Jahrgang <955 Hreitag, -en 2<.)uli Nummer 55 mheriü n Nord- :lofe mit ito aus. Und Von Von Von davor der winzige Erdengast, treuesten Armen gehalten, bewahrt, tiefsten Wünschen umgeben, umschart, heißer Liebe still betend umflossen, In alle Herzen tief eingeschlossen, Aus duftigen Spitzen ahnungslos Blaue Guckaugen staunend groß, Darin wie in blauen Wellen tief Träumend die kleine Seele schlief. — Ein Tröpflein fiel mit dem heiligen Naß Aus liebem Auge sternenblaß Mit dem Taufwasser auf blondflaumiges Haar, — Und eines so heilig wie's andre war. Oer Tauftisch. Von Jula Hartmann. Von schattenden Palmen eingefaßt Eines Tauftischs seidenweißer Damast, Drauf funkelnd in schräger Sonne Strahlen Die Taufgeräte, Kannen und Schalen, Wilde Kirschblüten im Schimmerstrauß Breiten segnende Zweige aus. Verstreute Blüten in seidigen Falten Von zarten Ranken gefaßt und gehalten, Gleich jungen Myrten, nur zarter fast, n hin» nter bit Sngloni gel. Nu, merstch |ten. Sie Engioni zwinge», vor dm höchst» 11 W eres! gt> len Aus läi. Mm n um® liech bei enthalte! in, befiel zur Ben weguiP Die plöfr wie uns geringste Der Lu iben. W (er ist i» schon d° >n Teile» ’eter weit schiede« er* ' Folge, er nach en. Det >ohl die 3. 6ep> ter. Der aus u«. end um= rthin, et fid) fine [5 deuW liefet fei1' h größer ’t W eter i* .enig * r W°!I" luf eb* n°sph°' nreter nrufib' rben. «J leere5 ? tet.» 'n uE ib bie61 MX l. »Ila ' "°n 11 ichen- “ Steer' X AS e" ai, fer l)«! erldjiti baßer en. Di, K fit wp«, bi. aljo F1, fünf luß bet ne in, an Pendrl wied„ leränbe. Es ging schon abwärts mit den Kräften des hageren, blutleeren, alten Herrn. Betrübt, doch nach Kinderart ohne Besorgnis, war ich darauf vorbereitet, daß ich ihn bald verlieren würde. Deshalb hütete ich mich mehr als sonst, ihm zur Last zu fallen. Als ich bemerkte, daß er eingeschlummert war, wagte ich mich kaum zu rühren. Bücher und Spielzeug sollten mich in dieser gelinden, fast feierlichen Stunde nicht zerstreuen: ich legte sie still beiseite und ließ meinen Blick durch das sacht sich verdunkelnde Zimmer wandern, über die steifen und doch so behaglichen Biedermeier-Möbel, den blanken Stutzflügel, die Vitrine mit den Meißner Porzellan-Figürchen, die altmodischen Familienpastelle auf der geblümten Tapete. Der grüne Seidenschirm vor dem Alkoven war durch einen Zufall zusammengeschoben, so daß der verschlossene Schrein deutlicher als sonst aus dem Schatten heroortrat und, von einem Strahl der sinkenden Sonne gestreift, wundersam aufleuchtete. So eindrucksvoll und verlockend war es mir noch nie erschienen. .Siehe, so schön und verlassen bin ich!' schien er mich anzusprechen. ,Nimm mich doch zu dir, nur auf ein paar Minuten, und betrachte mich!' Da schlich ich mich auf den Zehenspitzen hin zu dem Postament, hob mit Hilfe eines Stuhles den Schrein vorsichtig herab und trug ihn zu meinem Schemel. Welch eine Last! Meine schwachen Arme vermochten ihn kaum zu halten. Doch nun lag er bequem auf meinem Schoß und stellte sich in all seiner blinkenden Anmut dar. Fast ein lebendes Wesen, das Herzschlag und Seele in sich barg, schmiegte er sich an mich. Sein Körper war tiefschwarzes, seidiges Ebenholz, sein Gewand ein reich vergoldetes Arabeskenwerk, geformt aus Fruchtkörbchen und Blumenranken, aus sinnreichen Masken und Gestalten-drückten sich wie gebändigt vor einer geflügelten Sphinx, die stolz auf sie niederlächelte, lieber ihnen zogen, die Giebel des Schreines krönend, Genien in luftigem Reigentanz dahin. Diese mythischen Symbole waren mir damals noch fremd, ihr märchenhaftes Treiben mutete mich aber wie ein holder Zauber an und ließ meine Phantasie Beziehungen suchen zu dem Geheimnis, das der Schrein in fernem Innern feit Jahrhunderten vor der Welt verbarg. Meine Finger glitten liebkosend über das feine Schnitzwerk, tasteten sich zwischen den goldenen Ranken und Rosetten hindurch die spiegelglatte Fläche des Ebenholzes entlang von einer Gestalt zur anderen und wieder zurück, als könnten zärtliche Berührungen sie zum Reden bringen. Und wirklich — mit einem Male klang ein silbernes Stirnmchen auf! Erschreckt zog ich meine Hand zurück ... aus der Tiefe des Schreines begann es erst leise, dann kühn anschwellend zu singen und zu musizieren ... Großvater erwachte, horchte, blickte mich verwundert an. „Oh höre doch! Was ist das?" flüsterte ich, ganz außer mir vor Ueber- raschung, Furcht und Entzücken. „Der Schrein hat Leben ... er tönt... er macht Musik!" „Du bist es, Kind, der ihn zum Leben erweckt hat. Wie ist dir das gelungen?" Ich wußte es selbst nicht. Ich hatte ihn doch nur gedankenlos gestreichelt und an mich gedrückt. „Eine Spieluhr also! — Du mußt irgendwo einen verborgenen Knopf berührt, ihre Feder gelöst haben. Nun still, was hat sie uns zu sagen?" Er legte den Arm um meine Schulter, und beide lauschten wir in stiller Hingebung. Eine ernste, fast schwermütige Weise war es, altertümlich gefärbt, die bald aufschluchzenü wie Nachtigallenschlag, bann wieder fernen Lerchentrillern gleich in einem zart abgestimmten Wechsel von hymnischer Andacht, gedämpftem Jubel und sanfter Klage alle Stufen ergriffenen Gefühls durchwallte. Nie hatte ich dergleichen vernommen. Solch eine Süße der Harmonie, solch ein berauschender Duft verschollener Empfindungen konnte sich nur losringen aus einer sagenhaften, seit langem zum Schweigen verurteilten Vergangenheit. Mit einer ersterbenden Kadenz, mehr Seufzer als Akkord, brach das Musikstück ab. Die wenigen Minuten, die es tönte, hatten uns nur wie ein schwacher und doch lebenspendender Hauch berührt. „Noch einmal!" wandte ich mich bittend an den verschlossenen Schrein, und Großvater drang in mich: „Laß es noch einmal spielen!" Allein so beflissen meine Finger auch an den Blumen, Früchten und Figuren tasteten, ich konnte den Hebel, der das Werk in Bewegung setzte, nicht mehr finden. Ein einziges Mal hatte es sich mir erschließen wallen, em einziges Mal nur! Dann war der Schrein in seinen Todesschlaf zu- rllckgesunken. Er gab seine innere Melodie menschlicher Willkür nicht mehr preis. Wir trugen ihn zurück auf seinen Platz auf dem Postament und rückten den Schirm davor, daß er im gewohnten Dunkel bleibe. Kein Wort mehr wechselten wir über ihn, und niemand haben wir erzählt, was wir Schönes mit ihm erlebten. In den nächsten Tagen reiste ich mit meinen Eltern ab. Den Großvater sollte ich nicht wieder sehen. Oer verschlossene Schrein. Bon Kurt Martens. Es gibt Formen des Lebens und der menschlichen Betätigung, die auf den ersten flüchtigen Blick nur eine heitere, spielerische Anmut darstellen, dann aber bei näherer Betrachtung den Geist beschäftigen, vielleicht auch sonderbar erregen und in Fesseln schlagen. So erging es mir in meiner Kindheit mit jenem kleinen Kunstwerk, das Großvater hinter dem hohen Seidenschirm [eines Schlafgemachs auf schlichtem Postament mehr verbarg als zur Schau stellte. Es war ein von verschnörkelten Ornamenten überwuchertes altes Schränkchen, von ihm selbst und der ganzen Familie kaum mehr beachtet, selten erwähnt und dann nur kurzweg „der verschlossene Schrein" genannt. Der ungewöhnliche Ausdruck „Schrein" war nur zuerst daran auf- gefallen und hatte es mir aus feinem Dunkel heraus in ein magisches Zwielicht gerückt. Dann aber, als ich erfuhr, daß niemand feinen Inhalt kannte, weil es von jeher verschlossen und der Schlüssel dazu verloren war, gewann es für mich eine geheimnisvolle Bedeutung. Scheu schlich ich mich daran vorüber^ und kämpfte doch immer wieder mit dem Verlangen, es hinter dem Schirm hervor seinem Schattendasein zu entreißen. „Was mag darin sein, Großvater?" fragte ich zuweilen. „Kann ich es wissen?" gab er mit müdem Gleichmut zur Antwort. | ».Vielleicht steckt es voller Dukaten; denn es wiegt schwer genug." „Ach, warum gerade Geld!" Ich schüttelte enttäuscht den Kopf. „Ganz andere Dinge, wichtigere, schöne und unheimliche, könnte es enthalten. Du sollest den Schrein doch einmal öffnen lassen." „Das ist nicht möglich, Kind. Die Schlosser sagen, sie könnten es nicht, ohne die kostbare Arbeit zu bschädigen. Er ist ein Kunstwerk, auf den hnhalt kommt es da nicht an." Das wollte mir nicht einleuchten. Der Inhalt konnte ja noch viel lostbarer sein als das Gehäuse. Der Großvater versicherte, daß das Schränkchen an die zweihundert Jahre alt fein müsse, sich von seinen Lorfahren her als einziges Erbstück im Haus erhalten habe und schon aus liefern Grunde nicht angetastet werden dürfe. Mir kam es vor, als hinge sein Herz an dem verschlossenen Schrein mit einer beklommenen Liebe jeben ihm, auf einem Schemel hockend, und genoß dankbar das stumme -keisammensein. Siebener,'familieiiblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Kopsen hat sie uns . Verzweiflung und sind auf neuem Wege durch die -Ludweftwand zum Westqipfel der Cima Ombretta gestiegen. Doch nur selten zeigt zum Studium die Marmolata ihren unglaublich kühnen Sudwestpfeiler, so daß wir vor Langeweile den ehemaligen Kriegsunterstand aus dem sehr wenig besuchten Gipfel durchstöbern. Einige Dutzend Dosen Fleisch fallen uns da in die Hände, und mißtrauisch stecken wir groei dieser Dosen zu uns, denn das Füllungszeichen lautet: „Italia 1916'. Am Abend ärgern wir uns, daß wir nicht den ganzen Fund mitgenommen haben, denn auf Contrin mundet das Fleisch, trotz seinem Alter von 14 Jahren, zu den Spaghetti ganz vorzüglich. Ich kann deshalb den Gipfel zum Biwakieren nur empfehlen! Aus unseren Dolomitenirrsahrten in diesem Regensommer sind wir auck zum Nordfuße des Antelao gezogen. Diese unbegangene Westkante an diesem Berge, die so majestätisch nach Cortina d'Ampezzo herabschaut, steckt uns schon über ein Jahr in der Nase. Auf Alpenrosen wird em Freilager aufgeschlagen und alle Kletterutensilien gerade liegen lassen. Es ist eine selten schöne Nacht. Sogar das stolze Pelmohaupt winkt drüben aus dem tausendfachen Glanz der Sterne und wiegt uns bald zu großen ®CrfiUITinne Stunde nach Mitternacht hat der Antelao seine Bundes- genossen zu Hilfe gerufen und jagt die zwei Manschen, die den Schleier seines einzigen Geheimnisses noch lüften wollen, in die Flucht. Wir triefen cor Nässe als wir im ersten Haus in San Dito unterfchlupsen, und als nach 10 Stunden das Unwetter abgezogen ist, ist bis 1500 Meter herab Wird es noch reichen, oder droht uns ein zweites Biwak? Haken auf Haken und bereits die ganze Reepschnur wird geopfert. Wir stehen um 20 Uhr auf der ersten Terrasse, doch unaufhaltsam geht es weiter. Hosen und Kletterweste sind von dem nassen Seil schon durchscheuert und die Haut ist schon ausgerissen. Dafür hat wenigstens das Fallen der Eis- brocken, die uns mehr als einmal trafen, fast auf gehört. An Mecht- sitzenden Haken geht es den schiefen Riß hinunter, dann senkt sich Die Rächt nochmals auf uns. Die Taschenlampe, mit deren Hilfe wir d e Ritzen für die Haken suchen, tut nicht lange Dienst. Sie entgleitet mir und zerschmettert in der Tiefe. Das letzte Stück kommt. Wuchtig trifft der Hammer beim Hakenfchlagsn ab und zu die Fingerspitzen m der Finster- nis, dann haben wir es geschasst. 13 Stunden nach der Umkehr. Doch noch zwei Stunden müssen wir ohne Licht den Pfad zur Hülle suchen Wir stolpern viel und liegen oft miteinander am Boden, dazu werde ich noch von furchtbarem Brechreiz überfallen. Kem Wunder, diest übermenschliche Anstrengung und schon 29 Stunden nichts mehr im Magen. Langsam kommen wir dem Lichte der Hütte naher. Nach Muter nacht betreten wir die Schwelle, wo niemand mehr an uns glaubt. Viele, viele Seile liegen an der Tür, dabei zwei Sacke, das ist umer erster Anblick. Den Bergführern am Tisch entfallen die Spielkarten. S'e uzid ein halbes Dutzend andere wollen zwei Stunden spater ausbreche, und unsere Leichen bergen. So endete das größte Abenteuer meines Lebens. August 1930. Es schüttelt einen heute noch, wenn man an diesen Sommer denkt. Nichts wie Regen, Schnee und Kälte. Schon eine Woche lauern wir aus die Südwestkanie der Marmolata, doch mit blutigen - - - abgeschlagen. Wir brechen deshalb den Bann der "^^Acht^Tage später haben wir der edelgesormten Antelao-Weftkantedoch eine neue Route abgetrotzt, dasür schlagt uns der Berg in 3000 Meter flöhe in seine Fesseln. Im Abstieg verbringen wir auf den Plattenschussen eine sehr stürmische Nacht, ja, wir haben alle Hände voll zu tun, um nicht «P.N m un. namM b., Rucksack am Campanile Toro noch ein großes Stück ins Kar hinab- gerollt. Bei der Bergung finden wir nur noch einen Trümmerhaufen als Inhalt darunter zwei Photoapparate im Werte von 280 Mark unb einen durch die mitgefuhrten Mauerhaken förmlich durchlöcherten Zeltsack, wo jetzt der Sturm durch ein halbes Hundert Löcher pfeift. Doch alle meine Bergabenteuer verblassen gegen die eine Tour, die roirtlich an der Grenze des Möglichen steht. Wieder smd wir am Morgen des 23 August 1930 in den Südwestpfeiler der Marmolata emgestiegen. Dort führen wir einen Kampf, wie ihn nur selten m«n(chllche Energie und Ausdauer zu vollbringen vermag. Man konnte saft glauben, diese ausgesetzte, fast senkrechte Wand hätte uns auch noch um den Schwer- vunft betrogen. Nach 15 Stunden übermenschlichem Ringen sind wir etwa 450 Meter hoch gekommmen. 450 Meter an der Marmolatakante, durch brüchigen Fels, 'Steinschlag und Wasser, äa droben, über der zweiten Terrasse, ist nicht der äußerst schwierige Fels, sondern das Wasser zum Ha“sa5° EEmasftr hietzt am Hals und durch die Aermel hinein, laust den ganzen Körper entlang und kommt aus den völlig aufgeweichten Kletterschuhen wieder heraus. Und jetzt, wo wir Warme brauchen konnten, hat uns auch die Sonne verlassen. Die Zahne klappern, dazu fühlt sich der Anzug an wie ein zentnerschwerer Panzer. Gibt es denn hier oben noch einen Beiwachtplatz, oder müssen wir an die Wand geklebt den '^°Roch dmSdllänge, fast eine Stunde, dann erreichen mir eine winzige Kanzel Der Schutt wird abgeräumt, er fällt in die gähnende Tiefe, him unter wo sich die Schatten der Nacht schon ausgehreitet haben. Durch drei Haken binden wir ein Geländerseil, daran zwei nasse, bebende Gestalten. Erst jetzt fällt es uns ein, daß wir heute noch nichts gegessen haben, so hat uns dieser Berg in seinem Bann. W>e man sich in einer solchen langen Nacht zusammenkauert, um das bißchen Körperwarme völlig auszunützen! Doch die Füße find fast gefühllos, ober fmb bie Socken f merfcn wir am Wasser, bas nicht mehr so lärmenb über bie Wanb herabläust. Bereits 10 Stunben beherbergt uns bie winzige Nische, doch um 6 Uhr früh geht es stets und frierend, gleich wieder äußerst angespannt, weiter. Das Wasser ist scho n mied er unser größter Feind. Wenn wir nur einmal in der Gipselschlucht stehen, denkt jeher, dann haben wir es geschasst! Doch dort hageln über das glattgeschlissene Gestein dauernd Eisklumpen und Steine herunter. Die Sache wird immer aufpeitschender, denn der emgepanzerte Schluchtkamin läßt uns nur noch mit äußerster Vorsicht 12 Meter hoher k°"'Da"'jetzt beginnende Gipfelbach ist vollkommen vereist ein Weiter- kommen unmöglich. Dabei wirb uns bie Schlucht zur Holle, da die Sonne ihr Zerstörungswerk fortsetzt und die Eisbrocken nur so loslost. Für uns gibt es nur noch eines — Rückzug! s.„ Es wird 10 ober 11 Uhr (ein. Cs schaudert uns wenn wir an d e 600 Meter hohe Wand denken. Dazu vollständig nasse Kleider und steife Seile — doch wir müssen hinab. Gleich nach dem ersten Abseilstuck laßt sich das Seil nicht einziehen. Was soll werden, wenn diese zeit- und kraftraubende Arbeit sich noch öfters wiederholt? Mussen wir noch einen dritten Tag in der Wand verbringen? Verbissen werfen wir immer wieder das Seil von neuem hinunter. Der Wafferfall am Ueberhang hat sich noch verstärkt, aber nur durch. Wir tropfen vor Raffe, und noch nimmt der Wafserlauf kein Ende. Wir zittern wie Espenlaub und find froh, nach etwa sieben Stunden nach der Umkehr aus der Sauerei heraus- schließer gehört. Dolomitenabenteuer - die haben mit dem ersten T°g im Albergo Valentini am Sellapah schon angefangen. Wir haben uns noch keine Stunde in bas niebere Schlafgemach eingeniftet, ba ist vom Fußboden Nium noch etwas wahrzunehmen. Ja, mancher Kramer ber Umgebung Hütte uns beim Anblick biefes Raumes beneibet, benn es steht wirklich aus wie in einer Gemischtwarenhandlung. Um das Maß gleich voll zu machen, haben mir beim ersten Abkochen mit dem Spiritusapparat einen schwarzen Ring m den weißen Waschtisch gebrannt, doch mit einer Halden Tube Zahnpasta wird dieser Makel wieder sein säuberlich zugeschmiert. Man muß sich nur zu Helsen nnssen! Durch die lange Bahnfahrt in einer Bullenhitze schlafe ich m der Nacht wie schon lange nicht mehr. Ja, ich hätte von dem schweren Gewitter gar nichts gemerkt, das sich über der Langkofelgruppe austobte, wenn mich nicht Freund Walter an den Haaren aus tiefem Schlaf gerüttelt hatte ,Du wachst ja gar nimmer uff", brüllte er mich nn. „Schon fünf Minuten rufe ich, du muht mir helfen, mein Bett in die Mitte des Zimmer zu ^b^Hast du einen Hitzschlag bekommen?" frage ich. „Das gerade nicht, ober das Master tropft mir von der Zimmerdecke gerade ms Gesicht! Mitten in unseren Kramladen wird bann bas Bett hineingestellt, eine Waschschü siel unter bie schabhaste Stelle geschoben, wo alle fünf Se- tunben ein Wassertropfen hineinfällt, bann sind wir wieder emge- ^Auch^nm anderen Morgen, bei ber ersten Bergfahrt bleibt uns bas Gluck" halb. Jnnerkofel unb Zahnkofelüberschreitung werden als Trai- ningstour auserkoren, doch in der Ostwand des erstgenannten treibt uns ein Wolkenbruch zum Rückzug. Wir sind froh, die vom S emschlag bestrichene Eisrinne im Aufstieg hinter uns ZU haben, da musien wir schon wieder hinein in den Hexenkessel. Was dem Wasser nicht standhalt, kommt durch die Schlucht herabgefaucht, ost Blöcke von mehreren Z-ntnern. Es ist ein Wunder, daß wir wieder heil aus der Steinkanonade der Berggeister kommen — es war unsere erste Feuertaufe! ... Der gewaltige Absturz der Einser-Nordwand hat uns gerade mit Biwak aus seinen Klauen entlassen, da kommt mal wieder etwas Kleines an die Reihe. Dazu ist der Oppelkamin am Paternkostl gerade recht als Nachmittagsspaziergang. Flott stemmen wir uns den Schlund hinauf und nähern uns der engsten und schwierigsten Stelle. Ausgerechnet dort befindet sich ein gar nicht so kleines Dohlennest, so daß der Dohlendreck über die Kaminwände herabläust, wie ein Zuckerguß oon einem Festtagskuchen! Und vor diesem ekelerregenden Hindernis soll siegesfrohe Jugend umkehren, kurz vor dem Ziel? Nein! Mit Hochdruck wird gewühlt in die stinkende, schlüpfrige Masse, und im Gipfel lachen wir drei Verschmierten über unseren jugendlichen Uebermut. Ms er dahingegangen war, stand sein Haus lange Zeit hindurch leer wurde fpater vermietet, stand wieder unbewohnt, ging bann in de IMclih meiner Mutter über und nach deren Tode in meinen ... Den verscksiossenen Schrein hatte ich nie vergessen, auch nie mehr nach ihm gefragt Samt feinem Postament war er schon längst hmweggeraumt. 2aS 3immer ba0e'eine neue Einrichtung erhalten, so daß es m nichts mef,Äh'Sirens S ein, drängte es mich, nach dem verschlossenen Schreib zu suchen. Alle Kammern und Böden habe ich nach ihm burc^- f‘°b2>raB ^erinb 1Eöftüd^eMtmert mit ihm verlorengegangen ist, bekümmert mich weniger, als daß ich nun nicht mehr im Bann seines rätselhaften Daseins stehe unb baß er am Ende gar ftemben Leuten m die Hände geriet. Die mögen ihn wohl mit Gewalt erbrochen sein« silberne Stimme9 zerstört, (ein verhaltenes Lied für immer zum schweigen ge- braM»‘>atbönnnte ich glauben, er stünde noch irgendwo an einem sicheren ftletf unauffindbar verborgen, bis nach weiteren Jahrhunderten vietz le'cht' endlich einmal ein Berufener feiner Feder au die Spur kommt und die Flut (einer Töne zu dauerndem Leben erweckt! Abenteuer in den Dolomiten. Von Fritz Schütt. Der Monatsschrift „Der Bergsteiger", Sonderfolge Dolomiten (Verlag F. Bruckmann AG., München; Preis 1,50 Mark) entnehmen wir die solgenbe interessante Schilderung von Fritz Schütt, der mit Luis Trenker, Walter Stoßer unb anberen zur jüngsten Generation ber Dolomiten-Er- egen. die,! den Wellenlinien e- di! )rgen swer- etroo durch leiten zum läuft ächten unten, It sich oben it den stehenden mythologischen und geschichtlichen Vorstellungen kann man nur durch mühsame historische und geographische Forschungen enträtseln. Hier saß einmal ein Volk, das in einem sakralen Königsstaat ein sehr mächtiges Reichswesen war, und zwar ein Königreich mit einer äußerst durchgebildeten Staatsverfassung. Dieses Reich, das Reich der M o n o - tapa befand sich schon ums Jahr 1500, als die Portugiesen hinkamen, in einem Zustande febr weit fortaeschrittenen Verfalles. Man wußte Oie „Mondkönige'' von Ltr-Afrika. Von Professor Dr. Emil Waldmann, Direktor der Bremer Kunsthalle. Als um das Jahr 1500 unserer Zeitrechnung die Portugiesen damit begannen, den schwarzen Erdteil ein wenig zu" durchforschen, stießen sie in einem geographisch bestimmt abgegrenzten Gebiet Südost-Afrikas, «twas landeinwärts von der Mozambique-Küste gelegen, vom Sambesi- gebiet bis zum Transvaal, auf merkwürdige alte Kunstbauten: Die Ruinen von Simbabwe und viele ähnliche Bauten. Die Eingeborenen hatten Angst davor und trauten sich nicht hin. Sie nannten dies „Werke des Teufels". Später meinte man, es wären „Sklavenhöhlen" gewesen und mit dem Alter der Bauwerke wäre es auch nichts, sondern sie den ta der. leier esen als erab doch leier Hen nicht der mab. 1 als einen , wo ■& i“’ ufw™ linjige e, hin- Durch le Ge° egelfen . einer wärme Socken irmend e min= wieder größter l jeher, Offene änderte : höher ©eiter« Sonne ür uns an die ib st-L tick laß it- und jj einen ■ lieber hat M ,d heraus' iten a"! ■hen u”1 r. W und d» öer schief ich di' wck»; Wirtschaftskultur. m Vor allem aber weisen die über dieses ganze Gebiet dicht verstreuten Erzminen auf hohes Alter. Sie waren schon vor dem ersten Eindringen der Europäer abgebaut, vollständig, und zwar mit so raffinierten Bergmannsmethoüen, daß die heutigen Bergwerksingenieure wie vor einem Rätsel standen ob derart entwickelter Technik der Erzgewinnung in Io schmalen, niedrigen Gängen unter Tage. Worauf man schürfte, war Gold, Kupfer und Zinn. Man brauchte nämlich Zinn in großen Mengen, zur Herstellung von Bronze, durch Legierung mit Kupfer. Run haben «der die Eingeborenen dieser Gegenden überhaupt keine Bronzesachen, weder in Geräten noch in Schmuckstücken. Sie haben nur Messing, und das ward von Portugiesen seit dem 16. Jahrhundert eingeführt. Bronze hat man nur in jenen Basaltruinen gefunden. Es sind aus den alten Minen mindestens dreitausend Tonnen Zinn abgebaut worden: das entspricht einer Menge von über 66 Millionen Pfund Bronze. Da Bronze nicht rostet, müßte von dieser Menge, wäre sie erst in den letzten Jahrhunderten gewonnen worden, noch Wesentliches vorhanden sein. Es ist ober nichts mehr vorhanden. Entweder liegt also die Bronzezeit in dieser Gegend sehr weit zurück, oder 66 Millionen Pfund Bronze müssen restlos exportiert worden sein. In nachchristlicher Zeit aber gab es nun nicht ein einziges afrikanisches Volk, welches Bronze von auswärts hätte beziehen muffen. Bronze machten sich alle Völker damals selber. Diese Kultur des Manotapa-Reiches da um Simbabwe herum also war tatsächlich sehr -all und muß mindestens in vorchristlicher Aera schon geblüht haben. Es war ein sakraler Königsstaat, mit der Sitte des rituellen Königsmordes. Alle vier Jahre wurde der König von der Frau seines Nachfolgers ermordet, nachts, im Schlaf erdrosselt. Dann ward die Peiche gepreßt und getrocknet, die Eingeweihte bewahrte man in tier- Kestaltigen Gefäßen, wie die ägyptischen Kanopen, auf und die dürre Reiche bestattete man in verborgenen Felsenhöhlen. Da war er verschwunden. Die letzte Aufbahrung der Königsleiche geschah in einer Umhüllung in einem Zustande sehr weit fortgeschrittenen Verfalles. Man wuß: damals, durch Ueberlieferung, noch, daß der erste Monotapa, der G, Waltherrscher über viele Kleinfürsten, kein Afrikaner war, sondern ein Zugewanderter, vielleicht ein Europäer. Der hatte sich aufgeworfen gegen das Priestertum und die Herrscherkaste der „M o n d - D y n a st i e". Also ein uraltes Reich, von Fremden zerstört. Der Eindringling hatte die Unterworfenen abgedrängt in das Gebiet des ehemaligen Deutsch-Ost- asrika. Da leben sie im Mondgebirge, das schon der alte Plutarch unter diesem Namen kannte, noch heute. Ihr Herrscher heißt „Mond" und jener geheimnisvolle Mondkönig ist nun der Nachkomme dieser in sagenhaften Zeiten vertriebenen Königsdynastie von Simbabwe. Die Ruinen von Simbabwe, vielleicht ein Schloß, eine Burg, eine Festung, ein Tempel, oder all dies zusammen überraschen durch die Reise ihrer baumeisterlichen Technik. Sie sind aus Granit, Spaltgranit, in sehr kunstvoller, manchmal zierlicher Technik hergeftellt. Auch aus Basalt. Schon dies allein weist auf sehr hohes Alter, denn als die Portugiesen ins Land tarnen, baute kein eingeborener Afrikaner mehr in Basalt ober Granit. Und auch die andre für dieses Gebiet so charakteristische Bautechnik, in „Makadam", einer Art Asphalt, gemischt aus Granitrus, Ochsenblut und Termitenmehl, für Bodenbelag, Wandsockel und ganze Wände, steinhartes Material, ist bei keinem Negerstamm Üblich. Was man früher einmal als Sklavenoerließe ansah, find Wohnungen von Ackerbauern in den kunstvoll angelegten Hügelterrasfen, die zum Reisanbau dienten. Dies aber, Reisbau, ist eine in Afrika längst wieder versunkene Form einer einstmals sehr hoch entwickelten Land- stammten aus der Zeit der dort sitzenden verhältnismäßig jungen Bantu- Stämme; und solche Malereien, wie man dort auf Felsenwänden sehen könnte, machten die Buschmänner heute noch. Seit neuerer Zeit aber, besonders durch die Forschungen des deutschen Afrikaarchäologen Leo Frobenius und die von ihm begründete Wissenschaft der Kultur- worphologie und der Kulturkreise, weih man es besser. Da stehen Zeugen einer uralten versunkenen Kultur, und Afrika, spät oernegert, muß hin- eingestellt werden in den großen Kreis der jahrtausendalten WeUkulturen. Hier saß einmal, wann, weih man noch nicht genau, ein mächtiges Königreich mit einer hoch entwickelten Kultur. Die Architektur von Sim- ....... babroe ist sehr bedeutend und technisch vollkommen beherrscht, und die tergie Wandmalereien da auf den Felsen sehen den so sehr bewunderten vor- “' ^geschichtlichen Felsbildern in den Höhlen der Dordogne und in Südspanien wie in Nordostspanien zum Verwechseln ähnlich, diese Darstellungen von Tieren und Menschen und Jagden. Führt man die Eingeborenen vor diese Erzeugnisse einer hohen Kunst, so wissen sie nicht zu sagen, was es bedeutet. Schon den Stil dieser Gemälde, das sehr Naturalistische im Süden des Landes und den Keilschriftftll im Norden des Gebietes nstissen wir Heutigen erst langsam lesen lernen, um zu sagen: dies ist ein Mensch, und dieser Kreis mit —..... "'anbe bedeutet einen Teich. Und die dahinter durch eine Stierhaut oder in einem hölzernen Sarg in Stierform, so wie er heute noch auf der Insel Bali üblich ist. Königszeichen war der Stier, das Symbol des Mondgottes. Außer dieser männlichen Mondgottheit verehrte man eine weibliche, den Abend st ern, die Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit. Daß der Abendstern dasselbe Gestirn ist wie der Morgenstern, wußten diese Völker, und so wurde, was nachts mit Liebesopfern gefeiert wurde, am nächsten Morgen als Göttin der Keuschheit und des Krieges verehrt. Mochte im allgemeinen in den Beziehungen von Staat und Familie auch das Keuschheitsprinzip herrschen, beim Kult des Abendfternes und des heiligen Feuers war es aufgehoben, und die Prin- zeffinnen des königlichen Hauses waren Hierodulen, eine Art Vestalinnen. * Man hat also ein Reich, in welchem mythologische und kosmische Verhältnisse des Gestirnschicksals in irdische und staatliche Beziehungen hin- einoerwandelt sind, diese Ideen vom Mond und Abendstern, ihrem Auf- a und ihrem Verschwinden, mit denen die Sitte des rituellen Königs- es zusammenhängt. Die Mondgottheit in Stiergestalt, und der Abendstern, die Venus oder ihre Vorgängerin im Amt, die babylonische Jschtar, galten als die heiligsten Kräfte bei den Glaubens- und Herkunftsoorstellungen dieses Staates. Ob jener erste Herrscher der neuen Dynastie, der sich gegen die Herren der Monddynastie empörte und sie nach Norden oerjagte, wirklich, wie die Legende sagt, ein Europäer gewesen ist, läßt sich nicht mehr feststellen. Sicher aber war er ein Fremder, der wohl von Osten her in das Land kam. Vielleicht muß der wirklich weitere Ursprung dieser Kultur jenseits des großen Meeres, also des Indischen Ozeans, gesucht werden. Die Sitte des heiligen Königsmordes läßt sich für alle Küstenländer des Ozeanes belegen. Sie war ein wesentlicher Bestandteil des Siwakultes, in seiner reinen, alten Form der Ausdruck der vorarischen Drawidakultur, jener Kultur, in der auch das Hierodulenwefen zur höchsten Form ausgebildet war. In dieser Kultur stand der große Gottkönig im Mittelpunkt eines Staates, dessen Schicksal in der Projektion kosmischer Vorgänge auf irdische Daseinsformen beruhte. Auch hier also war der Umlauf der Gestirne entscheidend. Neben den alten, südindischen Kulturen könnten aber auch die alt- mesopotamischen Kulturen, ganz im Innern des Persischen Golfes, für die. Frage nach der Herkunft dieser afrikanischen Kultur einst wichtig werden. Der König als Stiergott, und daneben die Rolle der Jschtar und der Tod ihres Jugendgeliebten Tammuz, als logischer Hintergrund- des rituellen Königsopfers — alles dies bietet deutliche Parallelen. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.). (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) In der Mansarde rattert eine Nähmaschine, nicht gar zu häufig, das Leben hier oben geht meist ein wenig regellos vonstatten. Ein hübscher und geradezu moderner Raum, man steht verblüfft in der Tür, niemand würde im schädigen Häuschen der Witwe Wagenschanz ein solches Zimmer vermutet haben. Zu allererst muß man großartig wohnen, findet Elli. Sie hatte in besseren Zeiten ihr schwer Erspartes auf Möbelversteigerun- gen angelegt: sie erwarb halb geschenkt einen zentnerschweren Vertiko, echt Eiche, mit fabelhaften Drechslersäulen, er war mit Messingbeschlägen reich verziert. Ein Sekretär aus Nuß und in völlig ungezügelter Ornamentik folgte. Ein kleiner eiserner Ofen gehört dazu, alt gekauft, doch im besten Zustand. Es gibt in dieser Behausung sogar ein Grammophon, erworben vor zwei Jahren, als Elli für kurze Zeit bei Herrn Rechtsanwalt Schönlein angestellt war, und es ist sogar schon beinah abbezahlt oder wenigstens abgenäht. Ueberhaupt, jeder günstige Umschwung in Ellis Leben, das förmlich stoßweise Hereinströmen von Kapital, schob irgendein neues Ausstattungsstück in die Mansarde hinein. * Elli Hampel hat ihre Fixigkeit, ihr sorgenloses Gemüt und ihr« Hilfsbereitschaft in der Not gelernt, die ihre ständige Begleiterin gewesen ist. Sie betrachtet die Menschen mit einer nüchternen Lebenskenntnis, die für vier windgefchützte Jahrzehnte genügen würde. Wenn sie einmal einen Menschen so sehr lieben wird, daß sie darüber die ganze Welt vergißt, so wird sie niemals vergessen, sich mit einer gehörigen Portion Mißtrauen auch gegen ihn zu wappnen, und sollte die Liebe ihr bann eines Tages ein böses Gesicht zeigen, so kann Elli davon nicht überrascht werden. Sie wandelte vor einiger Zeit wie in einer glühenden Wolke, sie liebte einen Mann, der nichts davon wußte. Es war der Sohn ihrer Wirtin, es war der junge Doktor Wagenschanz. Anton hätte nur mit einem Finger zu winken brauchen, obwohl alles eher möglich war als eine Beziehung im gleichen Haus, unter den ewig spionierenden Augen der Witwe Wagenschanz Trotzdem, Elli begriff niemals, daß es nicht Donner und Wolkenbruch gab, sie saß zu mancher nächtlichen Stunde zusammengekrümmt in ihren Kissen und begriff die Schöpfung nicht, die es zuließ, daß sie, Elli, eingehüllt ging in Flammen — und der Mann, dem sie jeden Tag ein paarmal begegnete auf der Treppe, in der Küche, er saß bei den Mahlzeiten am gleichen Tisch, er stand und saß wie ein Eisblock, mit gefrornem, mürrischem Mund, traurig, und sah nicht zu ihr hinüber. Sie mußte ihm ganz furchtbar unsympathisch sein. Aber dieser Zustand ging vorüber, erst milderte er sich zu erträglichen Temperaturen, bann schlief bas, was angeblich eine Liebe gewesen, sanft unb schwunglos ein. Der junge Wagenschanz oertröbelte seine Zeit, sein Gesicht verlor ben gesammelten Ausdruck, Haltung und Gestalt verwahrlosten sichtbar, er verwandelte sich in einen rechi unangenehmen Hausgenossen, da er mit seiner Mutter in die schwersten Zerwürfnisse geriet und auch mit Elli grundlosen Streit anfing. Das hält die haltbarste Liebe nicht aus. Obgleich Elli ihn mit so scharfen Augen ansah und sich über seine Unzulänglichkeit ins klare kam, behielt sie eine gute Meinung von ihm und verteidigte ihn, wenn er in seiner Kneipe sah, gegen die bitteren Klagen feiner Mutter. Denn manchmal stieg Doktor Wagenschanz — war er überhaupt etwas anderes als die Ungelernten, denen er auch in Kleidung und Ausdruck immer mehr glich? — für Tage und Wochen aus seinem Sumpf heraus. Plötzlich büffelte er in feinen 6tubentenbud)ern, plötzlich kam ihm ein Einfall; er besorgte sich einige chemische Substanzen unb braute sich über der Gasflamme etwas zusammen. ,,3d) mußte eine Erfindung machen", sagte er zu Elli, „bann käme ich vorwärts." Sie lächelte schlau, wiegte den Kopf hin unb her unb schlug vor, er möge ein Fleckwasser für sie erfinben, es würbe Frühling, sie muhte ein Kleidchen sauber machen, wollte aber bie Reinigungskosten sparen. Anton sah sie so merkwürdig an, sein Blick ging burch sie hinburch wie ein elektrischer Strom. Dann machte er sich auf ber Stelle über ein Fleckwasser her, bas nach einigen Tagen fertig war, recht brauchbar sogar, das Frühlingskleib sah nachher aus wie neu. In biefen Tagen streifte er die angewachsene Maske des Herumtreibers vollkommen ab, ging aufrecht unb mit funtelnben Augen, machte Fäuste, schrie: „Wir werben es schon kriegen^" unb entwarf alle möglichen Pläne. Das ganze Hans atmete auf. Da kam eines' Nachmittags ber Kandidat Kiefelbach, streckte feinen Vogelkopf in bie Küche, schäkerte mit Elli, sagte der alten Wagenschanz etwas Schmeichelhaftes über ihr blühendes Aussehen, kaufte sich billige ^iqoi'ßttcn biß ct (oft? in bic ^iod'tQfdje schob, unb fyottß 2Inton jum 6lat. „Ein Fleckwasser hast du gemacht, Doktor? Fabrizieren willst bu's? Was soll's denn kosten?" „So fünf Groschen die Flasche." „Das ist billig." Kieselbach schlug mit schallendem Gelachter auf die Platte des Schänkentisches. „Zehn Pfennige verdienst du dabei bestimmt, und wenn du hunderttausend verkauft hast, dann kannst du deiner Mutter immerhin das Lehrgeld zurückgeben. Nee, mein Sohn, es ist nifcht mit dieser Zeit, auch du kommst nicht auf gegen die Platzhalter. ,Vingt millions de tropf Stimmt. Wir gehören leider dazu. Prost. Mach' die Klappe auf, mein Junge, damit die übrigen vierzig uns überschüssige zwanzig Millionen nicht verhungern lassen, weiterhin geht uns der Rummel nichts an." „Und wie lange soll das dauern?" „Geh mal in den Wald, Doktor, und laß es dir vom Kuckuck sagen. Nu mal endlich los, Karten her." Kieselbach nahm das schmutzige Paket- chen, seine unsteten Hände mischten die Blätter mit der Geschicklichkeit eines Akrobaten, und je zu drift mit Daumen unb Zeigefinger abgeschnellt, sausten die Karten daher. Der Elektrotechniker Gambel schob als Dritter seinen Stuhl herbei, der Konditor Fabisch lugte Anton als Kiebitz über die Schulter, und ernsthaft, mit angespanntem und nachdenklichem Gesicht, blickte ein jeder in den bunten Fächer seiner Karten. Anton erwischte, wahrscheinlich weil er so fleißig gearbeitet hatte, eine lange Glückssträhne, er gewann mehrere Spiele hintereinander, die diesmal um Geld gingen, weil Gambel ein paar Groschen übrig hatte, von einer Gelegenheitsarbeit her, hie und da ließ jemand einen schadhaften Steckkontakt von ihm ausbeffern. Doktor Wagenschanz geriet in eine wunderbare Laune, das sah man schon daran, wie er die Karten durch die Lust hieb. Es wurde spät. Diejenigen, die Geld hatten, stifteten eine Runde. Anton stampfte mit schweren Beinen heim. Der Mann, ber ein Fleckwasser erfunben hatte, wurde wieder zu einer schäbigen Sage. Aber Elli vergaß nicht, wie er ausfah in jenen tagen, sie erinnerte sich immer an seinen von unten kommenden wilden Blick. Ja, von unten, er stand im tiefsten Punkt, ein Gebirge auf den Schultern, das sollte er Schritt für Schritt hinaufstemmen. Es kam ihr abermals vor, als liebte sie ihn. Sie sah ein paar Wochen zu, wie er nun von neuem erlosch. „Sollte es nur nötig sein", dachte Elli, „ihm hie und da eine kleine Aufgabe aus seinem Berufsgebiet hinzuwerfen? Davon verstand er etwas, er tonnte daran aufflammen wie eine angesteckte Fackel. Ein kleiner Trick!" Nun besaß Elli leider keine besonderen Kenntnisse auf dem geheimnisvollen Gebiete der Chemie,nur was so im Hause vorkam. „Könnten Sie mir nicht vielleicht ein Mittel sagen, Herr Doktor, womit ich meine Möbel aufpolieren kann?" Bald darauf fängt er wieder an zu experimentieren, sein Stichwort ist gefallen, er tritt auf die Bühne und spielt mit Leidenschaft. Die alten Möbel seiner Mutter in den vollgestopften Zimmern kommen unerwartet zu neuem Glanz, um so mehr, als es ihm gelingt, eine wirklich brauchbare Flüssigkeit zusammenzustellen, mit der er die Türen und Möbel und sogar eine uralte Badewanne blitzsauber zu waschen unternimmt, er reibt und scheuert und ruft das ganze Haus zusammen in seiner „Lust am Weißen". Die Witwe Wagenschanz slüstert mit Elli, das sei ja recht nett, aber sie habe ihren Sohn nicht Hausdiener studieren lassen. „Stören Sie ihn nicht", schlägt Elli vor, „so sängt er an." Und so hört er wieder auf. Die quälende Bedeutungslosigkeit seines Tuns wird ihm bewußt. Beinah jeder seiner Kameraden unternimmt ähnliche Ausfalloersuche, die keine Arbeit geben, nur eine Beschäftigung für wenige Tage, und jeder kehrt wieder entmutigt zu den müßigen Zeiten zurück. Elli kämpft zäh um Antons Seele. Sie gerät in Wut und fällt über den Kandidaten Kieselbach her, den sie einen faulen Kopf nennt, einen Leuteverderber, der von einem tüchtigen Mann wie Dr. Wagenfchanz lieber seine Finger lassen soll ... Nun sieht Anton sich gezwungen, seinen Freund zu verteidigen. Sie streiten sich mit haßerfüllten Ausdrücken. Elli geht in ihre Mansarde und meint. Sie liebt ihn! Einige Tage später hat der kummervolle Ablauf der Zeit den Silbernen Sonntag herbeigebracht. Die Witwe Wagenfchanz beschließt, ins Städtchen zu gehen, sich den Markt und die Holzbuden zu betrachten und diese und jene Kleinigkeit für Weihnachten zu kaufen. Ihr Sohn liegt auf dem öofa und dost vor sich hin. Sie hat kaum das Haus verlassen, alr ihr Sohn sich vom Sofa erhebt und die knarrende Treppe in die Mansarde hinaufschleicht. Jemand hat Elli Stoff für ein Winterkleid gebracht, so gibt es für sie etwas zu tun, und sie bekommt sogar mnchmal etwas dafür bezahlt. Ungewohnter Besuch' Anton steht im Türrahmen und starrt sie an, als ob er sich auf sie stürzen walle. Sie fühlt, gleich wird etwas geschehen, ja, es geschieht etwas, sie fliegen aufeinander zu wie zwei magnetische Metallstücke und halten sich umschlungen. „Du sollst mir nicht böse sein, Ellil" „Ich bin dir doch gar nicht böse." „Aber du verachtest mich!" „Nein, nein! Du kannst doch nichts dafür." Dann fragt sie sich, wäh- rend sie sein ganzes Gesicht mit fiebrigen Küssen bedeckt: wohin soll das führen, was soll daraus werden als Unglück und Verwirrung? „Elli, weißt du denn nicht, daß ich dich schon so lange —" schon so lange —? Nun, was?" Sie flüstert mit geschlossenen Augen. „Gewußt hab' ich das übrigens nicht. Aber was soll das für einen Zweck haben?" Anton versichert ihr, die Liebe habe niemals Zweck. Sie macht ihm höhnisch klar, daß die Frauen in dieser Hinsicht ganz anders denken. „Klar, mein Lieber, das liegt in der Natur der Sache, ihr denkt an ein paar angenehme Stunden, und mir haben vielleicht unser ganzes Leben die Last davon." Anton darf sich in einen Sessel setzen und ihr zuschauen, bis sie Kaffee und Tassen hergerichtet hat. Zigaretten trägt er immer lose in der Rocktasche, eine Angewohnheit, auf die er stolz ist, weil er sie seinem Freunde Kieselbach abgesehen hat. „Können Sie denn keine Schachtel nehmen?" fährt sie ihn an, raucht aber selber. Und stellt fest: „Sie lieben mich also, Anton. Und was soll ich dabei tun?" Auf diese Weise biegt das erwartete Schäferstündchen ab in einen Disput. Anton beteuert, die Jugend gehe vorbei, wenn dies alles noch lange andauere. „Und es wird noch lange dauern, es ist als ob es sich nie ändern kann. Aber ich habe doch ein Recht darauf, Elli, ein Mädchen wie Sie zu lieben." Sie verzieht nur den Mund. „Und was für ein Recht habe ich dabei? Gar teins?" „Das wollte ich damit ja nicht' sagen." Dies zeitgemäße Liebespaar sitzt mit traurig niedergeschlagenen Augen beisammen. Anton wiederholt, was Elli weiß, daß er sich alle Mühe gegeben hat, eine Beschäftigung zu finden, aber für diese Zustände kann er doch nicht verantwortlich gemacht werden. „Es ist alles so komisch umgekehrt mit uns", behauptet sie, „ich habe nichts Richtiges gelernt, bin nicht mal auf einer ordentlichen Handelsschule gewesen, da bin ich natürlich schon ganz zufrieden, wenn ich meine Unterstützung und sonst für die nächsten acht Tage zu leben habe. Und Sie sind dreizehn Jahre zur Schule gegangen und dann noch vier Jahre auf die Universität. Wir passen überhaupt nicht zusammen. Sie haben so furchtbar viel gelernt, daß Sie eigentlich im Handumdrehen einen Ausweg finden müßten. Und Sie könnten es ja! Das Fleckwasser und die Möbelpolitur hätte ich schließlich auch anderswo bekommen, wissen Sie, ich nähe den Leuten etwas dafür und kriege, was ich brauche. Sie find natürlich schlau genug, Herr Doktor, und haben sofort gemerkt, ich wollte Sie nur ein bißchen aufputschen. Aber was tun Sie? Sie schnauzen mich an und hören nur auf Ihren Freund Kieselbach, der Ihnen Ihre Talente vermiest." Anton hört ihr mit gesenkten Blicken zu und rührt den Löffel in seinem kalt und fade gewordenen Kaffee. „Und dann warten Sie", fährt Elli unerbittlich fort, „bis Ihre Mutter ausgegangen ist, und dann schleichen Sie herauf und machen mir eine Liebeserklärung. Sehr schön, ausgezeichnet." In diesem peinlichen Augenblick rasselt ein Schlüssel unten in der Ladentür, die Schelle röchelt einen heiseren Warnlaut, Elli und Anton hören die schweren Füße der Witwe Wagenschanz durch die Grünkram- Handlung schlurfen. „Gehen Sie raus, gehen Sie raus", flüstert Elli aufgeregt. Anton ergreift ihre kleine Taschenlampe, die auf einer Kante liegt, und schiebt sich lautlos ourch die Tür. Die Witwe Wagenschanz sucht drunten alle Zimmer ab nach ihrem Sohn, und soeben fängt zu ihren Häupten ein wildes Nähmaschinensurren an, ganz plötzlich, eine halbe Minute nachdem sie vom Weihnachtseinkauf heimkam. Das fällt ihr auf. Die besorgte Mutter findet Anton mit einer Taschenlampe beschäftigt, wie er unter dem Bodengerümpel angelegentlich sucht, jetzt in der Stockdunkelheit. Dazu der aufdringlich hörbare Eifer von Ellis Nähmaschine. „Hä? Was l),ast du denn da herumzukramen?" Zu seinem Glück erwischt Anton irgendeinen alten Schmöker, sein schwarzes, ein wenig gelocktes Haar ringelt sich wirr und ungekämmt, immerhin, er hat [eine Ausrede und zieht trotzig mit [einem Buch ab. Seine Mutter kommt leise schimpfend in die Küche und stellt für ihn und sich das Kaffeewasser auf den Herd. „Du hast doch wohl nichts mit Elli Hampel?" „Nee, wieso?" Er blickt auf, im höchsten Grade erstaunt. „Was für ein Buch hast du denn gesucht, Anton?" „Hm, ja — es ist etwas — gewissermaßen beruflich Interessantes." Er blättert hin und her, es stellt sich heraus, daß er ein Kochbuch erwischt hat, wenigstens so etwas Aehnliches, Kochrezepte stehen auch darin, doch mehr für Krankenkost, und außerdem viele Angaben über heilende Wässer und Salben, Umschläge gegen Rheumatismus, Säfte gegen Fieber und Pflaster gegen Geschwüre. Die Witwe Wagenschanz nimmt das zerlesene Buch mit den fleckigen Eselsohren. Diesen Schmöker will Anton plötzlich zu seinem Beruf brauchen? Sie wirft ihm verächtlich seinen Fund zurück, ein grauer Staub pufft zwischen den Fetzen des Deckels hervor. Anton fitzt den ganzen Abend mit aufgestemmten Armen da, stiert in das 'Arzneibuch hinein, schreibt unleserliche Formeln auf kleine Zettel, die er wieder zerreißt, und fährt wütend in die Höhe, wenn feine Mutter sich neugierig erkundigt, was er da eigentlich treibt. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: 0r. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-'Luch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.