SietzenerZainilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang <955 Montag, den 20, März Nummer 25 Wiegenlied. Von Detlev vonLiliencro«. Vor der Türe schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Schlaf, mein Wulff. In später Stund küss' ich deinen roten Mund. Streck dein kleines, dickes Bein. Steht noch nicht auf Weg und Stein. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Schlaf, mein Wulff. Es kommt die Zeit, Regen rinnt, es stürmt und schneit. Lebst in atemloser Hast, hättest gerne Schlaf und Rast. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Vor der Türe schläft der Baum, durch den Garten zieht ein Traum. Langsam schwimmt der Mondeskahn, und im Schlafe kräht der Hahn. Schlaf, mein Wölfchen, schlaf. Brief aus Tuskulum. Von Gustav W. Eberlein. Tuskulum, im März. Spät kam der Winter in diesem Jahre, so spät, daß er mit der Regenzeit zusammenstoßen muß. Dazwischen aber liegen die zeitlosen Tage irdischer Vollendung oder überirdischer Nähe, die Tage, die tönen vor Blau und singen vor Licht. Mit dem Feldstecher kann man die Skiläufer auf den Hängen des Monte Cavo verfolgen, tiefverschneit ist die Himmelsleiter von Rocca di Papa, im Schnee liegen die Klöster von Grottaferrata, Schnee lastet fühlbar auf den Kastanienwäldern um die lila leuchtenden Krater. Umspült von Sonne aber, umflutet, umrauscht, steigt der Hügel von Tuskulum aus dem Tale. Wir haben keine Schneeketten gebraucht, über einen grünen Smyrnateppich glitten die Räder, die Mimosen blühen fast zu üppig, es riecht nach Honig, Anita hält daran fest, daß es Hummeln sind, die summen und brummen. Der Bulli ist anderer Meinung. Für ihn handelt es sich um jagdbares Wild, also nach und drauf! Die Pfirsichbäume tragen ihr blaßrotes Blütenkleid wie junge Mädchen am ersten Ball und in süßem Erschrecken, als habe es sich verrückt, erröten die Mandeln. Ach du närrischer Bergsrühling! Nur in dem Weihnachtswald, den wir unter Ciceros Pinien pflanzten, vereinzelt in den Fichtenkronen hängt noch spielerisch eine Handvoll Schnee. Anita bringt es auf acht Schneebälle, wovon sechs ihr Ziel treffen, >vas den Bulli sichtlich ärgert. Beim siebenten hat er die taktische Lage erfaßt, er nimmt eine Umgruppierung vor, und den achten, weit davon entfernt, sich geschlagen zu geben, knödelt er in sein Riesenmaul und bringt ihn der Schützin: Fein war's! In den Pinien fingen die Vögel. ... fingen die Vögel. Signora! Hören Sie? Vögel sind da und — sie singen! Toto ist angeschlichen gekommen Ivie ein Indianer. Anita fitzt da mit -iner Handarbeit und lächelt nur beglückt. Toto ist maßlos verwundert. Vögel sind da — — wieder da! nickt Anita und bastelt und nestelt wie — wie eine junge Frau, wundert sich der Bauer weiter. Was soll das nur werden? Hören Sie aur, sucht er ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, hören Sie bloß, Signora, ’ie Vögel singen! — singen wieder! Er kommt aus dem Erstaunen nicht heraus. So etwas hatte es bisher Acht gegeben. Erstens werden sie nicht geschossen, zweitens haben sie keine Gingst und drittens jubeln und schreien sie wie spielende Kinder. Toto, sage ich, weißt du noch, wie das war, damals vor zwei Jahren? ’3iir suchten die Sonne und fanden Tuskulum, du hattest eine doppelläufige Flinte umhängen und die Taschen deiner Kalbfellweste waren voll Latronen, ja, das war das letztemal, daß auf diesem Boden em Schuß fiel. Und ob er sich erinnern könne! Wer könne so etwas vergessen, sprachen loch alle Leute--Da hieb er sich auf den Mund, er wollte doch mcht unhöflich werden. Bitte, sagte Anita, erzähle nur weiter, ich höre es getiu Und Toto lachte. Nun, die Sache ist einfach die, daß wir nach Meinung der Leute eine« Spleen haben, einen Vogel, aber einen ganz gehörigen. Wie alle Fremden. Bei uns aber piept es besonders stark. Während die Engländer nur in der Sonne gehen, legen wir uns richtig hinein. Der Signore setze nicht einmal einen Hut auf, nicht einmal, wenn er zum Podesta gehe. Ob denn die alte« Römer einen Hut getragen hätten, habe er ihn auf seine Verwunderung hm gefragt. Die Signora fahre Rad, niemand habe so etwas noch von einer Frau gesehen. Und der Baumeister behaupte, vor das Haus käme eine piscina, ein Schwimmbecken. Vielleicht würden wir uns gar ausziehen wie die Sommergäste am Strand von Ostia? Man prustet vor Lachen bet diesem Gedanken. Aber das alles ist noch gar nichts gegen den Fimmel, den wir bezüglich der Singvögel haben. Man stelle sich vor: der Nachbar bringt der neuen Herrin auf Tuskulum zum Gruß und Angebinde, wie es Sitte ist, einen Korb voll Trauben und drei frischgeschossene Rotkehlchen. Bei andere» Völkern reicht man Brot und Salz, gleichviel, es heißt immer: Willst du mein Freund sein, so nimm! Anita nahm die Trauben und verweigerte die Vögel. Unerhört. In den Castelli Romani sprach man in den nächsten Tagen von nichts anderem. Anita hatte furchtsame, aber trotzige Augen. Sie ging nicht mehr ohne den Bulli aus — das niegeschaute Hundegebilde, das fortwährend schnaubt wie ein Nilpferd, fürchten sie wie den bösen Blick. Alle Abwehrhörner unter den Karren, am Hals der Kinder und an der Uhrkette der Männer kommen in Bewegung, wo er auftaucht. Selbstverständlich haben wir dann so etwas wie ein Aufklärungszeitalter versucht. Mit der Sentimentalität, das war gleich zu merken, ließ sich nicht viel anfangen. Ihr schießt die Rebhühner und Schnepfen, warum sollen wir die Stare nicht schießen? gaben sie zurück. Geht ihr nicht auch auf den Wachtelfang? Wie, das Lamm, das Sinnbild Gottes, darf man schlachten, einen Buchfinken aber nicht? Warum? Weil er kleiner ist? Also meßt ihr eure Tierliebe nach dem Umfang der Beute ab? Hier war nicht weiterzukommen. Eher schon leuchtete ihnen diese Rechnung ein: ein Etto — das sind hundert Gramm — bestes Kalbfleisch kostet iy2 Lire, ein Etto Singvogelfleisch aber kommt mindestens, zwei Schuß zu je 36 Centesimi auf den Kopf muß man rechnen, auf 5 Lire zu stehen. Mehr noch wirkte das an den traurig zerfressenen Früchten demonstrierte Exempel im Herbst. Aber begreifen, richtig verstehen wird uns doch niemand. Auf dem eingezäunten Grund das Schießen verbieten, jawohl, das könne« wir, damit aber basta! Unsere Vogelnarrheit spreche sich herum, meinte eines Tages wohlmeinend warnend Sor Checco, der gesetzeskundige Notar, und was gab Anita zur Antwort? Das schade gar nichts, wenn es sich nur auch bei den Vögeln herumspreche! Und so kam es auch. Siehst du, Toto, das wird ein Stareukobel, ein Risthäuschen, ein nid» artificiale! Toto hatte noch nichts von einem künstlichen Nest gehört, der Mund blieb ihm offen. Wie sollte er auch? Anita fuhr vergeblich in das große Rom, um einen einzigen kleinen Nistkasten zu suchen. Die Geschäfte für Gartenbau, die Samenhandlungen, die Spezialläden für Geflügelzucht mußten sich überfragt bekennen, so etwas hatten sie noch nie gehört, die Ladentüre blieb ihnen offen. Früher, plauderte Anita und bohrte das Anflugstäbchen ins Brett, früher hat es gewiß auch Vögel hier gegeben, euer Cicero wird sie doch nicht alle weggegessen haben, na schön, und jetzt kommen sie eben wieder. Sie haben was gemerkt. Früher — und sie setzte dem Starenkobel das Dach auf wie einen neuen Frühlingshut — werden sie auch gesungen haben und jetzt singen sie eben wieder. Da gibt es gar nichts zu staunen! Was meinst du, was das erst für ein Gezwitscher sein wird, wenn diese Kinderstube voll ist? lind jeden Tag mache ich eine andere dazu, willst du mir helfen? Die Vögel, weigerte sich — unter langsamem Begreifen — Toto zu glauben, werden in den Kasten nicht hineingehen! Warum sollen sie nicht hineingehen? Hörst du, was sie singen? Verstehst du ihre Lieder? Nein? Ach wir Barbaren sind doch bessere Menschen! Und sie verschränkte die Arme unter dem Nacken und horchte ielig ins Grüne. Das singt und summt und schilt und tschilpt, das flötet, geigt und trillert, wogt hin und her, weht auf und ab, ein einziges Tirili. Wonnig und weh web ich mein Lied — man könnte meinen, sie spielen's vom Blatt. Siegfried hätte seine helle Freude gehabt. Toto vernahm's mit zwiespältigen Gefühlen, er hatte den Starenkobel auf den Knien und setzte sich üchtlich mit der neuen Weltordnung auseinander. Was waren das für geheimnisvolle Zusammenhänge zwischen dem durchlochten Kasten und dem Waldweben aus Tuskulum? Vögel, die gestern noch demütig verstummten, sowie sie den Schritt eines Menschen hörten, lernten auf einmal singen! Plötzlich ließ er den Starenkobel fallen, sprang auf und griff gewohnheitsmäßig nach der abwesenden Flinte: L'uccello bianco! Der weiße Vogel! Ein weißer Streif im Dunkelgrün der Pinien, ein schneeweißer Buchfink, wenn es nicht der weiße Spatz der Fabel war, huschte stcrnschnuppen- Töne und Geräusche riefen gleichfalls Traume hervor. Eine vibrierende Stimmgabel wurde an das Ohr einer Berfuchsperfon gebracht, sie sah und hörte im Traum eine Gruppe von furrenden Flugzeugen, bte m Kampf- ordnuna angeordnet waren. Vielleicht handelt es frch hier um Wiedererleben eines Eindruckes, den der Schläfer kurze Zeit vorher m einem Tonfilm gewonnen hatte. _ _ m Auch Reizung des Gefühlsfinns kann Traume erzeugen. Der Rucken der rechten Hand einer Berfuchsperfon wurde dreimal mit emer fernen Pinzette leicht gezwickt. Der Student träumte, eme Ratte ie, aus ihrem Loch hervorgekommen und habe ihn gebilfen. Auf die Frage, wohm ihn die Ratte gebissen habe, antwottete er: „Auf den Rücken der rechten Hand. „Welche Farbe hatte die Ratte?» „Sie war schwarz» »Was taten Sie, als S,e ge- biüen wurden?" „Ich bewegte die Hand, daraus schlüpfte ine Ratte m rhr Loch zurück." In Wirklichkeit hatte der Student aber während des ganzen Versuches seine Hand nicht bewegt. Er glaubte auch, während des Traumes aufgeschrien zu haben, aber auch davon war in Wirklichkeit kerne Rede. Derselbe Student träumte bei einem anderen Versuch, er sei „von emer braunen Kuh mit blauen Hörnern" an der Hand geleckt worden; dieser Traum war durch leises Bestreichen der Harrd mit weichem Stoss hervorgerufen worden. Der häufige Traum, zu ersticken, kann hervorgerufen werden, wenn em Tuch über das Gelicht des Schläfers gebracht und dort kurze Zeit hegen ge« lassen wird; vermutlich bringt Sauerstoffmangel die Traumempfmdung hervor. Wurde die Haut mit kalten Gegenständen in Berührung gebracht, so ergaben sich häufig Träume, die irgendwie in Beziehung zu Schnee und Eis standen. Die Stirn wurde mit einem kalten Metallgegenstand berührt: der Schläfer träumte, es habe die Nacht und den nächsten Morgen geschneit und er habe einen Schneemann errichtet. Zur Prüfung des Geruchsreizes wurde dem Schläfer Parfüm unter die Nase gehalten. Er träumte, er sei im Garten seiner Großmutter und pslücke dort Blumen. Der Dust von Kreosot ließ von einem Krankenhaus träumen uab Mi bim Vorbereitungen zur Narkose bei einer Operation. Besonders beschäftigte Klein auch der „Falltraum", ein sehr^verbreiteter Traum bei dem man die Empfindung hat, in die Tiefe zu stürzen. Es galt, den Ort im Körper ausfindig zu machen, an dem hier em Reiz wukjarn wird. Die Vermutung lag nahe, daß eme Einwirkung auf das Gleichgewichts oraan 7ui den Gleichgewichtssinn des Körvers stattsinden müsse. Es wurde b/Versuch unternommen, die Stellung des Schlafenden zu andern Zu Veifuch wurde eine junge Studentin bestimmt. Sie wußte mch dem eiaerilicben Zweck der Probe, sondern nur, daß es sich um eme Prüfung ber^MuskeUpannung handele, damit sie durch Wissen nicht suggestiv beern- slußt würde. Sie wurde schlafend in bequemer Stellung aus 9 aebradit bet Kopf lag aus einem Krisen. Es wurde nun ein plötzlicher kurzer Dtuckau'f das Lager neben ihren Knöcheln ausgeübt; filt e'nen^-r^n Augenblick waren die Füße dadurch niedriger als der übrige Körper. Ter Erfolg war rin Traum in dem die Schläferin in die Tiefe zu gleiten meinte. Bei einem jungen Mann wurden elfmal solche versuche vorgenommen, und elfmal wat der Erfolg ein Falltraum. Selbst die Richtung, IN der die Verliickisverson zu fallen wähnte, konnte von dem Versnchslstter bestimmt SJ.KH «ulte Iblert«. K beiden Sei,end« «»»<« »'j»"» einem Fall unter Wasser träumen. Wurde auf die linke Seite des Kopf kissens ein Druck ausgeübt, so entstand beispielsweise eini Traum. de ^chla er !ei mit dem Kops voraus und unter Drehung nach links, in einen steuer ne-fallen Der Druck, der ausgeübt wird, soll keineswegs stark lern, ein schwacher Druck auf Kissen ober Unterlage genügte zur Hervorbringung 0°n5ie'ü1ebrtnber gleiche Traum in verschiedenen Nächten wieder? aur Prüfung dieser Frage wurde der gleiche Reiz bei oletchen Versuchs Personen mehrere Male in getrennten Versuchen angewandt, und das hatte verschiedentlich den nämlichen Traum zur Folge. I« einer ganzen Reche von Versuchen träumte der bereits erwähnte junge Mann 'mmer wieder, eine Ra e habe ihn an der Hand gebissen, wenn er mit emer Pinzette leicht ^ Damst ist aber nicht gesagt, daß derselbe Reiz bet verschiedenen Perchnen aleiche Träume auslöse Jeder Traum hangt mit der vergangenen Erfahrung jedes einzelnen Menschen zusammen. Es wurden mehrere Ver- uchspersonen mit dem gleichen Reiz angegangen: einem fe'chten Streichen ber Saut bet Hand mit einem weichen Stoff. Der eme Schläfer träum e dabei wie erwähnt, seine Hand sei von einer Kuh beleckt rootben Derzweite träumte Ich lag krank im Krankenhaus, meine Freundin besuchte n,ich. Sie saß neben mir, hielt meine Hand in ihrer und streichelte sie. Em dritter träumte, ein großer zottiger Hund reche sich an fem-r Hand Wieder eme andere Versuchsperson träumte von emer Angorakatze, bte sich an ihrem ^ Bettuche mit einer tönenben Stimmgabel ließen ben einen vom Lärm nnn Tlnareuamotoren träumen, den anderen vom Klang einer Münze auf der Straße, ben dritten von einem lauten Warnungsfignal, bas er tn einem Was ttat rin,"wenn einet der hypnotisierten Schläfer in rascher Folge mit verschiedenen Reizen zum Träumen gebracht wurde? Emern Schläfer wurde zunächst ein Duftstoff unter die Rase gehalten: dann.wurde er emen Auaenblick mit den scharfen Spitzen einer Wichsbürste berührt; tm Anschluß daran wurde ber Rock seines Schlafanzuges über der Brust r sch geöffnet unb roieber gefchlossen; schließlich tonte noch eine Orgelpfeife für eme toe tunbe. Diele rasch aufeinanberfolgenben Reize hatten dwfen Traum zur Folge: „Ich sah einen Frileur, einen Damenfriseur. Es roch nach -harfiim unb Puber. Ein kleiner Junge kam herein, blies tn em Horn "nd rannte wi der hinaus. Eine Mücke stach mich an bet Stirn Ich glaube, ich war mit Anziehen beschäftigt. Die Kleiber waren noch nicht geschlossen. Die Dauer bes Traumes wurde in einet großen Anzahl von Fallen feftaeftellt. Die Durchschnittszeit eines Traumes wahrte ungefähr 30 Sekunden. Der Traum mit dem Autounsall dauerte 20 Sekimben. Der lurreste beobachtete Traum wähtte 5 Sekunben, ber angfte 90 Sekunben. Es hanbett sich hier nut um vorläufige Mitteilungen, bie butch größere Versuchsreihen noch geklärt werben müssen. . , Es würbe noch bie Frage untersucht, ob es einen traumlosen Schlaf gibt. Kann ein Traum so völlig vergessen werben, baß ber Schläfer nach bem Erwachen überhaupt nichts mehr von «hm weiß? Das ist möglich. Der So loser z B, bet von bet schwatzen Ratte bäumte, wußte nichts mehr von bem Traum, nachbem er aus bem hypnotischen Schlaf er we ckt war. Der gleiche junge Mann behauptete auch, er habe m den letzten Bier oder fünf Jahren niemals geträumt. Träume werden eben ost völlig vergessen, aber bte meisten Menschen erinnern sich ihrer nach bem Erwachen. Die Meirichen Untersuchungen hatten vor allem em .8^1- fw wollten beweisen, baß mit ber angewanbten psychologischen Technik manches Rattel des Traumes ber mystischen Betrachtung entzogen unb wissenschaftlicher Kontrolle zugänglich gemacht werben kann. Der Zugang ru diefem Reich ist ebenso durch spekulative Betrachtung wie burch Wissenschaflliche Vor« urteile erschwert; sichere Schlüsse lassen sich nur durch exakte Versuchs« anorbnungen, wie sie hier unternommen wurden, gewinnen. Aus -em Leben eines WUdwafferkarpfenS. Von Otto Ehrhart, Dachau. Nicht nur der Mensch, auch das Tier muß Glück haben, wenn es im Leben vorwätts kommen will. Welcher Naturkundige wüßte das nicht, welcher Fischer oder Jäger? „Blau" der Karpsen, ist geradezu em Schulbeispiel dafür... Seine Mutter war eine höchst schlampige Rognerm gewesen. Sie hatte sicb in keiner Weise bemüht, eine für bie Laichablage besonders günstige Stelle zu finden. Nein, im Gegenteil I Damals war der Moorfiuß wett über feine Ufer getreten und dort draußen, im knietiefen überschwemmten Riedgras, hatte sie bie Laichablage vollzogen. Es war also gar nicht verwunderlich, baß mit ben zurückflutenben Wassern bie Eier trocken gelegt würben, daß sich allerhanb streunendes Gesindel daran gütlich tat, daß kurz gesagt — von nahezu einer halben Million Eier nur fünfzehn Stück leben, fähig blieben. Aber auch biefe wären verloren gewesen, wenn sie nicht zufällig an einem losen Schilfhalm hasten geblieben, den bte verebbenden Wasser in bie Seichte eines Altwassers entführt hatten. Urtig vorüber und fiel tn die kahlen Reben ein. Tas bedeutet Vnolürf! | WMZKMM Anita nab nicht nach: Unb wenn er boch breimal — ? Oh — bas Wäre dann ein Glück, ein Segen ohnegleichen. , @ Si-bst bul Siehst du! Das ist ber brüte Fruhhng, daß ich wn W. L bringt Glück, er bringt die Stimmen des Himmels nach Tuskulum, die Singvögel! . m... Auf Tuskulum fingen wieder die Vögel. Die Entstehung des Traumes. Bericht über moderne Nntersuchungsmetlioden. Von Dr. W. Schweisheimer, München. feuer'» ... ruft der Versuchsleiter bem jungen Stubenten zu, der in ber Nack/vorher geschehen. Einige Balken glimmten noch em wenig, at3 "Sehende eigentlich ben Brand selbst wüten, bas Feuer lobern?", ^^Ä^Äort, „wir iahen nichts von bem Feuer, es ist ber^ts vorbei. Wir sahen nur bie Ueberbleibsel des Hauses. Dos iü ein Beispiel für bie Viethode, mit der bet Psychologe D. B. Kle,n ii»inerittät Deras neuerdings bem Wesen bes Traumes naherzu- kommen sucht. Als Versuchspersonen stellen sich seine.Stubenten ihm zur Verfügung Sie werben in hypnotischen Schlaf versetzt, in der üblichen Teck)- nil die baut angewandt wirb. Einige Minuten nach ber Einschläferung in etoem bequemen SeifelNorbert ber Versuchsleiter bie Schläfer auf, sich auf« wfetien unb tagt zu ihnen: „Bitte, achten Sie sorgsam auf etwaige Traume, dw Sie'haben, und erzählen Sie uns alles, was Sie geträumt haben, sobald ^"Es wttb°nun'ein'Reiz auf den Schläfer ausgeübt, etwa durch Zuruf eines Wortes ( Feuer"), ober durch einen Geruchstosf, em Gerau, chusw. Dom Augenblick bes Reizes bis zum Beginn ber Traumerzahlung lauft eine Stoppuhr ste läßt bie Dauer erkennen, bie bis zum Auftreten bes Traumes nötigst Ein Stenograph schreibt alles mit, was ber Schläfer von feinem wissenschaftliche Streitfragen sollten auf biesem Wege mit Hilfe freiwilliger unb geeigneter Versuchspersonen gelöst Werben. Amrum träumen wir? Wie lange währt ein Traum? Ruft das einen Traum hervor? Warum glauben wir tm Traum oft zu fallens ^te,o kehren gewitse Träume häufig wieder? Spielt tich eine Traumhanblung in weniger als einer Sekunde ab, wie vielfach angenommen W"d, oder braucht auch der Traum dazu dieselbe Zeit wie das wirkliche Leben? Schon verschiedentlich würben exakte ähnliche Untersuchungen burchgefuhrt, bte amerikanischen Arbeiten wollen aus bem Erreichten Neues aufbauen, sie Wollen vor allem von jeber Spekulation absehen unb nur bte tatsächlichen TÄfiÄ w5 erzählte folgenben Traum: „Ich fuhr mit bem Auto m d" Nahe meines Hauses. Ich hörte schreien unb hielt ben Wagen an. Ich stwg ab unb sah, daß ein anderer Wagen die Böschung hinabgestürzt war. Ein Mann kroch heraus. Er sagte, er sei nicht verletzt, aber eine andere Person hege noch unter bem Wagen. Ich half ben Wagen umkehren. Eine Frau lag herunter, he War schwer verletzt. Wir trugen sie zusammen ins Krankenhaus. „Konnten Sie ben Wagen sehen?" fragte der Verfuchsletter. „Ja, antwortete ber Schläfer, „es war ein brauner Wagen." Der Schläfer Würbe geweckt, erinnerte sich noch an feinen Traum unb bestätigte, was er noch tm Schlaf- Aesung und sah dabei — harmlos — so eine Art Wurzel vor sich Kegen. Ahnungslos schwamm er daraus los — und landete mitten im Rachen eines Junghechtes. Ja, diese Bestien hatten schon eine infame Art, sich unsichtbar zu machen. Blau wehrte sich mit allen Kräften, denn es ist schließlich das Unangenehmste, was einem Jungfifch passieren kann: im Maule eines Hechtes zu liegen, mit dem Kopf auf dem Schwanz feines noch lebenden, kurz vorher geschlagenen Vorgängers. Was zuviel ist, ist zuviel. Wenn man gar zu voll ist, liebt man keine Scherereien. Blau der Junge, Gesunde, Kräftige machte dem fetten Hecht zuviel Umstände. Er konnte ihn nicht recht halten und ließ ihn wieder fahren. Mit blutenden Riffen kehrte Blau von diesem denkwürdigen Ausflug in die Heimat zurück. Dort in der vertrauten, sicheren Umgebung war es wohl am besten, seine Wunden verheilen zu lassen. Es ging ihm jedoch nicht anders als jedem, der einmal die große Welt gesehen hat. Bald wurde er wieder unruhig — er mußte wieder hinaus. In einem Seitenarm des Flusses tras er mehrere Artgenossen, er blieb bei den Erfahrenen und lernte von ihnen schneller, als er es je selbst vermocht hätte, das große ABC der Karpfen. Die Sonne lag auf den damvfenden Wassern, das Rudel buddelte im Schlamm des Altwassers, in dem man die Nacht verbracht hatte. Aesend trieb Blau dahin. Es hätte ihm längst auffallen müssen, daß er so gänzlich ungestört äste, daß niemand Anstalten ihm zu folgen machte, ja, daß vielmehr alles im Tiefen verschwunden war. Tie beiden grauen Hölzer dort am Rande der Weiden, Blau? Er sieht sie nicht. Der Boden hier ist wirklich äußerst nahrhaft. Blau wird erst stutzig, als er einer versvrengten, dicht ins Kraut gedrückten Rotfeder ansichtig wird. Warum tut die bloß fo ängstlich? Es ist doch gar nichts los? Da! Schatten, Stich, Stoß! Alles blitzschnell, rasend, ehe man überlegen oder begreifen kann. Blau fühlt einen scharfen Stich im Nacken — er wirst sich instinktiv unter den schützenden Ueberhang der Weiden, fühlt zwei-, dreimal die spitzen Stilette der Reiher nach ihm stoßen und gewinnt endlich matt und elend die nächste Verkantung im Tiefen. Blutend wühlt er sich ein. Hier können ihn die Waffen seiner Feinde nicht mehr erreichen. Wieder einmal hat er beispiellos Glück gehabt. Jetzt weiß er aber, daß man auch über Wasser auf Dinge zu achten hat, die unsichtbar find; daß die größten Gefahren meist die sind, die man nicht sieht oder hört. An dieser Verwundung litt Blau lange, bis tief in den Herbst hinein. In der schlimmsten Zeit hielt er sich gut verborgen; gar zu leicht wäre er so die Beute eines Raubfisches geworden. Nachts suchte er gutströmendes Wasser auf, das feine -Wunde durchfpülte, so daß sich keine gefährlichen Wundpilze bilden konnten. Tie Verletzung hatte ihm zwar arg zugesetzt, aber trotz alledem kam der jetzt 3roeijömmert$e gut durch den Winter. Es hatte sich wieder einmal deutlich gezeigt, daß ihm das Schicksal wohlgeson- nen war. Kieider machen Leute. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Bald faßen beide Gesellschaften, jegliche auf ihrem Stockwerke, an den gedeckten Tafeln und gaben sich fröhlichen Gesprächen und Scherzreden hm, in Erwartung weiterer Freuden. Die kündigten sich denn auch für die Goldacher an, als sie paarweise in den Tanzsaal hinüberschritten und dort die Musiker schon ihre ©eigen stimmten. Wie nun aber alles im Kreise stand und sich zum Rechen ordnen wollte, erschien eine Gesandtschaft der Seldwyler, welche das frenndnachba^ siche Gesuch und Anerbieten vortrug, den Herren und Frauen von Golbach einen Besuch abstatten zu dürfen und ihnen zum Ergötzen einen Schautanz aiifzuführen. Dieses Anerbieten konnte nicht wohl zurückgewiesen werden; auch versprach man sich von den lustigen Seldwylern einen tüchtigen Spaß und fetzte fich daher nach 'bet Anordnung der besagten Gesandtschaft m einem großen Halbring, in beffen Mitte Strapinski und Nettchen glänzten gleich fürstlichen Sternen. Nun traten allmählich jene besagten Schneidergruppen nacheinander em. Jede führte in zierlichem Gebärdenfpiel den Satz „Leute machen Kleider und beffen Umkehrung durch, indem sie erst mit Emsigkeit irgend em stattliches Kleidungsstück, einen Fürfienmantel, Priestettalar und dergleichen anzufertigen schien und sodann eine dürftige Person damit bekleidete, welche urplötzlich umgewandelt sich in höchstem Ansehen aufrichtete und nach dem Tafte der Musik feierlich einherging. Auch die Tierfabel wurde in diesem Sinne in Szene gesetzt, da eine gewaltige Krähe.erschien, die sich mit Pfaufedern schmückte und quakend umherhüpfte, em Wolf, der sich einen Schafspelz zurecht schneiderte, schließlich ein Esel, der eine furcht- bäte Löwenhaut von Werg trug und sich heroisch damit drapierte, rote mit einem Karbonarimantel. Alle die so erschienen, traten nach vollbrachter Darstellung zurück und machten allmählich so den Halbkreis der Goldacher zu einem weiten Nina von Zuschauern, dessen innerer Raum endlich leer ward. In diesem Augenblicke ging die Musik in eine wehmütig ernste Weise über und zugleich beschritt eine letzte Erscheinung den Kreis, dessen Augen sämtlich auf sie gerichtet waren. Es war ein schlanker junger Mann m dunklem Mantel, dunkeln schönen Haaren und mit einer polnischen Mütze; es war memano anders als der Graf Sttapinski, wie er an jenem Novembettag auf der Straße gewandert und den verhängnisvollen Wagen bestiegen hatte. Die ganze Versammlung blickte lautlos gespannt auf die Gestalt, welche feierlich schwermütig einige Gänge nach dem Takte der Musik umher trat, dann in die Mitte des Ringes sich begab, den Mantel auf den Boden breitete, sich schneidermäßig darauf niedersetzte und anfing em Bündel auszupacken. Er zog einen beinahe fertigen Grafenrock hervor, ganz wie t^n Itrapinsft in diesem Augenblicke trug, nähete mit großer Hast und Geschicklichkeit Troddeln und Schnüre darauf und bügelte ihn fchulgerecht aus, mbem et das scheinbar heiße Bügeleisen mit nassen Fingern prüfte. Dann richtete er sich langsam auf, zog feinen fadenscheinigen Rock aus und das Prachtkleid an, nahm ein Spiegelchen, kämmte sich und vollendete seinen Anzug, Nach fünf Tagen schlüpften die jungen Dotterfischchen aus: nach weiteren fünf Tagen hatten sie bereits ihr Proviantsäckchen abgelegt und waren nun winzige Dingerchen, die entweder die schweren Bedingungen der Natur erfüllen ober untergehen füllten. Einstweilen hatten bie kleinen Lebewesen keinen anberen Instinkt als ben, bort zu bleiben, wo es am besten für sie war: am Raube bes Altwassers, im Allerseichtesten. Wie sie jetzt da draußen über der lichten Verkrautung spielen, so nett und untätig sie auch ausschauen, kennen sie nur eines: Fressen und wieder fressen. Alles andere kommt von selbst. Das Wasser ist ihre Milch, ihre Kinder- suppe. Unzählige kleine Lebewesen, winzige, dem bloßen Auge nicht sichtbare Schalentiere, Daphnien, allerkleinste Krebse, bevölkern es. Winzige Pflanzenrestchen treiben in ihm herum, die mit jedem Atemzug, ben man macht, in ben seihenben Kiemen haften bleiben und verfchluckt werben. Aber bie Suppe ist auch gefährlich. Ueberall unter ben Pflanzen, auf dem Grunde und besonders draußen, wo die Tiefe beginnt, lauern Feinde. Junge, gefährliche Fische, Krebse, Wasjerkäfer und ihre Larven; ungeheuerlich gestaltete Freßmaschinen,» Libellenlarven mit zangenförmigen Greif- werkzeugen, die fo zartes, junges Zeug mit Vorliebe erfaffen und verzehren. Das weiß man zwar alles nicht. Instinktiv und fcheinbar planlos läßt man sich durchs Plankton treiben und Übt sich im-Fressen. Wochen find vergangen. Aus dem anfangs glasartig durchsichtigen Tier- chei^sind richtige Fischlein geworden. Dickleibchen, die bisher namenloses Glück hatten, bie sich jetzt in bestimmter Ordnung durch das Wasser bewegen. * Zwischen Wassernuß und Hornblatt, im schützenden Schatten einiger Seerofenblätter stehen die kaum handlangen Fischchen. Ahnungslos lassen sie sich druck den Pflanzenwald tteiben. Da lärmen plötzlich die Antennen — die man in den Flanken hat —: eine verdächtige Bewegung. Jäh sind die Jungfische auseinandergefahren. Es spritzt und ftatscht, das ganze Wasser ist in Bewegung. Aber als man sich endlich wieder draußen im Seichten trifft, fehlen fünf Brüder. Fünf kleine Karpfen haben die Barsche erwischt, und zwar die, die fich am weitesten vorgewagt hatten. Durch Erfahrung wird man klug. Einer der Karpfen, der etwas größer als bie anbeten ist, hält sich von nun an immer in der Mitte bes Rudels auf. Es ist schwer zu Tagen, ob er dies bewußt tut; aber die Sache mit den Barschen wiederholt sich — es sind nur noch sieben Karpfen da. Man schwimmt jetzt lieber nicht mehr allein. Es sind andere Fischbruten dazugekommen, und das kleine Kärpfchen „Blau" führt von nun an feine Brüder immer in das Gros bet Jungfische hinein. Dorthin, wo man am sichersten ifL Spätsommettegen hat ben Fluß weit über bie Ufer treten lassen. Man schwimmt da gerne hinaus ins überschwemmte Moor. Schlägt sich voll mit ben guten Dingen, bie btaujjen Herumliegen. Mit ertrunkenen Schnecken unb Käsern, mit Würmern ttnb Räupchen, mit Gtäsersamen unb allerlei Zweiflüglern. Die lauwarme Brühe tut außerdem fo wohl. Abends wollen viele nicht mehr heim. Blau jeboch, mit zweien seiner Brüder, schwimmt zurück. Woher konnte er ahnen, — er, bet es boch nie erlebt hatte, — baß bas Wasser über Nacht toicber fallen würbe? Et hat eben Glück gehabt! Am andern Tag lagen viele Hunderte von Jungfischen luftschnappend in ben warmen Mootlachen. Nicht lange allerdings. Denn schon stießen die scharfsichtigen Krähen herab unb riefen mit Gezeter unb Gekeife anbete Fischfreunde herbei. Ihnen wat es gleichgültig, was sie fraßen; es schmeckte alles gleich gut: Karpfen unb Weißfische. Sie waten gründlich unb ließen nichts zurück. * / So verging bei Sommer. Blau war nun zwölf, die anderen zehn Zentimeter lang geworden. Es war ein guter Vorsprung fürs erste Jahr. Die drei Brüder trödelten jetzt nur noch faul herum; sie lagen am liebsten aus dem Schlamm ober wühlten in ihm. Was wollten sie denn eigentlich? Sie spürten irgenbeinem bunilcn Trieb nach, aber keiner vermochte feinem Fühlen Aus- Da kamen eines Tages fünf gtpfje, starke Karpfen in bas Alkwaffer geschwommen. Eine halbe Woche noch lagen sie träg auf dem Grunde unb bann begannen sie, fich tief in ben Schlamm einzuwühlen. Ja, bas war bas Nichtige! Unb bie brei Karpfenlinbet schwammen zu ihnen hm unb ticrbubbclten sich brav an ihrer Seite. Warm geborgen lag man an bet Seite bet großen Fische, fühlte ihre beruhigende Nähe — und schlief. . Keines ahnte, baß es droben bereits Winter geworden wat. Keines hotte die wilden Stürme, bie tlirrenb über das Moor hinbrausten. Nach ben Föhnwinben, bie bie heißen Frühlingstage brachten, wühlten sich bie Karpfen wieder ans Lickt. Tie Alten schwammen sofort in ben Fluß hinaus; die Jungen blieben im Altwasser zurück. Sie waren schmal geworden, blaß, grau unb matt in den Bewegungen. Bald aber kam die alte Fteßlust wieder, man fraß, fraß unb fraß unb Würbe wieder rundlich unb prall. Einen Monat noch hielt es Blau in seiner alten Heimat aus. Dann aber gefiel ihm nichts mehr an ihr, unb an einem klaren Morgen, roa.jrenb feine Brübet noch ben Schlamm nach Aesung durchwühlten, schwamm et langsam bis an ben Ranb des großen Altwassers hinaus. Schon oft hatte er in bet letzten Zeit hier geftanben, aber immer wieder wat er umgekehrt. Der Gesang des Flusses erregte fein Blut. Da draußen rauschte unb schwang es, alles war hier gewaltig. Tas Wasser floß wie Licht baher — uub da geschah es, daß er im gütigen Strom Plötzlich zwei fette Larven voruber- treiben sah. Er schnappte danach — es wurde hell unb licht um wn — je?t schwamm er mitten in bem herrlichen Brausen unb er ließ sich mit bet Strömung treiben. Er hatte jetzt viel zu lernen. Alle Augenblicke gab es neue, unerhörte Eindrücke. Andere Landschaften, andere Tiere —rote z. B. die Hundertschaften großer Barben, di« gleich ihm, auf dem Boden des Flusses nach Nahrung schürften. Er lernte die flachen, hochgebauten, gesellig . lebenden Brachsen kennen, hatte Zutrauen mit ihrer verwandten Art unb Man^mußte sich rühren im Rudel, wenn man satt werden wollte. Eigene Wege waren gefährlich. Das sollte er gleich am dritten Tag erfahren, als er gerade ein neues Schilftand erforschen wollte. Et beäugte ben ©runb auf baß er endlich als da? leibhafte Ebenbild des Grafen dastanb. Unversehens hing die Musik in eine rasche, mutige Werse über, der Mann wickelte seine Siebensachen in den alten Mantel und warf das Pack weit über die Kopfe der Anwesenden hinweg in die Tiefe des Saales, als wollte er slchcwlg von seiner Vergangenheit trennen. Hierauf beging er al- stolzer Weltmann in stattliche» Tanzschritten den Kreis, hier und da sich vor den Anwesenden huldreich verbeugend, bis er vor das Brautpaar gelangte. Plötzlich faßte er den Pole», ungeheuer überrascht, fest ins Auge, stand alö eine Säule vor ihm still, während gleichzeitig wie auf Verabredung die Musik aufhorte und eine fürchterliche Stille wie ein stummer Blitz emfiel. Ei ei ei ei!" rief er mit weithin vernehmlicher Stimme und reckte den"Arm gegen den Unglücklichen aus, „sieh da den Bruder Schlesier, den Wasserpolacken! Der mir aus der Arbeit gelaufen ist, weil er wegen einer kleinen Gefchüstsschwankung glaubte, es sei zu Ende mit rmr. Nun, es freut mich, daß es Ihnen so lustig geht und Sie hier so fröhliche Fastnacht halten! Stehen Sie in Arbeit zu Golbach?" . .. Zugleich gab er dem bleich und lächelnd dasltzenden Grafensohn ine Hand, welche dieser willenlos ergriff wie eine feurige Eifenstange, wahrend der Dovpelgänger rief: „Kommt, Freunde, seht hier unsern sanften Schne^ dergesellen, der wie ein Raphael aussieht und unsern Dlenstmagden, auch der Pfarrerstochter so wohl gefiel, die freilich ein bißchen übergeschnappt ist I Nun kamen die Seldwyler Leute alle herbei und drängten sich um Strapinski und seinen ehemaligen Meister, indem sie ersterem treuherzig die Hand schüttelten, daß er auf seinem Stuhle schwankte und Merke. Gleichzeitig setzte die Musik wieder ein mit einem lebhaften Marsch; die Seldwyler, ioroie sie an dem Brautpaar vorüber waren, ordneten sich zum Abzüge und marschierten unter Abjingung eines wohl einstudierten diabolischen Lachchores aus dem Saale, während die Goldacher, unter welchen Böhm die Erklärung des Mirakels blitzschnell zu verbreiten gewußt hatte, durcheinander liefen und sich mit den Seldwylern kreuzten, so daß es einen großen Tumult gab. Als dieser sich endlich legte, war auch der Saal beinahe leer; wenige Leute standen an den Wänden und flüsterten verlegen untereinander; ein paar junge Damen hielten sich in einiger Entfernung von Nettchen, iinschlüsstg, ob sie sich derselben nähern sollten oder nicht. , Das Paar aber saß unbeweglich auf seinen Stühlen gleich einem steinernen ägyptischen Königspaar, ganz still und einsam; man glaubte den unabsehbaren glühenden Wüstensand zu fühlen. • Nettchen, weiß wie ein Marmor, wendete das Gesicht langsam nach ihrem Bräutigam und sah ihn seltsam von der Seite an. Da stand er langsam aus und ging mit schweren Schritten hinweg, die Augen auf den Boden gerichtet, während große Tränen aus denselben fielen. , ~ Er ging durch die Goldacher und Seldwyler, welche die Treppen bedeckten, hindurch wie ein Toter, der sich gespenstisch von einem Jahrmarkt stiehlt, und sie ließen ihn seltsamerweise auch wie einen solchen passieren, indem sie ihm still auswichen, ohne zu lachen oder harte Worte nachzurufen. Er ging auch zwischen den zur Abfahrt gerüsteten Schlitten und Pferden von Goldach hindurch, indessen die Seldwyler sich in ihrem Quartiere erst noch recht belustigten, und er wanbeite halb unbewußt, nur in der Meinung, nicht mehr nach Goldach zurückzukommen, dieselbe Straße gegen Seldwyla hin, auf ivelcher er vor einigen Monaten hergewandert war. Bald verschwand er in der Dunkelheit des Waldes, durch welchen sich die Straße zog. Er war barhäuptig, beim seine Polenmütze war int Fenstergesimse des Tanzsaales liegen geblieben nebst den Handschuhen, und so schritt er denn gesenkten Hauptes und die frierenden Hände unter die gekreuzten Arme bergend vorwärts, während seine Gedanken sich allmählich sammelten und zu einigem Erkennen gelangten. Das erste deutliche Gefühl, dessen er inne wurde, war dasjenige einer ungeheuren Schande, gleich wie wenn er ein wirklicher Mann von Rang und Ansehen gewesen und nun infam geworden wäre durch Hereinbrechen irgendeines verhängnisvollen Unglückes. Dann löste sich dieses Gefühl aber auf in eine Art Bewußtsein erlittenen Unrechtes; er hatte sich bis zu seinem glorreichen Einzug in die verwünschte Stadt nie ein Vergehen zuschulden kommen lassen; soweit seine Gedanken in die Kindheit zurückreichten, war ihm nicht erinnerlich, daß er je wegen einer Lüge oder einer Täuschung gestraft oder gescholten worden wäre, und nun war er ein Betrüger geworden dadurch, daß die Torheit der Welt ihn in einem unbewachten und sozusagen wehrlosen Augenblicke überfallen und ihn zu ihrem Spielgeselleu gemacht hatte. Er tarn sich wie ein Kind vor, welches ein anderes boshaftes Kind überredet hat, von einem Altäre den Kelch zu stehlen; er haßte und verachtete sich jetzt, aber er weinte auch Über sich und seine unglückliche Verirrung. Wenn ein Fürst Land und Leute nimmt, wenn ein Priester die Lehre seiner Kirche ohne Ueberzeugung verkündet, aber die Güter seiner Pfründe mit Würde verzehrt; wenn ein dünkelvoller Lehrer die Ehren und Vorteile eines hohen Lehreramtes inuehat und genießt, ohne von der Höhe seiner Wissenschaft den mindesten Begriff zu haben und derselben auch nur den kleinsten Vorschub zu leisten; wen» ein Künstler ohne Tugend, mit leichtfertigem Tun und leerer Gaukelei sich in Mode bringt und Brot und Ruhm der wahren Arbeit vorwegstiehlt: oder wenn ein. Schwindler, der einen große» rkaufmanusiiamen geerbt oder erschlichen hat, durch seine Torheiten und Gewissenlosigkeiten Tausende um ihre Ersparnisse und Notpfennige bringt, !o weinen alle diese nicht über sich, sondern erfreuen sich ihres Wohlseins und bleiben nicht einen Abend ohne ausheiternde Gesellschaft und gute Freunde. Unser Schneider aber weinte bitterlich über sich, b. h. er fing solches plötzlich an, als nun seine Gedanken an der schweren Kette, an der sie hingen, unversehens zu der verlassenen Braut zurückkehrten und sich aus Scham vor der Unsichtbaren zur Erde krümmten. Das Unglück und die Erniedrigung zeigten ilnn mit einem Helle» Strahle das verlorene Glück und machten aus dem unklar verliebte» Irrgänger einen verstoßenen Liebenden. Er streckte die Arme gegen die kalt glänzenden Sterne empor und taumelte mehr als er ging, auf seiner Straße dahin, stand wieder still und schüttelte de» Kopf, als plötzlich ein roter Schein ben Schnee um ihn her erreichte und zugleich Scheltenklang und Gelächter ertönte. Es waren bie Selbwyler, welche mit Fackeln nach Haufe fuhren. Schon näherten sich ihm die erste» Pferbe mit ihren Nasen; da raffte er sich auf, tat einen gewaltigen Sprung über ben Straßenraub unb duckte sich unter die vordersten Stämme des Waldes. Der tolle Zug fuhr vorbei und verhallte endlich in der dunklen Ferne, ohne daß der Flüchtling bemerkt worden war; dieser aber, nachdem er eine gute Weile reglos gelauscht hatte, von der Kälte wie von den erst genossenen feurigen Getränken und seiner gramvollen Dummheit übermannt, streckte unvermerkt seine Glieder aus unb schlief ein auf dem knisternden Schnee, während ein eiskalter Hauch von Olten heranzuwehen begann. Inzwischen erhob auch Nettchen sich von ihrem einsamen Sitze. Sw hatte dem abziehenden Geliebten gewissermaßen aufmerksam nachgeschaut, saß länger als eine Stunde unbeweglich da und stand bann auf, inbem sie bitterlich zu weinen begann und ratlos nach der Türe ging. Zwei Freundinnen gesellten sich nun zu ihr mit zweifelhaft tröstenden Worten; sie bat dieselben, ihr Mantel, Tücher, Hut und dergleichen zu verschaffen, in welche Dinge fie sich sodann stumm verhüllte, die Augen mit dem Schleier heftig trocknend. Da man aber, wenn man weint, fast immer zugleich auch die Naie schneuzen muß, so sah sie sich d,ch genötigt, das Taschentuch zu nehmen und tat einen tüchtigen Schneuz, worauf sie stolz und zornig um sich blickte. In dieses Blicken hinein geriet Melchior Böhni, der sich ihr freundlich, demütig und lächelnd näherte und ihr die Notwendigkeit barftellte, nunmehr einen Führer unb Begleiter nach bem väterlichen Hause zurückzuhaben. Den Teich Bethesda, sagte er, werde er hier im Gasthaufe zurücklasfen unb dafür bie Fortuna mit der verehrten Unglücklichen sicher nach Goldach hingeleiten. , L _ , Ohne zu antworten ging fie festen Schrittes voran nach bem Hofe, wo bet Schlitten mit ben ungebutoigen wohlgefütterten Pferben bereit stand, einer der letzten, welche dort waren. Sie nahm rasch darin Platz, ergriff das Leitseil und die Peitsche, und während der achtlose Böhni, mit glücklicher Geschäftigkeit sich gebärdend, dem Stallknecht, der die Pferde gehalten, das Trinkgeld hervorfuchte, trieb sie unversehens die Pferde an und fuhr auf bie Landstraße hinaus in starken Sätzen, welche sich bald in einen anhaltenden munteren Galopp verwandelten. Und zwar ging es nicht nach der Heimat, sondern auf der Seldwyler Straße hin. Erst als das leichtbeschwingte Fahrzeug schon bem Blicke entschwunden war, entdeckte Herr Böhni das Ereignis unb lief in ber Richtung-gegen Goldach mit Ho ho! unb Haltrufen, sprang bann zurück und jagte mit seinem eigenen Schlitten der entflohenen ober nach feiner Meinung bnrch bie Pferde entführten Schonen »ach, bis er am Tore der aufgeregten Stabt anlangte, in welcher bas Aergernis bereits alle Zungen beschäftigte. Warum Nettchen jenen Weg eingeschlagen, ob in ber Verwirrung ober mit Vorsatz, ist nicht sicher zu berichten. Zwei llmftänbe mögen hier em leises Licht gewähren. Einmal lagen sonberbarerweise bie Pelzmütze unb bie Hanbschuhe Strapiuskis, welche auf bem Fenstersimse hinter bem Sitze des Paares gelegen hatten, nun im Schlitten ber Fortuna neben Nettchen; wann unb wie sie biese Gegenstänbe ergriffen, hatte niemanb beachtet unb fie selbst wußte es nicht: es war wie im Schlafwanbel geschehen. Sie wußte jetzt noch nicht, baß Mütze unb Hanbschuhe neben ihr lagen, ©obann sagte sie mehr als einmal laut vor sich hin: „Ich muß noch zwei Worte mit ihm sprechen, nur zwei Worte l" Diese beiben Tatsachen scheinen zu beweisen, baß nicht ganz ber Zufall bie feurigen Pferbe lenkte. Auch war es seltsam, als bie Fortuna in bie Walbstraße gelangte, in welche jetzt ber helle Vollmonb hineinschien, wie Nettchen ben Lauf ber Pferbe mäßigte unb bie Zügel fester anzog, so baß bieselben beinahe nur im Schritt einhertanzten, währenb bie Lenkerin bie traurigen, aber bennoch scharfen Augen gespannt auf ben Weg heftete, ohne links unb rechts ben geringsten auffälligen Gegenstanb außer acht zu lassen. „ Unb boch war gleichzeitig ihre Seele wie in tiefer, schwerer, unglücklicher Vergessenheit befangen; was finb Glück unb Leben! von was hangen sie ab? Was sinb wir selbst, baß wir wegen einer lächerlichen Fastnachtslüge glücklich ober unglücklich werben? Was haben wir verschulbet, wenn wir bnrch eine fröhliche, gläubige Zuneigung Schmach unb Hoffnungslosigkeit einernten? Wer (enbet uns solche einfältige Truggestalten, bie zerstörend in unser Schicksal eingreifen, während fie sich selbst daran auflösen, wie schwache Seifenblasen? Solche mehr geträumte als gedachte Fragen umfingen die Seele Nettchens, als ihre Augen sich plötzlich auf einen länglichen dunklen Gegenstand richteten, welcher zur Seite der Straße sich vom mondbeglänzten Schnee abhob. Es war der lang hingestreckte Wenzel, dessen dunkles Haar sich mit bem Schatten ber Bäume vermischte, währenb fein schlanker Körper beutlich im Lichte lag. Nettchen hielt unwillkürlich bie Pferbe an, womit eine tiefe Stille über ben Walb kam. Sie starrte uuverwaubt »ach bem bunflcn Körper, bis derselbe sich ihrem hellsehenden Auge fast unverkennbar barftellte unb sie leise bie Zügel feftbanb, ausstieg, bie Pferde einen Augenblick beruhigend streichelte unb sich hierauf ber Erscheinung vorsichtig, lautlos näherte. Ja, er war es. Der bunfelgrüne Samt seines Rockes »ahm sich selbst auf bem nächtlichen Schnee fchön unb ebel aus: bet schlanke Leib unb bie . geschmeibigen ©liebet, wohl geschnürt unb bctleibet, alles sagte »och in ber Erstattung, am Ranbe bes Unterganges, im Berlorensein: Kleiber machen Leute! Als sich bie einsame Schone nähet über ihn hinbeugte unb ihn ganz sichet erkannte, sah sie auch sogleich bie Gefahr, in bet sein Leben schwebte, unb fürchtete, er mochte bereits erfroren sei». Sie ergriff bähet unbebenklich eine feiner Hänbe, bie kalt unb fühllos schien. Alles anbete vetgessenb rüttelte sie ben Aetmsten unb rief ihm seinen Taufnamen ins Ohr: „Wenzel! Wenzel!" Umsonst, er rührte sich nicht, sonbetn atmete nur schwach unb traurig. Da fiel sie über ihn her, fuhr mit ber Hanb über sein Gesicht, unb gab ihm in bet Beängstigung Nasenstüber auf bie erbleichte Nasenspitze. Dann nahm sie, hietbutch auf eitfim guten Gebauten gebracht, Hänbe voll Schnee unb rieb ihm bie Nase unb bas Gesicht unb auch bie Finger tüchtig, soviel sie vermochte unb bis sich bet glücklich Unglückliche erholte, erwachte unb langsam feine Gestalt in bie Hohe richtete. (Schluß folgt.) kLetanta örtlich: vr. Hans Thyriot. — Druck und Der lag: Drühl'scheUniversitäts-Duch-und Steiudruckerei, R. Lange, Gießen.