GietzenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1933 Montag, den 23.Oktober Nummert Nacht. Von Hanns I o h st. Eine Girlande von Wolken säumt Im roten Odem der gestürzten Sonne Die dunkelnde Landschaft. Blaue Wälder wurzeln auf schwebenden Hängen, Und aus ruhender Flut Wehn die Gewänder des Flusses, Hüllen in silberne Schleier Den zögernden Zug der Sterne, Der bräutlich zum Klange des Abends Aus heiterer Tiefe Heraufzieht. Das Haus in der Wiege der Wipfel Schläft sanften Traum der Ermüdung. Und während die Hände, gefaltet, Das flüchtige Herz betreuen, Steigt aus vergänglicher Brust Der Kelch der Sehnsucht, Durchstößt die Krume des Giebels Und blüht Im Rätsel der Nacht. Oie zerbrochene Scheibe. Eine Geschichte von Liesbct Dill. Jeden Morgen punkt acht wanderte ein kleiner Herr im grauen Nadmantel die lange Ramstertorstraße herunter zu dem Büro des Justizrats, auf dem er seit dreißig Jahren in demselben Zimmer, tn demselben alten Nollpult, auf demselben abgeschabten Drch- Ichemel hinter seinen Büchern und Akten saß. Herr Munk war pünktlich wie eine Uhr, er kam um eins zurück, aß zu Hause das einfache Mahl, das ihm seine Putzfrau aus dem nahen Restaurant teholt und warm gestellt hatte, nach einer Stunde ging er denselben Weg zum Büro zurück und kam kurz nach sechs wieder nach Hause. Nur der Sonntag machte eine Ausnahme, dann las er im Hausrock die Zeitungen hinter seinem Blumenfenster, oben im dritten Stock des grauen Mietshauses und schaute zuweilen flüchtig auf die öde Ramstertorstraße, an deren Leben er kaum einen Anteil nahm. Er kannte keinen seiner Nachbarn, verkehrte mit keinem Nenschcn, bekam niemals Besuch, hatte (eilte näheren Verwandte mehr, und hatte seine paar Möbel einem Altersheim vermacht, tu dem er einmal seine letzten Jahre beschließen wollte. Die Woche spielte sich regelmäßig so ab. Er ging nie spazieren, besuchte weder ein Cafö, noch ein Theater, und ein Kino hatte er noch nie betreten, er lebte still und zog seine Blumen in den grünen Kasten, die im Sommer vor, im Winter hinter seinem Bohnzimmerfenster standen. Wenn die Mütter in der Ramstertorstraße ihre Kinder Heimriefen zum Essen, pflegten sie hinzuzu- sctzen: es ist schon eins, eben kommt Herr Munk nach Haus. An einem grauen, regnerischen Morgen hatte der Sturm ihm die Scheibe seines Blumenfensters eingestoßen, er hatte den Glaser- »leister bestellt, der aber war nicht gekommen und kaum hatte Herr Munk ans seinem Drehschemel Platz genommen und den Brat- avfel aufgesetzt zu seinem Frühstück, als ihm gemeldet wurde, der Aasermeister sei gekommen und stünde vor verschlossener Tür in seiner Wohnung. Er zog seinen Kaisermantel rasch noch einmal über, übergab dem Referendar inzwischen seine Akten und ging Nieder heim. Während der Glasermeister die Scheibe einsetzte, stand Munk m Fenster und schaute hinaus und bemerkte, daß in dem gegen« ilerliegenden Haus die Fensterreihe des dritten Stocks erleuchtet Wir. Er sah vier Menschen in dem ersten Zimmer stehen, drei Männer und eine kleine Dame mit Kapotthut und einem Mantel Wt Flügelärmeln, die etwas, das auf dem Boden lag, zu be- strchten schienen. Wahrscheinlich handelte es sich um Teppiche. Tann gingen sie in das nächste Zimmer. Und dasselbe wiederholte M). Sie bückten sich, hoben etwas vom Boden auf, das er nicht leien konnte und besprachen etwas. Das war alles was er sehen tonnte. Er wunderte sich nur, baß alle Zimmer erleuchtet waren brs auf ein Fenster, das dunkel blieb. Die Scheibe wurde eingesetzt und als Munk nach kurzer Zeit mteder fein Haus verließ, sah er gerade aus dem gegenüberliegenden Hause zwei Männer kommen, die einen Handwagen aus dem Torweg schoben, auf dem zusammengerollte Teppiche lagen. Die Wohnung war wieder dunkel, nur hinter dem letzten Fenster rechts brannte jetzt Licht. Als Munk fein Büro betrat, war der Referendar verschwunden. Er hätte sich auch gewundert, wenn er noch dagewesen wäre, der Bratapfel war in der Röhre angebrannt, der Ofen war ausge- gangen, und er hatte eine ganze Stunde verloren. So ging’S, wenn man einmal von der Regelmäßigkeit des Tages abwich. Am andern Morgen sah Munk zu seinem Staunen, daß, obwohl es heller Tag war, im dritten Stock des Hauses ihm gegenüber immer noch das eine Fenster erhellt war. Vielleicht war die Herrschaft verreist? Und da Munk für Ordnung auch bei anderen war, öffnete er die Tür des kleinen Friseurlaöens im Parterre dieses Hauses und meldete, im dritten Stack brenne in einem Zimmer nach das Licht. Der Friseur, der gerade einen Kunden einseifte, rief zurück, er würde es hinaufsagen lassen, und Munk begab sich auf sein Büro. Als er mittags zurückkam, sah er Gruppen aufgeregter Frauen vor den Häusern der Ramstertorstraße stehen und seine Haus- metstersfrau empfing ihn im Torweg. Im Hause gegenüber war ein Mord geschehen. Der Postbote hatte die Zeitungen schon dreimal unter der Türe dnrchgesteckt, die Milchfrau war wieder fort« gegangen und der Väckerjunge hatte keine Brötchen abgeben können, da niemand öffnete. Die Polizei war jetzt drinnen. Herr Munk liebte es nicht, mit derartigen Neuigkeiten schon aus der Treppe angefallen zu werden, und ging aus fein Zimmer. Am Abend stand es in allen Zeitungen. „Der Mord tn der Ramstertorstraße." Der Referendar brachte die Zeitungen auf das Büro ... „Herr Munk, Herr Munk! Die Ramstertorstraße ist berühmt geworden." Und er schob ihm die Zeitungen aus das Pult. Herr Munk putzte seine Brille und während er las, erschienen vor seinem Blick plötzlich die erhellten Fenster und die drei Männer, die in dem Zimmer standen und die Dame tn den Flügelärmeln. Er las den Bericht schweigend, während er in seinem Innern erwog, ob er sich mit seinen Beobachtungen melden sollte oder nicht. „Es geschah zwischen acht und neun morgens", wiederholte der Referendar. „Sind Sie da nicht in Ihrer Wohnung gewesen? Dann müßten Sie doch etwas davon gesehen haben, Herr Munk." Man hatte den alten Herrn, einen Teppichhändler Spaniol, in dem letzten Zimmer unter dem persischen Zelt gesunden, in einem mit Blut befleckten Gebetsteppich eingehüllt, ntit dem man ihn anscheinend erstickt hatte. Es war der einzige Teppich, den die Mörder in der Wohnung zurückgelassen hatten. Als Täter kam nur ein besonders kräftiger Mann in Betracht, da Spaniol selbst ein Mann von Athletengestalt war, alle Faustkämpfe besuchte und viel in Boxerkreisen verkehrt hatte. In der Wohnung lag alles wüst durcheinander, alle Schränke waren erbrochen, die Schubfächer mit Dietrichen geöffnet, manche steckten noch voll Silber. Aber die Teppiche waren alle verschwunden, bis aus einen Gebetsteppich. Munk legte die Zeitungen zusammen. Er schwieg. Er wollte abwarten, wie sich die Sache entwickelte. Vordrängen würde er sich jedenfalls nicht ... Man war der letzten Haushälterin auf der Spur, die Spaniol kürzlich entlassen hatte, aber sie konnte ihr Alibi nachweisen. Da meldete sich der Friseur ... Ein Herr hatte ihn am Morgen nach dem Mord auf das brennende Licht aufmerksam gemacht, das man in der Wohnung anscheinend zu löschen vergessen habe. Er hatte feinen Lehrjungen hinausgeschickt, aber niemand hatte geöffnet. Nun wurde dieser Herr gebeten, sich zu melden. So zog Munk schweren Herzens feinen Gehrock an und begab sich zur Polizei und meldete, was er gesehen hatte. Der Polizeioffizier machte ihm Vorwürfe, daß er alles nicht früher gesagt habe. Seine Meldung war höchst wichtig. Munk sollte beschreiben, wie die drei Männer ausgesehen haben. Aber das wußte er nicht, er war kurzsichtig, er hatte nur gesehen, daß es drei Herren gewesen waren, die etwas betrachtet hatten, das auf der Erde lag, und die Dame einen Kapotthut und einen Mantel mit Flügelärmeln trug. Die zwei Männer, die mit dem kleinen Handwagen mit zusammengerollten Teppichen das Haus verließen, hatten Hüte aufgehabt. Die Dame hatte er nicht bei ihnen gesehen. Wer mar diese Dame? Die Polizei hatte Spaniols Beziehungen und Bekanntschaften festgestellt. Er hatte in seiner Wohnung viele wundervolle alte Teppiche liegen,' besonders liebte er Gebets- tcppiche, die orientalischen Händler besuchten ihn oft. Das letzte Zimmer rechts war ein in persischer Art ausgestatteter Raum mit einem Zelt aus echten Teppichen, alten Waffen und eingelegten Möbeln, eine Sehenswürdigkeit, die er allen Besuchern vorführte. Wer war die Frau mit dem Flügelärmelmantel? Eines Tages meldete sich eine Köchin einer Familienpension zweiten Ranges im Ostviertel und sagte aus, daß die Besitzerin der Pension früher einmal einen solchen Mantel getragen habe und vor einigen Jahren ein Herr Spaniol in der Pension gewohnt habe, den ost Händler mit Teppichen ausgesucht hatten. Die Polizei hob diese Pension eines Tages aus. Es war eine Pension im dritten Stock eines grauen Mietshauses, innen ebenso schmutzig wie außen, in der man einen ungarischen Baron fand, den man schon lange wegen Wechselfälschung suchte und etliche gute Bekannte der Polizei, die diese gleich mitnahm, und die sich auch ohne viel Widerstreben die Handschellen anlegen ließen. Die Besitzerin, eine Frau Fabina, wurde Munk gegenübergestellt. Er zitterte vor dem Augenblick mehr als die Dame, die sehr sicher austrat und die Angelegenheit von oben herab behandelte. „In meiner Wohnung können Sie Haussuchung halten, bitte! Ich habe nicht nötig, Teppiche zu stehlen. Ich bin eine anständige Witwe, die sich auf ehrliche Weise durchbringt." Es war eine kleine Person mit frechen, grauen, kleinen Augen, verrunzeltem, ver- schminktem Gesicht und zottigen, schwarzen Locken, einem Kropf, den ein gelbes Spitzenjabot verbarg, den hageren Körper mit pelzbesetztem Sammet behangen. Sie mar an jenem Nachmittag gar nicht in der Stadt gewesen, sondern hatte erkältet zu Bett gelegen. Das Hausmädchen bestätigte, daß sich Frau Fabina allerdings nach Tisch ins Bett gelegt habe und sie habe Fliedertee kochen müssen. Um fünf Uhr habe sie nach ihr sehen wollen, aber es habe ihr niemand geöffnet... „Weil ich schlief", sagte Frau Fabina rasch. „Ich hatte Schlaf- pulver genommen und stand erst abends auf." Das bezeugten wieder die Gäste, die an diesem Abend im Eßzimmer mit Frau Fabina Tee getrunken hatten. Es war ihnen nichts Besonderes an der Dame ausgefallen. Diese Gäste hielten sich tagsüber meist außerhalb des Hauses auf und erschienen nur zu der Hauptmahlzeit um neunzehn Uhr in der Pension. Was inzwischen vorging, wußte nur das Hausmädchen, das einzige Wesen, welches die schäbigen Teppiche in diesem Hause fegte. Frau Fabina erinnerte sich allerdings, daß ein Herr Spaniol einmal in ihrer Pension gewohnt hatte, der Teppiche sammelte, aber er war ausgezogen, und sie hatte nie mehr etwas von ihm gehört. „Um das Privatleben der Herren, die bei mir Zimmer mieten und mich bezahlen oder ohne zu bezahlen durchgehen, kümmere ich mich nicht. Herr Spaniol verkehrte mit niemand, und hat höchstens vier Wochen bei mir gewohnt, ich habe keine zehn Worte mit ihm gesprochen ..." „Aber Sie wußten, daß er Teppiche sammelte?" „Natürlich, das war eine Leidenschaft von ihm, und ich hatte viel Aerger wegen der unheimlichen Kerle, die ost zu ihm kamen." „Was waren denn das für Leute?" „Orientalen, Teppichhändler, was weiß ich? Was geht mich der Verkehr dieses Herrn an?" In dem Ton lag etwas Gereiztes, das dem Untersuchungsrichter auffiel. Inzwischen hatte man die Fabinasche Wohnung durchsucht. Und ein Beamter hatte einen Zettel äus dem Aschenkasten gezogen, der durchgerissen war. Er enthielt den vollständigen Plan der Wohnung Spaniols in der Ramstertorstraße. Man hielt ihn der Dame hin. „Zu was haben Sie diesen Plan gebraucht?" Sie erbleichte unter ihrer Schminke. „Das hab ich nicht geschrieben, was ist denn das?" „Sie werden Zeit dazu haben, sich zu erinnern", sagte der Richter. Der Flügelmantel fand sich nicht ... Man brachte sie fort, sie schrie durch die Gänge und beteuerte ihre Unschuld vor Gendarmen und Gerichtsdienern. Ein Gasarbeiter meldete sich, der zwischen vier und fünf an der Pension Fabina vorübergekommen war und einen geschlossenen Wagen vor der Türe hatte halten sehen, in den zwei Herren einstiegen. Er hatte sie für Gäste der Pension gehalten. Der eine hatte eine aufallend große Hakennase gehabt. Beide trugen steife Hüte. Von der Dame hatte er nichts gesehen ... Ein Hausmädchen, das früher in der Pension war, behauptete, den Mantel in einem Schrank der Frau Fabina habe hängen sehen, die ihn ihr einmal zu einem Maskcnfcst geliehen hatte ... Aber der Mantel war verschwunden. Die Schrift auf dem Plan erwies sich als eine Männerschrift... Man forschte den Spuren der Bekanntschaft der Frau Fabina nach. Aber in der Pension verkehrten viele Gäste. Die meisten kamen tageweise, selten wohnte einer länger dort. Das erste Zimmermädchen erinnerte sich zweier Herren, mit denen Frau Fabina am Tag vor dem Mord auf der Straße gesprochen hatte, als sic mit ihrem Gemüsekorb vorbeigegangen war. Der eine hatte eine große Hakennase, der andere war kleiner, schwarzhaarig und trug einen Spihbart. Dieselben Männer waren schon einmal abends in der Pension aufgetaucht und hatten nach Frau Fabina gefragt. Angeblich waren sie wegen der Telephonleitung gekommen. Sie hatten aber keine Ausweise. Frau Fabina hatte in letzter Zett öfters versiegelte Briefe bekommen, mit einer schiefen, nach links laufenden Handschrift, die ihr aufgefallen sei. Diese Briefe habe Frau Fabina jedesmal sofort im Herd verbrannt. Als man ihr die Handschrift des Planes zeigte, erkannte sie dieselbe Schrift wieder. Genau so schief und nach links waren die Buchstaben. Im Hof unter Papier und Scherben fand man einen Briefumschlag mit derselben Schrift und dem Poststempel Halle. Hatte Frau Fabina Beziehungen zu Halle? Wohnten einmal Gäste aus Halle in der Pension? Das Mädchen besann sich. „Doch, früher einmal... ein großer stattlicher Herr, der hatte eine Hakennase, er suhr immer zwischen Leipzig und Halle hin und her. Er handelte mit orientalischen Teppichen. Eines Tages brachte ein Kriminalpolizist einen großen Herrn mit einer Hakennase an. Er leugnete die Bekanntschaft mit Frau Fabina, aber das Hausmädchen erkannte ihn wieder. „Das ist er!" rief sie spontan und streckte beide Hände aus. Er warf ihr einen haßerfüllten Blick zu. Man ließ Schriftprobe geben, der Sachverständige für Handschriften erkannte seine Schrift als dieselbe, die den Plan beschrieben hatte. Die Verhandlungen hatten die ganze Stadt in Erregung versetzt und das Haus in der Ramstertorstraße war täglich belagert von Neugierigen, obwohl die Wohnung Spaniols längst frisch tapeziert war und ein fremdes Ehepaar darin wohnte. Herr Munk war zu einer berühmten Persönlichkeit geworden. In der Ramstertorstraße sprach ihn jeder auf den Mord an. Aber er war sehr schweigsam geworden, seit er jedes Wort, das er sagte, beschwören mußte, und er zergrübelte sich den grauhaarigen Kopf, ob er recht getan habe, sein Büro zu einer ungewöhnlichen Stunde zu verlassen. Es war die erste Unregelmäßigkeit seines Lebens. Die Tage der Gerichtsverhandlungen waren die furchtbarsten seines Lebens. Und er war wie erlöst, als die Fabina mit ihrem Komplizen endlich verurteilt wurde. Der Prozeß war rasch vergessen und hatte neuen Sensationen Platz gemacht. Aber Herr Munk hatte seinen ruhigen Schlaf cin- gebüßt. Er fuhr oft nachts auf und starrte ins Dunkel und seine Gedanken kehrten zu dem Morgen zurück, als er die Vier in den erhellten Zimmern gesehen hatte. Wer hatte den Mord ausgeführt und wer hatte dazu angestiftet? ... Hätte mir der Sturm nicht das Fenster zerbrochen, wer weiß, ob der Mord jemals aufgeklärt worden wäre. Und ist er eigentlich aufgeklärt. Wer war der Dritte, den man nie entdeckte und den die beiden nicht verrieten? Wer hat den armen Spaniol erwürgt? ... Für die Juristen war's ein interessanter Fall ... Aber für Herrn Munk wird es immer ein dunkler Punkt seines Lebens bleiben, daß er einmal von der Regelmäßigkeit seiner Tageseinteilung abgewichen ist ... Freibalkon-Fahri auf Leben und Tod. Von Dr. Kurt Wagner. Eine kurze Preffenotiz berichtete kürzlich über die dramatische Fahrt des Düsseldorfer Ballons „Dortmund", der über die Nordsee nach England getrieben wurde. Hier schildert ein Teilnehmer, wie aus einer harmlosen Wettfahrt ein grandioses Erlebnis wurde. (Nachdruck verboten.) Am Samstag, dem 23. September 1933, starteten wir mit dem Ballon „Dortmund" unter Führung des Herrn Apotheker D i e ck- m a n n aus Dortmund um 17.30 Uhr als letzter von sechs Ballons in Düsseldorf zu einer Langstrecken-Wettfahrt. Wir kamen gut ab und mit einem stetigen Südwind trieben wir in guter Schwimmschicht genau nach Norden über Duisburg, wo ich den Meinen im Garten meines Hauses zuwinken konnte, Oberhausen, Dinslaken, Dorsten nach Holland herein. Die cinbrcchende Dunkelheit nahm uns hier jede Sicht nach unten, so daß wir uns nach den Lichtern der Ortschaften und Städte richten konnten. Wir gingen auf niedrige Höhe herunter, um einen geeigneten Landeplatz aussuchen zu können, doch auf unsere Rufe nach unten hörten wir nur das aufgeregte Schnattern von Enten und das I heisere Krächzen der aufgescheuchten Möven. Also Grachten — ein wenig geeignetes Gelände bei dem starken Boöenwind. Voraus sahen wir dann zwei Leuchtfeuer und wir beschlosien, den Ballon zwischen diesen auf den Strand zu setzen. Leider sollte es anders kommen. Die Leuchtfeuer standen zwar an der Küste, doch zwischen ihnen war die Lauwers Zee, eine weit ins Land gehende Bucht nordwestlich von Groningen. So befanden wir uns um 23.30 Uhr plötzlich unerwartet über dieser Bucht, wie ließen schnell unser 80 Meter langes Schlepptau herabfallen, in der Hoffnung, auf einer vorgelagerten Insel noch landen zu können. Zischend fuhr das Schleppseil durch die aufgeregte See, aber Land bekamen wir nicht mehr zu sehen. Wir mußten uns in unser Schicksal ergeben, auf die offene Nordsee zu treiben, und hofften dann bei der Windrichtung und — Geschwindigkeit bis morgen früh die norwegische Küste zu erreichen und dort zu landen. Durch Ballastabgabe stellten wir den Ballon aus etwa 1500 Meter Höhe ein, zogen uns warm an und ließen uns treiben. In den ersten Stunden sahen wir unter uns viele hellerleuchtcte Dampfer, später kam schlechtes Wetter auf, das uns jede Sich» nach unten nahm und es blitzte und donnerte um uns hestig- Durch die starke Abkühlung sank der Ballon immer wieder un» es kostete uns während dieser Nacht 13 von unseren 18 «au Ballast, um uns aus gleichmäßiger Höhe zu halten. Hin uns wieder versuchten wir zu schlafen, um Kräfte für die Landung zu sparen, nur einer mußte ständig den „Kleinen Dieckmann" beoo- achten, ein Instrument, die Erfindung unseres Führers, mit dessen Hilfe man genau beobachten kann, nicht nur, ob der Ballon stem- oder fällt, sondern auch mit wieviel Metersekunden Geschwlnölg- keit dies geschieht. Nach endlos langen Stunden der Dunkclhett in denen wir nur das laute Brausen der Dünung hörten, sing es gegen 6.30 Upr zu dämmern an, doch wir befanden uns wie in einer Waschküche. Unter, um und über uns brodelte es wild, dazu setzte starker Regen ein. * Um 7 Uhr sichteten wir durch ein Wolkenloch einen großen Dampfer, der nach Süden fuhr und anscheinend von Bergen kam, doch er sah uns nicht. Wir waren um eine Hoffnung auf Rettung armer doch konnten wir feststellen, daß wir immer noch nach NNO trieben und wir errechneten, daß wir gegen 10 Uhr etwa pci Stavanger in Norwegen wieder auf Land stoßen mußten. So trieben wir weiter Stunden um Stunden zwischen Hoffnung und Berzagen, oft rauschte der Regen aus schweren Wolken auf uns, dann fing es an zu schneien und es war ein Glück, daß die Ballonhülle mit einer Schicht Aluminiumfarbe bedeckt war, so daß der Stoff die Feuchtigkeit nicht aufsaugen konnte, sondern ablaufen ließ. Gegen 10 Uhr wurde es etwas lichter um und unter uns und wir sichteten wieder einen Dampfer, der nach Osten fuhr, also anscheinend auf der Linie von Edinburgh nach Bergen. Zu unserem Schrecken mußten wir nun feststellen, daß wir jetzt nach WSW trieben, also wieder auf die offene Nordsee, doch dieser Umstand und der starke Oststurm, der uns wohl mit 80 bis 100 Kilometer Stundengeschwindigkeit vor sich hcrtricb, war, wie wir später erfuhren, unser Glück, denn sonst wären wir immer weiter in Richtung auf das nördliche Eismeer getrieben. Gegen 11 Uhr kam die Sonne durch die Wolken, trocknete den Ballon und trieb uns mit großer Geschwindigkeit bis auf 3700 Meter Hohe. Doch verloren wir durch die infolge der Erwärmung eintretende Ausdehnung sehr viel Gas, was uns mit banger Sorge für die nächsten Stunden erfüllte. Um 11.80 Uhr wurde die Sonne wieder durch eine schwarze Wolkenwand verdunkelt und die nun eintrctende starke Abkühlung ließ unseren Ballon einschrumpfen wie eine alte Zitrone. Sofort fielen wir, wie uns der „kleine Dieckmann" anzeigte, mit fünf Metersekunden Geschwindigkeit steil herab, wurden aber dabei von dem gewaltigen Sturm, wie wir erkennen konnten, je näher mir an die wild bewegte Meeresoberfläche herunterkamen, mit ungeheurer Geschwindigkeit nach Südwesten getrieben. Wir opferten sofort unsere letzten fünf Sack Ballast, doch auch das konnte den Sturz nicht aufhalten. Dabei sichteten wir voraus einen kleinen Frachtdampfer, der in Nordsüdrichtung fuhr. In 200 Meter Höhe fuhren wir genau über ihn, winkten herunter in der Hoffnung auf Hilfe, sahen auch Menschen mit Signalflaggen winken, aber auch, wie der Dampfer in der schweren Dünung furchtbar schlingerte und stampfte. * Unser Sturz ging unaufhaltsam weiter, bald tauchte das Schleppseil in die schweren Brecher und fuhr zischend hinter uns durch die Wogen. Das bremste etwas den Fall durch die Entlastung des Ballons und das brachte unseren Führer Dieckmann auf die geniale Idee, die letzte Zeltplane zum Verpacken der Ballonhülle, die wir noch nicht über Bord geworfen hatten, wie alle anderen Ausrüstungsstücke des Ballons, an ein Tau zu binden und herab- zulaffcn. Diese Schlcppschnürze hing dann etwa 20 Meter unter uns und wir hatten diese Idee mit solcher Geschwindigkeit in die Tat umgesetzt, daß sie uns bereits beim ersten harten Aufschlagen auf einen Wellenberg große Dienste dadurch leisten konnte, daß durch das Aufsetzen der Schürze und die dadurch bedingte Entlastung der Stoß des Korbes auf die Wasseroberfläche erheblich gemildert wurde. Beim ersten Eintauchen in die See sahen wir vom Dampfer nur noch die Rauchfahne in weiter Ferne. Es war ein Amerikaner „Goldlabour", der, wie wir später erfuhren, sofort nach London gefunkt hatte an bas Marincministerium, daß ein Ballon in Seenot auf die Schottische Küste zutriebe. * Für uns begann die schrecklichste halbe Stunde. Es herrschte ungefähr W i n d st ä r k e 8 bis 10, hohe Wellenberge und Täler rollten uns entgegen und ständig schlug der Ballonkorb auf das Wasser auf, kippte um und das Wasser ergoß sich über uns. Dann stieg er wieder um 10 bis 20 Meter, um aufs neue auf die wogende See herunterzuschlagen. Nur mit äußerster Kraft konnten wir uns an den Seilen halten und durch Klimmzüge die Stöße abfedern. Dabet trieb uns der Sturm so oft wir vom Waffer frei kamen, mit ungeheurer Geschwindigkeit weiter. Wir hatten vollkommen mit dem Leben abgeschlossen und kämpften nur noch mit dem Mute der Verzweifelten gegen das sichere Schicksal. Eine halbe Stunde hatte diese Schleppfahrt bereits gedauert, da ruft plötzlich unser dritter Gefährte in der Seenot, Direktor Ed. Beume aus Dortmund: „Voraus sehe ich etwas, das kann eine Wolkenwand sein, aber vielleicht auch Land!" Und richtig, nach mehreren Sprüngen auf den Wellen konnten wir das Gesichtete einwandfrei als Land ansmachen. Sofort stieg unser Hoffnungsbarometer wieder steil hoch und wir beschloßen, zu kämpfen und uns nicht zu ergeben, bis wir das Land erreicht hätten. Immer näher kam nach jedem Eintauchen die Küste, aber auch immer kürzer und wilder wurden die Brecher der tobenden See. Allmählich erkannten wir eine Mole mit Leuchtturm und eine kleine Stadt. Wir hörten dann dort einen Böllerschuß und sahen, daß ein Rettungsboot klargemacht wurde, doch es brauchte nicht in Tätigkeit zu treten. Mit rasender Fahrt näherten wir uns dem Lande, schlugen noch einige Male in die Brandung, sausten hart am Leuchtturm vorbei und schlugen mit dem Korb hart auf den Strand, nachdem wir vorher noch mit Blitzesschnelle die Ventile und mit der Reißleine eine Bahne des Ballons hatten aufreißen können. Der Korb schlug um und nun schleifte uns der Sturm, der in die sich entleerende Hülle des Ballons wie in ein Segel »lies, in sausender Fahrt über den Strand, wir schlugen mit lautem Krachen gegen eine Vetonmauer, übersprangen diese und eine dahinter herführende Promenade, legten ein die Promenade auf der Landseite abschließendes Eisengitter um und dann kam Gallon und Korb auf der Wiese eines Hotels zum Stillstaud etwa fünf Meter vor der Hausfront. * Der Anprall gegen die Ufermauer und das Eisengitter hatte uns davor bewahrt, daß wir mit voller Wucht durch die großen Spiegelscheiben des Speisesaales in das Hotel gebraust wären. Leider hatte unser Führer Dieckmann bei dem Zusammen- prall eine große klaffende Kopfschwartenwunde mit Verletzung der Schlafenschlagaöer erlitten. Herr Beume, der nur Schürf- wunden am Kopf und Beinen davongetragen und ich, der gänzlich unbeschädigt davongekommen war, kletterten aus dem zusammengedruckten Korb und hoben zunächst den Korb an, um den darunter eingeklemmten Arm des Führers zu befreien. Dabei zeigte es sich, daß der Zeigefinger im Endglied gebrochen und verletzt war. Inzwischen war die Bevölkerung in hellen Haufen herbcige- stromt, und wir erfuhren, daß wir uns in Berwick on Tweed, gerade an der englisch-schottischen Grenze befanden. Herr Dieckmann kam schnell wieder zu sich und arg wir ihn in das Hotel tragen wollten, fing er tüchtig an zu schimpfen, er wollte allein dorthin gehen, und das war uns ein gutes Zeichen, daß keine Gehirnerschütterung vorlag. Der Chirurg des Krankenhauses der Stadt holte Herrn Dieckmann sofort nach dorthin ab und als wir ihn nach Aufgabe der ersten Telegramme an unsere Angehörigen aufsuchten, lag er bereits gut versorgt, glücklich und zufrieden über unsere Rettung in seinem Bett und schrieb an seine Frau. * Es war eine wunderbare Errettung aus völlig verzweifelter Lage, eine Rettung, an die wir überhaupt nicht mehr gelaubt hatten. Ein glücklicher Zufall hatte es gewollt, daß wir nicht gegen die felsige Steilküste, die dort überall ist, sondern ausgerechnet auf den nur etwa 200 Meter breiten flachen Teil der Küste an der Mündung des Tweed getrieben wurden, wodurch unsere Landung noch so relativ glimpflich abgelaufen ist, während sonst alles zerschmettert worden wäre. Unsere Instrumente sind völlig heil geblieben und es ist hochinteressant, auf dem Barographen die Kurven des Auf und Ab des Nachtfluges und später den steilen Absturz von 3700 Metern bis aufs Meer zu sehen. Unsere Aufnahme durch die Bevölkerung war außerordentlich herzlich. Alles schüttelte uns die Hände und beglückwünschte uns, darunter auch der Bürgermeister des Ortes. Der Hotelbesitzer wollte für das Essen, das man uns dann reichte, keine Bezahlung und versicherte uns immer wieder, daß es ihm eine Ehre fei, uns 8U Gästen zu haben. Die jungen Leute des Ortes halfen uns begeistert, den Ballon zu verpacken und auf ein Lastauto zu verladen. Dann waren endlose Befragungen bis ins Kleinste und wohl ein Dutzend Pressephotographen knipsten uns in allen Stellungen. Bis um 23 Uhr kamen die Reporter aus allen Teilen des Landes: sogar zwei Presseflugzeuge, wobei das Flugzeug aus London wegen des herrschenden Sturmes nicht einmal landen konnte und unverrichteter Sache wieder zurückkehren mußte. Aus London wurde ich auch telephonisch angerufen, ob ich der Pilot des „DoX" gleichen Namens wäre. Der Chef des Rekruten-Depots in Berwick, ein Captain N. P. Neid lud uns aufs liebenswürdigste auf sein Landhaus ein, wo wir dann einen interessanten, schönen Abend am offenen Kaminfeuer inmitten feiner Familie verlebten und dann die Nacht wie die Toten schliefen. Am nächsten Morgen fuhr uns unser freundlicher Gastgeber wieder zur Stadt und half uns auf der Gendarmeriestation und bei Erledigung der Zollformalitäten zum Transport des Ballons mit dem Schiff nach Hamburg. Zuerst hieß es, wir dürften erst fort, wenn die schriftliche Erlaubnis dazu aus London eingetroffen wäre, aber auf Bitten rief der Chef der Gendarmerie sofort telephonisch in London im Home Office an und erwirkte auch sofort die Erlaubnis zur Ausreise. 16% Stunden waren wir in der Lust, davon 13 Stunden aus hoher See. Neben der Güte des Ballonmaterials und der Instrumente verdanken wir unsere Rettung der eisernen Ruhe und großen Erfahrung des ausgezeichneten Führers Dieckmann, der zum 130. Male einen Ballonaufstieg machte. In wenigen Tagen wirb er hoffentlich wiederhergestellt fein und dann machen wir wieder eine Ballonfahrt, aber Bet schönem Wetter und Westwind. Eine große Freude war es uns, zu erleben, wie überaus herzlich die Ausnahme und Anteilnahme der englischen Bevölkerung war. Oie schwarze Katze. Geschichte einer abenteuerlichen Flucht. Von Frank F. Braun. Sie saßen um den runden Messingtisch: zwei oder drei Flaschen waren schon leer, aber die Gläser standen noch gefüllt. Unter der Zimmerdecke schwebte ein kleiner blauer Himmel von Tabakswolken. „Nein", sagte Direktor Dedeley und sprang mitten in ein Gespräch hinein, „das glaube ich nicht. Die Idee fallt vom Himmel. Im Anfang war nicht der Gedanke, viel weniger noch das Wort: im Anfang war Erwartung oder Bereitschaft." „Billig", knurrte Doktor Landmann. Direktor Dedeley sah ihn an. „Kein Mensch weiß, woher der Einfall kommt, niemand weiß auch nur eine Sekunde vorher, daß er kommt. Ich will gtjneit eine Geschichte erzählen. Sie spielt 1914 ln Lonbon, WS mich eine Lüge, ein Einfall rettete. Prosit." Doktor Landmann setzte sein Glas erst noch einmal ab. „Eine Lüge, wie Sie sagen, mutz notwendig vorbedacht sein, Direktor! Prosit." Dedeley lächelte. „Ich bin nicht Schriftsteller, lieber Landmann, ich habe daher nicht Ihre Erfahrung in diesen Dingen. Aber das ist zweifellos, wenn Sie meine Geschichte verwerten — und ich schenke sie Ihnen — dann wird es eine Lüge sein." „Streiten wir doch nicht", bat der kleine nette Lilius. „Erzählen Sie doch, Dedeley. Es war also 1914 in London. Wahrscheinlich sollten Sie interniert werden und versuchten zu entwischen." „Habe ich Ihnen die Geschichte schon einmal erzählt?" Lilius lachte. „Ich hörte davon läuten", sagte er, „eine schwarze Katze spielt eine Rolle darin, nicht wahr?" ,^Ja", nickte Dedeley, „aber es fängt damit an, datz eines Abends zwei Kriminalbeamte vor meiner Wohnung im ersten Stock eines Hauses der Cambdenstreet klingelten und Einlatz begehrten. Ich erkannte die Männer durch das Guckloch in der Tür und begriff. Sie waren gekommen, mich festzunehmen. Befand ich mich nicht im Hause, würden sie unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Damit war Zeit gewonnen. Morgen schon konnte es glücken, datz ich an Bord gelangte und über Schweden nach Hause kam. So etwa hoffte ich und schlich mich aus Zehenspitzen wieder von der Tür weg. Aber die Engländer hatten sich gerade in den Tagen entschlossen, reinen Tisch zu machen und ihr Land von Feinden zu säubern. Die Konzentrationslager warteten. Alle Kriminalen waren mit besonderen Vollmachten ausgestattet! auch die meinen; das sollte ich bald merken. Sie entfernten sich nur für wenige Minuten und kamen dann wieder. Hatten sie Unterstützung geholt oder einen Schlosser gesucht, ich hörte, rote sie darangingen, meine Wohnungstür aufzubrechen. Was tun? Mich erwischen lassen? Auf keinen Fall! Ich lief durch die Wohnung. Wie lange hielt die Tür stand? Ein paar Minuten mußten genügen. — Meine kleine Wohnung hatte nach hinten heraus einen Balkon. Ich öffnete die Tür und trat ins Freie. Der Himmel war neblig verhängt. Es regnete ein bißchen. Das war gut. — Ich überlegte die Möglichkeiten. Nach oben hinauf konnte ich nicht. Der nächste Balkon war zu hoch entfernt. Mer wenn ich mich an der Dachrinne heruntergleiten lietz, würde ich den Balkon unter dem meinen sicherlich mit heilen Gliedern erreichen. Nun, wir waren damals ein gut Teil jünger, nicht wahr, ich wagte den Rutsch. Die Hände brannten, und ich stürzte mehr auf den Balkon, als daß ich sprang, aber ich langte an. Ich war nun im Hochparterre. Keinesfalls durfte ich mich dort etwa bemerkbar machen. Man hätte mich sofort ausgeliefert; schon aus Furcht, sich strafbar zu machen. Aber ich hatte Glück. Das Fenster hinter mir war nicht erleuchtet. Meine Flucht war bis jetzt von niemandem bemerkt worden. Ich schaute mich suchend um. Hinunterspringen in den Garten ging nicht. Ich würde mir auch bei diesem Sprung von hier herab noch die Beine brechen. Ja, wenn ich den Schuppen drühen erreichen könnte. Der war hoch und bot mit seinem langen Dach, das an die Rückseite der Häuser der nächsten Straße stieß, sicherlich die Möglichkeit zu entkomme». Aber rote über den Zwischenraum gelangen? Springen? Ohne Anlauf, aus dem Stand solchen Weit- spruug! Ich würde unten im Garten, nicht auf dem Schuppen ankommen. Ich richtete mich auf, bereit, noch einmal eine Etage an der Dachrinne hinunter zu rutschen — da stieß ich mir den Kopf. Nicht derb, eben nur so, wie man sich den Kopf an eine gespannte Wäscheleine stoßen kann." Doktor Landmann klopfte achtsam seine Asche von der Zigarre und sagte spöttelnd: „Das war der Einfall, nicht wahr? Sie nahmen die Wäscheleine und — sagen wir, pendelten hinüber auf das Schuppendach?" „Sehr richtig, lieber Landmann, aber das ist noch keineswegs die Pointe! Als ich mit Hilfe der Leine glücklich drüben anlange, geht nn Parterre meines Hauses die Tür in den Garten auf und ein Soldat ruft mich an. Ich bin nicht sicher, ob er mich wirklich meint, ob er mich gesehen hat, und lege mich flach und lang auf das Dach. Es ist eine Weile still. Dann höre ich, wie der Soldat nach Licht ruft. Mein Hauswirt im Erdgeschoß erbietet sich, eine Fahrradlampe zu holen. Also bin ich gemeint. Man ist mir auf den Fersen. Ich krieche auf dem Dach entlang; nicht eine Wandbrett erbebe ich mich dabet. Das Dach ist geteert, es geht glatt. Und da geschieht es. Von irgendwo springt eine Katze auf. Eine schwarze Katze. Sie flieht nicht, sie hat ihren Stolz. Sie zieht sich nur langsam vor mir zurück. Ich ihr nach. Nicht absichtlich, sondern weil das mein Weg ist — ich muß ans dem Bereich, in dem der Lichtkegel jener Fahrradlaterne mich entdecken wird. Es ist fast so, als verfolge ich die Katze. Das Tier wird unruhig. Einmal faucht es mich an. Dann wird es ihm zu toll. Es macht einen Satz und ist verschwunden. Ich brauche ein wenig länger, um zu der Stelle zu gelangen, wo die Katze absprang; aber daun sehe ich, daß sie in ein offenes Fenster gesprungen ist. Auch ich kann dieses Fenster erreichen; aber das ist natürlich ausgeschlossen; ebensogut könnte ich mich dem Soldaten in die Hände geben. Ich will weiterschleichen, da kommt Lärm auf im Garten meines Hanfes. Der Wirt und der Soldat sind bet Laternenlicht dabei, eine Leiter anzulegen. Gleich- zeMg rufen vom Balkon meiner Wohnung die etnge&rungenen Kriminalbeamten in die Dämmerung hinunter und verraten vollends meine Flucht. Ein Lichtdreieck springt auf. Es hat keine sehr große Reichweite, aber sicherlich wird der Soldat jetzt auf den Schuppen klettern. Dann hat er mich bald entdeckt. Sowie ich mich aufrichte, schneller hier wegzukommen, sehen mich die von oben. Ich kann also nur auf dem Bauch rutschend weiterfliehen. Ich erkenne: da komme ich nicht weit. Der Schweiß bricht mir aus. Also doch gestellt. Alles vergebens? Ich beiße die Zähne zusammen. Ich will nicht! Noch haben sie mich nicht. Und planlos, sinnlos wage ich das Aeußerste. Vielleicht kann ich jemanden niederschlagen und entkommen. Ich krieche an das nahe offene Fenster und mache es der Katze nach. Mit einem Satz bin ich im Zimmer. Einen Augenblick setzt mein Herz ans. Ich hatte gedacht, das gäbe es nur in Romanen. Hätte mir in dieser Sekunde jemand die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: Schluß, alter Freund! ich Hütte mich nicht zu rühren vermocht. Aber es blieb ganz still. War ich allein im Zimmer? Eine Stehlampe brannte vor einem Diwan. An der Wand spiegelte etwas Glänzendes. Der Schirm der Lampe war gelbrot. Sonderbar, das alles sah ich, ein Teppich lag da, rotgemusterter Perser; die Katze bemerkte ich, sie strich an der Wand entlang — und da warf mich die Stimme um, die mich anrief, denn den Menschen hatte ich nicht gesehen: „Halt!" Ich horchte, klammerte mich an. Bereit zum Sprung? Ach nein. Eher Bereit, nun den Schuß zu empfangen, der mich hinstrecken würde. Doch es blieb still. Nur dieses eine: Halt! war in die Luft geworfen worden und zitterte nach. Da sah ich auf. Hinter der Lampe vom Licht verdeckt, wenn ich so sagen darf, stand eine Frau. Sie trug ein fließendes weißes Gewand, es war, als bebe dieses Kleid. Ich blieb beim Fenster stehen, ich konnte sie ansehen. Sie war nicht mehr jung und doch nicht alt. Ihre Augen waren groß und — da hörte ich hinter mir auf dem Dach des Schuppens Tritte. Der Soldat war wohl oben angelangt. Er durfte nicht das offene Fenster finden. Nur das war in dieser Sekunde wichtig. Ich drehte mich um und schloß es; dann zog ich noch den Borhang zu. Als ich mich umdrehte, empfing mich die hohe zitternde Frage: „Wer sind Sie?" Ich trat vor. Was sollte ich sagen? „Meine Dame", hob ich an, „ich darf Ihnen erklären ..." Was denn erklären? Ich hatte keine Ahnung. Eine Bitte Vorbringen, mir zu helfen? Ausgeschlossen. Die Frau war Engländerin. Was also dann? Schnell mußte ich etwas sprechen, ehe sie Lärm schlug. Draußen auf dem Dache war der Soldat ... „Meine Dame, ich..." „Was fällt Ihnen ein? Sie sind kein Einbrecher, das sehe ich. Erst kommt das Tier hier zum Fenster herein, diese fremde Katze, und daun Sie! Ich verlange sofort Aufklärung, sonst rufe ich die Polizei!" Erst die Katze, dann Sie! Die Idee fiel in mich hinein wie ein Stein, steil und tief. Sie betäubte mich fast. Aber ich vermochte zu lächeln. „Meine Dame, Sie haben recht, empört zu fein, aber bitte, rufen Sie nicht die Polizei. Ich käme in des Teufels Küche. Wie Sie sehr richtig vermuten, bin ich hinter der Katze her. Ich bin Arzt und beschäftige mich mit Tierversuchen. Die Katze ist mit Bazillen geimpft; sie entkam mir aus dem Käfig. Sie werben begreifen, daß ich zunächst das Fenster schließen mußte, ehe ich Ihnen diese Erklärung geben konnte." „Um Himmelswillen, nehmen Sie das Tier! Es steckt gewiß an." „Die Berührung keinesfalls; außerdem ist die Katze erst heute von mir geimpft worden, fo daß Sie ohne Sorgen fein dürfen." „So nehmen Sie sie doch!" „Danke." Ich versuchte die Katze zu fangen. Aber sie entwischte mir immer wieder. „Helfen Sie mir", bat ich, denn ich wünschte, hier möglichst rasch wegzukommen. „Die Berührung ist völlig gefahrlos." Zögernd kam sie aus ihrer Ecke heraus. Wir jagten die Katze, trieben sie in eine Ecke und die Dame verstellte ihr den Weg, mutig jetzt in dem Wunsch, ein Ende zu machen. Man trug zu der Zeit lange Kleider. Ich vermochte also zuzupacken und sie in meine Arme zu nehmen." „Die Katze", betonte erklärend Doktor Landmann. „Zum Wohle." Dedeley zog die Stirne kraus. „Was für eine Geschichte, glauben Sie eigentlich, will ich hier erzählen?" meinte er, wenig zum Spaß aufgelegt. Doktor Landmann beruhigte ihn. „Wie also ging es weiter?" „Die Geschichte ist aus", sagte Dedeley. „Die Dame ließ mich mit der Katze hinaus; auf die Straße hinaus, versteht sich. Das war eine ganz andere, als die Caiuböenstreet, wo man mich suchte." Er nahm sein Glas und trank. Dabei sah er Landmann an. Plötzlich kniff er die Augen zusammen, als denke er angestrengt nach. „Sie entkamen bann wirklich?" fragte der kleine Lilius. „Ja", sagte Dedeley. „Daher kenne ich ja Landmann. Wir waren auf demselben Dampfer, der nach Schweden fuhr. Und jetzt fällt mir ein: Ich habe ihm gleich an Bord die Geschichte meiner Flucht erzählt! Landmann, warum haben Sie mich vorhin, als ich anfing, nicht daran erinnert?" Landmann machte eine unbestimmte Handbewegung. „Sie erzählen so nett", sagte er, und feine Mundwinkel zuckten unmcrk- lich. „Bekannt ist uns allen die Geschichte; aber wir sind nicht roh. Prosit, lieber Direktor." verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Vuch- und Eteindruckerei. A. Lange, Gießen,