Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <955 Montag, den 22. Mai Nummer 59 Das bucklicht Männlein. Volksweise. Will ich in mein Gärtlern gehn, Will mein Zwiebeln gießen. Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu niesen. Will ich in mein Küchel gehn, Will mein Süpplein kochen, Steht ein bucklicht Männlein da, Hat mein Töpflein brachen. Will ich in mein Stüblein gehn. Will mein Müslein essen. Steht ein bucklicht Männlein da, Hats schon halber gessen. Will ich auf mein Boden gehn, Will mein Hölzlein holen, Steht ein bucklicht Männlein da, Hats schon halber gstohlen. Will ich. in mein Keller gehn, Will mein Weinlein zapfen, Steht ein bucklicht Männlein da, Tut mir n Krug wegschnappen. Setz ich mich ans Rädlein hin, Will mein Fädlein drehen, Steht ein bucklicht Männlein da, Läßt mirs Rad nicht gehen. Geh ich in mein Kämmerlein, Will mein Bettlern machen. Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu lachen. Wenn ich an mein Bänklein knie, Will ein bißlein beten, Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu reden: Liebes Kindlein, ach ich bitt, Bet fürs bucklicht Männlein mit! Oer kleine Klaus und die neue Zeit. Von Bruno Brehm. Eines Tages warf der kleine Klaus fein Schaukelpferd um, setzte sich auf dessen Bauch, stemmte die dicken Beine gegen die Kufen, packte mit rauhem Griff den dünnen Schweif und rief: Tüh-tüh! „Was tust du denn da?" wollte ich wissen. „Das ist ein Auto", sagte er kurz und drehte kräftig den Schweis herum. „Und was drehst du denn da mit deinen dicken Fingern? „Das ist die Lenke", sagte Klaus, drehte sich gemächlich um, deutete auf das ratlos starrende Glasauge und erklärte: „Und dies hier ist das Stopplicht." , . _ ,, .. Da wußte ich, daß die neue Zeit angebrochen fei. Denn für mich, als ich solch ein kleiner Junge gewesen war, hatte es nichts schöneres gegeben als ein Pferd. Ein Reiter aber, das war das schlechthin vollkommene. Welch ein unvergleichlich guter Duft war in solch einem Pferdestall! Wie wunderbar konnten diese weichen Rüstern in die Hanb schnauben! Wie gewaltig kam sich solch ein kleiner Junge vor, wenn er zu feines Vaters Pferden „Geh um!" sagen durfte und wenn das große Pferd gehorchend, langsam zur Seite trat und ihn in den «land einlletz. Tüh! Tüh! tutet der kleine Klaus auf seinem umgestürzten Pserdchen, das sich in eine Pferdekraft verwandelt hat, tüh-tüh! so fahren wir in eine neue Zeit und wenn heute schönes Wetter ist und der Mittagsstieger gut zu sehen sein wird, dann wird Klaus aus seinem Pferd einen -lero« plan machen. Ja, mein Sohn, im Kriege ist dein Vater auch mit dem Aeroplan gefahren, aber das ist lange her und seitdem hasten wir fest an dieser Erde. „ v , r Aber wenn ich als Knabe durch die Gange des Jnvalrdenhaufes von Karolinenthal bei Prag schlenderte und dort die kleinen Schlachtenbilder an den Wänden ansah, dann wurde mir das Herz schwer, dann fürchtete ich wohl, nie mehr zu solch einer Attacke zu kommen wie einst die Tram- Ulanen bei Custozza, die englischen Lanzer bet Balaklawa, die Reiter bei Mars la Tour. Denn das, dachte ich mir, das muß.e doch das größte Glück [ein, das einem Menschen zuteil werden kann: soviel Reiter, so- viele geschwungene Säbel, solch ein Dröhnen, solch em Aufwollen des Staubes und ein nicht endenwollendes Gebrüll der Freude und der WutI Nun, ich habe keine Attacke mehr geritten, ich bin nur mit meinen vier Sechsspännern im September 1914 über die Kimmung des Hügels da- hergefagt, eine Lage Schrapnells krachte über uns hin und alle die vierundzwanzig lieben, guten Füchse, deren Namen ich heute noch alle weiß, alle, die Leonhard, Lambert, Lina, Minna und Mali, wälzten sich, gegen die Zugstränge schlagend, in der aufstaubenden Ackererde. Ach, diese schönen Füchse, diese guten, eifrigen Füchse mit den wehenden Haarschöpfen über den schneeweißen Bläffen — vier so krachende, berstende Schläge und alles war aus. Tüh! Tüh! ruft der kleine Klaus und dreht dem scheckigen Schaukelpferd fast die „Lenke" aus. Einen solchen Scheck wie du, mein Junge, ritt unser dicker Stabstrompeter und wurde dadurch ein ganz und gar unwiderstehlicher Mann. Kamen wir in den Manövern in ein Dorf, dann sahen alle Frauen, Mädchen und Kinder nur den dicken Trompeter und nach all den Offizieren, Einjährigen und Unteroffizieren krähte kein Hahn. Wenn aber der Reiter auf dem Schecken abends um neun Uhr die Retraite blies, hätte er alles, was im Dorf Röcke trug, für sich haben können, denn dieser Vereinigung von Kunst und Schönheit, von Farben und Tönen vermochte kein Herz zu widerstehen. Mein lieber Klaus, aber weist du auch, wie dieser unwiderstehliche Scheck im Jahre 1914 aussah? Wie ein alter Bettvorleger in einem ab* feitsgelegenen Dorf Wirtshaus! Sie hatten den armen Gaul mit irgend einer gräßlichen Sache angeftrichen, die bei Regen violett wurde. Die andern Gäule bissen nach ihm wie Spatzen nach einem Kanarienvogel, dem Trompeter blieben die Töne stecken, aus war es mit all dieser Herrlichkeit. Bevor ich mich aber selbst auf das Pferd fetzen durfte, schnitt ich mir als Knabe Weidenruten ab und peitschte unbarmherzig meine dünnen Waden, welche die Füße meines Pferdes waren, immer feste, als gehörten sie gar nicht zu mir. Zentaur war ich, das Herz eines Helden in der Brust, getragen von den Füßen eines Rostes. Da sah ich einmal das Bild einer Quadriga, die durch den Zirkus raste! Seit jenem Tage fuhr ich nur mehr vierspännig daher. Und deshalb habe ich auch später den Lenker aus Platons „Phaidros" so gut begriffen, der sich mit einem guten und mit einem bösen Pferd abmühen muß, darum sauschte ich so lange Gogols dahinjagender Troika nach, diesem hinreißenden Bilde Rußlands, das in das Ungewisse einer drohenden Zukunft dahinhetzt. Auch wenn wir aus der Eisenbahn fuhren, packten wir den Fensterriemen und zügelten den Zug, denn er hatte ja keine Lokomotive vorgespannt sondern tausend wilde Mustangs. Und wenn wir aufblickten, sagten wir ganz und gar nichts Gescheites. Da war ein Herr, der hielt eine Zeitung in der Hand, und da stand groß zu lesen: Besuch des englischen Geschwaders in Swinemünde. „Papa, ein Druckfehler", erlaubte ich mir zu bemerken, und noch dazu so groß gedruckt." Der Herr senkte die Zeitung und sah mich fragend an. Mein Vater erwartete nichts Gutes. „Hier steht Geschwader — aber es muß doch Geschwander heißen! „Warum denn Geschwander?" fragte der Zeitungslefer und kniff ein Auge zu. „Weil es von geschwind kommt", war die Antwort. Aber an all dem waren nur die geschwinden Pferde vor dem Zuge schuld, die mit uns so wild dahinjagten. . Du aber, mein Sohn, willst heute im Prater nur noch mit den kleinen selbstlenkbaren Motoren fahren, dem Ringelspiel unserer Tage. Mögen die hölzernen Pferde noch so sehr die Nüstern blähen und schnauben, mögen sie aus ihren feurigen Glasaugen noch so sehr zu uns herüberfunkeln, du siehst es nicht, denn dir sind die Pferdeaugen Stopplichter geworden. r.. , _, „ , , . Und wenn du nicht mehr auf deinem umgesturzten Schaukelpferd sitzen willst, junger Mann, dann holst du dir dein Fahrrad hervor und radelst um den Platz herum. Du bist eine Sache für dich und das Fahrrad ist auch wieder etwas. Wenn es kaputt wird, muß es repariert werden Bei uns aber wurden die Pferde nur dann krank, wenn wir selbst krank wurden. Dann wurden die vier Traumschimmel aus der Quadriga qefpannt und unten an das Bett gebunden. Die zerschlagenen Knie schmerzten nicht allzusehr, weil sie ja zur Hälfte doch Pserdekme waren und die lieben Pferdeköpfe nickten zu uns nieder, wurden groß und größer, wenn das Fieber stieg und abends zeigten sie gelbe Zähne und wollten uns beißen. Ja und bann später, obwohl wir es nicht verdienten, denn die Schulzeugnisse waren recht mäßig, da durften wir reiten lernen. Der Nonius, auf dem ich es lernte, der stieß, daß mir beim Aussitzen im Trab der 2ltem ausblieb und die Hüften stachen, aber ein Reiter spricht darüber nicht, denn er ist eben ein Reiter und schwebt hoch über den andern Erdenmenschen. , ., . m , . Einmal — es war in Südmähren, nahm mich mein Vater zu Den Manövern mit. Zum Schluß, bei der Besprechung, als die Schiedsrichter ganze Etage! Es sei im höchsten Vorstellung die Behörde von der Blüchers kühnes Draufgängertum im Felde ist bekannt. Im Friedensdienst bewies er zähe und hartnäckige Energie. Bezeichnend hiersür ist ein kleines Erlebnis von ihm aus dem Jahre 1809. Er hatte damals die Stellung eines Generalgouverneurs der Provinz Pommern erhalten. Seinen Sitz sollte er in Stargard nehmen. Es gab Schwierigkeiten mit der Wohnungsfrage. Vom Magistrat waren für ihn drei Zimmer in dem Haufe einer Frau von Wedell ange- wiejen worden. Blücher beschwert sich umgehend: Drei Zimmer waren für ihn zu wenig! Er verlangte die ganze Etage! Es fei im höchsten Grade verwunderlich, was für eine Vorstellung die Behörde von der Stellung eines Generalgouverneurs hätte, eines obersten militärischen Befehlshabers. Er erwarte fchleunigften Bescheid! Die Regelung der Angelegenheit verzögert sich. Der General treibt zur Eile an. Er könne absolut nicht verstehen, warum er bisher auch nicht die geringste Antwort erhalten hätte. Es sei doch schon über eine Woche verstrichen! Er könne unmöglich glauben, daß der Magistrat die ganze Sache auf sich beruhen taffen wollte, wie es den Anschein hätte. Unverzüglich verlange er Entscheidung! Vergeblich versucht der Bürgermeister, ihn hinzuhalten. Die Verhandlungen mit der widerstrebenden Wirtin seien noch nicht abgeschlossen. Er stellt Ansragen. Kurz angebunden, verweigert Blücher jegliche Antwort. Es sei ja allbekannt, daß er ein abgesagter Feind aller Weitläufigkeiten fei. 'Jtofolofes Hin- und Herfchreiben fei ihm verhaßt. Seine Entschiedenheit setzt sich durch. Er erhält die gewünschte Etage zugewiesen. Sehr bald entstehen neue Schwierigkeiten. Frau von Wedell fordert nunmehr eine viel zu hohe Miete. Sie beruft sich darauf, daß zur Zeit der französifchen Besatzung noch viel mehr gezahlt worden sei. Da kommt sie bei Blücher falsch an. In der Rechnungssührung über seine Privatgelder war er manchmal, namentlich in den jüngeren Jahren, wenig knauserig. Wenn es aber galt, die Interessen des Staates zu wahren, war er der sparsamste Hausvater. Er steift dem zögernden Magistrat das Rückgrat. Keinesfalls solle er auf die Forderung eingehen. Es fei ein großer Unterschied, ob französische Offiziere mit großem Anhang ins Quartier kämen oder deutsche, die lange nicht dieselben Ansprüche stellten. Außerdem hätten sich die Zeiten geändert. Jeder müsse sich bescheiden! Ueebrmähige Anforderungen an die Staatskaffe feien durchaus unangebracht. Wieder hat er Erfolg: Frau von Wedell begnügt sich mit einer beträchtlich herabgesetzten Summe. Sie rächt sich aus seltsame Weise! Als Blücher eines Tages von einem Ausritt zurückkehrt, erlebt er eine Überraschung: Ein Teil des Mobiliars ist verschwunden, so die Sessel und Kanapees. Es hieß, Frau von Wedell habe sie beiseite geschasst, sie wolle sie verkaufen. Die „Rot der Zeit zwinge sie dazu. Bei feiner bekannten Zuvorkommenheit Damen gegenüber verschmäht es Blücher auch jetzt, sich direkt mit feiner Wirtin auseinanderzufetzen. Roch einmal schreibt er an die Behörde. Der Mobel- verkaus müsie unter allen Umständen verhindert werden. Er verlange die sehlenden Stücke sosort zurück. Er denke nicht daran, auch nur auf eins zu verzichten. Vorsorglich fügt er Diesmal bei, es fei dies feine letzte Zuschrift. Er würde auf keine Nachfrage, welcher Art sie auch fei, antworten. Seine Energie erreicht ihr Ziel. Der in die Enge getriebene Magistrat verzichtet auf alle Weitläufigkeiten, findet einen eigenartigen Ausweg. Er geht auf den Vorschlag der Quartiergeberin ein und tauft ihr die zurückgehaltenen Stücke ab. Es ist fraglich, ob Blücher noch von ’oiefer „Losung Kenntnis erlangt hat. Kurz darauf fiedelte er auf Anordnung des Königs nach Treptow an der Rega über. Dort im verwunschenen Schlosse gab es genügend Raum, Mobiliar und keine unbequeme Wirtin. ♦ Durch die Verlegung des Hauptquartiers von Stargard nach Treptow sollte es vor allem naher an den befestigten Platz Stolberg gebracht werden. Von dem hier entstehenden verschanzten Lager wurde der künftige Widerstand gegen Napoleon vorbereitet. Tagtäglich zur Mittagszeit traf die Stolberger Qrdonnanzpost ein, um die höchste Kommandostelle von allen Vorgängen zu Lande und zu Wasser zu unterrichten. Mit großem Eifer war Blücher bei der Sache. Oft ließ er es sich nicht nehmen, die Ordonnanz selbst abzupassen und die Dienstmappe selbst zu öffnen. Dabei machte er eines Tages eine eigenartige Entdeckung. Die Mappe enthielt nur ein einziges kuvertiertes Schreiben. Zu spät merkte er, daß es gar nicht für ihn bestimmt war. Sein Sohn, der bei ihm Adjutantendienst versah, war der (Empfänger. Schon hatte er vom Inhalt Kenntnis genommen. Erstaunen, ja Entrüstung malte sich auf feinen Zügen! Der Absender, ein jüngerer Offizier, hatte Avaneementsschmerzen! Ganz jämmerlich waren bei der stark verminderten Truppe die Besorderungsaus- fichten. Ueber ein Jahrzehnt mußten die Leutnants bis zum „Premier" warten. So kam es vor, daß im Bedarfsfälle durch das Kabinett auf Vorschlag der kommandierenden Generale einzelne, besonders befähigte, außer der Reihe befördert wurden. Dies war der Wunsch des Bittstellers: Der Adjutant sollte bei seinem Vater ein gutes Wort für ihn einlegen. Er bäte dringend um „Protektion". Nun ereilte den Unglücklichen das Geschick! Sofort diktierte Blücher eine Antwort, die jener nicht erwartet hatte. Wie er es wagen könne, noch einmal (eine „Demarche" zu wiederholen. Er fei doch schon mehrfach abgewiesen worden. Ihm sei längst be tonnt, daß die in Frage kommende Stelle einem triegsoermunbeten Offizier vorbehalten sei. Durch seine Hartnäckigkeit erreichte er nichts weiter als eine Verschlechterung, ja eine Zerstörung seiner „Conduite", zumal er sich nicht gescheut hätte, „krumme Wege" einzuschlagen. Jeder Mann von Taktgesühl müsse solches eoitieren. Ihm selber fehle jegliches Verständnis für derartig „traurige Ideen". Er I [ei ein „abgesagter Feind jeglicher Protektionswirtschast". — Für die Zukunst könne ihm daher nur geraten werden, gerade Wege zu wählen. Er hätte es ja auch mit einem „geraden Manne" zu tun, der in solchen Fällen, wenn er sie merke, immer genau den Gegenwunsch des „Supplikanten" erfülle. Dazu käme, daß das ganze Verfahren ein durchaus unpraktisches, ja geradezu törichtes wäre. Die Adjutanten hätten bei ihm „platterdings" auch nicht den geringsten Einfluß. Er achte daraus, daß sie weiter nichts täten als ihre Dienstgeschäfte. Das an die Kommandantur gerichtete Schreiben endet mit der Stof« Iforöerung, über den Bittsteller ungesäumt eine Arreststrafe von 48 Stunden zu verhängen und eingehend zu melden, wie das Schreiben in die für ihn bestimmte Dienstmappe gekommen sei. * Ein trauriges Kapitel aus der Zeit der Erniedrigung und Demütigung Preußens: Blücher kam an den Stolberger Schanzen zu Fall! Vergeblich hatte er den zögernden König bestürmt, endlich Ernst zu machen. Vergeblich hatte er versucht, von der Arbeitsstätte des „befestigten Lagers" französische Agenten und Spione fernzuhalten. Mehrfach wurden verdächtige Personen beobachtet. So meldet schon im Mai des Jahres 1811 der Stolberger Kommandant, daß er eine derartige Persönlichkeit aus dem Bereich der Festung verwiesen habe. Es war, wie er festgestellt hatte, der Adjutant des Stettiner Dbertommanbierenben, der sich heimlich und in Zivil eingefunben hatte. Blücher ist mit dem Verhalten bes Kommandanten gar nicht einverstanden. Er hätte weiter gehen müssen. Der Ossizier durste nicht frei- gelassen, sondern mußte inhaftiert werden. Das hätte für alle Zukunft abschreckende Wirkung gehabt. Wer wüsse, was er inzwischen schon für Unheil angerichtet hätte. Wer könnte zudem dafür einstehen, daß der Betreffende nicht sehr bald und auf anderen Wegen wiederkommen würde. Wer könnte überhaupt wissen, ob er nicht schon genug gesehen hätte, als er erwischt wurde. Mit seinen Befürchtungen hatte Blücher nur zu sehr recht. Sicherlich war Napoleon informiert worden. In Berlin wurde französischerfeits die Forderung erhoben, sofort die Arbeiten einzustellen und die daran Beschäftigten, als heimliche „Krümper" verdächtig, zu enllaffen. Blücher protestiert. Wochenlang wird hin und her geschrieben, bis endlich. Ansang September, der strikte Beseh! des Königs ergeht, Schluß zu machen. Allerdings war eine Klausel beigefügt, die Blücher wohl als heimlichen Wink ausfaßte: Die entlassenen Arbeiter sollten weiterhin zur Wegeverbesserung verwandt werden. Folge davon: Blücher veranlaßt gar nichts! Das war [ein Verhängnis! Die Franzosen haben dem verhaßten „Blü- quaire" niemals getraut! Auch diesmal nicht! In wenigen Tagen waren sie unterrichtet. Diesmal war der Schnüffler der Stettiner Konsul in höchsteigener Person. Er konnte schlecht zurückgewiesen werden, zumal er überraschend erschien. Er überzeugte sich, daß alles beim Alten geblieben sei, und daß noch mindestens 900 Mann tätig wären, die ruhig weiter „schanzten". mit den weißen Binden übet der Kappe, d,e Ab,utanten und die Stab^ offnere von allen Seiten herangaloppiert kamen, da wußte ich mich irgendwo hinter den Offizw-en zu verstecken. In der Mitte stand der Erzherzog, die Herren nahmen alle die Starten zur Hand und ich horchte zu, obwohl ich von all dem nichts verstand. Als dann die lange Besprechung zu Ende war, fagte der italienische Militärattachö zum Erzherzog. „Das Terrain hier erinnert stark an Sizilien." . | Wie ich mir beim Heimreiten bann alles genau ansah! Wie in Sizi- i lien, dachte ich bei jedem Bauernhof, wie in Sizilien, bei feder Straßen- pappel. Ach, es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte unter den niedrigen Pollauer Bergen dort drüben beinahe den Aetna entdeckt! Lasten wir bas, Klaus! Jede Zeit hat ihre andern Ritter! Ich setz mich zu dir auf bas umgestürzte Schaukelpferb, wir fahreni in bie neue Seit beren Wafsenrock bie Lederjacken und deren Kavallerist der Ehauf- feur' ist. lleberall hin fahr ich mit dir, mein Sohn, nur nicht in den Drater, nicht zu den letzten Reitern, die wollen wir uns nicht ansehen. Durch Die langen Hauptalleen dort unten sind wir als Leutnants dahm- gejllckt, auf der Ameisenwiese sind wir über die Hindernisse gegangen, nicht dorthin, bas wollen wir uns ersparen. . Leier bie Lenke nicht aus, halte b,ch sest, bie Fahrt geht rasch, bas Stopplicht hinten funkelt, es ist ein böses Stopplicht, bieses Auge eines gestürzten Pferbes. Aber ich hosse, bah niemanb in uns hmeinsahren wirb. Ich führe am liebsten in Gullivers Lanb, in jenes Reich, wo eble sßferbe über bie elenben Menschen herrschen unb diese elenden Yahoos als räudige Haustiere verachten. ... Siehst du, solch ein Denkmal haben die pferbeliebenben Engländer diesen edlen Tieren gesetzt und so schon hat Swift über die Pferd« geschrieben, daß dies deines Vaters liebstes Kapitel ist. Aber dieses Land wird in einer Zeit, da man bie Mustangs ber Prärie mit Maschinengewehren abschiebt, wohl allzu weit abliegen, wir werben es nicht finden, es wirb genau fo wie Felix Arabia von der Karte verfchwunden fein. Nun geht dein Motor, nun knattert er! Soviele kleine Explosionen, immer eine hinter ber anbern, bas oeränbert die Zeit, bas versagt Die sßferDe, Das verändert bie Gefühle, das jagt, bas treibt, das läßt nicht zur Ruhe kommen. m ., . .. . Jetzt gibt es zwei Zeiten in ber Welt, eine ganz kleine, bie von ben vielen Pikkolos in ben Stationen runb um uns herum ausgerufen wirb, in all ben vielen kleinen Sprachen, in all ben vielen roürgenben Grenzen. , Bier unb Würstel, bitte!" Und je enger Die Grenzen finD, je junger Die Länber, desto kriegerischer und wilder klingt dieser Ruf ans Ohr. Das ist bie Pserdezeit, mein Sohn, von der alles Schöne geschwunden unb alles Böse unb Lästige zurückgeblieben ist. Ja, unb bann gibt es noch eine anbere Zeit, eine tnatternbe, eine explobierenbe, eine, burch bie über uns bin die Flugzeuge ziehen, hoch oben über den Pikkolos, und das ist die Zeit in die 'wir fahren wollen. Dreh die Lenke, aber reiß den Schwanz nicht aus, laß bas Stopplicht leuchten unb sieh bich boch hin unb wieder einmal um. Zeig mir, wie man ein gestürztes Stecken- ober Schaukelpferd noch einmal ankurbelt, und dann fahren wir zwei dorthin, wohin es uns alle treibt, über die Grenzen hinaus, soweit wir sie tragen können — unb das ist weit, das kann sehr weit sein, wenn wir nur ordentlich fahren. Allbekanntes vom „Marschall Vorwärts". Nach Dokumenten des Geheimen Preußischen Staalsarchivs in Dahlem und des Provinzialarchivs in Stettin. Von F. Wilke. Wird der Täter aber dennoch in der Stadt getroffen, so soll ihm di« Hand abgeschlagen werden." Und ebenso verstanden die Schweizer bei Gartendiebstählen keinen Spaß; wurde der Uebeltäter auf frischer Tat ertappt und konnte er den Schaden nicht durch Bezahlung sühnen, so mußte er zu Schimpf und Schande nackt von einem Ende der Stadt zum andern laufen. So, geschützt durch des Gesetzgebers Bestimmungen, umhegt von Zaun oder Mauer, die die Früchte der Mühen dem Eigentümer sicherten, war der Oustgarten eine Stätte eifrigster Arbeit zu jeder Jahreszeit. In anmutigen Versen schildert der Mönch W a nd a l b e r t vom Kloster Prüm Obstgärtners Tätigkeit im Gang der Monate. Schon der März sieht ihn beim Versetzen und Pfropfen der jungen Stämme; dann folgt das Putzen und Beschneiden, und wie früh bereits diese Arbeiten eingebürgert waren, ersehen wir daraus, daß schon das Althochdeutsche dafür besondere technische Ausdrücke kannte. Erste Erntesreuden, aber auch Erntemühen erwachsen dem Gärtner, wenigstens im südlichen Teil unseres Vaterlandes, bereits im Juni, wenn die frühesten Obstsorten, Kirschen, Erstpslaumen und frühe Birnenarten sowie Süßäpfel, reifen und gepflückt sein wollen; es folgen bis in den September hinein, Pfirsiche, Spätpflaumen, Aepfel, Birnen und Nüsse und in manchen Gegenden Kastanien wie Feigen. Von Dauerobst, das für den Winter sorglich in eigenen Gelassen aufbewahrt wurde, kannte man damals nur den Apfel. Während die alten Deutschen bis in das späte Mittelalter hinein auch das Wildobst, wie es Wald und Flur besonders in Form von Holzäpfeln und Holzbirnen spendete, nicht verschmähten und namentlich einen Most aus solchen Aepfeln zu schätzen wußten, schied man bei den veredelten Arten der Früchte deutlich zwischen vornehmen und gewöhnlichen. Nur auf der Herrentasel fand man Pfirsiche und Quitten, Feigen, Mandeln und Maulbeeren, von denen die drei letzteren bloß in wenigen Gegenden Deutschlands heimisch waren. Dagegen kann man als V o l k s o b st im wahrsten Sinne die im einfachsten Bauerngarten wie im herrschaftlichen Park nicht fehlenden Aepfel, Birnen, Pflaumen und Haselnüsse, nennen. Eine Mittelstellung zwischen diesen beiden Gruppen nehmen die Walnüsse, die Kornelkirschen und Mispeln, sowie die früher im Süden und Südwesten auch in breiteren Volkskreisen heimischen Kastanien.ein. Diese Mannigfaltigkeit, die jedem Tafelanspruch, von dem verwöhntesten bis zum bescheidensten, Genüge tat, wurde schon früh von den alten Deutschen dankbar ausgenützt. Namentlich in den Klöstern, deren strenge Tischregeln den Genuß des Fleisches vierfüßiger Tiere auf die Kranken und Schwachen beschränkte, bildete das Obst eine willkommende Abwechselung des Speisezettels. Daß auch der gesundheitliche Wert dieser Nahrung frühzeitig erkannt worden ist, wissen wir u. a. aus dem „R i n g" des Heinrich von Wittenweiler, einer mittelalterlichen Dichtung, in der ein Bauernarzt in einer Rede über die richtige Lebensführung eingehend von den Vorzügen des Obstgenusses, von der besten Zeit und Reihenfolge, in der es verzehrt werden soll, ausführlich spricht. So, als Stätte frohen Naturgenusses wie als Spender künftiger ©aumentabe und Gesundheit geliebt und gepflegt, verwuchs der Obstgarten auf das innigste mit den Lebensformen unseres Volkes. Unbewußt war auch in dem einfachsten Mann die gleiche Schätzung lebendig, der der große Weise des Mittelalters Albertus Magnus Ausdruck gegeben hat, wenn er unter allen Gewächsen die Bäume, unter diesen wiederum den Obstbaum am höchsten wertet und achtet. Die Dame mit dem Otterpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Er ließ ihn auf einem Stuhl Platz nehmen, der im vollen Licht des breiten Fensters stand, und fragte in feiner selbstverständlichen und herzlichen Art: „Kommissar Kling hat mir gesagt, daß Sie ihm neulich ohnmächtig vom Stuhl gefallen sind. Passiert Ihnen das öfter?" Grau wurde rot und machte eine unwillige Bewegung. „Unsinn, ich bin vollkommen gesund! Es war auch gar nicht der Rede wert. Ein wenig Hunger vielleicht. Ich hatte lange nichts gegessen." , Schon möglich. Sie machen ja auch im allgemeinen einen ganz kräftigen Eindruck. Aber vielleicht kann ich Ihnen doch etwas verschreiben, damit so etwas nicht wieder vorkommt. Denn ..." „Danke, bemühen Sie sich nicht! Ich hoffe!, daß meine Verurteilung bald erfolgen wird. Und bann dürften Ihre Verordnungen ohnedies ziemlich Überflüssig fein, Herr Doktor!" Er sprach mit einer spöttischen Ergebung, die irgend etwas Tragisches hatte. Morris entgegnete ohne die geringste Empfindlichkeit: „Vielleicht, Herr Grau. Aber vorläufig ist es ja noch nicht so weit. So ein Verfahren kann sich Monate hinziehen. Und Sie werden in dieser Zeit Ihre Kräfte sehr nötig haben! Wenn Sie bei jedem Verhör zusammenklappen oder gar ernstlich krank werden, tragen Sie jedenfalls nicht dazu bei, das Verfahren zu beschleunigen — wie das doch Ihr Wunsch zu sein scheint. Es liegt also in Ihrem eigenen Interesse, Ihre Gesundheit zu schönem Gestatten Sie ...?" Er nahm ruhig die Hand des Patienten und fühlte den Puls. Hm das Herz scheint nicht ganz in Ordnung zu sein. Sehen mir gleich einmal nach! Wollen Sie, bitte, den Oberkörper frei machen. Grau entkleidete sich ohne Widerspruch. Die ruhige Bestimmtheit des Arztes schien ihren Eindruck nicht verfehlt zu haben. Dr Morris war erstaunt über den fdjöngebauten, muskulösen Oberkörper des Mannes. Während er ihn abzuklopfen begann, fragte er ab- lenkend, „wo haben Sie denn Ihre prächtigen Muskeln her? Treiben Sie Sport?" m „Nein, die habe ich mir bei der Marine geholt. „Dann scheint Ihnen das Leben zur See ja ganz gut bekommen 3U ^Körperlich — ja. Aber psychisch wäre es bestimmt mein Ruin gewesen. Dazu gehört eine andere Natur. Nicht so ein Einzelgänger, wie ich einer bin. Diese fünf Vierteljahre waren die Holle für mich!' Wieder wird der französische Gesandte in Berlin vorstellig. Blücher sah das Unheil kommen, versuchte es im letzten Augenblick abzuwenden. Ansang Oktober verfügt er die Beendigung der Erdarbeiten und den Beginn der Wegeverbesserungen. Zu spät! Napoleons Groll konnte er nicht mehr besänftigen. Unaerroeilt wurde er nach Berlin zur Berichterstattung berufen. Seme Rechtfertigung mißlang, konnte auch nicht gelingen. Das Kolberger Lager gehörte der Vergangenheit an. Die Schanzen wurden wieder eingeebnet, fchmachvollerweise unter französischer Kontrolle. Blücher selbst mußte, wie schon einmal unter Friedrich dem Großen, in den Stand der Jn- aktivität treten! Die Abhängigkeit der preußischen Politik von der sranzosischen wurde immer größer. Der König mußte für seine „zweifelhafte Politik" und schwankende Haltung büßen. Aus einem heimlichen Gegner wurde ein offener Verbündeter. Zwanzigtausend Mann mußte er gegen seinen einstigen Waffengefährten, den Kaiser von Rußland, aufbieten. Gerade soviel, als Blücher für seine Lagerfestung benötigte! Diese Zwanzigtausend aber waren es, unter ihrem Führer Porck, die den Umschwung herbeiführten. Blüchers kühne Pläne wurden wenige Monate später, wenn auch in ganz anderer Form, überraschende Wirklichkeit. 1813 und 1814 erfolgte Preußens Erhebung. Blüchers Verbannung wurde aufgehoben. Als „Marschall Vorwärts" errang er Weltruhm. Obstgarten-Freuden der alten Deutschen. Eine kulturgeschichtliche Plauderei. Van Dr. Erich Weber. Wenn die Kronen unserer Obstbäume im duftigen Festkleid vom bräutlichen Weiß bis zum heitern Rosa leuchten, an Anmut mit den nur der Schönheit dienenden Zierpflanzen wetteifernd, verstehen wir es wohl, daß unsere Ahnen in ihrem „obizgarto" ober „boumgarto" die älteste Form des Lustgartens sahen, daß sie in ihm, der im Verhältnis zu dem Würz- und Blumengarten weitläufig angelegt war und auch nicht des zierenden Schmucks von Sträuchern ermangelte, mit Vorliebe Erholung suchten. Karl der Große, der dem Gartenbau eine so hervorragende Stelle unter den die Sitten seines Volkes veredelnden Einrichtungen zuteilte, gab das Vorbild in den Gärten feiner Pfalzen und Meierhöfe und vor allem der durch ihn beeinflußten Klöster. Im engen Bund mit den gelehrten Benediktinermönchen erließ er die Vorschriften zu ihrer Anpflanzung und Pflege, während er gleichzeitig durch seine weitreichenden Beziehungen, besonders durch seine Freundschaft mit dem Kalifen H a - run al Raschid, für eine Vermehrung des Anbaumaterials bes deutschen Gartens sorgte. Wie seine Bestrebungen Wurzel schlugen, davon zeugt deutlich der aus dem dritten Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts uns überlieferte Grundriß des Klosters St. Gallen. Hier wurde von den frommen Brüdern der Baumgarten in tief bedeutsamer Weise auf den Friedhof verlegt, rings um ein mahnend emporragendes Kreuz. Weiträumig breitet er sich aus, wie es das Capitulare de villis, eine heute Ludwig dem Frommen zugeschriebene Verordnung, auch für Meierhöfe fordert. Im Obstgarten vor dem Stadttor, auf dem grünen Rasen unter dem Schattendach der Bäume lustwandelten die Bürger, entflohen der Enge der damaligen Wohnungen; hier traf sich der Liebende in heimlichen Stelldichein mit der Dorfschönen, hierher slüchteten aus der Düsternis der Burggemächer König Ludwig und Irmengard, und des Baumgartens Wipfel waren Zeugen ihrer trauten Gespräche und ihres Verlöbnisses. Und wenn der Dichter des „Heliand" ein Bild des Garten Gethsemane entwirft, in dem der Herr mit den Jüngern wandelt, dann wird es ihm von selbst zu einem heimischen Obstgarten — so innig verknüpft war in der Vorstellung der damaligen Zeit der Begrisf des Entspannung gewährenden Lustwandelns mit solchen (Bartenanlagen. Im 70. Titel des „Capitulare“ wird eine stattliche Anzahl von Fruchtbäumen aufgezählt, die die Verwalter auf den Gütern anpflanzen sollen, darunter vor allem mannigfaltige Arten von Ae-pfeln — diesem Obst, das, wie es das älteste wildwachsende Germaniens gewesen und als das früheste italienische Zuchtobst schon im Römerreich eine beherrschende Stelle gespielt hat, auch in den deutschen Gärten so entscheidend voranstand, daß der Name „Pomario“ häufig mit Obstgarten überhaupt gleichgesetzt wurde; aber auch viele Sorten von Birn- und Pflaumenbäurnen neben Kirschen, Pfirsichen, Quitten, Mandeln, Feigen und Nüssen sind hier verzeichnet. Und daß diese Norschristen nicht bloß auf dem Papier standen, sondern erfreuliche Wirklichkeit wurden, wissen wir aus den Berichten der Visitatoren aus den Hofgütern. Die hier angelegten Baumschulen zeichneten sich häufig durch recht ansehnlichen Umfang aus; so erfahren wir, daß Kai er Karl einmal auf einem der Meierhofe 100 Birn-, 115 Pflaumen- und 1125 Kirschbäume setzen ließ. Das Verzeichnis der veredelten Obstsorten, das uns durch seine Reichhaltigkeit in Erstaunen setzt, muhte ihm alljährlich vorgelegt werden. Aber auch dem Obstbau im Kleinen galt frühzeitig Sorge und Schutz; so begann 'inboyerischen Bolts» recht der Begriff des Obstgartens, für den besondere Schutzbestimmungen galten, schon bei zwölf Stämmen. , . Wie hoch die Schätzung der Obstkultur in der Folgezeit, besonders unter den Hohenstaufen, gewesen, geht aus den die Köstlichkei^n des Fruchtgartens chützenden und jeden Baumsrevel hart strafenden Gesetzen hervor^ So erließ Friedrich Barbarossa Zehentfreihelt für alles, ,was im Beschlüsse des Hofes" gebaut wurde, worunter ausdrücklich Die Baumfrüchte erwähnt wurden, und der Landfrieden von 1177 tat einen jeden der einen Obstbaum ober Weinstock umhieb, einem Mordbrenner gleich in die Acht. Nach einem von diesem Kaiser erlassenen und von Otto IV. 1209 bestätigten Gesetze mußte Derjenige, der einen Baum unbefugt fällte, den zwölfjährigen Ertrag als Strafe geben, wenn dieser Baum gepfropft war; und die gleiche Buße war auch im Schwab en- spiegel" festgesetzt. Doch noch weit strenger ging die Stadt Augsburg mit den Gartenfrevlern ins Gericht. So heißt es: „Der den anöern schädigt in seinem Garten, Baumgarten, Wiesen, so soll er an ben 'Pranger geschlagen, durch die Zehen gebrannt und aus der Stadt geschasst werden. In diesem Augenblick wußte Dr. Morris, daß er gesiegt hatte. Er wagte keinen Laut. Er unternahm nichts, um den Ausbruch zu> verhindern. Erst als der Krcnnps sich gelöst hatte und das gemarterte Schluchten langsam verebbte, siihrte er ihn sonst durchs Zimmer. Bettete den willenlosen Körper auf einen Diwan. Setzte sich ganz nahe zu ihm und hielt mit bezwingendem Druck seine Hand. Grau drehte den Kopf nach der Wand. Er schien sich seines Weinens plötzlich zu schämen. Aber Morris sagte mit einer Herzlichkeit, die keine Hemmung mehr aufkommen ließ: Ich freue mich, lieber Grau, daß Sie endlich diese Tranen gesunden haben. Diesen seelischen Ballast müssen Sie abwersen, um die angehaufte psychische Spannung auszulösen. Und nun müssen Sie ein wenig Ber- trauen zu mir fassen, Grau! Vielleicht gelingt es mir Ihr.Schicksal günstig zu beeinflussen. Es wäre nicht das erstemal, daß ein ärztliches Gutachten einem Angeklagten den Freispruch erwirkt hatte! Aber — Sie müssen offen zu mir fein. Vergessen Sie ganz, daß ich Arzt bin. Daß ich im Auftrag einer Behörde stehe. Sprechen Sie einfach zu mir wie ein Mensch zum andern. Wollen Sie nicht?" Es war ihm gelungen, den Blick des Patienten einzufangen. Er fah ihn fest und tief an. Er drang mit seinen grauen Augen in ihn ein. Und unter der Kraft dieser starken und gütigen Augen löste sich in Donald Grau die letzte Hemmung. Langsam richtete er sich ein wenig auf und sagte mit einer matten und kindlichen Stimme: „Es ist gut, Doktor, ich will Ihnen alles erzählen." Er !ah fast wie ein Hausierer aus, in seinem schäbigen schwarzen Ulster und dem tief in die Stirn gedrückten Schlapphut. blnterm Arm trug er den Regenschirm und ein großes, slaches Paket. Der Maler überhörte die unfreundliche Begrüßung. Er sah sich suchend Eund stammelte enttäuscht: „Sind Sie denn — allein gekommen, Herr Fuchs? Haben Sie die Dame nicht mitgebrachi?" Fuchs schob ihn beiseite und trat in den Hausflur. „Ich bin vorausgegangen. Meine Nichte wird sofort nachkommen. Sind Sie allein zuhause?" SS ÜÄ® W * A»„ =m M. DOn der Treppe? Danke, ich bin orientiert! Ich werde meine Nichte selbst hinaufführen Sie warten solange hier in diesem Z.mmer und rühren tüyu, W» M ®r„ hinein. „Ich will nicht, daß Sie die Frau anders als im Kostüm Zu sehen bekommen. Aus Gründen, die Sie nichts angehen. Sobald ste umgekleidet l,t' Di? Türkei zu. Und Grau glaubte ein Geräusch zu hören, als ob von außen der Schlüssel umgedreht würde. Die rücksichtslose Energie des Andern lähmte seine Willenskraft. Wie angewachsen blieb er mitten im Zimmer stehen, unfähig, auch nur einen Schritt zu tun. Als ob er Blei in den Schuhsohlen gehabt hätte. Nur sein Gehör arbeitete sieberhast. Er hörte Fuchs zur Haustür gehen und wieder zurückkommen. Und es war ihm als mische sich in die schwerfälligen Tritte der leichte Rhythmus eines Fra'uenfchrittes. Dann wurde es eine Weile still. In feinen Ohren war nur noch das dumpfe Brausen seines Blutes. Seine Hande wurden csTalt vor Spannung. Die Viertelstunde des Wartens dehnte sich ihm .ns 8. Am 31. Oktober, einem Samstag, ging Donald Grau in erwartungsvoller Unruhe in seinem kleinen Atelier auf und ab. Er hatte seinen besten Anzug an und machte den Eindruck eines Menschen der vor einem ungewöhnlichen und feierlichen Ereignis steht. Das blasse Licht eines frostigen Herbsttages kam durchs Fenster. Ein zäher Kuftennebel kämpfte gegen ein paar kraftlose Sonnenstrahlen. Der strenge Geruch von Herbst- astern erfüllte das Zimmer. Alle Gegenstände waren damit geschmückt — ^'Vo'n'iei'f’au Ze^sah^Grau nach der Uhr. Es ging auf zwei. Von unten aus der Küche kam energisches Tellergeklapper. Ab und zu wurde eine Tür geschlagen, und die Hauspantoffel der braven Frau Schnee schlurften über den Flur. Endlich riß dem Maler die Geduld. Er stürzte auf den Vorplatz und rief gereizt über das Treppengeländer: Sind Sie denn immer noch nicht mit Ihrer Arbeit fertig, Frau Schnee? Was drücken Sie sich denn heute so lang im Haufe *)®runL. ffrau Schnee setzte eine tiefbeleidigte Miene auf und entgegnet fpig: „J“) tann nicht zaubern, Herr Grau! Und von allem wascht sich das Geschirr leider nicht. Sie wissen sehr gut, daß ich am Samstag me vor 3 Uhr wegkomme. Merkwürdig, daß Sie mich heute schon so sruh los sein n,°1Unb sie stelzte mit puterrotem Kops in ihre Küche Zstruck und ließ die Tür mit Nachdruck ins Schloß fallen. Bald darauf erschien ihr Dienstherr auf der Schwelle. Sie ließ vor Schreck über sein finsteres Gesicht eme EdOft ^^breiviertel zwei. In spätestens zehn Minuten sind Sie aus" dem Hause, verstanden? Oder Sie brauchen überhaupt nicht wieder- zuUnnmen", sagte er barsch. „Ihre Schlüssel,lassen Sie hier Sie brauchen das Gartentor nicht abzuschließen. Adieu! Er ging wieder nach oben in sein Atelier. Zehn Minuten später horte er Frau Schnee das Haus verlassen. Er sah sie mit tragisch gesenktem Kopf über den Kiesweg wandeln. Bald daraus siel das Gartentor ins Schloß. Und eine beklemmende Stille blieb im Hause zurück... m „ .... ... Kurz nach zwei ging die Hausglocke. Grau fuhr zusammen. Er suhl sein Herz in harten Stößen gegen die Rippen schlagen. Ein ganzi dünnes und irgendwie beglückendes Schwmdelgefuhl. zog ihm die Kopfhaut zu jammen. Die Knie wurden ihm schwer. Sie trugen ihn kaum Zur Tur. Und mit einer dumpfen Angst, die sich schmerzhaft und wollüstig zugleich in sein Herz krallte, fühlte er deutlich, daß sein Schicksal ihn streiste. Abermals bellte die Glocke, zweimal gereizt und herrisch. Der Zornige Alarm gab Grau seine Selbstbeherrschung wieder. In überstürzten Sprüngen polterte er die Treppe hinunter. In der Haustur stieß er beinahe mit Fuchs zusammen, der ihn verdrießlich anfuhr: J Warum lassen Sie mich denn erst Sturm lauten, bevor Sie sich bequemen mir 3u öffnen? Oder haben Sie unsere Verabredung ver- (Scronlt sich seiner bemächtigt hatte. Alle Einwande, die er gegen diese einmalige Sitzung vorzubringen entschlossen war, blieben unausgesprochen. Sie schienen ihm auf einmal selbst gegenstandslos. Eine große Sicherheit war plötzlich über ihn gekommen. Ein nie empfundenes celbftoertrauen. Die unerschütterliche Gewißheit, daß er dieser Aufgabe gewachsen war. (Fortsetzung folgt.) Tleraniwörtlich: vr.'^ns Thyriot. - Druck und Derlag: Druhl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei. D. Lange. Gießen. Sie meinen den Ton an Bord? Den Verkehr mit den anderen Ka- mer'^en — wie? Ich verstehe. Und dann haben Sie also plötzlich um- , gesattelt. Wo haben Sie denn studiert?" , , Zuerst in Berlin. Und dann em halbes Jahr in Paris "üßic bat Ihnen denn Paris gefallen? Eine sthr amüsante Stadt wie'ö Besoiiders für einen freien Künstler?" Dr. Morris ladjelte m » sagend Grau wich seinem Blick aus und begann sich ""^kleiden. EndlA Jagte er: „Darüber kann ich nicht urteilen, Herr Doktor. Ich war nicht 3U Der^Arzt^betrachtete ihn ausmerksam. „Gewiß — ja. ^.ber. den ja nicht Tag und Nacht gearbeitet haben. Was malen Sie eigentlich. "Ah"—"schöne^Frauen! Ein beneidenswerter Berus!" Morris zwinkerte ironisch/ „Dann kann ich mir allerdings Ihre em wenig in Un- OTb®rau (avJ^mi&S «»• Stirn verfinsterte sich. ".Run, "ich" meine, daß ein derartiger Beruf Ziemlich strapaziös fern maa. Besonders für das Herz! Wenn man dauernd Gelegenheit hat, mit hübschen Frauen allein zu sein, dann fällt natürlich die Zuruckhaltung id)"er batte absichtlich diesen etwas frivolen Ton angeschlagen. Er hoffte, den spröden Menschen damit aus seiner Reserve herauszulockem Und es glückte ihm auch. Grau zog die Brauen zusammen. Eine Flamme schlug ihm Ich pcritebe sehr gut, worauf Sie hinauswollen, Herr Doktor. Und ich 'finde, daß diese Frage Ihre ärztlichen Befugnisse uberschreitetz Damit aber Ihre Diagnose kein Loch bekommt, will ich Ihnen sagen, daß Ihre Mahnung bei mir ganz überflüssig ist. Ich mache mir nicht Diel aus ^"Nach/ünem kurzen Schweigen forschte Morris de^nt: „Und warum nicht? Sie sind doch ein junger irischer Mensch! Hatten Sie einmal irqenbein bitteres (Erlebnis mit einer . Grau schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich könnte niemals eine Frau berühren — die — die nicht meinem Ideal entspricht. Ich bin in dieser Beziehung vielleicht zu anspruchsvoll — ich weiß nicht. Und wenn mir bann eine Frau begegnet, in die ich mich verliebe — eme Frau, die dieses ganz große Entzücken bei mir auslost — dann... „Wollen Sie Ihr Ideal nicht zerstören! Wie? Donald Grau nickte versonnen. „Ja, dann erst recht nicht! Der Arzt ließ mit Absicht eine Pause eintreten. Er fühlte instinktiv, daß er unmittelbar vor feinem Ziele stand. Daß dieses verschlossene Gesäß sich ihm in der nächsten Minute von selbst öffnen wurde wenn er jetzt das rechte Wort fand. Aber auch — daß er ein für allemal verspielt hatte, wenn er diesen günstigen Moment verpaßte. Er überlegte angestrengt. Dann entschloß er sich plötzlich zu einem gewagten Blufs.Rxr legte Grau die Hand auf den Arm und fragte sehr zart und eindringlich mit feiner warmen Stimme: ,,Unb jene Frau, um derentwillen Sie Fuchs ermordet haben, hat bie Ihrem Ideal entsprochen?" . Donald Grau fuhr zusammen. Seme Sippen wurden weiß. Seme Pupillen verdunkelten sich in einem tiefen Erschrecken. Was — wissen Sie davon? Wer sagt Ihnen, daß ich die Tat aus Eifersucht begangen habe?" Seine Stimme wurde rauh. „Das «st nicht wahr! Ich habe Fuchs gehaßt — ja. Bis zur Tollheit! Ich wollte ste von ihm befreien! Aber Eifersucht? Auf diesen häßlichen, alten Halunken? Nein, bei Gott nicht!" . .... „ . Er versank in finstere Teilnahmslosigkeit. Er schrumpfte förmlich in sich zusammen. „Aber das ist ja alles ganz gleichgültig letzt. Es ist ja jetzt alles zu Ende." , .. . m,. * Dr. Morris beugte sich ganz nahe zu ihm hm. Sem warmer Blick suchte die Augen des jungen Menschen. . . . „Was denn, lieber Grau — was soll zu Ende sein? Erwidert denn die Frau Ihre Liebe nicht?" . , ... Grau lächelte verzerrt. „Woher soll ,ch das wissen Aber ov.el .st gewiß, mit einem Mörder wird sie sich niemals abgeben. Diese Frau! Das ist ganz unvorstellbar!" , Seine Stimme ging in einem Stöhnen unter. Ein innerer Kamps fdiüttelte seine Schultern. Und mit einmal brach ein Schluchzen aus ihm hervor Ein wildes, ungehemmtes, kindliches Weinen, das ihm das Innere umkehrte und die Schulter des Arztes mit einem Tranenstrom uber- ll^Endlich ächzte die Treppe unter plumpen Stiefeln, und in der nächsten Minute betrat Fuchs die Wohnstube. , „Sie können jetzt hinaufgehen, meine Nichts ist bereit, «em glas- beller Blick drang gebieterisch auf Grau em. „sie haben drei «tunden '-leit ffcki lebe mich inzwifchen in der Stadt um. Um halb sechs bin ich ku ück und hole meine Nichte ab. Bis dahin ist das Bild so weit daß Sie die weitere ^Ausführung nach dem Gedächtnis machen können! Prägen Sie sich aufs Genaueste alles ein! Und sorgen Sie dasur, daß niemand da« Bild zu sehen bekommt! Niemand! Verstanden? . Wenn Donald Grau sich diese Szene später ins Gedächtnis zu rufen versuchte, hakte er aufs Neue jenes Gefühl vollkommener Wehrlosigkeit, das ihn diesem Mann gegenüber schon damals tm Zug befallen hakte. Er hätte nicht erklären können, warum. Er fühlte nur dunkel — lstejch- !am an der Peripherie seines Bewußtseins —, daß irgendeine unerbittliche !r ! .. , t . (tinmnnli» hi» pr apaen biefe etn=