GichenerZaniilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1933 Zreitag,-en 22. Dezember Nummer 99 Kleiner Weihnachtsgesang. Von Ruth Schaumann. Ich liebe ein Kind, das nicht ich dir trug. Und liebe dich doch mit den Kindern genug. Ich liebe dich sehr, ich liebe es mehr, Es kommt alle Liebe aus seiner her. Es war, eh ich kam, es bleibt, wenn ich geh, Macht Lächeln aus Tränen, macht Süße aus Weh. Ist dort und ist hier und grüßt dich von mir. Und bin ich einst drüben, so bin ich bei dir. O Gott und o Kind! Ich liebe dich blind, Nimm mich und die Meinen zu deinem Gesind, Im nächtlichen Stall, im himmlischen Saal, O Brötlein der Armen beim ewigen Mahl! Oie Heilige Nacht. Von Selma Lagerlöf. Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein. Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, daß wir nicht zum Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten. Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu erzählen an. „Es Ivar einmal ein Mann", sagte sie, „der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. .Ihr lieben Leute, helft mir!* sagte er. .Mein Weib hat eben ein Kinülein geboren, und ich mutz Feuer anzünden, um sie und den Kleinen zu erwärmen.* Aber es war tiefe Nacht, so daß alle Menschen schliefen, und niemand antwortete ihm. Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, daß das Feuer im Freien brannte. Eine Menge weiße Schafe lagen rings um das Feuer und schliefen, und ein alter Hirt wachte über der Herde. Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er, daß drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie erwachten und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Sani. Der Mann sah, daß sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten, und wie sie auf ihn losstürzten. Er suhlte, daß einer von ihnen nach seinen Beinen schnappte und einer nach seiner Hand, und daß einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnladen und die Zübne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden. Nun wollte der Mann weiter gehen, um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Nucken an Rücken, daß er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte uch. So weit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich es nicht lassen, sie zu unterbrechen. „Warum regten sie sich nicht, Großmutter?" fragte ich. „Das wirst du nach einem Weilchen schon erfahren, sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort. „Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach einem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine Herde hütete, und warf ihn nach ihm. lind der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste, an ihm vorbei, "^Als^ Großmutter so weit gekommen war, unterbrach ich sie abermals. „Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?" Aber Großmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr mit ihrer Erzählung fort. „Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: .Guter Freund, hilf mir, und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muß Feuer machen, um sie und den Kleinen zu erwärmen.* Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, daß die Hunde dem Manne nicht hatten schaden können, daß die Schafe nicht vor ihm davon gelaufen waren und baß sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte. .Nimm, soviel du brauchst*, sagte er zu dem Manne. Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthausen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können. Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: .Nimm, soviel du brauchst!* Und er freute sich, daß der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Manu trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Aepfel gewesen wären." Aber Hier wurde die Märchenerzählerin zum drittenmal unterbrochen. „Großmutter, warum wollte die Kohle den Mann nicht brennen?" „Das wirft du schon hören", sagte Großmutter, und bann erzählte sie weiter. „Als der Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: .Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?* Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: .Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, daß alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?* Da sagte der Mann: .Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst.* Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer anzünöen und Weib und Kind wärmen zu können. Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand auf und ging ihm nach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war. Da sah der Hirt, baß der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Verggrotte liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Stein- wände. Aber der Hirt dachte, daß das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloß, dem Kinde zu helfen. Und er löste fein Ranzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das Kind darauf betten. Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, daß auch er barmherzig fein konnte, wurden ifim die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können. Er sah, daß rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen, silber- beflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, daß in dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle. Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, daß sie niemand etwas zuleide tun wollten. Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie sahen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und sie floaen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind. Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in 6er dunkeln Nacht, in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, daß feine Augen geöffnet waren, baß er auf die Knie fiel und Gott bankte." Aber als Großmutter soweit gekommen war, seufzte sie unb sagte: „Aber was der Hirte fafi, das könnten wir auch sehen, denn die Engel fliegen in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren vermögen." Ititb dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: „Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie daß ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an, und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was not tut, ist, daß wir Augen haben, die Gottes Herrlichkeit sehen können." sWir entnehmen diese, vom ewigen Weihnachtszauber erfüllte Erzählung den „Christuslegenden" der berühmten schwedischen Dichterin; eine für Geschenkzwecke besonders geeignete, biegsam in Leinen gebundene, wohlfeile Neuausgabe (2,80 Marks ist im Verlag Albert Langen/Georg Müller in München erschienen.) Das ewige Angesicht. Von Waldemar B o n s e l s. Da hat man mich nun gebeten, über das schönste Weihnachtserlebnis der Kindheit eine kurze Erzählung zu schreiben und während ich mir die Erlebnisse dieser Hellen und glücklichen Stunden der Vergangenheit durch den Sinn gehen lasse, wird mir deutlich, daß alles sich mehr und mehr zu einer lichten Atmosphäre vereinigt, in der die Einzelheiten beinahe bedeutungslos werden. Nur eines weiß ich zuversichtlich, um keinen Takt schlägt das kleine Herz, das um diese Stunden groß und weit wird, und das erfahrene Herz, das um diese Stunde jung wird, anders als die Herzen einst vor dem Stalltcht der Hirten schlugen. Das holde Wunder unseres Glaubens ist vom Wandel der Zeitgestalten nicht laut seinen alten, tiefen Ruhm gebracht worden, nicht um den Schein der Freude. Freude — du altes liebes Wort! Wer es zu sagen und zu hören versteht, dem erklingt es über das Trümmerfeld der tausendfachen Tagesbegriffc hin wie eine Glocke von unaussprechlicher Reinheit. In diesem Klang wird das mildeste Licht zum nächtigsten, der zarteste Gedanke königlich, das verborgenste Gefühl zum Thron der Güte. Die Wundertat dieses Worts ruht in der Macht, alle Dinge und Gaben ihres errechenbaren Wertes zu entkleiden, und den Schimmer der freundlichen Gesinnung wie eine Gloriole auch um das Nichtigste zu legen, dem Vergänglichen die ersterbliche Seele einzuhauchen und sei es nur für den Augenblick, in dem dies Vergängliche von einer liebenden Hand in eine nehmende gvandert. Was wußten wir von diesem Licht, als mir in ihm noch schritten; da wir sein Herz und Angesicht im Freudenrausch erlitten. Erinnerung, mach die Seele still! Nur einmal noch, nur heute; so klingt, was ich am liebsten will im dunklen Nachtgeläute. Das Wort ist arm, die Zett ist laut, Es ist mir nicht gelungen ... Und doch und doch bleibt mir vertraut, was einst so rein geklungen. Ueber allem Unnennbaren fort bleibt mir jedoch ein kleines Erlebnis, das sich in der Heimatstadt zutrug, unvergeßlich in der Erinnerung haften, wie sich denn ost das Gewichtigste am Nichtigsten entzündet und in ihm sortbesteht. Auf dem Weihnachtsmarkt meiner Kindheit, der unter den Fenstern des Elternhauses stattsand, war dicht an unserer Eingangstreppe ein Zeltdach auf- geschlagen, nicht größer als ein Familienregenschirm. Es brannte darunter in der Abenddämmerung eine wild zischende Lampe, dicht über dem Gesicht des Verkäufers, und der Tauschnee leckte durch das angewärmte Segeltuch. Der Händler pries seine Ware mit so mildherziger Ueberzeugungskraft an, daß es ihm nach meiner Meinung kein Pfarrer, kein Bühnenkünstler und kein Volksredner hätte gleich tun können. Er trug einen weißgrauen Vollbart und einen langen, blauen Mantel, und verkaufte eine graue Wurzel, von der große Mengen in einem ungeordneten Haufen vor ihm auf einem Holzbrett lagen. Diese Wurzel war ein Heilmittel gegen Melancholie und Zahnschmerzen, sie verbannte böse Geister und löste das Hühnerauge, sie war gut gegen Magenschmerzen und Ohrenreißen, auch half sic, zerrieben mit Wasser geschluckt, gegen den Liebeskummer, dies vor allem. Wie ich ihm glaubte! Besonders wenn es ihm gelang, bas Läuten der Kirchenglocke zu übertönen. Der Duft aus einer Bonbon-Gießerei nebenan stärkte meine Andacht bis zur Erhabenheit. Nach beendeter Anpreisung schlug der Alte eine Wurzel in einen Papierfetzen, hoch aus der geschwungenen Hand, als erlegte er einen Panter mit der Faust, und reichte sie ins Publikum. Ich schrieb diese Wurzel an erster Stelle auf meinen Wunschzettel. All meine Hoffnung wanderte in die Wunderwelt des Heils, die sich mit solchem Äesitz eröffnen sollte. Wie ich unter dem Schaukelpferd, im Kuchcnteller und schließlich am Cbristbaum danach gesucht habe! Ich glaube heute noch an diese Wurzel. Sie hatte einen lateinischen Namen — ich finde sie bestimmt eines Tages wieder; in den großen Warenhäusern gibt es sie freilich nicht. „Hast du denn Liebeskummer?" fragte mich meine Mutter, als ich ihr erzählte, was mich so sehnsüchtig bewegte, und was die Wurzel an Wunderkräften barg. Ich sah ihr gutes Gesicht im Glanz der Kerzen, im silbergrünen, glitzernden Rahmen des BanmS. Die milde Vorsicht des Gewährens, die Sorge, meine Hoffnung zu trüben, den Willen, alles gut zu machen. Und plötzlich traf mich tief aus diesem Angesicht der Mutter ein erster unvergeßlicher Widerschein der ewigen Mächte, die dies Fest heiligen. Legende vom Christkind. Volksweise. Als Gott der Herr geboren war, Da war es kalt. Was sieht Maria am Wege stehn? Ein Feigenbaum. Maria laß du die Feigen noch stehn, Wir haben noch dreißig Meilen zu gehn. Es wird uns spät. Und als Maria ins Städtlein kam Vor eine Tür, Da sprach sie zu dem Bäuerlein: Behalt uns hier, Wohl um das kleine Kindelein Es möchte dich wahrlich sonst gereun. Die Nacht ist kalt. Der Bauer sprach von Herzen ja. Geht in den Stall! Als nun die halbe Mitternacht kam, Stand auf der Mann; Wo seid ihr dann, ihr armen Leut? Daß ihr noch nicht erfroren seid. Das wundert mich. Der Bauer ging da wieder ins Haus, Wohl aus der Scheuer. Steh auf, mein Weib, mein liebes Weib, Und mach ein Feuer, Und mach ein gutes Feuerlein, Daß diese armen Leutelein Erwärmen sich. Und als Maria ins Haus hin kam, Da war sie froh. Joseph der war ein frommer Mann, Sein Säckletn holt; Er nimmt heraus ein Keffelein, Das Kind tät ein bißchen Schnee hinein Und das sei Mehl. Es tat ein wenig Eis hinein. Und das sei Zucker, Es tat ein wenig Wasser drein, Und das sei Milch; Sie hingen den Kessel übern Herd, An einen Haken, ohne Beschwerd Das Müslein kocht. Ein Löffel schnitzt der fromme Mann Von einem Span, Der ward von lauter Helfenbein Und Diamant, Maria gab dem Kind den Brei, Da sah man, baß es Jesus sei Unter seinen Augen. Lütt n-Weihnachten. Von Hans F a l l a d a, GDD „Tüchtig neblig heute", sagte am 23. Dezember der Bauer Gierke ziellos über den Frühstückstisch hin. Es war eigentlich eine ziemlich sinnlose Bemerkung, jeder wußte auch so, daß Nebel war, der Leuchtturm von Arcona heulte schon die ganze Nacht mit seinem Nebelhorn wie ein Gespenst, das das Aengsten kriegt. Wenn der Vater die Bemerkung trotzdem machte, so konnte sie nur eines bedeuten. „Neblig?" fragte gedehnt sein dreizehnjähriger Sohn Friedrich. — „Verlaus dich bloß nicht auf deinem Schulweg", sagte Gierke und lachte. Und nun wußte Friedrich genug, und aus seinem Zimmer steckte er schnell die Schulbücher aus dem Ranzen in die Kommode, lief in den Stellmacherschuppen und stahl sich eine kleine Axt und eine Handsäge. Dabei überlegte er: Den Franz von Gäbels nehm ich nicht mit, der kriegt Angst vor dem Rotvoß. Aber Schöns Alwert und die Frieda Benthin. Also loS. Wenn os für die Menschen Weihnachten gibt, so mutz es das Fest auch für die Tiere geben. Wenn für uns ein Baum brennt, warum nicht für Pferde und Kühe, die das ganze Jahr unsere Gefährten sind? In Baumgarten jedenfalls feiern die Kinder vor dem Weihnachtsfcst Lüttcn-Wcthnachtcn für die Tiere, und daß es ein verbotenes Fest ist, von dem der Lehrer Beckmann nichts wissen darf, erhöht seinen Reiz. Nun hat Beckmann nicht nur körperlich einen Buckel, er kann sehr bösartig werden, wenn seine Schüler etwas tun, was sie nicht sollen, und darum ist Vaters Wink mit dem nebligen Tag eine Sicherheit, daß bas Schulschwänzen heute von ihm jedenfalls nicht allzu schwer genommen wird. Schule muß aber geschwänzt werden, denn wo bekommt man einen Wcihnachtsbaum her? Den mnß man aus dem Staatsforst an der See oben stehlen, das gehört zu Ltitten-Weihnachten. Und weil man beim Stehlen erwischt werden kann und weil der Förster Rotvoß ein schlimmer Mann ist, darum muß der Tag neblig sein, sonst ist es zu gefährlich. Wie Rotvoß wirklich heißt, das wissen die Kinder nicht, aber er ist der Förster nnd hat einen fuchsroten Bollbart, darum heißt er Rotvoß. Von ihm reden sie, als sie alle drei etwas aufgeregt über die Feldraine der See ent- gegen laufen. Schöns Alwert weiß von einem Knecht, den hat Rotvoß an einen Baum gebunden und so lange mit der gestohlenen Fichte geschlagen, bis keine Nadeln mehr dran saßen. Und Frieda weiß bestimmt, daß er zwei Mädchen einen ganzen Tag lang im Holzschauer eingesperrt hat, erst als Heiliger Abend vorbei war, ließ er sie wieder laufen. Sicher ist, sie gehen zu einem großen Abenteuer, und daß der , Nebel so dick ist, daß man keine drei Meter weit sehen kann, macht alles noch viel geheimnisvoller. Zuerst ist es ja einfach: die Raine auf der Baumgartener Feldmark kennen sie, das ist Rothspracks i Winterweizen, und dies ist die Lehmkuhle, aus der Müller Timm sommers sein Vieh tränkt. ! Aber sie laufen weiter, immer weiter, sieben Kilometer sind es gut bis an die See, und nun fragt es sich, ob sie sich auch nicht verlaufen im Nebel. Da ist nun dieser Leuchtturm von | Arcona, er heult mit seiner Sirene, daß es ein Grausen ist, aber i es ist so seltsam, genau kriegt man nicht weg, von wo er heult. Manchmal bleiben sie stehen und lauschen, sie beraten lange, und wie sie weitergehen, fassen sie sich an den Händen, die Frieda in der Mitte. Das Land ist so seltsam still, wenn sie dicht an einer Weide vorbeikommen, verliert sie sich nach oben ganz in Rauch, es tropft sachte von ihren Aesten, tausend Tropfen sitzen überall, nein, die See kann man noch nicht hören. Vielleicht ist sie ganz glatt, man weiß es nicht, heute ist Windstille. Plötzlich bellt ein Hund in der Nähe, sie stehen still, und als sie zehn Schritte weiter gehen, stoßen sie an eine Scheunenwand. Wo sie sind, machen sie aus, als sie um die Ecke spähen, das ist Nagels Hof, sie erkennen ihn an den bunten Glaskugeln im Garten. Sie sind zu weit rechts, sie laufen direkt auf den Leuchtturin zu, und ’ dahin dürfen sie nicht, da ist kein Wald, da iss nur die steile kahle 1 Kreideküste. Sie stehen noch eine Weile vor dem Hause, auf dem , Hof klappert einer mit Eimern, und ein Knecht pfeift im Stall, ! es ist so heimlich. Kein Mensch kann sie sehen, das große Haus vor ' ihnen ist ja nur wie ein Schattenriß. Sie laufen weiter, immer nach links, denn nun müssen sie auch 1 vermeiden zum alten Schulhaus zu kommen, das wäre schlimm, i Das alte Schulhaus ist gar kein Schulhaus mehr, was soll hier in , der Gegend ein Schulhaus, wo keine Menschen leben, nur die paar verstreuten Höfe ... Das alte Schulhaus sind nur die runter- ; gebrannten Grundmauern, längst verwachsen, verfallen, aber im Sommer wächst hier herrlicher Flieder. Nur daß ihn keiner pflückt. : Denn dies ist ein böser Platz, der letzte Schullehrer hat das Haus , angebrannt und sich aufgehängt. Friedrich Gierke will es nicht wahr haben, sein Vater hat gesagt das ist Quatsch, ein Altenteilhaus ist es mal gewesen, und es ist nicht abgebrannt, sondern hat leer gestanden, bis es verfiel. Ja, das nächste, dem sie nun begegnen, ist gerade dies alte Haus, sie sind direkt darauf zu gelaufen, ein Wunder ist es in diesem Nebel. Die Jungens können's nicht lassen, drinnen ein bißchen zu stöbern, und Frieda steht abseits auf dem Feldrain und lockt mit ihrer hellen Stimme. Ganz nah, wie schräg über ihnen, heult der Turm, es ist schlimm anzuhören. Er setzt so langsam ein und schwillt und schwillt, und man denkt, der Ton kann gar nicht mehr voller werden, und er nimmt immer mehr zu, bis das Herz sich ängstet und der Atem nicht mehr will. „Man darf nicht so hinhören." Jetzt sind es höchstens nur noch zwanzig Minuten bis zum i Wald. Alwert weiß sogar, was sie hier finden: erst einen Streifen hoher Kiefern, dann Fichten, große und kleine, eine ganze Wildnis, grad, was sie brauchen, und dann kommen die Dünen und dann die See. Ja, nun beraten sie, während sie über einen Sturzacker wandern: erst der Baum oder erst die See? Klüger ist es, erst an die See, denn wenn sie mit dem Baum länger herum- laufen, kann sie Rotvoß doch erwischen, trotz des Nebels. Sind sie ohne Baum, kann er ihnen nichts sagen, obwohl er yi fragen fertigbringt, was Friedrich in seinem Ranzen hat. Also erst See, bann Baum. Plötzlich sind sie im Wald. Erst dachten sie, es sei ein Gras- ffrcifen hinter dem Sturzacker, und dann waren sie schon zwischen den Bäumen und die standen enger und eng. Richtung? Ja, nun hört man doch das Meer, es donnert nicht gerade, aber gestern ich Wind gewefen, es wird eine starke Dünung sein, auf die sie zulaufen. Und nun seht, das ist nun doch der richtige Baum, den sie brauchen, eine Fichte, eben gewachsen, unten breit, ein Ast wie der andere, jedes Ende gesund — und oben so schlank, eine Spitze, ganz hell, in diesem Jahre getrieben. Kein Gedanke, diesen Baum stehen zu laffen, so einen finden sie nie wieder. Ach, sie sägen ibn ab, sie bekommen ein schönes Lütten Weihnachten, das herrlichste im Dors, und Posten stellen sie auch nicht aus, warum soll Rotvoß gerade hierher kommen, der Waldstreifen ist zwanzig Kilometer lang. Sie binden die Aeste schön an den Stamm, und dann effen sie ihr Brot, und dann laden sie sich den Baum auf und laufen weiter an das Meer. Ans Meer muß man noch, wenn man ein Küstenmensch ist, selbst mit solchem Baum. Anderes Meer haben sie näher am Hof, aber das sind nur Bodden und Wieks, dies hier ist richtiges Außenmecr, hier kommen die Wellen weit, weit her, von Finnland oder von Schweden oder auch von Dänemark. Richtige Wellen ... Also sie laufen aus dem Wald über die Dünen. Und nun stehen sie still. Nein, das ist nicht mehr die Brandung allein, das ist ein seltsamer Laut, ein wehklagendes Schreien, ein endloses Flehen, I tausendstimmig. Was ist cs? Sie stehen und lauschen. „Jung, Man- ning, Mann, das sind Gespenster!" — „Das sind die Ertrunkenen, I die man nicht begraben hat." — „Lauft schnell nach Hau»!" Und darüber heult die Ncbelsirene. Seht, es sind kleine Menschentiere, Baucrnkinder, voll von Spuk und Aberglauben, zu Haus wird noch besprochen, wird gehext und blau gefärbt. Aber sie sind kleine Menschen, sie laden ihren Baum auf, sie waten durch den Dünensand, bis auf die letzte Klippe, und — Und was sie sehen, ist ein Stück Strand, ein Siück Meer. Hier über dem Wasser weht es ein wenig, der Nebel zieht in Fetzen, schließt sich, öffnet den Ausblick. Und sic sehen die Wellen, grüngrau, wie sie umstürzen, weißschäumend, draußen auf der äußersten Sandbank, näher tosend, brausend. Und sie sehen den Strand, mit Blöcken besät, und dazwischen lebt es, dazwischen schreit es, dazwischen watschelt es in Scharen ... „Die Wildgänse", sagen die Kinder. „Die Wtldgänse!" Sie haben davon gehört, sie haben cs noch nie gesehen, bas sind die Gänsescharen, die zum offenen Wasser ziehen, die hier an der Küste Station machen, eine Nacht oder drei, um dann weiter zu ziehen, nach Polen oder wer weiß wohin, Vater weiß es auch nicht. Da sind sie, die großen wilden Vögel, und sie schreien, und das Meer ist da und der Wind und der Nebel, und der Leuchtturm von Arcona heult und die Kinder stehen da mit ihrem gemausten Tannenbaum und starren und lauschen und trinken es in sich ein ... Und plötzlich sehen sie noch etwas, und magisch verführt, gehen sie dem Wunder näher. Abseits, zwischen den hohen Steinblöckcn, steht ein Baum, eine Fichte, wie die ihre, nur viel, viel höher, und sie ist besteckt mit Lichtern, und die Lichter flackern im leichten Windzug ... „Lütten-Weihnachten", flüstern die Kinder. „Lütten-Weihnachten für die Wildgänfe!" Immer näher kommen sie, leise gehen sie, aus den Zehen — oh, dieses Wunder! —, und um den Felsblock biegen sie. Da ist der Baum vor ihnen in all seiner Pracht, und neben ihm steht ein Mann, die Büchse über der Schulter, ein roter Vollbart ... „Ihr Schweinekerls", sagt der Förster, als er die drei mit ihrer Fichte sieht. Und dann schweigt er. Und auch die Kinder sagen nichts. Sie stehen und starren. Es sind kleine Vauerngesichter, sommersprossig, selbst jetzt im Winter, mit derben Nasen und einem festen Kinn, es sind Augen, die was in sich reinsehen. Immerhin, denkt der Förster, haben sie mich auch erwischt beim Lütten-Weihnachtem Und der Pastor sagt, es sind Heidentücken. Aber was soll man machen, wenn die Gänse so schreien, und der Nebel so dick ist und die Welt so eng und so weit und Weihnachten vor der Tür ... Was soll man machen —? Man soll einen Vertrag machen auf ewiges Stillschweigen, und die Kinder wissen ja nun, daß der gefürchtete Rotvoß nicht so schlimm ist, wie die Leute sagen ... Ja, da stehen sie nun: ein Mann, zwei Jungens, ein Mädel. Die Kerzen flackern am Baum, und ab und zu geht eine aus. Die Gänse schreien, und das Meer braust und rauscht. Die Sirene heult. Da stehen sie, es ist Lütten-Weihnachten, eine Art Versöh- nungsfcst, fogar auf die Tiere erstreckt, man kann es feiern, wo man will, am Strande auch, und die Kinder werden es nachher in Vaters Stall feiern. Und schließlich kann man hingehen und danach handeln, die Kinder sind imstande und bringen es fertig, Tiere nicht unnötig zu auälen und ein bißchen nett zu sein. Zuzutrauen ist ihnen das. Das Ganze aber heißt Lütten-Weihnachten und ist ein verbotenes Fest. Lehrer Beckmann wird es ihnen morgen schon zeigen! S^ernenboum. Roman von Friedrich Schnack (Fortsetzung.) (Nachdruck verbotem) Da schnupperte Juppi noch einmal so eifrig. Bald war der Korb gepackt und der Wachstuchbalken festge- riemt. Mit kräftigen Armen hob die Gret das Gebäude und prüfte die Last. Recht so. Am Montag konnte die Fußreise angetreten werden. Sie erzählte, wie die Wege kreuz und quer liefen, und wie die Ortschaften alle hießen. Waldhäuser nannte sich ein Ort nach seinen paar Häutern am Forst: ein anderer hieß Spiegelau, dort glänzten die Wiesen wie gewichst. In Klingenbrunn machten die Bäche eine unkcndaft tönende Mutik: in Sonnendorf sei es so hell wie in einem Festsaal, und in Ringolay schliefen die Ringelnattern mitten am Tage auf den Schwellen der Bauern, und niemand täte ihnen etwas zuleide. Das waren Namen und Legenden! Wie groß war doch die Welt! Nnd die Spielzeug-Gret erzählte ihm noch von den Wirtshäutern, darin sie übernachtete mit ihrem Tragkorb. und von den Forstbäusern, die mit einem Hirtchaeweih grüßen über der Haustür. Von den mächtigen Granitselsen und Steinttschen, die sie Jahr um Jahr am Weg erwarteten, wußte sie Mären: Fuhr- wcrkslcnte kannte sie, Auto- und Motorradfahrer, Land und Leute weitnm und die Keaelberae, die auf sie nicderschauten, so lang sie sich schon im Bayrischen Wald abrackerte ... An die Fensterscheibe wurde von außen kräftig geklopft. Ginter dem Glas sträubte sich der Schnurrbart des Gemcindeboien. Gret öffnete den Flügel. Die rostiae Montagsstimme schnarrte in der Tonart eines AmtKbefeßls: „Am Sonitta-., nach dem Gottesdienst, hat der Jupvi HofschaKer zum ^irn Vormund und Gemeind e- vorstanb zu kommen. Verstanden?" Sie hatten verstanden, Juppt und Gret. Fenster zu. Der Abschiedsschmerz senkte sich tief in die Herzen. Zerrissen war der holde Waldschleier, den die Spielzeug-Gret gewebt und ausgebreitet hatte, verklungen die unkenhafte Wassersttmme der Hochmoore und die lange Rede der Bäume landein, landaus. „Mußt halt in Gottesnamen dein Bündel packen, Juppi — wie die Gret", sagte sie. „Es ist nicht schwer, dein Geschlepp." Sie hob aus der Truhe seine Wäsche, Joppe und Hose. „Der Herr Vormund frißt dich nicht", ermunterte sie. „Ich hab ein Wörtchen für dich eingelegt. Er hört auf mich, weil ihm meine Hemden so gut passen, Halsweite zweiundvierzig ... Ein neues Hemd pack ich dir zu deinem Kram, schau, damit du an die Sptelzeug-Gret denkst." Sie nestelte das Hemd aus einem Paket. Dann wickelte sie die Kleiber in einen Wachstuchrest,' einem Felleisen, das von Ort zu Ort wandert, sah das Bündel gleich. Am Sonntag nach dem Amt, die Uhr schlug elf, schob er es unter den Arm, und die Gret sagte: „Also geh, Kindl" Einen Keil Brot steckte sie ihm in die Tasche. In der andern Rocktasche hatte er den Finken und die Mundharmonika. Juppi senkte das Gesicht. Kein Wort konnte er hervorbringen. Die Hand der Spielzeug-Gret spürte er — und er spürte ihren Druck noch, als er schon den Dorsweg htnauflief zum Vormund. Der Vormund saß beim Mittagessen mit den Seinen und war guter Laune. „Na also: da bist ja, Hofschafferl!" rief er und hielt ein Stück Schweinernes auf die Gabel gespießt. „Da bin ich", bestätigte Juppi und machte Anstalten, sein Bündel abzulegen, weil es in der Stube seines Vormunds so einladend aussah. „Nix da, Hofschafferl!" sagte er lachend. „Hier kannst nicht bleiben. Wir sind genug Leut. Gehst gleich zum Einsamer auf die Steinöl, der nimmt dich." Die fünf Gesichter am Tisch schauten auf Juppi, er schaute auf die fünf vollen Teller. „Links um!" kommandierte der Vormund. „Gehst schön, gelt?" Er ging. Der Geruch des Essens schwebte ihm nach. Munter nahm er den steinigen Bergweg. Der Wind umhalste ihn, es war sonnig, aber kühl. In der Tiefe blauten Täler und Waldkissen. Fern buckelten Bergknappen, die Berge der Spielzeug-Gret, und helle Landstraßen flimmerten. Ob sie wohl nach Klingenbrunn und Ringolay führten? So, schauend und sinnend, kam er höher. Jetzt schlug es in Mauth, wohin er wochentags zur Schule und Sonntags zur Kirche ging, zwölf Uhr. Die Glocken läuteten. Osternhaft klang das. Gern wäre er stehengeblieben, um dem Schall zu lauschen, aber das Verlangen nach dem Mittagessen spornte ihn. Der Wald auf der Höhe schickte ihm seine Vorposten entgegen: eine starke Buche, eine einfache Eiche, eine strenge Fichte. Aber Juppi erreichte, nicht den Wald, er erreichte das Anwesen des Stetnödbauern. Der angekettete Hund suhr ihn rasend an. Doch mutig trat Juppi in den Hausflur, die Magd trug gerade die leeren Schüsseln aus der Stube. Drinnen erhoben sich der Steinödbauer und die Bäuerin. Juppi sah mit einem Blick: das Essen war vorbei. „Grüß Gott!" sagte er. „Der Herr Vormund schickt mich ..." Der Bauer und die Bäuerin wechselten einen Blick. Am Tisch hockte ein sommersprossiger Junge mit Bürstenhaar und glotzte neugierig-verschmitzt auf Juppi. Ein Knecht schlenkerte krunim vorbei, gesenkten Gesichts, den Ankömmling bös anspähend. „Hast lang gebraucht, bis du den Einsamer gefunden hast", knurrte der Bauer. „Warst derweil in der Sommerfrische, he?" Juppi verstand den Spott nicht. „Bei der Spielzeug-Gret war ich", sagte er arglos. Der Junge lachte schrill. Die Bäuerin blickte hart. „Ha?" schrie ihn der Bauer an. „Jetzt ist's aus mit der Spielerei." Mit einer Kopfbewegung gab er dem Knecht ein Zeichen. Der faßte Juppi beim Handgelenk und zog ihn wortlos mit sich hinaus, am Hund vorbei, der knurrend ihn umschlich. Sie gingen in den Stall. „Da!" bedeutete der Knecht, als sie in der Ecke hinter einem niedrigen Bretterverschlag angelangt waren. „Was?" fragte Juppi. Die Kühe verdrehten ihre runden Tieraugen nach ihm. „Da schläfst halt nachts ..." erklärte der Knecht. Juppi sah bloß Stroh auf dem Stallboöen ausgebreitet und einen Melkschemel dastehn. „Brauchst vielleicht 'n Fremdenzimmer, Armenhäusler?" schnaubte der Knecht, und die Kühe brüllten. Juppt erstarrte. Als er aufblickte, nmr er mit den Küken allein. Die Stallnft beizte stickig und beklemmend. Er ließ sich, bitter einsam, enttäuscht und hungrig auf den Schemel niederfallen. Sein Bündel glitt ins Stroh. Die Tiere muhten dumpf-schläfrig. Am Fenster erschien das Gesicht deS sommersprossigen Jungen. Er drückte seine Nase an der Scheibe platt. Wie ein bissiger Metzgerhund sah er aus. Auf der Höhe. Das Steinödbaus klebte am Hang wie ein Vogelnest. Die Krähen, von Wald zu Wald reisend, umschwirrten es: wenn man von unten heraufschaute, entflügelten sie den Fenstern wie Seufzer, Flüche oder Kummerseelen. Hart war öa« Leben auf der Höhe. Zu früherer Stunde als die Leute an den Beratenden und in den Tälern mußten die Einödmenschen ibreu Arbeitstag beginnen und den steinigen Sturzäckern daS tägliche Brot abringen. Als erster in der Däinmerung polterte der Hofknecht aus der Stube. Mit einer Verwünschung pflegte er jeden neuen Tag einzuleiten. Die Kühe rasselten ungeduldig mit ihren Halsketten und brüllten. Sie hatten Hunger und wollten die Milch los sein. Gleich einem Igel raschelte Juppt, bestachelt von Spreu und Rispen, aus dem Stroh seines Lagers, zupfte sich die Halme ab und torkelte schlaftrunken, mit gedunsenen, vom Boden des Stalls geröteten Lidern und strohtrockener Kehle an die Brunnenröhre. Das eisige Bergwasser ermunterte ihn. Grau wucherte der Wald, und von den Halden schlug der Ostwind mit Peitschenhieben. „Hühl" schnauzte Flunk, der Knecht. Er knuffte Juppi, dem das Wasser über die Ohren rauschte. Beinah wäre der kopfüber in den Trog gestürzt. „Reiß die Augen auf, wenn der Knecht daherkommt!" blökte Flunk. „Beeil dich!" Er mochte Juppt nicht. Für ihn war er ein überflüssiger Esser am Tisch. Je weniger Mäuler, desto besser bas Essen, war Flunks Leibspruch. Der Ostwind schärfte die Luftklingen, er wetzte um die Scheuer. Juppts Gesicht brannte, seine Arme schlotterten in der Morgenkälte. „Dich frterts gar?" raunzte Flunk. „Kriechst in die Etnöd, frierst und schlägst dir den Bauch voll. Feines Schleckert. Marsch, Futter geschnitten! Los!" Flink schoß Juppt in die Scheuer, katzenhaft die Leiter hinauf. Mit Flunk war nicht zu spaßen. Er stolperte nach, doch Juppt war schon oben aus dem Heuboden bet der Futterschneibmaschtne, rtß Stroh- und Heubündel in den Auflegekasten. Dann stemmte Juppi, mit zusammengekniffenen Lippen und leerem Magen, seine Armenhäuslerbrust gegen die Kurbel und warf das Rad herum. Krach, bissen die Mester ins Stroh. „Schneller! Derweil verreckt ja bas Vieh." Juppt ritz die Kurbel an seinem Gesicht vorbei, mit aller Macht vorbei, vorbei, vorbei. Er würgte sich gehetzt ab. Die Augen des Knechts, schwarz wie Bohrlöcher unter der ntebern Stirn, verfolgten grimmig Juppis Drehbewegung. Zähen Widerstand leistete die Strohlage, die Maschine schnatterte. Die Kurbel geschwenkt! Zehnmal sauste bas Rad rundum, zwanzigmal, vierzig- mal. Geknatter und Staub. Durch die Dachluken grinste der un- lusttge Morgen. Juppt arbeitete sich in Schweiß. Seine Schläfen klopften. „Tüchtig! Hörst nicht, wie die Küh brüllen?" Lärmen, Schreien, Brüllen überall. Die Hände brannten am Holzgrtff, heftig schmerzten die Armmuskeln. Juppt dachte einen flüchtigen Seelenaugenblick an die Sptelzeug-Gret, wie sie am zeitigen Morgen durch die Wälder marschierte. Doch da raste der Kurbelgriff an seinem Auge vorbei. Verblaßt bas Bild. Die Schneiden krachten. Endlich ist das Futter geschnitten. Kraftlos taumelt Juppt gegen einen Strohhaufen. Eine Sekunde nur eine kleine, gute Sekunde muß er verschnaufen. Der ungeduldige Knecht bellt aber schon aus der Stallschwärze herauf. „Futter runter!" Schnell wirft Juppi das Häcksel durch das Bodenloch, lotrecht in die Futterkiste. Dann die Leiter hinab. Er muß bei der Fütterung helfen, sanfte Augen blicken ihn an, er füttert gern die Kühe. Den halben Stall hat er hernach auszumisten, mit der langen Gabel kämpft er sich ab. Kinderspiel, aber nicht für ein Kind. Er keucht. Doch will er sich eifrig zeigen, er fürchtet sich, niemand steht ihm bet. Einzig sein guter Wille steht ihm bei. Juppt schafft frische Einstreu in den Stall. Mit knabenschrillen anfeuernden Rufen und Fauststößen zwingt er die unverständigen Tiere, ihm Platz zu machen, damit er Stroh und Laub unter ihren Hufen ausbreiten kann. Inzwischen beginnt die Magd mit dem Melken. In die Eimer zischt der Milchstrahl. Ein Schwcifwedel schlägt Juppi mitten ins Gesicht, die Augen tränen bitter. Ain liebsten hätte er jetzt ein wenig losgekeult. Aber da muß er nun die Milch durch die Zentrifuaenmaschinc leiern: aus dem linken RöKrchen brünnelt der süße Rahm, ans dem rechten die Maaer- milch. Der mißtrauische Blick der Bäuerin gibt acht, daß er den Finger nicht in den Rahm tunkt. Juppi hatte noch keinen Bisten gegessen. In zehn Minuten hcißt's losrennen, zur Sehnte. Eine gute Dreiviertelstunde braucht er zum Bergweg. Schließlich kann er ein Töpfchen Milch in sich hineinschütten und Kasiig Brot essen. Rastlos springt er auf. Noch kauend, jagt er schon fort. So beatnnt fein Tag. Nm elf ist die Sehnte aus, er eilt zum Mittagessen. Lois, der sommersprossige Einödbub aebt mit ihm. Morgens bricht er etwas früher zur Schule auf als Juppi, er muß nicht einstreiii, und Milch leiern. Ans dem Nachhauseweg ist Jnvvi ein störrisches Pferd. Der Einöbbnb läßt ihn galoppieren. Mit einem Stecken peitscht er ihm die Flanken: HüH, hott! Nnd da er älter nnb kräftiger ist als das Pferd aus dem Armenhaus, nützt kein Trab. Juvvi wird gepriir-ekt. Kartoffel und Rüben dampfen auf dem Tisch. Juppi Kat den letzten Platz. Neben ihm hockt der Knecht: der läßt wenig Essen an seinem Maul vorüber. Jupvi kommt immer zu kurz. Mit den Auqen darf er sich feinen Anteil holen. Blickt er mit fdienern Blick auf dem Tisch umher, tritt ihn Lois ge->en das Schienbein. Nach dem Ellen aeht's wieder zur schule beraob. Nm vier Nhr wird der Heimweg angetreten. Viermal täglich mißt er den Weg. (Fortsetzung folgt.) Beran'wortlich: l)r. HansThhriot. — Druck undBerlog:Brühl'scheUniveriitäts. Buch- undSleindruckere i, B. Lange, Gießen.