GiehenerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Z ihrgang (953 Msntag, den 20. Zevruar Nummer 15 Gesang der Geister über den Wassern. Bon 3. SB. von Goethe. Des Menschen Seele gleicht dem Wasser: Dom Himmel kommt e», zum Himmel steigt es und wieder nieder zur Erde muß es, ewig wechselnd. Strömt von der hohen, steilen Felswand der reine Strahl, dann stäubt er lieblich in Wolkenwellen zum glatten Fels, und leicht empfangen, wallt er verschleiernd, leis rauschend, zur Tiefe nieder. Ragen Klippen dem Sturz entgegen, schäumt er unmutig stufenweise zum Abgrund. Im flachen Bette schleicht er das Wiessntal hin, und in dem glatten See weiden ihr Antlitz alle Gestirne. Wind ist der Welle lieblicher Buhler: Wind mischt von Grund aus schäumende Wogen. Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Windi Tod hinterm Zug. Bon Gerhart Herrmann Mo st ar. Zeitungsnotiz: „.. 3m Personenzuge Budapest—Szegedin überfielen drei Eisenbahnräuber eine englische Reisende. Durch die Hilferufe alarmiert, eilte der Schaffner herbei. Die Diebe schlugen ihn nieder, zogen die Notbremse und entkamen im nächtlichen Nebel. Als der Schaffner nach längerer Zeit aus seiber Ohnmacht erwachte, fiel ihm ein, daß hinter seinem Zuge auf gleichem Gleise der Expreßzug Budapest—Bukarest heranraste — im Abstand von zehn Minuten Die Engländerin zeterte unaufhörlich nach ihrem Gepäck, ließ sich unaufhörlich versichern, daß eine Verfolgung der Diebe in dem undurchsichtigen Nebel sinnlos gewesen wäre, glaubte es unaufhörlich nicht ... die übrigen Fahrgäste redeten erregt aufeinander ein, das Stimmengewirr hob und senkte sich, wurde laut und wieder leise in einem seltsamen Rhythmus ... der Lokomotivführer, der sich über den noch immer Liegenden gebeugt hatte, fragte immer wieder, ob Schmerzen zu spüren seien ... oll das verschmolz zu einem mitztönigen Rauschen, aber es kam von draußen, es war unangenehm, aber es war nicht so schlimm —■_ — von drinnen aber, aus dem eigenen, noch halb benommenen Kopf, hämmerten die Gedanken, qualvoll fragend, hetzend, dröhnend: „Der Expreß- zug ... der Expreßzug ... der Expreß ..." Endlich gehorchte dem Schaffner der eigene Mund: „Wie ... spat .. .f Der Lokomotivführer zog dem Fragenden die Uhr aus der Brusttafche: „Einundzwanzig fünfzehn!" , , ,,, Einundzwanzig Uhr fünfzehn ... elnundzwanzig fünfundzwanzig sollte der Expreß den Personenzug aus der nächsten Station überholen, dort erst war das Nebengeleis ... bis zu dieser Station hatte der Personenzug noch zwanzig Minuten, schätzungsweise, der Expreß also etwa zwölf ... also mußte 6er Expreß ... in zwei Minuten ... auf den Personenzug ... auffahren... Herrgott, auf den Personenzug ausfahren, wenn man nicht schleunigst warnte... Mit einer übermenschlichen Anstrengung sprang der Schaffner auf die Beine, stürzte zur SBagentür, stieß Menschen beiseite, riß die Tür auf, der Rebel drang sofort in den Wagen als weiße, fast körperhafte, undurchdringliche Masse ... nein, die durchdrangen die drei sanstroten Schluß- lichter nicht, die war auch stärker als die schwach« Handlaterne, diese furchtbare Nebelmajs« ba ... vielleicht konnte man einen Scheinwerfer von der Lokomotive losmachen, damit zurückrennen, schwenken, das konnte helfen, vielleicht ... aber, mein Gott, noch eine einzige Minute, das reichte nicht einmal, um bis zum Ende des Zuges zu laufen, und er stand im vordersten Wogen, und das Abmontieren des Scheinwerfers, und der andere fuhr mit neunzig Kilometer, und der Personenzug stand ... der Aufprall konnte, mußte furchtbar, unausdenklich furchtbar sein ... Der Schaffner sprang zurück, aus den Lokomotivführer zu, riß ihn los von der noch immer zeternden Miß, von den noch immer neugierigen Passagieren, rüttelte ihn an den Schultern, zischte ihm ins Ohr: „Der Expreß muß ran [ein, jede Minute — kann nicht mehr warnen ... los, Mensch, fahr los, was du kannst...!!" Der Lokomotivführer wurde weiß unterm verrußten Gesicht, wollte aufschrein: „Der Expreß —!" — der Schaffner schlug ihm die Hand vor 6en offenen Mund: „Ruhig, keine Panik, tauf, fahr los, Kerl, fahr...!" Dann sprang er hinaus in den Nebel, pfiff laut, schrie: „Einsteigen, sofort alles einsteigen, sofort, sofort!" — indes der Lokomotivführer der Lokomotive zuraste, unterwegs den Hetzer mit sich riß, noch hall, im Aufsprung den Hebel herumwarf... Zitternd stand, aus dem Trittbrett vor der Waggontür, der Schaffner, lauschte vor, lauschte zurück: von vorn das Schnausen des Kessels, vom Zugende — nichts, noch nichts, gottlob noch nichts, kein Krachen, kein Bersten, kein Stoß durch alle Wagen, keine Schreie --noch, noch nichts ...! Und sie fuhren'schon, fuhren schnell, immer schneller... Er stieg ein, ihn umkreischte die Engländerin: „Uarum uir fahren so schnell, uarum uir nicht verfolgen die Verbrecher, uarum...", ihn bestürmten Neugierige, er beruhigte, er durfte nichts verraten, sie würden die Notbremse ziehn in der Angst... „Tetarummta, tetarummta", stießen die Räder auf die Schienenkuppelungen, tetarummta, tetarummta, teta- rum —: der Expreßzug, der Expreßzug, der Expreß ... konnte man das überhaupt schaffen, neunzig Kilometer, mit dieser Lokomotive...? Tetarummta, tetarummta, tetarummta . . die Maschine ... die Maschine ... war schon alt... Um ihn beruhigte man sich, wurde man still. 3etzt wäre ihm der Lärm, die Ablenkung fast lieber gewesen, er beneidete den Lokomotivführer, der arbeiten, aufpassen konnte, den Heizer, der Schaufel um Schaufel in den glühenden Kessel stieß. Die Fahrgäste, die sich unterhielten, sich wunderten, nichts wußten ... 3ndes er hier stand, irgendwo lm langen Zuge, nutzlos, wehrlos, wisiend und gefangen... Er riß die Uhr heraus: Einundzwanzig ... einundzwanzig ... tetarum... Er hielt es nicht mehr aus, konnte er schon nicht warnen, nicht retten, wollte er wenigstens sehen —: er trat auf das Trittbrett, zog sich von Türgriff zu Türgriff nach hinten, der Nebel schlug wie mit nassen Tüchern schmerzhaft in sein heißes Gesicht ... hinter den Fenstern, an denen er vorbeitastete, saßen im warmen Licht die Passagiere, manche schwatzten, manche schliefen, manche lachten, mein Gott, sie alle waren ihm, ihm mit seiner hilflosen Menschenkraft anvertraut, hinter ihnen her brauste auf hundert Achsen, dampfgetrieben, schienengeleitet, kilometerzerstampfend der Tod, rückte näher mit jeder Sekunde, war nicht aufzuhalten, war nicht aufzuhalten, der Expreß... Frauen waren da, hatten Kinder hütend auf dem Schoß, Männer waren da, dachten lächelnd an das Ziel, und das Ziel war fern und nahe war der Tod, einundzwanzig zweiundzwanzig tetarumm ... Hier war der letzte Türgriff ... hier war der letzte Wagen ... hier riß er die Tür auf, stieg ein, vom Nebel dick gefolgt. Er rannte durch den Wagen zurück, bis in den Vorraum hinter dem letzten Abteil, wo keine Menschen waren, keine Ahnungslosen, nur er selbst mit seinem vergeblichen Wissen. Ein Fenster war da, das sah nach hinten hinaus, 6ahin, woher der Tod kommen mußte, ein Gitter aus Eisen war davor, daran klammerte er sich mit den zitternden Händen, dazwischen preßte er die siedeheiße Stirne und sah hinaus in den Nebel, 6er hinter dem hinrasenden Körper aus Holz und Eisen zusammenschlug. Er sah nichts. Keine zwei Scheinwerferlichter einer riesigen Schnellzugslokomotive. Wahnwitzige Hoffnungen ließen fein Herz hämmern: vielleicht hatte der Expreß Verspätung, zufällig ... vielleicht hatte auch den Expreß irgendetwas aufgehalten, irgendwas ... konnte fein, liebes Schicksal, konnte sein ... Plötzlich traf ein Lichtblitz feine Augen, sauste als Schlag durch feinen Körper, riß ihn fast um — er schrie auf —: zwei mattweiß schimmernde Flecke hinten im Grau, zwei trübe Ungeheueraugen hinter Gitter und Glas —: der Expreß, der Tod ... Nein, weg, wohl eine Vision nur, nicht Wahrheit, wieder verschluckt in Nacht, versunken, vergeßbar--nicht doch, da, wieder, näher ...? Näher ...! Uhr heraus noch einmal, ein letztes Mal, dann ade Zeit, Leben, ... einundzwanzig vierundzwanzig .. eine Minute, dann sollte der Expreß überholen, dann sollte der Personenzug in der Station, auf dem Nebengleife stehn ... neuer, furchtbarer Schreck —: hatte man auf der Station die Weiche noch in alter Stellung, dann fuhr auch der Expreß aufs Nebengleis, war sie schon umgeftetlt, 6ann blieb man selbst aus dem uujmertjam zu machen. Sie müssen sich in Mädchen, das, nachdem cs in den Wagen herum. „Sie müssen", beruhigt« das Mädchen. An der Brücke griff Paffar! nach dem Steuer hinüber und riß es fahren müssen?" „Wenn wir", sagte Passari lachend, „statt zwanzig tatsächlich neunzig Kilometer daraus hätten, ohne Aweifel. Denn Ihr Leben zählt mehr." | Er drückte die Kupplung heraus und trat in die Vierradbremse. „Die Tiere", sagte Passari, als der Wagen vor dem Setter stand, der nicht gespürt hatte, „am Ans«-.^, «... «... ^«« - - feinsten Fingerspitzen zu enden. Nach acht Tagen werden Sie den Wagen nur mit den Gedanken lenken oder Sie werden nicht fahren können " । „—, - - , - ■ „Werde ich", fragte die Komteß nach einer Weile, „diesen Hund über- . das Mädchen, das zum erstenmal in ihrem Leben fieberte, „verrum Heldinnen fei. „ , , <_ ». . .. ... „Das ist ein« Verleumdung der Engländer , sagte Pasfari, ,chie für grauen immer einen Puppengeschmack haben und es der Französin nicht verzeihen, daß sie einmal ihr« Königin in Wimbledon warten ließ Die Lcnglen" sagte der Italiener, „sieht aus wie Lukrezia Borgia ausgcsehen hätte, wenn sie mit einem roten Turban und einem Racket im Centre- court erschienen wäre." c Haiti" schrie das Mädchen, das immer nur das Steuerrad führte, und das'fich plötzlich kurz vor einer Führe, in welcher der Weg endete, einem Haufen von Ochsenwagen gegenübersah, die sich wie ein Fächer ausgebreitet hatten. Zu ihrem Erstaunen rührte sich der Italiener nidjt, obwohl die Komteß tapfer mitten in die Ochsen hineinfuhr, die, mit ihren meterlangen Hornern, wie eine Armee wirkten. Eist zehn Meter vor der Karawane fing Passari an zu lochen, ohne im mindesten etwas zu tun. In dieser Sekunde zog die Komteß ihr eines schönes und langes Bein hervor und trat wie eine Irrsinnige auf einen Hebel, den der Fuß instinktiv fand. ' , . « „Ein wenig roh", sagte Passari, „aber Sie haben die Bremse in dem Augenblick gefunden, wo Sie sie finden mußten. Gut. Nun werde ich Sie fchalten lehren." . .. . itjie der Italiener, „auf dem Gebiet des Sports dasselbe, «biete des Lebens Biedermeier ist." „Mussen Sie", sagte das Mädchen, „um mir das Chauffieren beizu- bringen, mich lächerlich machen?" Komteß", jagte der Rennfahrer, der gar nicht bemerkte, daß ihre Antwort ihr beiftimmte, „ich bin nicht hier, um Ihnen den Unterschied von Benzin und Oel klarzumachen, sondern den Sportgeist, oder, was dasfelbe ist, um Ihnen das Heldentum klarzumachen „Aber mir scheint sagte das Mädchen, das unentwegt fuhr, „Sie haben keinen Sinn für die Romantik." „Ich.din dabei, Sie Ihnen zu zeigen erwidert« der Italiener, der das Gas gab, daß die Gänfe aus der Puhta wie rasend schnell. „Gut", sagte er, als die Komteß nicht erschrak. Sie fuhr nut sechzig von der Straße wich, „sind noch weltfremder als die Menschen, weshalb sie Selbstmord begehen, ohne ein« Veranlassung zu haben. Der Italiener stieg aus und führte den Hund am Halsband zur Seite „Das besagt aber nicht", fuhr er fort, ,chaß wir gegenüber den Hunden die gort- geschrittenen sind. Sie haben sicher „Gullivers Reifen gelesen, aber nicht den Besuch bei den Pferden verstanden. Fortschritt ist als Wort '""".er eine Dummheit, weil es den Stolz eines Menschen bezeichnet, der sich mehr dünkt, weil er, im Verhältnis zu einem anderen, der S» Fuß geht, vielleicht Bahn fährt. Natürlich ist Bonaparte in einem W^tjünber mehr als ein junger Mann aus der Rue Lafayette. Aber, nicht wahr, es wäre doch lächerlich, wenn der Commis im Acht-Zylinder mehr als Bonaparte wäre. Man lebt", sagte der Italiener, dem dieses Thema für ein junges Mädchen zu spitz wurde, „fein Leben, und es ist eine Frag« des Zufalls, wann, und eine Frage des Geschmacks, ob man es in einem 6d),!,ynbo Efterha Esterhazy", jagte das junge Mädchen, bas bie Steue- rung viel zu fest hielt, um zu hören, was chr Nachbar sagte, und bie offenbar dachte, daß er, den letzten Worten nach, etwas ^mufantes erzähle, „ist im Schwimmanzug nach Abefsinien gefahren. Er hat .fugte das Mädchen hinzu, „die Wüste dadurch überquert, daß er auf den Eisen- bahnschienen fuhr." „Das ist", sagte was auf dem Gebic Das wcaocyen, oas zum eqienmui in ujiein «tuen ficucur, „vu.u.« | machen und ich kann ihn wie einen Halunken behandeln. Wenn ich Energie genug habe, werde ich Preise gewinnen." Diese Philosophie war bestimmt weiblich, aber wer wagt zu sagen, daß sie zumal für eine erste Unterrichtsstunde in der Leidenschaft sich in das Fahren zu verlieben, nicht auch heroisch war? Um acht Uhr morgens fuhr Passari die weiße Lancia vor die Terrasse. Er trug graue Knicker-Bockers und graue schottische Strümpfe, ein jeid- nes Hemd und ein leichtes Tolosa-Barett. „Ich hab« uergeffen", jagte ber Italiener, „Sie auf etwas aufmertfam zu machen. Sie müßen sich in ben Motor verlieben." Das Mädchen, bas, nachdem es in den Wagen gesprungen war und nun mehr in ihm lag als saß, sich vergeblich bemühte, das weiße Kleid über die Knie herunterzuziehen, antwortete nicht. Sie zeigte jene Verlegenheit, die bei einer Frau mit „sportmanship , noch entzückender als bei Sentimentalen bie reizendste Form einer Frage ist. Pjsta Tossuth fragte auf diefe Weise, indem sie dabei die Augen niederjchlug. ,L>hne diese Leidenschaft", antwortete der Italiener, „werden Sie nie erfttiaffig fahren lernen." „Aber auch für bie Leidenschaft", sagte das Mädchen, nicht ohne zu erröten, „werde ich Ihrer Anleitung bedürfen, selbst wenn es", fügte sie lachend hinzu, „sich dabei nur um den Motor handelt." Das Mädchen faß vor dem Rad. „Nehmen Sie das Steuer , jagte der Italiener. Er kuppelte aus, stellte die Zündung an, trat auf den Anlasser, ging in den ersten Gang. Dann ließ er die Kuppelung langsam los und drückte etwas auf den Gasknopf. „Fahren Sie" fagte er, als der Wagen sich in Bewegung setzte, „alles andere ist ein Kinderspiel." Die Komteß fuhr in der Tat. Dieser Akt fast wortloser Belehrung machte sie elektrisch. Sie suhr durch das Gutstor auf eine Schar Gänse zu. Pasfari gab das Gas und schaltete. Er ließ sie nur steuern. Das Mädchen warf einen Blick nach seinen Manipulationen, welche ihr den Eindruck erweckten, wohl zu steuern, aber über einen Vulkan, dessen Geheimnisse sie nicht kannte. „Die Technik des Fahrenlernens", tagte Passari, der ihren Blick auss ng, „verlangt, zumal sie einfach ist, ein wenig Takt. Sie werden einen Menschen, der Ihnen vorgestellt wird und der Ihnen sympathisch ist, kaum im Anfang nach feinen Geheimnissen fragen, wenn Sie ihn kennen lernen wollen." Dieser Vergleich, der nicht ganz stimmte, Stundenkilometern. .. . , - „Das Heldentum hat sich", fagte der Italiener, „geändert. Seit der französischen Revolution hat es in Garibaldi noch einmal in einem roten Hemd geleuchtet. Damit war es auch aus. Zur neuen Romantik gehört Vernunft. Die bewies als erster Bläriot, als er ben Kanal überflog. Wenn Sie mit hundertzwanzig Kilometern in bie Kurve gehen, so ist das eine Romantik, die Sie in der Hand haben/' ,Ich fürchte", fagte das Mädchen, dem bie Welt heftig auf ben Kopf gestellt wurde, „Sie haben zuviel Zutrauen in meinen Verstaub. „Es hat ihm niemanb", fagte Pasfari, „eine Richtung gegeben, die vernünftig ist, sonst würben Sie bei Ihrem Talent nicht so muferabel Tennis spielen. Sie haben sich um den Sport gekümmert wie um ihre Strümpfe. Aber" fügte er hinzu, „man wird entweder eine Susann« Die" Komteß" fuhr' in" dteftm^Augenblick, ohne mit der Wimper zu zucken, durch eine furchtbare Pfütze. Die Straße war tatfachlich ein halber Morast voll Wegfurchen, gelegentlich eine richtige Wiese. Rechts war ein toter Flußarm. Im Wasser standen die Bauern, welche weiße Webber- rücke trugen, bis an den Bauch im Nassen und wuschen Flachs aus. „Ausgezeichnet", sagte Passari, als das Wasser um sie spritzte. „Von zehn hätten neun bie Besinnung verloren, als sie den Teich sahen. Das oberste Gesetz des Sports ist, di« Godanken.kraft zu bewahren. Sie dürfen sich nicht aufgeben, und wenn Ihnen drei Pneus auf einmal von den Rädern fpringen." v Ich habe den Wagen versaut", sagte das Mädchen, das die Stimme einer Magdalena zu haben schien, „aber ich bin sicher," fügte sie wütend hinzu, „daß man die Pfütze hätte umfahren können." Sie Kind" sagte der Italiener, „was bedeutet eine nasse Karosserie dagegen, daß Sie sich wirklich für die einzige Maßnahme enkschlosfen haben, bie Sie beherrschten." , . Ist es wahr," sagte das Mädchen, bas vor Freube einen jener Ge- bantenjprünge ausführte, welche bie Frauen reizend machen, „baß bie Lenglen häßlich ist?" Das Mädchen, das sich in Gedanken schon im Triumph sah, fürchtet« ein wenig, daß es vielleicht bas Los der Todesgleis, ober hatte man schon alles bemerkt . . aber wozu bas, batte feinen Sinn mehr, vorher schon, jetzt schon mußte sie kommen, die Katastrophe ... Wie weit war man? Wie schnell fuhr man? Das weiß Gott ’ ’' SkßiZr bliXTediienen nicht näher zu kommen nicht zurück zu Mythen ^uhr man ichon neunzig.. -? Konnte ober Iou(cf)ung fein, lä KunOurd) Nebel Er blieb am Gitter, blickte mit seinen schmerzen- ben gen in bie'beiben riesigen, erbarmungslosen. Sein Denken ging all die Abteile zurück, an denen er sich eben vorbeigeklammert hotte, all L warmen, ^ten, geselligen, menschenbunten, bis zur Loiomotive vorn wo sie verzweifelt fdjufteten ... sie, die all das viele Leden in Händen hatten ... die alte Lokomotive da vorn, die war das Leben, di« . gewaltige hier hinten, die war der Tod, dazwischen all bas armje >ge Dasein das ahnungslose, dazwischen auch der eine Wissende ... Wissen । das war auch nicht mehr als. hinlerm Gitter stehn gefangen, und den Tod heransausen sehn, uni) gewiß fein, daß der Tod immer schneller ist und immer einmal einholt dieses bißchen schwache Sein, tetaru^mm ... Einmal einholt, heute, morgen, nur nicht so ... nur nicht heute, liebes ^^Aber' ""'abe'r ’. bas kommt näher, bas, bas ist wohl mal weg für eine Sefunbe, Kurve vielleicht, Baumzweig, Nebetzchwaben aher dann ist es wieder da, größer, grausiger, endgültiger Der Schaffner schlagt olötzlich mit der Faust bie Scheib« ein hinter dem Gitter, zwangt den Kopf zwischen die Eisen, schreit, wimmert, brüllt, ein trQunigequoltes Kind, ein Irrer, ein Sinnloser: schreit in bie Mauer aus Nebel, schreit in bie trübgrausamen Ungeheueraugen: „Haiti — Haiti — Haaaaait i Einundzwanzig Uhr sechsundzwanzig. — .. Dem Schaffner bleibt der Ruf in der Kehl«. Eben versanken bie Lichter des Todes langsam, als wäre bas Unglaubhafte eingetreten: als führe der Expreß langsamer. Nun aber jählings Lichter ganz nahe am Gitter seitlich rechts und links, seltsam verzerrt, seltsam bunt, .seltsam doch oben. Er schließt die Augen, ergeben, ein Ruck, em Stoß wirst ihn seitlich zu Boden, in ihm ist Brausen, um ihn ist Nacht, seine Sinne versagen, ist das bas Ende, tetarummta, der Expreß--- Wieder Erwachen aus Ohnmacht. Wieder um ihn Stimmengewirr, über ihm der Lokomotivführer. Als die irren Augen i]11),, auftun, fcfireit der Lokomotivführer bie Stimmen nieder: „Ruhe doch! Er hebt den widerstandslosen Körper auf eine Bank. Er lächelt das erwachende Gesicht an. „Wir habens geschafft. Wir sind neunzig gefahren. Sie hatten das Signal auf Halt gestellt. Ich Habs überfahren. Das hat uns gerettet Der Expreß hat gehalten. Wir sind auf dem Nebengleis. Sei ruhig. Es ist überftanben." .. .. ,— , Ueberftanben ...? Und die Lichter zuletzt...? Waren wohl die Signale der Station ... haben feine wirren Sinne wohl nicht mehr begreifen können...? Ueberftanben... . . „Da, sieh mal!" sagt der Lokomotivführer und lenkt feinen Blick seitlich zum Fenster hinaus. . Da gleitet, auf dem Hauptgleis, der Expreß vorüber, langsam, eine weiße Kette von Licht — der Tod defiliert vor dem, der ihn überwand — defiliert und versinkt ... Gespräch am Steuer. Von Kasimir Edschmid. fagte der Rennfahrer, der das Mädchen zögern । Diese Erziehung war sachlich genug, dem Mädchen die wahre Wn- fang brutal fein, aber nur, um später mit den taftit einer Maschine beizubringen. Eine halbe Stunde spater begriff sie, --------»>-- <=••- 'mdaß bas (Betriebe bie Vernunft eines Wagens darstelle, und daß der ; Motor eine Leidenschaft, wie sie selbst besaß. „Ich kann den Motor", sagte V M 's -1. ... in ilirnm Qohotl (iöhorfo MOTT lieft e-holb Wiener bdogt Fort, r nicht Witter « sch ! geht, Jlinber wahr, hr als na für Frage einem Steue. nd die ifanfes . fügte Eisen- isjelbe, belju« 16 ihre erchied r, was cheint", nn für er 3ta. schrien, sechzig -eit der n roten gehört betflog. i, fo ist >n Kopf jen, die üferabel M ihr« Susanne iper zu a halber war ein Webber- aus. e. „So" en. Dao e dürfen von den Stimme . wütend :aro(ferie Gl-W ener ®(- ,/baß di« fchon im Los der jfin nB liefe- rsgesehe" । Centre- ßrte, unb te eine® her an5' ter n'chi- mit IG t vor der I ju tu® Sein ‘Ver FuS le in keichSr- ÜK. rs* «Kenn 10 X- Der Maler Lessing. Bon Dr. Paul Landau. Als vor rund einem Jahrhundert die weltfremde Kunstrichtung der Romantik durch den neuen starken Realismus, der von den jungdeutfchen Theoretikern [einen Ausgang nahm, überwunden wurde, da ergriff die von dem Aesthetiker Wienbarg ausgegebene Parole, daß das Leben des Lebens höchster Zweck fei, daß auch die Vergangenheit nur Wert habe in ihrem Bezug auf die Gegenwart, daß die Natur in ihren ewigen formen das Heldenlied der Menschheit singe, — ergriff die Küstler und erfüllte Dichtung und Malerei mit neuen Keimen. Diese Auffassung der Geschichte spiegelt sich schon in Künstlern, die noch gar vieles mit den alten Idealen gemein haben, in denen aber ein zukunftsreiches Drängen nach einem originalen Inhalt und Stil lebt. In der Dichtung steht etwa L e n a u so zwischen den Epochen, in der bildenden Kunst Karl Fried- Tid) ßeffing. Es sind Persönlichkeiten, an denen sich Fortentwicklung und Weiterbildung gewisser Anschauungen deutlich zeigen, deren Wir- .kung in diesem Eingehen auf Charakter und Wesen ihrer Zeit begründet liegt. So verschieden di« markig gesunde kraftvolle Gestalt des Malers Lessing zunächst von der innerlich zerwühlten, müden Persönlichkeit Lenaus erscheint, so haben sie doch wichtige allgemeine Faktoren der Zeitkultur gemeinsam. Bei beiden ein melancholischer Weltschmerz, eine düster klagende Melodie, die in stimmungsreichen Landschaftsbildern ertönt, sich an dem Dusen einer phantastisch personifizierten Natur ausweint, dann ein Verwalten gewisser realistischer Beobachtungen, bei Lessing allerdings viel starker als bei dem Lyriker, und endlich die höchst persönliche, tendenziöse Erfassung der Geschichte, die Lenaus „Albigenser' mit ihrem überlauten Gegenwartston und ihrem brausenden Pathos direkt als ein Gegenstück zu Lessings berühmten Hus-Bildern erscheinen lassen. Es ist [ebenfalls das Bedeutende und Wichtige im Schaffen des Historien- und Landschaftsmalers K. F. ßeffing, daß er der Kunst neue Wege wies über den blaffen Idealismus der Romantik, über die aufgeputzten Kostümmaskeraden und Geschichtsklitterungen der Schadow-Schule hinaus. Er hatte in der gleichen Art begonnen wie die anderen, die Sohn, Hübner und Bendemann, die mit dem Akademiedirektor Schad o w nach Düsseldorf gekommen waren. Seine schwermütigen Burgruinen im Mondenschein, seine unheimlichen Waldseen, die den spannenden Reiz Walter Scottscher Romane aufleben ließen, fanden ebenso viel Anklang wie fein „trauerndes Königspaar" nach Uhland, (eine „Leonore" nach Bürger und [ein trübsinnig sentimentaler Räuber nach Spieß und Cramer. Ein so allgemeines Trauern begann in der Malerei, daß dem der humorvolle Schroedter mit seinen „trauernden Lohgerbern" schleunigst i, ein Ziel fetzen mußte. Aber Lessing war eine zu kräftige, sittlich ernste Natur, in der eine tiefe Sehnsucht nach ursprünglicher Wildheit und pathetischer Größe lebte, als daß er in dieser sentimentalen Tränenselig- | feit versunken wäre. Bilder des großen Landschafters David Caspar Friedrich hatten ihm den Sinn für eine gewaltige Natur erweckt, nachdem sich schon die wundersame Schönheit deutscher Wälder während - seiner Jugendzeit in dem schlesischen Wartenberg tief in seine Seele gesenkt hatte. Auf einer Reise nach Rügen war dieser Sinn für große Formen der Landschaft in ihm mächtig geworden, und sein Ideal einer von der Kultur noch nicht verniedlichten, wild und grandios sich offenbarenden Natur fand er in der Eissel und später im Harz Romantisches und realistisches Schauen vereinen sich schon in den ersten Eisselland- schaften Lessings zu einer eigenartigen und ergreifenden Wirkung. Die Schönheit eines weiten wohlgepflügten Ackerlandes, der Reiz eines modernen Forstes waren ihm noch fremd, er suchte Formationen, wie sie etwa im Mittelalter in Deutschland heimisch gewesen waren, trotzige Felskegel, dichten, von keinem Weg durchschnittenen Urwald Doch es genügte ihm nicht, wie es wohl die andern taten, für feine Ritter, Räuber und Mönche nun einen idealen Landschaftsrahmen feiner eigenen Phantasie zu schaffen, [onbern er suchte die wirklichen Formen in der Natur auf, di kleinem Wesen entgegenkamen, und gab sie wieder in einer inbrünstigen Wahrheitsliebe, mit starker ursprünglicher Beobachtungsgabe. So ist Lessing der erste Meister der neueren realistischen Land- sch istskunst geworden, wenngleich eine romantische Seele diese fo traft» • voll und wahr erfaßten Bilder durchdringt. Die Ausstellung von Werken deutfcher Landschafter im Jahre 1905 und die Jahrhundertausstellung Haden uns auch seine Vorläufer vorgeführt, besonders Karl Blechen und Ferdinand von Olivier, aber Lessing überragt sie in dem großen einheitlichen Zug, mit dem er die Starrheit feiner Gebirgsmassen zum Rot der Föhren, zum dunkeln Grün des Nadelwaldes, zu dem dustern Licht im Wasserspiegel feiner Seen zusammenstlmmt. Eine tragische Schwermut liegt über diesen Ruinen, deren zerrissene Schatten in ver- faUener Größe aufragen in den weiten Raum, in diesen uralten riesigen Eichen, die verwittert und verdorrt voll majestätischer Einsamkeit dem Sturme trotzen, in dem melancholischen Zug der dunkel geballten Wolken, in denen mit schwerem Flügelschlage ein Adler kreist. In solchen Werken steht uns di« weltschmerzlich verdüsterte, tief ernste Kunst Lessings, die zugleich mit trotziger Kraft ihren Geist seiner strengen Naturbeobachtung zu vermählen verstand, mensch'ich und ästhetisch am nächsten. Fremder erscheint uns Lessing heute in seinen historischen Bildern, die die Gemüter seiner Zeitgenossen in Begeisterung und Zorn so mächtig erregt haben. Die literarischen äußerlichen Anregungen drängen sich zu stark hervor. Räumers Geschichte der Hohenstaufen, die der damaligen Dramenliteratur fb viele Barbarossas und Konradine entstehen liefe, begeisterten ihn in seinem ersten Gemälde, der „Schlacht von Jkonium . Zu den Hussitenkämpfen zog ihn ein unverbürgter Glaube, daß seine Familie böhmischen Ursprungs sei, und noch mehr die Schilderung in 6er Menzelschen Geschichte der Deutschen. Immerhin weist auch seine Historien-Malerei auf eine stärkere realistische Beobachtung hm als bei den andern Düsseldorfern, und sein leidenschaftliches, finster grübelndes Temperament verleugnet sich nicht. Seine Farben weichen schon auf der „Huffitenpredigt" von der charakterlosen Buntheit der Genossen ab und suchen in einer fahlen Purpurglut eine unheimlich brennende Stimmung zu erzeugen. Die Stärke des Kolorits steigert sich dann in dem groß gesehenen „Hus vor dem Konzil" und nähert sich der neuen Farben» anfchauung, die bald darauf die belgischen Koloristen in Deutschland verbreiteten. So waren es künstlerische und stoffliche Elemente zugleich, die den Nazarenern diesen jungen Maler als den Antichrist der Kunst erschei- nen ließen, die ihm [einen alten Lehrer Wilhelm Schadow entfremdeten und Philipp Veit [ein Amt als Direktor des Städelfchen Instituts niederlegen ließen, als Lessings „Hus" angefauft wurde. „Hus auf dem Scheiterhaufen" mit feiner theatralischen und aufreizenden Absichtlichkeit bildet den Höhepunkt in dieser immer mehr dem Aeußerlichen zugewandten Entwicklung, und seine andern zahlreichen H.storienbilder, die einen Abriß mittelalterlicher Weltgeschichte geben, zeigen ein Erstarren und Nachlassen seiner Begabung. So treten in den späteren Werken Lessings Mängel und Grenzen seiner Begabung immer deutlicher hervor. Der Großneffe Gotthold Ephraims, den übereifrige Verehrer wohl mit dem großen Vorfahren im Kampf um Naturwahrheit und im Streit gegen Intoleranz verglichen haben, hätte mit mehr Recht als der Dichter der „Minna von Barnhelm" von sich jagen können, daß der Brunnen [einer Schaffenskraft nicht frei sprudele, sondern mit Röhren heraufgepumpt werden müsse. In feinem Talent lag bei einer innerlichen Kraft etwas Mühsames, ein Ringen mit dem Mittel, in dem nur ein eiserner Fleiß, strengste Disziplin Sieger bleiben konnten. Ein Mißtrauen gegen die eigene Begabung hemmte ihn im freien Schwung der Schöpfung; sein« großen Bilder waren mühselig zusammengesetzt aus einer Fülle von sorgsam ausgcführten Studien, so daß auch nicht das kleinste Detail ohne genaue Skizze, ohne einen mehrfach übergangenen Entwurf geblieben wäre. Diese ausgeführten Werke aber zerfallen vielfach in eine Menge gut gesehener, aber eigentlich unwesentlicher Einzelheiten. Der Mangel einer großen malerischen Empfin- bung tritt bei den späteren Bildern immer mehr zu tage, während die eigenartige Persönlichkeit des Mannes hier nicht mehr so stark mitspricht. Lessings Größe und Bedeutung liegt*ln den eigenartigen und neuen Tönen, die er in den Werken der dreißiger und vierziger Jahre angeschlagen hat. Da« Mangobaumwunder. Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nk. Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. (Fortiegung > ,Ach, Sie sind's, Langsam ging er, als der Baron das Zimmer verlassen hatte, daran, die Instrumente in feine schwarze Ledertasche zu füllen. Die feinen Messer und die spitzen Nadeln, die scharfen und gefährlichen Dinge, die die Baroneffe fo liebte. Die Baronefsel Dr. Kircheifen legte die Tasche aus der Hand und trat ans Fenster. Ulam Singh und der Baron waren eben in das Treibhaus getreten. Aber die Baronesse war noch im ©arten. Langsam ging sie über den Kiesweg. Wie schön sie war, mit welch edler Grazie sie dahin schritt, dieses junge Weib mit dem anmutig leichten Gang eines verträumten Kindes. Dr. Kircheifen liebkoste die schlanke Gestalt mit den Augen. Jetzt begann sie rascher zu gehen; ihr Vater hatte sie gerufen. So kurz war der Weg, ein paar Schritte noch und sie mußte ihm aus den Augen sein. Wenn sie doch stehen bleiben wollte, nur eine kurze Minute lang! Doch sie stand schon in der Treibhaustür. Einen Augenblick lang noch leuchtete der Helle Fleck ihres blaßblauen Kleides im dunklen Türrahmen, ... ein letztes Auffchimmern ihres blonden Haares ... nun war sie verschwunden. Dr. Kircheisen trat vom Fenster zurück. Das sonderbare und ganz unerklärliche Angstgefühl, das ihn schon vorher beschlichen hatte, war plötz- lich wieder da, doch stärker und deutlicher als zuvor. Die Unruhe war zu einer guälenben Traurigkeit geworden, die Sorge zu einer drückenden Gewißheit. Irgendeine dunkle Vorstellung einer furchtbaren Gefahr tauchte in ihm auf, die sich nicht in Worte [offen liefe, und der er den- noch nicht entrinnen konnte. Es war ihm mit einem Male ganz klar, daß dieses kurze Ausleuchten des blonden Haares in der dunklen Tur ein Abschied gewesen war, der Abschied für immer. „Sie wird nie mehr wiederkommen", sagte er leise vor sich hin, wie etwas, was nicht mehr zu ändern war, und wußte dennoch nicht, woher ihm diese furchtbare Gewißheit tarn. Langfam ging er aus dem Zimmer und über den „Guten Morgen, Gnädigste." „ ... . .... . .. Grüß Sie Gott, Doktor. Was fehlt Ihnen? Sie sind fo blaß heut. ^Wirklich? Blaß?" „3ft etwas passiert?" „’Rein. Mir wenigstens nichts. „Wem denn? Am Ende ... wo ist Felix? Der Herr Baron ist vollkommen wohlauf, beruhigte sie der Arzt. Gang. Es würde dann nun das alte, traurige Leben wieder beginnen, das trostlose, liebleere Dasein, das Jahre hindurch [ein Anteil am Leben gewesen war. Nein, niemals wieder würde er noch eine Frau lieben können, noch dieser einen, einzigen, die er jetzt verloren hatte. „Vorüber! flüsterte er halblaut, und der Klang seiner eigenen Stimme ließ ihn aus seinen Gedanken aufsahren. Er stand vor dem Arbeitszimmer des Barons ... Was ist nur plötzlich über mich gekommen? ... fragte er sich verwundert ... Solch ein Unsinn' Aus eine Viertelstunde ist sie hinuntergegangen, und ich trauere ihr nach, als wäre es ein Abschied fürs Geben gewesen. Wie ist mir denn überhaupt dieser absurde Gedanke gekommen? Wer in aller Welt kann mir sie jetzt noch nehmen? Ich habe ihre Liebe, ich habe die Zustimmung des Vaters, brauche ich mehr? Sonderbar, daß man von so närrischen Einfällen am hellichten Tage heimgesucht werden kann ... Er öffnete die Tür und trat ein. Melitta Ziegler saß fchon da und wippte sich in des Barons großem Schaukelstuhl. Sie fchien fchon recht ungeduldig geworden zu fein. „Felix!" rief sie, als der Arzt ins Zimmer trat. Doktor?^ Tr ift noch bei der Toilette und wird in ein paar Minuten bei Ihnen sehen wolle. (Fortsetzung folgt.) fremde Mensch. , m Dr. Kircheisen trat In die Orchideenabteilung. Der große Raum sah ganz verändert aus, kahl, leer, dürftig, irgend etwas fehlte, irgend etwas, was in den Raum gehörte, mar nicht da. Der Mangobaum! Das war es! Wo mar der Mangobaum? Der mächtige Stamm mit seinen großen, blaugrüUen Blättern und den goldgelben Früchten — er war verschwunden. Ein dünnes Stämmchen, dessen dürftige Zweige ein paar kümmerliche grüne Blattknospen trugen, stand an seiner Stelle. Ver- i-lllsft trat Dr. Kircheisen an das Bäumchen heran. Aber im nächsten ganz wirr ... sind doch beide Beranlwörtlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. Der Tempelgarten in Agra. «Sie starren mich noch immer an, Doktor, -ich sehe ein wenig ver- änbert aus nicht r^hr? Ja, ich hatte einen schlechten Tag gestern, da» tonnen Sie mir glauben. Setzen Sie sich, Doktor, denn ich will Ihnen letzt alle» erklären Wie die Tik Paluga in mein Treibhaus gekommen sind, wer die fremde Frau war, di« meine Tochter heute nacht gesehen hat, und wie ich in den furchtbaren Zustand gekommen bin,^n dem Sie mich vorgestern abend angetroffen haben, ... das alles sollen Sie letzt ers h ren9 Aber ich muß weit zurück greifen und mit dem Tag beginnen, an bem ich rum erstenmal jenes unglückselige Experiment mit der Orchidee gesehen hX. Das ist in der Stadt 'sügra gewesen, im Winter vorigen Jahres, aus meiner indischen Reise. Das Datum weiß ich freilich heute nicht mehr ganz genau. Aber ich erinnere mich, daß es tagsüber sehr heiß war, obwohl die Hindus am frühen Morgen kleine Feuer auf den Straßen angezundet hatten um sich zu erwärmen. Kält« ajn Morgen, Hitze bet Tag .. durfte also Aw fang Januar gewesen sein. Es war der Tag bevor ich Agra verl etz, ,ch wollte nur noch die große Prozession abwarten die du! Hindupricster der Stadt zu Ehren der Pravati, Bishnus Gattin, der Göttin mit den Fisch' augen, abhalten wollten. Man hatte mir in „Hamiltons Hotel meloon der malerischen Wirkung dieser Zeremonie erzählt. Leider kam sie schließ- lich nicht zustande, zweier fanatischer Mohammedaner wegen ... aber davon später. Ich verließ Hamilton» Hotel gegen sieben Uhr früh, um zwei angloindische Freunde zu einer Spazierfahrt abzuholen, den Captain Elliot und den Arzt Reginald Fawcett, einen Vetter meiner verstorbenen Frau, die eine Engländerin gewesen ist. Ich ging zu Fuß. Ich sehe die Landschaft noch heute so lebendig vor mir, als hätte ich sie erst gestern verlassen. Der Weg sührte anfangs durch eine Allee von Kokospalmen. Eine Herde Kühe kam mir entgegen, bann zwei Hinbufrciuen in ihren Festkleibern. Die kupferne Kuppel bes Vishnuternpels leuchtete vom Ende der Allee her zu mir herüber, und ich hörte das Geschrei der heiligen Papageien, । die in den Ornamenten ber Tempelfassade nisten. Dann brach die Palmen- allee ab und ber Weg führte zwischen Indigo-, Baumwoll- und Zucker- rohrfelbern weiter bis zu einem Garten, der schon zum Tempel Dishnu» 9^Am Eingang dieses Gartens stand Utam Singh. Er war damals einer von den Dienern des Heiligtums, das konnte ich schon aus den Aschenlinien erkennen, mit denen er seinen nackten Oberkörper zu Ehren Shivas, des Todesgottes, bemalt hatte. Ich war diese Straße schon öfters gegangen und hatte Utam Singh häufig über den Gartenzaun hinweg bei seiner Arbeit beobachtet, wenn er seine Nelken und benghalischen Rosen begoß. Aber niemals vorher hatte ich ihn so erregt gesehen. Er kam auf mich zu und sprach mich an. Er sprach maharattisch. Ich beherrschte diesen indischen Dialekt nur unvollkctmmen, aber er wiederholte seine Bitte sogleich in gebrochenem Englisch Ob ich nicht in den Garten eintreten und seine Blumen an- -in ber Rinde des Bäumchens war ein Herz eingeschnitten und Buch- staben, G. v. V. utib darunter F. K., winzig klein alles, kaum wahrnehmbar, und dennoch dieselben Zeichen, die er tagszuvor in großen Zügen in die Rinde des stolzen Mangobaumes gegraben hatte! Sie staunen über bas Mangobaumwunder, Doktor sagte der Riese, der bes Barons Kleider trug, und tupfte mit einem blutigen Taschentuch (einen Racken. „Ja, Ulam Singh hat sein letztes Experiment beendet. Greil!" schrie Dr. Kircheisen auf und blickte sich um. Die Sonnenstrahlen fielen durch die schrägen Fenster und blendeten ihn. Nirgend» '^Wr’aJFeinen? der grünen Gartenstühle erhob sich jetzt ein sonder- bares Geschöpf: Ein kleines Mäderl, zart und schmächtig, doch beladen und belastet mit einem unförmigen, blaßblauen Kleid, einem wahren Ungetüm von Kleid, das das Kind mit beiden Händen raffen und in die Höhe heben mußte, um einen Schritt tun ju tonnen, und das den- norti als riesige Schleppe hinter ihr her floß. In viel zu großen Schuhen schwimmend, mit Aermeln, die leer bis aus die Erde herabhingen, so tam das seltsame Wesen auf Dr. Kircheisen zugetrippelt. „Greil!" rief der Arzt noch immer suchend, mit einem jammervollen - St3benr Ta' koch^Hier bin ich!" zwitscherte da» Kind, stolperte über sein Kleid verfing sich in seinen Aermeln, erhob sich wi^er und stand endliäi neben dem Arzt. Ein schmales, blasses Kindergesicht, das er nie junor gejeVen hatte, blickte aus ihren, aus Greils großen, blauen Augen fpin lief über Dr. Kircheisens Rücken. Er tastete nach einer Stuhllehne. Der Orchideensaal mit seinen Stühlen, Tischen Topsblumen und Gartengeräten drehte sich in einem wilden Tanz um ihn. Grell'" erklang die Stimme des breitschultrigen Menschen. „Lauf hinauf, mein Liebling, zieh dich rasch um und geh bann mit Mama im Garten spazieren. Sag ihr, baß ich halb nachkomme. Nun, tor! Erkennen Sie mich noch immer nicht? .. Mechanisch roanbte sich Dr. Kircheisen um. Der Riese, ber bi« Kleider des Barons trug, stand noch immer hinter ihm und hatte, das erkannte l Dr Kircheisen erst jetzt, des Barons Kopf auf seinen machiigni Schul- lern- Die kühne, gebogene Nase, di« buschigen Brauen, das dichte Haar — nur die tausend Falten und Runzeln waren verschwunden, ein straf ses, sonnengebräuntes Männerantlitz blickte den Arzt an. Setzen Sie sich, Doktor", klang es an Dr Kirche,sens Ohr. „Es 'st i mtcf) ;n Ihnen schon selbst nicht mehr aus. Wenn das"Ihr Ernst ist, dann sind Sie Übergeschnappt." „Uebergeschnappt?" ries der Arzt bestürzt. Ja Komplett verrückt. Es tut mir leib, aber wenn das Ihr Ernst war, dann gibt's keinen andern Ausdruck." ,'Ader wir lieben uns! Ich vergöttere die Baronesse und auch sie hat mir ihre Neigung gestanden." — . , Neigung gestanden! Was reden Sie bat Als ob der Spatz ... Sie ist doch noch ein Kind!" rief die Schauspielerin. „ , Mer gerade das ist es ja, was mich so zu ihr hinzieht. Und das sagen Sie mir so ins Gesicht, ohne dabei rot zu werben? Schämen Sie sich! Man muß sich ja fürchten, mit Ihnen allein zu bleiben, Sie Wüstling!" „Ader Gnädigste ..." stammelte ber Arzt. .Ihre Schuld, wenn Sie Grobheiten bekommen haben. Man hcht einen Witz nicht zu Tode, merken Sie sich das. Auch beim Theater nicht, er wird sonst langweilig." Sie gähnte, laut und provokant. „Bas rft Felix, nicht wahr?" Die Türe hatte sich geöffnet. Aber nicht der Baron war es, der eintrat, sondern der alte Philipp. Herr Doktor möchten rasch herunterkommen. Herr Doktor werden gebraucht, ich glaube, der Gärtner will sterben", flüsterte er dem Arzt zu. „Gnädigste entschuldigen mich. Man benötigt meine Hilfe, sagte der ^^JstZchmi"g>it. Gehens nur", verabschiedete ihn die Melitta Ziegler in.gna^^i fo[gte bem alten Diener ins Treibhaus. Er war be- stürzt und verzweifelt. Mit solcher Mühe hatte er die Abneigung des Barons gegen diese Verbindung beseitigt, und nun kam ein neuer Widerstand von einer Seite, von der er ihn nicht erwartet hatte. Ader es gab kein Zurück, es durfte keines geben! Auch dieser Widerstand mußte gebrochen werden. Grell mußte fort mit ihm aus diesem Haus, wo in jedem Winkel eine Tollheit oder ein Geheimnis lauerte, wo jedes Ding auf dem Kopf stand. . Wahrhaftig. Alles stand auf dem Kopf in diesem Haus: In der Kammer Ulam Singhs erwartete den Arzt ein großer, breitschultriger Mensch, der sonderbarerweise in den Kleidern des Barons steckte. Sie kommen zu späte, Doktor!" sagte er vertraulich und drückte ein Taschen- tuch an seinen Hals. „Er ist schon tot. Ich hab' ihn gleich hinaustragen lassen." „Wo ist Grell?" tief der Arzt. „Wo ist meine Brant? „Jbre Braut? Gehen Sie nur hinein, sie erwartet Sie", sagte der Wieder wohlauf! Doktor, das haben wir Ahnen zu danken!" ries •n,-«Äis«. sä.».« ■Ä*'»«"«(? W ta* y XX Sie l ickt, datz ich so bald schon zu dem engeren Krets schwunden. Ein dünnes Stämmchen, desser kümmerliche grüne Blattknospen trugen, ft blufft trat Dr. Kircheisen an das Bäumch Augenblick fuhr er entsetzt und verstört zurück. sfc y.« & sä» Vi« sä Ich"»«d-m ® »w.»r .... „ h„.e mld, "Zu Ihrer allernächsten Verwandtschaft. Gnädigste, ich habe mich ^d^Melitta Ziegler stand auf und blickte den Arzt an. „Warten Sie, Doktor", sagte sie. ,,Mir ist das alles cirh hab zwei Kusinen, die Litt und die Gerti, aber die „-i; ., verheirate! Ledig ist in meiner Familie nur noch die Tante Rest, die bas einige Rheuma hat, ... Doktor, Sie werden doch nicht die Resitant S°i?glrade auf das Nächstliegende nicht verfallen! Die Daro- nefs'e und ich, wir haben uns verlobt " Die Baronesse? Welche Baronesse? „ "Nun die Tochtre des Hauses natürlich. Die Grell. Die Schauspielerin ließ sich mit enttäuschter Miene wieder in ihren Schaukelstuhl zurücksatten. „Da bin ich Ihnen schon hineingefallen, Do - tor Nun ja. Sie haben den Spaß aber auch mit einem so ernsten Gesicht gebracht ... jeder wär' Jhgen hineingefatten aus den Witz. Auf welchen Witz?" fragte Dr. Kircheisen erjtaunt. "Nun, auf Ihre Verlobung mit dem Spatzen. „ „ f„ ' "Aber ich versichere Ihnen, Gnädigste, es ist mein voller Emst. "Sie sind ein geborener Schauspieler, Nicht einmal die Mundwinkel suden Ihnen Ich muh immer gleich lachen, wenn ich mir aus jemanben einen Narren mach'. Ich werd' meinen Direktor auf Sie aufmerksam machen, der ist eh das ganze Jahr in der Provinz hinter neuen Talenten