halb gehörten P>°> tcrns und Prasselns stürzender Steintrümmer, und nicht leite“, wenn es die Zeit gerade zuließ, war dann sein erster Weg in m Flügel hinüber, um in den Zimmern von Madame — so mut”1 er§ " bei sich — nachzusehen, ob hier nichts geschehen sei. Jed'« immer noch stand alles unversehrt, ja ihm schien manchmal, sei diese Stille, die nach einer wohl sehr eiligen Abreise « Schloßherrin zurückgeblieben war, stärker als aller Stahl, draußen seine berechnete Bahn durchsauste, und in irgendei» Weise unverletzlich. ■! Am Ende wurde es auch für Herrn v. U. notwendig, in o® Keller zu übersiedeln. Als er dort, gegen Morgen erst aus den Graben komM^ seinen wenig freundlichen neuen Schlafplatz ausgesucht hatte, gann nicht lange danach, das Schießen wieder und diesmal, t»< es schien, mit großem Erfolg. In Pausen von wenigen MiE hörte man dort oben die krachenden Einschläge, Poltern Splittern von Balken und Stein und zwei ober dreimal ga° A anhaltende donnernde Einbrüche, denen ein langes Rauschen »i Rieseln nachfolgte. Nach einigen Stunden ließ das Feuer und schwieg endlich. «uj Der helle Tag beschien eine säst völlige Verwüstung. Rittmeisters ehemaliger Wohnraum war sozusagen gänzlich gebrochen, Decke und Fußboden durchschlagen, die eine Sette fl«“ ben Park zu freigelegt, wohin sich auch bas steile Dach schon i1 J Sturze neigen wollte. Dieser linke Flügel bes GebäubeS schien st meisten gelitten zu haben, nächst ihm wohl der Mittelbau. * Gartenseite des Speisesaales war eingestürzt. Herr v. N. eilte n « vorne in die Stellung. Hier hatte man eine verhältntsnnw ruhige Nacht gehabt, das Feuer war offenbar nur dem Anmat - raume zugedacht gewesen, vielleicht war vom Feinde ein v« . kommen von Reserven oder deren Zusammenziehung hinter i Schlößchen vermutet worden. Herr v. U. betrat sofort nach seiner Rückkehr die Ztmmer Madame. ,, „ .L m Hier war es hell, und es schmeckte nach frischer Luft. Da- . ihm zuerst auf. Und damit wußte er auch schon alles. In den * deren Räumen gab's wenig Schaden, an eine Stelle alter, u war der Boden von Trümmern und Scherben übersät »no I 6 e i 6 11 i i e l t v 11 b d t f 1 i 6 t i r k 6 c t t t I 6 i k i 1 c I 5 l c ti h f t i I ti i t i 8 I t c r d b 3 ( h e i k « i I: l c t 5 I f f < i I 1 einen Augenblick. Briesen aus. Alle Herr o. U., nicht wenig betroffen, zögerte Tann bückte er sich und nahm einige von den die Decke zeigte ein Loch, von dem lange Rtsie ausstrahlten. Als er am Ende das Schreibzimmer von Madame öffnete,trat er sozusagen wieder ins Freie. Denn dieser Raum war durch einen Treffer fast völlig aufgespalten. Der Sekretär war umgcstürzt, zersplittert und der Platte beraubt: aus seinem Innern aber ergoß sich ein breiter Strom in violetter Farbe auf den Fußboden und bis in die Mitte des Zimmers. Es waren Briefe,- alle von gleicher Farbe und Form, und zwar ihrer Hunderte. Einzelne von ihnen zitterten und bewegten sich in leichtem Zugwind. waren an den g leichen Empfänger gerichtet. Sie zeigten am Kopf den Namen des Schlößchen hier, waren also einmal von hier abgesandt, am Ende jedoch offenbar wieder zurückgegebcn und schließlich gesammelt in diesem Schreibtische ausbewahrt worden. — Aus der Unterschrift erfuhr der Rittmeister freilich auch den Namen jener Dame, in deren Zimmer er so gerne dann und wann ein Viertelstündchen verbracht hatte. — Er begann den Anfang eines Schreibens zu lesen, ließ aber das Blatt bald sinken und schob es rasch wieder in den Umschlag. Ein Brief, der noch in dem umgestürzten Sekretär am Grunde der Lade geblieben war, zeigte in der Datierung das Jahr 1896. Ein anderer, aus dem verbreiterten Strom in der Mitte des Zimmers genommen, wies das Jahr 1912. Was hier lag, war die eine Seite einer Liebeskorrespondenz, die über fünfzehn Jahre gedauert hatte. Eben, als Herr v. U. zu dieser Einsicht gelangt war, und noch gebückt über dem Berg von Briefen verharrte, jenen vom Sitzen am Sekretär schon vertrauten Duft einziehend, kamen durch die Flucht der Zimmer trampelnde Schritte. Der Rittmeister erschrak und wurde besten inne, daß er diesmal in der Eile vergessen hatte, die Türe hinter sich abzuschlietzen. Es war eine dringende Meldung, die ihn sofort hatte erreichen müssen. Während der Soldat, der ste vom Telephon brachte, sich hier verwundert umblickte, durchflog der Rittmeister, was auf -em Zettel stand. Reserven waren von rückwärts in Anmarsch und sollten hier konzentriert werden. Da hieß es, in den Kellern zusammenrücken. Möglicherweise war an dieser Stelle ein Vorstoß beabsichtigt, um die entstandene kleine Einbuchtung der Front auszugl^jchen. Das alles aber bedeutete Bewegung, Ueberflutung jedes Winkels hier mit frischen Truppen, und wohl auch den Abschied von diesem Schlößchen, das in seinem hilflosen Zerfall noch liebenswerter geworden war. Herr v. U. sah in einer Art von augenblicklicher Ratlosigkeit auf den Strom der zutage gekommenen Briefe vor seinen Füßen. Da und dort regte sich ein Blatt im sachten Winde, hob sich, wie um in den Park hinunter zu flattern. Er befahl den Feldwebel hierher und zwei Mann. Dann ging er ins Nebenzimmer. Da fand sich denn, nach einigem Umhersehen, eine Art großer Kassette ober Truhe, die er nach vorne trug. Während Herr v. U. noch mit dem sorgfältigen Einschichten der Briefe beschäftigt war, wobei er darauf achtete, keinen übrig zu lassen, kamen die Leute. Der Feldwebel empfing die nötigen Anordnungen und verschwand wieder: die beiden Soldaten aber, denen zu bleiben befohlen war, betrachteten verwundert durch ein paar Augenblicke des Rittmeisters Hantierung, halfen dann aber gleich ohne ein weiteres Wort ordentlich beim Zusammenschichten der leise duftenden kleinen Vriefumschläge. Herr v. U. schloß am Ende den Deckel der Kassette, versperrte sie und ließ das Ding in den Garten hinunter tragen. Den Schlüssel rootf er hier tn den Schutt. Sie hoben nach seiner Anweisung eine Grube aus. Dann ging er durch den Park und die Laufgräben in die Stellung. Als er wiederkam, war die Grube fertig und tief genug. Die Truhe stand daneben. Indessen war es an der Front etwas unruhig geworden, das Schieben hatte neuerlich begonnen. Gegen Abend kam der Rittmeister endlich zur Ausführung seiner Absicht. Ein wahrer Katarakt von Geschossen ging eben wieder über das Schlößchen nieder, und als er, tiefgebückt, die Kassette in ihr Grab herabsenkte, stürzte dort rückwärts im Mittelbau Gemäuer und Dach vollends ein: es schien, als wollte das Schlößchen krachend in den Erdboden versinken. Staubwolken schwebten zwischen dm kahlen Bäumen. Er richtete sich auf, sah in das kleine Grab da hinunter und nahm dabei etwas geistesabwesend den Sturmbelm ab. Die Dunkelheit begann zu sinken, dort drüben zuckten die Mündunqsblitze der ununterbrochen feuernden Batterien, deren Genosse wie ein rauschender Wasterfall über ihm ihre Bahn zogen. Eben als er die Grube zugeschüttet und die Erde festgestampft batte begann rückwärts die eigene Artillerie mit höllischem Lärm das Feuer zu beantworten. Jbr Dröhnen rollte den Himmelsraum entlang, dessen Ränder überall von wechselnden Lichtern zerrissen nmretL Ein Mann kam durch den halbdnnklen Park aus ibn zugelaufen und schrie tbm eine Meldung ins Oür. wahrend in der Stellung vorne eines von des Rittmeisters Maschinenaeweüren eilig zu schnattern begann. Jetzt erfuhr er, daß die ersten Verstärkungen eben einträfen, und der Angriff flir morgen fünf Ilhr früh, befohlen sei. Er warf noch einen Blick ans die plattgestamp cke Erde zu seinen Füßen, konnte aber in der raschhereingebrochenen Dunkelheit nicht« mehr ausnehmen,- die Stelle glich. jetzt ganz dem umliegenden Roden. Als er sich wandte, geschah ein schwerer Einschlag' und ausblickend sah er das eine Ende des Gebäudes, wo einst das Schreibzimmer von Madame aewesen, in einer dichten Wolke von Dampf und Staub zusammcnbrechen. JRiefefe. Die Geschichte eines kleine« Pferdes. Von Nikolaus Schwarzkopf. lNachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Herrjeh, herrjeh! Und am Abend geschah es wirklich: Dauphin wurde mit den anderen Gäulen geschirrt, bekam etwas auf dem Rücken angeschnallt, das er noch nicht kannte, und mußte vorerst am Vorhang recht lange warten. Sah die Kunststücke aller Freunde, aber erst, als alle wieder aus der Manege verschwunden waren, durfte er Hinei,r. Husch, hinaus! Aus die Barrierei Spar' deine Peitsche, Direktorlel „Ah, aah, aaah!" rief die Menge, und die Kinder tobten: „Pause I" Dauphin lief rundum und schlüpfte wieder hinter den Vorhang, indes die Leute von ihren Plätzen sich erhoben. Dieses Schild, das die Pause ankündigte, mußte Dauphin von nun an immer hinaustragen, viele Wochen lang. Aber das blieb keineswegs seine Hauptbeschäftigung, deshalb hatte man ibn nicht eigens angekauft. Nein, nein! Dauphin war zu anderen Sachen auserlesen. Es geschah, baß die kleine Miezi wieder ihren schlimmen Tag hatte! Sie lief wie gewöhnlich am Ende der Reihe, die von einer halbgroßen Stute namens Lore geführt wurde. Rief der Direktor: „Komm her!" so hieß es rasch in höchster Ordnung nach der Mitte zu einschwenken und daselbst zu Seiten des Direktors zu stehen, bis ein neuer Befehl kam. Dieser neue Befehl hieß gewöhnlich — wer wüßte das nicht schon! — „a genoux!“ Beim ersten Ruf klappte alles sehr gut, und die sieben Tiere standen Schulter an Schulter nebeneinander im verjüngten Maßstab, Dauphin in der Mitte, Miezi am äußeren Ende. „A genoux!“ knallte der Befehl, und die Peitschenschmicke züngelte vor den vierzehn Knien. Dauphin, der tn diesem Stück fast noch ein Neuling war, fiel zuerst auf die Knie und jubelte um sich her mit den Augen, ob er's vielleicht nicht schon am besten mache? Nacheinander und mit großer Mühe sanken die Genossen, aber Miezi draußen kam nicht herunter. Die Peitsche trommelte an ihren Unterschenkeln, die Stimme des Direktors stieß wie aus Karnevalstrompeten an Dauphins Ohr vorbei und umher in allen erregten Tonlagen, allein Miezi kam nicht herunter, und die Reihe ward unruhig und konnte nicht länger unten bleiben. „Auf! An die Plätze! Die ganze Familie!" donnerte der Direktor, und sogleich schoß die Führerin nach der Barriere, «nd die übrigen folgten. Miezi, gänzlich verwirrt, konnte ihren Platz nicht finden, lief außer der Reihe, trottete nach der Mitte zu, ward vertrieben von der Peitsche, wollte sich erst vor Dauphin, dann hinter ihm eindrängen, und die Peitsche knallte umher, traf Dauphin, verzögerte seinen eiligen Schritt, und Miezi fchob sich vor ihn und raste mit voran. Die Peitsche züngelte nicht, surrte vielmehr von oben herab auf Miezis Kopf, immer heftiger, immer heftiger im rasenden Nundlauf. Miezi feuert nach hinten aus, trifft Dauphin an den Kinnbacken. Dieser rast weiter in der wirren Runde, stößt gar den Kopf an Miezis Backen, um sie, das unglückliche Kind, aus der Reihe zu bringen, und im selben Augenblick springt ein Bursch herzu, packt Miezi am Halfter und zerrt sie zurück auf ihren Platz. Daselbst aber fängt für Miezi erst recht die Drangsal an. Der Bursche rennt mit und schlägt unausgesetzt auf das Tierchen drein mit der kurzen Peitsche. Der Führerin knirschen die Zähne, Dauphin trägt Schaum am Mund, die lange Peitsche knallt, die kurze klatscht. Soll der tolle Wirbel nicht enden? Kann Miezi überhaupt noch mittollen? Lebt sie noch? Dauphin dreht im Laufen die Augen zu ihn hin, und sogleich schneidet die Petschenschmicke über seine beiden Ohren. Laut kreischt der Direktor, was man nicht mehr verstehen kann. Ost zischt das Wort: „So siehste aus!" Plötzlich aber zerreißt Dauphin die Kette. Die Peitschen ver- laffen nun die arme Miezi und stürzen sich auf Dauphin. Er spitzt nach dem Ausgang, er steht, wie Miezi nunmehr ohne Tadel ihren Platz innehält, und sucht auch den seinen wieder. „So, so ist's gut, so ischt's guat!" Des Direktors Stimme flutet in wohligem Wellenschlag durch das Zelt, bald hoch, bald tief, wie ein Lied, wie ein schmeichelnder Gesang! „Komm her!" heißt es nun wieder. Die Führerin biegt ein, die Schultern reihen sich aneinander! „A genoux!“ ertönt's jetzt streng und roh. Miezi aber kommt nicht herunter, und auch Dauphin hockt in halber Senkung und kommt nicht nieder. „Schluß!" kreischt der Direktor, und seine Stimme zerflattert wie eine Fahne alter Veteranen. „Dauphin und Miezi bleiben! Die andern ab!" Die Gaffe am Ausgang öffnet sich, eiligst strömen die fünf Befreiten hinaus. Er wirft die lange Peitsche vor sich, der Herr Direktor, der Bursch gibt ihm die kurze. Miezi torkelt: ein Schlag hält sie aufrecht! Auf ihrer Stirn scheint die alte Wunde aufgebrochen zu sein: Ein Strömlein Arena hin. (Fortsetzung folgt.) V-ran.wörtlich: Di. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl',che Univerjitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. phin gar nicht leicht zu gehen hatte. WaS wollte er nur? Er wieherte, daß dem kleinen Dauphin der Speichel an die Nüstern spritzte,- er peitschte mit dem Schweif, er trug die Ohren hochgestellt, und endlich geschah etwas: Wallenstein ritz so hestig an der Koppel, daß Dauphin nicht widerstehen konnte, vielleicht auch nicht widerstehen wollte, und im Nu feuerten die beiden Freunde seitab und rasten über die Aecker den Abhang hinan' in Hellem Galopp querfeldein. Der zierliche, weißgebleßte Dauphin spürte zwar Schmerzen am Munde, aber was sind denn Schmerzen gegen Freude? Eine Wonne, mit dem starken Wallenstein aus und davon- zu^Di-N Häscher kamen natürlich! Wallenstein wurde gepeitscht, Dauphin nicht! „ , a . „ Ordentlich mitleidig sahen die schweren Kerle aus den Augenwinkeln auf Dauphin herab, als sei er der Verführte, als fei er nur mitgezerrt worden, schuldlos wie ein Kind. Dann ging's wieder in einen Zirkus. In diesem neuen Leben gefiel es Dauphin besser als früher. Nur selten brauchte er mit den übrigen Pferden zu exerzieren, um so öfter aber und um so länger mußte er allein vor dem neuen Direktor seine Uebungen machen. Mit großer Leichtigkeit erlernte er alles, was man von ihm verlangte,- er stellte sich auf die Hinterbeine, und es dauerte nicht lange, so entwöhnten sich die herabhängenden Vorderbeine, lästig zu zucken, zu schlagen und überängstlilch nach einer Stütze zu tasten! Musik begann oft zu erschallen, wenn Dauphin so stand. Der Direktor fuchtelte graziös mit den Händen in der Luft herum und sang dazu. Heissa, wenn noch die Peitschenspitze an Dauphins Hrnterhufen herumzutrommeln ansing, so konnten sich die Füße nicht mehr halten und trippelten hierhin und dorthin und erfaßten bald den Taktschlag der Weise. Da konnte der Herr Direktor getrost feine Peitsche beiseite werfen und näher kommen! Konnte ganz nahe kommen, konnte seinen Arm über Dauphins rechtes Bein, den rechten unters linke Bein schieben, so daß seine Brust des Pferdchens Brust berührte, und: Kinder! Kinder! habt ihr schon so etwas gesehen? Sie tanzen miteinander, sie tanzen miteinander, der Direktor tanzt mit dem kleinen Dauphin! Solcherlei vollbrachte Dauphin! Er vollbrachte, was man von ihm verlangte: er zählte die Jahre seines jungen Lebens. Er zählte die Stunden des Tages, die Lebensjahre eine» feden Menschen, der sein Alter nicht mehr zu wissen schien. Er holte aus dem Publikum jenen Kerl heraus, der seinen glorreichen französischen Nanren deutsch ausgesprochen hatte. Er schoß mit dem linken Vorderfuß eine Kanone ab und mehr,- er verbeugte sich höchst artig vor seiner Königin. t o ,, Kein Wunder also, daß die Kinder das Gaulchen mit 6er weißen Blesse so gern hatten! Die Kinder des ganzen Reiches kannten Dauphin, liebten ihn, träumten von ihm wie vom Weihnachtsbaum! In den Zeitungen lasen sie über ihn, an den Plakatsäulen sahen sie ihn in Hellen, fröhlichen Farben und vergaßen ihre Schule und ihren Mittagstisch. Wenn sie mit ihren Eltern im Zirkus saßen, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Wenn sie die Ställe besuchten, wollten sie nichts anderes sehen als Dauphin. Väter photographierten Dauphin. Ein ganz kleines : Kind kam einmal im Stall auf Dauphin zu und sagte: Wo^ also^sprang ^Dauphin Abend für Abend im Lichte der Arena umher durch den Beifall der von ihm beglückten Menschen, bald in dieser, bald in jener Stadt. 12. Den tollsten Abend aber, zugleich den glorreichsten erlebte Dauphin kurz vor Ausbruch des .Krieges in jener rheinischen Stadt, die sich wie eine Braut in den liebenden Arm des Flußes schnnegt.er ffunft soweit beendet hatte, daß er meinte, nun müsse er hinaus aus der feierlichen Arena, da kam der Direktor nochmals auf ihn zu, zog ihn vor allem Volk das goldbetreßte Purpurmäntelchen aus und nahm den weißen Husarenbufchcl von seiner Stirn, so daß Dauphin schließlich ganz nackt dastand. Vom hohen Thron herab fragte der König laut und mit großer Handbewcgung schräg nach oben, daß all seine Ringe aufblitzten: „Was kannst du noch, Freund Dauphin?" Dauphin schüttelte den Kopf. . „Sonst kannst du nichts?" fragte schelmisch die sanfte Königin und lächelte und schüttelte das gekrönte Haupt, als wisse sie genau, daß Dauphin noch etwas ganz besonderes könne. Und zu ihrem hohen Gemahl sagte sie hinüber: „Sagten Sie mir nicht, Majestät: Dauphin übertreffe seinen Ruf?" Da stand er und schämte sich ein wenig. Da kam zum Glück der Direktor mit seiner Leiter, und nun fiel dem Gäulchen ein, daß er noch etwas könne. Es st eß den Atem heftig durch die Nüstern, sah zu zwei Buben, die bei einem Offizier saßen, als spiele es nur für sie, und schritt so seinem Direktor entgegen. ... r. - Dieser stützte die Leiter auf, und Dauphin hebt den linken Vordcrfuß auf die erste Sprosse der Leiter, dann den rechten und steigt so Sprosse um Sprosse hinauf bis zur fünften. Nun wirft er den Kopf hoch, drückt sich ab, steht frei, fest nnd aufrecht auf den Hinterbeinen und marschiert, so tm raschwechselnden Takt der volldrößnenden Musikkapelle in allen Gangarten 'durch die Blut rinnt über dir weiße Nase. Der Direktor wendet sich an Dauphin: „Soll ich auch dich durch den Kakao schleifen? ^b^Soll^ich Miezt fortsühren?" fragt der Bursche. Der Direktor """,Na,'°und du, Proletarier, was ist denn dir heute in den Schädel gestiegen, he, wat?" ... - . , Dauphin scharrt mtt dem linken Vorderfuß,- der Lederriemen ^"^Hab''°ich"wat jesagt, he? Willst wohl zeigen, daß du's jut- machen willst, Jünklink! Hast Angst vor Haue, wat?" Aller Augen richteten sich aus Dauphin, dem anscheinend fein gutes Stündlein bevorsteht. Ein Bursch, der aus der Barriere hockte, zieht die Kappe, nimmt zwei Zigaretten heraus, gibt eine einer Dame und zündet beide an. s „Hast nich ooch eene pour moi? fragt der Direktor, und der Bursch holt eine dritte aus der Mütze und gibt Feuer. In dem Direktorengesicht hängen Schweißtropsen. Er tut ein paar Zuge und wirft die Zigarette von sich, er faßt die kurze Peitsche und spuckt nochmals in die Hände ... Da geschieht ein Wunder! Am Eingang erscheint eine Frau und trägt ein halbjähriges Kind aus den Armen. „Ah! Aaah! Aaahl" schreit alles, was ist da in dem Zelt. Alles bewegt sich nach dem Kinde hin, und selbst der Direktor laßt i die Peitsche sinken, streckt, indes er zur Mutter und Kind geht, die Hand nach dem Burschen, der ihm die Zigarette gegeben, bekommt eine neue, zündet sie an und nimmt das Kind auf seinen garstig tätowierten Arm. Er trägt's in die Manege zu Dauphin hin und sagt: „Du guck, Jochem, welch ein liebes Gäulchen!" Und zu allen rundum sagt er: r t , „Dieser Dauphin gehört meinem Jochem!" worauf der Vater des Kleinen hinterher ruft: „Ich halte Sie beim Wort, Direktor!" , t „Da guck, da guck! Dauphin, verfluchtes Sauvieh, guck dir den Jochem an!" „ , t t o Er setzt Jochem aus Dauphins Rücken, und der ganze Ztrkus gerät in den siebenten Himmel. Dauphin trabt einher, eine kleine Tänzerin hopst wie ein Flugzeug, das angekurbelt ist, herbei, schwingt sich auf Dauphins schmalen Rücken, nimmt das Kindchen auf den Schoß und reitet so dahin, wirft's in die Luft, fangt s wieder, küßt es, drückt es an sich und jauchzt vor Freiluft und Freude. Wer jauchzt da nicht mit? Wer schweigt da noch? Dauphin streckte, indes er wacker weiter lief, den Kopf weit nach vorn und stieß einen Schrei aus, der seltsam klang wie eine Schalmei aus Weiden, wie ein Hirtenlied auf der „Zeil'. Nur ein Viertelstündchen währte das fröhliche Zwischenspiel. Die kleine Tänzerin stieg ab, klapste Dauphin auf den Schenkel und fagte: ■ „Fort, Kleinzeug, mach morgen deine Sache besser! 11. Dauphin machte am nächsten Tage seine Sache wieder besser, wie er überhaupt ein gelehriger Schüler war. Allein trotz aller Gelehrigkeit, trotz alles besten Willens, geschah es sehr oft, daß Dauphin die große und die kleine Peitsche zu spüren bekam, und wenn die Menschen,- denen er feine Errungenschaften darbot, Freude an ihm empfanden, wenn die Kinder ihn mit ihren kleinen Händen beklatschten, so dachten sie nur selten daran, daß hinter dieser Stellung vielleicht hundert Geißelhtebe staken, datz dieser so überaus lustige Sprung vielleicht tausend Geitzelhiebe beansprucht hatte! „Mit Wunden ganz bedeckt", verschlagen, zerschunden an Leib und Seele, kam Dauphin oftmals in die fröhliche Arena, aus den Händen der Häscher, aus dem verruchten Lederriemengesicht des Direktors in die überzuckert freundliche Miene des Abends angesichts der Menschen, die ergötzt sein wollten. Hundert Stunden höchste Qual für ein Viertelstündchen Menschenbelustigung! Hundert Stunden Erniedrigung für ein Vtertelstündchen kleinfrohe Menschenlaune! . , t Trotz aller Qual behielt Dauphin doch den inneren Frieden, und die Freude, Freude zu bereiten. Es geschah aber, daß, als Dauphin die ersten Begriffe der Kunst besaß, er an einen Zirkus verkauft wurde, der sich einen Solisten seiner Art eher leisten konnte. Als Dauphin abgeholt wurde, lag Frühlingsschnee auf den Zelten, und Burschen gingen mit langen Stangen, an die oben quer ein Brett genagelt war, umher und schüttelten die Schneemassen von den ties hereinhängenden Dachzelten. Dauphin mußte, bevor er abgeführt wurde, sein gesamtes Können vor den Augen des neuen Herrn entfalten, und vor Eifer und Freude brach ihm der Schweiß aus allen Poren. Die Burschen, die ihn liebgewonnen hatten, rieben ihm den Schweiß aus den Haaren, und der neue Herr wunderte sich und fragte, ob Dauphin überhaupt so leicht schwitze? , „Keineswegs!" entgegnete der alte Herr, aber ein hoher Eifer steckt in dem Kind. Es eignet sich zum Steiger, es hat Musike im Bauch, und wenn es Glück bat, kommt's zu was Großem." Auch Wallenstein, der die Elementar-Schule erledigt hatte, zog mit Dauphin zuiammengekoppelt fort in den größeren Zirkus, der in der Nachbarschaft weilte. Sie fuhren nicht mit der Eisenbahn, sie marschierten zu Fuß der Stadt entgegen, die kaum drei Stunden entfernt lag. c. „ An einem Abhang pflügte ein Bauer mit zwei dicken Acker- fiö’uten. Wallenstein ward unruhig, drehte oft den Kopf nach der Feldarbeit und zog leise aber stetig an der Koppel, so baß Dau-