GichenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1955 Freitag, den 20. Januar Nummer 6 Hyazinthen. Bon Theodor Storm. Fern hallt Musik; doch hier Ist stille Nacht, Mit Schlummerdust anhauchen mich die Pslanzen; Ich habe immer, immer dein gedacht, Ich möchte schlafen; aber du muht tanzen. Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß; Die Kerzen brennen und die Geigen schreien, Es teilen und es schließen sich die Nethen, Und alle glühen; aber du bist blaß. Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen Sich an dein Herz; o leide nicht GewaltI Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen Und deine leichte, zärtliche Gestalt. — Und süßer strömend quillt der Dust der Nacht Und träumerischer aus dem Kelch der Pslanzen. Ich habe immer, immer dein gedacht; Ich möchte schlafen; aber du mußt tanzen. „Apollo Nr. 3000." Kriminal-Novelle von Josef M. Hux 1 er. „Hatte Ihr Vater denn geschäftliche Verluste gehabt?" „Ich habe diese Frage erwartet, Herr Kommissar." Der junge Tomson schnitt eine traurige Grimasse. Sein Gesicht hatte etwas Versteintes und Hoffnungsloses. Gestern noch hatte er seinen Vater zum Flugplatz begleitet, hatte ihn, aufsteigend im Londoner Nebel, nach Paris starten sehen. Dann war das Telegramm aus Calais gekommen. Aufgcgeben vom Piloten Enjor, altgedientem Flieger der London-Paris- Strecke. Es meldete, daß der alte Josua Tomson, Inhaber des Bankhauses Tomson, Lee & Eo. spurlos während der Ucberqucrung des Kanals verschwunden sei. Keine Frage, er mußte aus dem Flugzeug gesallen sein. Aber wie war der Bankier dazu gekommen? „Bestinimt nicht aus geschästlichen Gründen, Herr Kommissar. Unser Bücherrevisor sißt nebenan. Er wird Ihnen sagen, daß wir die Pfund- Entwertung genau so gut durchgehalten haben wie die besten andern englischen Firmen. Im übrigen: Vater war weder Spieler noch Alka- t;oliker, noch hatte er irgendwelche extravaganten Beziehungen zu Frauen, •droei Jahre nach dem Tode meiner Mutter mietete er einer Jugendfreundin ein kleines bescheidenes Häuschen draußen im Grünen. Es war, wie bei dem Alter natürlich, eine mehr platonische Beziehung. Ab und zu reisten sic zusammen. Kurz: es gibt keine geheimnisvollen, unbekannten Punkte im Ablaus seines unausregenden Kausniannslebens." Der Kommissar Mar Coy zerrte ungeduldig an seinem schönen, langen rotblonden Schnurrbart: „Sie meinen also, daß die französische Polizei in Calais recht hat, wenn sie behauptet, Ihr Vater hätte die Tür verwechselt und statt der Toilettentür die Ausgangstür geöffnet? Der plötzlich hereinbrechende Wind und der Blick in die Tiefe hätten ihn schwindlig gemacht, und er sei hinausgestürzt?" „Das muß ich wohl annehmen ..." „Und des Dieners sind Sie ganz sicher?" „Cobber ist seit dreißig Jahren bei uns. Er ist mit Vater vertrauter gewesen als ich. Seit dreißig Jahren hat er ihn überall hinbegleitet. Ja, ich weiß: Vater hat mit ihm ost eher seine Geschästspläne besprochen, als mit mir. Er ist in der Kabine gewesen, als das Unglück geschah. Cobber steht außer jedem Verdacht." „Wir haben ihn auch schwer im Verhör gehabt. Schließlich hat er geweint. Er weiß wirklich von nichts." In diesem Augenblick wurde di« Tür aufgerissen und Tomsons jüngerer Bruder, ebenfalls Prokurist des Bankhauses, stürzte herein. Er war sehr blaß und ausgeregt. So aufgeregt, daß er die Anwesenheit des Kommissars gar nicht beachtete und losschrie: „Du, Dick, denk' dir, im Haustresor in Vaters Schreibzimmer fehlen nach der Aufstellung von vorgestern, die Vater selbst noch aus einen Zettel gemacht hat, zehntausend Pfund in Tausendpsund Noten." Mac Coy schloß die Tur, die der Bruder in der Bestürzung offen- gelassen hatte. „Sie sind ganz sicher, daß Ihr Vater immer exakt in seinen Auf- zetchnunAen und Notizen gewesen ist?" Der ältere Tomson nickte: „Ich habe einen pedantischeren Menschen in dieser Hinsicht niemals kennengelernt." Mac Coy machte ein bedauernde» Gesicht: „Dann muß ich Ihnen leider sagen, daß ich nicht mehr an «Inen Unfall glaube. Ihr Vater entnimmt eine [o groß« Summe seinem Tresor, streicht sie in dem Tresor-Verzeichnis nicht ab, bestellt plötzlich da» Flugzeug und meldet sich nicht mit dem Geld ordnungsmäßig bei der Devisenstelle, wo er doch tzanz genau weiß, daß er ohne Erlaubnis eine solche Summe nicht ausführen darf." „Sie wollen also behaupten...?" „Ich wage es nicht, Mr. Tomson. Ich muß Sie nur daraus aufmerksam machen, daß es logisch ist, zu vermuten, daß Ihr Vater au» irgendeinem Grunde ein gesetzlich unerlaubte» Devisengeschäft vorhatte, ja, daß er es, verwickelt in uns noch unbekannte Verpflichtungen, aussühren mußte, während des Fluges aber von einer liefen Depression über den auf ihn lastenden Zwang ergriffen wurde und sich blefem in jähem Entschluß durch den Freitod entzog." „Dann ist cs aber doch unmöglich", stieß Dick Tomson hervor, „daß Cobber, der meinen Vater so gut kennt, der es ihm vom Gesicht ubla», ob er abends kalt oder warm zu Nacht essen wollte, und der e» In seiner Kunst der (Einfühlung so weit gebracht hatte, daß er meinem Vater, ohne ihn zu fragen, vor Dem Schlafengehen jedesmal die passende Grammo- phvnplatte auflegte —" „Was legte er ihm auf?" unterbrach Mac Coy. Dick Tomson errötete über seine Geschwätzigkeit: „Ach, ich erzähle das nur so, weil es mir die Aussage Cobber« so unverständlich macht. Mein Vater ließ sich aus seinem Grammophon- Apparat kurz vor dem Einschlasen eine Platte Vorspielen. Er nannte da» .sein Schlafmittel'. Mal einen Walzer, mal ein Orchesterstück, meisten» aber Regers .Mariä Wiegenlied'." „Soso", brummte Mac Coy uninteressiert. „Aus jeden Fall wollen wir auch Cobber noch einmal hören." Der alte Diener, den, natürlich genug, die Polizei gehörig geplagt hatte, erschien mit rotgeweinten Augen. Aber seine Aussage glich auch setzt der des ersten Protokoll», er hatte nicht» gesehen. Mac Coy redet« eindringlich aus ihn ein: „Wir wollen Sic ja gar nicht mit irgendeinem Verdacht quälen, aber wir wissen, daß der verstorbene 'Dir. Tomson Sie In alle» elngewelht hat. Wir wissen ferner, daß er unerlaubterweife eine große Summe englischer Pfunde mit sich geführt hatte. Sie wußten das auch?" Die Frage wurde so scharf hervorgestoßen, daß Cobber bei der Antwort ins Stottern geriet: „Ich — Ich — Ich kann nur wiederholen, daß ich unruhig wurde, al» Mr. Tomson nach zehn Minuten nicht wieder kam, hinausging und entsetzt bemerkte, daß die Ausgangstür offen war." Mac Coy legte dem Stammelnden begütigend die Hand auf die Schulter: „Aber wir wissen ja, daß Sie Ihren Herrn, vielmehr seinen Ruf schonen wollen. Das ist sehr anständig von Ihnen. Sie sind ein Gentleman, wie ihn sich nur Mr. Tomson zum Vertrauten wünschen konnte. Aber ich bin die Polizei, bin der Staat — und kann auf Ihre Gefühle keine Rücksicht nehmen." Doch Cobber versteisle sich. Es war aus ihm nichts mehr heraus- zukrlegen. Der alte Diener hielt seinem toten Herrn die Treue. Er wußte nur von einem Unfall, nichts von einem Selbstmord. Für ihn war es lauterste, unwiderlegbar« Wirklichkeit, daß Tomson die Türen Im Flugzeug verwechselt hatte. Mac Coy brach achselzuckend das Verhör ab. Einige Tag« später sanden Fischer am Strand von Eastbourne den an- getriebenen Körper des Bankiers Tomson. Die behördliche lliiterfuchung der Leiche verlief ergebnislos. Sie wurde zur Beerdigung freigegeben. Geld wurde nicht bei ihr gefunden. Die Brieftasche mit den mitgenommenen Pfunden mußte wohl während des Sturzes herausgesaUen oder von dem Bankier selbst schon vorher in seiner Verzweiflung in die Fluten geschleudert worden sein. Vermutlich hatte längst der Kanal fie oerschluckt. An der Totenfeier nahmen die Spitzen der Londoner Gesellschaft teil. Der junge Harrison, der bekannte Prediger des Nachwuchses der anglikanischen Geistlichkeit, hielt eine erschütternde Trauerrede. Und als der Sarg den Trägern überliefert wurde, ertönte hoch oben aus der Nische der Trauerhalle unter Lorbeergebüsch hervor Regers „Mariä Wiegenlied", gespielt von Max Feuerstein, Dem Liebling der Seafon, persönlich. Vorn in der ersten Reihe aber, neben den beiden jungen Tomsons, saß Cobber, und sein Körper war durchzuckt von einem Schmerz, der den krummen Rücken des alten Mannes noch mehr zusammenzog. Die beiden Brüder Tomson wunderten sich nicht, als nach einer Woche der Kommissar Mac Coy unerwartet am späten Abend bei Ihnen erfchlen. Er wolle eine Anzahl Auskünfte, die er aus Pariser und Lyoner Bankkreisen übtr bestimmte Geschäft« des Hauses Tomson, Lee 8- Co. hatte, mit Ihnen durchsprechen. Mac Coy« Vermutungen schienen sich den Brü- mit hocherhobenen Armen wie Naiurklänge. Musik aus den Lüsten, den Meerestiesen und dem Wüstensand. Von Dr. Emil Carthaus. Zu welch großartigem und vielseitigem Klangzauber die atmosphärische Lust sich herleiht in der Hand des Menschen, das zeigen uns die neuen elektrischen Musikinstrumente, wie der Neo-Bechstein-, der Vierlingslugel, das Sphärophon, Trautonium, Herlertion und andere. Viel tiefer aber ergreifen einige teilweise heute noch wissenschaftlich nicht völlig aufgeklärte Klänge und Schallphänomene des Menschen Herz und Gemüt, durch welche die Natur — die unübertreffliche Meisterin — in verschiedenen Winkeln der Welt den Menschengeist bis in unsere Zeit hinein so in Verwunderung zu setzen vermochte, daß er zu ihrer Erklärung die so gern in das Reich des Ueberirdischen hineingreifende Sage zu Hilfe ge- bern bestätigt zu haben. Cs gab auch für sie feine andere Erklärung des 8° CobÄroierte den Lieblings-Cocktail des alten Tomson. Dann setzte er lick, wie gewöhnlich in eine entfernte Ecke des Zimmers und legte Patiencen. So war es beim Vater gewesen, so hatten es die Bruder 0elfc Coy sprach deshalb unwillkürlich flüsternd. Aber alle seine Erzählungen waren merkwürdig substanzlos. Er merkte es auch bald, daß er auAie Brüder keinen großen Eindruck machte, packte die Akten zusammen und erhob sich. An der Tür blieb er noch einen Augenblick stehen und besah sich liebevoll das Grammophon des alten Tomson „Schön hat der Feuerstein neulich gespielt , wemter er. „Wer hat es benr. auf der Platte des alten Mr. Tomson gegeigt, Cobber ? Der hob den Kopf: Frih Kreisler, Herr Kommissar. , .. ... ,, .„ ”Dh Kreisler" staunte er, „wenn ich das einmal vergleichen durfte! "Aber bitte sehr", beeilten sich die Brüder Tomson 3U3ufhmmen. Und (Jobber fügte hinzu: Oberste Reihe, ganz links die Erste. Platte Apollo Nr. 3000. Ich weih die Markennummer natürlich auswendig. Darf ld) ^Danke, danke, es geht schon", kam ihm Mac Coyzuvorundgrisf nach oben in den hohen, dichtgefüllten Plattenschrank. Dann hielt er die runde, schwarze Scheibe in der Hand. Er reichte sie Cobber. „Aber auflegen müssen Sie sie. Ich gehe nicht gern an fremde Appa- ra*est nicht , Apollo Nr. 3000", sondern eine Platte, die mir der Schauspieler Moore nach meinem Text besprochen hat. Ich habe sie durch ein Taschenspielerstuck vorhin beim Runternehmen umgetauscht. So ungesahr wird stch die Szene auf dem Flugzeug abgespielt haben. Cobber hat von der Mitnahme des Geldes gewußt. Er ist es gewesen, der Ihren Vater hinausgesturzt hat. Dann hat er schwere Gewissensbisse bekommen und sich noch wahrend des Fluges des Geldes wieder entledigt. Aber er hat Pech gehabt. Er hat im Nebel nicht gesehen, daß das Flugzeug schon über der Küste war. Gestern hat man mir von Calais den Fund der Brieftasche signalisiert. Die Brüder Tomson fragten erschüttert wie aus einem Mund: „Aber der Cobber — dreißig Jahre lang —?" Mac Coy lächelte resigniert: „Wer kennt den Menschen neben sich? (Autorisierte Uebersetzung aus dem Englischen von Manfred Georg.) Sehr ausfallend müssen die wie Gesang klingenden Töne gewesen sein, welche man bis ins 4. Jahrhundert n. Ehr. an der Memnon -Säule bei Theben kurz nach Aufgang und vor Untergang der Sonne vernahm. Sie wurden als etwas so Wunderbares angesehen, daß Griechen und Römer, nur um sie zu hören, nach Aegypten gereift fein I°llen und der Säule göttliche Verehrung zuteil wurde. Der Sage nach «ar Memnon ein König der Aethiopier und dem Schoße der Aurora, der Göttin der Morgenröte, entsprossen. Das süße Singen, welches vornehmlich nach Aufgang der Sonne von der Säule ausging, wurde deshalb als ein Morgengruß des fürstlichen Aethiopiers an eine Mutter gedeutet In Wirklichkeit wurden die seltsamen Tone erst seit dem Jahre 27 v. Chr. vernommen, als die Memnonsäule durch ein Erdbeben tiefreichende Riße bekommen hatte. Da die Töne besonders zur Zeit des Sonnenaufganges oder Sonnenunterganges zu hören waren, durften sie wohl aus Schall wellen erregende Luftstöße zurückzufuhren sein, welche infolge der verschiedenen Erwärmung der Lust in dem Steinkoloß selbst und an seiner von den heißen Sonnenstrahlen getroffenen Außenfeite entstanden. Man hat zur Erklärung dieses, so viel Aufsehen erregenden Schallphanomens auch moM auf das Gehäuse großer Meeresschnecken hingewiesen. Legt man nämlich die Mündung derselben an das Ohr, so vernimmt man ein eigentümliches Klingen und Brausen. Am Ausgang des Roten Meeres zum Indischen Ozean hin befindet sich die auf der asiatischen bzw. arabischen Seite ebensowohl wie aus der afrikanischen in steil aufragende hohe Gebirgsmassive eingeschloßene, an Klippen reiche und für Segelschiffe gefährliche Straße B°b e> Mandeb, was in der Sprache der Araber soviel wie Tor der Seufzer oder des Wehklagens heißt. Seefahrern und Reifenden, welche der Weg haufiger durch diese Meerenge führt, erklärt sich diese Bezeichnung leicht durch das lebhafte Spiel, welche dis zum Sturm ansteigende und zuwellen heulende^ oder winselnde Töne hervorrufende Winde so oft in ihr treiben. Aehnlich verhält es sich mit einem von Dichtung und Gage umwobenen kleinen Hügel in der Nähe der aus hohem Felsen in marchenha ter Schönheit prangenden Alhambra von Granada. Mit dem Namen „E 1 ul 11 m o sos Piro del Moro", d. i. der letzte Seufzer des Mauren, hat der spanisthe Volksmund eine Stelle an diesem Hügel belegt, von d" aus der Beherrscher des letzten maurischen Reiches in Spanien Boabdll. mit seinen Blicken für immer Abschied nahm von seiner prächtigen Residenz, als ihn König Ferdinand der Katholische 1492 aus Spanien »er rieb. Immer klingt, der Sage nach, in den Lüften der tiefe, laute Seufzer noch wieder, den der Maurenfürst dabei ausstieß. Und in der Tat vernimmt man dort noch heute zuweilen vorübergehend ein wie mensch- zu unserer germanischen Urväter Zeiten viel von sich reden gemacht, welches alter Volksglaube mit der bekannten Sage non. her „ro i Iben 3 a ab" ober bem „wütenden Heer" verbindet, worin Gott Wotan unter dem' Namen Hackelberg in einigen Nächten des Fruhiahrs und Herbstes sowie in ben 12 heiligen Nächten um Weihnachten herum durch bie Eufte dabinzieht Das dieser Sage zugrundeliegende laute und beängstigende Geräusch wird, wie sich der Physiker B e nze n b e r g treffend - wenn mtrh nicht (Irena wissenschaftlich — ausdruckt, durch eine isolierte llokal (ehr’ besthränkte) Windmasse oder Luftströmung hervorgerufen, welche durch ihr hohl klingendes, oft auch klapperndes Getose von gewöhnlichem Winde durchaus verschieden ist. Durch das Ungewöhnliche des Geräusches erwachen die Eulen und Rabenvögel des Waldes. Erschreckt laßen sie ihre Stimme erschallen und bilden so nach der Volksmeinung die Begleiter Wotans auf feiner gespenstischen Fahrt durch die Lust. Namentlich in Westfalen behaupten Forstleute, Kohler und Holzfäller, dieses eigentümliche Geräusch, das Hunden und Pferden Furcht einslohen soll, wiederholt gehört zu haben; dort hat sich auch die Sage von der „wilden Jagd »Md c°mi< d-,ch °>-»-«- oraanische Welt hervorgerufenen Töne und Klänge ganz außer acht gelaßen ließen sich auch noch viele andere Stellen aus dem weiten (£ri>en= runbnennen, an benen zeitweise wunderliche Naturklänge vernommen werden. Es gilt das namentlich von Gebirgsgegenden, wie denen der Bnrenäen Abruzzen, Schweizer Alpen und einiger deutschen Berglander. fXTien aber nur noch einige seltsame Naturklänge besprochen, welche durch aufwirbelnden Sand namentlich an Berghangen und in Hugel- lanbfchaften der Wüste hervorgerufen werden und beren Entstehungs welle uns auch eine physikalische Erklärung ber .m Bereiche bes aus- getrockneten Dünensanbes ber Nord- und Ostsee bei dem sagenhaften Vineta und Labolk zuweilen vernommenen Glockentone an die Hand aphen dürfte. Schon ber berühmte italienische Forschungsreisenbe bes 13 Jahrhunberts Marco Polo berichtet umstänblich über Neckereien böser Geister, welche am Rande ber Wüste Gobi bei ber chinesischen Stabt ü d b die Lust mit ben Klängen zauberhafter Musik unb bem tarm von Trommeln ober Wasfengeklirr ersüllen. Wie griechische, arabische unb tootifdie Inschriften bekunden, bildet ein hoher Sandsteinkegel bei ber Ortschaft Thor seit Jahrhunberten einen besonberen Anziehungspunkt für die Besucher der Sinai-Halbinsel, die dorthin reiten, um die wunderbaren Gong-Tone zu hören, welche der Sage nach von einem verzoll- Herten unterirdischen Kloster ausgehen. Dschebel Nagus, b. i. (9 o n g = ober Glockenerg, nennt bie Volkssprache biesen ® haben sich fchon vor mehr als 100 Jahren der beutsche Naturforscher Sechen und der berühmte Jnsusorienforscher E h r e n b e r g um tue Erklärung des wundersamen Getönes bemüht. Sitzen erkannte 'n dem den Bergabhang unter den Tritten von Menschen herabru schenden Sand die Ursache.8 Er äußerte sich, ebenso wie Ehrenberg, dahin, baß die in gleichmäßige Bewegung gesetzte Sandschicht wie em Fledelbogen aw i darunter besindliche Bodensläche einwirke unb so ein wuchtiges orgel- artiges Brausen Hervorrufe, unter chelchem für Augenblicke ber ganz > Berakeael su Ottern scheine. Sehr eingehend haben sich 1889 d,e Pro Moren Bo 1 ?on und I u l i e n mit der wissenschaftlichen Untersuchung des Dschebel Nagus und eines anderen Glockenberges auf der Sinai- Halbinsel im Wadi Werdan besaßt. Sie tarnen zu dem Ergebnis, daß es überall in sandigem Gelände zur Bildung von Glockenbergen und klingenden Dünen kommt, wo der Sand sehr rein und grobkörnig ist, aus ziemlich gleichmäßigen Quarzkörnern von 1,5 bis 3,0 Millimeter besteht und gewisse meteorologische Verhältnisse vorliegen. Neben musikalischem Sand gibt es in Asrlka auch klingende Bäume, welche in Nubien und Senaar ganze Wälder bilden. Es handelt sich dabei um eine Akazienart (Acacia fistula), den Haushöhe erreichenden dornigen Schosar- oder Flötenbaum. Zum Flöten bringt den Baum ein Insekt, welches seine Eier an die Basis der Stacheln oder Dornen unter die Rinde legt. Hierdurch entsteht eine zwiebelförmige Anschwellung der Rinde mit einem darunter befindlichen kleinen Hohlraum. Beim Ausschlüpfen bohrt das Insekt eine kleine kreisrunde Oefs- nung durch die Rinde, und wenn dann der Wind in sie hineinbläst, hört man einen deutlichen Flötenton. Das Zusammenwirken all dieser sonderbaren Naturslöten in einem Schosarwalde soll oft sehr melodisch klingen und einen unvergeßlichen Eindruck Hervorrufen. Der Kriegszug auf dem Amazonenstrom. Bilder aus einem unheimlichen Kampfgebiet. Von E o. Ungern-Sternberg. Um das Gebiet von Leticia am Oberlauf des Amazonenstromes ist zwischen Peru und Kolumbien ein bewaffneter Konflikt ausgebrochen, in den sich vielleicht auch Ecuador und Brasilien einmischen werden. Für den europäischen Beobachter ist die völkerzwingende Notwendigkeit dieses Krieges schwer zu begreifen, noch schwerer als der blutige Wassengang zwischen Paraguan und Bolivien im Urwald des Gran-Chaco, aber schließlich ist die Psychologie der spanisch-indianischen Völker Südamerikas eine andere, ihre Leidenschaften sind leicht erregt, und wenn sie sich nicht in den gewohnten Revolutionen Luft machen können, so ziehen sie, wie es scheint, gegeneinander ins Feld. Nun dämpft aber den Kriegseifer der Umstand, daß das Kriegsführen für beide Teile eine überaus beschwerliche und umständliche Angelegenheit ist. Zwischen Peru und Kolumbien liegt als breite Enclave Ecuador. Wenn man einen Atlas zur Hand nimmt, so wird man sehen, daß beide Staaten nur im Leticiadistrikt sich berühren und dort, irgendwo im Urwalde auch mit Brasilien und Ecuador zusammenstotzen. Man kann sich kaum ein unzugänglicheres Gelände vorstellen. Im Westen türmen sich wildzerklüstete Gebirge über 6000 Meter hoch auf, mit ewigem Schnee bedeckt, über denen Adler und Kondor schweben, und auf deren Oralen Lamas weiden. Nach Kolumbien sind die Berge unpassierbar, nach Peru führt eine schwindelnde Paßstraße in 5100 Meter Höhe über Tarma. Den vorwitzigen Reisenden überfällt unvermeidlich die Bergkrankheit. Das Blut fließt ihm aus der Nase und aus den Ohren, Schwindel ergreift ihn an den Abhängen, und wenn er keinen Sauerstoffapparat mit sich führt, läuft er Gefahr, auf dem Felsen liegen zu bleiben und im eisigen Frostwind zu erstarren. Dem Geographiebuch gemäß zerfallen die Staaten an der Westküste Südamerikas, Peru, Ecuador und Kolumbien in drei Teile: in den tropischen Küstenstrich, ins Hochgebirge der Kordilleren und wiederum in den tropischen Urwald im Osten. Ein Kenner des Landes macht eine anschaulichere Einteilung. Er meint, am Küstenstrich würde man geneppt und von Moskitos geplagt, im Gebirge erkranke man an der Puna (Bergkrankheit) und friere in phantastischen Felseneinöden, jenseits der Kordilleren aber würde man gefressen. Der Leticia-Bezirk nun liegt in jenem dritten Teil, in dem der Eindringling, wenn er in die Hände der Eingeborenen fällt, alle Aussicht hat, sachverständig am Lagerfeuer gebraten und als Kannibalenfchmaus verzehrt zu werden. Die Ehibaro-Jndianer, die federgefchmückt mit ihren Giftpfeilen durch den dortigen Urwald streifen, sind bekannt durch ihre „Kunst", abgeschnittene Mädchenköpfe und Skalpe präparieren, so daß sie wohl einschrumpfen, aber ein durchaus frisches Aussehen behalten. Diese Köpfchen werden „Zanzas" genannt, und mit ihnen wird ein geheimer Handel getrieben. Andenken sammelnde Nordamerikaner zahlen in Quito und Bogota 70 bis 120 Dollar, je nach Qualität für diese grausame Reliquie der Ehibaro-Jndianer. Die wilden Kavaliere der Urwaldindianer dürfen erst heiraten, wenn sie dem Kaziken bereits einen abgefdjnittenen Mädchenkopf vorweifen können. Sie tragen ihn als Andenken am Gürtel. Dem Frauenüberschuß wird durch dieses drastische Mittel vorgebeugt. Auch die Eayapostämme sind Kannibalen, sie haben kürzlich die kleine Gummisiedlung Eonceirao am Oberen Amazonenstrom überfallen, die Erwachsenen am Marterpsahl gebraten und die Kinder in den Wald entführt. Im übrigen ist der Urwald im Leticia- Gebiet ein Paradies für die gefährlichen Anacondas, für Springschlangen und für giftige Insekten. In den wenigen Siedlungen des Distrikts hätten nun Peruaner, Kolumbier, Brasilianer und Ecuadorianer Raum genug gehabt, in Frieden zu leben und unter den wilden Stämmen Sitte und Kultur zu verbreiten: aber das ist nicht der Fall. Peruaner und Ecuadorianer, die räumlich Nachbarn, aber durch die Kordilleren«unerreichbar getrennt sind, zanken sich schon lange um das Seticiagebiet, sie begnügen sich aber vorläufig mit diplomatischen Protesten, und damit, daß sie auf ihren staatlichen Karten das strittige Gebiet mit den Farben ihrer Länder übermalen. Mit Kolumbien hatte Peru nach längeren Verhandlungen ein neues Grenzabkommen geschlossen, demgemäß einige Landstriche an Kolumbien fielen. Dies Abkommen empörte die peruanischen Patrioten in Puerto Arturo, sie zogen auf eigene Hand unter Führung eines Generals gegen die columbianifche Stadt Tarapaca, vertrieben die kleine Garnison und begannen somit einen Krieg. In Lima und in Bogota entstand eine wilde Erregung, Vermittlungsaktionen schlugen fehl, und so werden denn jetzt in der Wildnis des Amazonenstromes Kriegsfanfaren geblafen. Kolumbien ist der drittgrößte der füdamerikanifchen Staaten mit Küstenstrichen am Stillen und am Atlantischen Ozean. Es kann seine Soldaten nicht im Schatten des Ehimborasio lassen, und mit dem Krieg wäre es vielleicht niemals Ernst geworden, wenn die Regierung nicht aus den Gedanken verfallen wäre, in Europa einige Transportschiffe und Kanonenboote zu kaufen, auf ihnen Soldaten und Artillerie zu verladen und sie auf einem Umweg van Tausenden von Kilometer über die Mündung des Amazonas bei Para nach dem Kriegsschauplatz zu senden. Dort den Amazonenstrom hinaus dampsen nun die kolumbianischen Kriegsschiffe und bringen Brasilien in arge Verlegenheit, da es nicht gerne in diesen Konflikt verwickelt werden möchte. Der Amazonenstrom ist zwar laut Verträgen neutral, aber da er auf mehr als neun Zehntel durch brasilianisches Gebiet fließt und die Entfernung nach Leticia mehr als 4000 Kilometer von der Mündung beträgt, so können die columbianifdjen Kriegsboote die Strecke nicht ohne an den Ufern anzulegen bewältigen. So hat denn auch Brasilien unter dem Beseht des General Moura einige Bataillone mobilisiert, und sie, um die Neutralität zu wahren, an den Oberlauf des Amazonenstromes entsandt. Dort aber wurde ein brasilianisches Flachboot mit Truppen vom peruanischen Kanonenboot „Floriano" versenkt: kurz, der Konslikt droht sich auszudehnen. Von Para bis Manaos, dem brasilianischen Gummizentrum im tropischen Urwalde, beträgt die Entfernung etwa 1500 Kilometer. Bis dorthin wird der Amazonenstrom auch von Passagierdampfern befahren. Schon in Manaos führen die Straßenbahnen und Autos direkt in wilde Dschungels des Urwaldes. Sobald die elektrischen Lichter der Stadt erlöschen, melden sich die wilden Tiere des Urwaldes, und Indianer schleichen um die letzten Umzäunungen. Hinter Manaos hört die Welt der Zivilisation auf. Wohl gibt es flußaufwärts noch einige Niederlassungen und Militärposten, aber sie sind in der Tropenwildnis isoliert, und auf endlosen Strecken liegen rechts und links von ihnen Gebiete, die auf dem Atlas als weiße Flecken bezeichnet werden mühten. Dorthin wird nun der Kriegslärm getragen. Fieber herrschen, an den Ufern lauern zu Tausenden Krokodile, an den Lianen tummeln sich Affenherden und dienen als Beute für die Riesenschlangen, die an den Aesten der Bäume hängen. Ab und zu stößt man auf wilde Indianer, die die Boote mit ihren Pfeilen beschießen. Untiefen und treibende Bauminseln erschweren die Strom- fahrt. Die Eolumbianer haben es nicht letot, auf ihren Kanonenbooten bis zum Kriegsschauplatz zu gelangen. Wochen werden vergehen, ehe sie ihr Ziel erreichen. Offiziere und Soldaten aber werden Proben einer eisernen Disziplin abgegeben haben, wenn sie die weite Stromfahrt mit allen ihren Beschwerden glücklich überstanden haben. Vielleicht wird ihr Kriegseifer bis dahin ein wenig abgekühlt sein, und anstatt sich mit den Peruanern in einen blutigen Kampf wegen des Leticiadistriktes einzulassen, werden sich möglicherweise beide Teile zuerst von den ungeheuren Strapazen des Aufmarsches erholen wollen und sich versöhnen. Bei der Geistesverfassung der beiden Völker bleibt diese Lösung der Vernunft leider unwahrscheinlich. Das Mangobaumwunver. Roman von Leo Perutz und Paul Frank. Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. (Fortletzung.i Dieses junge Mädchen ... dachte Dr. Kircheisen und ging ruhelos im Zimmer auf und ab... Um ihretwillen bin ich dem Zufall dankbar, der mich in das Haus des Barons geführt hat. Wer das gedacht hätte I Ich hab' mir doch die ganzen Jahre hindurch nichts aus Frauen gemacht. Hab' mich nicht um sie gekümmert, hab' mich immer nur mit meinen Büchern beschäftigt und mit meiner Arbeit. Nie hab' ich es bedauert, daß ich solch ein Eremitendasein führe. Ich habe immer so eine Art innere» Uebergeugung gehabt, daß nicht an mir, sondern an den Frauen di« Schuld gelegen ist. Oh ... ich hab' mir vielleicht nicht die nötige Müh« gegeben, aber es war eben keine diese Mühe wert. Und mit einem Mal» ist eine da, die genau so ist, wie ich sie immer gern gewollt hab'. Diese eine Frau, von der ich eigentlich mein ganzes Leben hindurck, geträumt hab', die sehe ich jetzt wahrhaftig vor mir! Sie ist kein Spiel meiner Phantasie, nein! Sie hat Fleisch und Blut und lebt auch nicht in einem (rem- ben Erbteil — in meiner nächsten Nähe finb’ ich sie, in berfelben Stabt, täglich, wenn ich will, in fünfundzwanzig Minuten für mich erreichbar! Welcher Zufall, baß ich sie niemals vorher gesehen hab'. Wer weiß, wie oft wir beibe um biefelbe Stunbe über ben „Graben" gegangen, vor bemfelben Schaufenster stehen geblieben sind ober wie oft wir am gleichen Vormittag in der Kriau gefrühstückt haben. Und ich Pechvogel bin sicher immer fünf Minuten zu früh dort gewesen, ober fünf Minuten zu spät. Daß sie schön ist, bas allein ist es ja nicht, was mich so vernarrt in sie gemacht hat. Nein: biefer rounberbare Seelenzustanb, ben ich bisher noch bei keiner Frau getroffen hab'. Wie sie burch ben Garten hinter bem Reifen her gesprungen ist ... ganz Spitzbub, ganz Wilbsang, ganz Tollkopf! Aber bann, auf ber Terrasse, ba war sie roieber bie große Same, ... jebe ihrer Bewegungen voll Hoheit unb Stolz. Wie anmutig sie boch bas Köpfchen senkte, als ihr Vater mich ihr vorstellte. Die Dame von Welt ... unb im nächsten Augenblick kniete sie schon roieber auf ber Erbe unb zerschlug ihre Sparbüchse so reizenb erregt unb so neugierig erhitzt. Welch ein Wunder, dieses Mädchen, bas trotz aller Erziehung, trotz allen Erlebnissen, trotz allen Wanblungen ihres Körpers bie fuße Kinbhaftigkeit ihrer Seele nicht verloren hat. ... Ich habe mit meinen Freunben oft gestritten. Ich hab' immer gesagt: die Frau, der meine Neigung gehören sollte, die müßte beides sein: Kind und Weib. Aber sie haben mich immer ausgelacht. „Das ist unvereinbar", haben sie gesagt. „Das ist ein Nacheinander, Kind und Weib, das gibt es nicht gleichzeitig." Unb nun hab' ich boch ein Wesen gefunben, bas Kinb unb Weid zugleich ist. Unter Hunberttausenben vielleicht bie einzige, unb gerabe mir ist sie begegnet. Ein Wunber, ein Märchen, so unglaubhaft, bah ich beinahe fürchte, es könnte mir zwischen ben Fingern in nichts zerrinnen. Aber ich will es schon sesthalten! Dr. Kircheisen glättete mit einigen kräftigen Strichen bie Krawatte unb zerrte energisch bie Weste nach unten. Seine Toilette war beenbet. ... Allerbings: Vorsichtig heißt's fein, ... überlegte er, währenb er in sein Arbeitszimmer ging ... Vor allem gilt es zu erforschen, wer eigentlich | bie beiben finb: der alte Mann und das junge Mädchen, die sich Baron wtb Baronesse Dogh nennen. Natürlich. Ich werde nicht so plump sein, den Mann zu fragen: „Wer sind Sie eigentlich, mein Herr? Und wie kommen Sie dazu, die Rolle des Barons Vogh zu spielen? ... Oh, neku So ungeschickt werde ich nicht sein. Er dars nicht mißtrauisch werden. Er darf nicht merken, daß ich sein Spiel durchschaue. Erst wenn ich meiner Sache sicher bin, erst wenn ich ihn in irgendeiner Schlmge gefangen hab. Beweise brauch' ich, bevor Ich's ihm auf den Kops Zusage. Ob ich nicht Fritz mit mir hinausnehmen sollte? Aber da würde er sich einfach wieder verleugnen [affen, der Pseudobaron. Außerdem hab ich kein Recht, die Sache an die große Glocke zu hängen. Vorläufig ist es eine Angelegenheit zwischen uns beiden, zwischen mir und dem alten Mann. Aber wie soll ich's denn anfangen, mir Gewißheit über die Personen zu verschaffen, mit denen ich's dort oben zu tun hab'... Wär' es nicht doch am besten, gerade heraus zu fragen? ... Dr. Kircheisen hatte sich, während er all das überlegte, an seinen Schreibtisch gesetzt und die Post zur Hand genommen. Ein paar Reklamen chemischer Fabriken, die neue Medikamente anpriesen. Zwei Hotelprospekte. Eine Jnstallateurrechnung. Ein Sanatorium, das um gütige Ueberweisung von Patienten ersucht. Ein paar medizinischen Zeitschriften: „Die Klinifchen Wochenblätter", das „Archiv für Toxikologie", die „Pharmazeutische Rundschau" und — ja, was war das? „Der Gletscher", Zeitschrift für Hochtouristik und Klettersport. Wie mag sich das Heft in meine Post verirrt haben? Dann ein Bries. Bekannte Schriftzüge, er ist von Fritz. Himmel, ich hab' ganz vergessen, ihn anzurufen! Was schreibt er? Dr. Kircheisen entfaltete den Bries und las. „Lieber Franzi Ich habe Dich gestern abends vergeblich im CafL erwartet. Ver- Kte Dich zweimal anzurufen, konnte aber natürlich wieder keine bindung bekommen. Das Hest des „Gletschers", das ich Dir mit gleicher Post unter Kreuzband zusende, enthält etwas, was Dich jetzt sicher interessieren wird: den Bericht über eine aufsehenerregende, sportliche Leistung des „tollen Barons", den Du vermutlich jetzt in Behandlung hast. Bitte, benachrichtige mich umgehend, was ihm eigentlich zugestoßen ist, und wie's ihm geht. Servus! Biele Grüße Dein Fritz." Dr. Kircheifen legte den Brief beiseite und suchte unter den Poststücken die Nummer des „Gletscher" hervor. Rasch überflog er den Inhalt. „Neue Routen im Karwendelgebiet. Mit elf Autotypie-Vollbildern nach photographischen Originalaufnahmen und einer Karte". Schön. Weiter. „Alpine Unterkunftsstätten in der Sierra Nevada." Weiter. „Das Führerwefen in den Dolomiten." Dr. Kircheifen blätterte ungeduldig um. Eine Notiz über die Bewirtschaftung der Schutzhütte auf dem Pizzo Stella. Ein Nachruf für die Opfer des großen Lawinenunglücks auf dem Bruderkogel. Und da, endlich: „Die Erstbesteigung der Cima Undici-Nordwand" von Felix Freiherrn von Vogh. (Vortrag gehalten am 2. September d. I. im wissenschaftlichen Klub.) Dr. Kircheisen ließ das Heft sinken... Da hab' ich ja, was ich brauche ... dachte er ... Das Mittel, um den Pseudobaron zu entlarven. Der wirkliche Baron Vogh hat den Berg erstiegen ... wie heißt er doch gleich ... die Cima Undici. Er hat sogar einen Vortrag darüber gehalten, somit muß er doch sicherlich alle Details im Kops haben. Wir wär's, wenn ich dem alten Herrn in der Villa ein wenig auf den Zahn fühlte? Ick bringe ihn zweifellos in die tödlichste Verlegenheit. „So, mein Herr! kann ich dann einfach sagen, „Die Cima Undici haben Sie nicht bestiegen. Also sagen Sie jetzt gesälligst, wer Sie eigentlich sind, da Sie doch auf keinen Fall der Baron Vogh sind" ... Das werd' ich ihm ganz einfach sagen, und es gehört nichts weiter dazu, als daß ich mir jetzt einmal den Artikel durchlese, ein paar Details einpräge und dann das Gespräch daraus bringe.....Also, schaun wir uns es gleich man an ... Dr. Kircheisen machte sich's in seinem Schreibfauteuil bequem, warf einen Blick auf die Uhr und begann bann zu lesen: „Die Nordwand der Cima Unbici ist vor meiner, am 24. Mai d. I. erfolgreich ausgeführten Ersteigung von niemand bezwungen worden. Nur von der Südwestseite her ist der Ausstieg, und zwar bis setzt zweimal gelungen. Der schottische Ingenieur MacCulloch, der hartnäckig die Nordwand zu erklettern versuchte, sand unterhalb des zweiten Kamines im August des Jahres 1891 den Tod. Seither hat nur noch Martin Curtis den Versuch, der Cima Undici von Norden her beizukommen, gewagt. Dreihundert Meter hinter dem Einstieg sah er sich genötigt, die Begehung abzubrechen. Am 24. Mai um 3 Uhr morgens brach ich mit dem Führer Jakob Schwarzinger aus Heiligenblut, der bei den meisten meiner kleineren und größeren Klettereien mein Begleiter gewesen ist, aus dem Dörfchen Salo auf. Nach mehrstündiger Wanderung gelangten wir zu jener, auch in den 'Berichten Martin von Curtis erwähnten geräumigen Höhle, die im Volksmund die „Osteria" genannt wird. Knapp oberhalb dieser Höhle beginnt der Einstieg, eine nach vorn geneigte, etwas abstehende Felsplatte, die nach oben eine Art Rampe bildet. Aus den ersten Blick schien er ein wenig mühevoll, den geübten Kletterern aber stellt er keine unlösbare Ausgabe. Wir hatten mit den Händen in den abstehenden Spalt zu greifen, die Füße aber an der jenseitigen, schrägablaufenden Fläche der Grottenwand festzustemmen, bis der Körper in fast horizontale Lage geriet. War man fo weit, so hieß es, mit dem linken Fuß blitzschnell einen sicheren Halt diesseits zu finden, um bann im Sichausrichten mit bet rechten Hanb einen festen Griff an der Rampe zu erhaschen." Dr. Kircheisen ließ bas Heft sinken und schüttelte ben Kopf. ... Guter (Bott! Und das macht ben Leuten Vergnügen! Mit bem linken Fuß blitzschnell ... Na, ich banke schon! Aber lesen wir weiter... „Don hier ging es in halbstündiger leichter Kletterei bis zu einem plötzlich aufragenben Pfeiler und ein paar Schritte abwärts zu einer nischenartigen Wölbung. Jetzt galt es, eine ziemlich heikle Stelle rasch zu erlebigen. Auf einem ganz schmalen Bande tasteten wir uns nach außen zu einer vorspringenden Rippe, über deren Schneide wir bei stärkster Exposition hinübersetzten. Nun standen wir vor dem ersten Kamin. Ein Blick auf den Himmel lieh erkennen, daß die Stunde ziemlich vorgeschritten war. Es mochte gegen 7.30 Uhr morgens fein. Das Firmament war ziemlich bewölkt und wir hatten ben Vorteil einer leichten, erfrifchenben Brise. Der erste Kamin erwies sich als glattroanbig, war aber ohne sonberllche Muhe zu passieren. Den zweiten vermochten wir über eine kleine Gratrippe mit anschließendem Banbe zu umgehen. Der Eingang bes dritten Kamines war durch einen gewaltigen Steinblock verbarrikadiert. Nachdem wir uns durch eingehende Untersuchungen die Gewißheit verschosst hatten, daß das Passieren dieses Kamins unerläßlich und nicht zu umgehen war, gelang es uns nach vielen Mühen, den Steinklotz so weit seitwärts zu schieden, daß der Kamin eine schmale (Eingangs- Öffnung erhielt. Nun hieß es sich durchzwängen. Auf ein paar plattigen Stufen balancierten wir hinauf, kletterten in einer ungefähr sieben Meter hohen Runse schwierig und lustig empor und erreichten jenen kanzelartigen Stand, bis zu welchem Herr von Curtis seinerzeit gelangt war. Bis hierher reichten die Auszeichnungen, welche Herr von Curtis mir zu überlassen die Güte hatte, wofür ihm bei dieser Gelegen- heit neuerlich mein Dank ausgesprochen fei." ... Schwierig und luftig empor! ... wiederholte Dr. Kircheisen voll Schauder... Man bekommt ordentlich Kopfschmerzen, wenn man das auch nur lieft. Was werden denn noch weiter für halsbrecherische Kunststücke kommen? Die Haare stehen einem zu Berge! ... „Jetzt ein paar böse Tritte und wir hatten uns über Geröll zur Vegrenzungswand hinüberzuschieben, um durch eine etwas brüchige Rinne den Sattel zu erreichen. Dann ging's ein leicht passierbares Schuttfeld hinauf. Oben angelangt standen wir vor der schwierigsten Stelle des ganzen Aufstiegs. Es war ein schmales Band, das an der stark hinausbrängenben Wanb bei furchtbarer Exposition über einen nur angelernten losen Block, der unaushörllch schwankte, bis zu einem Riß führte, dessen Ueberwindung sich als außerordentlich gefährlich erwies — denn wir konnten nur den rechten Arm und das rechte Bein benützen, wahrend die linken Gliedmaßen vergeblich bemüht waren, an der glatten Wand einen Stützpunkt zu finden. Es scheint die Stelle zu sein, an der Mac Culloch den Tod gesunden hat, denn einige Meter unterhalb sahen wir mit Rost überzogene Metallstücke, anscheinend Reste feines Eispickels, im Gestein liegen. Als wir diese gefährliche Strecke hinter uns hatten, dursten wir eine Weile rasten. Es mochte gegen 9.30 Uhr sein. ... Ein Rauschen schlug an unser Ohr, nicht weit von uns stürzte ein Gletscherbach nieder. Hundert Schritte von unserem Standort begann das erste Schneefeld. Mein Begleiter meinte, daß wir nunmehr das Schwerste überstanden hätten. So sehr ich gewohnt war, ihm zu vertrauen, glaubte ich den- noch, seine Prophezeiung diesmal nicht all zu ernst nehmen zu dürfen. Es sollte sich bald zeigen, wie wohlbegrünbet meine Skepsis war. Hinter bem Schneeselb lag eine Geröllschicht, bie von einem etwas überhängenben Kamine abgeschlossen würbe. Wir kletterten, das Gesicht nach außen, mühevoll und recht exponiert empor und landeten auf einem schmalen, völlig vereisten Grat. Hier war es, wo beinahe das Unglück geschehen wäre. Jakob Schwarzinger ging voran, ich etwa zehn Schritte hinter ihm. Rechts fiel die Wand gut zwölfhundert Meter tief ab. Ich stand, gegen einen Felsblock gelehnt, ließ das Seil durch die Finger gleiten und sah voll Spannung Schwarzingers prachtvoller Arbeit im Felsen zu, da hörte ich plötzlich ein leises Knacken, das charakteristische Ge- räusch bröckelnden Gesteins. Und richtig! Unter Schwarzingers rechtem Fuß löst sich der Stein und bricht nach der rechten Seite hin ab. Der Fuß, der das volle Körpergewicht zu tragen hatte, bricht nach. Ich packe das Seil, überlege, ob ich mich links um ben Block werfen soll — ba sitzt auch schon Schwarzinger, mein braver, nie aus ber Fassung zu bringenber Schwarzinger, rittlings auf bem Grat unb breht sich, wahrhaftigen Gotts, lachenb nach mir um. Dann kriecht er gemächlich mieber auf bie Kante zurück." „... Bei Gott, jetzt hab' ich genug. Ich les' nicht mehr weiter..." sagte Dr. Kircheifen entschlossen unb legte das Heft aus ber Hanb. „... Das nimmt einen ja beim Lesen stärker her, als wenn man’s selbst mitmachen müßt'. Solche Tollheiten! Solch ein Uebermut! Die Leute oerbienen es wahrhaftig, wenn sie ben Hals brechen..." ... Den Pseudobaron dort in ber Villa zu überführen, ist aber jetzt eine Kleinigkeit. Ich brauch' ja nur bas Gespräch auf den Berg zu bringen. Solche Dinge merkt man sich, Sie vergißt man sein Leben lang nicht wieder. Ich werde ein paar von den fürchterlichen Situationen einfach auswendig lernen. Bor allem aber den Namen des Führers. Wie heißt er nur gleich? Aha, da steht's ja: Jakob Schwarzinger aus Heiligenblut. Und jetzt rafch ein paar andere Stellen memorieren, da den Passus hinter bem britten Kamin zum Beispiel ... wenn mir nur babei nicht selbst schwindlig wirb auf ber Treppe! ... Unb Dr. Kircheisen griff nach Hut, Mantel unb Stock und ging die Treppe hinab unb über die Straße, indem er unaufhörlich vor sich hinmurmelte: „... in einer sieben Meter hohen Runse schwierig und luftig empor unb gelangten ... Jakob Schwarzinger aus Heiligenblut! Jakob Schwarzinger aus Heiligenblut ...“ (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: l)r. Hans Thhriot. — Druck unb 05erlag: Brühl'sche Universitäts-Duch- und Lteindruckerei. D. Lange, Gießen.