Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang <953 Montag, den 24.3uH Nummer 56 Stilleben. Von Gottfried Keller. Durch Bäume dringt ein leiser Ton, Die Fluten hört man rauschen schon. Da zieht er her die breite Bahn, Ein altes Städtlein hängt daran. Mit Türmen, Linden, Burg und Tor, Mit Rathaus, Markt und Kirchenchor: So schwimmt denn auf dem grünen Rhein Der goldne Nachmittag herein. Im Erkerhäuschen den Dechant Sieht man, den Römer in der Hand, Und über ihm sehr stille steht Das Fähnlein, da kein Lüftchen geht. Wie still! Nur auf der Klosterau Keift fernhin eine alte Frau; Im kühlen Schatten nebendran Dumpf donnert's auf der Kegelbahn. Oie Heirat des Verurteilten. Eine lustige Geschichte von Paul E r n st. Zwei junge Männer trafen sich etwa gegen Ende des siebzehnten ilchrhunderts an einem schönen Frühlingstage vor den Toren von Stock- Hilm. Der eine war stattlich gekleidet und ritt auf einem schönen Pferd, dir andere ging bescheiden zu Fuße, und sein Anzug ließ nicht auf eine zioße Reisekasse schließen. Der Fußgänger grüßte den Reiter; der Reiter antwortete höflich; es eiiwickelte sich ein Gespräch; es stetlle sich heraus, daß die beiden jungen Haren von Adel waren, und nach Stockholm gingen, um sich dem König «rzustellen; der Reiter saß ab, ließ sein Pferd am Wegrand grasen und fejte sich zu dem anderen auf einen Steinhaufen; dann erzählten sie sich iljre Geschichte, deren wesentlicher Inhalt war, daß der Reiter wohl- d-vende Eltern hatte und Lindstern hieß und der Fußgänger arm war UTö sich Ridderschwert nannte. Lindstern fand, das Leben habe ihm bis jeit immer übel mitgespielt, Ridderschwert hatte bis nun noch keinen @iunb zum Klagen gefunden. Lindstern machte dem anderen den Vortag, sie wollten Freunde sein,. Ridderschwert nahm an und eröffnete kn Bund mit der Bitte um ein Darlehen von drei Reichstalern, die der ijreunb gleich aus einem Täschchen vorzog, das ihm seine Mutter selber Mäht und um den Hals auf die bloße Haut gehängt hatte, damit es ihm lifjt gestohlen werde. Nachdem sie noch eine Weile geplaudert, verab- ttieten sie ein Gasthaus, wo sie sich treffen wollten; Lindstern schwang fc wieder auf sein Pferd und ritt weiter, und Ridderschwert zog zu Fuß fit ter ihm her. Sn der Stadt trafen sie sich nach ihrer Verabredung, ruhten sich aus, lesen ihre Kleider in Ordnung bringen und wurden den andern Tag ■fei Hofe vorgestellt. : Die Königin gab ein Gartenfest und lud die beiden Herren ein; sie leib ft war als Diana Kkleibet, ihre Hofdamen als Nymphen, der König •Is Endymion, der Oberhofprediger als Eilen, und wer von den Herr- Mten am Hofe sonst noch Geld genug hatte, für eine Maske, der stellte iah seinen Fähigkeiten irgend einen anderen Gott, Halbgott ober mythi- jhn Helden vor. Die beiden Freunde machten runde Augen, wie sie die lic en schönen Mädchen in den anmutigen Gewändern sahen, und Ribber- [i)Dert stieß Lindstern in die Seite, daß er braun und blau wurde. Eine h’ npbe blieb plötzlich vor den beiden stehen, sah sie schalkhaft an, erhob ■ ihr.-n Speer und zielte auf sie; Lindstern zuckte zurück und Ridderschwert auf sie zu; da wirbelte sie den dünnen Speer hoch in der Hand, ! rite hell und eilte leichtfüßig davon über die Wiese, wo Maßliebchen AI Veilchen zwischen dem niedrigen Gras blühten. Ridderschwert fragte •intn kurzatmigen und dicken Herrn, der eine Lyra in der Hand trug >/ den Apollo barstellte, nach dem Namen des schönen Mädchens; der F® antwortete mit stolzglücklichem Lächeln auf dem breiten Gesicht, m er sich den Schweiß abwischte: „Das ist nämlich meine Tochter, [t5 Fräulein von Palmschild." , Lindstern war blaß geworden. Er zog Ridderschwert mit sich fort an x» einsame Stelle des Parks, legte die eine Hand auf sein Herz, ergriff F*' der anderen die Rechte seines Freundes und rief: „Die ist es." „Was?" P.ite Ridderschwert verwundert. „Die ich liebe", sagte der andere. Ridderschwert lachte. „Es ist die wahre Liebe, die Liebe auf den ersten Blick", beteuerte Lindstern. Ridderschwert kaute an seinem Schnurrbärtchen und sagte: „Geschmack hast du, sie ist ein verdammt hübsches Frauenzimmer. Wenn du die kriegst, dann kannst du von Glück sagen." Hier traten Lindstern die Tränen in die Augen, er sank dem andern an die Brust und sprach: „Sie wird sicher schon versprochen sein." „Na, dann frage sie doch", riet ihm der Freund. Lindstern erwiderte, er werde nie den Mut haben. Ridderschwert lachte und sagte: „Dann werde ich sie fragen." Lind- ftern errötete, dann drückte er dem Freunde stumm die Hand und ging von ihm fort. „(Eine putzige Kruke, hat Angst vor einem hübschen Mädchen", sagte Ridderschwert für sich; „aber ein anständiger Kerl; wir wollen sehen, was sich machen läßt". Er strich sich die Handschuhe glatt, girza wieder zu der Gesellschaft, suchte, bis er Fräulein von Palmschild fand, und trat auf sie zu, verneigte sich und zog tief seinen Hut ab. Die schöne Nymphe errötete; er lachte. „Weshalb lachen Sie?" fragte sie ihn unwillig. „Wir haben uns immer darüber gestritten, ob die Mädchen auch im Dunkeln erröten", erwiderte er, „und ich habe stets behauptet, das ist nicht der Fall. Aber nun sehe ich, daß Sie nur bis zum Hals erröten, und man sieht doch mehr als nur Gesicht und Hals." Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie wendete sich ab. Er ergriff ihre Hand und sprach: „Verzeihen Sie den Scherz, er war zu dreist." „Was wollen Sie von mir?" fragte sie leise. Hier nun wurde er plötzlich verlegen, er stotterte: „Ich sollte Sie von meinem Freund Lindstern fragen ...", aber mehr konnte er nicht Vorbringen. Sie'merkte seine Verlegenheit, lachte hellauf, sah ihn unter ihren Tränen schelmisch an und rief ihm zu: „Weshalb fragen Sie denn nicht für sich selber?" Damit lief sie fort, und es war ihm vor feinen trunkenen Augen, als ob die Blumen und Gräser sich unter ihren Tritten nicht bogen. „Donnerwetter", murmelte er; „das kann mir keiner Übelnehmen"; und damit machte er sich mit langen Schritten hinter der zierlichen Nymphe her. Wirklich erreichte er sie auch nach einiger Zeit wieder; sie stand vor einem dichten Gebüsch und konnte nicht weiter, er stellte sich breit vor sie hin und verhinderte, daß sie ihm vorbeifloh, dann sagte er: „Ich frage für mich." Da nahm sie ihren Speer, stieß dem Verehrer mit dem stumpfen Ende in die linke Weiche, wo die kitzlige Stelle ist, er bog sich vornüber, und nun entwischte sie ihm lachend. Sein Hut war zur Erde gefallen, er hob ihn auf, setzte sich ihn wieder auf den Kopf und sagte zu sich: „Sv, das ist in Ordnung, jetzt wird der Alte gefragt." Wie er aber den Alten aufsuchen wollte, traf er den Freund, der erwartungsvoll beide Hände gegen ihn ausstreckte, um dankbar seine Rechte zu ergreifen, und fragend ausrief: „Nun?" Die Sache war ihm doch peinlich, und so antwortete er denn brummig, in einem Tone, als ob der andre schuld sei: „Sie liebt überhaupt mich". Entgeistert wich Lindstem zurück, sah ihn starr an, plötzlich zog er seinen Segen und rief: „Nimm Deckung". So fochten sie nun, und da Ridderschwert geschickter und schneller war als der andre, so lag Lindstem bald auf dem Boden. Das Geklirr der Waffen hatte Menschen herbeigezogen, man ergriff Ridderschwert, der auf den bewußtlosen Körper starrte, beschäftigte sich mit dem Verwundeten; ein Arzt erklärte die Verletzung für sehr gefährlich; der König erschien, Fräulein von Palmschild kam, machte einen langen Hals, und als sie den verstörten Jüngling erblickte, den die Umstehenden festhielten, fiel sie in Ohnmacht. Um dem Duellunwefen zu steuern, hatte der König ein scharfes Gesetz gegeben, nach welchem jeder, der einen andern im Zweikampf verletzte ober tötete, mit dem Tode bestraft werden sollte. So wurde der unschuldige Jüngling denn ergriffen und in ein Gefängnis geschleppt; der König hatte selber die schärfsten Befehle gegeben. Der dicke Herr von Palmfchild liebte feine Tochter zärtlich und mußte alles tun, was sie wollte; so ging er denn zum König und bat für den Verbrecher; der König antwortete ihm, er dürfe nicht begnadigen, so leid ihm auch der junge Mann tue. Fräulein von Palmfchild meinte so lange, bis die Königin ihren Gemahl aufsuchte und Fürbitte tat; der König war unerbittlich und sagte, er würde seinen eigenen Sohn hinrichten lassen, wenn er duellierte. Lindstem wurde gut gepflegt, und da er ein junger gesunder Mann war, so genas er wieder; als er eben gehen konnte, erbat er ein Gehör, fiel dem König zu Füßen, erzählte, wie er selber zuerst den Segen gezogen habe und wie sein Freund eigentlich unschuldig sei. Der König antwortete ihm: „Gott hat mich auf meinen Thron gesetzt, daß ich tue, was recht ist, und nicht, was mir gefällt." Nun hatten die Richter das Urteil gesprochen und Ridderschwert sollte in einer Woche hingerichtet werden. Da erklärte Fräulein von Palmschild ihrem Vater: „Ich liebe ihn und will mich mit ihm verheiraten, damit ich wenigstens nachher seine Witwe bin und vielleicht einen Sohn von ihm großziehen kann." Der Vater tat natürlich alles Mögliche, um sie von diesem Plan abzubringen, er versprach ihr ein Reitpferd, ein Brokatkleid, einen Brillantschmuck, er schlug ihr vor, sie solle Lindstem heiraten; sie bestand auf ’.hrem Willen; die Königin küßte sie und sagte ihr, sie sei ein mutiges Mädchen, auch der König ivrach sich anerkennend heiteren Sinfonie ... Ueberall in Deutschland, wo es einen Hof, ja, wo es eine angeregte Gesellschaft gab, konnte man um die Mitte des 18. Jahrhunderts solche Szenen beobachten. Mit der Leidenschaft für die Komödie, für die Liebhaberbühne blühte die Freude am „Theater im Grünen" auf. Mochten es vornehme Herren und Damen sein, die ein Lustspiel von R e g n a r d und M a r i v a u x, von G e l l e r t und L e s s i n g spielten, oder fahrende Komödianten, die eine kleine Oper oder ein „Hanswurstspiel" agierten — stets bevorzugten sie in schönen Sommermonaten das Naturtheater. In Die reichen und fruchtbaren Möglichkeiten, die das Naturtheater besonders für die Pflege des Volks- und Heimatspiels, des nationalen Festspiels sowie religiöser Ausführungen in sich schließt, ist von den führenden Mannern des neuen Deutschland mit sicherem Blick erkannt und eine neue Freilichtbiihnen-Bewegung ist im Werden. Es ist eine lange und sto^e Ahnenreihe aus die das Naturtheater auf deutschem Boden zuruckblickt, die freilich eine sehr entscheidende Wandlung erfahren hat. Denn was einst dem Vergnügen weniger Bevorzugter diente, daran soll heute das ganze Volk Anteil haben. All jene Vorsahren aber, über die heute die Ausstellung des Kölner Theatermuseums einen aufschlußreichen Rückblick gewahrt, sind uns wert als Zeugen des Kulturgeistes ihrer Epoche, ihrer Anmut- und PrachteNtsaltung oder ihrer Naturverbundenheit ... Auf den anmutig verschnörkelten „Stickereien" des Blumenparterres glühen die bunt leuchtenden Rabattenbeete im warmen vollen Licht des frühen Nachmittags. In den dichtberankten engen Laubengängen, in den bizarr sich kreuz und quer schlängelnden starren Buchsbaumhecken aber tauchen die Schatten schon alles in ein goldiges Dämmern und umspielen zärtlich die Herren im lichtgepuderten Haarbeutel, mit den zierlichen Degen an der Hüfte, und die Damen, die im lustig lichten Reifrock an ihrer Seite schweben. Das zierliche Gitterwerk der schlanken Laubspaliere öffnet sich in einer weiten „Salle de verdure", wie sie Le Nötres er- sindungsreicher Geist ersonnen: die hohen dichten Hecken ziehen grüne Wände um den Raum, dessen Hintergrund durch malerisch gruppierte • Baummassen abgeschlossen wird. Vorn Bänke und Sitze aller Art, dann ein heckenumzäunter Streifen für das Orchester, das eben die Instrumente stimmt, und dahinter eine richtige Bühne mit Kulissen, von kundiger Hand in die lebende Mauer hineingeschnitten, durch hohe Fichten säulenartig betont, mit großen Urnen, und einer Apollostatue als Prospekt, um die der Musen edle Schar sich reiht. Kaum hat man Platz genommen, da stieben sie auch schon hervor, die Spieler: im grüngoldenen Glanz flirren die Seidenkleider lustig auf, flattern die kecken Mäntelchen im säuselnden Wind, und die Ouvertüre setzt ein mit den perlenden Klängen einer Rheinsberg und Monbijou sind es F r i e d r i ch d e s G r o ß e n Mutter und Brüder, die das Theaterspiel im Freien über alles lieben in Sans- päreil bei Bayreuth seine Schwester Wilhelmine; in Nymphenburg sitzen Kurfürst K a r l A l b e r t und sein Hof im Amphitheater unter den blühenden Linden, in Ludwigsburg hat Herzog Karl Eugen mitten im Salonwalde aus Buschwerk eine entzückende Buhne anlegen lassen und aut dem idealen Naturtheater in Schwetzingen eiert manK a r IT he o- dors Genesung mit der Aufführung einer italienischen Oper. In Gotha führt die geistreiche Luise Dorothee auf ihrer Buhne tm Garten Racine und Voltaire auf, und in Schwerin wird sogar die Schönemannsche Truppe zum Spielen im Freien herangezogen. Der Erzbischof von Salzburg hat im Mirabellgarten und der von Wurz- burq in Veitshöchheim sein Naturtheater. In Weimar nimmt O o e t he in seinen großartigen Inszenierungen diese Tradition auf und steigert sie zu höchster Bollendung. Auch in Bürgerkreisen hat man vielfach un (Sorten ein hübsches Gerüst aufge djlagen. So erzählt z. B. Gros B e h n borff von einem Besuch im Madoreschen Garten, „wo ]unge deutsche ^Bürocrmäbchcn eine französische ^omöbie spielen. . So erlebt das 18. Jahrhundert eine l)o$bliUe bes u" schafft die Vorläufer unserer modernen Freilichtbühnen. Woher stammt nun aber diese eigenartige Form des Schauspiels unter freiem fummel. Seitdem sich unter Griechenlands Sonne die Menge m feierlicher Andacht zum Genuß der antiken Dramen vereinigte, hatte man immer wieder die großen Stimmungsgewalten der Natur zum Mitspielen ausgefordert. Besonders das Barock liebte es, auf freiem Platze mächtige P™ntD0“e Gerüste, Arenen und ungedeckte Festraume auszusch.agen. Als das groß- artigste Denkmal eines solchen Festbaues ist der Dresdener Zwinger erhalten, ursprünglich ein sogenanntes Amphitheater mit ty^ernen Galerien und Balustraden, wie sie ähnlich in Modena, Florenz, Paris schon früher errichtet worden waren. Diese Theater blieben, auch wenn sie nicht das Ausnahmeschick al des Zwingers erlebten, in Stein verewegt zu werden, lange stehen, so in Wien die herrlichen Bauten im Garten der Burg ober bes Schlosses Favorite, in denen die großen italienischen Opern am Namenstag des Kaisers aufgeführt wurden. Eine ähnlich großartige Naturbühne errichtete der berühmte Theaterarchitekt Ga ll i-B > bi en a 1723 im Schloßgarten zu Prag. Dieser Bau, der 1757 bei ber Belagerung ber Stabt durch die Preußen in Flammen aufging, faßte 3000 Zu schauer Aber diese Prunk- und Prachtbühnen, erbaut für die üppige Dekorationskunst und eine fDlaffenentfaltung von Cho"? und Tanzen bei der großen Oper, hatten nichts von der Intimität, der Naturnahe, die die eigentliche Bühne im Grünen auszeichnete. Die völlige Eingliederung und Einbettung der Bühne in den Rahmen von Baumen und Hecken konnte erst durch den architektonischen Gartenstil erreicht werden. Wie der Architekturgarten mit seiner strengen Gliederung und seinen sorgfältig angelegten, ja sogar gemalten Perspektiven zuerst in der ich >e- nischen Spätrenaissance erscheint, so treffen wir auch hier, 3uerft auf wirkliche Gartentheater. Vor allem jedoch ist es der große französische Garten- tünftler L e Nötre , der in dem Labyrinth seiner Hecken, seiner Lauben- qänqe und wunderlichen Buchsbaumfiguren eine regelrechte Architettur- anorbnung burchsührte. Da gibt es Speise- unb Tanzsale, Kabinette und Bouboirs „im Grünen", unb so stellt sich von selbst auch ein Theater ein ohne daß bei biefen gärtnerischen Spielereien gleich an wirkliches Komöbienspielen gebucht wäre. Welch herrlichen Schauplatz bot nun ein solch theätre de verdure" ber leidenschaftlich dem Komodienspiel ergebenen Gesellschaft des Rokoko! Es bedurfte ja nur geringer Umformungen ber Gartenarchitektur, um es zur Bühne umzuwandeln. So finden wir in dem nach wohlerhattenem ältesten deutschen Naturtheater, dem des Salzburger Mirabellgartens, die Kulissen in die schon vorhandenen Laubengänge erst hineingeschnitten; die Buhne verjüngt sich sehr stark nach hinten; das Proszenium ist von zwei Löwen flankiert, neben denen Treppen hinunterführen. Aehnlich ist das Rheinsberger „Theater in, Grünen", dessen lebendige Hecken sich im Hintergrund so nahe zusammenschließen, daß der Blick gleichsam in eine geheimnisvolle ftim- munggebende, duftige Ferne gelockt wird. Solche Buhnen schossen damals in allen großen Gärten, wo sich eine heitere Gesellschaft zum Komödien- pielen zusammensand, aus dem Boden. Die stattlichste, dauerhafteste tf orm repräsentiert das noch he>ute tresslich wirkende Naturtheater im Park z Herrenhausen bei Hannover. Es ist massiv angelegt; vor dem terrassenförmig ansteigenden Zuschauerraum breitet sich die große tiefe Buhne, im Hintergrund durch eine Balustrade abgeschlossen. An ben Spalier- wänden, die mit Buchengebüsch bepflanzt sind, werden die Kulissen durch Steinstatuen auf hohen Sockeln und kegelförmig gefdjmttene Taxusbäumchen akzentuiert. Ein ebenso anmutiger wie feierlicher Schauplatz für die ernste und die kornische Muse! Anderwärts wird der Theaterraum, wenn auch in engster BerbmDung mit dem Garten, reicher ausgestattet. So in den» entzückenden Natur- theater zu Schwetzingen, dessen klare Gliederung freilich im heutigen Zustande völlig verwischt ist. In der Tiefe, mitten im lauschigen Waldesschatten, lag der halbkreissörmige Zuschauerraum, dessen Langen- uno Querachse mit possierlich gehaltener Würde die sechs Sphinx-Figuren- Symbol der rätselhaften Publikumsseele — bewachten. Die breite mach >ge Szene von kurzgeschnittenen Rottannenhecken umrahmt, steigt terrallen- förmig an und wird durch eine niederrauschende Kaskade (die aber ursprünglich sehlte) belebt; aus mächtigen Quadern ist eine Grotte gefugt, über deren Eingang zwei Urnen haltende Najaden thronen; das. Ganze bekrönt, als weihevoller Abschluß, der von schlanken Säulen getragene, kuppelüberwölbte Rundbau des Apollotempels, in dem der leierschlagenoe Musensührer gleichsam den Grundton gibt für das szenische Spiel weiter im architektonischen Ausbau geht bas „romanische Theater v ber Eremitage erbaut von ber Markgräsin Wilhelmine von Ba Y- r e u t h. Ruinensentimentalität mischt sich hier mit Naturschwärmerei. Ein Stück antikisierende Landschaft ist hier hervorgezaubert, ebenso an mutig gekünstelt wie das Griechentum, das in dem italienischen Soloratur- gefang und den regelrecht verschnörkelten Figuren des Tanzes zum ^ii-- druck tarn. Und noch weiter in der „natürlichen Unnatur" ging bas oer- schwundene Theater des Lustschlosses Sanspareil bei Bayreuth, so aus- der alte Palmschild weinte und sagte, die Worte der H^rschasten stien sein einziger Trost; und so wurde denn die Hochzeit im Gefängnis 0Cf ®ine Woche lang lebten die Neuvermählten Zusammem Der König hatte Befehl gegeben, daß ihnen zwei Zimmer unb eine Küche im G fänqnis eüageräumt wurden, bie junn.e Frau hatte die Zimmer behaglich unb zierlich Mit schönen Möbeln ausgestattet die Küche mit blankem Kupfe^rgeschirr, der König hatte ein köstlich geschnitztes Bett geschenkt, die Kön ain die Bettwäsche, alle Freunde, Verwandten und selbst die entferntesten Bekannten, ja ganz sremde Menschen, hatten Silbergerat, lep- pidie, Bilder und allerlei anderen Schmuck mdie junge Wirtschaft ge- jtiftet; unb so saßen bie beiben behaglich und heiter in ihrer Weltabgesch ^"unterdessen aber war Lindstern nicht müßig. Damals hielt stch gerade eine russische Gesandschast am schwedischen Hof auf, unA man wußte, daß ber Sönia genötigt war, jede mögliche Rücksicht auf die Russen zu nehmen. Lindstem^ hatte mit den Herrn dieser Gesandtschaft freundschaftlich Beziehungen angeknüpft, unter großen Qualen freilich, denn die Rußen tranken entsetzlich viel, und zwar reinen Schnaps. So hatte er denn vermocht, sie für 1 feinen Freund zu erwärmen; wie die beiden verheiratet waren hatte er sie mit den Russen besucht; die junge Frau hatte em reizendes Essen angerichtet, nach dem Essen hatte man getrunken, gesungen, getanzt, dann hatten alle untereinander Bruderschaft gemacht dann hatten die Russen die Gläser zerschlagen, und zuletzt hatten sie erklärt der Zar werde nicht dulden, daß ihr Freund wegen einer solchen ’ÄfÄÄ »-M 6*6W ">«!■ ganze Hof versammelt, der gute Ridderschwert mit gebundenen Händen nacktem Hals und geschorenem Haar ankam, begleitet von seiner geliebten Frau, welche ihre Hand unter (einen Arm geschoben hatte, da erhoben sich plötzlich die Russen, schritten vor die Majestäten, machten eine tiefe Verbeugung und erklärten, daß sie für das Leben des jungen Mannes bäten und ihrem Zaren schreiben wollten, daß sie Me Bitte an bie Majestät richteten als ein Zeichen der Freundschaft für den Zaren, denn wenn der Zar die Geseichte des jungen Mannes höre, fo werde er sich gewiß freuen, wenn er"seinetwegen begnadigt sei. Der König wollte ja gern begnadigen, und nun er durch die Bitte der Gesandten einen Grund hatte, erhob er sich erfreut und sag e: „Ich erweise gern meinem erhabenen Vetter von Rußland triefe Gefälligkeit Da freuten sich die Russen so, daß sie in ihrer Begeisterung platt auf bie Erde fielen und Hurra riefen, wie sie es vor ihrem Monarchen tun, der alte Palmschild stimmte mit in das Hurra em, die andern Leute auch, die junge Frau schnitt mit ihrer Schere, die sie am Gürtel hangen hatte, bie Bande des Gefangenen durch, fiel ihm um ben Hals unb küßte ihn, Lindstern kam zaghaft herbei und wünschte ihr Gluck da fiel sie auch ihm um den Hals und küßte ihn, und das machte Lindstem so glücklich, daß er nun auch seinen Hut schwenkte und noch einmal Hurra rief, als die andern schon aufgehört hatten zu schreien, was denn em allgemeines Gelächter und eine große Fröhlichkeit bei allen erzeugte. Theater im Grünen. Die Vorfahren unferer Freilichtbühnen. Von Dr. Richard Schröder. doch die ganze Umgebung die Szenen der Odyssee, freilich in dem schematisierenden Spiegel des Modebuchs der Zeit, des „Telemach" von F e n k - Ion, gesehen, auserstehen lassen. Aus solchen Spielereien führt uns Weimars Theaterkunst wieder zurück in die weite freie Natur, mit deren Mächten sich die Bühne zu ungeahnt großartiger Wirkung verbindet. Im Park von Belvedere, gleich westlich vom Schloß, liegt ein kleines Naturtheater mit halbmondförmigem Zuschauerraum, abgeschlossen durch eine hohe als Schallwand dienende checke; auch in Tiefurt, in Ettersburg gab es solche Bühnen. Aber noch lieber wählten die begeisterten Schwärmer der neuen Zeit die Natur selbst zur Szene. K l o p st o ck wollte seine „Bardiete" im charz auf der Roßtrappe oder einem ähnlichen Felsen des Bodetals auffllhren lassen. Goethe verlegte die Bühne mitten hinein in die Landschaft. So wurden Einsiedels romantische Oper „Die Räuber" und „Ado- lar und chilaria" mitten im Wald beim cherdseuer der Pechpfannen und Fackelbeleuchtung aufgeführt und das Ilmuser bot für Goethes Singspiel „Die Fischerin" eine ideale Szenerie. Aus den in Abendnebel gehüllten Bäumen und Büschen klangen die Musik und das sanft tönende Spiel der zarten lieblichen Lieder wie der Gesang unirdtscher Geister, bei loderndem Fackelschein und den Userfeuern, die in milderem Licht über die Wellen des Flüßchens glitten. Ueberall schlugen damals die Theatergeister ihr leicht gefügtes Lager auf: „In engen Hütten und im reichen Saal, Auf Höhen Ettersburgs, im Tiefurts Tal, Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht Und unter dem Gewölb der hohen Nacht." Gommerlied. Von Paul Gerhardt. Geh aus, mein Herz, und suche Freud In dieser lieben Sommerzeit, An deines Gottes Gaben: Schau an der schönen Gärten Zier, Und siehe, wie sie mir und dir Sich ausgefchmücket haben. Die Bäume stehen voller Laub, Das Erdreich decket seinen Staub Mit einem grünen Kleide. Narzissen und die Tulipan, Die ziehen sich viel schöner an Als Salomonis Seide. Die Lerche schwingt sich in die Luft, Das Täubchen fleucht aus feiner Kluft Und macht sich in die Wälder. Die hochgelobte Nachtigall Ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder. Die Glucke führt ihr Völklein aus, Der Storch baut und bewohnt [ein Haus, Das Schwälblein speist die Jungen; Der schnelle Hirsch, das leichte Reh Ist froh und kommt aus seiner Höh Ins tiefe Gras gesprungen. Die Bächlein rauschen in dem Sand Und malen sich in ihrem Rand Mit schattenreichen Myrten; Die Wiesen liegen hart dabei Und klingen ganz von Lustgeschrei Der Schaf und ihrer Hirten. Die unverdroßne Bienenschar Fliegt hin und her, sucht hier und dar Ihr edle Honigspeise; Des süßen Weinstocks starker Saft Bringt täglich neue Stärk und Kraft In seinem schwachen Reise. Der Weizen wachset mit Gewalt Darüber jauchzet jung und alt Und rühmt die große Güte Des, der so ohne Maßen labt Und mit so manchem Gut begabt Das menschliche Gemüte. Ich selber kann und mag nicht ruhn, Des großen "Gottes großes Tun Erweckt mir alle Sinnen; Ich finge mit, wenn alles singt, Und lasse, was dem Höchsten klingt, Aus meinem Herzen rinnen. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Malier Julius B l o e m (GDS.). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Zu diesem Hause gehört noch ein anderer Mensch, ein junges Mädchen: Ellis Zimmergenossin. Dieses Mädchen lebt im Armeleuteviertel unserer Stadt. Wenn Rosemarie Reubold mit ihren schnellen, „hochbeinigen" Schritten abends aus der Pianosortesabrik Wehrhahn & Söhne heimkommt, wo sie als Klavierstimmerin angestellt ist, sehen alle ihr nach. Niemand grüßt sie, niemand redet sie an, keiner der jungen Männer wagt es, ihr einen Liebesantrag zu machen. Sie schlägt sich mühsam'durch das schwere Leben, kein Mensch hat etwas gegen sie einzuwenden. Nur: sie kennt die Sprache nicht, die in dieser Gegend gesprochen wird. Rosemarie hat seit langem in Ellis Mansarde eine Zuflucht gefunden, als sie, am Ende aller Mittel, nicht mehr wußte, wohin: sie stand mit einundzwanzig Jahren und einer beinah beendeten Ausbildung zur Pianistin vor dem Nichts. Das gibt es gar nicht, das Nichts, behauptet Elli, auf irgendeine Weise geht es immer weiter. Demnach blieb auch Rosemaries Leben nicht plötzlich auf der Stelle stehen, vor diesem Nichts, sondern es ging immer weiter, es stürzte allerdings aus einer unbegrenzt verwöhnten Kindheit pfeilgerade in I Ellis Mansarde bei der Witwe Wagenschanz. Es ging also offenbar nur darum weiter, weil Elli dastand und diesen Sturz auffing. Aus Ellis Fenster bot sich, wenigstens nach oben, eine Aussicht, die man nur als hochherrschaftlich bezeichnen kann: in der Ferne erheben sich nach Norden die sanften blauen Hänge der Harzberge, im März spürt man von weither den Geruch aufgebrochener Erdschollen, während im November der feuchte, warme Duft des Moders aus den Wäldern nieder- . strömt. Unten vor dem Haus liegt ein häßlicher Kohlenschuppen, und neben ihm hat sich eine Klempnerei angefiebelt, aus deren Hof es den ganzen Tag von Blechgeraffel schallt. Es wurde nur sehr eng mit Ellis Diel zu großen, verschnörkelten Möbeln: eine Mansarde für zwei junge Mädchen. Die Witwe Wagenschanz war einverstanden, weil Elli erklärte, sie werde für beide bezahlen; sie hatte damals sozusagen eine Anstellung bei dem Rechtsanwalt Peter Schönlein, es war aber nur eine Aushilfe. Vor Jahren juchte die Regierungspräsidentin eine musikalische Erzieherin für ihre kleine Tochter, auf diese Weise kam Rosemarie hierher an den Südrand des Harzes. Die Stelle war schon vergeben. Die junge Dame hoffte, wenigstens als Klavierlehrerin ein Auskommen zu finden. Diese große Kleinstadt mit ihren schönen Villen und den sanft ansteigenden Bergen im Norden gefiel ihr dessen als die Verlorenheit der Großstadt. Aber es ging ihr schlechter und schlechter, heute.begnügen sich die meisten, wenn sie Hausmusik brauchen, mit Rundfunk und Schallplatten. Rosemarie sah nicht ein, wieso die Besitztümer ihrer Eltern bis zum letzten Pfennig zugrunde gegangen sein sollten, sie verstand nicht von den Abrechnungen ihres früheren Vormundes. Schließlich ging sie zu dem jüngsten Anwalt unserer Stadt, sie nahm an, er werde auch der billigste sein, zu Herrn Peter Schönlein ging sie, der am Alten Ratsmarkt, gegenüber dem Schiller-Denkmal, wohnt, ihm trug sie ihre Sache vor. Schönleins junge Frau arbeitete als [eine einzige Sekretärin in der Kanzlei. Das ist eine gute Sitte unter den jungen Leuten von heute, kein Mensch hat Geld, man heiratet trotzdem, und die Frau hilft bis zur Erschlaffung mit. Die Sekretärin eines Anwalts muß manchmal bis zur Erschlaffung arbeiten, das kommt vor. Damals, als Rosemarie zu Herrn Schönlein in die Kanzlei kam, lag seine Frau krank, Fehlgeburt, sagte man. Eine ganz junge Stenotypistin bemühte sich ohne viel Erfahrung und Sachkenntnis um Schönleins Akten. Elli, um sie handelte es sich, war schwere Arbeit, schlechte Behand- । lung und elende Bezahlung gewohnt, und weil sie in diesem Hause gut ' behandelt wurde, so nahm sie die Arbeit wichtig und sah nicht so sehr ! auf die Bezahlung. Bei ihrer Vorliebe für gutes Wohnen sitzt sie gern in • hübschen Räumen, und in einer büchst unschuldigen Neigung verliebt sie sich regelmäßig eine Kleinigkeit in denjenigen, für den sie arbeitet. Das fällt bei Peter Schönlein nicht schwer, obwohl Elli seine junge Frau anbetet. In dieser Kanzlei, in der immer eine rote Blume am Fenster steht, Tulpe ober Geranie oder Clivie, saß Elli neben diesem Fenster und der roten Saisonblume und tippte, während sie zuweilen schüchtern und voller Hochachtung auf die ungeduldig schlenkernden Beine der Besucherin schielte. Der Anwalt befand sich zu einem Termin auf dem Landgericht. Rosemarie machte auf Elli einen ungemessen vornehmen Eindruck, mindestens hätte es eines schärferen Blickes bedurft, um die vielen winzigen Schäden an ihrer Kleidung und die gekränkte Ungeduld in ihrer Haltung zu erkennen. Ein plötzlicher kleiner Unfall führte ein Gespräch herbei. „Fräulein, an Ihrem Strumpf geht eine Masche aus." — „Ach Gott, schon wieder, und es ist doch mein bestes Paar, ich bin nämlich eigentlich arbeitslos." — „Ich auch." — „Sie?" Nach zwei Stunden rief Schönlein an, es dauere noch länger, Elli möge heimgehen und auch der wartenden Klientin sagen, er käme heute nicht mehr. An diesem Tage entftanb die ungleiche Beziehung der beiden jungen Mädchen. Das Proletarierkind geriet sogleich in eine Abhängigkeit von Rosemarie, Elli lief sich die Sohlen durch für Besorgungen, nähte an den Kleidern ihrer neuen Freundin, sie wurde ausgenutzt, kurz gesagt. Und als f Rosemarie schließlich in vollendeten Hilflosigkeit in Ellis Mansarde zog, : übernahm Elli das Aufräumen und Stiefelputzen, das Einkäufen und i Kochen, und Rosemarie saß da, ließ sich bedienen und fand das ganz । selbstverständlich. Lange grollte sie der Jüngeren, daß Elli sie schließlich in die elende Stellung einer Klavierstimmerin steuerte, und weil sie zu zweit nicht gut von diesem Lohn leben konnten, mußte Rosemarie auch nur In das Milieu der Witwe Wagenschanz kann sich Rosemarie nicht der Geschlechter. behandeln, Fräu- haben", fährt er stören läßt. (Fortsetzung folgt.) verantwortlich: Dr. Hans Tbyrivt. — Druck und Beklag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, (Sieben. „In fünf Jahren würden Sie mich weniger abweisend lein Reubold." ein wenig. Eine arme Klavierstimmerin. versinken." „Ach was, Mann, lernen Elli, die niemals Nähen noch stille stehen. Rosemarie Hahn & Söhne. Der Anwalt Schönlein, einfiel Jn- Sie schwimmen." gelernt hatte, ließ ihre Nähmaschine kaum ging täglich in die Pianofortefabrik Wehr- marie die Nachricht ihres Vormundes, ihre Mittel seien erschöpft. Sie fügt sich nur aus Not in ihren schlechtbezahlten Beruf. Selbst eine Frau mit geringerem Hochmut würde leiden unter der rauhen Offenherzigkeit ihrer neuen Mitmenschen, die so ehrlich und gutmütig sein mögen, wie sie wollen: sie sitzen sich alle zu hart auf dem Pelz, sagen sich die ungeschminkte Meinung, und die Nöte des Lebens machen sie oft böse und zänkisch. Ererbte Vornehmheit hat gelernt, einander aus dem Wege zu gehen, eine Warheit zu verschweigen, eine Meinung verbindlich abzurunden. Jeder kennt Rosemarie von den Wohltätigkeitskonzerten, in denen sie den Gesang Lisa Schönleins auf dem Flügel begleitet. Die stets um eine Liebschaft verlegenen Herren unserer Stadt bedürfen keiner übertriebenen Menschenkunde, um zu erkennen, daß Fräulein Reubold unter ihrer Vereinsamung leidet. Wäre sie ein häßliches Entlein, so hätten die gastlichen Kreise sie vielleicht ganz gern im großen Teich geduldet. Sie besitzt aber so vorteilhafte Gaben der äußeren Erscheinung, gewählter Formen und einer sorgfältigen Bildung, daß es hier bei uns nicht wenige Mütter gibt, die ihren Töchtern einen so scharfen Wettbewerb ersparen möchten und Väter, die eine Torheit ihrer Söhne befürchten. Für sie setzen sich eben nur die jungen Herren mit einem lodernden Idealismus ein, und das ist keine gute Empfehlung für ein alleinstehendes • Mädchen Mögen in den Großstädten die alten Sitten zusammenbrechen, bis in unsere Stadt hat die neue Zeit nur ihre Maschinen geschickt und glücklicherweise kaum einen Hauch ihrer Gesinnung. Die alteren Leute wenigstens bieten alle Strenge auf, um diesen Zustand zu erhalten. Der Kommerzienrat Wehrhahn führt mit feinen beiden Söhnen einen heftigen .Kampf um ihre Autos, obwohl der Wettere, Herbert, vor einigen Wochen immerhin dreiunddreihig geworden ist. Diese zu einer ständigen Ein- richtung gewordenen Einsprüche werden mit väterlicher Besorgnis begründet, und Professor Busch vom Städtischen Krankenhaus, dem man an jedem Sonntag abend die Verunglückten der Harzstraßen zum Zu- sammenslicken überbringt, stimmt den Bedenken mit Nachdruck zu. Dieser Herbert Wehrhahn nimmt in der Pianofortefabrik längst eine leitende Stellung ein, als Chef der Personalabteilung bleibt er trotzdem unentwegt „der junge Herr". Er besuchte vor vielen Jahren die Universität und tarn mit einer quicklebendigen kleinen Braut zurück, einer Studentin im gleichen Alter wie er, Tochter eines Konsistorialrats mit sieben Kindern. Unter dem Druck, vor allem seiner Mutter, wurde diese junge Liebe so gründlich zu Tode gequält, daß er sich nicht mehr mit Heirats- gebauten trug. Aller Vermutung nach sind es keine soliden Absichten, wenn er sich in einen der schalldichten Räume bemüht, wo eine Klavierstimmerin mit Namen Reuboldt arbeitet; er kommt nur wenige Minuten, aber fast Tag für Tag. Vielleicht reizt ihn sogleich, daß sie ihn bei seinem Eintreten stets mit dem kalten Blick einer Arbeiterin grüßt und sich im übrigen nicht um ihn kümmert. Obwohl seine gesellschastlichen Fähigkeiten bekannt sind, macht es ihm ernstliche Mühe, mit ihr überhaupt ein Ge- spräch zu beginnen, ihre kurzen Antworten vereiteln jeden Zusammenhang, auch dann, wenn er etwa sachlich von der Klanggüte des Zedernholzes redet. Ganz damenhaft sitzt Rosemarie auf ihrem Schemelchen, in unge« zwungener Haltung, zur Ehrerbietung ist allerdings kein Anlaß. Sie betrachtet „den jungen Herrn". Ein merkwürdiges Gesicht, das aufgedunsen wirkt, obwohl es schlank ist, und finster, obwohl es freundlich blickt; die Backenknochen kann man unter der Haut nicht erkennen, doch die Stirn liegt ebenmäßig und flächig gerundet. Rosemarie bedarf keiner Phantasie, um sich das erfreuliche Bild vorzustellen: sie neben diesem gepflegten jungen Menschen, in den grünen Lederpolstern seines schneeweißen Rennwagens lehnend, in lässiger Haltung, aber die Farbenzusammenstellung konnte noch etwas betonter geschehen, der junge Herr würde ihr sicher gern einen grünen Ledermantel verehren, der zu den Polstern seines Wagens genau paßt. In dieser unmißverständlichen Aufmachung rollt man durch das künftige Maienlicht des hohen Harzes, oder besser noch, man paradiert im Schriltempo unter den herrlichen Kastanien unserer Weifenallee, und alles ist beinah wie einst. Ernsthaft, es gibt einen spürbaren Stich durch Rosemaries Herz, wenn sie sich eine so vorteilhafte Veränderung ihres Daseins vorstellt ... „Sie führen ein Leben, Fräulein Reubold, das weder Ihrer Herkunft noch Ihren Fähigkeiten entspricht." Sofort dreht sie ihm den Rücken zu und ergreift wieder ihre Saiten« schlüssel. „Sie machen sich wohl keine Vorstellung, Herr Doktor, wie oft ich diese Einleitung ungefähr mit den gleichen Worten zu hören bekommen habe." „Einleitung?" „Ich habe zu arbeiten." Sie gibt ihm keine Antwort mehr und hantiert mit dem großen Hakenschlüssel, als wäre niemand anwesend. „Es ist eine hübsche Sitte", fängt ihr Belagerer nach einer Weile von neuem an zu schießen, „daß man den Frauen keine allzu deutlichen Vorschläge macht und trotzdem genau verstanden wird." „Oh! Ich verstehe Sie auch vollkommen genau." Rosemarie überlegt mit großer Eindringlichkeit, wie es wäre, wenn sie als Tochter eines reichen Hauses diesem Mann begegnete, beide von ungefähr gleichem Vermögen und gleichem Bildungskreis. Sie kennt ihn auch außerhalb der Fabrik recht genau, Wehrhahn jun. verkehrt in dem einzigen Bürgerhause, das auch ihr osfensteht: beim Rechtsanwalt Peter Schönlein. Unter den Umständen dieses Wenn würde sie den jungen Wehrhahn schätzen. eignen." Mit geschäftsmäßigem Griff prüft Rosemarie ein paar Quinten. „Ich brauchte nicht einmal fünf Jahre dazu, Doktor Wehrhahn, um mich zu der Erkenntnis durchzuringen, wie die Höflichkeit der „jungen Herren" in Wahrheit aussieht." Er kennt seinen Beinamen, er kneift die Lippen, er bestätigt ihr höflich die Richtigkeit ihrer Vermutung. So geht es noch eine ganze Weile zwischen ihnen weiter, ohne daß der junge ächef etwas anderes zu sehen bekommt als Rosemaries Rücken, und ohne daß sie sich in ihrer Arbeit durch diese Unterhaltung im mindesten Nicht lieben. Und er berechnete mit nahezu logischer Strenge, wie es im Innern der Klavierstimmerin Reubold aussieht. Er weiß wie deutlich sie sich der Hoffnungslosigkeit ihrer Lage bewußt ist. Jeder tag beweist ihr, daß das Leben keine Purzelbäume schlägt, oder wenn, so nur nach unten. Der Doktor Wehrhahn hat selten eine Frau auf kaltem Wege so durchschaut, wie diese, aber seine Erkenntnisse bringen ihn keinen Schritt voran; er ist sicher, daß sogar gewisse Drohungen beruflicher Art bei ihr nicht verfangen würden; soweit stehen die Dinge aber noch nicht. Also bleibt bei allem Verstand nur die ordinäre Anziehungskraft v gewöhnen. Sie stammt aus sehr wohlhabenden Kreisen, ihr Vater im Krieg, seine Taselglassabrik verkrachte, die Mutter starb vor der _ flation, und mitten in einer hoffnungsvollen Ausbildung erhielt Rvfe- noch dazu an drei Abenden der Woche in Hahnemanns Tanz-Cafe Musik machen — Unglücklicherweise ließ Rosemarie, die nun wider Erwarten alle beide ernährte unb bcirum schon ein Wort riskieren konnte, auch eine Bemerkung fallen über die „scheußlichen Möbel". Elli zischte hoch und redete bann drei Tage keinen Ton. Aber sie hatte sich vorgenommen, von Rosemaroe soviel wie möglich zu lernen, und plötzlich erkundigte sie sich ganz frteöltm: „Warum sollen denn meine Möbel eigentlich so scheußlich sein? — „Sie Schnörkel, Elli, die vielen Verzierungen, alle Farben blind und abgesprungen, sehen Sie sich bloß mal die Eisenbetten an, wie sehen denn die aus, und der Vertiko mit seinen geschmacklosen Säulen, und der runde Tisch ist viel zu hoch!" Bei Gelegenheit flickte Elli die Hemden des alten Schreiners Groth. Statt einer Bezahlung nahm dieser eine Radikalkur vor mit dem runden Tisch, genau nach den Angaben des Fräuleins Reubold wurden die Beine gekürzt, Groth übertraf sich selber mit einem weinroten Schleiflack, plötzlich stand in dieser Mansarde ein fabelhaft moderner Rauchtisch. Elli geriet in fieberhafte Tätigkeit, sie nähte Kinderwäsche für einen arbeitslosen Anstreicher, da strahlten die beiden Betten plötzlich in schneeweißem Glanze, der Vertiko verschwand und kam wieder als eine zauberhafte niedrige Kommode, nicht ein Stück blieb verschont. Kurzum, so ging es zu: im alten Häuschen der Witwe Wagenschanz entstand ein überaus modernes Zimmer- chen, geweißte Wände, und alles vollkommen kostenlos nach Ellis Begrifffen. Doktor Wagenschanz kam herauf, sah es sich an. „Sie werden vorwärts kommen, Elli, Sie werden es zu etwas bringen. Wir andern „Ausgezeichnet. Warten wir fünf Jahre." „In fünf Jahren werden Sie immerhin begriffen , . . , unbeirrt fort, „daß Sie sich nicht für ein Leben in diesen Niederungen auf den Rosemarie hoffte, rief sie nach einigen Wochen zu sich: er müsse es leider ablehnen, ihren Prozeß zu führen. „Diese Jnslationsgeschichten sind vollkommen undurchsichtig, der Staat gibt ungern Armenrecht dafür. Wären Sie eine alte Frau, so würde ich diese Sache durchfechten. Die Jungen sollen sich selber auf die Hinterbeine setzen ober in den Psuhl sinken, in den sie gehören." Im Laus der Zeit ist es nicht nur bei diesen sonntäglichen Besuchen geblieben, und auch nicht nur bei den musikalischen Abenden. Mindestens Lisa weiß, daß es nicht dabei blieb. Niemand spricht davon, und Elli in ihrem unerschütterlichen Gleichgewicht ahnt wohl nicht das mindeste, sie wird mitgenommen, tut das meiste und ist immer guter Dinge, etwas frech manchmal. An solchen Tagen blickt Peter Schönlein zuweilen hinter Rosemarie her, er dreht nur den Kopf nach ihr und auch das Das sind vernünftige Worte, die jedem sofort einleuchten, der es nicht selbst erlebt. Es finbjibrigens die einzigen kraftvollen Worte, die Rosemarie je aus Peter Schönleins Mund vernahm. Sie lernte Lisa Schönlein kennen, und wenn es ihr „im Pfuhl" zu arg wurde, fo ging sie zu ihr und machte mit ihr Musik. Der Anwalt besitzt ein schönes Erbstück in seiner Wohnung, deren Kanzlei und Arbeitszimmer die besten Räume wegnehmen, einen Flügel, demzuliebe man in der Küche essen muß. Lisa spielt darauf mit ebenso gutem Können wie auf der Schreibmaschine ihres Mannes, doch mit größerer Leidenschaft. Sie war wie Rosemarie Konservatoristin gewesen und hätte ein Semester später ihre Ausbildung als Sängerin abgeschlossen, da verheiratete sie sich übertrieben plötzlich mit Peter Schönlein. Die Schönleins müssen nach außen den Eindruck machen, als ob sie keine besonderen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden hätten. Es ist wahr, Schönlein gilt mit seinen drei vielgeschonten Alltagsanzügen für den Elegant unserer Stadt, und für seine Frau liegt immer etwas auf Ellis Nähmaschine. Elli bekommt nicht viel dafür, aber häufig werden die beiden Mädchen zum Sonntag eingeladen, ganz moderne Geselligkeit, die werten Gäste haben um zehn Uhr früh zu erscheinen und mitzukochen.