Siehener Zamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1955 Montag, den 24. April Nummer 52 Oie Heimat. Von Friedrich Hölderlin. Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom, Von Inseln fernher, wenn er geerntet hat; So tüm auch ich zur Heimat, hätt ich Güter so viele, wie Leid, geerntet. Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst, Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir, Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich Komme, die Ruhe noch einmal wieder? Am kühlen Bache, wo ich der Wellen Spiel, Am Strome, wo ich gleiten die Schiffe sah, Dort bin ich bald; euch traute Berge, Die mich behüteten einst, der Heimat Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus Und liebender Geschwister Umarmungen Begrüß ich bald und ihr umschließt mich, Daß, wie in Banden, das Herz mir heile, Ihr treugebliebenen! aber ich weih, ich weiß, Der Liebe Leid, dies heilet so bald mir nicht. Dies singt kein Wiegensang, den tröstend Sterbliche singen, mir aus dem Busen. Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn, Die Götter schenken heiliges Leid uns auch, Drum bleibe dies. Ein Sohn der Erde Schein ich; zu lieben gemacht, zu leiden. Wilhelmus von Naffauen. Zum 400. Geburtslage des Befreiers der Niederlande. Von Dr. Kurt Haack. „Wilhelmus von Nasfauen bin ich von deutschem Blut" — diese Worte des niederländischen Nationalliedes betonen die deutsche Abstammung des Befreiers der Niederlande, der als die edelste Verkörperung niederländischen Wesens erscheint, und wenn in diesen Tagen Holländer und Flamen, die nördlichen und südlichen Niederlande, gemeinsam den „Vater des Vaterlandes" an seinem 400. Geburtstag feiern, dann stimmen deutsche Herzen in voller Eintracht zu, denn der Prinz von Oranien war stets stolz auf seine deutsche Abstammung, war ein deutscher Patriot, der am liebsten die Niederlande unter den «schütz des Kaisers gestellt und sie zu einem Bestandteil des Deutschen Reiches gemacht hätte, und wir dürfen stolz darauf sein, daß ein deutsches Grafengeschlecht mit Gut und Blut für die nationale und religiöse Freiheit des stammverwandten Volkes gestritten hat und gefallen ist, daß ein deutscher Held die Uebermacht der spanischen Herrschaft brach und damit einen Wendepunkt europäischer Geschichte herbeisührte. Es war ein Zufall der Erbfolge der dem elfjährigen Grafen Wilhelm von Nassau-Dillenburg die großen niederländisch-burgundischen und französischen Besitzungen "seines Oheims Rene von Chalons in den Schoß warf. Er wurde am 24. April 1533 auf Schloß Dillenburg als ältester Sohn des Grafen Wilhelln des Reichen von Nassau geboren. Durch die Erbschaft wurde der Sproß eines deutschen und protestantischen Geschlechts zum Prinzen von Oranien und trat in den burgundisch-katholischen Kreis «in, in dem er nun auch erzogen wurde. Kaiser Karl V. überhäufte den liebenswürdigen, klugen und heiteren Jüngling mit Ehren, ernannte ihn mit 22 Jahren zum Befehlshaber an der französischen Grenze, und auf Wilhelms Schultern gelehnt, übergab er 1555 vor dem ganzen Brüsseler Hofe und allen Würdenträgern des Landes seinem Sohne Philipp II. die Herrschaft über die Niederlande. Oranien wurde auch dazu auserkoren, die Insignien des Reiches Ferdinand zu überbringen, als Karl auf die deutsche Kaiserwürde verzichtete. Wann der verhätschelte Liebling der spanischen Weltmacht in sich den Gegensatz erwachen fühlte, wann in ihm der Gedanke reiste, „das spanische Geschmeiß" aus seiner neuen Heimat zu verjagen, steht nicht fest. In seiner „Apologie", die er auf der Höhe des Kampfes gegen den Bann Philipps richtete, führt er an, daß ihm der Austoß zu der entscheidenden Wendung in seinem Leben und Streben 1559 in Paris gekommen sei. Er weilte damals als eine der Geiseln für di« Durchführung des mit Frankreich geschlossenen Friedens am Hofe Heinrichs II., und der König soll ihm in der Verkennung seiner Anschauungen einen Plan von der Ausrottung aller Protestanten in Frankreich und den Niederlanden enthüllt haben. Während Heinrich die volle Zustimmung des Vertrauten des spanischen Königs voraussetzte, war der deutsche, aus protestantischer Familie stammende Edelmann davon aufs tiefste entsetzt, sagte aber kein Wort, sondern suchte nur möglichst rasch nach den Niederlanden zurückzukehren. Diele außerordentliche Selbstbeherrschung und Zurückhaltung hat ihm den Beinamen des „Schweigers" eingetragen, der sonst zu seinem offnen und freimütigen Wesen gar nicht paßt. Die Abwendung vom Spanischen lag freilich tief in seiner Abstammung begründet, denn Wilhelm fühlte sich nicht nur als niederländischer Grande, sondern auch als deutscher lutherischer Standesherr, da er nach dem Tod seines Vaters das Haupt der Dillenburger Familie geworden war, sein ganzes Geschlecht, besonders seine ehrwürdige Mutter Juliana, stand fest zu dem Bekenntnis, das durch den Plan mit Vernichtung bedroht war. Oranien wird nun immer mehr zum Mittelpunkt und Hort des Widerstandes gegen die spanische Herrschaft und die Unterdrückung des neuen Glaubens. Mit Egmont, Horn und anderen hervorragenden Adligen setzte er die Abberufung des Kardinals Granvella durch. Als dann Philipp die Verordnungen des Tridentiner Konzils und die Inquisition in den Niederlanden durchzuführen befahl, erhob Oranien Einspruch und flüsterte im Staatsrat ahnungsvoll seinem Nachbarn zu, daß nun die größte Tragödie, die die Welt je gesehen, beginne. Nun schickte der König den finstren Alba mit einem spanisch-italienischen Heer nach den Niederlanden, um dem widerspenstigen und unbeugsamen Volk den Fuß auf den Nacken zu setzen; Wilhelm aber teilte nicht die kurzsichtige Vertrauensseligkeit Egmonts, den er unter Tränen bat, ihm ins Ausland zu folgen, sondern wandte sich 1567 von 150 Arkebusieren begleitet, nach seinen deutschen Besitzungen. „Man soll das Vöglein", sagte er, „nicht im Käsig finden." So entging er dem Schicksal Egmonts und Horns, die das Jahr darauf durch Alba hingerichtet wurden. Von Deutschland, von Dillenburg aus organisierte er nun den Kampf gegen die Gewaltherrschaft, gegen den Glaubenszwang, entfesselte mit ungeheurer, nie erlahmender Willenskraft und Zähigkeit die Bewegung für Freiheit und religiöse Duldung. Ohne diese deutsche Unterstützung hätte der Aufstand der „Geusen" nie zum Siege führen können. Seiner niederländischen Güter und Besitzungen durch die Spanier beraubt, durch die kriegerischen Unternehmungen 1568, die mißglückten, schwer verschuldet, als Katholik und tief religiöser Mensch in Gewissenskonflikten verstrickt, entwickelte er jetzt seinen Charakter zu jener stolzen Größe, die mitten im furchtbarsten Religionsstreit sich hoch über die Beschränktheit der Zeitgenossen erhob, Duldsamkeit und Milde forderte. Nun erst wird Wilhelm von Oranien zur Seele der niederländischen Erhebung, zum gefeierten Volkshelden. Als er nach der Einnahme von Breda 1572 nach den Niederlanden eilt, um die Führung des Aufstandes zu übernehmen, tritt er zur reformierten Kirche über, ist aber nie ein fanatischer Calvinist gewesen, sondern fein Ziel war stets die Duldung aller religiösen Bekenntnisse, und er wollte auch die Katholiken der südlichen Niederlande mit gleichen Rechten in die Bewegung einschließen. Wilhelm besaß alle die Eigenschaften die den Staatsmann und Staatenstifter auszeichnen. Der Ehrgeiz seiner Jugendjahre trat nun zurück gegen die machtvolle Verfolgung gerechter realpolitischer Ziele. In den zahlreichen Augenblicken der höchsten Not, der größten Schwierigkeiten zeigten sich sein unerschütterlicher Mut, sein eljerner Wille im hellsten Licht. Wie er in seiner Bekenntnisschrift der „Apologie", auftritt, so steht er vor der Nachwelt, stolz auf fein altes Geschlecht, neben dem ihm die Habsburger nur Emporkömmlinge dünkten, demütig vor Gott, bereit, alles für Vaterland und Freiheit zu opfern, ein kühner Kriegsmann und vorsichtiger Diplomat. Seine geschichtliche Bedeutung beruht aber vor allem in seinem Ideal des Religionsfriedens und der Religionsfreiheit: er hatte sich von dem unheilvollen Prinzip losgesagt, die Menschen durch Feuer und Schwert zur Annahme eines bestimmten Glaubens zu zwingen. Er stand auf einer Höhe der Weltanschauung, die ihn Freund und Feind weit überragen ließ. Dazu kommt fein Mitgefühl mit dem kleinen Mann, feine Siebe zum Volke, für das er in dem ungleichen Kampf jedes Opfer zu bringen bereit war So kam es, daß die große Menge ihm bei feinem Einzug in Brüssel 1577 als dem Retter und „Vater des Vaterlandes" zu- jubelte, während di« Behörden und Machthaber der Provinzen sich nur zögernd hinter ihn stellten. Die einzelnen Ereignisse bes Abfalls, der Erhebung und der Befreiung der Niederlande können hier nicht aufgezählt werden. Von dem Seeräuber» tum der „Wafsergeusen", die vom Meer aus den Kampf gegen Spanien begannen, bis zur Vereinigung der sieben Nordprovinzen 1579 zur Grün- Lung bes holländischen Staates Ist der entscheidende Antrieb stets von dem Prinzen ausgegangen. Unterstützt wurde er besonders tatkräftig von seinen Brüdern, von denen zwei, Ludwig und Heinrich, aus der Mooker Heide den Heldentod fanden. Mit der Unabhängigkeits-Erklärung der Provinzen Holland und Seeland, deren Berwaltung Oranien übernahm, begann 1575 der völlige Zerfall der spanischen Herrschaft, der durch den Tod des Statthalters Reguesens 1576 beschleunigt wurde. In der sogenannten Pazisikotion von Gent vereinigten sich die Provinzen zu dem Entschurh, Lie spanischen Truppen aus dem Lande zu vertreiben und durch die Generalstaaten die alte verfassungsmäßige Freiheit wiederherzustellen. In diesem Vertrag wurden allen, den protestantischen und katholischen Provinzen Duldung des verschiedenen Glaubensbekenntnisses zugesagt, und wir wissen heut, daß der Prinz von Oranien das hohe Ziel verfolgte, die Einheit der gesamten Niederlande durch die nationale Befreiung zu verwirklichen. Wenn dies nicht gelang, wenn noch heute die stammverwandten Flamen von den Holländern getrennt sind, so lag das an der Bilderstürmerei der Calvinisten, die dadurch den Gegensatz zu den Katholiken verschärften, und an den Wasfenerfolgen des Herzogs von Parma, durch die die flämischen Provinzen später wieder verloren gingen. Der siegreiche Dränier war 1580 von Philipp in Acht und Bann erklärt worden: 25 000 Goldguiden und die ewige Seligkeit wurden dem verheißen, der ihn lebend oder tot gefangen nehmen würde. Der Prinz antwortete darauf mit seiner berühmt gewordenen „Apologie", in der er der spanischen Tyrannen-Herrschaft eine Staatsausfassung entgegenstellte, die von den Grundgedanken der Freiheit der Person und des Gewissens, von Recht und Gesetz, Friede und Menschlichkeit getragen war. Die großartige Gesinnung des ganzen niederländischen Freiheits-Kampfes war damit von seinem Hauptsührer unvergänglich proklamiert. 1581 folgte die öffentliche Absage der Generalstaaten an den spanischen König. Aber der Erringer der Freiheit konnte die Gestaltung des neuen Staates nicht mehr selbst durchführen. Er erlag am 10. Juli 1584 in seinem Haus in Delft her Kugel des Meuchelmörders Balthasar Gerard, der teils aus Fanatismus, teils aus Gewinnsucht seine Tat beging. Doch lebt Wilhelmus von Nassauen unsterblich fort als der Zerstörer der spanischen Macht und der Vater der niederländischen Freiheit. Die Amseln. Bon Lina Staab. Sie huschen im Garten eilig durchs alte Laub, sie fragen noch fchüchtern — Die Tage sind schweigsam und taub. War es nicht gestern erst, daß der Winter zerrann? Nun sangen sie zögernd ihr klingendes Tagwerk an. Süß und hell pfeilt ein Liederstrahl durch den Duft, hängt wie ein glänzender Faden in der Lust — Ach, er ist zart und dünn und noch leicht zu zerstören, die Amseln erschrecken noch selber, wenn sie sich hören. Sie müssen das Frühlingsnetz zu weben beginnen, sie müssen das zierlichste neue Muster ersinnen. Klirrend schießen die Schiffchen von Baum zu Baum enge silberne Maschen in blauen Raum. Jetzt blitzen die Fäden schon über jedem Haus — Die Stadt hängt im Amselnetz. Sie findet nicht mehr heraus. Haudweker im Vogelreich. Bon Dr. Karl Richter. „Alle Vögel sind schon da!" klingt es wiederum aus jubelndem Kindermunde, und ebenso vielstimmig tönt ein bestätigendes Echo aus zahllosen zwitschernden und trillernden Bogelkehlen zurück. Aber nicht nur die Monde des Singens und Jubilierens lind sür die gefiederte Schar jetzt gekommen — auch eine Zeit emsigster Arbeit ist angebrochen, da sie ihre oft erstaunlich hohe handwerkliche Kunst, die menschliche Geschicklichkeit nicht selten in den Schatten stellt, beim Bau ihrer Heimstätten bewährt. Als Maurer, kundig vieler Techniken dieses Gewerbes, und als wohl überlegte Architekten, als Zimmerleute und Dachdecker, aber auch als Innenarchitekten und Tapezierer, als Weber und Seiler wie als Gartenkünstler und noch in manchem andern Bers stellen die Bewohner der Lüfte „ihren Mann". Welche erfahrenen Baumeister zählt z. B. die weit verbreitete Familie der Schmätzer unter ihre Mitglieder! Nicht umsonst nennen die Spanier den aus Malaga heimischen Vertreter dieser Gattung Pedrero, d. h. Steinmetz, da er sich als ein Meister dieses Handwerks beim Bau feiner Wohnstätte zeigt. Aber auch (eine in andern Ländern ansässigen Vettern, die vielfach ein Baumloch als Nistgelegenheit wählen, erweisen sich als treffliche Maurermeister, indem sie in diese Höhlung zunächst die soliden Fundamente einbauen, um dann beim Eingang eine feste Zementmauer zu errichten. Mit welcher Sorgfalt wird die Bereitung des Mörtels vor- genommen, wie gründlich verrühren sie Sand und Gips, daß es der gewiegteste Kalkanrührer nicht besser zu tun vermöchte! Mit ihren kleinen Schnäbeln und Füßen tragen sie winzige Steinchen herzu und bauen sie Stück für Stück zu einer das Nest in zwei Wohnräume teilenden Scheidewand auf. Der Pedrero verwendet zu diesem Zweck bis 280 Steine neben den 70 bis 75, die das Fundament bilden. Ist der Eingang zum Baumloch weiter, als ihn der neue Mieter benötigt, dann wird er durch eine besonders feste, man m"chte sagen: Betonwand, verengt, um größeren Feinden den Eingang zu wehren. Hie-- entfaltet besonders der Kleiber seine Kunst: er bezieht gern die vom Specht gebauten Behausungen, macht aber die von diesem geübte Politik der offenen Tür nicht mit, sondern führt eine nur eine kleine Oessnung freilassende Wand auf. Zu diesem Bau wird Lehm oder andere klebrige Erde mit Speichel angeseuchtet, wie es auch die Schwalbe tut, und Stückchen um Stückchen feftge„tleibt", genau jo wie es beim Zumauern einer Türöffnung in einem Menschen, hause geschieht. Die zwei Zentimeter dicke Wand ist nach dem Trocknen so fest, daß ein Einbrecher sich an ihr mit Stemmeisen und Meißel versuchen müßte. Nicht bloß als einfache Maurer, sondern als wohlüberlegte Architekten, die ihre Bauweise den Forderungen der Umgebung anpassen, bewähren sich die Wasierhühner. Das schwarze Wasserhuhn, das sein 'lieft gern auf Schilsbüschen im Wasser anlegt, muß während der Brutzeit bisweilen die unangenehme Erfahrung machen, daß seine Nachkommenschaft durch das Steigen des Gewässers in Gefahr kommt. Doch es weiß sich in solcher Lage zu Helsen: es stockt gleichsam von unten her das Haus auf, indem es den gewöhnlich aus Schilf bestehenden Unterbau erhöht. Umgekehrt begegnet dos Rotbläßhuhn, das meist feine Nester in Weidendüfchen mit dem Boden unter der Wasseroberfläche anlegt, dem sommerlichen Sinken des Spiegels, indem es sich eine Treppe oder wenigstens eine schiefe Ebene als Aufstieg zu seiner Wohnung aus dürren, ineinander verflochtenen 'Heften baut, die oftmals dreiviertel Meter lang ist: denn da es schwimmend nicht mehr den Nestrand erreichen könnte, bedarf es dieser Brücke. Daß es in vielen Lebenslagen gut ist, ein Dach über dem Kopf zu haben, wissen ebensalls viele Vögel, die mit geschickten Dachdeckern der Menschenwelt wetteifern. So weist das Elsternest stets als Krönung ein kegelförmiges Dach auf, das aus ineinandergeflochtenen Dornenreisern besteht und freilich mit seinen Lücken mehr einem bloßen Dachstuhl als einem fertigen Dach gleicht; dennoch gewährt es feinem Bewohner Schutz gegen größere Raubvögel. Als Dachdecker von hohen Graden erweist sich der Wafferstar. Da er gern unter Wasserfällen brütet, bedarf er eines Regendaches das er aus fest verflochtenen, schirmartig bis zu 8 Zentimeter über den Nesteingang herabhängenden Halmen errichtet; mit [einem schnell wachsenden Ueberzug aus grünen Wasserpflanzen erinnert es an moosbedeckte Scheunendächer und bildet einen vortrefflichen Schutz gegen das vom Wasserfall sprühende Nah wie gegen Regengüsse. Betätigensich alle diese Vögel, auch der durch seine Zimmermannskünste allbekannte Meister Specht als Handwerker und Arbeiter des Baugewerbes, so gibt es andere Nestbauer, die bei diesem Werk sich als Schneider, Weber und Seiler bewähren und ihr Heim oftmals mit felbstgesertigtem Material zusammennähen oder -weben. So erweckt manches Grasmückennest den Eindruck, als sei seine Wand aus einem gedrehten Strick gemacht, jo sorgsam hat das Vögelchen Halme und Fasern spiralförmig ineinander- geschüingen. Wie ein richtiger Filzwirker geht die Beutelmeise beim Bau ihrer charakteristisch geformten Wohnstätte zu Werke, indem sie meist Wolle, seltener Tierhaare oder Bast um einen dünnen, herabhängenden Zweig, der sich ein- oder zweimal gabelt, schlingt und jo das Gerüst eines Beutels bildet, dessen Seitenwände bisweilen unten wie zu dem Boden eines flachen Körbchens zusammengezogen werden. Erfolgreich pfuscht der Zistenjänger dem Gevatter Schneider ins Handwerk, wenn er die Blätter, die die Wände seiner Behausung bilden, zusammennäht; dabei sticht er in den Rand kleine Löcher und verbindet sie mit einem ober mehreren aus Spinnweben oder Pslanzenwolle gefertigten Fäden. In ähnlicher Weife geht der Schneidervogel beim Nestbau vor, der fein starkes Nähgarn aus roher Baumwolle spinnt, wenn es ihm nicht gelingt, einen geeigneten dünnen Bindfaden zu finden. Durch bewunderungswürdige Kunstfertigkeit zeichnen sich die Nester der tropischen Webervögel aus, denen in bescheideneren Grenzen bei uns Stieglitz und Buchfink nacheisern. Die Schöpfungen ihrer exotischen Vorbilder bilden, immer in größeren Kolonien aus einem Baume auftretend, in manchen Gegenden Mittelafrikas und Indiens einen charakteristischen Schmuck der Kronen. Ihre aus Pffanzenfasern und Halmen, die durch Speichel biegsam gemacht werden, in überaus kunstfertiger Weise zusammengeschichteten und verwobenen Bauten besitzen eine so hervorragende Dauerhaftigkeit, daß sie jahrelang den Unbilden der Witterung Widerstand leisten. Manche Vertreter dieser Vogefart, wie der Mahaliweber, bauen ihr Heim zu gepanzerten Festungen aus, indem sie Dornen mit den Spitzen nach außen einflechten, um jeden feindlichen Angriff auf diese Weise abzuwehren. Die Bewunderung der Werke dieser Meister der Webekunst spiegelt sich in den Sagen einiger Eingeborenenstämme wider, so in der malaiischen Legende, daß derjenige, dem es gelingt, eines dieser Nester auseinander» zunehmen, ohne dabei einen den Bau bildenden Halm zu zerbrechen, in seinem Innern eine Goldkugel findet. Nicht weniger Sorgfalt und Kunst als dem Außenbau widmet der gefieberte Handwerksmeister der Innenarchitektur des Heims. Wie behaglich und mollig das Innere manches Nestes mit Moos, Wolle, Tierhaaren, Federn und allen sonst erreichbaren weichen Dingen ausgepolstert wird, daß es der geschickteste Tapezierer nicht besser machen kann, ist allbekannt. Aber auch die Forderung: „Schmücke dein Heim!" hat in der Vogelwelt verständnisvolle Jünger gefunden. Hier fei besonders des in Australien heimischen Laubenvogels gedacht, der den Begriff Heim recht weit faßt und dazu auch eine Gartenlaube mit einer Laube rechnet, die nicht dem Brutgeschöft dient. Diese errichtet er meist aus in die Erde gesteckten Pslanzenstengeln, deren Spitzen und Gabeln sich oben vereinigen, und schmückt sie mit allen möglichen bunten Gegenständen, deren er habhaft werden kann, wie Muschelschalen, Schneckenhäusern, leuchtenden Papageienfedern, Steinchen und Knochen. Der Gärtnervogel oder Tukan Kodon auf Neu-Guinea legt vor dem Haupteingang seines Lusthäuschens häufig eine Freifläche mit Moos an; dieses „Rasenparterre", das er mit öfters erneuten bunten Blumen und glänzenden Infekten bedeckt, bildet einen reizenden Miniaturgarten. Noch mancher andere Beruf, den wir in der Vogelwelt nicht vermuten würden, ist hier in überraschender Weise vertreten. Der Specht z. B., der hauptberuflich als Zimmermann wirkt, betätigt sich daneben bisweilen als Straßenkehrer, indem er die ausgemeißelten Holzspäne sorgfältig aufsammelt und wegträgt, wie man auch eine ähnliche Tätigkeit bei Schwalben beobachtet hat, die den von ihren Jungen über den Nestrand hinausgeschleuderten Unrat auflesen und fortbringen, wohl nicht nur aus Reinlichkeit, sondern um die Spur vor den Raubvögeln zu verwischen. So ist die Welt der gefiederten Bewohner der Lüste erfüllt von Arbeit und zielbewußter Tätigkeit wie die menschliche, vor der sic sich aber des einen Vorzuges rühmen kann, daß hier das graue Gespenst der Arbeitslosigkeit ein unbekannter Gast ist. lil liehen Funden des mit aller Pracht ausge, tatteren ^aves ^ur-ency- Amons sich im innersten Goldsarg, wo also die wertvollsten Beigaben Platz sanden, sich neben anderen Eisensachen auch em vcrstahlter Eisendolch befand. Richt nur aus dem erwähnten Briefwechsel ergibt sich, daß die Er- finduna des Verstählungsversahrens den damaligen Armeniern S" verdanken ist. Die griechischen Schriftsteller nennen die Bewohner dieses Reiches die Chalyber, d. h. die Männer, von denen der Stahl herkommt Diese Schriftsteller bezeugen ausdrücklich, daß die Chalyber den Stahl erfundenhaben. Tenophon berichtet, daß die Chalyber größtenteils von der Eisengewinnung lebten. Diesen Chachbern oder Chaldi, wie sie sich später selbst unter Bezeichnung eines Reiches nannten, bas etma das heutige Sudkaukasien und Armenien umfaßt, hatte man also eine der wichtigsten Errungenschaften in der Geschichte der Technik zu verdanken. Man darf sich nun allerdings nicht vorstellen, daß dieses Berstählungs- versahren dem entspricht, was wir heute darunter verstehen. Die Ve^ stählung bestand in einer oberflächlichen Wartung des Schweißelfens durch Nachglühen im Holzkohlenfeuer. Das „Schrecken war aller Wahrscheinlichkeit nach unbekannt. Für die Entwicklung dieser Technik waren in Armenien sehr günstige Bedingungen gegeben. Es enthielt reiche Kupser- und Eisenerzlager. Damals wurde zuerst Schweißeisen aus dem Hamatit dem nach dem Magnetit reichsten Eisenerze, gewonnen. Eine weitere wichtige Bedingung für die Entwicklung der Eisenerzeugung aus der Es hat sehr lange gedauert, bis diese Schmelztechnik durch eine bedeutend höherstehende abgelöst wurde. Erst in der zweiten Halste des 2 Jahrtausends wurde der Blasebalg erfunden. Anstelle des Tiegels trat der offene Rennherd, anstelle des Blasrohrs der Blasebalg, und die Eisenerze wurden den natürlichen Lagerstätten entnommen, ohne daß man nur auf die Magnetitkörner im Sand angewiesen war. Noch bedeutender war der Fortschritt, der um etwa die gleiche Zeit durch die Ersindung des Verstählungsversahrens erzielt wurde. Den ältesten Hinweis aus das Vorhandensein verstählten Stahls finden wir in ägyptischen Quellen. Ein Bries, in Teil el Amarna aufgefunden, besagt, daß der König des damaligen'Armenien an den Pharao Amenophis III., dessen Regierungszeit um das Jahr 1400 v. Chr. lag, Dolche und Ringe aus verstählten Eisen gesandt habe. Als Gegengeschenk überwies der Pharao Gold nach Armenien Die Aegypter maßen dem verstählten Eisen einen außerordent- Kh hohen Wert bei. Das geht z. B. daraus hervor, daß unter den Herrchen Funden des mit aller Pracht ausgestatteten Grabes Tut-ench- Das älteste Eisen. Eine kulturgeschichtliche Betrachtung. Von Dr. F. Burg. Das erste Eisen gewannen die Menschen nicht aus der Erde, sondern sic bekamen es in der Form der Meteore vom Himmel. Das war vor etwa 6000 Jahren. Richt nur die altägyptische und sumerische Bezeichnung für Eisen weisen auf diesen seinen himmlischen Ursprung hin, sondern eine Untersuchung der ältesten Eisensachen mit chrem hohen Nickelgehalt hat nach den Angaben von Professor Quiring das gleiche Ergebnis. Dieses Eisen wurde kaltgehämmert und zu verschiedenartigen Gegenständen verarbeitet, sei es daß sie zum Schmuck, sei es daß sie irgendeinem praktischen Bedürfnis dienten, wie z. B. Nadeln, Schälchen, Massen usw. Man hat in ägyptischen Gräbern aus dem Jahre 3800 v. Chr. Halskettenperlen aus gehämmertem Weicheisen gesunden, das 7,5 Prozent Nickel enthielt; ein Dolch, der bei den berühmten Ausgrabungen Woolleys in Ur zutage kam, enthielt sogar 10,8 Prozent davon. Ein Jahrtausend später hat die Eisenbearbeitung schon einen großen Fortschritt auszuweisen. Damals gewann man das Eisen aus einem Eisenerz, dem Magneteisenstein nämlich, dem sogenannten Magnetit. Eine Untersuchung der Eisengegenstände aus dem 3. Jahrtausend vor Christus zeigt nämlich, daß diese Jundstllcke arm an Nickelgehalt sind, und daß es sich um Schweißeisen handelt. Damals war der Blasebalg noch nicht erfunden, die Schmelztechnik mußte mit dem Tiegel und einem Blasrohr auskommen, durch das Luft zugeführt wurde. Es liegt also bei diesen primitiven Bedingungen der Schmelztechnik nahe, anzunehmen, daß man damals das reichste Eisenerz verwandt hat, und das ist eben der Magneteisenstein. Ein Bedenken ergibt sich zwar gegen diese Annahme. Denn im allgemeinen weist der nahe Orient sehr geringe Lagerstätten-Vorkommen an Magnetit auf. Man brauchte aber auch nicht diese natürlichen Lagerstätten, da der Nilsand und der goldführende nubische Kies zahlreiche Magnetitkörner enthalten. Noch heute liefern die Goldwüscher in Nubien ihr stark mit Magnetit vermischtes Rohgold an die ägyptischen Schmelzer, die damals neben dem Gold das Schmelzeisen gewannen. Das stellte damals durchaus keine lästige Nebenarbeit dar, sondern das Eisen hatte einen unverhältnismäßig höheren Wert als heute, leicht erklärlich, wenn man die geringen Mengen berücksichtigt, in denen es erzeugt wurde. Das Eisen war im Gegensatz zu heute kein Gebrauchsmetall und bedeutend wertvoller als etwa das Kupfer. Urkunden aus der Zeit bes großen babylonischen Königs und Gesetzgebers Chammu - rabi, der von 2067 bis 2025 v. Chr. regierte, belehren uns über den Preis des Eisens. Man bekam für ein Schekel Silber — der Schekel ist eine babylonische Gewichtseinheit von ungefähr 8,4 Gramm — 120 bis 140 Schekel Kupfer, aber nur 8 Schekel Eisen. technischen ©runMage der Holzkohlenfeuerung war in dem reichen Brennstoffvorrat gegeben, der im Gegensatz zu Aegypten und Mesopotamien In den Gebirgswäldern vorhanden war. Auf der tlniversität. Novelle von Theodor Storm. (Schluß.) Sie war eine voll ausgewachsene Mädchengestalt, aber gleichwohl reichte sie ihm nur bis an die Brust. Ich sah ihnen lange nach; sie hatte den Kops in den Nacken fallen lassen, während sie säst von seinem Arm getragen wurde und nur mit den Fußspitzen den Boden berührte; er neigte sich über sie, und feine Augen lagen unbeweglich wie die eines jungen Raubvogels auf ihrem Antlitz, das sie mit geschlossenen Lidern ihm entgegenhielt. Als der Tanz zu Ende war, führte er sie an ihren Platz und ließ sie leicht aus feinen Armen auf den Stuhl gleiten. Die Pause dauerte indes nicht lange. Bald entstand eine Unruhe im ganzen Saal; die Musik setzte in rasendem Tempo ein, und die Paare reihten sich stürmisch aneinander. Der Tanz begann aufs neue, Gelächter und ausgelassene Ruse flogen durch die Runde; immer wilder sah ich die kleinen, leichtfertigen Füßchen über die dunkeln Flecke des Fußbodens gleiten. Endlich kam es zu einer Tour, durch deren ungestüme Ausführung die ganze Reihe der armen Kinder unausbleiblich zu Fall gebracht wurde. Dann wie auf einen Wink fchwieg die Musik; und während ihre Tänzer lachend über sie Hinwegsprangen, standen sie mit heißen Gesichtern aus und strichen sich das Haar aus der Stirn oder suchten den Staub von ihrem mühsam erarbeiteten Ballstaat abzuschlagen. — Ich weiß nicht, war es noch ein Rest von dem Zerstörungstriebe des Kindes oder war es der allen Menschen innewohnende Drang, sich gegen das aufzulehnen, dessen Einfluß man sich nicht entziehen kann; — es schien, als wenn die Jugend sich in übermütiger Herabwürdigung des Weibes gar nicht genug« tun konnte. Lore, die ich nicht außer acht gelassen, saß einsam auf demselben Platze, wohin sie von dem Raugrasen geführt worden war. Sie schien es sich erzwungen zu haben, daß zu jenem Tanze niemand sie auch nur auf« gefordert hatte. Während bald darauf, vielleicht des Kontrastes halber, ein Contretanz mit aller Feierlichkeit ausgeführt wurde, ging ich mit einem Bekannten in das Seitenzimmer. Wir trafen mehrere ältere Studenten, und bald waren wir, unsere Bierseidel vor uns, in ein alle gleicherweisen interessierendes Gespräch über die Eventualitäten des bevorstehenden Examens vertieft. Als nebenan die Musik abfetzte, kamen noch einige der Tanzpaare zu uns an den Tisch; der Raugras mit Lore war auch darunter. — Sie fetzte sich neben ihn, während er die Speisekarte musterte, und bald hatte der Kellner einige Schüsseln und eine Flasche Champagner vor den beiden hingestellt. Der Kork wurde behutsam abgenommen — der Raugras lieh niemals einen Champagnerpsrapsen knallen — und der schäumende Wein floß in die Gläser. Die andern Mädchen, denen ein einfacheres Mahl serviert war, stießen ihre Tänzer heimlich mit den Ellenbogen; und auch meine Aufmerksamkeit war bald ausschließlich auf dieses Paar gerichtet. — Lore hatte ihr blasses Gesicht in die eine Hand gestützt, während die andere wie vergessen an dem Fuß des vollen Glases ruhte; der Raugras beschäftigte sich behaglich mit feinem Lerchenfalmi und schlürfte schweigend seinen Wein dazu. „Willst du nicht eßen, Sore?" fragte er endlich. Sie schüttelte den Kops. Er sah sie einen Augenblick an. „Du willst nicht? — Nun", setzte er ruhig hinzu, ,cheine Sache!" dann schenkte er sich ein und setzte seine Mahlzeit fort. Das Mädchen hatte indessen ihr Glas an die Lippen geführt und es mit einem durstigen Zug hinabgetrunken. Ohne den Kopf zu erheben, der noch immer müde in ihrer Hand ruhte, nahm sie die Flasche und hielt sie schwebend über dem leeren Glase, so daß der Wein langsam hinein» floh und nur allmählich schäumend in dem Kelche aufstieg. Ihre Augen blickten mit einem Ausdruck von Trostlosigkeit daraus, als sehe sie ihr Leben aus der Flasche rinnen. Sie achtete auch nicht daraus, als der Schaum aus dem Glase auf den Tisch und von diesem auf den Boden floß; nur ihre andere Hand schien sich immer fester in das schwarze, seidige Haar hinein zu wühlen. „Schöne Dame!" flüfferte ein hübscher, milchbärtiger Junge, während er wie bettelnd ihr sein leeres Glas entgegenhielt; „einen Tropfen von Eurem Ueberfluh!" Lore blickte nicht auf; aber ich sah, wie es flüchtig um ihre Lippen zuckte. „Was denn, Fuchs, was hast du?" fragte einer von den Alten, der sich bisher nur mit (einem Glase beschäftigt hatte. „Oho, Stoffvergeudung!" rief er plötzlich und legte seine Hand auf den Arm des Mädchens. Der Raugras war nur ein wenig zur Seite gerückt, als der Wein neben ihm zu Boden tropfte. „Laß sie", sagte er, „es ist ihre Natur so. — Nicht wahr, Lore", setzte er hinzu, indem er sich lächelnd zu ihr wandte, „wir beide, wir verstehen uns aufs Vergeuden!" Sie setzte die Flasche auf den Tisch und warf ihm einen Blick voll unergründlichen Hasses zu. Dann stand sie auf und ging nach der Tür, die in den Saal führte. Aber er war zugleich mit ihr aufgesprungen. Ein Ausdruck verbissenen Jähzorns entstellte die schonen, regelmäßigen Gesichtszüge. „Was fällt dir ein!" flüsterte er und packte mit Heftigkeit ihren Arm. Sie blieb stehen, ohne daß sie Miene mochte, sich von seiner Hand zu lösen; nur ihre dunkeln, glänzenden Augen blickten ihn fragend und verachtend an. Eine Weile ertrug er es; dann zog er die Hand zurück, und indem er ein kurzes Lachen ausstieß, trat er wieder an den Tikch und schenkte langsam die Neige aus der Flasche. — Lore sah ich durch die Saaltür zwischen den Tanzenden verschwinden. Mir quoll das Herz; ich hatte aus der Ecke, wo ich saß, alles genau beobachtet. Nach einer Weile machte ich mich los und trat in den Saal, um sie zu suchen. Sie war nicht unter den Tanzenden; als ich mich aber zwischen den walzenden Paaren durchgedrängt hatte, sah ich sie in einer Fensternische stehen und scheinbar regungslos in das Gewühl hineinslarren; sie war säst so blaß wie die weiße Rose in ihrem Haar. „Sie erinnern sich meiner wohl nicht mehr?" fragte ich, indem ich aus sie zutrat. Eine tiefe Röte überzog auf einen Augenblick chr Antlitz. „Oh, doch!" sagte sie leise. „Wollen wir tanzen, Lore?" Sie senkt«, während sie mir die Hand reichte, den Kopf so tief, daß ich ihre Augen nicht zu sehen vermochte; aber ich sah, wie ihre kleinen, weißen Zähne sich tief in ihre Lippen gruben. So tanzten wir denn zusammen; nur ein paar Runden, denn auch sie mochte fühlen, daß es mir nicht ums Tanzen war. Bald standen wir nebeneinander vor der großen Ausgangstür, deren beide Flügel weit geöffnet waren. Ich blickte unwillkürlich hinaus; es war sehr finster, nur die Stämme der nächsten Buchen waren von dem herausfallenden Schein beleuchtet. Aber ein Strom bewegter Nachtluft trieb erfrischend gegen uns heran; und während von der einen Seite das Kreischen der Geigen und das Scharren der Tanzenden an mein Ohr schlug, vernahm ich zugleich von draußen das traumhafte Rieseln in den Laubkronen des Waldes. Das Mädchen stand neben mir, ohne zu sprechen, di« Augen zu Boden geschlagen. — Ich faßte mir ein Herz. „Wie mag es Christoph gehen?" fragte ich. Sie fuhr zusammen und murmelte etwas, das ich nicht verstand; aber auf ihren blassen Wangen wurden zwei dunkelrote Flecke sichtbar. „Was würde er sagen", suhr ich fort, „wenn er hier wäre!" Ich sah, wie sie nach Atem rang, und wie ihre herabhangende Hand krampfhaft an dem Kleide fingerte. „O bitte", stieß sie leise hervor, „nicht hier, nur nicht hier!" „Wo denn? Wollen Sie mich hören, Lore?" Sie blickte zu mir auf. „Draußen", sagte sie leise, „ich werde gleich herauskommen; lassen Sie uns abtreten nach dieser Runde! — Ich habe Sie schon bitten wollen, als ich Sie vorhin im Nebenzimmer sitzen sah." Wir tanzten noch einmal; dann führte ich sie zu Platz und trat durch die Tür in den kleinen Säulengang hinaus. — Es donnerte in der Ferne; und als ich die beiden Stufen ins Freie hinabstieg, wetterleuchtet« es, daß ich auf einen Augenblick die einzelnen Baumstämme bis an die See hinab und drunten das Blinken des Wasserspiegels unterscheiden konnte. Ich ging um das Haus herum bis an die Kegelbahn und wartete dort. Nicht lange, so sah ich auch den Schimmer eines weißen Kleides, ich hörte den leichten Schritt des Mädchens, und gleich darauf stand sie selbst tief aufatniend vor mir. — So war ich denn endlich wieder mit ihr allein, im Dunkel, in der Sommernacht; aber es waren andere Zeiten. Ehe ich sie anzureden vermochte, hatte sie ein Papier aus der Tasche gezogen, der Schein eines Blitzes fuhr darüber, und ich erkannte Poststempel und Siegel eines Briefes. „Er ist von Christoph", sagte Lore, indem sie das Papier in meine Hand legte, die ich unwillkürlich darnach ausgestreckt hatte. „Von Christoph!" rief ich; „wann haben Sie den Brief erhalten?" „Heute!" erwiderte sie leise. „Und Sie sind doch hierhergekommen?" Sic schwieg. „Darf ich den Brief lesen, Lenore?" „Ich habe Sie darum bitten wollen." Ich ging an eines der erleuchteten Saalfenster in der Hintern Front des Hauses. — Lenore war mir langsam gefolgt, und ich fühlte, wie während des Lesens ihre Augen unablässig aus mich gerichtet waren. Es war ein langer Brief; Christoph gab von seinem Schweigen Rechenschaft. Er hatte das Geschäft seines Oheims übernommen; aber die Ber- hältnifse waren lange in der Schwebe gewesen, da alles von einer Verheiratung der Tochter mit einem wohlhabenden Schornsteinfegermeister abgchangcn; schon sei er, da eben ein neugieriger Schneider aus der Heimat ihn besucht habe, mit dem Geräte zu ihrer Hochzeitskammer beschäftigt gewesen, als di« ganze Sache noch einmal in Frage gestellt worden sei. Jetzt aber war endlich alles geordnet, die Tochter hatte Hochzeit gemacht, und er selbst sollte in den nächsten Tagen das Meisterrecht in der fremden Stadt erwerben. Dann lud er sie ein zu kommen, da er nicht fort könne, um sie zu holen. „Sobald ich. Deine Antwort habe", das waren die letzten Worte des Briefes, „schicke ich Dir das Reisegeld; es liegt schon abgezählt und eingesiegelt. Das Haus wirst Du leicht erkennen; neben der grünen Bank, Die vor der Tür ist, steht eine Linde, wie daheim vor Deinem Elternhaus; eine Kammer, die ich selber für die jungen Metsterleute hergerichtet habe, ist ganz davon beschattet."-- Ich hatte den Brief zusammengesaltet und reichte ihn zurück. Aber Lor« schüttelte den Kopf. „Schreiben Sie ihm, Herr Philipp!" sagte sie, während eine Träne nach der andern über ihre Wangen tropfte; und leise und mühsam setzte sie hinzu: „Er hat es gut gemeint." „Und Sie wollen nicht selber kommen?" fragte ich. Sie sah mich an, mit einem Blick so voll von flehender Verzweiflung, daß ich bereute, diese Frage an sie getan zu haben. „Lore", sagte ich, „kann denn niemand helfen?" Sie senkte den Kopf, Indem si« mit der Stirn an eine Fensterscheibe lehnte; die weiße Ros« lag noch immer duftend auf dem glänzend schwarzen Haar. „Er war, da er noch lebte, nur ein armer, törichter Mann', sagte sie und ihre Stimme brach fast in verhaltenem Schluchzen, „aber er war doch mein Vater, und es hat mich sonst doch keiner so geliebt — er würde mich auch jetzt noch nicht verstoßen." Als sie das gesagt hakte, schwiegen wir beide; nur hatte ich, ohne daß ich es wußte, ihre beiden Hände ergriffen, und sie ließ sie mir. Da hörte ich von der andern Seite des Hauses, von der Halle her, die Stimme des Raugrafen ihren Namen rufen. Sie fuhr zusammen. „Lore", sagte ich, „können Sie denn nicht los von jenem Menschen?" Ihre Augen blickten mich groß und traurig an. „O doch!" sagte sie leise; und mir war, als sähe ich ein Lächeln um ihren Mund; aber ein Lächeln wie in verhüllter Arglist. — Indem wurde noch einmal und mehr in unserer Nähe gerufen. l Sie trocknete hastig ihre Augen. „Leb' wohl, Philipp, leb' wohl!" lüsterte sie. Ich empfand den Druck der beiden kleinen Hande; dann war sie fort. Wie lange ich noch unter den Bäumen auf und ab gegangen, weiß ich nicht. Ich kam erst wieder zum Bewußtsein der Dinge um mich her, als drinnen im Saale plötzlich die Tanzmusik aufhörte und ich statt dessen das Schreien der großen Eulen vernahm, die tiefer im Walde ihr Wesen trieben. Als ich bann, um über die Steintreppe zu dem Fußweg zu gelangen, an der vordem Front des Hauses vorüberging, sah ich Lore noch einmal. Sie stand unter der Halle, den Arm um eine der Säulen geschlungen, und blickte durch die Bäume auf die See hinab, wo eben em Wetter- schein blendend über das Wasser leuchtete. Am Strande. Ich hatte lange schlaflos auf meinem Kissen gelegen, an einem Plane sinnend, wie ich Lore mit Hilfe meiner Mutter einen andern Zufluchtsort eröffnen möchte, und, was vielleicht das Schwierigste fei, wie ich sie überreden könne, einen solchen anzunehmen. Als ich am andern Morgen spät erwachte, stand Fritz Bürgermeister, wie wir ihn als Knaben zu nennen pflegten, vor meinem Bett und lachte mich mit seinen treuen Augen an. — Bald saßen wir nebeneinander im Sofa, und Fritz hatte vollauf von gemeinschaftlichen Freunden zu erzählen, die er In Heidelberg zurückgelassen. Aber ich hörte nur mit halbem Ohr; meine Gedanken waren bei dem Erlebnis der vergangenen Nacht. Einige Zeit nachher, als wir auf meinen Vorschlag das Haus verlassen und am Strande entlang in der schattigen Ulmenallee nebeneinander gingen, entlastete ich mein Herz und berichtete ihm alles, was ich über Lore und mit ihr selbst erfahren hatte. Fritz hörte schweigend zu, nur mitunter murmelte er halblaut einen derben Fluch, indem er di« im Wege liegenden Stein« mit dem Fuße fortstieß, oder er führte einen Hieb in die Lust, als hatte er einen Schläger in der Faust. Es blieb auch nicht bei diesen Zeichen; acht Tage später stand er dem Raugrafen auf der Mensur gegenüber. Liber der Raugras schlug eine gefährliche Terz, und Fritz erhielt einen „Schmiß", dessen Narbe noch setzt, wenn der Zorn ihm auffteigt, wie ein roter Blitz über sein« Stirn flammt.-- Als wir aus der Allee in den Wald gekommen waren und fast die Stelle erreicht hatten, wo der Fußweg die Anhöhe nach dem Tanzhause hinaus geht, sahen wir auf der andern Seite jenseits der Bäume mehrere Menschen auf dem Strande. Sie standen dicht am Wasser und schienen damit beschäftigt, etwas, das man nicht unterscheiden konnte, auf den Boden niederzulegen. In demselben Augenblick kam auch ein Mann in Fischerkleidung in den Weg hinauf. „Was gibt's da unten?" fragte ich im Vorübergehen. „Nichts Gutes, Herr!" war die Antwort; „ein junges Frauenzimmer ist verunglückt." „Lore!" rief ich und ergriff unwillkürlich die Hand meines Freundes. Er stieß einen Laut des Schreckens aus. „Was red'ft du nur!" sagte er abwehrend. Gleichwohl stiegen wir in stummem Einverständnis durch die Bäume an den Strand hinab. Ich hörte währenddes die Leute drunten miteinander reden. „Was der gefehlt haben mag?" sagte eine rauhe Stimme. „Es muß doch eine von den vornehmen Fräuleins fein! — Und in vollem Staat ist sie ins Wasser gegangen." Dann wurde es wieder still; nur die Wellen rauschten in der Morgenluft. Als wir zwischen den Bäumen heraustraten, wurde ich fast vom Sonnenschein geblendet, der in vollstem Glanze vor uns über die weite Meeresbucht gebreitet war. — Und in diesem Sonnenglanze lag auch sie; die Fischer traten bei unserer Annäherung zur Seite, und wir konnten sie ungestört betrachten. Es war kein Zweifel mehr. Das bleiche Gesichtchen ruhte auf dem Ufersande; die kleinen, tanzenden Füße ragten jetzt regungslos unter dem Kleide hervor; Seetang und Muscheln hingen in den schwarzen, triefenden Haaren. Die weiße Rose war fort; sie mochte ins Meer hinaus geschwommen sein. Viele Jahr« find seit jenem Morgen vergangen. — Aus dem Kirchhofe der Universitätsstadt, abseits im hohen Grase, liegt eine weiß« Marmortafel; „Lenore Beauregard" steht darauf. — Drei Heimats- genossen, in verschiedenen Teilen des deutschen Landes lebend, haben sie gestiftet. 'verantwortlich: l)r. Hans Thyriol. — Druck und Derlag:Drühl'sche Univ erf itäts-Buch- und Steindrucker ei, R. Lange, Gießen,