Gießener ZamilienblAter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1933 Hreitag, den 21. April Nummer 31 Lied des Bauern. Bon Matthias Claudius. Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land: doch Wachstum und Gedeihen steht nicht in unserer Hand. Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenscheinr von ihm kommt oller Segen, von unserm Gott allein. Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles Herl Der Strohhalm und die Sterne, der Sperling und das Meer. Bon ihm find Büsch und Blätter, und Korn und Obst von ihm, von ihm mild Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm. Er läßt die Sonn' aufgehen, er stellt des Mondes Lauf, er läßt die Winde wehen, er tut den Himmel auf. Er schenkt uns soviel Freude, Er macht uns frisch und rot; er gibt dem Viehe Weide und seinen Menschen Brot. Dichtung als Ausdruck der Nation. Von Rudolf G. B i n d i n g. Dichtung als Ausdruck der Nation — wer diese Worte unbefangen aufnimmt, dem scheinen sie wie eine Selbstverständlichkeit. Was sollte wohl Dichtung anders sein als Ausdruck der Nation? — Aber das Selbstverständliche scheint es an sich zu haben, in seiner Bedeutung von den Menschen vergessen zu werden — wie man wohl Kraft und Wunder des Lichts oder des Schlafs für die Menschheit vergißt, weil man sie täglich an sich erfährt. ,, , k Bei uns zu Lande zumal, wo die Nation noch immer ein schwankender Begriff und ein vielleicht noch schwankenderes Bewußtsein ist, gibt man sich kaum je Rechenschaft darüber, was eigentlich dieser Nation Ausdruck bedeute. Man macht nichts daraus. Man ist nicht stolz darauf. Man ist nicht sicher darin. Man suhlt ihn nicht do, wo er sich äußert, und oft genug erkennt man ihn nicht einmal oder irrt sich in ihm. Als ob der Ausdruck einer Nation, d. h. das, worin sich die Nation als solche ausdrückt, so gleichgültig wäre! Ist es gleichgültig, daß ein Volk eine Nation von sich, von ihrem Ausdruck, von diesem allen Gemeinsamsten nichts weiß? Denn das Einzelne, daß selbst einige Zehntuusende einer Schicht davon wissen, soll nicht in Abrede gestellt werden. Aber es kann nicht genügen. Es genügt den gefestigten Nationen, die wir kennen, keinesfalls. t . ... „ ,. ... Nichtsdestoweniger ist es geschehen, daß der deutschen Nation diese Selbstverständlichkeit in ihrer Bedeutung entging: daß nämlich ihre Dichtung, ihr Schrifttum nicht der größte, allgemein zugängliche, sondern der leuchtendste und bleibendste Ausdruck ihrer selbst ist. Unzerstörbarer als Bauwerke, Paläste, Bilder und Kathedralen. Nachwirkender als politische Macht, Prosperität, Wohlfahrt und Reichtum. Sprechender wahrhaftig — im eigentlichsten Sinne des Wortes — als alles. Redend zu jedem, redend auch von jedem als einem Mitglied der sich hier ausdruckenden Nation. Erhoben in jene ungeheuere Unzerstörbarkeit des ge- Im Anfang nämlich ist eben doch das Wort. Es ist das Wort des Dichters was das Unvergängliche schafft. Und diese Uranfanglichkeit ist so groß,' daß man sagen kann: bevor sie nicht ausgesprochen sind — im unvergänglichsten Worte ausgesprochen — existieren die Dinge nicht. lieber allen Gipfeln Ist Ruh — Immer war über allen Gipfeln Ruh. Aber diese Ruhe diese nie wieder zu entfernende Ruhe, dieser Inbegriff der Ruhe war nie zuvor, war erst, als sie ausgesprochen war. Das Ewig-Weibliche Zieht uns hinan. Immer zog das Weibliche an, zog hinan, zog auch hinab. Aber das Ewig- Weibliche zog uns nie zuvor hinan. Nun erst, in die Unzerstörbarkeit dichterischen Wortes erhoben, zieht es uns ewig hinan und wurde so ein ewiger Ausdruck deutscher Nation, leuchtend weithin, unerreichbar, unantastbar, nie verlierbar. Wollte oder könnt« man denn sagen, daß Wirtschaft, Wohlstand, Reichtum, daß Politik, Machtstellung, Handel, daß Erzeugnisse der Industrie, daß selbst die Wissenschaft (in ihrer Ueberholbarkeit) in demselben Sinne Ausdruck der Nation seien? — ein Ausdruck, in dem sich die Nation als solche wiederfindet, sieht und fühlt? Denn uns erhält als Volk und als Einzelnen auf der Höhe des Lebens, auch durch die tiefsten Wellentäler hindurch, nur der Geist, aus dem wir leben: dieser uns bindende Geist der Nation. Und wir wären gering unter den Völkern der Welt, dürsten uns nicht groß und edel beruhend gleichberechtigt und ebenbürtig fühlen, wenn wir das, was man deutschen Geist nennen mag, nicht von uns ausgehen fühlen wie einen ewige» Hauch, der weiter reicht als der Hauch menschlichen Mundes und ein verhallendes Wort. Indem Dichtung in jener Unzerstörbarkeit des Wortes uns ausdrückt, wird sie zur Grundlage dessen, was uns eint, und indem es uns eint, erst zur Nation macht. Denn eine Nation ist nicht bestimmt durch die Gemeinschaft staatlicher Grenzen (soviel diese bedeuten), nicht durch Wirtschaft, Landschaft, geschichtliches Schicksal, sondern durch die Gemeinschaft Im geistigen Ausdruck und durch diesen Ausdruck. Dieser Ausdruck ist die Kunst. — Was ist Kunst? — Kunst ist der Ausdruck dessen, was ein Volk im Tiefsten und Innersten bewegt — ans Licht gehoben durch die solchen Ausdrucks Mächtigen. Und es ist vornehmlich ein Ausdruck im Sprachlichen — in der Dichtung, im (hohen) Schrifttum, der dies vermag. Wir können uns eine Nation wohl ohne Malerei, Architektur, Skulptur, fast ohne Musik vorstellen, nicht aber ohne Sprache. Wenn aber Dichtung Ausdruck der Nation ist, so wird ein Dreifaches sichtbar. Erstens: sie ist keine private ober persönliche Angelegenheit, so sehr dies auch scheinen mag, sondern eine öffentliche. Dies gilt zumal für den, der sie ausübt: für den Dichter und seinen Beruf. Er ist kein Künder privater, persönlicher, abgelegener, abseitiger und einseitiger Angelegenheiten. Nirgends. Niemals. Van jeher nicht und in alle Zukunft nicht. Gerade dann nicht, wenn er an sein Tiefstes rührt mit seinem Tiefsten. Aber —klagen wir Lebenden uns ruhig mit an, die wir vielleicht mit höchstem Können eine Schallplatte beschreiben, als sei sie der Schild des Achilleus — wir haben das außer acht gelassen. Es wird täglich außer acht gelassen in dem Schwall des Gleichgültigen, des Privaten, oft reizvoll Privaten, Abgelegenen, Einzelnen, das fo ganz anders ist als der Ausdruck der Nation und sich in tausend lyrischen Gedichten, in Hunderte» von Romanen wichtig oder unwichtig zu machen für gut befindet. Es wird, fast als sei es eine Tugend, so zu handeln, das uns alle Angehende, das uns alle Treffende kaum noch gesucht und gewagt. Wo ist, innerhalb unseres Schrift- und Dichtertums, die Leidenschaftlichkeit für diesen Ausdruck, der ein ganzes Volk ausdrücken oll? Ohne Glut, ohne Besessenheit von Amt und Würde, von Berus und wahrer Berufung für sein Volk ist des Dichters Ausdruck matt, arm, ohne Kraft und ohne Recht. Sind wir nicht allmählich zu weit geraten in der Fürsorge, uns auf die einschläfernde Wirkung der Dichtung etwas zugute zu tun? Was Wunder, wenn das Volk, das sich fühlen will, sich nicht fühlt? das getroffen sein will, nicht getroffen ist? Auf Seiten der Station aber fehlt das Bewußtsein davon, daß sie im Werke des Dichters ausgedrückt ist; daß sie in ihm getragen ist. Um dies zu beweisen, brauche ich nur auf die Repräsentation hinzuweilen, die unsere Nachbarnation, die französische, in ihrem Schrifttum und in ihrer Dichtung sieht, fühlt und sich bewahrt. So konnte es geschehen, daß während der Feiern zum 100. Todestag ihres größten Dichters in Weimar das Wort nicht fiel, das die Nation verlangen konnte: daß nämlich unzweideutig In Goethes Gestalt, in ihrer beglückenden Einheit, ihrem Weitblick, ihrer Tiefe, ihrem Aufstieg, die große reine weite und beglückende Einheit deutschen Wesens sich der Welt offenbart hat, die als höchste Möglichkeit und tiefste Sehnsucht in feinem Volke umgeht. Al« höchste Möglichkeit: denn sie verwirklicht sich in ihm. Als tiefste Sehnsucht: denn sie beglückt. Niemand wird damit angeklagt. Dieses Wort fiel nicht, weil es nicht gegenwärtig war. Es war latent, aber es war nicht bewußt. 9)lan sprach vortreffliche Dinge — wohl berechtigt im Rahmen der Feiern. Mer die Nation kam an dem Grabe dessen, der ihr höchster Ausdruck, ihr höchstes Bild und ihr höchster Inbegriff war, nicht zum Ausdruck ihrer selbst. Dies ist so in unserem Lande. Ich stehe hier nicht um anzuklagen. Jede Anklage hat etwas Verneinendes, Unfruchtbares. Zum Zweiten: Wenn Dichtung der Ausdruck der Nation ist, fo gehört sie der Nation. Deutsches Schrifttum ist kein privater Besitz. Cs ist eine Widersinnigkeit, Nachlaß und Werke der Dichter und Denker, der großen Geister der Nation noch so gutmeinenden Nachkommen und persönlichen Erden zur Vorenthaltung ober zur Preisgabe, zu Einschränkung ober vielleicht gar zu liebender Entstellung zu überlassen. Der Ausdruck der Nation ist diesen Sioen gar nicht vermocht, wallte ihnen vom Erblasser | gar nicht hinterlassen werben. Das w^s iguen hi .^lassen würbe, soll ihnen bleiben: die finanzielle Auswer'.ung des bestehenden Werks und des Nachlasses. Aber eine Beraubung der Nation an dem ihr zustehenden Ausdruck sollte unmöglich, undenkbar sein. Drittens aber gebührt dem Ausdruck der Nation auch die Publizität der Nation Unsere Publizität ist nicht die der Nation, sondern eine Parteipublizität. Es blieb unserer Zeit Vorbehalten, vom Dichter parteiliche Enge zu verlangen, dem Dichter Enge zu erlauben, ihm Enge anzubieten. Weiß man, was man damit tat? Man bot sie damit dem Volke, man bot sie der Welt an. . .. Meint man, Dichter seien unpolitisch, weil sie sich nicht in politische Parteiengen und Parteiansch.iuungen einsperren lassen? Hier, zu unser aller und der Dichter Ehre sei erklärt: daß wir von jeher, zu aller Zeit und in allen Völkern noch immer das höchste politische Ziel, das selbst Staatsmänner zuzeiten aus dem Auge verlieren, in unserem Inneren tragen und bekennen: den Menschen. Manfred von Hichtbosen. Gedenkblatt zum 15. Todestage des berühmten Kampffliegers. Von Professor Dr. Eugen Wölbe. Wenn das Wort des weisen Griechen wahr ist: „Wen die Götter lieben, der stirbt srllh", dann hätten sich die Flieger der besonderen Gunst der himmlischen Machte zu erfreuen — hat doch seit den Pagen des Ikarus ein jäher Tod alle die Jünglinge dahingerasst, die den Flug hinauf zur Sonne wagten. Obgleich der Kampfflug eine junge, erst im Weltkrieg erprobte Masse ist, so kann sich die Phantasie einen gereiften oder gar ergrauten Mann als Meister der Lüfte schwerlich vorstellen: Kampsflug erfordert eben Jugend, Tatkraft, Todesverachtung. Fliegertod — früher Tod. Kein Wunder, daß die unsterblichen Kampfflieger des Weltkrieges — neben den alten Landsturrnleuten im Schlamm des Schützengrabens die wahren Helden! — in jugendlichem Alter ins Grab sanken: Jmmelmann, BLlcke, Prinz Friedrich Karl, Buddecke und der ersolgreichste von allen: Richt Hosen. Manfred Freiherr von Richthofen wurde am 2. Mai 1892 zu Breslau geboren. Sein Vater war Major im Leibküraffierregiment Großer Kurfürst. Nach privater Vorbereitung besuchte Manfred ein Jahr lang das Gymnasium zu Schweidnitz, dann die Kadettenanstalt zu Wahlstatt bei Liegnitz, die einst auch unseren Hindenburg zu ihren Schülern zählte. Im Jahre 1911 begann er seine militärische Laufbahn bei den Ulanen in Militsch (Schlesien). Ein Jahr danach wurde er zum Leutnant befördert. Beim Ausbruch des Weltkrieges wurde er an die Ostfront, neun Tage später an die Westfront geschickt. Bei Virton (22 August) kämpfte fein der Infanterie zugeteilter Truppenteil zwei Tage lang erfolgreich gegen einen sechsfach überlegenen Gegner. Vor Verdun wurde er im September 1914 mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, doch war der einförmige, keine Aussicht auf Ruhm und Auszeichnung bietende Stellungskrieg nicht nach [einem Geschmack, selbst dann nicht, als er sich die freie Zeit mit Treibjagden auf Schwarzwild vertrieb. Auf seine Bitte wurde Richthofen im Mal 1915 zur Fliegertruppe versetzt. Ueber seinen ersten selbständigen Flug berichtet er: „Man sitzt ganz ruhig auf seinem Sessel. Daß einem schwindlig wird, ist ganz ausgeschlossen; es gibt keinen Menschen, dem im Flugzeug je schwindlig geworden wäre. Aber es ist ein verdammter Nervenkitzel, so durch die Lust zu sausen, besonders nachher, als es wieder 'runterging, das Flugzeug nach vorn kippte, der Motor aufhörte, zu laufen, und mit einem Male eine ungeheure Ruhe eintrat Ich hielt mich wieder krampfhaft fest und dachte natürlich: Jetzt stürzt du! 2(ber es ging alles jo selbstverständlich und natürlich vor sich, auch das Landen, wie man wieder die Erde berührte, und alles war so einfach, daß einem das Gefühl der Angst absolut fehlte. Ich war begeistert, und hätte den ganzen Tag im Flugzeug sitzen können. Ich zählte -die Stunden bis zum nächsten Start." In seinem ersten Lustkampf, bei dem er Bomben auf den Gegner abzuwerfen hatte, zwang er den Engländer, Reißaus zu nehmen. Während der Champagneschlacht lernte Richthosen Bölcke kennen, der ihm „wahnsinnig imponierte", weil dieser bereits vier feindliche Flugzeuge abgeschossen hatte. Aus Bölckes Veranlassung lernte Richthosen „Fokker" fliegen, d. h. ein nur für einen Insassen eingerichtetes Kampfflugzeug mit einem Maschinengewehr, das durch den Propeller schoß. Im März 1916 beherrschte er bereits als Flugzeugführer Im Rahmen der Jagdstaffel Bolcke den Apparat im Lustkampf. Nun schreitet er von (Erfolg zu Erfolg. Wie durch ein Wunder entgeht er allen Gefahren, obwohl er überzeugt ist: „Stuf die Dauer glaubt eben jeder mal dran." Nach Bölckes Tode übernahm er dessen Staffel, mit der er vier Wochen später bereits seinen 11., zu Weihnachten seinen 15. ßuftfteg errang. Nach dem 16 Abschuß wurde er mit dem Orden „Pour le mörite" ausgezeichnet und zum Führer einer selbständigen Jagdstaffel befördert. Nach dem 30. ßuftfiege wurde er Oberleutnant, nach dem 39. — noch nicht 25 Jahre alt! — bereits Rittmeister. Eines Tages kam Richthofen auf den Gedanken, feine „Kiste" rot anzustreichen. Fortan wurde dieser „rote Teufel" der Schrecken der Engländer und Franzosen, die ihrerseits ganze Geschwader zu seiner Unschädlichmachung zusammenstellten. Bei einem solchen ihm zugedachten Angriff zerschoß Richthosen seinem Gegner den Motor und zwang ihn dadurch, innerhalb der deutschen ßin-len niederzugehen. Dazu kam es aber nicht, denn Richthosen griff ihn noch ein zweites Mai an, woraus das Flugzeug in Richthosens Geschoßgarbe auseinanderklapvte. Die Flächen fielen wie ein Blatt Papier, jede einzeln, und der Rumps fauste brennend in die Tiefe. Er fiel in einen Sumpf; man konnte ihn nicht mehr ausgraben. Der Heeresbericht des Feindes meldete den Flugzeugführer als „vermißt". Die größten Erfolge erzielte Richthosen, indem er sich In der Defensive hielt. In diesem Falle ließ er die zwecks Erkundung der deutschen Stellungen Herr ischwiirenden feindl-chen Flugzeuge bis auf 50 Meter heran- kommen. Dann begrüßte er sie mit einer Salve aus seinen beiden Maschinengewehren. Versuchte bann der Gegner sich durch einen Sturzflug zu entziehen, so blieb Richthosen senkrecht über ihm, drückte auf die Maschinengewehrknöpfe — dann ein leises Rauschen, das sichere Zeichen des getroffenen Benzintanks — eine Helle Flamme zuckt auf — der Feind faust in die liefe — und Richthofen darf einen neuen ßuftfieg verbuchen! Am 6. Juli 1917 hätte ein solcher ßufttampf in der Defensive unserem Richthosen beinahe das Beben gekostet. Noch war der Engländer 300 Meter entfernt. Richthosen ließ ihn herankommen; da hatte er aber bereits einen Streisschuß am Kopse weg. Für ein paar Augenblicke war seine Sehkraft gestört, aber er hatte noch so viel Besinnung, das Gas abzu- fteUen und die Zündung herauszunehmen. Bei der Bandung wollte er auc der Maschine steigen; er hatte aber nicht die Kraft, aufzustehen, sondern er legte sich gleich hin, und zwar in B.ftelgeftrüpp. Es dauerte .zwei Monate, ehe das Boch im Kopfe, eine Wunde von etwa 10 Zentimeter Bange, zuheilte. . , Nach dem 60. Abschuß zog ihn die Oberste Heeresleitung für einige Zeit aus der Gefahrzone. Zunächst folgte er einer Einladung des Kobur- ger Herzogs zur Jagd. Dann wurde er zu den Friedensverhandlungen von Brest-Bitowsk abkommandiert, von wo aus er einen Jogdausslug in den Urwald von Bialowies unternahm. Ende März 1918 schwingt er sich wieder in die Büste. Sein Jagdgeschwader verfügt jetzt über fünfzig Flugzeugführer und 100 Maschinen. Am 26. Marz brachte er den 70. und am 20. April den 80. Gegner zum Abschuß. Tags darauf startete Richthosen zu einem Feindflug über die englischen ßinien an der Somme. Nachdem er mit seinem aus 30 Flug- zeugen bestehenden Jagdgeschwader ein paar englische Flugzeuge vertrieben hatte, schwenkte er in nördlicher Richtung ab. In kurzer Zeit waren ungefähr 50 Flugzeuge miteinander in ein Gefecht verwickelt, an dem sich Apparate beteiligten, die aus meilenweiter (Entfernung herbeigeeilt waren. (Es entspann sich ein erbitterter ßufttampf Richthofen nahm sich einen Gegner aufs Korn, verfolgte ihn etwa acht Kilometer hinter die feindlichen ßinien und schoß ihn ab — sein 81. ßuftfteg Als er dann versuchte, seinen Apparat wieder in die Höhe zu bringen, neigte sich dieser infolge einer Verletzung des Steuers oder eines Motordefekts und stürzte in die Tiefe. Richthofen war sofort tot; er hatte eine Schußwunde an der linken Seite neben dem Herzen und eine wahrscheinlich von dem Ausschlagen herrührende Wunde im Gesicht. Am folgenden Tage, noch- mittags 5 Uhr, wurde er unter vollen militärischen Ehren auf dem Friedhof von Bertangles, nördlich Amiens, beerdigt. Fünf gewaltige Jmmor- tellenkränze, einer aus dem Hauptquartier der englischen Buftf'otte schmückten den Sarg. Sie alle trugen die gleiche Widmung: „Dem Rittmeister von Richthosen, dem tapferen und würdigen Feinde". Am 20. November 1925 wurde der unsterbliche Fliegerheld auf dem Invaliden- kirchhos zu Berlin beigefetzt: der Reichspräsident war bei der von sämt- lichen Frontkämpfervereinigungen veranstalteten Trauerfeier persönlich zugegen. Wer Richthosen nur als den kühnen Draufgänger kennzeichnet, der so trefflich zu fliegen und vom Flugzeug aus so trefflich zu schießen verstand, der wird seinem Wesen nur teilweise gerecht; denn der Baron war zugleich ein herzensguter Mensch und ein vollendeter Gentleman, der durch die selbftvei [ländliche Sicherbeit, aber auch durch die vornehme Sch'icht- heit seines Wesens überall Freunde gewann — ein leuchtendes Vorbild für künftige Geschlechter! Biiffei am Kilmandsck'oro. Eine afrikanische Jagderinnerung von Curt B l o e d o r n. Unweit des Stromes ließ ich am Spätnachmittag das Bager aufschlagen. Regenschauer waren am Tage niedergegangen, es trieften Zweige und Blätter. Der Abend kam. Der volle Mond schien silbern auf das stille Wasser. Im Westen hörte ich das ferne Rauschen der Strom- schnellen, gedämpst wie Bäumerauschen kam das Tosen der Fälle durch den dichten Wald. Mitternacht war vorüber. Meine Schmarren schliefen schon, denn heute waren sie müde geworden. Der lange Marsch war anstrengend gewesen; ich hatte die Basten vergrößern lassen müssen, weil etliche Beute erkrankt waren. Der Regen hatte mich am Tage mehrfach durchnäßt. Mich fror jetzt in der Abendkühle, ich sand keine Ruhe und ging vor dem Zelt am Feuer auf und ab. In der Steppe war ich auf | frische Büffellosung und auf starke Fährten dieses Wildes gestoßen. 2ln diese Wildrinder dachte ich. Für den nächsten Tag mußte gieiMi gefd'--rft werden; zwei erlegte Buschböcke waren in den TOagen der Träger verschwunden. Der Himmel war völlig klar geworden, der Mond hatte die Regenwolken des Tages vertrieben und silberweiß lag die weite Stepne, auf der wir gezogen waren. Im Osten stand wie eine fchwarzgrüne Wand ein Stück Urwald und reckte einen feiner Ausläuser bis an das Wasser, saft bis zum Bager. In der lichtbefluteten Steppe meldeten sich Frankoline, Steppenhühner der Tropen, sie mußten in ihrer Ruhe gestört sein; und mehrere Kor- morane am Flußufer schrien zuweilen auf. Dann wieder Stille, nur der Strom gurgelte und raunte leise, eintönig. Da! — ein langgezogener brüllender Ton in der Steppe. „Buhu unhubu!" Noch einmal kam der Ruf, und Antwort wurde ihm weit draußen in der silberweißen Ferne. „Büffel!" Ich war wie elektrisiert. Im Mondschein hatte ich auf dies urige, seltene Wild noch nicht gejagt. Es würde ein gewagtes Unternehmen jein, aus diese wehrhaften, leicht reizbaren Tiere im Immerhin unsicheren Bicht zu pirschen, vielmehr noch aus sie zu schießen. Aber die Büffel lockten mich, ihre Trophäen und ihr saftiger Braten waren nicht zu verachten. Ich weckte meinen Iagdboy, einen Dinba: „Hoch, Mwabende, Büssel in der Steppe — komm mit!" — „Bwana, (in sind uns böse und schwer zu finden in der Nacht. Aber sie jinben uns!" Der Dinba hatte keine rechte Bust zu nächtlicher Jagd; er hatte, wie alle Schwarzen eine Heidenangst vor Büffeln, mußte sich schließlich aber doch fügen und mit« kommen. Er sollte ein Reservegewebr fragen. Im Schotten des Waldra"d-s ging es zur S*eppe. Aenqstlich daraus bedacht, in der Nähe meiner Büchse zu bleiben, folgte mir der Schwarze •Äää'68.«=sS«u® -SÄwSSSSSS , V.A Q.iH ffiprtpn Kill . r _<11_ Sa*, nnhflrn miirhon ihm h p Tanxe* verendet, ihre gebrochenen Lick'ler starrten grün Sie waren schwär als ich ste ungebrochen hatte, doch war ihr Gewapp Das Mitnehincn wert. Mit der nötigen Vorsicht krochen wir zurück und waren nach zwei Stunden im Lager. Bei Sonnenaufgang, um sechs Uhr, stand ich mit einem Teil meiner Schwarzen vor meiner nächtlichen Beute, und unter Lachen und Schwatzen begann das Zerlegen. Das Kalb war nicht mehr da, vielleicht war es den Fährten der Herde gefolgt oder Raubzeug hatte es sortgeholt. Zm Früh'ing. Von Eduard M ä r i t c. Hier lieg' ich aus dem Frühlingshiigel: Die Wolke wird mein Flügel, ein Vogel fliegt mir voraus. Ach, jag’ mir, alleinzige Liebe, wo du bleib ft, hast ich bei dir bliebe! Doch du und die Lüfte, ihr habt kein Haus. Der Sonnenblume gleich steht mein Oemiite offen, lehnend, sich dehnend in Sieben und Hoffen. Frühling, was bist du gewillt? Wann werd' ich gestillt? Die Wolke seh ich wandeln und den Fluh, es bringt der Sonne golbner Kuh mir tief bis ins Geblüt hinein: die Augen, wunderbar berauschet, tun, als schliefen sie ein, nur noch das Ohr dem Ton der Biene lauschet. Ich denke dies und denke das, ich sehne mich, und weih nicht recht, nach was: Halb ist es Luft, halb ist es Klage; mein Herz, o sage, was webst du für Erinnerung in golden grüner Zweige Dämmerung? — Alte unnennbare Tage! ein ..?xuu)9 uuii iituv win “i* * / ' . nosten kennenlernen sollte. Eine nach der andern wurden ihm die Tanze- rinnen in knapper, nicht eben zartester Porträtierung vorgesuhrt; vonro bie Töchter eines Winkeltanzmeisters und eines truntfalligen Polizisten, mit deren Hilse bas Institut begrünbet war in ihrem ©cfolge eine ganze Reihe freunb« und elternloser Mädchen, bie wahrenb des Tages mit ihrer Künde Arbeit sich ein kärgliches Brot verbienten...... 'Ich verzehrte indessen schweigend mein Frühstück unb futterte Mitunter einen Buchfinken, ber surcht'os neben mir auf ben Ftiesen umher- lief unb bie ihm hingeworfenen Brotkrumen aufpickte. Auf der Universität. Novelle von Theobor StörM. tFortietzung.) Während ich einen Krug Bier und eine Schnitte Brot bestellte, waren wir in den Saal zurückgegangen. — Als ber Tagesschein durch die geöffnete Tür fiel, wurden auf ber Mitte des Fußbodens ein paar dunkle Flecke sichtbar, bie mir keinen Zweisel ließen, baß nicht nur-bie Kneipabende, onbern auch bie dazugehörigen „Paukereien" in diese Einsamkeit verlegt waren. — „Weshalb schasst ihr denn das Blut nicht fort? ^^.Uin^Entschuldigung, mein Herr", erwiderte ber blasse Kellner, „aber ber Fleck kommt immer roieber; er ist von damals, als das Unglück hier passierte. — Es sah sich übel an, als ber hitzige junge Herr auf einmal so still unb weih würbe." Ich entsann mich sogleich jenes Vorsalls, ber einer dürftigen Ossiziers- roitroe ihren einzigen Sohn gekostet hatte. Es war bald nach meiner Abreise geschehen und hatte auf kurze Zeit die Teilnahme des ganzen kleinen Landes in Anspruch genommen. r , Ich ning in die Halle hinaus und setzte mich auf eine der grünen Bänke, des armen, heißblütigen Jungen gedenkend, dessen Leben hier bie letzte unliebsame Spur zurückgelassen hatte ~ ........ - , Nach einer Weile brachte der Kellner das bestellte Frühstück. „f)eut abend könnten Sie was Besseres haben", sagte er, indem er Krug und Teller vor mir auf ben Tiich stellte. „Wir haben Ball; ba schickt ber Prinzipal allemal seine Köchin heraus." Ball?" fragte ich erstaunt. „Wer tanzt benn hier mitten Im Walde? _ Nun" erwiderte er und blickte fast ein wenig despektierlich auf meine nicht allzu moderne Kleidung, „die vornehmsten Herrn Studenten haben das so eingerichtet." , . Mir fiel plötzlich eine Stelle aus dem Briefe eines Freundes ein, den ich während meines Aufenthaltes in der Heimat erhalten hatte „Zum Hexensabbat nennen wir es; und es geht toll genug her! So lauteten die Worte. Ich mußte jetzt, wovon die Rede war; ich hatte nur den Ort Kugel, fällt um t , . „ unb Erbstücke in die Luft fliegen. Non den erstbeschossenen Büffeln war von meinem Stand im Wen (ßrafe nirfits ZU sehen Die Kuh verendete in wenigen Minuten. MSW-AUWZ ZMMZZM-E- vergessen. Der Kellner schien übrigens jenen Namen nicht eben gern zu Horen. Während ich ihn aber noch damit zu schrauben suchte, waren zwei junge, n-ir wenig bekannte Studenten ben Berg heraufgekommen. Sie warfen sich ohne von mir Notiz zu nehmen, an ber andern Seite der Tur au die Bank während sie in scharf akzentuierten Worten unb mit einem grimmigen Gesichtsausdruck jeder einen Seibel Bier bestellten Dann, 88SMS kauerte der Schwarze. Der Boden dröhnte, stampfend tarnen bie Büffel heran, bie schwarzgrauen Leiber hoben unb senkten sich beim Sprung; sie kamen als laße ber Satan ihnen im Genick. Noch zwanzig Schritte — noch zehn -- ich batte roieber geloben — jetzt finb sie ba, links unb rechts hart am Baume donnern fic vorbei, einige sind vor, andere kommen noch nach. Der Boden zittert, im hohen Grase rauscht, peitscht unb schnaubt es! Gott sei Dank, sie finb vorbei unb wir lebend; wir sind nicht unter ihre Hufe geraten. Da steht aber doch noch ein Kalb unmittelbar vor meinem Baum! Aus- rechnet liier muß bas bumme Vieh stehenbleiben und nach ber Mutter rufen. Richtig, wie ich geahnt, ba kommt bie Alte äuru^getobt, überrennt einen Jung!)rillen der sich verspätet hat unb ihr in ben Weg tritt, rast auf zwei Schritte an mir unb bem Baume vorbei, .steht auf zehn Schritte von mir bei ihrem Kalb unb äugt nach bem Stamme ber mich deckt. Die hat Witterung von uns bekommen unb nimmt uns an. Die Bussel kuh stampst mtt ben Hufen, schnaubt unb peitscht mit ber Schwanzquaste ihre Seiten. „Die Sache wirb brenzlich, jetzt kommen wir an bie Reihe! Öad«3 so gemeint, dann gibt es kein langes Warten und Mitleid mit dem Kalb bas ohne bie Alte umkommt. Du ober ich; lieber du! Zum britten Male bricht ein Schuß aus meiner Buch^ stobn-nb sackt das Stück zusammen, steht.aber wieder au W uon ., u-r.en. Im hohen Grase hingen große Tropfen und schlugen ihr jia-j durch ben Kord meines Anzuges. Es war ein schlechtes Vorwärts- to amen im dichten Wuchs, außerdem wehrten Busch- und Baumgruppen nach ber Steppe zu bie Fernsicht. Hin unb roieber sprang vor nur Wild an, Antilopen, auch Zebras. Nur an ihrem Schnauben erkannte ich die Streifenpferbe, aber zu Gesicht bekam ich sie nicht. Stille umgab mich hier in ber Steppe, nur in ber Ferne in heller, baumloser Ebene ab unb zu dumpfes Brüllen. Die Büffel waren weit hinausgewechselt. Ich überlegte, was tun. Schließlich wagte ich es, ihnen entgegenzupirschen. Zitternd und grau vor Angst folgte mir der schwarze. Jeden Busch jeden Baum als Deckung nehmend, schob ich mich vor, Ost mußte ich mich recken, um über dem Graswuchs Sehseld zu haben; bis zur Brust unb barüber hinaus stauben bie Halme. Den Mond im Rucken, i konnte ich mit bem Glase weit hinausleiichten. Wilb war reichlich zu sehen, 'Büffel konnte ich nicht finben. Diese vorsichtige, unruhige Gesellschaft hatte ben Walbranb weit hinter sich gelaßen unb äste sich satt in ber freien, übersichtlichen Steppe. In ihr fühlten sich die 'Büffel sicher vor unliebsamen Ueberrafdjungen. Immer weiter rückte ich vor unb beutlicher hörte ich letzt das Brüllen ber Wildrinder. Wie eine zerrissene Masse Silberbronze hob sich vor nur eine Bauminsel aus bem Gräsermeer. Wenn ich vom Wild ungesehen und ungestört durch sie gelangte, mußte ich an bie Büffel heran jein. In einer 'Biertelftunbe hatte ich ben Weg geschafft unb mich burdjgearbeifet burch Dornen, Abanfonien unb Akanthus. Jetzt hatte ich bie freie Steppe "°^Ich suchte bie große Fläche mit dem Fernglase ab und fand die Büffel. Es mußte eine starke Herde sein, die da auseinandergezogen sich in ber soft tageshell beleuchteten Grasfläche sattäste. Als mächtige, sich bauernb verschiebenbe, schwarzgraue Fläche hoben sie sich von ber lichten Umgebung sehr gut ab. . . Deutlich hörte ich einzelne Tiere sich melden; ich horte, nue zwei sich erzürnten, krachend fuhren ihre Schädel gegeneinander und zornig rollte ihr Kampfruf zu mir. Zum sicheren Schuß waren sie mir aber immer noch zu weit. Wenn ich hier nicht warten wollte aus ben Einwechsel ber Büffel — unb ber konnte erst nach Stunben stattfinden —, bann mußte ich minbeftens bis zu ber einzelnen Dornakazie vor, bie aus vierzig bis fünfzig Schritte wie ein Riesenpilz aus ber Steppe wuchs. Tiesgebückt, vorsichtig halb kriechenb machte ich auch biese Strecke unbemerkt von ber Herde. Ich war froh, als ich im Schutz des Baumes war, ohne von einem Büffel auf meinem Wege angenommen zu fein. Es war ein großartiger, packender Anblick, ber sich mir hier jetzt bot. In Schußnähe, halbverdeckt burch hohes Gras, sich ich bie nächsten Stücke biefes starken Wildes in feiner Massigkeit und Kraft vor mir. Sie ahnten nicht die Nähe des Menschen, ber einen aus ihrer Mitte sich holen wollte, unb gaben sich völlig unbeobachtet. Ich hörte sie Gras abreißen, vernahm bas Aneinanderstoßen ihrer Hörner (weibmänmsch: ®en)app), ein starkes Stück schlug ein schwächeres aus seiner Nähe, auch sah ich Jungtiere unb Kälber ihre Kräfte im Spiele probieren. Mit gesenkten Hörnern nahmen sie sich an, stießen zusammen, baß es brvhnte, unb brückten sich hin unb her. Brummend brachte ein Alttier ober ein mürrischer Bulle die unruhigen, jugenblichen Geister zu Drbnung. Ein wie mir schien, befonbers starker 'Büffel, ber eine Zeitlang spitz zu mir staub, wandte sich unb kam mir breit. Schon lange hatte ich meinen Karabiner am 'Baume angestrichen, um im gegebenen Moment fertig zum Schuß zu fein. Hochblatt faßte ich bas Stuck unb machte ben Finger krumm. Der Schuß brach, bas Miindungsfeuer fegte — drüben ein dumpfer Fall, ber 'Büffel war zufammeiigebrochen. Ich repetierte in ber sekundenlangen Stille, die eingetreten war, backte an unb schoß sofort auf bas nächste Stück, bas wie alle eroberen erstarrt zu sein schien. Nur ben Kugelanschlag hörte ich noch, bann dröhnte unb bebte bie Erbe vor mir Die ganze rasend gewordene Busfelherbe setzte sich zu mir hin in Bewegung „Sich drücken ist jetzt keine Schande, die Geschichtewird bedenklich!" dachte ich, preßte mich an ben Stamm; zu meinen Fußen „Die Gräfin sollst bu erst sehen!" begann der ältere meiner beiden Nachbarn wieder, indem er seinen kleinen Schnurrbart drehte. Der andere tat eine verwunderte Frage. Sein Freund lachte: „Es ist nur eine Nähterin, Ludwig: aber wenn sie dich so kalt mit ihren schwarzen Augen ansieht! — Sie ist verdammt von oben herab." ..... „Aber warum nennt ihr sie denn die Gräfin?' „Nun, siehst du — der Raugras hat sie." Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesen Worten erschrak. Schon wollte ich nähere Erkundigungen bei dem jungen Renommisten einziehen, als mir einfiel, daß ich bei meinem Fortgehen die „lahme Marie" in der Hinterstube meiner Hauswirtin gesehen hatte. Ich machte mich sofort auf den Rückweg: und eine halbe Stunde später stand ich neben ihr und hatte ein Gespräch mit ihr angeknüpft. „Und Sie haben Lenore seit lange nicht gesehen?" fragte ich. Sie schwieg einen Augenblick. „Ich gehe nicht mehr mit ihr", sagte sie, indem sie auf ihre Arbeit blickte. „Sie schienen doch sonst so gute Freunde!" „Sonst, ja!" — Sie strich ein parmal mit dem Nagel über die eben angefertigte Naht. „Aber seitdem sie draußen bei den Studenten tanzt: --[te wird die längste Zeit bei der alten Tante gewesen sein; und mit dem Testament mag es nun auch wohl anders werden." „Also doch!" dachte ich. — Christoph hatte mir das entlehnte Geld schon einige Zeit nach seiner Abreife mit der kurzen Bemerkung zurückgesandt, daß er im Hause seines Oheims sine freundliche Aufnahme, bei den beiden Alten nicht weniger als bei deren schon etwas ältlicher Tochter, und außerdem Arbeit vollauf gesunden habe. Seitdem hatte ich Näheres weder von ihm, noch von Lenore gehört. „Aber, wie ist denn das gekommen?" fragte ich nach einer Weile, während die Nähterin emsig fortgearbeitet hatte. „Nun!" sagte sie und steckte für einen Augenblick die Nähnadel in das Zeug. _,,Es war vierzehn Tage vor Pfingsten: die Lore war schon lange unwirsch gewesen; ich dachte erst, weil der Tischler ihr noch Immer nicht geschrieben hatte, mitunter aber karn's mir vor, als sei das ganze Verlöbnis ihr leid geworden, und als könnte sie in sich selber darüber nicht zurecht kommen. Sie scherte sich auch keinen Deut darum, ob sie mich oder eine von ihren vornehmen Herrschaften mit den kurzen Worten vor den Kops stieß: am schlimmsten war es aber, wenn sie gegenüber die Musik vom Ballhaus hörte; denn sie hatte dem Tischler doch versprechen müssen, nicht zu Tanze zu gehen. — Eines Abestds nun, da wir vor meiner Tür auf der Bank fitzen, kommt mein Schwestersohn, der Schneider, der erst gestern aus der Fremde heim war, mit ein paar andern Gesellen zu uns. Er war den Rhein herabgekommen, hatte auch dort in zwei oder drei Städten, die er namhaft machte, gearbeitet. Die andern fragen; er erzählt. — ,So hast du den Christoph Werner auch gesehen?" sagt der eine. — .Den Tischler, freilich habe ich ihn gesehen: der hat sein Glück gemacht." — .Wie denn?" fragte der andere. — .Wie denn? Er heiratet die Meisterstochter; und sie hat---du verstehst mich!" Er machte wie Geldzählen mit den Fingern. Mir wurde himmelangst bei diesen Reden. .Du bist nicht gescheut, Junge", sag' ich, .was schwatzest du da ins Gelag" hinein'!" — .Oho, Tante, gescheut genug!" ruft er, .bin ich doch dabei gestanden, daß er die Bretter zu seinem Hochzeitsbett gehobelt hat!"--Lore, auf dieses Wort, ohne einen Laut zu geben, steht sie von der Bank aus, nimmt ihren Hut und geht, ohne sich umzusehen, die Straste hinab. .Was fehlt der?" sagt mein Schwestersohn noch. — .Ich weih nicht, Dietrich." — Und ich wußte es auch wirklich nicht. Es war nicht gar so heiß gewesen zwischen ihr und dem Tischler; denn er war ihr lange nachgegangen, und sie hatte sich zweimal bedacht, bevor sie ja gesagt; und wenn ich's auch schon wußte mit dem vornehmen jungen Herrn, dem Studenten, so dachte ich doch nicht, daß er ihr so ganz ihren eigensinnigen Kops verrückt hätte. „Noch eine Weile saß ich bei den andern und hörte, was der Junge, der Schneider, zu erzählen wußte; aber ich härte nur Halbwege, und bald litt es mich nicht länger; denn ich sorgte doch um sie. So ging ich denn hinterher und traf sie, wie ich es mir auch gedacht hatte, drunten im Haus der Tante, wo sie in einem Hinterkämmerchen ihre Menage hatte. Da stand sie mitten im Zimmer kreideweiß und nagte sich aus den Lippen, daß ihr das Blut übers Kinn lief; alle ihre Schubfächer und Schachteln hatte sie aufgerisfen, und Tüll und Bänder lagen um sie her gestreut auf dem Fußboden. .Lore!" rief ich, .was machst du, Lore?" Aber sie schien nicht auf mich zu hören. — .Ist Sonntag Tanz im Ballhaus?" fragte sie. — ,Jm Ballhaus? Was geht das dich an!"— .Ich Willi mittanzen!' — .Du? Was würde dein Schatz wohl dazu sagen?" — .Was geht mich mein Schatz an!" — Sie hatte währenddes ihren Hut aufgesetzt und ihr Umschlagetuch von der Kommode genommen: dann schloß sie ein Kästchen aus, worin sie ihr Erspartes hinein zu legen pflegte; — denn wenn sie auch manchen Schilling für Putz vertat, so war sie doch stolz und hatte immer nicht so nackt und bloß zu ihrem Bräutigam kommen wollen. Nun riß sie das Papier, worin es ein« gewickelt war, herunter und ließ das lose Geld in ihre Tasche fallen. .Willst du mit?" fragte sie; .ich muß Einkäufe machen." — Ich wußte nicht, was sie wollte, aber sie dauerte mich, und so ging ich mit ihr; denn ich hoffte noch, das mit dem Tanzen ihr wieder auszureden. Aber es waren leere Worte; denn sie ging hastig neben mir die Straße hinab und antwortete nicht und sah nicht nach mir hin. Als wir bei dem Schnittwarenhändler am Markte vor dem Ladentisch standen, ließ sie sich die dicksten seidenen Bänder und die modernsten Stoffe vorlegen, wie sie deren sonst wohl nur zuzeiten für die Vornehmsten in der Stadt verarbeitet hatte. Sie suchte dazwischen umher und warf es durcheinander. Der Ladendiener legte noch eine Ware vor. .Wenn es der Dame, die das Kleid bestellt hat, auf den Preis nicht ankommtl" sagte er und streckte die Hand unter den klaren, durchsichtigen Stoss. 1 Ins Gelag' hinein --- drauf los schwatzen. .Nein', fügte Sore, ,es kommt Ihr auf den Preis nicht an.' — Ich stieß sie heimlich an; denn ich verstand es nun wohl, daß sie die kostbaren Zeuge für sich selber wollte. .Lore", sagte ich leise, .ich bitte dich, besinne dich doch, was willst du mit den seinen Suchen?" — Aber sie kehrte sich nicht daran, sie ließ den Ladendiener abschneiden und zählte das schöne, hurte Geld auf den Tisch, als wenn sie nicht mehr wüßte, wie viele Tuge sie sich sauer darum hatte tun müssen. ,So laß doch", fugte sie, als ich ihren Arm zurückhielt; .ich will auch einmal fein fein; ich bin nicht häßlicher als die Schönste hier!"-- Dann ist sie nach Haus gegangen und Hut die ganze Nacht und den folgenden Tug gefeffen und mit der heißen Nadel genäht, bis das teuere Kleid fertig gewesen ist. Am Sonntag darauf", fuhr die Erzählerin fort, nachdem sie zuvor einen neuen Faden durch ihr« Nadel gezogen hatte, „abends, da es schon spät gewesen ist, Hut sie sich von den weißen Maililien in ihr schwarzes Haar gesteckt und ist dann aufs Ballhaus gegangen. Ich hab' das alles nur von meinem Schwestersohn«", setzte sie hinzu, „das ist auch einer, der keinen Tanz verpassen kann.--Sie hat erst lang« gesessen; denn die jungen Hundwerksleute haben sich gar nicht an sie getraut; und die Studenten hüt sie selber einen nach dem andern abgewiesen: es hätte nahezu wieder einen Aufruhr um sie gegeben. Der blasse, vornehme Student, wie heißen sie ihn gleich?"-- „Der Raugras!" sagte ich. „Freilich, der ist auch da gewesen; aber er Hut sich wie gar nicht um sie gekümmert. Zuletzt hat er doch kommen müssen; denn zu schön Hut sie ausgesehen; als wenn sie aus dem Morgenland gekommen wäre, haben sie gesagt. Sie ist blutrot geworden, als er zu ihrem Platz getreten ist, und hat am ganzen Leide gezittert. Aber nun ist sie aufgestunden und hat ihm die Hand gegeben, und er Hut sie angesehen, sagt mein Schwestersohn, als wenn er sie hat verzehren sollen. Sie hat auch mit keinem sonst getanzt; denn bis die Musikanten ihre ©eigen eingepackt haben, sind die beiden miteinander nicht wieder von der Diele gekommen." Die lahme Marie schwieg; nur „Ja, ja!" sagte sie noch einmal, wie in Gedanken die Moral aus ihrer Erzählung ziehend; dann setzte sie eifriger als zuvor ihre Arbeit fort. Ich wußte genug; und beschloß, um nun auch mit eignen Augen zu sehen, mich heute abend selbst auf den „Hexensabbat" zu begeben. Draußen im Walde. Cs war schon dunkel: eine schwüle Luft lag über dem Walde, während ich die Anhöhe hinauf den Weg durch die Baumstämme zu finden suchte. Als ich die Steintreppe erstiegen hatte, blieb ich unwillkürlich stehen. Neben mir sah ich ein paar weiße Mädchengestalten durch die Bäume schlüpfen und dann seitwärts im Hause verschwinden. Es schien eben eine Tanzpause zu fein; ich hörte drinnen in dem hell erleuchteten Saal die Musikanten ihre Geigen stimmen; an den offenen Flügeltüren vorbei trieben Studenten und Mädchen in lebhaftem Verkehr vorüber. Ich konnte mich nicht überwinden, sogleich hineinzugehen; vor meinem innern Auge stand die liebliche Kindesgestalt des Mädchens; ich sah sie wieder an dem Halse ihres armen Vaters hangen ich dachte daran, wie sie so hartnäckig meiner knabenhaften Leidenschaft ausgewichen war. Ein plötzlicher Schmerz kämpfte in meiner Brust; ich weiß kaum, mar es Mitleid oder Eifersucht. Endlich stieg ich die beiden Stufen der kleinen Halle hinan und stellte mich unbemerkt an den Pfosten der offenen Tür. Die Pause dauerte noch fort; aber es schien darum nicht weniger lebendig; die Studenten, die an den Seitentischen ober im Nebenzimmer saßen, redeten und klappten mit ihren Seideln, die Mädchen trieben sich lachend auf und ab; mitunter fuhr ein übermütiger Schrei durch den ©aal. Es waren anmutige Gesichter unter diesen Mädchen; jugendliche Gestalten mit großen, leidenschaftlichen Augen, die durch den Ausdruck forg- losen Lebensgenusses oder einen vorüberwandelnden Zug von Leide nicht weniger anziehend wurden. Trotz ihrer Slrmut waren sie alle sauber gekleidet, in hellen, durchsichtigen Stoffen, eine Blume oder einen frischen Kranz in dem sorgfältig geflochtenen Haar. Dies hatte indessen bei ihren Tänzern nicht eine gleiche Rücksicht zu bewirken vermocht denn namentlich die Jüngern und einige der sogenannten „Haupthähne" der Verbindung scheuten sich nicht, in Gegenwart ihrer Damen die Beine behaglich über Tisch und Bänke auszustrecken. Meine Augen suchten Lore; und sie brauchten nicht lange zu suchen. Sie faß dem Billardzimmer gegenüber zwischen einem Paar jüngerer Mädchen, die lebhaft zu ihr sprachen, während sie teilnahmlos vor sich hinblickte. Im Haar trug sie eine weiße Rose, eine Seltenheit in dieser Jahreszeit; aber auf ihrem Antlitz war die Rosenzeit vorüber; kein Rot schimmerte mehr durch diese zarten, blassen Wangen. Auch den Raugrafen sah ich er saß mit überschlagenen Beinen, wie ermüdet, an der andern Seite des Saales. — Ich stand in feiner Nähe. Als die Musikanten ihre Instrumente zur Hand nahmen, trat einer der jünger» Studenten zu ihm. „Laß mir die Lore für diesen Tanz!" sagte er schüchtern. „Ein andermal, Fuchs!" erwiderte der Raugraf und lehnte feinen schönen, aber bleichen Kopf zurück gegen die Wand. Die Musik setzte ein; allein er stand nicht auf, um feine Tänzerin zu holen, er hob lässig die i Hand und machte gegen sie hin ein Zeichen mit- den Fingern. Ich sah, ! wie sie einen zornigen Blick zu ihm hinüberwarf und bann, ohne auf« 1 zustehen, ihre Augen in bi« aufgestützte Hand begrub. Der Rau graf faltete bie Stirn; und nach einer Weile sprang er auf und schritt durch den Saal, bis er vor ihr stand. — Als sie auch jetzt nicht aufblickte, legte er den Arm um sie und zog sie mit einer raschen Bewegung zu sich empor. Er schien einige Worte mit Heftigkeit hervorzuftoßen; ich war indes zu weit entfernt, um etwas davon verstehen zu können. Dann trat er mit ihr an die Spitze der übrigen Paare und eröffnete den Tanz. (Schluß folgt.) Verantwortlich: D r. Hans Th yriot. — Druck und BerlagiBrühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, D. Lana«, Gießen.