Gießener KmnlienlMer Unterhaltungrbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1953 Montag, öen 21. August Nummer 64 Krage und Antwort. Von Eduard M ö r i k e. Fragst du mich, woher die bange Liebe mir zum Herzen kam, Und warum ich ihr nicht lange Schon den bittren Stachel nahm? Sprich, warum mit Geisterschnelle Wohl der Wind die Flügel rührt, Und woher die süße Quelle Die verborgnen Wasser führt? Banne du auf seine Fährte Mir den Wind in vollem Lauf! Halte mit der Zaubergerte Du die süßen Quellen auf! Führung und Geleit. Aus einem Lebensgedenkbuch von Hans C a r o s s a. Eine Schar von Dichtern, die stets dem Geist volkstreuer Bodenständigkeit dienten und die nationale Wiedergeburt vorbereiten halfen, haben sich zu einem Bekenntniswerk vereinigt, das von Heinz Kindermann unter dem Titel „Des deutschen Dichters Sendung in der Gegenwart" bei Philipp Reclam jun. in Leipzig herausgegeben und als wichtiges künstlerisches Zeugnis dieser Zeit seinen dauernden Wert bewahren wird. Vom siebzigjährigen Hermann Stehr bis zur dreißigjährigen Ruth Schaumann nehmen hier die gestaltenden Geisteskümpfer unserer Tage Stellung zu den großen Problemen der kulturellen und schöpferischen Erneuerung, die uns alle bedrängen. Aus diesem Chor, der sich hauptsächlich mit dem Amt und den Aufgaben des Dichters und der Dichtkunst im neuen Reich beschäftigt, entnehmen wir die folgende Erzählung von C a r o s s a. In Tagen, wo ich es am wenigsten erwarten durfte, fand ich mich unversehens an die verworrenste, bedrängteste Zeit meiner früheren Jahre erinnert. Während eines Angriffs der englischen Artillerie war ich in dem nordfranzösischen Dorf Le Sar am linken Arm verwundet worden und erreichte nach weiten Umwegen gegen Mitternacht die Stadt Lestrem, wo mich eine überfüllte Lazarettstube aufnahm. Von Marsch und Blutverlust ermüdet, schlief ich augenblicklich ein. Als ich erwachte, war das Zimmer voll Sonnenlichts mein erster Blick fiel auf zwei Tote, die gerade hinaus- getragen wurden. In allen Betten lagen Schwerverletzte, viele bewußtlos. Ein Wärter brachte Brot und Büchsenfleisch; ich aß am offenen Fenster und sah in einen geräumigen Hof, der halb ein Garten war. Inmitten stand ein Lärchenbaum voll grüner Pinselchen; den Stamm umlief ein schmales Beet, von Veilchen blau. Ein braunlockiges Mädchen, eine große Puppe im Arm, fang im Aufundabgehen unaufhörlich: „Ma poupee est de Nuremberg — de Nuremberg — de Nuremberg ..Ein zittriger, alterskrummer Franzose wankte der weitoffenen Tür eines Kabinettchens ZU, behutsam geführt von einem deutschen Infanteristen, dessen Waffenrock eine ganze Sammlung von Ordensbändchen, Tapferkeitsmedaillen und Verwundungsabzeichen trug. Die Art, wie dieser den Alten allmählich ans Ziel brachte und alle möglichen Liebesdienste an dem schlecht gelaunten Mann vollzog, war von einer versonnenen Gründlichkeit, wie sie vielleicht nur bei einem gewissen Schlag bayerischer Bauern vorkommt; mir gab die kleine Szene ein starkes Gefühl von der gelegentlichen Liebenswürdigkeit des Daseins. Ein junger Arzt nahm sich meiner an, zog einen Eisensplitter aus der Wunde, verband sie und sagte, es gehe schon in einer Stunde ein Kraft- Magen über Pont du Hem und Hallebarge nach Seclin; dort würde ich gewiß einen Lazarettzug erreichen und bald nach Deutschland kommen. Dankbar nahm ick) von der guten Gelegenheit Kenntnis, packte das wenige zusammen, was mir von meinem Gepäck verblieben war, und fand gerade noch einen Platz im Wagen Die Fahrt verlief in fiebriger Benommenheit, von der ich mich noch erinnere, daß mich etwas traumhaft zwang, die verendeten Pferde zu zählen, die am Straßenrand lagen; ich kam bis über siebzig. Zwei Tage früher hatten wir bei jedem Verwundeten einen Stab ober einen dünnen Ast in die Erde gesteckt und Taschentücher oder Mützen daran befestigt, um der nachrückenden Sanitätskompanie 2as Auffinden zu erleichtern. Diese Zeichen standen noch gespenstisch da und oort im srählingshellen Land, und während ich auch sie zu zählen begann,'stieg auf einmal, alles andere verdrängend, das Erlebnis des vorhergehenden Tages ins Bewußtsein: der plötzliche Drang, der mich genötigt hatte, beifeite zu treten, bald darauf ein dumpfes, fast lautloses Schüttern des Bodens, das Gefühl eines leichten Schlages auf den Arm beim Zuknöpfen des Mantels, das Entsetzen bei der Rückkehr, als alle, mit denen ich mich soeben unterhalten, tot und sterbend umherlagen. Sanitätsfeldwebel Dehm, Gefährte und kluger, unermüdlicher Helfer in zahlreichen Schlachten, versuchte nach, seinen Blick auf mich zu sammeln; es war aber der Blick eines Wahnsinnigen. Eine Wunde sah ich nicht an ihm, merkte jedoch an seinem Wachsgesicht, daß er hinüberging. „Haben Sie Schmerzen, Dehm", fragte ich, und er fchrie: „Bitte gehorsamst, sterben." Um irgend etwas zu tun, wollte ich nun doch die Wunde suchen; aber Dehm schloß die Augen, seufzte noch einmal und verlosch. Dann kam das unschlüssige Dastehen unter lauter Hingestreckten, der aussichtslose Versuch, ein Heft mit Aufzeichnungen aus dem zerfetzten und verschütteten Gepäck hervorzugraben, und schließlich die lange Wanderung nach Lestrem. Dabei begleitet mich ein halbbetäubtes Wissen um die strategische Vergeblichkeit der ganzen Aktion, das ich aber bald ab- schüttelte, indem ich mir sagte, daß ich von allem, was da vorging, eigentlich nichts zu verstehen brauchte und ein Recht hätte, mich einfach auf die Heimkehr zu freuen. In Seclin war es mein erstes, unseren braven Zahlmeister Voisin aufzusuchen, der meine Barschaft verwahrt hielt. Er schien bei meinem Anblick zu erschrecken und vergaß, mir die Hand zu geben; jemand hatte mich ihm als gefallen gemeldet, und eben war er dabei, Geld und eingelaufene Poft mit einem Kondolenzbrief nach München zu schicken. Auch Karl Bonfig, der Verpflegungsoffizier, erschien, äußerte feine Freude über meine Erhaltung und stattete mich mit Lebensmitteln für die Reise aus. Bewegten Herzens nahm ich Abschied von den beiden Männern, die uns feit Jahr und Tag im Westen wie im Osten tausend Sorgen abnormen, ohne jemals ein Wesen daraus zu machen. Auf der Straße kam ich an dem Kiosk einer Feldbuchhandlung vorbei; hier fand ich zwischen der „Alraune" von Ewers und dem „Wunderkind" von Thomas Mann ein grau geheftetes Bändchen, das ich mit keinem anderen verwechseln konnte, die Aufzeichnungen Doktor Bürgers, in denen ich Erlebnisse meiner erftflr ärztlichen Zeit mehr angedeutet als geschildert hatte Das Exemplar erhielt ich antiqu.arisch für ein paar Pfennige; es hatte keinen Leser stark gefesselt und war nicht einmal ganz ausgeschnitten; doch sah ich den Satz: „Es gibt jetzt viele Felder der Ehre" scharf unterstrichen und mit zwei spitzen Fragezeichen versehen. Ich begann zu lesen, hörte aber gleich wieder auf; fo unerheblich und so sehr vergangen erschienen mir die Sorgen und Beängstigungen der alten Zeit. Als ich aber bann in dem ungeheizten Lazarettzug die Briefe las, die mir Voisin eingehändigt hatte, da bestätigte sich's wieder einmal, daß uns das Leben an gewisse Dinge gern durch doppelte Zeichen erinnertem Widerhall auf meine wenigen Veröffentlichungen war bis dahin wohl ab und zu von einem Dichter, aber nie von anderen Lesern her zu mir gekommen, und so mußte es mich stark berühren, daß nun eine unbekannte Frau aus dem Rheinland sich zu dem Flucht-Monolog, den ich dem Doktor Bürger in den Mund gelegt, sehr herzlich äußerte, ja ihm eine seelische Genesung zu verdanken glaubte. Berühmte Schriftsteller sind wohl an Bezeugungen der Dankbarkeit gewöhnt; mir aber bedeutete dieser unverhoffte Zuruf etwas Außerordentliches, und nie hätte er mich empfänglicher finden können als auf jener Heimfahrt. Der tob war dicht vorbeigegangen, das Leben von nun an ein wahrhaft geschenktes. Wie sich's äußerlich einrichten würde, falls mich der Krieg nicht etwa doch noch roegblies, das war leicht zu sogen: es konnte nicht viel anders werden, als es im Frieden gewesen war. Ich würde wieder an Krankenbetten sitzen, über fremde Leiden Buch führen, Diagnosen und Prognosen stellen, Heilmittel verordne», Zeugnisse verfassen, öfters nachts gerufen werden, von Zeit zu Zeit eine Urlaubsreife antreten und hie und da einmal ein paar Verse ober eine Seite Prosa schreiben. Die alte enge Form bes Daseins erwartete mich; aber dies hatte nichts Bedrückendes mehr. Das Leben ließt nie zu den alten Ufern zurück, unb wenn ich auch künftig bas nämliche Geschäft betrieb, so konnte es boch nicht mehr bas nämliche bebrüten. Was mein dichterisches Bemühen anging, fo kannte ich mich nun genügend, um zu wissen, daß mir um so eher etwas geraten konnte, je williger ich mich dem allgemeinen Los der Menschen unterwarf, je weniger ich mir ein Ausnahmeschicksal wünschte. Dem ärztlichen Wesen wallte ich treu bleiben, und, falls ich etwas schriebe, mit der Sprache kaum anders umgeben als mit den Heilgiften, auf deren genaue Dosierung ich eingeübt war. Dabei spürte ich deutlich, daß irgend etwas in meiner Natur diesem frommen Porsatz immer heimlich widersprach; unb was weiß man auch am Enbe von sich selber? Gerabe im Alter, wenn gewisse Fundamente brüchig werden, kann es dem Künstler noch geschehen, daß tief von unten eine Dämonflamme heraufschlö.gt, die ihn auf einmal zwingt, anders zu leben, anders zu formen. Jetzt aber wollte ich mich, soweit es die Zeitläuste zuließen, vor allem des Lebens freuen ..." Oe« Hunderttausend- entfliehen im Sommer, zur Ferienzeit, den. Humor im altdeutschen ZRe&t. Von Dr. Kurt Haack. Mit der stärkeren Betonung des deutschen Rechtes in unserer Rechtsprechung wird auch eine volkstümlichere Fassung der Gesetze gefordert. 'Berüchtigt war ja das „Juristendeutsch" mit seinen gewundenen Satz- labyrinthen dem undurchdringlichen Drahtverhau der Paragraphen und der^trockenen Unlebendigkeit des Stiles Zweifellos hat dir,es durch die fremden Einflüsse erstarrte und unverständlich gemachte Buchdeutsch zu der Kluft beigetragen, die sich zwischen Volk und Recht austat. Dem.alten deutschen Recht war dagegen schon in der äußeren Form eine hohe Volkstümlichkeit eigen, und es besaß auch etwas, was uns heute besonders merkwürdig anmutet: Humor. Wie kam dieser heitere Einschlag m den ernsten und strengen Bereich des Rechtes? Er war em Zeichen der Iuqendkraft des Volkes, das allen Dingen des Lebens frisch und naiv gegenüberstand und selbst die düsteren Abgründe des Verbrechens noch mit einem lichten Schein erhellte. Die Gelehrten haben daher im^ altdeutschen Rechts-Humor stets ein bezeichnendes Merkmal germanischen Geistes gesehen und eine Fülle von Beispielen aus den Quellen zu- sarnnren gestellt gQn3 natürlich aus der Vi l d h a f t i g k e l t d e r alten Sprache; diese liebte Umschreibungen für die schaurigen Dinge und nannte etwa die Strafen des Stranges und der Enthauptung: m die Luft reiten, die Luft über sich zusammen schlagen lassen, einen Kops kürzer machen usw. Stets stoßen wir auf drastische Vergleiche, wie wenn es z B von der Teilung eines Nachlasses heißt, sie solle sein „rote em Schweinefuß", womit die beiden gleichen Teile gemeint waren. Der St, hatte noch viel von dichterischer Anschaulichkeit bewahrt Wenn gesagt werden soll, daß der Zehnte von den ertragniffen alher liegenden Guter zu entrichten fei, so wird dies so gefaßt: „Man soll geben den Zehnten von allen Gütern und Landen, die der Wind bewegt, der Regen besprengt, die Sichel schneidet, die Sense mäht." Besonders deutlich tritt die humoristische Form in manchen Rechts - S p r , chwortern ä.^age. „Der letzte macht die Türe zu" - das soll bedeuten, daß das eheliche Ge amt- gut an den überlebenden Ehegatten fallt. „Die Tochter frißt die Mutier — damit wird gekennzeichnet, daß die Zinsen, wenn sie lange Zeit nicht bezahlt werden, so groß werden können, daß das Gut selbst verloren geht. Das Anerbenrecht wird mit dem Satz charakterisiert: „Der Bauer hat nur ein Kind", weil nur einer erben kann Daß sich die Strafbarkeit auf Handlungen beschränkt, wird durch Wendungen ausgedrückt wie: „Gedanken sind zollfrei", oder „Worte schlagen einem fern Loch in den Kopf". Der Sinn der Strafe wird in dem Satze angegeben: Wer sich nicht bessern will, den soll der Henker in die Schule nehmen. "Wer die Augen nicht auftut, tue den Beutel auf", heißt es von Geldstrafen. Um gewisse Dinge recht deutlich einzuprägen, bedient man sich der Uebertreibung, die leicht ins Komische umschlägt. Der besonders geschützte Frieden der Nacht wird so umschrieben: „Die Nacht soll so frei sein, daß einer seine Türen an der Landstraße zur Nacht herausnehmen mag und an seine Wand hängen und morgens roiederum hintun. Natürlich wird niemand die Haustüre nachts wegnehmen, aber Die erhöhte rechtliche Sicherheit kann kaum sinnfälliger gekennzeichnet werden als durch diese Satzung. Die Pflicht der Wachsamkeit mir» in manchen Weis- tümern mit solcher Uebertreibung eingeschärft. So sollen die Weinberg- Hüter „ufitn der Schlaf sie ankommt, ihren Spieß zwischen ihren Arm und einen Kieselstein unter ihr Haupt legen und ihren Schlaf also tun. In so unheguemer Lage werden sie sofort wieder aufwachen. Den Hirten wird aus: diesem Grund anbefohlen, daß ihr Hirtenstab an beiden Seiten ein spitzitzes Eisen haben müsse und der Hirt, wenn er stillsteht, stets die eine /Spitze auf dem Fuß, die andere unter das Kinn lege, damit ihn das Eisen sticht, wenn er einschläft. In der Soester Gerichtsordnung soll dem Richter eingeschärst werden, daß er sich eine zweifelhafte Sache recht lange überlege. Da heißt es: „Es soll der Richter auf seinem Richterstuhl sitzen als ein griesgritnmenber Löwe, den rechten Fuß über den Unten geschlagen, und wenn er aus der Sache nicht recht kann urteilen, soll er dieselbe 123mal überlegen." Um die Schnelligkeit, mit der eine Handlung vollzogen werden soll, zu bezeichnen, werden besondere Eimelheiten angegeben. Wenn einer von einer ihm zufallenden Erbschaft Kunde erhält, während er gerade bei Tisch sitzt, dann soll er sein Messer unabgewischt in die Scheide stecken, aufspringen und sein Recht ausüben. Wenn er sich gerade anzieht und erst einen Schuh anhat, dann soll er nicht den zweiten anziehen, sondern den ersten wieder abtun. Er soll sogar sofort aufdrechen, wenn er das eine Hosenbein an und das andere noch in der triebe der Großstadt, um an den Küsten unserer heimischen Meere Erholung zu finden. Bon Borkum an der holländischen Grenze bis zur Kurischen Nehrung im äußersten Nordosten reiht sich Ort an Ort, Bad an Pad, und so reich und mannigfaltig ist die Auswahl, daß der Erholungsuchende oft in Verlegenheit gerät, wohin er reifen soll. So groß aber die Gegensätze sind, welche die deutschen Küsten in sich emschließen, sie werden nicht allein durch die Gestaltung des Festlandes verursacht, das Meer selbst ist in hohem Grade maßgebend für den Charakter der Stuften« landschast und für ihre klimatischen Verhältnisse. Kaum irgendwo sonst auf unserer Erde wird man zwei benachbarte Meere finden, die miteinander in Verbindung stehen und doch so verschiedenartig sind wie Nordsee und Ostsee. . Zwar stellen beide Meere nur eine verhältnismäßig flache lieber« flutung des europäischen Kontinentalsockels von meist weniger als 100 Meter Tiefe dar. Aber während die Nordsee sich in breiter Pforte gegen das über 3000 Meter tiefe Nordmeer öffnet und außerdem durch den Englischen Kanal mit dem Atlantischen Ozean in Verbindung steht, führen vom Skagerrak und Kattegat nur schmale, slußähnliche Meerengen zur Ostsee, die somit ein fast allseitig von Land umschlossenes Binnenmeer darstellt. Mehrere Schwellen gliedern die langgestreckte Ostfeemulde in einzelne Becken; dagegen bildet die Nordsee eine einheitliche Senke, deren Boden langsam aber stetig von 20 bis 30 Meter im Süden auf 150 bis 200 Meter Tiefe im Norden abfinkt. Durch die mächtige veffnung zwischen Schottland und Norwegen bringt mit dem Golfstrom salzreiches atlantisches Wasser tropischen Ursprungs in breitem Strom in die Nordsee ein, fließt nahe der engli|d)en Küste nach Süden, um sich dann, durch Sanalmaffer verstärkt, längs der holländischen und deutschen Küste ostwärts und schließlich nach Norden zu wenden wo ein Teil in das Skagerrak eintritt, wahrend der Rest längs der norwegischen Küste zum Nordmeer zurückflutet. Diese atlan- tische Strömung verleiht der Nordsee ihren hohen Salzgehalt von 34 bis 35 Gramm im Liter. Im Gebiet der Deutschen Bucht wird allerdings das reine Nordseewasser durch die Süßwassermengen von Ems, Weser und Elbe etwas verdünnt, und der Salzgehalt betragt an den deutschen Nordseebädern nur 30 bis 33 Gramm im Liter. Aus seinem langen Wege von Schottland bis zur Deutschen Bucht erfährt das in die Nordsee eindringende kühle atlantische Wasser im Sommer eine beträchtliche Erwärmung, so daß hier 18 Grad und mehr erreicht werden und die deutschen Nordseebäder in dieser Hinsicht beionvers begünstigt erscheinen. Starker Seegang und die durch Ebbe und Flut ye « vorgerufenen kräftigen Strömungen mischen das Wasser der südlichen Nordsee derart, daß von der Oberfläche bis zum Boden in der Reget gleicher Salzgehalt und gleiche Temperatur herrschen. Diesem Umstano berechtigunq dadurch ausgedrückt, daß etwas übertrieben Großes oder Unmögliches geleistet werden soll. So erwähnt Jakob Grimm in seinen Rechtsaltertümern eine Buße von hundert schwarzen Schwanen und hundert weißen Raben. Das „Unmögliche" soll sogar bisweilen geleistet worden sein. So berichtete eine Chronik, daß der Graf von Tecklenburg, als er 1370 von den Osnabrückern gefangen genommen wurde, von ihnen zu einem Lösegeld verurteilt wurde, das in einem gestrichenen Scheffel Welinghöfer, einer münfterifchen Silbermünze, aus breimanns hohen Rasenstücken ohne Dornen und aus drei blauen Windhunden bestand. Das Lösegeld soll nun wirklich nach acht Jahren bezahlt worden [ein, indem die Münzen aus nah und fern gesammelt, die Rosenstocke in Glasröhren aufgezogen, und die Windhunde in der Art gezüchtet wurden, daß man ein blaugefärbtes Paar in ein blaues Zimmer einsperrte und nur mit blauen Speisen fütterte! Gewisse Vergehen wurden mit dem Fluch der Lächerlichkeit preis« gegeben, so, wenn ein Ehemann von (einer Frau geschlagen wurde. Die böse Sieben mußte bann rücklings auf einem Esel, den -schwänz in der Hand, durch den ganzen Ort reiten, wahrend der Pantoffelheld das Grautier führte. (Eine noch merkwürdige Bestimmung verlangt, daß der von der Frau geprügelte Mann das Haus verläßt, eine Leiter ansetzt, ein Loch in das Dach macht und das Haus zupfählt. Dann soll er ein Pfand im Wert eines Goldstückes mitnehmen und dieses mit zwei Rach- baren als Buße vertrinken, aber es muß so gleichmäßig getrunken wer« den daß beim Einschenken aus der Kanne unter dem zum Messen angebrachten Ringe soviel Raum übrig bleibt, als eine mit aufgerichteten Ohren kriechende Laus braucht.) Sehr reich war das altdeutsche Recht überhaupt an k o m i s ch e n S t r a f e n. So muhte der überführte Hundedieb entweder den Hund vor versammeltem Bolke küssen oder fünf Schilling zahlen. Ein Krieger, der sich betrank, wurde so bestraft, daß er nichts als Wasser trinken durfte, bis er sein Unrecht eingesehen hatte. Man liebte es, die Strafen an dem Glied zu vollziehen, mit dem die Tat begangen war. Der unrechtmäßige Lauscher sollte mit den Ohren ans Fensterbrett genagelt werden, der Läger beim gerichtlichen Widerruf der Schmähungen sich selbst aufs Maul schlagen usw. Ein lächerlicher Schimpf lag in den Strafen wie dem Hundetragen, dem Schnellen und Wippen, wobei der Missetäter in einen Korb gesetzt wurde, der über einer Pfütze schwebte; der Korb wurde dann in die Pfütze hinabgelassen und wieder heraufgezogen. Ein besonders anmutiges Kapitel des altdeutschen Rechtshumors beschäftigt sich mit der Geselligkeit. Bei den Zusammenkünften und Festen wurden gewisse Bestimmungen festgesetzt über Gröhe und Menge der zu liefernden Gegenstände, über Art und Zubereitung der Gerichte, Farbe der Geräte usw. Da heiht es z. B. auch, daß der, der sich übergibt oder die Treppe hinunterfällt, alles bezahlen muh, oder es soll den Schöffen solange eingeschenkt werden, bis sie eine Taube von einer Krähe auf dem Dach nicht mehr unterscheiden können. Aus diesen lustigen Rechtsbräuchen tritt uns em buntes und heiteres Bild mittelalterlichen Lebens entgegen. Oie deutschen Meere. Nordsee und Ostsee — ein geographischer vergleich. Von Dr. Erwin Kossinna. Hand hat. Komisch wirken auch häufig die Scheinrechte, die in scherzhafter Ausschmückung etwas gewähren, was so gut wie nichts ist. Das Nutzungsrecht am Holz wurde sehr streng innegehalten. Daher wird dem, der durch einen Wald reitet, zwar erlaubt, sich ein Reis abzubrechen, um dem Pferd die Mücken fernzuhalten, aber bevor er den Wald verläßt, muß er den Zweig wegwersen. Dem Herzog von Lüneburg wird gestattet, wenn er durch den geschützten „Truwald" reitet, sich einen Kranz zu winden, als Sinnbild seiner Würde, „aber wenn seine fürstliche Gnaden aus der an- deren Seite wieder aus dem Walde kommt, soll er den Kran^ in den Wald werfen, und dem Wald danken". Am häufigsten besteht das Scheinrecht in einer Scheinbuhe, die eigentlich rechtlosen Leuten zugebilligt wird. Die Spielleute und Fahrenden haben für den Fall ihrer Verletzung nur „auf den Schatten eines Mannes" als Buhe Anspruch, Diebe und Räuber auf „zwei Besen und eine Schere", d. h. nur auf die Werkzeuge, mit denen sonst die verdienten Strafen „zu Haut und Haar" wirklich vollzogen wurden. Eine Scheinersüllung wird bei der Auslieferung von Verbrechern bisweilen zugeftanden, wenn man die Uebergabe an den Richter umgehen will. Man soll bann nach einem bayerischen Weistum den llebeltäter mit einem Strohband an eine Türsäule binden, worauf er sich natürlich losreißen kann, oder man soll den Dieb „gebunden in ein lediges Schiff setzen, und ihn ohne alle Ruder drinnen lassen, darf also eine Art Gottesgericht mit ihm vornehmen. Vielfach wird dieje Schein- die ihre Netze trocknen — ein Zug, der den Nordseebädern mit ihrem Wechsel von Ebbe und Flut fehlt. Die westliche Ostsee ist mit ihrem Seegang und den zahlreichen guten Häsen das bevorzugte Gebiet des Segelsports, der seinen Höhepunkt in den berühmten Regatten der „Kieler Woche" sindet. Wo aber östlich Rügen die Ostsee sich mächtig erweitert, nimmt sie auch einen meerartigen Charakter an. Die vorherrschenden westlichen Winde bewirken, daß der Wellengang nach Osten hin mit zunehmendem Seeraum immer stärker wird — wie mancher schon erfahren hat, der zu Schiff von Swinemünde nach Ostpreußen reiste. Wohl entfaltet Zoppot im Schutze der Halbinsel Hela noch einmal die ganze Anmut und Lieblichkeit, wie wir sie an der westlichen Ostseeküste antreffen. Aber die steile, durch Schluchten zerrissene Bernsteinküste des Samlandes und die gewaltigen Wanderdünen der Kurischen Nehrung, dieser „Wüste am Meer", sind in ihrer eigenartigen herben Schönheit und Größe unübertroffen. Und wenn der wilde Nordwest über die weite Fläche von Schweden her weht, steht vor der ostpreußischen Küste eine riesige Brandung, die der von Helgoland und Westerland nichts nachgibt. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Malier Julius B l o e m (GDS.). (Fortsetzung.) Dabei ahnt sie kaum etwas von den Schwierigkeiten ihres Sohnes, weder von den materiellen, noch gar von den geistigen. Anton befand sich niemals in so arger Geldverlegenheit wie in diesen Wochen. Auf seinem Postscheckkonto tröpfeln die Zahlungen nur einzeln herein, er beschwichtigt drängende Lieferanten, lebt wie ein Mönch, und er scheint, als habe er keine persönlichen Bedürfnisse. Doch die Hauptsache: daß er ausgewacht ist aus seinem Winterschlaf, eine ahnungsvolle Unruhe hetzt ihn in immer früherem Morgengrauen von seinem harten Drahtbett, unter dem eiskalten Wasserstrahl im Hof der Farbenfabrik wäscht er sich, rührt den Schwengel, und das Kreischen dieser Pumpe weckt ihn vollends auf. „Fang — an" macht die Pumpe zwei Dutzend mal, „faaang an!" Also fängt er an, während er jeder feuerpolizeilichen Vorschrift zum Trotz sich auf einem Spirituskocher feinen Kaffee zurechtmacht. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn Anton in feinem Lauf einfach liegenbleiben sollte. In einer ungewissen Angst erhöht er ständig sein Arbeitstempo, aber die Stapel der unverkauften Vorräte wachsen und deuten an, daß nun erst recht etwas nicht stimmt. Bald daraus kommt der Konditor Fabisch, auch er von Tag zu Tag früher. Es ist eine heimliche Arbeit, es sott erst eine richtige werden, vorläufig bezieht er noch feine Unterstützung und gilt als erwerbslos. Fabisch steht mit entblößtem Oberkörper und mächtigen Schustern am Trog, man muß doch fleißig fein, dann kommt man vorwärts, so haben es die Ettern gesagt und der Pastor auf der Kanzel, und so hat man es in der Schule gelernt, warum geht es also nicht vorwärts mit den Kosmetischen Werken? Für den Äiechaniker Gambel ist meistens nichts zu tun, er kommt auch nur manchmal, sitzt herum, gähnt — und läuft zu feinen Freunden in die Kneipe. Es ist Frühling geworden, denkt Gambel, sonst muß man um diese Zeit an der Maschine stehen, aber jetzt habe ich frei, und es eilt nicht mit der Arbeit. Jeden Morgen flitzt Elli mit ihrem alten wackligen Fahrrad daher, und während Anton in feinen Kesseln und Bottichen rührt, klebt sie schöne bunte Etiketten auf die fertigen Tuben, packt die Kartons und unkt ein bißchen. Kein Zweifel, die Geschäfte schrumpfen schon wieder ein! „Sie mühten 'mal wieder ein paar nette Inserate abschließen, Herr Doktor." „Wer pumpt mir das Geld dafür?" Einen Haufen Briefe bringt Elli mit, die Doktor Wagenschanz zu ihrem Mißvergnügen unterschreiben soll. „Da haben Sie nun studiert und die Gelehrsamkeit mit Löffeln gegessen, Kostenpunkt Nebensache, aber das geht ja bloß Ihre Mutter etwas an, dafür hat sie nun einen Doktor zum Sohn, und das ist ja auch recht schön, und ich tippe Ihnen die gediegensten Geschäftsbriefe, — aber Sie ruinieren alles mit Ihrer Unterschrift." Er grollt. „Wieso?" „Ich war 'mal in einer Kohlengroßhandlung angestellt, daher weiß ich, wie so ein reicher Kaufmann unterschreibt. Sie haben ja eine Schrift wie ein Laufbursche." Anton wirst einen Rührkolben in den metallenen Mörser, daß es klirrt, das verbittet er sich denn doch, derartige Vorschriften hat ihm niemand zu machen. Schließlich besichtigt er seine Unterschrift, es stimmt schon, wie ein Laufbursche! 'Aber wie soll man das ändern, in ihm schreiben seine Vorfahren mit, die kleinen Bauern, Krämer und Landsknechte, und seine Schrift bekommt jeder mit auf die West wie feinen Fingerabdruck. Elli führte dies Gespräch mit Vorbedacht, am Nachmittag kommt sie wieder und bringt den Kandidaten Kisselbach mit, der werde dem Herrn Doktor eine großartige Unterschrift verschaffen. Kieselbach erscheint in freundschaftlicher Haltung. „Sieht man sich endlich mal wieder, Doktor, was macht denn deine Schönheitssal---" Da geschieht etwas ganz Unerwartetes. Fabisch, der an der Füll- maschine arbeitete, stürzt zum Trog und greift eine Handvoll der fetten, nach Veilchen duftenden Creme heraus, bereit, sie gegen den Kandidaten zu schleudern, — und Anton Wagenschanz bewaffnet sich mit einer herumstehenden Bierflasche, „'raus mit Kieselbach", brüllen die beiden, „Sie haben hier nichts zu suchen, hier wird etwas aufgebaut und nichts niedergequatfcht!" Elli stellt sich schützend vor den Angegriffenen, besten dürrer Vogel- hals über sie hinausragt. „Den habe ich mitgebracht, das ist ein ganz brauchbarer Mensch." „Davon merke ich nichts", wütet Anton gegen sie, daß ihr Herz sich 3irfammentrampft, „es geht hier gewiß nicht gut, aber wenn diejre Bursche dabei ist, dann geht alles bestimmt schief." verdanken die Nordseebäder Ihre überaus gleichmäßige, oft Wochen hindurch nur ganz geringe Schwankungen zeigende Wasserwärme. Ganz anders verhält sich die Ostsee. Von allen Seiten strömen ihr durch wasserreiche Flüsse große Sühwassermengen zu. Sie verursachen eine Erhöhung des Wasserspiegels und somit ein Gefälle zur Nordsee. Durch den Sund und die beiden Bette fließt das überschüssige Wasser ab, und die Ostsee wäre längst völlig ausgesüßt, wenn nicht am Boden der Meeresstraßen ein Gegenstrom von schweren, salzreichen Nordseewasser einbringen würde. Aber die Meeresstraßen zwischen den dänischen Inseln, sind so eng und seicht, daß sie fast ganz vom ausfließenden Strom des ialzarmen und daher leichten Ostseewassers eingenommen werden, während für den salzigen Gegenstrom nur wenig Raum bleibt. Er genügt nicht, um der Ostsee einen auch nur annähernd so hohen Salzgehalt wie Den der Nordsee zu verschasfen. So findet man in der Kieler Bucht nur 15, bei Rügen nur 8 und an der ostpreußischen Küste nur 6 bis 7 Gramm Salz im Liter. Demgegenüber ist die Nordsee vier- bis fünfmal salz- reicher. Wo in der westlichen Ostsee, der sog. Bettsee, die Abnahme des Salzgehalts am raschesten vor sich geht, findet die stärkste Mischung beider Wasserarten statt. Man hat daher die Bettsee als die eigentliche Misch- pfanne bezeichnet, in der das Ostseewasser entsteht. Wie die vierteljähr- ichen Terminfahrten des Reichsforfchungsdampfers „Poseidon" ergeben laben, bringt das schwere Nordseewasser schubweise keilförmig weit nach Dftfee und Norden vor, so daß am Boden der Ostsee ein höherer Salzzehast herrscht als an der Oberfläche. Die Salzarmut der Dftfee ist von ausschlaggebender Bedeutung für Pie klimatischen und biologischen Verhältnisse. Sie begünstigt im Winter sie Eisbildung, so daß gar nicht so selten große Teile der Ostsee zu- ttieren, was im Bottnischen Golf alljährlich der Fall ist. Sie verhindert ferner das Eindringen der Auster und der meisten Salzwasserfische in die Ostsee, die darum erheblich fischärmer ist als die Nordfee. Erreicht doch »er Gesamtertrag der Ostseefischerei nur ein Zwölftel desjenigen der siordsee, und der Ertrag nimmt ab, je weiter wir nach Osten gehen, je «Izärmer das Ostseewasser wird. Rein äußerlich unterscheidet es sich »am Nordseewasser ferner durch fein geringeres Schäumen. Wohl jeder, ler beide Meere bei stürmischem Wetter sah, wird bemerkt haben, daß in i>er Nordsee die Schaumbildung ungleich stärker ist. Auch hinsichtlich der Temperaturverteilung steht die Ostsee in auf- ’älligem Gegensatz zur Nordsee. Ebbe und Flut fehlen fo gut wie ganz, mb auch der Seegang ist nicht stark genug für eine Durchmischung der Wassermassen bis zum Boden. Vielmehr ist meist eine deutliche Temperaturschichtung vorhanden. Im Sommer schwimmt hocherwärmtes srlz- irmes Wtsser von 16—20 Grad über kaltem, salzarmem Unterwasser von iur 8—6 Grad. Diese scharfe Temperaturschichtung kann sich in den »stächen Küstengegenden, wo die Meerestiefen 50 Meter überschreiten, zu- veilen recht unangenehm bemerkbar machen, wenn nämlich durch kräftige »blanbige Winde das kalte Tiefenwasser emporgefaugt wird und unmittelbar an die Küste tritt. In wenigen Stunden sinkt dann die Meeres- emperatur um zehn und mehr Grad, so daß auch die beherztesten Schwimmer sich nicht mehr in die Flut wagen. Glücklicherweise sind vlche Fälle selten. Auch längs der Küste treten, je nach der Windrichtung, manchmal staunenswerte Temperaturgegensätze auf. So herrschte im Mai 1931 bei 22 Grad Wasserwärme, Ostwind und Sonnenstrahlen in Zoppot inb Kahlberg bereits ein reges Badeleben, während gleichzeitig in Pillau * nur 11 Grad gemessen wurden und von einem Badeleben keine Rede mar. Solche enormen Temperaturunterschiede sind an der Nordsee unbekannt. Durchschnittlich aber werden die deutschen Ostseebäber vor den chwedischen und auch vor den Nordseebädern durch etwas höhere Sommertemperaturen begünstigt. Grundsätzlich verschieden ist die Küstengestastung beider Meere. Haben mir auf der Fahrt nach den Nordfeebädern die eintönigen Moore und Heideflächen der Geest durchquert, fo gelangen wir in die grüne, von Kanälen durchzogene Marsch: auf fetten Wiefen weidet behäbig das Vieh. Un der salzigen Lust schmecken wir die unmittelbare Nähe des Meeres, 1 ach müssen wir erst den Seedeich ersteigen, um es zu sehen. Bei Ebbe tijroeift dann der Blick über die weiten graubraunen Flächen des Watts, pnes amphibischen Gebietes zwischen dem Festland und den fernen Inseln im Horizont. Dort erst beginnt die offene Nordsee. Sturmfluten von um i-heurer Gewalt haben den einst zusammenhängenden Dünenwall zer- ussen und in einzelne Inseln aufgelöst. Die Festlandküste ist aber fast ttirchweg künstlich vom Menschen geschaffen, der in hartem, Jahrhunderte währenden Kamps die fruchtbare Marsch dem übermächtigen Meere ab- Sraubraun und trüb vom aufgewirbelten Schlick ist das Wasser des Wattenmeeres; klar und von herrlichem Grünblau die offene Nordsee. > Sme weiße Scheibe, die man ins Wasser senkt, verschwindet im Wattenmeer bereits in kaum 1 Meter Tiefe, in der offenen Nordsee erst in 10 bis •5 Meter. Selbstverständlich liegen alle Nordseebäder von Weltruf auf ' en dem Wattenmeere vorgelagerten Inseln. Hier auch herrscht jene Rem- ■ eit der Luft, jene Lichtfülle, jener kräftige salzige Seewind, der das Reizklima" der Nordsee ausmacht. Und vor allem der mächtige Wellen- chlag. Eine so hohe Nordseebrandung ist ein herrliches Naturschauspiel. Sn feierlichem Rhythmus rollen die fchaumgekrönten Wogen breit auf den otranb, und das Auge wird nicht müde, den ewig wechselnden Formen -er heranbraufenden und in sich zusammenbrechenden Wassermasfen zu ölgen. Gegenüber der herben Größe und wilden Bewegung der Nordsee er- ch-int die westliche Ostsee fast wie ein anmutiges Stilleben. Auf den ■mgen Flächen zwischen den dänischen Inseln und der deutschen Küste rann sich kein großer öeegang entwickeln; alle Bewegungen erscheinen >er gemildert. Dafür aber find die Gestade der Ostsee mit einer ungleich Scheren landschaftlichen Schönheit bedacht. Schmale, tief in das Land ^greifende Förden und breite Buchten und Bodden, wech,eln mit kecken, Waldüberdeckten Vorsprüngen. Hell leuchtet das Gelb und Rot der Lehm- Wände und das Weiß der Kreidefelsen über der See, die auch In unmittelbarer Nähe der Küste tiefe und fatte Farben zeigt. Malerische Dor- $r beleben die Ufer; am Strande liegen die schweren Boote der Fischer, Der Kandidat bittet weinerlich: „Warum hast du eigentlich auf mich fo eine Pferdewut, Doktor? Ich habe dir doch gar nichts getan. Ich tonnte Mr eine Menge Helsen." , .. .. „Sie können mir nichts Helsen, Herr Kieselbach, raus so schnell wie Äfllt*• Elli meint, man könnte glauben, Herr Doktor Wagenschanz hätte Angst vor dem Kandidaten Kieselbach. t , Jawohl. Ganz genau. Ich habe Angst vor dem Kandidaten Kieselbach. „Ach, vor mir! Wieso und inwiefern? Ich habe noch siebzehn Pfennige in der Tasche." . Ich habe Angst vor Ihnen, weil Sie ein so gescheites Luder sind, Sie sehen rundherum und werden feststellen, daß meine Anstrengung vergeblich sein wird. Stattdessen brauche ich Menschen, die einen beschwörenden Mut haben. Wenn das Schicksal gegen uns ist, dann werden wir uns gegen das Schicksal erklären. Wenn es vergeblich sein soll, was wir tun, so werden wir eben das Vergebliche tun. Sie können uns also nicht Helsen, Kieselbach. Scheren Sie sich weg." „Es sind schlechte Zeiten", klagt der Kandidat, „ich werde doch wohl eine Meinung haben dürfen." „Soviel Sie wollen. Aber Ihre Meinung ist nicht die allgemeine Wahrheit, wie Sie glauben. Die Wahrheit war und ist und wird immer bleiben, daß jeder kriegt, was er haben will, wenn er nicht eher ruht und rastet, als bis er es hat." Kieselbach schlägt die Augen nieder. „Mich hat eben niemand auf einen Posten gestellt, wo ich etwas leisten konnte. Da wird man natürlich verbittert." „Mich stellt auch niemand auf «inen Posten", erwidert Anton Wagen- schanz, „vielmehr haben gewisse Leute sich die äußerste Mühe gegeben, mich zu Fall zu bringen, als ich mich wenigstens auf meine Beine gestellt habe. Ich habe mir übrigens Watte in die Ohren gesteckt, ich höre nicht mehr auf die berufsmäßigen Flaumacher." „Das wird Ihnen ja auch nichts nützen, Herr Doktor. Wenn der Weltuntergang poltert, das hören Sie trotzdem." „Fängt der Kerl schon wieder an?" murmelt Fabisch und sichert sich wieder im Brei des Erotikon ein handliches Wurfgeschoß. „Die Welt geht n i e unter", meint Anton, „wenn sie es aber trotzdem tun sollte, so werde ich in der Hebung sein, wie man seine paar Brocken schnell wieder zusammenleimt." „Ich glaube zwar nicht, daß es einen Zweck hat, aber warum soll ich Ihnen nicht dabei helfen?" „Sie haben es doch sonst immer mit der Logik, Kieselbach. Warum wollen Sie mir helfen, wenn es doch keinen Zweck hat?" „Ich möchte Ihnen helfen, weil ich etwas k a n n." „Was zum Beispiel?" „Inserate schreiben. Die Trommel rühren. Propagandarummel inszenieren für Ihre Schönheitscreme. Ich habe es schon überall herum- erzählt, ich gehe schon überall in die Läden und verlange eine Tube von Doktor Wagenschanz' bekannte Creme Erotikon. .Bedaure, die haben wir leider nicht auf Lager, wir werden sie aber gleich bestellen.' Tut mir lvid, Herr, ich brauch sie fofort." Anton grinst gerührt. „Und was machen Sie", will Elli wissen, „wenn eine Tube vorrätig ist?" „Oh, Kleinigkeit! Dann habe ich eben mein Portemonnaie vergessen." Die Unterhaltung findet ihr versöhnliches Ende damit, daß Anton einwilligt, sich von Kieselbach eine geeignete Unterschrift beibringen zu lassen, „aber nur dies eine Mal und ausnahmsweise, — und Sie bekommen einen Taler dasür!" Elli trägt einen Notizblock bei sich, auf dessen -Blättern Kieselbach den Namen Wagenschanz in.den verschiedensten Schriftproben niederzuschreiben beginnt, „Doktor Wagenschanz, wenn ich bitten darf", knurrt Anton, hemdärmelig, ohne Kragen, einen settglän- zendyn Lederfchurz vor der Brust bis zu den Knien. Wie sein Gehilfe Fabisch trägt er wegen dieser fettigen Arbeit kein Hemd, der schmutzige Lederschurz sitzt ihm also auf der nackten haarigen Brust, zwei Riemen kreuzen den Rücken. Der Kandidat entschuldigt sich gleisnerisch, man sehe es dem Herrn Doktor leider nicht so an, daß er ein Herr Doktor sei. Unterschriften entstehen, zierlich und elegant, mit einem flotten Schnörkel, andere in eiliger Kaufmannsschrift, Anton gibt sich aber mit keiner zufrieden. „Das soll ich sein?" Der Kandidat probiert etwas vollkommen Unleserliches, eine Unterfchrist, die jedem ärztlichen Rezept Ehre machen würde. Anton lehnt spöttisch ab. Jetzt packt den Kandidaten Kieselbach ein unbekannter Ehrgeiz, er vergräbt das spitze Kinn in seinen Händen. „Ich werde Sie studieren! Sie sind ein haxter Geschäftsmann, brutal, eigensüchtig, Sie gehen über Leichen, Sie werden kleine Löhne bezahlen und einen großen Profit einstreichen, Sie werden —“ Elli nickt begeistert. „Ungefähr so", murmelt Anton. Kieselbach legt visionär eine Ünterschrift im Bismarckstil auf ein neues Notizblatt. „Fabelhaft", sagt Anton, er wäscht sich umständlich die Hände und probiert die für ihn erfundenen charaktervollen Schriftzeichen, aber fo sehr er sich Mühe gibt, man sieht mit einem Blick, es ist ein kleiner, heraufgekommener Proletarier, der so schreibt, es fehlt das geistige Erbgut. Endlich schlägt Elli vor, man werde von Kieselbachs bester Unterschrift einen Gummistempel anfertigen lassen, sie saust auf ihrem Fahrrad davon und sucht ein Geschäft auf, dem sie den eiligen Auftrag erteilt. Der Kandidat empfängt feinen Taler und will sich in entzückter Erwartung davontrollen, in .eine Wirtschaft vermutlich, fein Tagesbedarf an Geld ist wieder einmal durch ein Wunder gedeckt. „Warten Sie", ruft Aonton hinter ihm her, „ich brauche ernsthaft ein feines Inserat, das könnten Sie mir mal zusammenkleiftern. Ich möchte etwas haben, was für meine besonderen Zwecke erfunden ist." „Herr Doktor, ich werde mich in ein CafL setzen und die Weltblätter studieren, und bis heut abend hab ich Ihnen ein Inserat gedichtet, das Ihnen für jeden Buchstaben ein Goldstück hereinbringt." Anton sieht ihn begeistert davonturnen, der unglückliche Mensch fuchtelt mit den Armen und redet halblaut vor sich hin, man vernimmt noch etwas von „unver- gänglicher Jugendblüte", dann verschwindet Kieselbach um die Ecke. Der Doktor Wagenschanz bleibt mit vielen Sorgen zurück und seufzt hinter dem Taler her, den er soeben losgeworden ist, man besitzt von dieser blanken Ware erheblich geringere Vorräte, als von der Salbe Erotikon. Doch was bleibt übrig, was soll man sonst tun, Anton und Fabisch stellen sich hin und pressen die Creme in neue Tuben hinein, zehn Stück, fünfzig Stück, hundert Stück, man wird sie ja doch nicht los. Doktor Wagenschanz empfängt Besuch, der Händler Karczinsky sucht ihn auf, Oele und Fette en gros, dieser Mann hat di« Rohstoffe geliefert, die hier gemischt und duftend als ekler Brei in die Füllmaschine rinnen. Ein hundsgrober Kerl. Behält den steifen, fleckigen Hut im Genick und besieht mit verächtlichen Blicken den für die Dauer seiner Anwesenheit gänzlich stillgelegten Betrieb. „Zahlung bis morgen mittag, ja?" Anian sagt: „Ich will's versuchen." _ „ „Sonst sitzen am Montag die blauen Vögelchen auf Ihren Sachen. Zwei Finger an den Hut, ab. Anton möchte ihn erwürgen, Fi. würde ihm gern eine Ladung Erotikon ins Genick pfeffern. D du lieber Gott, toi« soll das enden? Anton Wagenschanz hat einen guten Einfall gehabt und sich ohne Besinnen in dieser Richtung getrieben, nun reibt und wiegt und mischt und gießt er mit angstvoller Eil« seine Creme zusammen, aber seine Phantasie setzt gelegentlich aus, und, viel zu schwerfällig zu Bluff oder Betrug oder auch nur zu einem geschickten Lavieren, sieht er den Augenblick kommen, wo er trotz allem Fleiß elend liegen bleibt. Schon als es sich um die Frage nach neuen und wirklich originellen Inseraten handelte, saß er viele Stunden vor leeren Blättern, und es fiel ihm nichts ein. Eigens des Inserats wegen kommt Elli am Nachmittag abermals zu ihm herausgefahren. „Ich habe mir nämlich gedacht, übermorgen ist Zahltag, da haben die Frauen Geld und kaufen ein, darum fällte unsere Annonce übermorgen früh in der Zeitung stehen." „Kieselbach ist bis jetzt noch nicht gekommen, Elli. Aber auch wenn ich einen Text hätte, so fehlte mir doch das Geld." „Dann machen Sie Ihre Bude zu!" „Warum regen Sie sich auf, Elli?" meint Anton bekümmert. „Es ist doch mein Fell und nicht Ihres, das mir nächstens über die Ohren gezogen wird." v Auf der Heimfahrt mit dem schaukelnden Fahrrad denkt sie darüber nach, weshalb sie sich eigentlich aufregt. Da hat irgend so ein Idiot einmal behauptet, die Frauen täten alles aus Liebe, aber nichts aus Liede zur Sache. Es ist nicht ganz fo idiotisch. Wo ist die Liebe geblieben? Elli erinnert sich wie an einen Traum, daß Anton vor langer Zeit in ihre Mansarde kam — und sie flogen einander wie auf Kommando in die Arme. Als er anfing zu arbeiten, vergaß er sie. Die Dämmerung fällt herein, längst nicht mehr dies« bedrückend schleichende Dämmerung des Winters, sie kommt sichtbar in dunkler Herrlichkeit aus dem Osten über einen violetten Himmel daher und löscht seine Strahlen aus. Uebermübet und hoffnungslos erscheint Anton unerwartet in der Küche feiner Mutter, fetzt sich schweigend an den zerwaschenen Holztisch, stützt die Schläfen in [eine Fäuste und überläßt sich den Grübeleien. Zum erstenmal unternahm er aus eigenem Antrieb etwas von Wichtigkeit, nun kennt er den toten Punkt noch nicht, und die ersten bösen Hindernisfe scheinen ihm sogleich nicht zu bewältigen. Die Witwe Wagen- fchanz fragt nicht, sie kocht ihm Dampfnudeln, feine ßieblingsfpeife, aber sie macht ein böjes Gesicht dazu, verkniffen und feindlich. Habe ich es nicht von vornherein gesagt, behauptet ihr Gesicht, habe ich es nicht gleich gewußt, ein Schwindel war es von vorn bis hinten, eine ungediegene Tätigkeit, und nun soll ich dich wohl auch noch bedauern und trösten, wie? Es ist nur ein Glück, daß ich dir meine armseligen Spargroschen nicht gegeben habe, sonst könnte ich betteln gehen! Aber sie kocht ihm trotzdem noch eine zweite und dritte Portion, die er mit dem Hunger eines Ackerknechtes verschlingt, greulich anzusehen und schrecklich unfein, dazu hat er nun studiert. Nur ihre Augen wandern mit ihm, hin und her, sie sagt kein Wort, wie er eine Flasche Weinbrand aus ihrem Laden holt, die bösen Augen folgen ihm an den Küchenschrank, wie er die Lade herauszieht, den Korkzieher hervorholt und ihn zwischen den Knien ein« schraubt, pok! macht die Flasche, er gießt sich ein gehöriges Küchenglas voll, wünscht, er tränte Gift, und schüttet es in die Kehle, hem, eherrm, Gift würde natürlich nicht so gut schmecken. Die Witwe Wagenschanz sieht ihm nachdenklich zu und rührt sich nicht. Anton geht in seine Kammer. Nach einer Weile kommt feine Mutter ihm nach und findet ihn angekleidet schlafend auf seinem Bett, er hat wohl noch ein zweites Küchenglas voll Weinbrand getrunken. Vorsichtig zieht sie ihm die Schuhe aus, ohne daß er erwacht, breitet eine Decke über ihn und rafft die verschlissenen dunklen Vorhänge zusammen. Die Flasche nimmt sie mit, nickt kummervoll und genehmigt sich selber ein Trostgläschen. Elli hantiert abends im engen Holzschuppen der Witwe Wagenschanz und putzt Antons Auto, das tut sie alle paar Tage. In eigenem Auftrag sozusagen. Früher dachte sie: .Vielleicht, wenn wir verlobt sind, machen wir eine wunderbare Autoreise' — aber das denkt sie schon nicht mehr. Doch geputzt muß sein! Sie reibt Bohnerwachs aus die ohnehin spiegelblanken Flächen und da sie noch nie etwas von Verchromung gehört hak, so hält sie ein scharfes Putzmittel für gerade gut genug, um die funkelnden Scheinwerfer äußerlich auf Strahlen zu halten. Sie verrichtet ihr Werk mit großer Begeisterung, als sei sie die Besitzerin dieses geheimnisvollen Kastens, unter dessen Haube die Rätsel unsrer schwierigen Zeit von Kundigen gelöst werden können. Irgend jemand muß sich doch um den Wagen kümmern, auch wenn dieser Jemand noch weniger davon versteht als der wirkliche Besitzer. Außerdem ist es fchön, ein Auto zu pflegen. (Fortsetzung folgt.) 'verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Beklag: Drühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.