GichenerFainilienbMer Nummer 81 Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang Ms 8reitu gehört, Hans? Fritz ist durch das Wasser gelaufen." Kans murmelte etwas vor sich hin und hantierte völlig überflüssigerweise mit der Bürste, als ob ihn das alles gar nichts anginge. r . . ,, ,, „Ich bin einfach runtergesprungen und dann bin ich gegangen", sagte Fritz. „Hier, wollt ihr sehen?" Er holte ein gänzlich durchtränktes und schlammige» Kleiderbündel unter dem Bett hervor. Willi sah es sich übergenau an. „Wann war denn das?" fragte er, um etwas zu sagen. „Zwei Stunden danach", sagte Fritz. „Ja ..." meinte Willi gedehnt. Und nach einer Weile setzte er hinzu: „Latz man, ich werde das Emma morgen selber sagen, daß sie die Hose und des Hemd sauber machen soll." „Schön", sagte Fritz und knipste das Licht ans., Fünf Minuten waren vergangen. „Weißt du", sagte Willi plötzlich aus dem Dunkel, als wenn er genau wüßte, daß noch keiner eingeschlafen war, „wir wollen nämlich morgen noch mal zum Tunnel, da kommst du mit. Nicht wahr, Hans", fragte er in der Richtung zu Hansens Bett, „Fritz kann doch morgen mit, wenn wir zum Tunnel gehn?" Hans sagte: „Ja." Und weil er vorher beinahe gar nicht geredet hatte, mußte er sich erst furchtbar räuspern. tasche eine Empfehlnugskarte, die erwartungsvollen Augen eröffnen liche ist diese Begünstigung schwer erwählte außer mir scharen sich unsre Führer sein sollten. sollte. Für gewöhnliche Sterb- zu erringen. Nur wenige Aus- um die zwei Angestellten, die Tore rings die Marmorhalle Oie Goidfestvng von Neuyork. Von'Ernst Wiese. Wall Street ist die Börsen- und Bankenstratze der reichsten und größten Stadt der Welt, von der gesagt wird, daß sie mit ,Gold gepflastert" sei. Damit ist gemeint, daß jeder Quadratmeter dieses Bodens allein Dollartausender wert sei. In Wirklichkeit aber gibt es in einiger Tiefe unter dem Pflaster ein zweites Pflaster an» wirklichen Goldbarren. Der größte Teil der in der Welt vorhandenen Goldschätze liegt unten in diesem Boden, in den Tresoren der Großbanken verwahrt, weit mehr als in jeder Goldmine. Unter diesen Tresoren mag wohl wieder der Goldkeller der Federal Reserve Bank von Neuyork allen andern voranstehen, denn in ihm befindet sich Großamerikas Goldschatz. In diese Federal Bank zog ich eines Tages ein, in der Bries- ■ ' ~ " das Reich des Goldes meinen In einem der Aufzüge, deren ----- ------- im Parterre zieren, geht es hinunter. Erst in 25 Meter Tiefe, teilweise schon im Fels des Eilandes Manhattan, beginnt das Reich des Goldes. Drei von diesen fünf Stockwerken gehören noch zu den Räumlichkeiten der Bank, die vierzehn Stockwerke über der Erde hat. Eine verstärkte Bewachung läßt schon hier aus- schauen und auf besondere Zwecke schließen. Bewaffnete Hüter, Polizisten ähnlich, stehen in den Gängen und vor jedem Raum. Tatsächlich befinden sich hier die Geldsortier- und Zählräume. Noch ein kleiner Rutscher daun, und wir sind in der Tiefe der gewaltigen Schatzkammer. Sie nimmt drei Stockwerke ein. Zwan- zig Meter mißt die Riesenburg in der Höhe, ein Vielfaches in der Breite. Je näher wir nun dem Gold kommen, desto schärfer werden die Schutzmaßnahmen. Ueberall stehen schwerbewaffnete Wächter, einige Mann vom gesamten 250 Mann starken Wachregi- ment. Plötzlich tauchen sie hinter jeder Ecke wie aus dem Nichts auf, mit scharfen Blicken verfolgen sie mißtrauisch jedes orts- t fremde Wesen. Ein Gefühl der Furcht beschleicht mich, das sich von Minute zu Minute noch steigert, da wir jetzt durch weißgetäselte, j schmale Gänge schreiten. Es wird auch noch verstärkt durch die Kälte, die diese kahlen Wände ausstrahlen. Immer eisiger kriecht es über meinen Rücken, je tiefer wir hinabkommen. Man atm« ■ schwer und bedrückt. Unsre Schritte hallen dumpf, unwillkürlich trete ich sachter auf, um nicht das Echo noch zu verstärken. Plötzlich eine kleinere Halle. In ihrer Mitte fesselt mein Auge eine kreisrunde Scheibe in einem quadratischen Vorbau: gut drei Meter mag sie tm Durchmesser haben. Es ist die erste der Riescn- panzertüren, die den Eingang in das Heiligtum verschließen. Ihre ganze Außenfläche erglänzt von reinstem Nickel und Stahl. bespickt ist sie mit allen möglichen Stangen, Hebeln, Rädern und Schranben, daß man nicht an eine Tür denken würde, sondern an bas Armaturenbrett einer Riesenmaschine oder einen Höllen- apparat. Da sind vor allem die riesigen Griffräder zur Betätigung des Riegelwerkes. Fast den Lenkrädern eines Autos gleich an Größe, doch wuchtiger und massiver. Am auffallendsten ist aber die schwere Aufhängevorrichtung. Diese wird bedingt durch die runde Gestalt der Tür, die gewöhnliche Scharnierbänder unnv Iw macht. Die Riesenangeln sind bei der Tür nicht an der Seite, sondern in der Mittellinie angebracht. Die Aufhängebolzen sind allein schon aus schenkeldickem Stahl. Ein Stahlarmkreuz bcloei das Verbindungsglied zwischen der Tür und dem Rahmen uuo ermöglicht ein vollständiges Schwenken zur Sette. Die Tür kann nicht mit der Hand geöffnet werden, dazu ist sie viel zu schwer. । Nicht weniger als 90 Tonnen Material stecken in ihr, das Ladimge- gewicht von sechs Frachtwaggons. Die Schwenkbewegung wird vo einem eigenen Elektromotor mit Zahnstange übertragen. , Keinerlei Schlüssellöcher sind an der silbrig glänzenden zu finden. Ihre Stelle vertreten große Kombinationsrosetre - Wie die Drehräder eines Riesenradioapparats sind sie mit vtei Teilstrichen versehen, diese wieder mit Nummern ober Buchstao beschrieben. Man kann nun so ein Kombinationsschloß auf >e- beliebige, ober auch mehrere Worte und Zahlen einstellen lag Jeder Buchstabe dieses Geheimwortes wird nun durch eine An- ' zahl von Vor- und Nückwärtsdrehungen der Rosette, ähnlich wie eine Telcphonnnmmer auf der Wählscheibe, gefunden. Sind alle Buchstaben gewählt, so ist das Schloß schon offen. Die kleinste Verrückung aber, und es ist wieder gesperrt. Nichts ist diesem stählernen Bollwerk gewachsen. Hier versagt jedes Mittel oder Werkzeug, das menschlicher Geist mit Hilfe der modernsten technischen Errungenschaften erfinden könnte. Voll- kommen unmöglich ist es, sie erbrechen oder anbohren zu wollen: I jeder Bohrer müßte abspringen. Hier versagt auch das modernste Einbruchsmittel: die Sauerstofflasche. Auch genügt ein Hammerschlag, um einen Alarmapparat in Funktion zu sehen, der sofort das ganze Personal alarmiert und die Zugänge abspcrrt. Trotz ihrem Niesengewicht und ihrer Größe schließt die Tür aber doch so genau, daß man stundenlang den Wasserstrahl einer Feuerspritze auf sie loslasscn könnte, ohne daß sich im Tresor- innern auch nur ein Tropfen zeigen würde. Die Innenwand der Tür ist nur durch eine starke Glasplatte abgeschlossen und läßt durch diese einen Einblick in den Mechanismus des Verschlusses und in das Getriebe des Riegelwerkes zu. Sternförmig greifen rundherum nach allen Richtungen die armdicken Riegelbolzen aus. In der Mitte aber gibt es ein Gewirr von Rädchen und Wellen, Stangen und Ketten, Bronze- und Messingtetlen: die überaus sinnreichen und komplizierten Schlösser. Vielleicht noch besser ist für die Wände dieser unterirdischen Burg gesorgt, die auch die Panzcranlagen einer modernen Festung in den Schatten stellen. Neber drei Meter stark sind die Betonmauern. 1500 Tonnen Material wurden für sie allein benötigt, zwei normale Güterzüge, ungerechnet das Stahlmaterial an Panzerplatten, Traversen und Profileisen, das noch eingegossen ist. Undenkbar ein staylfressenöer Maulwurf, der sich da durchbeißcn könnte. Dieser Uebereinbrecher hätte auf seiner unterirdischen Puddclwanderung zwei noch schwerere Aufgaben zu lösen: zwischen den Wachgängen sich durchzugraben und das Netz der Sicherheits- Vorkehrungen zu durchbrechen. Wie ein Spinnennetz umgeben diese Sicherungsgänge das Heiligtum. Ein System von Spiegeln ist so sinnreich angebracht, daß ein ' einziges Auge von jeder beliebigen Stelle aus den ganzen übrigen Raum einsehen kann. Auch in den Tresoren selbst sind solche optische Anordnungen. Um unterirdische Angriffe auszuschließen, hat man teilweise die Erfahrungen des Stellungskrieges ange- wcndet und Hör- und Abhorchapparate aufgestcllt. Sie registrieren jedes verdächtige Geräusch in genügend weitem Umkreis. Das elektrische Alarmnetz steht in Verbindung mit starken Läutewerken und kann von jedem beliebigen Punkte des Tresors oder dessen Umgebung angelassen werden oder bei Berührung auch automatisch losgehen. Jede Verletzung eines Drahtes oder das Durchschneiden eines einzigen würde sofort die Lärmapparate in Tätigkeit setzen. Außerdem sind die Kabel tief in den Beton verlegt. In den meisten Tresors ist nun für den Alarmfall die Möglichkeit vorgesehen, den Tresor automatisch mit Tränengas zu erfüllen oder ihn ringsumher unter Wasser zu setzen. Nach einer eingehenden Besichtigung der Niesentür schreiten wir dann weiter durch die drei Meter lange Röhre in das Innere der größten Schatzkammer der Welt. Zuerst kommen noch ein weiterer Vorraum und eine andre Panzertür daran. Diese ist etwas weniger massiv, ist „nur" noch 50 Zentimeter dick und wiegt nur noch 20 Tonnen, kann also knapp auf einen amerikanischen großen Frachtwaggon verladen werden. Auch in ihrer rechteckigen Form kommt sie schon dem Modell näher, das man in Europa erzeugt. Einen Schritt weiter, und wir stehen im Reiche des Goldes. Große grüne Stahlschränke auf allen Seiten, in denen die Bank ihre unermeßlichen Werte birgt. Nicht weniger als neun Milliarden Dollar an Gold — genug, um einen Großteil Europas damit aufzukaufcn. Noch einen Stock tiefer erst ist dann das Allerheiligste: Regale reihen sich an Regale, auf allen wirkliches, echtes Gold. In kleinen, handlichen Päckchen, von denen man zwei öder drei leicht in den Kleidern verschwinden lassen könnte. Das gesamte, nur auf einem einzigen Regal untergebrachte Gold repräsentiert 70 Millionen Dollar! Wie fasziniert ist das Auge von dem gleißenden Metall. Schnell geht es noch durch andre Abteilungen des Tresors, immer wieder werden andre Panzertttren passiert, wieder andre Stahlschränke reihen sich an — Gold, Gold und wieder Gold, gemünzt und ungemünzt, auch Noten und Wertpapiere. Nachdem wir uns endlich durch diesen Palast des Goldes durch- gezwängt haben, werfen wir noch einen Blick in die oberirdischen Räume der Bank. Alle die 14 Stockwerke vibrieren unter der Arbeit, die das Geld verursacht. Wenn es hier auch nicht bares Geld ist, sondern an seine Stelle Ziffern und Papiere getreten sind. Hinter schweren, dreifachen Gittern sitzen die Kassierer in den Schalterräumen. Wenn man auch hier keine Panzer und keine Schwerbewaffneten sieht, geschützt sind auch die Kassierer gegen Neberfälle jeder Art. Bei einem plötzlichen Ueberfall bleiben dem Angestellten bei erhobenen Händen doch die Füße zur Verfügung. Mit einem schnellen Tritt auf einen Hebel kann er einen Alarmapparat in Aktion setzen. In der gleichen Sekunde schließen sich schon alle Türen in der Bank, ebenso automatisch die Schalter, Schreibtischpulte und Panzerkassetten. Tränengas füllt alle Raume. Daß nachher die Angestellten der Bank weinen müssen, statt über den guten Fang zu frohlocken, ist die Kehrseite dieser Tear gas- Methode. . „ Ein kurzer Besuch gilt bann noch dem unterirdischen Panzer- großbahnhof. Geld und Gold muß manchmal auch fernen Aufbewahrungsort wechseln. Für sicheren Transport sorgen eigene Panzerautos. Ihre rote Farbe macht sie in den Straßen Neuyorks schon von weitem kenntlich. Aus einem Turmaufsatz lugt die Mündung eines Maschinengewehrs. Schießscharten sind auf allen Seiten vorgesehen. Starke Stahlpanzer schützen das innere, in dem mehrere Schwerbewaffnete die Schätze begleiten. Um eine ruhige Abfertigung dieser Geldtransporte zu gewährleisten, hat man unterirdische Befestigungen angelegt. Angesichts dieser Galerien mit Maschinengewehrständen, Gewehrläufen und gepanzerten Rampen ist jeder überzeugt, daß hier kein Ueberfall von Erfolg begleitet sein kann. Der Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius V l o e m tGDS.j. (Schluß.» In einem Hotel im Harz taucht eine junge Dame auf. Tiefer Winter über den Höhen bis in die Täler hinab. Die ferne Ebene Thüringens liegt im Dunst des Tauwetters. Die junge Dame ist hierher geflohen. Ohne Urlaub. Und ohne Begleitung. Sie möchte keinen Menschen sehen. An Sportgeräten besitzt sie nur einen Knotcnstock, gut zum Wandern. Sie will durch die Wälder marschieren, mit ihrem Stock den Schnee von tiefhängenden Tannenästen herunierklopfen und zusehen, wie es weiß rieselt. Tief atmen will sie. Man muß zu einem Entschluß kommen. Gibt es noch eine Umkehr, oder ist innerlich schon über das ganze Leben entschieden? Sie gönnt dem Doktor Wagenschanz seinen Sieg, an dem sie mit allen Fibern teilgenommen hat. Wer kann sich wehren gegen diesen Mann, der den Sieg hofft und den Untergang nicht fürchtet. Mit einem solchen Mann marschiert es sich gut, er fragt nicht und entscheidet über den Weg. Trotzdem, es marschiert sich mit ihm. Aber wenn er daran denkt, daß eine Frau an seiner Seite gehen soll, im gleichen Schritt und Tritt, dann dürfte er sich nicht so fürchterlich enthüllen. Arbeiter, die ihn im Unglück verließen, kamen mit abgezogener Mütze zu ihm, empfingen ihren Restlohn und baten um Wiedereinstellung. Die armen Menschen. Es waren eingearbeitete Leute, die er eigentlich dringend brauchte. Er schickt sie heim. Ihre Frauen kommen mit Kindern, die an ihren Rockschößen hängen. Er läßt sie nicht vor. Nein, protzig ist Anton Wagenschanz nicht, er blufft mit seinem Auto und einem modischen Anzug, wenn es nötig ist, nun ist es nicht mehr nötig, nun scheint sein alter Arbeitsrock ihm wieder gut genug. Der Reihe nach bitten Elli, Rosemarie und endlich seine alte Mutter für die abgewiesenen Leute. Er gibt keine Antwort mehr und stellt fremde Leute ein, zwei Schichten, die Arbeit raucht, die Maschinen stampfen, die Versandabteilung verschickt ihre Ware in großen Kisten. Nur eine einzige Ausnahme macht er: Fabisch nimmt er wieder auf, den „Konditor", den Mann aus der Elendskameradschaft. Mit den Lieferanten seiner Vaterstadt will er nichts mehr zu tun haben, nun kommen sie und bieten ihm Rohstoffe und langes Ziel, soviel er will, magnetisch zieht der Erfolg sie herbei und das obsiegende Gesetz im Gehirn. Aber Doktor Wagenschanz sieht sich nach anderen Geschäftsverbindungen um und läßt sich von auswärts beliefern. Geht genau so gut. Jetzt veranstaltet er eine Treibjagd auf die Wechsel und Schuldscheine des Oelhändlers Karczinsky, der ihn in Untersuchungshaft bringen wollte. Niemand kann Doktor Wagenschanz hemmen im Guten oder im Bösen. Mit diesem Mann mögen Männer marschieren. Keine Frau. Demnach marschiert Rosemarie Neubold allein durch die verschneiten Wälder und versucht sich zurechtzufinden, große Suche nach sich selbst. Man ist doch nicht wehrlos. Man muß doch da nicht einfach mitmachen. Nach einigen Tagen werden Pakete für sie abgegeben: Schneeschuhe, Stiefel und ein blauer Skianzug, der ihr wie angegoffen sitzt. Woher kennt Doktor Wagenschanz ihre Maße — aber er wird sich bei Elli erkundigt haben, und eine Adresse läßt sich schließlich auch in Erfahrung bringen. Oh, wie gut. Es gibt eine Rosemarie in vielfacher Gestalt, lauter Schichten übereinander, welche ist die richtige? Sie kann gut Skilaufen, unzählige Jahre scheint es her zu sein, eine ganz andere Rosemarie lernte es damals, ihre Zöpfe flogen im scharfen Eiswind. Aber die Winde waren damals nur ein Frühlingslüftchen. Sie bekommt den Dreh und Schwung in der ersten Stunde von neuem in die Glieder, eine Art Wiedergeburt, herrlich. Sie übt und stemmt an den Schneehängen, purzelt hin und biegt in gewandten Bögen um die jämmerlichen Anfänger herum, die steif und mit krampshaft vorgestreckten Stöcken an den Hängen hinunterschaukeln. Es wird nichts aus dem notwendigen Alleinsein, Rosemaries Schneeschuhe reißen eine stäubende Bahn, jemand prallt mit ihr zusammen, pardauz, — „oh, entschuldigen Sie vielmals, mein Fräulein, hab ich Ihnen wehgetan?" — „Keine Spur!" Der ungeschickte Mensch erweist sich dann als ein vorzüglicher Läufer, so wird's eingefädelt, wie? Halb zürnt sie ihm, halb freut sie sich auf die Brockenabfahrt, die sich wie von selber vorschlägt, das Natürlichste von der Welt in dieser Gegend. Tanz am Abend, Rosemarie mitten in einem Kreis übermütiger Jugend, die Gesichter dunkelbraun, daß die Zähne hervorleuchten. Kameradschaftlicher Verkehrston. Wieder eine Schicht geht ab, wir sind jung, vor uns liegen die unbegrenzten Möglichkeiten, wir werden uns auf keinen Fall irgendwo festlegen. Sie kommt steifgefroren vom Brocken heruntergeglitten, wirft die Schneeschuhe über die Schulter und stapft in ihr Hotel. Ein Srtef und ein Paket auf ihrem Tisch. „Bitte, Haven Sie die Güte, die beiliegenden Musterstücke und Werbe-Entwürfe zu begutachten und darüber zu entscheiden. Rückgabe per Eilboten. Sie wissen, Kieselbach trägt immer etwas zu dick auf. Das müssen Sie mildern. In der Hotelgarage steht der Wagen, ich ließ ihn von einem Mechaniker hinaufbringen. Da ich soeben ein Lieferauto angeschafft habe, benötige ich diesen Wagen nicht mehr. Die Papiere befinden sich in der Seitentasche vom Führersitz, sie lauten auf Ihren Namen. Wenn —" Aber dieses Wenn hat Anton Wagenschanz durchgestrichen, vielleicht wollte er schreiben: wenn Ihnen das nicht angenehm ist, so betrachten Sie die Karre als bis zum jüngsten Tage geliehen. Rosemarie sitzt an ihrem Tisch, die Stiefel riechen nach Tran, der Schnee zerschmilzt zu kleinen Wasserlachen auf dem weißgescheuerten Tannenholz der Diele. Sie umgreift ihre Schultern und überlegt. Kein Entschluß, sie zerrt sich selber nach allen Richtungen ihrer Seele. Ohne Ergebnis. Dann greift sie nach dem Paket der Wagenschanz-Werke, es ist sehr eilig, sie entschnürt es und nimmt die einzelnen Stücke heraus. Da wäre also wieder etwas zu tun. Sie legt die schweren Skisachen ab und zieht einen Schlafanzug an, holt das Briefpapier von dem kleinen weiß- lackicrten Sekretär ihres Zimmers und arbeitet mehrere Stunden gewissenhaft, unter einem unüberwindlichen Zwang, der voller Lust ist. Sie läßt sich auf ihrem Zimmer servieren, sagt ihre Verabredungen ab, schickt bas fertige Paket noch am späten Abend durch einen Hotelpagen fort. Wann geht denn die nächste Post ins Tal? Morgen ganz früh? Dann hat Doktor Wagenschanz das Paket gegen drei Uhr nachmittags, bas genügt. Am andern Morgen weiß sie, daß sie den Wagen nicht zurückgeben wird. Ob sie ihn heute nimmt oder in einigen Wochen, das bleibt sich gleich. Sie fährt damit, er ist mit Schneeketten ausgerüstet, quer über den Harz geht die Fahrt, Flügel durch eine glitzernde Unendlichkeit. Sie wird ihrem Schneeschnhkameraden untreu, wieder so eine kleine Verwandlung, sie kommt in einen neuen Kreis, hier geht die Rede nicht von Wachs, Firnschnee, Harsch, sondern von Schwingachse, Spritzusatz und Streit über die Qualität der Oele, Tourenzahlen. Wohl sitzt sie hier und nimmt an allem den gebührenden Anteil, aber immer noch nicht entschlossen, es fehlt eine rätselhafte Entscheidung. Es scheint, daß Anton Wagenschanz einige Tage abwartete, wie sie sich verhielte. Wer hat ihm diese vorsichtige und unerbittliche Art beigebracht, um eine Frau zu werben? Am Tage vor dem Fest treffen Pakete von Kleibern ein, das Köstlichste, Gott weiß, wer ihm bet der Auswahl geholfen hat. Niemand, ihm half das Geld. Sie bedeckt ihre Augen und sitzt mitten wie in einem Spinnennetz. Aber sie beschließt, über nichts mehr nachzudenken und durch die Zeit zu taumeln, die Zeit weiß alles. Jeden Tag mehrere Stunden Arbeit, von hier aus entscheidet Rosemarie wie an ihrem Tisch in der Fabrik, sie wählt, sichtet, ändert, sie erbittet die schönen vornehmen Briefformulare der Wagenschanz-Werke und diktiert der Hotelsekretärin täglich die nötige Post, gibt Muster in Auftrag. Dann fährt sie spazieren, immer den Wagen vollgepackt mit Gästen, man speist am anderen Ende des Harzes, kehrt zurück und tanzt bis in die Nacht. „Wissen Sie schon, Fräulein Neubolb, Anfang Januar steigt das. Harzrennen des Goslaer Automobilklubs." — „Interessant, bas muß man sich ansehen." — „Ansehen?" heißt es, „Mitmachen!" — Verrückt! Die Nacht ist schlimm. Dann liegt sie und fragt sich, ob dies ihr Leben sei, geschaffen für sie, ein Schnitt mitten durch ihre Seele, die eine Hälfte ihrer Seele gehört in den Ascheneimer, aller Klang und alle Sehnsucht. Draußen fahrt der Wintersturm ums Haus und geigt eine ganze Fiedel voll Melodien. Dann kommen Festtage, die unermüdlich bis zum Silvester dauern. Sie gibt viel Geld aus. Doktor Wagenschanz überweist Provisionen an sie, von Geschäften mit Händlern und Vertretern, die sie einmal bearbeitet hat, aber sie vermag nicht zu prüfen, ob die Zahlen stimmen oder ob sie viel zu hoch sind. Sie müßte zurückreisen und sich mit eigenen Augen überzeugen. An Doktor Wagcnschanz schrieb sie noch nicht eine Zeile, keinen Gruß, keinen Weihnachtswunsch, keinen Dank, nur geschäftlich und die Empfangsbestätigungen seiner Zahlungen. „Sehr geehrter Herr Doktor!" Also kommt er nicht selbst. ,Das ist sein Glück', denkt sie, ,dcnn wenn er plötzlich hier stünde, so müßte er riskieren, daß ich ihm den ganzen Kram vor die Füße werfe. Allmählich macht es sie neugierig, daß er weder kommt, noch um ihre Rückkehr bittet. Amüsant! Er richtet sich offenbar darauf ein, daß sein Fräulein Reubolö hier oben im Harzhotel eine Art Büro aufmacht. Sie liest seine frostigen Geschäftsbriefe, ohne Anrede auf miserable deutsche Sitte, aber sie spürt ihn dahinter. Aus was wartet er eigentlich? Schicht auf Schicht geht herunter, Rosemarie muß durch alle Stationen der Verödung hindurch. Sie lernt es, wie man Sektgläser an die Wand schleudert, daß die Scherben prasseln. Sie schlürft Cocktails aus langen Strohhalmen, eine Reihe junger Männer mag sich Hoffnungen auf diese schöne tolle Frau machen. Vergebliche, denn sie denkt nur an diesen einen Mann und hadert mit seiner Seele. Mit der seinigen —? Ium Harzrennen meldet sie sich, mit diesem Wagen könnte man wirklich nichts Besseres anfangeii. Unter Pelz und Haube tritt jemand zu ihr, die Brille am k>alse. „Wir kennen uns doch, Fräulein Reubolö", sagt eine spöttische Stimme, „ich starte übrigens auch. Haven Sie meinen Namen nicht auf der Liste gesunden?" NnvekannkeZ Gesicht in dieser Vermummung? „Ich habe mir die Startliste gar nicht angesehen, Herr Doktor Wehrhahn." „Bis nachher also, Fräulein Reubolö. Ich bin gleich dran." Sie wartet mit zugeriegeltem Sinn, bis die gelbe Fahne neben ihr nieöerschlägt: los! Jetzt endlich denkt man an gar nichts anderes. Sie läßt ihren im Schnee schleudernden Wagen rennen, was er nur hergibt. Herrlich, herrlich! Ihre Seele verwandelt sich in Stahl und Gummi, statt eines Herzens tickt ein rasendes Ventil in ihrer Brust. Oben kommt sie heil an, der junge Wehrhahn streckt ihr die Hand znm Glückwunsch entgegen. „Danke schön. Was für eine Zeit hab' ich denn gefahren? — Oh, mehr nicht?" „Für einen Damenpreis langt es auf alle Fälle." ' Wehrhahn denkt vielleicht in seinem jugendlichen Sinn, daß er jetzt bessere Aussichten als je habe, ein wenig zu kiebitzen. Bei der Preisverteilung nachmittags in Goslar versteht er es, Rosemarie aus dem Kreis der andern herauszulotsen. Ein wunderschönes Klubheim mit vielen Räumen. Die beiden haben ein Tischchen für sich und führen ein überaus angeregtes Gespräch, bei dem sie sich die Köpfe heißreden. Der junge Wehrhahn steuerte einen neuen Wagen, Fabrikat seines Schwagers, Sieg in seiner Klasse, nun streitet er mit Rosemarie über die besten technischen Eigenschaften der Automobile, sie sind verschiedener Meinung über Treibstoffe und Kompressionen. Dann kommt ihm in den Sinn: .Sitze ich hier eigentlich einer Frau gegenüber, einem jungen, schönen Weibe, und ich quatsche hier von technischen Einzelheiten? Wie war das', erinnert er sich, .mit dieser Frau bin ich doch früher verschiedentlich in Peter Schönleins Haus zusammengetrosfen, sie wählte ihren Gesprächspartner und erwartete von ihm, daß er sie von den höchsten Dingen zu unterhalten verstand, es durfte kein Plebejer im Smoking sein.' Sonderbare Verwandlung. Nun bemüht er sich, die Hintergründe zu wechseln, aber bas Feuer dieses Gesprächs füllt alsbald zusammen, sie öden sich an mit den Modebüchern dieses Jahres, sie unterhalten sich höflich — und plötzlich ohne jede Beziehung zueinander. Nach einer Weile gibt Wehrhahn es achselzuckend auf und bringt Rosemarie vorsichtig wieder unter die Leute. Sie merkt es doch und stutzt, doch schon steht ein anderer neben ihr und zeigt ihr das Klubheim: .Wir sind sehr stolz darauf, hier unsere Spielzimmer, hier die Bücherei, hier haben wir sogar einen kleinen Musiksaal!' In diesen Raum zwingt ein inneres Drängen sie zurück. Sie ist ganz allein. Klappt den Flügel auf und probiert ein paar Läufe, Griegs Eiskönig rvird daraus, Kleinigkeit, Kinderspiel für sie, Roseniarie. Die Töne springen wie geschliffene Metallkugeln, aber sie muß sich sagen: das ist zum Frieren kalt, meine Liebe, das ist eine elende abgehackte Stümperei. Flügel zu! Das Spiel ist aus. Sie verabschiedet sich von niemand und fährt stürmend die Berge hinauf, fort in die Dunkelheit, durch die weiße, diamantenglitzernde Unendlichkeit der Wälder. In ihrem Hotelbett verfällt sie in ein entsetztes Weinen über sich — und — aber sie weiß es selber nicht, Frauen wissen nicht immer, warum sie meinen, und wenn sie einen Grund wissen, so ist er falsch. Jedoch in aller Herrgottsfrühe steht sie mit gepackten Koffern in der Halle, läßt aufladen und verschwindet im Nebel der Täler. Punkt neun Uhr sitzt sie in den Wagenschanz-Werken an ihrem Arbeitstisch, ihr Ohr schlürft den Lärm der Maschinen, das Hin- und Hergehen in den Korridoren, Knistern des Packpapiers, Kistennageln und das Klappern der Schreihmaschinen, sie genießt diese Geräusche wie eine langentbehrte Musik. Anton kommt zu ihr und hegrüßt sie mit gewohntem Händedruck, als ob sie keinen Tag weggewesen sei. „Ich möchte eine Besorgung mit Ihnen machen, eine halbe Stunde." Unterwegs geht er neben ihr, die Hände tief versenkt in die Taschen seines Wintermantels. Der wenigstens ist neu. „Wir haben uns jetzt durchgebissen, Fräulein Reubolö. Daß heißt natürlich nicht, daß wir von jetzt ab die Daumen umeinander drehen, wie cs die Leute aus dem ästhetischen Paradies unter einem vollkommenen Siege verstehen. Der Druck läßt nicht eine Minute nach, aber nun üben w i r ihn aus. Jetzt beginnt die stillere Saison, aber wir haben laufende Bestellungen in guter Menge. Im Frühjahr wird die Holzbaracke durch einen modernen Glas- und Ziegelbau ersetzt. Die Verhandlungen mit dem Architekten bezüglich der Ausstattung werden Ihre nächste Aufgabe sein, Fräulein Neu- bold. Uebrigens sind wir da." Ein kleiner Park streckt seine kahlen Winteräste in den nebelgrauen Himmel. Anton Wagenschanz zieht ein Schlüsselbund aus der Tasche und öffnet das geschmiedete Tor. „Treten Sie ein, bitte." Sein Blick kommt ein wenig von unten, wie in der ersten Zeit. Es geht sich schlecht auf dem gefrorenen Kies der Anfahrt, hinter der eine kleine Villa erscheint, modern mit übergroßen Fenstern, wer baute sie sich mit der Gewißheit des Glücks, wer mußte sie im Unglück hergeben? Ein zweiter Schlüssel rasselt leise und öffnet die Haustür. Eine leere Diele, untadelig sauber. Rosemarie betritt mit gefesselter Seele die Zimmer des Erdgeschosses, durch dessen breite Fensterscheiben das Winterlicht hereinströmt. Kahl sehen diese Räume aus, die sich mit lebendigem Schicksal erfüllen sollen ... Aber man kann sich leicht vorstellen, wie hier ein Siubl binkommt, dort ein zierlicher Sekretär, ein Teetisch, hier ein Bild an die Wand, Blumen wachsen aus unsichtbaren Schalen ... Verantwortlich: l)r. Haus Thtzriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäls-Vuch» und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.