GießenerZaimIienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Z rhrgang <953 Nummer 2A Freitag, den 24. März Oie zwei Gesellen. Von Josef von Eichendorff. Es zogen zwei rüst'ge Gesellen zum erstenmal von Haus, so jubelnd recht in die Hellen, klingenden, singenden Wellen des vollen Frühlings hinaus. Die strebten nach hohen Dingen, die wollten, trotz Lust und Schmerz, was Recht's in der Welt vollbringen, und wem sie vorübergingen, dem lachten Sinnen und Herz. — Der erste, der fand ein Liebchen, die Schwieger kauft' Hof und Haus; der wiegte gar bald ein Bübchen und sah aus heimlichem Stübchen behaglich ins Feld hinaus. Dem zweiten sangen und logen die tausend Stimmen im Grund, verlockend Sirenen, und zogen ihn in der buhlenden Wogen farbig klingenden Schlund. Und wie er auftaucht' vom Schlunde, da war er müde und alt, sein Schifflein, das lag im Grunde, so still war's in der Runde, und über die Wasser weht's kalt. Es singen und klingen die Wellen des Frühlings wohl über mir; und seh' ich so kecke Gesellen, die Tränen im Auge mir schwellen — ach Gott, führ' uns liebreich zu dir! Hell-unkle Jugend. Von Anton W i l d g a n s. Die folgende Veröffentlichung stellt die letzte Arbeit des verstorbenen Wiener Dichters und Burgtheater-Jntendanten Anton Wildgans dar. Sie war als erstes Kapitel des geplanten zweiten biographischen Buches gedacht, das den Titel „Helldunkle Jugend" führen sollte, und wurde wenige Tage vor dem Tobendes Dichters in Mönichkirchen in dessen Notizbuch skizziert. Selbst dieses erste Kapitel blieb Fragment, wenn auch freilich ein in sich abgeschlossenes. Es wird an der Spitze eines Bandes stehen, der zur ersten Wiederkehr des Todestages von Wildgans erscheinen und selbstbiographische Aufsätze, Skizzen, Gedichte und Betrachtungen vereinen soll. In meine Knaben- und Jünglingszeit schattete als eine dunkle, gefahrdrohende Wolke das große, von düsterer Rätselhaftigkeit umwitterte Leiden meines Vaters. Der vorletzten, vielleicht tragischsten Phase dieses Leidens habe ich Erwähnung getan, als ich von der eigenen schweren Krankheit erzählte, die mich als Siebzehnjährigen befiel. Die Zerstörung an Leib und Geist meines Vaters hatte aber schon viel früher begonnen, als ich fast noch ein Kind war, und kam zum erstenmal zu deutlichem Ausbruch am Pfingstfamstag des Jahres 1895. Wir weilten damals zum Sommeraufenthalt, eine halbe Vahnjtunde von Wien entfernt, in dem tausendjährigen Wienerwaldstädtchen Mödling, in dem nämlichen Orte, wo ich in der zweiten Hälfte meines Lebens — gewiß nicht ohne tiefere Zusammenhänge und Bedeutung! — eine andere Heimat und am Osthang des Kalenderberges, neben der uralten Pfarrkirche, das große Glück des eigenen Hauses und Gartens gefunden habe. Damals aber wohnte ich mit meinen Eltern im Gartenflügel des Val- zachifchen Hauses auf dem Marktplatze. Dieses, gerade gegenüber der Pestsäule gelegen, biloet mit seinen Nachbarn, dem sogenannten Mana- gettahaus und einem nächsten, noch älteren Gebäude, eine geschlossene Front, in die Mödlings älteste Zeit, in die Herzoggasse hineinreicht. Dem Valzachischen Hause freilich sieht man seine ehrwürdigen Jahre nicht an, da seine einstöckige Fassade irgendwann nach irgendeinem Zeitgeschmack modernisiert wurde. Wenn man aber durch ein Türchen des meist geschlossenen schweren Holzportales den breiten, tiefen und gewölbten I Flur betritt, so weht einen sofort der Atem eines früheren Jahrhunderts I an. Niedere, wackelige Gänge führen von da zu der Steintreppe des Vor- I derhaufes, das damals in allen feinen ebenerdigen Teilen von dem eigen- I tümlichen Mifch-Arom der gebräuchlichen Kolonialwaren erfüllt war, denn I der Hausherr befaß eine solche Handlung. Auch im Torflur war dieser I merkwürdige und bezeichnende Duft von allerhand Gewürzen, von Kaffee, I hänfernen Säcken und roh gezimmerten Kisten sofort zu spüren und bil- I bete einen jähen Gegensatz zu den mannigfachen Gerüchen des Marktes I vor dem Haus, in denen jene der frischen Gemüse und Blumen, des rohen Fleisches, und manchmal der Fttche vorherrschten. Und ebenso fühl- I bar war auch der Gegensatz zwischen Hige und Lärm der Straße und der I Kühle und Stille, die einen sofort umfing, wenn man den Vorflur betrat Sobald man ihn aber über fein hallendes Pflaster durchschritten hatte, I befand man sich auf einem langgestreckten Wege, der zwischen einer hohen, I von Parkbäumen überragten Mauer rechts und einem fast ebenerdigen I Gebäude links in den nach rückwärts gelegenen Garten führte und übrl- I gens auch heute genau so wie damals führt. Diese drei oder vier Räume nun, die dieser schmale Hoftrakt beherbergt, bildeten unsere damalige Sommerwohnung, deren westliche Fenster auf die gedachte hohe Park- I mauer blickten, deren östliche hingegen in den schwülen Schatten, eines I mit Kastanien bestandenen Hofes hinausgingen. Ich erwähne dieses I dustere, mit Sand bestreute Gevierte nur deshalb, weil sich dort an der I Feuermauer des Nachbarhauses auf einem niederen steinernen Sockel ein schmiedeiserner Käfig befand, in dem sich der Hausherr eine Elster hielt Dwser schwarzweiße Vogel, der übrigens viel Gestank und mit seinem I bösen Gekrächze widerwärtigen Lärm verursachte, war mir ein (Segen- I stand des Abscheues und Grauens. Ja, er war mir so unheimlich, daß ich jenen Hof nur ungern und selten betrat und mich lieber auf der I anderen Seite unseres Wohntraktes aufhielt. Dort, in der schmalen, mauerbegrenzten Fortsetzung des Torflures, schob ich mit meiner, um sieben Jahre jüngeren Schwester nach Kegeln, dort übte ich mich im Saufen und Springen, von dort aus sah ich über den Zaun des rückwärtigen Gartens, dessen Benützung der Hausherr sich und seiner Familie vorbehalten hatte, und dort auf den Steinstufen der schmalen Türe, die In I unsere Wohnung führte, saß ich besonders gern und las in meinen I Buchern. Und dort vollzog sich auch, wenigstens in seiner bildhaften Auswirkung, jenes düstere und schicksalschwere Ereignis, das ohne daß ich dies damals auch nur zu ahnen ober gar zu ermessen vermocht hätte I — entscheibenb für mein ganzes Leben werben sollte. Bevor es aber dazu | kam, begegnete mir anderes, das den eben erst Vierzehnjährigen durch I die Neuheit des Gefühls erschütterte. I Unser Hausherr, ein älterer Witwer, hatte zwei erwachsene Töchter, I deren eine, ihrer italienischen Abstammung nach, von besonderer, südlicher Schönheit war. Anna und Angela hießen die beiden Fräuleins, die ich, zumal sie sehr zurückgezogen lebten und nur selten zu sehen waren — als eine Art von höheren Wesen betrachtete. Dies hinderte mich freilich nicht, mich in die Schönheit mit aller Inbrunst knabenhaft verträumter Gefühle zu verlieben, wie man sich eben mit 14 Jahren aus der Fülle einer ins Allgemeine gerichteten Sehnsucht in ein Gegenwärtiges und doch Unerreichbares verliebt. Besonders wenn Freiheit und Sommer ist und I die Kräfte der jungen Seele nicht durch die tägliche Mühsal des Schultages I in Schach gehalten werden. So sehr ich Indessen bemüht war, meinen Zustand zu verbergen, dürste er der schönen Italienerin nicht ganz entgangen fein. Denn ich erinnere mich eines Augenblickes, von dem an es mir schien, als ob sie mich mit einer anderen Nuance mütterlichen Wohlwollens behandelte. Da tauchte eines Tages eine Eousine der Damen auf, ein kleines, ungarisches Mädchen, das, selber noch ein zwölfjähriges Kind' alsbald meine Gespielin wurde. In meinem Herzen war nun eigentlich kein Platz mehr. Aber der große Taschensvieler Naturttieb brachte immerhin das Kunststück zuwege, jenen freien Raum zu schaffen ober wenigstens als oorhanben vorzutäuschen. Nicht baß Ich mich auch in bie kleine Ungarin verliebt hätte! Denn bas Erreichbare hatte bamals für mich bie bebenk- liche Eigenschaft, von mir übersehen und nicht ausgenützt zu werben. Dollenbs bie weibliche Zärtlichkeit, ja Sinnlichkeit, wenn sie sich mir von selbst bot, hatte für mich etwas, was mein eigenes, wenn auch nur kindliches unbestimmtes und ahnungsloses Begehren geradezu paralysierte. Das Elementare schlummerte noch tief In meinem Unterbewußtsein und wirkte noch nicht in meinen Tag. Denn anders wäre es nicht möglich gewesen, daß unsere Spiele in vollster kindlicher Unbesonnenheit vor sich gingen. Nur, wenn wir einander an Abenden mehr zufällig denn aus Absicht trafen, waltete zwischen uns von allem Anfang an eine gewisse Verhaltenheit und Schweigsamkeit. Meist war es so, daß ich mit meiner Viola — ich lernte eben damals dieses Instrument spielen — auf den Steinstufen der schmalen Tür saß, die von dem verlängerten Torweg zu unlerer Wohnung führten, und auf den Saiten flinioerte. Die kleine Schwester war da bereits schlafen geteat worden; die Großmama, deren Obhut wir in Öen ersten Wochen des Sommers allein anoerfraut waren, legte bei iraenbeinem kleinen Petrol"umlämnchen auf der Gartenterrasse bie übliche Neunerpatience unb bas Dienstmädchen klapperte in der Küche aen der Seit ZU nehmen. Aber beiden gemeinsam ist das Einzigartige, Graste daß sie am Schnittpunkt zweier Epochen als wahre frei verant- wörtliche Führermenschen den entscheidenden Schritt ins Dunkle hinein waaen' dast die Krisis einer ganzen Generation in ihnen zum Aufbruch kommt' und daß in ihrer eigensten, inneren Welt aus den Trümmern der ^MNnL7ten7st dnerPiener großen Unvollendeten, der, mehr als nier Jabrbunberte nach feinem Erlöschen, heute frei sichtbar nm geistigen Horizont LsLes VolL' emporjteigt. Klosterfchüler und Ritter Poet und Politiker ein ewig suchender Stürmer und Dränger, so zieht der große Niemand" wie er vorahnend eine seiner ersten Dichtungen benennt heimatlos durch Deutschland und Europa vom Gestade der Ostseebis.tief herab in den Süden nach Rom und westwärts gen d"is. Auf deutschen iiocb cbulen in Erfurt und Frankfurt an der Oder, in Rostock und Greifs uMä rinnt' er, von Rot und Krankheit verfolgt, unstet und ziellos um die geistige Formung seiner Persönlichkeit, um das Wissen der Zeit. Aus den ^Universitäten zu Padua und Bologna, im Verkehr nut italienifchen und deutschen Humanisten tritt er der unvergänglichen Dichtung der Alten den geistig bestimmenden Mächten der Zeit nahe. Am kaiserlichen Hof.3» Wien wird der jugendliche Poet von Maximilian, dem „letzten Ritter mit dem Dichterlorbeer gekrönt, im Dienst des Mainzer Erzbischofs geht " w».« Herzen die Not und Schmach des Heiligen Römischen Reiches u>’ er be^en Trümmern (ein deutsches Vaterland verschüttet liegt. Aus der Buhne Europas vollzieht sich das tragische Schauspiel, daß ein srar^oslscher Komg und ein spanisch sprechender Habsburger um den einst Europa beherrschenden deutschen Kaiserthron kämpfen. Die Herzen aller Patrioten, aller deutscher Humanisten, eines Hutten fliegen dem pingen Habsburger Karl zu. Von ihm erwarten alle sehnsuchtsvoll die Reform des Reiches, Kirche, die Erhebung gegen die Uebergriffe Roms, das das verarnüe Deutschland auspreht und in dem dumpf garenden Volk ,ede freiheitliche L'eidenfchaMühE'wendet Hutten, vorwärtsgepeitfcht von nationalen und religiösen Antrieben, sich gegen den Papst und kämpft, lange vor Luther, gegen Ablaß und päpstliche Schlüsselgewalt. Aber fur ihn^ist die Erneuerung der Kirche eine politische Frage, sein Ziel ist die «chasfunq einer deutschen Nationalkirche. In diesem Gedanken geben seine fioffm ngen auf den jungen deutschen Kaiser, richten sich seine Blicke aus den Witten berqer Prediger, um dessen Haupt sich von Rom diesseits und lenfeits der Alpen immer drohender das Unwetter zusammenzieht. Gleich Luther beginnt Hutten, der bisher lateinisch schreibende Humanist seine Schriften in Deutsch zu schreiben, um an das Ohr der ganzen Nation zu bringen. Anklage aus Anklage gegen kirchliche und pabtische Sklaverei geht hinaus, immer enger schließt er sich ernten mächtigen Söldnerführer Franz von S i ck i n g e n an — nur das ^sh^rt, so g.aubt Hutten, kann bei, Gordischen Knoten lösen. Vier drängende Briefe schreibt er vor dem entfcheidungsreichen Wormser Reichstag an Luther, um ihn für den offenen Kampf zu gewinnen. Aber dieser, der Huttens mutiges Vorgehen anfangs warm begrüßt hat, hält fick, bald.zurück und schreibt an feinen Freustd S p a l a t i n : „Ich will nicht, baß mit Gewalt und Totschlag für das Evangelium gestritten wird." Der große Schmit zwischen den beiden Männern und ihren Ideenwelten wird offenbar. Die geschichtliche Entwicklung gibt bald Luther recht — der in immer größerer Vereinsamung sich vollziehende Cndabschnitt von Huttens Kampf beginnt. Vor dem in Luthers Bannbulle ausgesprochenen Auslieserungsver- langen des Papstes vom Juni 1520 flieht der erkrankte Kampfer unter Sickingens Schutz, auf besten Festung Ebernburg bei Kreuznach. Von hier gehen Huttens beutfche Schriften an alle Fürsten unb ©tonte ber Nation, von hier richtet er an ben jungen Kaiser Karl seine „Klag und Vermannung roiber bie Gewalt bes Pavstes", bie bnrch ihre verzweifelten Herzenstöne heute noch mächtig ergreift. Befchwörenb ruft er Karl zu. , Dafür, baß ich bas Vaterland retten wollte, soll ich selbst untergeben! Weil ich aller Ketten zu brechen begann, soll ich gefef(elt werden? Ein Falscher soll ich genannt werden, weil ich die Wahrheit lehrte, getötet soll ich werden, weil Ich zu leben aufforberte? Wie lange noch gebenten mir sonst ben stärksten Königen unb Völkern unbesiegt, lügenhaften Bullen unb eitlen Fabeln gehorsam zu fein? Ist benn alle Manneskraft erloschen? Alle Stärke gewichen aus unserem beutschen ßanb? Ist denn gar kein Geist, kein Vaterland, kein Sinn uns geblieben?" Unb bie ganze, zum Letzten entschlostene Tapferkeit tiefes Herzens klingt aus dem Schreiben, bas Hutten im Jahre 1520 an ben Kurfürsten Friebrich von Sacksen richtet: „Kann ich aber ben Branb nicht entzunten, so will ich doch tun, was ich vermag unb nichts tun, was eines tapferen Ritters unroürbig ist. Nimmer will ich weichen von bem, was ich mir vorgenommen habe ... herben kann ich, Knecht fein aber kann ich nicht unb kann Germanien auch nicht geknechtet fehen. Doch manchmal brängt’s mich, ich will bie beutfche Treue anrufen unb schreien: „Wer wagt mit Hutten fein Leben für bie öffentliche Freiheit? Wachet auf!" . Es finb bie großen Tage vorn Reichstag zu Worms 1521. in benen weit über Huttens Cinzelfchickfal hinaus bas Schicksal ber beutschen Nation auf Iahrhunberte sich entfdjeibet. Der Habsburger Karl stellt sich gegen bie Sache ber Reformation, bie großen Hoffnungen auf ein deutsches Reich, eine deutsche Kirche, zerfallen in Nichts. Aber bie päpstlichen Delegierten in ber alten Reichsstabt Worms zittern vor ben Drohungen Huttens, vor bem Druck ber S'ckingifchen Sölbner auf ber nahen Ebernburg. Nächtliche Anschläge lassen ben brohenben Zusammenschluß ber beutschen Ritter unb Bauern ahnen, ber päpstliche Nuntius Alexanber wagt bie Bulle gegen Luther, bie auch Huttens Namen als eines Verfolgten trägt, nicht zu veröffentlichen. Kein Bilb ist in jener Zeit im deutschen Volk verbreiteter als ber Holzschnitt, ber ben auf die Bibel weisenden Luther dem deuttchen Ritter Hutten, dessen Schwert in ber Hanb ruht, gegenüberstellt. Martin Luther steht wie ein Fels im Sturm, aber Kaiser unb Fürsten sehen nicht, was bem beutschen Volk nottut, sie hören nicht ben Ruf nach Reform bes Reiches unb ber Kirche. Sictmaen fällt im Kampf mit feinen Feinten, Hutten flieht, körperlich und seelisch gebrochen, in bie Schweiz, wo Zwingli dem Heimatlofen, Tokwunden, mit tat. ®«lm. »«« »« ' dunklen loqcure» ein tlemer I Dn [Q&cn rojr dann ohne viel > meiner Seite an den Stemstufe der. ^°la allerhand leise zu reden nebeneinander, wahren ch aus^^ einrQ(j)e Melodie summte. Akkorde griff und dazu h ) h^chetlichen Nachbargartens, dessen WWZ-WWM 8MZWMLZ UWM-MWW MZWMZnSM S? Othmar bingeteut ist Nächst dieser auf einer alleinstehenden Bank rofteten wir auf dem Rückweg noch ein Weilchen, unter einem ÄMmel, der zwar unendlich wett, aber bis an den Horizont mit blaugrauen Wolken bedeckt war. Es war ein drückend schwuler Abend und die Luft unbewegt wie vor dem Ausbruch eines Gewitters. Lange faßen wir dort, der Vater müde verfallen und bleich, die Mutter nur wenig und fehr behutsam redend und ich ungefragt und daher schweigens Endlich - es war schon ziemlich dunkel geworden — verabredeten bie Eltern, bas Abenoetzen m einem bem Hauptplatze nahe gelegenen Gastgarten — der Wirt hieß damals Deifenhofer — allein miteinanber einzunehmen, intesien ich nach Haufe geschickt würbe. So trennten wir uns vor dem Valzachifchen Haus . »TiÄ'Ä** W»” >? «-,» »>»'"* morben Ich kam eben noch zurecht, um bei ihrem Abendgebet an ihrem Betteten 'zu fitzen, wie bie tägliche Gewohnheit war. „Müde bin ich, geh zur Ruh" Sie hatte es ja von mir gelernt, fo wie sie alles von m.r gelernt hat: Schreiben in ungefügen Buchstaben, Zeichnen unb Malen mit Wasserfarben unb bas kleine Einmaleins — lange bevor sie in bie Schule kam. Dann verzehrte ich noch mein Abendbrot "nd bttilte mich, 3u meinen Steimtufen zu gelangen, um mein kleines Mädchen nicht zu versäumen ben Blick in bas Dunkel bes Torflures geeichte , bem es von Setunbe zu Setunbe enttauchen muhte. Von bort her aber kam an btefem Da winben'plötzlich von ber Straße her beite Flügel bes Tores hastig geöffnet. Im rötlichen Gaslichtdämmer des Marktplatzes sammelten sich vor der Einfahrt Menschen an, unb schon im nächsten Augenblicke, ehe ich mir, bem Flur zueilend, bies olles beuten konnte, schwankten bie Lichter einiger Stallaternen unter bie schwarze Wölbung. Schwere und doch merkwürdig behutsame Schritte hallten mir entgegen. In d e beklommene Stille schiuchzten nur kleine hilflose Wehlaute meiner Stiefmutter. Es waren Knechte und Schankburfchen des nahen Gasthofes, bie meinen bewußtlosen Vater brachten... Ulrich von Wulfen. Von Dr. Heinrich Bauer. GDS. Heinrich Bauer schrieb ben großen biographischen Roman Oliver Cromwell — ein Kamps um Freiheit unb Diktatur , ferner in ber Reihe „Schriften an bie Nation" das Buch „Das Schwert im Osten". Seit den großen Tagen ber beutfchen Geschichte, feit ben ^ahrhunber- ten der Sachsen- unb Hohenstaufenkaiser, bie ben beutschen Kaiserthron »um Herrschersitz Europas machten unb beren Herrlichkeit im ftampf mit Papstgewalt unb Fürstenwillkür zerbrach, lebt im Volk ber Deittschen bie Sehnsucht nach bem Reich. Am glühenbsten stammt sie in ben Tagen ber tiefsten Ohnmacht, ber größten Zerrissenheit auf — wir Lebenden sind Zeugen biefer unverlöfchlichen Flamme, bie im tiefen Dunkel unserer Tage immer Heller unb steiler aufsteigt. Wir haben in einer Zelt, als ber Traum vom Reich fast vergessen war, in ben Tagen bes versinkenben Römischen Reiches Deutscher Nation, einmal bie tragische Erscheinung eines beutschen Kämpfers gehabt, bie, wie eine Fackel in ber Nacht aufleuchtenb, balb roieber versank unb beren Licht doch mit brennenbem Glanz bis in unsere Tage herüberleuchtet, ben glühenben Kämpfer aus ben Tagen von Reformation unb Humanismus, von Bauernkrieg unb Ende deutschen Rittertums — Ulrich von Hutten. Nicht feine Leistung an sich ist das Unvergängliche, fein Werk bleibt unvollendet, fein Leben erlischt mit fünfunddreißig Jahren in tragischer Einsamkeit unb Verkennung wie das Heinrichs von Kleist. Aber feine Gestalt, fein Leben bleibt, zum Symbol geworden, unvergänglich, weil hier Aufschrei und Tat wurde, was vorher in Millionen deutscher Herzen nur als dumpfe Sehnsucht gelebt hatte. Wenige schicksalsvolle Jahre hindurch kämpft Hutten in einer Front mit dem um fünf Jahre älteren Reformator Martin Luther für die Freiheit der Nation und bie Freiheit bes Chriftenmenfchen, zwei in vielem verwanbte unb boch fo polare Naturen. In bemfelben Jahr, als ber Mansfelder Bergmannsfohn, bem Ruf feines Gottes folgenb, ins Kloster eintritt, um aus ber liefe feiner Seele heraus um eine innerste persönliche Beziehung zu dem Ewigen zu ringen, entflieht ber fränkische Rittersproh ben Sloftermauern, bie ihn einschließen, um mitten im Getriebe der Welt lebenbigen Anteil an ben nationalen unb politischen Fra- Kleider machen Leute. Novelle von Gottfried Keller. (Schluß.) Er blickte um sich und sah die Retterin vor sich stehen. Sie hatte den Schleier zurückgeschlagen; Wenzel erkannte jeden Zug in ihrem weißen Gesicht, das ihn ansah mit großen Augen. Er stürzte vor ihr nieder, küßte den Saum ihres Mantels und rief: „Verzeih mir! Verzeih mir!" „Komm, fremder Mensch!" sagte sie mit unterdrückter, zitternder Stimme, „ich werde mit dir sprechen und dich fortschasfen!" Sie winkte ihm, in den Schlitten zu steigen, was er folgsam tat; sie gab ihm Mütze und Handschuh, ebenso unwillkürlich, wie sie dieselben mitgenommen hatte, ergriff Zügel und Peitsche und fuhr vorwärts. Jenseits des Waldes, unfern der Straße, lag ein Bauernhof, auf welchem eine Bäuerin hauste, deren Mann unlängst gestorben. Nettchen war die Patin eines ihrer Kinder, sowie der Vater Amtsrat ihr Zinsherr. Noch neulich war die Frau bei ihnen gewesen, um der Tochter Glück zu wünschen und allerlei Rat zu holen, konnte aber zu dieser Stunde noch nichts von dem Wandel der Dinge wissen. Nach diesem Hofe fuhr Nettchen jetzt, von der Straße ablenkend und mit einem kräftigen Peitschenknallen vor dem Hause haltend. Es war noch Licht hinter den kleinen Fenstern; denn die Bäuerin war wach und machte sich zu schaffen, während Kinder und Gesinde längst schliefen. Sie öffnete das Fenster und guckte verwundert heraus. „Ich bin's nur, wir sind's!" rief Nettchen. „Wir haben uns verirrt wegen der neuen oberen Straße, die ich noch nie gefahren bin; macht uns einen Kaffee, Frau Gevatterin, und laßt uns einen Augenblick hineinkommen, ehe wir weiter fahren!" Gar vergnügt eilte die Bäuerin her, da sie Nettchen sofort erkannte, und bezeigte sich entzückt und eingeschüchtert zugleich, auch das große Tier, den fremden Grafen zu sehen. In ihren Augen waren Glück und Glanz dieser Welt in diesen zwei Personen Über ihre Schwelle getreten; unbestimmte Hoffnungen, einen kleinen Teil daran, irgendeinen bescheidenen Nutzen für sich oder ihre Kinder zu gewinnen, belebten die gute Frau und gaben ihr alle Behendigkeit, die jungen Herrschastsleute zu bedienen. Schnell hatte sie ein Knechtchen geweckt, die Pferde zu halten, und bald hatte sie auch einen heißen Kaffee bereitet, welchen sie jetzt herembrachte, wo Wenzel und Nettchen in der halbdunklen Stube einander gegenüber saßen, ein schwach flackerndes Lämpchen zwischen sich aus dem Tische. Wenzel saß, den Kopf in die Hände gestützt, und wagte nicht aufzublicken. Nettchen lehnte auf ihrem Stuhle zurück und hielt die Augen fest verschlossen, aber ebenso den bitteren schönen Mund, woran man sah, daß sie kemes- Als^üe^Gevattersfrau den Trank auf den Tifch gefetzt hatte, erhob sich Nettchen rasch und flüsterte ihr zu: „Laßt uns jetzt eine halbe Viertelstunde allein, legt Euch aufs Bett, liebe Frau, wir haben uns em bißchen gezankt und müssen uns heute noch aussprechen, da hier gute Gelegenheit ist. „Ich verstehe schon, Ihr macht's gut so I" sagte die Frau und ließ die zwei bald allein. .... . . „ , Trinken Sie dies", sagte Nettchen, tue sich wieder gesetzt hatte, „es wird Ihnen gesund sein!" Sie selbst berührte nichts. Wenzel Straprnski, der leise zitterte, richtete sich auf, nahm eine Tasse und trank sie aus, mehr weil sie es gesagt hatte, als um sich zu erfrischen. Er blickte sie ;etzt auch an, und als ihre Augen sich begegneten und Nettchen forschend die seimgen betrachtete, schüttelte sie das Haupt und sagte dann: „Wer sind Sie? Was wollten Sie mit mir?" ...... . .. .. „Ich bin nicht ganz so, wie ich scheine!" erwiderte er traurig, „ich tun ein armer Narr, aber ich werde alles gut machen und Ihnen Genugtuung geben und nicht lange mehr am Leben sein!" Solche Worte sagte er so ubei> zeugt und ohne allen gemachten Ausdruck, daß Nettchens Augen unmerklich ausblitzten. Dennoch wiederholte sie: „Ich wünsche zu w'sien, wer Sie eigentlich seien und woher Sie kommen und wohin Sie wollen? „Es ist alles so gekommen, wie ich Ihnen jetzt der Wabrheit gemäß erzählen will", antwortete er und sagte ihr, wer er sei und wie es ihm bei feinem Einzug in Goldach ergangen. Er beteuerte besonders, er mehrmals habe fliehen wollen, schließlich aber durch ,hr Erscheinen selbst gehindert worden sei, wie in einem verhexten Traume. , . . ... Nettchen wurde mehrmals von einem Anflug von Lachen heimges icht doch Überwog der Ernst ihrer Angelegenheit zu sehr, als daß es zum Ausbruch gekommen wäre. Sie fuhr vielmehr fort zu fragen: »Und wohin gedachten Sie mit mir zu gehen, und was zu beginnen?" — „Ich weiß es kaum , erwiderte er; „ich hoffte auf weitere merkwürdige oder glückliche Dinge, auch gedachte ich zuweilen des Todes in der Art, daß ,ch mir denselben geben wolle, nachdem ich—" , . . N'Lkn°"L Ö wÄä SftWS» «n» W -nd »i* ist es mir klar und deutlich vor Augen, wie «s gekommen wäre I Ich wäre mit dir in die weite Welt gegangen und, nachdem «h emige kurze Tage des Glückes mit dir gelebt, hätte ich dir den Betrug gestanden und mu gleichzeitig den Tod gegeben. Du wärest zu deinem Vater zuruckgekehrt, :ine letzte Heimstatt verschafft. Und während die Schatten des großen Bauernkrieges dunkel über Deutschland Heraufziehen, während unter den Stößen von außen und innen und den Wehen der Reformation der Bau des Römischen Reiches wankt, endet Ulrich von Hutten auf der Insel Ufenau im Züricher See im August 1523 einsam sein Leben. Voll schmerzlicher Resignation hat Hutten einst in früheren Tagen als Epilog auf sein und Luthers Lebenswerk das klare, schmerzliche Wort gesetzt: „Dein Werk, heiliger Mann, ist von Gott und wird bleiben, meins ist menschlich und wird untergehen." Nicht untergegangen aber ist die Idee, die Ulrich von Hutten kündete, das Symbolhafte dieses kämpferischen Heldenlebens, das er vorlebte, ein wirklichkeitsfroher, um die Gestaltung der deutschen Welt ringender Streiter für das Reich wo du wohl aufgehoben gewesen wärest und mich leicht vergesst« hättest. Nieniand brauchte darum zu wissen; ich märe spurlos verschollen. — Anstatt an der Sehnsucht nach einem würdigen Dasein, nach einem gütigen Herzen, nach Liebe lebenslang zu kranken", fuhr er wehmütig fort, „wäre ich einen Augenblick lang groß und glücklich gewesen und hoch Über allen, die weder glücklich noch unglücklich sind und doch nie sterben wollen! O hätten Sie mich liegen gelassen im kalten Schnee, ich wäre so ruhig eingeschlafen!" Er war wieder still geworden und schaute düster sinnend vor sich hin. Nach einer Weile sagte Nettchen, die ihn still betrachtet, nachdem das durch Wenzels Reden angefachte Schlagen ihres Herzens sich etwas gelegt hatte: „Haben Sie dergleichen oder ähnliche Streiche früher schon begangen und fremde Menschen angelogen, die Ihnen nichts zu leide getan?" „Das habe ich mich in dieser bitteren Nacht selbst schon gefragt und mich nicht erinnert, daß ich je ein Lügner gewesen bin! Ein solches Abenteuer habe ich noch gar nie gemacht oder ersahren! Ja, in jenen Tagen, als der Hang in mir entstandeil, etwas Ordentliches zu sein oder zu scheinen, in halber Kindheit noch, habe ich mich selbst überwunden und einem Glück entsagt, das mir beschieden schien!" „Was ist dies?" fragte Nettchen. „Meine Mutter war, ehe sie sich verheiratet hatte, in Diensten einer benachbarten Gutsherrin und mit derselben auf Reisen und in großen Städten gewesen. Davon hatte sie eine feinere Art bekommen, als die anderen ^Leiber unseres Dorfes, und war wohl auch etwas eitel; denn sie kleidete sich und mich, ihr einziges Kind, immer etlbas zierlicher und gesuchter, als es bei uns Sitte war. Der Vater, ein armer Schulmeister, starb aber früh, und fo blieb rms bei größter Armut keine Aussicht auf glückliche Erlebnisse, von welchen die Mutter gerne zu träumen pflegte. Vielmehr mußte sie sich harter Arbeit hingeben, um uns zu ernähren, und damit das Liebste, was sie hatte, etwas bessere Haltung und Kleidung, aufopfern. Unerwartet sagte nun jene nun verwitwete Gutsherrin, als ich etwa sechzehn Jahre alt war, sie gehe mit ihrem Haushalt in die Residenz für immer; die Mutter falle mich mitgebeu, es sei schade für mich in dem Dorfe ein Taglöhner oder Bauernknecht zu werden, sie wolle mich etwas Feines lernen lassen, zu was ich Lust habe, während ich iw ihrem Hause leben und diese und jene leichtere Dienstleistungen tun könne. Das schien nun das Herrlichste zu sein, was sich für uns ereignen mochte. Alles wurde demgemäß verabredet und zubereitet, als die Mutter nachdenklich und traurig wurde und mich eines Tages unter vielen Tränen bat, sie nicht zu verlassen, sondern mit ihr arm zu bleiben; sie werde nicht alt werden, sagte sie, und ich würde gewiß noch zu etwas Gutem gelangen, auch wenn sie tot sei. Die Gutsherrin, der ich das betrübt hinterbrachte, kam her und machte meiner Mutter Vorstellungen; aber diese wurde jetzt ganz aufgeregt und ries einmal um das andere, sie lasse sich ihr Kind nicht rauben; wer es kenne —" Hier stockte Wenzel Strapinski abermals und wußte sich nicht recht fortzuhelsen. Nettchen {ragte: „Was sagte die Mutter, wer es kenne? Warum fahren Sie nicht fort?" Wenzel errötete und antwortete: „Sie sagte etwas Seltsames, was ich nicht recht verstand und was ich jedenfalls seither nicht verspürt habe; sie meinte, wer das Kind kenne, könne nicht mehr von ihm lassen, und wollte wohl damit sagen, daß ich ein gutmütiger Junge gewesen sei oder etwas dergleichen. Kurz, sie war so aufgeregt, daß ich trotz alles Zuredens jener Dame entsagte und bei der Mutter blieb, wofür sie mich doppelt lieb hatte, tausendmal mich um Verzeihung bittend, daß sie mir vor dem Glücke sei. Als ich aber nun auch etwas verdienen lernen sollte, stellte' es sich heraus, daß nicht viel anderes zu tun war, als daß ich zu unserem Dorfschneider in die Lehre ging. Ich wollte nicht, aber die Mutter weinte so sehr, daß ich mich ergab. Dies ist die Geschichte." Auf Nettchens Frage, warum er denn doch von der Mutter fort fe* und wann? erwiderte Wenzel: „Der Militärdienst rief mich weg. Ich wurde unter die Husaren gesteckt und war ein ganz hübscher, roter Husar, obwohl vielleicht der dümmste im Regiment, jedenfalls der stillste. Nach einem Jahr konnte ich endlich für ein paar Wochen Urlaub erhalten und eilte nach Hause, meine gute Mutter zu sehen; aber sie war eben gestorben. Da bin ich beim, als meine Zeit gekommen war, einsam in die Welt gereift und endlich hier in mein Unglück geraten." Nettchen lächelte, als er dieses vor sich hin klagte und sie ihn dabei aufmerksam betrachtete. Es war jetzt eine Zeitlang still in der Stube; auf einmal schien ihr ein Gedanke aufzutauchen. „Da Sie", sagte sie plötzlich, aber dennoch mit zögerndem, spitzigen Wesen, „stets so wertgeschätzt und liebenswürdig waren, so haben Sie ohne Zweifel auch jederzeit Ihre gehörigen Liebschaften oder dergleichen gehabt und wohl schon mehr als ein armes Frauenzimmer auf dem Gewissen — von mit nicht zu reden?" „Ach Gott", erwiderte Wenzel, ganz rot werdend, „eh ich zu Ihnen kam, habe ich niemals auch nur die Fingerspitzen eines Mädchens berührt, ausgenommen —" „Nun", sagte Nettchen. „Nun", fuhr er fort, „das war eben jene Frau, die mich mitnehmen und bilden lassen wollte, die hatte ein Kind, ein Mädchen von sieben oder acht Jahren, ein seltsames, heftiges Kind, und doch gut wie Zucker und schön wie ein Engel. Dem hatte ich vielfach den Diener und Beschützer machen müssen und es hatte sich an mich gewöhnt. Ich mußte es regelmäßig nach dem entfernten Pfarrhof bringen, wo es bei dem alten Pfarrer Unterricht genoß, und es von da wieder abholen. Auch sonst mußte ich öfter mit ihm ins Freie, wenn fonst niemand gerade mitgehen konnte. Dieses Sind nun, als ich es zum letztenmal im Abendschein über das Feld nach Hause führte, fing von der bevorstehenden Abreise zu reden an, erklärte mir, ich müßte dennoch mitgehen und fragte, ob ich es tun wolle. Ich sagte, daß es nicht sein könne. Das Kind fuhr aber fort, gar beweglich und dringlich zu bitten, indem es mir am Arme hing und mich am Gehen hinderte, wie Kinder zu tun pflegen, so daß ich mich bedachtlos wohl etwas unwirsch frei machte. Da senkte das Mädchen sein Haupt und suchte beschämt und traurig die Tränen zu unterdrücken, die jetzt hervorbrachen, und es vermochte kaum das Schluchzen zu bemeistern. Betroffen wollte ich das Kind begütigen, allein nun wandte es sich zornig ab und entließ mich in Ungnaden. Seitdem ist mir da» |rf)fate fttnb Imm-i Im Sinne geblieben unb mein Herz l^at immer on ihm gehangen, obgleid) ich nie wieder von ihm gehört habe — Plötzlich hielt bet Sprecher, der in eine sanfte Erregung geraten war, lote erschreckt inne und starrte erbleichend seine Gefährtin an: Nun", sagte Nettchen ihrerseits mit seltsamem Tone, in gleicher Weise etwas bläst geworden, „was sehen Sie mich so an?" Wenzel aber streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger auf sie, wie wenn er einen Weift sähe, und riefDiese« habe ich auch schon erblickt. Wenn jenes Kind zornig war, so hoben sich ganz so, wie seht bei Ihnen, die schonen Haare um Stirne und Schläfe ein wenig auswärts, das, man sie sich bewerten sah, und so war es auch zuletzt aus dem Felde in jenem Abendnlanze. In der Tat hatten sich die zunächst den Schläfen und über der Stirne liege nben Locken NettchenS leise bewegt wie von einem in# Gesicht wehenden Lusthauche. Die allezeit etwa- kokette Mutter Natur hatte hier eine« ihrer Geheimnisse angewendet, um den schwierigen Handel zu Ende zu führen. Nach kurzem Schweigen, indem ihre Brust sich zu heben begann, stand Nettchen aus, ging um den Tisch herum dem Manne entgegen und fiel ihm um den Hals mit den Worten: „Ich will dich nicht verlassen! Du bist mein, und ich will mit dir gehen trotz aller Welt I" So feierte sie erst jetzt ihre rechte Verlobung aus tief entschlossener Seele, indem sie In süßer Leidenschaft ein Schicksal ans sich nahm und Treue hielt. Doch war sie keineswegs so blöde, dieses Schicksal nicht selbst ein wenig lenken zu wollen: vielmehr faßte sie rasch und keck neue Entschlüsse. Denn sie sagte zu dem guten Wenzel, der in dem abermaligen Glückeswechsel verloren träumte: „Nun wollen wir gerade nach Seldwyl gehen und den Dortigen, die uns zu zerstören gedachten, zeigen, daß sie und erst recht vereinigt und glücklich gemacht haben I" Dem wackeren Wenzel wollte die- nicht einleuchten. Er wünschte vielmehr in unbekannte Weiten zu ziehen und geheimnisvoll romantisch dort zu leben in stillem Glücke, wie er sagte. Allein Nettchen ries: „Keine Nvmaue mehr! Wie du bist, ein armer Wander-manu, will ich mich zu dir bekennen und in meiner Heimat allen diesen Stolzen unb Spöttern zum Trotze dein Weib sein. Wir wollen nach Selbwyla gehen unb dort durch Tätigkeit und Klugheit die Menschen, die und verhöhnt haben, von und abhängig machen I" lind wie gesagt, so getan! Nachdem die Bäuerin herbelgerufeu und von Wenzel, der ansing, seine neue Stellung einzunehmen, beschenkt worden war, fuhren sie ihre« Weges weiter. Wenzel führte jetzt die Zügel. Nettchen lehnte sich so zufrieden an ihn, als ob er eine Kirchensäule wäre. Denn de» Menschen Wille ist sein Himmelreich, und Nettchen war just vor drei Tagen volljährig geworden und konnte ocm ihrigen folgen. Ja Seldwyla hielten sie vor dem Gasthause zum Regenbogen, wo noch eine Zahl jener Schlittenfahrer beim Glase saß. Als das Paar im Wirtssaale erschien, lief wie ein Feuer die Rede herum: „Ha, da haben wir eine Entführung; wir haben eine köstliche Geschichte eingeleitetl" Doch ging Wenzel ohne Umsehen hindurch mit seiner Brant, und nachdem sie in ihren Gemächern verschwunden war, begab er sich in den Wilden Mann, ein andere- gute- Gasthaus, und schritt stolz durch die dort ebenfalls noch hausenden Seldwyler hindurch In ein Zimmer, da« et begehrte, und überließ sic ihren erstaunten Beratungen, über welchen sie sich da» griinm^ste Kopfweh anzutrinken genötigt waren. Auch in der Stadt Goldach lief um die gleiche Zelt schon das Wort „Entführung" 1 herum. Iu aller Frühe schon fuhr auch der Teich Bethesda nach Seldwyla, von dem aufgeregten Böhm und Nettchen- betroffenem Baler bestiegen. Fast wären sie in ihrer Eile ohne Anhalt durch Seldwyla gefahren, al- sie noch rechtzeitig den Schlitten Fortuna wohlbehalten vor dem Gasthause stehen sahen unb zu ihrem Truste vermuteten, baß wenigsten- bic schönen Pferbe auch nicht weit fein würben. Sie ließen daher ausspanueu, als sich die Vermutung bestätigte und sie die Ankunft unb den Aufenthalt Nettchen- vernahmen, und gingen gleichfalls in den Regenbogen hinein. Es dauerte jedoch eine kleine Meile, bi- Nettchen den Vater bitten ließ, sie aus ihrem Zimmer zu besuchen und dort allein mit ihr zu sprechen. Auch sagte man. sie habe bereit- den besten Rechtsanwalt der Stadt rufen lassen, welcher Im Lause de« Vormittags erscheinen werde. Der Amtsrat ging etwas schweren Herzen- zu seiner Tochter hinauf, überlegend, auf welche Weise er da» desperate Kind am besten au« der Verirrung zurück- sichre, und war aus ein verzweifelte- Gebaren gefaßt. Allein mit Ruhe und sanfter Festigkeit trat ihm Nettchen entgegen. Sie dankte ihrem Vater mit Rührung für alle ihr bewiesene Liebe und Güte unb erklärte sodann in bestimmten Sätzen: erstens sie wolle nach dem Vor« gesottenen nicht mehr in Goldach leben, wenigstens nicht die nächsten Jahre; zweiten» wünsche sie ihr bedeutendes mütterliche« Erbe an sich zu nehmen, welche» der Vater ja schon lauge für den Fall ihrer Verheiratung bereit gehalten; dritten» wolle sie den Wenzel Strapinski heiraten, woraw öor allem nicht« zu ändern sei; vierten» wolle sie mit ihm in Seldwyla wohnen unb ihm da ein tüchtiges Geschäft gründen Helsen, und fünften« und letzten» werde olle» gut werden; denn sie IjTibe sich überzeugt, daß er ein guter Mensch sei unb sie glücklich machen werbe. Der Amt-rat begann seine Arbeit mit der Erinnerung, daß Nettchen io wisse, wie sehr er schon gewünscht habe, ihr Vermögen zur Begründung Ihre« wahren Glücke» je eher je lieber in ihre Hände legen zu können. Daun ober schilderte er mit aller Bekümmernis, die Ihn seit der ersten Knude von ber schrecklichen Katastrophe erfüllte, da» Unmögliche des Verhältnisses, da- sie festhalten wolle unb schließlich zeigte er da» große Mittel, durch weldje« fid) bei schwere Konflikt allein würdig lösen lasse. Herr Melchior Böhni sei Beraut» örtlich: Ur. Han» Thhriot. — Druck und Beklag: Brühl ' e-, ber bemr lei, durch augenblickliches Einstehen mit seiner Person den ganzen Handel niederzuschlagen und mit seinem unantastbaren Namen Ihre Ehre vor der Welt zu schützen und aufrecht zu halten. Aber da- Wort Ehre brachte nun doch die Tochter in größere Aufregung. Sie ries, gerade die Ehre sei c8, welche ihr gebiete, den Herrn Böhni nicht zu heiraten, weil sie ihn nicht leiden könne, dagegen dem armen Fremden getreu zu bleiben, welchem sie ihr Wort gegeben habe, unb ben sie auch leiden könne I Es gab nun ein fruchtlose- Hin- unb Wiberreben, welches die standhaft« Schöne endlich doch zum Tränenvcrgießen brachte. Fast gleichzeitig drangen Wenzel und Böhni herein, welche auf ber Treppe zusammeugetrossen, und es drohte eine große Verwirrung zu entstehen, als auch der Rechtsanwalt erschien, ein dem Amtsrate wohlbekannter Mann, und vor der Hand zur friedlichen Befonuenheit mahnte. Als er in wenigen vorläufigen Worten vernahm, worum e« sich handle, ordnete er an, daß vor allem Wenzel sich In den Wilden Mann zurückziehe unb sich dort still halte, daß auch Herr Böhni sich nicht eiumische unb fortgehe, daß Nettchen ihrerseits alle Formen bes bürgerlichen guten Tones wahre bi- znm AnStrag der Sache und der Bater auf jede Ausübung von Zwang verzichte, da die Freiheit der Tochter gesetzlich unbezweifelt sei. So gab es denn einen Waffenstillstand und eine allgemeine Trennung für einige Stunden. In der Stadt, wo bet Anwalt ein paar Worte verlauten ließ von einem großen Vermögen, welche» vielleicht nach Seldwyla käme durch diese Geschichte, entstand nun ein großer Lärm. Die Stimmung der Seldwyler schlug vlötzlich nm zugunsten des Schneider» und seiner Verlobten, unb sie beschloßen, die Liebeuben zu schützen mit Gut und Blut und in ihrer Stadt Recht und Freiheit der Person zu wahren. Als daher da« Gerücht ging, die Schöne von Goldach solle mit Gewalt znrückgesührt werden, rotteten sie sich zusammen, stellten bewassnete Schutz- unb Ehrenwachen vor den Regenbogen unb vor den Wilden Monn und begingen überhaupt mit Seroaltiger Lustbarkeit eine» ihrer großen Abenteuer, als merkwürdige ortsetznng de» gestrigen. Der erschreckte und gereizte Amtsrat schickte seinen Böhni nach Goldach um Hilfe. Der fuhr im Galopp bin, und am nächsten Tage fuhren eine Anzahl Männer mit einer ansehnlichen Polizeimacht von dort herüber, um dem AmtSrat belznstehen, und c» gewann den Anschein, als ob Seldwyla ein neues Troja werden sollte. Die Parteien standen sich drohend gegenüber; der Stabttombour drehte bereits an seiner Spannschraube und tot einzelne Schläge mit dem rechten Schlägel. Do kamen höhere Amtspersonen, geistliche und weltliche Herren, aus den Platz, und die Unterhandlungen, welche allseitig gepslogen wurden, ergaben endlich, da Nettchen fest blieb und Wenzel sich nicht einschüchtern ließ, aufgemuntert durch die Seldwyler, daß das Aufgebot Ihrer Ehe nach Sammlung aller nötigen Schriften förmlich ftattflnbcn und daß stewärtigt werden solle, ob und welche gefetzliche Ein« jprachen während diese» Verfahrens dagegen erhoben würden und mit welchem Erfolge. Solche Einsprachen konnten bei ber Volljährigkeit Nettchen» einzig noch erhoben werben wegen bet zweifelhaften Person des falschen Grafen Wenzel Strapinski. Allein der Rechtsanwalt, der seine und Nettchens Sache nun führte, ermittelte, daß den fremden jungen Mann weder in seiner Heimat noch auf feinen bisherigen Fahrten auch nur der Schatten eines bösen Leumunds getroffen habe und von überall her nur gute und wohlwollende Zeugnisse für Ihn einliefen. Was die Ereignisse in Goldach betraf, so wieS der Advokat nach, daß Wenzel sich eigentlich gar nie selbst für einen Grafen audgegeben, sondern daß ihm dielet fllang von andern gewaltsam verliehen worden; daß er schriftlich ans allen vorhandenen Belegstücken mit seinem wirklichen Nomen Wenzel Strapinski ohne jede Zutat sich unterzeichnet hatte unb somit kein anderes Vergehen tiorlag, al« daß er eine törichte Gastfreundschaft genossen hatte, bic ihm nicht gewährt worden wäre, lucnn er nicht in jenem Wagen angekommen wäre unb jener Kutscher nicht jenen schlechten Spaß gemocht hätte. So enbigte benn der Krieg mit einet Hochzeit, an welcher die Seldwyler mit ihren sogenannten Katzenköpse» gewaltig schossen zum Verdruss- bet Golbacher, welche den Geschützdonner ganz gut hören konnten, ba der Westwind wehte. Der Anitsrat gab Nettchen ihr ganzes Gut heraus, Unb sie sagte, Wenzel müsse nun ein großer Marchanb-Taitteur und Tuchherr werben in Seldwyla: denn da hieß der Tuchhändler noch Tuchherr, der Eisenhändler Eilenherr nsw. Da« geschah denn auch, aber in ganz anderer Weise, als die Seldwyler geträumt hatten. Er war bescheiden, sparsam und fleißig in seinem Geschäfte, welchem er einen großen Umfang zu geben verstand. Er machte ihnen ihre veilchenfarbigen ober weiß unb blau gewürfelten Sammetwesten: ihre Battftäcke mit goldene» Knöpfen, ihre rot an-geschlagenen Mäntel, unb alle» waren iie ihm schuldig, aber nie zu lange Zeit. Denn um neue, noch schönere Sachen zu erhalten, welche er kommen ober anfertigen ließ, mußten sie ihm da» frühere bezahlen, so daß sic untereinander klagten, er presse ihnen das Blut unter den Nägeln hervor. Dabei wurde er rund und stattlich und sah beinahe gar nicht mehr träumerisch au«: er wurde von Jahr zu Jahr geschästscrsahrener und gewandter unb wußte in Verblnbniig mit seinem bald versöhnten Schwiegervater, dein Amtsrat, so gute Spekulationen zu machen, daß sich sein Vermögen verdoppelte nub er nach zehn ober zwölf Jahren mit ebenso vielen Kindern, die inzwischen Nettchen, die Strapliiska, geboren hatte, und mit letzterer nach Goldach übersiedelte und daselbst ein angesehener Mann ward. Aber in Seldwyla ließ er nicht einen Stüber zurück, sei es aus Undank ober ans Rache. sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. B. Lange. Gießen.