GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <955 Montag, den 19. Juni Nummer 46 Oie Tage der Hofen. Von Otto Roquette. Noch ist die blühende golden« Zett, O du schöne Welt, wie bist du so weit! Und so weit ist mein Herz, und so blau wie der Tag, Wie die Lüfte, durchjubelt von Lerchenschlag. Ihr Fröhlichen, singt, weil das Leben noch malt: Noch ist die schöne, di« blühende Zeit, Noch sind die Tagen der Rosen! Frei ist das Herz und frei ist das Lied, Und frei ist der Bursch, der die Welt durchzieht, Und ein rosiger Kuß ist nicht minder frei, So spröd und verschämt auch die Lippe sei. Wo ein Lied erklingt, wo ein Kuß sich beut, Da heißt's: Noch ist die blühende goldene Zeit, Noch sind die Tagen der Rosen! Io im Herzen tief innen ist alles daheim, Der Freude Saaten, der Schmerzen Keim. Drum frisch sei das Herz und lebendig der Sinn, Drum brauset, ihr Stürme, daher und dahin! Wir aber sind allzeit zu singen bereit: Noch ist die blühende goldene Zeit, Noch sind die Tagen der Rosen! Manfred Hausmann. Von Hanns Arens. „... man soll die Herren Autoren erst einmal ordentlich was leisten lassen, ehe man sich in Form eines Aufsatzes mit ihnen besaßt! Mein Opus ist vorläufig noch so unwesentlich, daß ich mir nicht denken kann, w e sich darüber schon etwa Wesentliches sagen läßt. Das ist meine Prioatansicht." Manfred Hausmann in einem Brief. Also müßt ich das schon fein säuberlich geglättete Papier und den bereits gezückten Füller wieder zur Seite legen? Eigentlich ja, denn der Dichter Hausmann denkt nicht sehr ermutigend von derlei Aufsätzen, die sich mit seiner Person beschäftigen. Wenn ich es trotzdem nicht tue, so deshalb, weil ich nicht daran denke, ihn etwas „literar-historifch" zu verarzten. Nein, nur zu meiner eigenen Freude will ich mich ein wenig mit dem Dichter und Menschen Hausmann unterhalten. Ich möchte den vielen Freunden von „Lampioon" nur erzählen, will Dinge berühren, die eigentlich wenig mit Literatur zu tun haben. Das sei mir gestattet. Und damit sogleich deutlich werde, wie ich das meine, setze ich zu Anfang die Stelle eines Briefes von ihm hierher, die klar zum Ausdruck bringt, daß meine kleine Betrachtung mehr beim Persönlich-Menschlichen anknüpft. „... Meist Haus steht in Worpswede am Hang des Weyerberges, der nicht eben weit von Bremen aus der gewaltigen Ebene aufragt. Zwar ist er nur 54 Meter hoch, aber da er die einzige Erhebung weit und breit darstellt, bedeuten diese 54 Meter schon allerlei. Man hat einen phantastischen Blick über die Moore und Wälder hin bis in die Unendlichkeit. Es ist eine Landschaft von einzigartiger Größe, Herbheit und Einfachheit, überschwebt — und das ist erst das Wundervollste — von einer unablässig sich verändernden Atmosphäre. Heute ruht ein leiser Golddunst über allem, morgen sieht man nur eine schneeweiße, grenzenlose Nebelfläche, aus der da und dort die Rauchfäulen der unsichtbaren Bauernhäuser aufsteigen, bis die Sonne das Ganze in Wallung bringt und hochdämpfen läßt, ein anderes Mal herrscht von einem Ende bis zum andern eine kristallklare Bläue, ein drittes Mall hängt dunkles Gewölk tief herab, aus dem eigenartig gefärbte Sonnenbahnen heroorbrechen und über die Ebene hinwandern, ein viertes Mal liegt die Nähe wie die Ferne in den zartesten Pastelltönen da, taubengrau, rosa, blahgrün und mattgelb Und so geht es fort. Unbeschreiblich sind die dröhnend heran sich wälzenden Gewitter ober die Regenstürme, die das Wasser in schwarzen, senkrechten Wellen vom Westen heran und vorbeifliegen lassen. Wie man anderswo bei geselligen Zusammenkünften von dem neuesten Mordfall, von Politik und Kunst spricht, so in Worpswede etwa von dem gestrigen Sonnenuntergang, der wieder einmal so atemberaubend hochbrannte, daß man alles liegen und stehen lassen und zusehen mußte, oder von den Kranichzügen, die nachmittags über den Gärten ruderten, ober von btefem merk- würbigen WoUentor, bas sich ftunbenlang vom sübllchen Horizont hinspannte. Von den Wintertagen, wenn bie eisbehangenen Föhrenwälber klirren ober die frostklare Luft jeben Ruf, jeden Peitschenknall, jedes Hundegebett durch die Stille trägt, mag ich gar nicht reden. Ich bin so froh, daß ich dort wohne, hoch und hell und einsam." In den Jahren 1924/25 sah ich den Dichter öfter in der Stadt unserer beider Arbeitsstätte, in Bremen. Hier startete er in die Literatur. Hausmann war damals Feuilletonschriftleiter an der Weserzeitung und noch völlig unbekannt. Nur einige Menschen der Stadt wußten von ihm. Diesen fielen die kleinen frech-fröhlichen Berichte und Kritiken auf, die dann und wann in der Weserzeitung auftauchten. Es war der Ton dieser kleinen Arbeiten, die ihnen auffiel. Wenn er Theaterstück« besprach oder Vorträge referierte, so war es für einige Bücherfreunde immer eine kleine Freude, über bie Art der.Formulierung zu sprechen, sich zu erfreuen an dem so ganz neuen Stil, den er anschlug. Er war so göttlich unbekümmert, dieser Doktor Hausmann, so quecksilbrig und voller Hoffnungen und Pläne mit seinen 26 Jahren. „Er trat am 10. September 1898 in Kassel als Erstgeburt ans Licht. Da er blond, blauäugig und langschädelig war, schmückten seine Eltern ihn mit dem nordischen und zu ungewöhnlichen Taten verpflichtenden Vornamen Manfred. Ungewöhnlich war indessen fürs erste nur seine Lümmelhaftigkeit." — So der Dichter über sich. Wir trafen und sprachen uns öfter bei feinem väterlichen Freund und Förderer Wilhelm Scharrelmann (der von Anfang an auf Hausmann „setzte" und ihn dadurch, durch den Glauben an ihn, stützte), an den schon traditionell gewordenen Donnerstagabenden, an denen sich Freunde und Gleichgesinnte regelmäßig zusammenfanden. Schon damals, ohne daß eine Arbeit von ihm oorlag, wußten wir, daß in ihm der Dichter versteckt war. Und wie bann, einige Zeit später, sein erstes kleines Bänd- chen „Orgelkaporgel" erschien, würbe es einem weiteren Kreise bewußt, baß Hausmann seinen Weg als Dichter unbeirrt weiter beschreiten würbe. Balb barauf folgte bann seine „Frühlingsfeier", zwei kleine Erzählungen umfaffenb unb ein Bändchen „Gebichte", bie er für Freunbe brücken ließ, lieber feine Bremer Zeit hat er selber geschrieben; ich will hier einige Stellen einschalten: „1924 thronte er in Bremen auf bem Schemel einer Ueberseespedition unb machte Dollars für ben Boß. Aber da mußte er immer so früh aufstehen und den ganzen Tag so unmenschlich komplizierte Dinge in seinem Kopf ausrechnen — beispielsweise 262/s Prozent von acht Pfund, sieben Schilling und elf Pence — daß er lieber Feuilletonschriftsteller an der Weserzeitung wurde. Derart auf den Hund gekommen, genierte er sich nicht mehr, bie Geschichten unb all ben Tand, den er mittlerweile in Frühstückspausen und an Sonntagen geschrieben hatte, einem Bremer Verleger anzubieten. Der fiel denn auch darauf herein." Hausmann war damals und ist heute noch ein unruhiger Geist. Die Lockung in die Ferne sitzt ihm im Blut. Er hat viel von der Wanderlust unb Unftetigteit eines Knut Hamsun in sich (bem seine ganze Verehrung unb Liebe gilt unb von dem er entscheidend beeinflußt worben ist). Schon seine Schuljahre waren voller Streiche unb Ausgelassenheiten unb angefüllt mit kleinen unb großen abenteuerlichen Fahrten unb Wanberungen: „... auch sah er nachts viel in ben Monb unb bachte in ewiger Treue bald an bies, balb an jenes Mädchen aus der Nachbarschaft. Tagsüber spielte er mit den Straßenjungens Fußball und mit den Dandys Tennis. Sonntags verachtete er Kragen, Schlips und Elternhaus und strolchte barfüßig in Deutschland umher." Dieses unstete und schon früh ruhelose Leben fand in der Studienzeit die Fortsetzung auf „großem Fuß". Hausmann schreibt hierüber: „Eines Faschings erwarb er aus lauter Uebermut das Doktorhütchen. Aber bann ginge mit ihm bergab, beim er sollte einen ernsthaften Beruf ergreifen. Die erste Hälfte bes nunmehr anhebenben Sommers faulenzte er als sage unb schreibe Privatbozentaspirant unter Gunbolf in Heibelberg, bie zweite auf bem Hohentwiel am Bodensee als Dramaturg der dortigen Festspiele, die infolgedessen verkrachten. Als er diese Tätigkeit im Konton seiner väterlichen Mikroskopfabrik fortzusetzen gedachte, wurde er, unter Brüdern gesagt, hinausgeschmissen. Da außerdem das seltsame Zwischenspiel der Inflation stattfand und doch alles verloren war, bestellte er eine Brautkutsche, ließ die Kirchenglocken läuten unb heiratete seine ebenso stille wie verwegene Kamerabin mit ohne einen Pfennig Gelb seinerseits." So sehr Hausmann, biefer Vagadunb, sich auch bemühte, in einem Beruf „seßhaft" zu werden, so sehr mißglückte ihm diese Anstrengung. Ein Jahr — eine lange Zeit für ihn! — hielt er es an der Zeitung aus, bann legt er — bereits mit zwei reizenben Kinbern beschenkt — seine „Arbeit" bei ber Zeitung nieber unb lanbstreichert im Ueberschwang der neuen Freiheit so lange durch Deutschland auf und nieder, bis er das Buch „Lampioon" fertig hatte. Dann kehrte er zurück und lieh sich, weil er nicht reich genug war, um anständig zur Miete wohnen zu können, Geld für ein eigenes Haus, ebenso modern wie heiter. Mit dem Buch „Lampioon küßt Mädchen und kleine Birken" betritt HausMann die gefährliche Bühne der Literatur, mit dem Erfolg, daß er sogleich eine begeisterte Leserschar um sich versammelt, die seitdem von Buch zu Buch großer und breiter wird. Seine Bücher: „Die Verirrten", „Salut gen Himmel", „Kleine Liebe zu Amerika", „Abel mit der Mund- fcnrmnnttn" nnh hie neue Äu«önabe feiner Novellen ,,T)ie FrühflNgsseier aeb7ren allgemein zu den Werken der jungen Generation, die sich einer ® ’j ' snpHebtheit erfreuen. Ans breiterer Basis wiederholt sich hier an dielen Büchern die frühere Wirkung seiner gelegentlichen Buchrritiken und Reportagen Der Ton, die Melodie, die ganz bestimmte Atmosphäre, bi S Mden Büchern lieot, nahm den Leser auf eine merkwürdige Weise Befangen Es ist viel Romantik da, auch viel Burschckositat und Unbekum- . mertbdt (Mei Merkmale, die besonders das junge Mädchen unserer Tage 7u chä! en weiß); eine Zartheit und pastellsarbene Tonung in Sprache und । i.,,., die jenen eigenartigen und faszinierenden Siimmungsgehalt . der'einer Zeit wie der mistigen besonder- entgegenkommt. Ein Schritt zu weit, und Hausmann gerät in die Sefutje ber „Verbonse- lunq" Aber sein Geschmack, seine Sicherheit im Sprachlichen tmrb 1) davor bewahren E- werden in seinen Büchern keine Probleme gestell oder schwierige Weltanschauungssragen vorgelegt, nein, Hausmann will nur enäh en Don bem, was ihm in ber weiten Welt wert genug erscheint, er/ählt zu werden Von ber Natur, so wie er sie sieht und liebt; von ben 'JJiäbdjen in ihrer Liebe unb Sehnsucht, von kleinen Schicksalen, die sich ohne großes Geräusch unb im Schatten abfpielen. Vom Wandern und Abenteuern am Wege, die er, Lampioon, sommers und winters im Frühling und Herbst, erlebt. Von den unscheinbaren Dingen der Welt, vom Tautropfen in der Sonne, vom Sternenhimmel über der He.ide, dem klov enden Herzen eines Mädchens, vom Vogelnest und der -wernben Katze. Hunderterlei und tausend winzige Begebenheiten erhalten durch Hausmann neuen Glanz. Wie neu, wie einmalig ober erscheinen uns die alltäglichen und längst bekannten Dinge, Menschen und ihre Gewohnheiten. Neu und blank stehen sie da. Das ist das immer wieder Niertwur- biae und Anziehende seiner Bücher: wir sehen uns m den vielen kleinen Vorfällen wieder, die an uns geschehen sind ober füf) fjeute °^er morgen abfpielen können, an benen wir aber bann meistens achtlos.norubergehen. Bei Hausmann sehen unb spüren wir, wie wichtig biese kleinen „Tnwch^- tiafeiten" sind. Alles ist geschrieben in einer Sprache, die alle Zartheit und Weichheit in sich trägt, die, ohne kraftlos zu sein, behutsam an die Dinge rührt, ihnen ihr Geheimnis entlockt und sich so naher an den Puls des Geschehens herantostet, als es vielsoch jene problembelastete Prosa. anderer Dichter vermöchte. Den Gang durch eine einsame Winternacht weiß Hausmann so silbrig und glitzernd auf ein paar Seiten hervorzuzaubern, daß wir meinen selber dabei zu sein (und fiele selbst die Lektüre in den heißesten Sommer). . Zum Schluß: was Hausmann von sich selber sagt, werden auch viele seiner Leser nachsagen können, als Ergebnis und Gewinn semer Bucher. „So lebt er so hin. Er lebt sehr gern. Er weiß nicht viel, aber er leot. Das ist genug." Die Stiege mündet auf den Weg zur Burg. Wie ich noch ein wenig höher hinaufgedrungen bin, finde ich auf halber Höhe eine Bank unter zwei Linden, dort laße ich mich nieder. Unten im Tal ruht das Städtchen mit seinen erleuchteten Straßen. Der Rhein kommt aus ber Ferne und strömt roieber ruhig in bte gerne hinein. Das schwarze Ufer spiegelt sich in der blassen Flull Da s-hwantt auch ein Licht, da noch eins, da ein drittes. In einem ber Garten, die sich am Strom hinziehen, spielt jemanb Zither, es klingt so beutlich heraus. Dann unb wann fällt eine schöne Männerstimme trällernd em. Und wenn die Musik schweigt, höre ich das Wasser ziehen und einen Wagen die Landstraße hinknarren. Die Nacht ist lau. der Gesang der Grillen steigt an unb fällt ab, ein schwingenber, unenblidjer Ton. Ich sitze da und blicke über das Tal hin und denke nach. Bin ich traurig? Ich bin so müde. Und ich denke, warum ich denn so ruhelos in den Landern umherschweifen muß, und ob die Bürgersleute da unten nicht glücklicher sind als ich, der Herr Zolleinnehmer auf dem Kai, die Magd am Brunnen, der Mensch, der in der dunklen Stube mit seinen Fingern das Pianoforte berührte. Sie haben ihre kleinen Freuden und ihre kleinen Sorgen, ja ja auch sie, aber sie haben auch den Frieden, die Heimat, die Stille. Unb was habe ich: Nichts. Ich habe bie Unruhe, ich habe dies kranke und sehnsüchtige Gefühl in der Brust. Aber vielleicht erscheint mir dieser Abend und das Städtchen und das versunkene Tal nur deshalb so leise und verlockend, weil ich weiß, baß ich morgen schon wieder alles verlassen und weiterwandern werde. Ich glaube, kein Mensch liebt die Bäume und Gewässer, die Städte und Felder und bie Mädchen so inbrünstig wie der, dem es bestimmt ist, nur eben einmal mit seinen Händen darüberstreifen zu dürfen. An ihrer Oberfläche sind die Dinge dieser Welt so schön. Da gittert der Hauch, der bunte Schmelz, die unsagbare Süße. Die Dinge und Worte dieser Welt. Aber wer stehen bleibt und tiefer hineinsieht, findet nichts als Traurigkeit. Wandern, nichts besitzen, ein Mädchen küssen, einen blühenden Zweig berühren, vorüberziehen, nichts wissen. Das ist es wohl. , Ich tu das Gesicht in meine Hände und sinne vor mich hin. Em paar Mädchennamen fallen mir ein. Bettina, sage ich durch meine ginger, Jngeborg ... Jlsebill ... Unb noch einmal diese kühlen, nördlichen Worte: Jngeborg ... Jlsebill ... kleine Bettina ... Hört ihr mich? Ein warmer Windzug weit durch die Linden, dann ist es wieder still. Was sind hundert Jahre? Auch damals strömte der gluß dunkel durch das Tal, auch damals glitzerten Lichter in feiner glut, erklang Musik an seinem Ufer, auch damals sang irgendein Mann an solch einem Abend gedämpft in seinem (Barten, auch damals gab es einen grembling, der sich umhertrieb und manchmal dasaß und traurig war, auch damals fiel unversehens ein kleiner Wind ins warme Laub ber ßinbenbäume und verlor sich wieder. Wo will ich hin? Seufzer überm Rhein. Von ManfredHausmann. Aus ,Lampioon küßt Mädchen und kleine Birken", Abenteuer eines Wanderers, Verlag Earl Schünemann, Bremen. Ich bin wieder einmal wo angekommen. Der Abend senkt sich allmählich ins Tal Ich bin nun in Stein am Rhein, wo bie Uhren etwas nach- nehen; unb ber Meder über die Gartenmauern hangt. Da stehe ich) auf der röten Holzbrücke. Der Strom zieht dunkel darunterhin, drüben schimmern bie Weingärten am Burgberg hinauf bis zum JSalbe. Unb über dem Walde, oben über aller Welk steht das feste Haus Höhenklmgen mit feinegh viereckigen Turm und hält die Wacht für uns alle. Mit einem Male kommt das weiße Dampfschiff von Schaffhausen an- qebrauft. Es klingelt, bie Gischtwelle vor seinem Bug sinkt zusammen, unb dann schmiegt es sich an ben Kai unb macht unter ben blühenden Kastanien fcft. Einige Leute gehen an Land und werden dort von anderen begrüßt. Ein großer Herr, der mit einem leichten Mantel und einem hellgrauen Hut bekleidet ist, winkt sich einen Hoteldiener herbei und zeigt aus sem Gepäck. Dann läutet das Schiff und fährt weiter. Schnell und schmal braust es unter der Brücke hindurch dem Bodensee zu. Es will heute abend noch nach Konstanz. Und wo will ich noch hin? Nirgendwohin. Ich will nur ein bißchen durch das verdämmernde Städtchen schlendern, sonst nichts. Was sollte ich auch sonst in Stein am Rhein noch wollen? Wäre ich vor hundert Jahren hierher gekommen, ich hätte die Straßen und Gassen und Menschen nicht viel anders angetroffen als heute. Ich habe die Nordsee mit ihren langen Wogenzügen gesehen, ja gut ich bin in Berlin gewesen, wo es Untergrundbahnen und zweistöckige Autos gibt, ich kenne die Wälder und Strome in Nord und Süd, ja ja, aber in dieser kleinen Stadt muß ich das alles vergessen. Ich bin heute abend in Stein am Rhein die Bäume in den Gärten schauern und duften, an leber Ecke plätschert ein Brunnen, hier muh man manches beifeite lassen, man muh stille sein unb lächeln. Nichts wollen, nichts denken .. • Was ist die Welt, was sind hundert Jahre! So bin ich denn stille und bleibe jeden Augenblick stehen, um irgendein rührendes Sing zu betrachten, einen holzgeschnitzten Erker, ein Loden- senster mit einer Brücke aus Streichholzschachteln, eine hängende Laterne, eine Magd mit Wassereimern, einen düsteren Torgang, an dessen Ende sich ein erleuchteter Hof wie ein Bühnenbild auftut, ein Gemälde an der Rathauswand, alles fo gut es am Abend möglich ist. Dann muß ich auch einmal vor einem offenen genfter anhalten und zuhören, wie drinnen in der dunklen Stube jemand ein Andante aus einem Pianoforte ausschwebenläßt. Und dann bin ich schon am anderen Ende des Städtchens angelangt. Ich spaziere durch das turmgekrönte Tor ins greie. Mächtige Linden ragen auf, eine Kapelle steht dazwischen, es sieht so aus, als ob da feit» härts ein griedhof wäre, ich konn's nickt recht erkennen. Nun streife ich an Gärten mit Lusthäusern vorbei, an Goldregen und weißen Springen. Das Laub ist so warm. Dahinter führt eine Weinbergstiege durch Wiesen auswärts. Die Grillen fingen unentwegt. Zuweilen rührt sich klar unb süß bie Amsel. Es ist völlig Nacht geworben. Ltnd sie bewegt sich doch! Am 22. Juni 1633 mußte Galileo Galilei vor bem Jnquisi- tionstribunal in Rom feinen Glauben an bie Kopernikanische Lehre abschwören, wonach die Erde sich um die Sonne bewegt. Im September 1632 erreichte den 70jcihrigen Gelehrten Galileo G a - [ i [ e i in glorenz eine Vorladung nach Rom. Im gebruar 1633 traf Galilei dort ein und quartierte sich beim florentinifdjen Gesandten ein. Am 12. April betritt er zum ersten Verhör den Palazzo Saut Ussieio neben ber Peterskirche, ben Ort, wo bie Inquisition ihres heiligen Amtes waltet. Er hatte bie Kopernikanische Lehre, bie Erbe sei ein Trabant ber Sonne, entgegen einem päpstlichen Verbot aus bem Jahre 1616 in einem Buche oerteibigt; unb bie Inquisition war nicht so vergeßlich, wie er geglaubt hatte. Das Verfahren gegen Galilei verlief in streng vorgeschriebenen For- men, die dem modernen Juristen unverständlich erscheinen und die doch so geeignet find, ben Verbächtiqen zu zermürben unb zu Gestänbnissen zu brftigen. Galilei wußte zunächst noch gar nichts, seine Labung hatte sich in ganz allgemeinen, ja schmeichelhaften Ausdrücken bewegt: „Hochgelehrter . . entschuldigt ... in einem gewissen Rechtshandel wäre Eure Anwesenheit erwünscht ..." Die Klageschrift war ihm nicht mitgeteilt wor- ben ein Verteibiger wirb ihm nicht beigegeben, bas ganze Verfahren geht in strengster Heimlichkeit vor sich, bas Urteil bes Gerichtshofs, ben Galilei bei ber Urteilsoertünbigung zum ersten Mal sieht, stützt sich ausschließlich auf ben Akteninhalt — kurz, ber Prozeß ist in allen Punkten unserem modernen Strafprozeß entgegengesetzt. „Wenn der Delinquent schon zum voraus weiß, was man gegen ihn geklagt oder ausgesagt hat, so kann er ja gar leicht alle Anzeigen durch seine Antworten vereiteln", heißt es in der alten Prozeßbeschreibung des Paters Ameno. Allmählich, ganz allmählich wird der Angeklagte im Verfahren der Inquisition durch die Anhäufung von Beweisen erdrückt, durch vier immer schärfere Vernehmungen, schließlich durch die Folter zum Geständnis gedrängt, denn nur auf Grund eines Geständnisses konnte der Angeklagte als überführt gelten. Und so wurde auch mit Galilei verfahren. Wiß Ihr, weshalb Ihr vorgeladen seid?" — „Kennt Ihr dieses Buch über die Lehre des Kopernikus?" — „Ist es von Euch geschrieben?" — „Seid Ihr 1616 in Rom gewesen?" — „Ist Euch damals nicht ein päpstliches Verbot mitgeteilt worden?" — „Wie war der Wortlaut des Verbots?" Stunden- und stundenlang hat der Greis auf die anscheinend unverfänglichen Fragen zu anroorten — ober ber Untersuchungsrichter — neben dem protokollführenden Notar ist nur noch der Ankläger, Carlo S i n c e r o , anwesend — hält die Protokolle von 1616 in der Hand, unb wehe, wenn Galilei eine feststehende Tatsache bestreiten würde! Er beschränkt sich darauf, zu tagen, daß die Worte des Verbots ihm nicht erinnerlich seien und daß jein Buch in Wahrheit zu dem Schluß führe, daß die kopernikanische Lehre falsch sei — in der Tat hatte er das zum Scheine auch im Vor- und Nachwort ausgesprochen — „In die Haft! verordnet schließlich der Inquisitor Vincenzo Macolano de Firen- 1 juola mit seiner tonlosen, unbewegten Stimme. Galilei muß bis zum . nächsten Verhör im Jnquisitionspalast bleiben; bie Zellen lernt er aber i nicht kennen, es werben ihm brei bequeme Zimmer angewiesen. 2fm 28. April — nach einem geheimen Gespräch des Inquisitors mit dem Papst — erscheint Macolano überraschend in Galileis Zimmern. Er ist sehr freundlich und höflich, nicht mehr der unnahbare Richter; auch daß Galilei ihn vor Jahren einmal arg beleidigt hat — Galilei hatte einige seiner schönsten architektonischen Pläne glattweg als „schauderhaft" be- -eichnet —, ist ihm nicht anzumerken. Freilassung? Begnadigung? Ach nein, Macolano rät zu unbedingter Unterwerfung. Anscheinend will der Papst selbst Galilei wieder die Wege ebnen und hat dazu diesen, allerdings schon damals ungewöhnlichen Weg gewählt. Galilei läßt sich denn auch jjma Tage später vorführen und diktiert dem Protokollführer eine lange Erklärung in die Feder, wonach er sich sogar bereit erklärt, gegen Koper- nikus zu schreiben. Vergebens! Seine Worte prallen an den Beamten des chl. Officium ab, Macolano ist wieder zum unnahbaren Inquisitor geworden — der Galilei-Prozeß geht weiter. Im dritten „Konstitut" (Verhör) am 10. Mai überreicht Galilei eine Verteidigungsschrift. Am 16. Juni wird in geheimer Sitzung unter dem Borsitz des Papstes, aber in Abwesenheit Galileis beschlossen, ihm das Examen Rigorosum wenigstens anzudrohen. Das Examen Rigo- ro[utn — alle Welt schauerte damals bei dem Wort, und es ist nicht seltsam, daß Galileis Unterschrift unter dem Protokoll des vierten und letzten Verhörs zittrig, wie in furchtbarer Aufregung auf das Papier geworfen ist. Galilei ist nicht gefoltert worden. Aber die beiden Vorstadien der Folter hat er durchgemacht: die territio verbalis, die mündliche Androhung der Tortur, und die territio realis, das Verhör in der Folterkammer, von den Folterknechten bereits entkleidet und umgeben von Bein- und Daumenschrauben, von spanischem Bock, spanischen Kappen und Stiefeln, vor dem Seil, an dem die Angeklagten mit rückwärts emporgedrehten Armen und einer Eisenkugel an den Füßen emporgezogen wurden — von den Instrumenten, die jahrhundertelang mit ehrlichem Eifer und Rechtsbewußtsein dazu verwendet wurden, Verbrechern das unbedingt notwendige Geständnis zu entreißen. Galilei konnte bei diesem letzten Verhör am 21. Juni 1633 nicht mehr sagen, als er schon gesagt hatte. Es hätte auch nichts mehr an seinem Schicksal geändert. Drei Gutachten der Patres Jnkhoser und Orsenigo sowie des Professors Pasqualigo — der früher behauptet hatte, die Sonnenflecken könnten nicht existieren, weil im ganzen Aristoteles kein Wort davon stehe — erklärten Galilei für einen Ketzer, und diese Gutachten gaben, wie stets in den Verfahren der Inquisition, den Ausschlag. Schon am 22. Juni wurde das Urteil gegen Galilei verkündet — es ist fo lang, daß es unmöglich von einem Tag auf den anderen ausgearbeitet worden sein kann. Galileo Galilei mußte vor einer feierlichen Versammlung der zehn Kardinäle und aller übrigen Beamten der Inquisition im Kloster Santa Maria sopra Minerva erscheinen und knieend das Urteil anhören, gleich darauf knieend und im Armesünderkleid seinen berühmten Eid leisten, nach dem der alte Mann zornig aufgesprungen sein soll mit den Worten: „Und sie bewegt sich doch!" Es wäre juristisch noch mancherlei zu dem Urteil zu sagen. Nur sieben von den zehn Kardinälen haben es unterschrieben! Und vor allem widerstrebt es dem modernen Rechtsempfinden, jemand durch Urteil einen Eid darüber aufzuzwingen, daß er eine bestimmte Ueberzeugung aufgegeben habe. Aber über alle juristischen Bedenken hinweg ist der Galilei-Prozeß doch gleich dem Prozeß des Sokrates zu einem Denkmal der Rechtsgeschichte geworden, weil er die schönste Aufgabe des Rechts erfüllte: die Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen mit juristischen Waffen. Reisekultur im alten Rom. Von Dr. Karl Richter. Die Reisezeit, freudig begrüßt nach winterlichen Arbeitsmonaten, steht nun wieder vor der Tür, und während die einen noch sich dem Vorgcnuß des Pläneschmiedens hingeben, streben andere bereits mit gepacktem Koffer dem Ziel ihrer Wahl zu. Hat sich auch die Form des Reisens im Laufe der Jahrhunderte entscheidend gewandelt, die Sehnsucht nach dem Erholung und Entspannung, Zerstreuung und Belehrung bietenden Ortswechsel war schon im Altertum lebendig, und besonders bei dem großen Reisevolk der Antike, den Römern, war die Reisekultur mit allem Raffinement verfeinerter Lebenskunst ausgebildet. Wenn sich die drückende Sommerschwüle über die Stadt am Tiber senkte, dann wurde es in dem gleichen Maße, wie sich die Gassen Roms leerten, aus den Landstraßen lebendig. Zahlreiche schwer beladene Reise- wagen, deren Insassen die Sorgfalt priesen, mit der die römische Kaiser- Zeit für die Vortrefflichkeit des Wegnetzes in allen Teilen des Reiches sorgte, bevölkerten die Straßen, die nach den anerkennenden Worten Heinrich von Stephans, dieses hervorragenden Kenners modernen Weltverkehrs, in den meisten Gebieten des alten Römerreichs einen solchen Verkehr besaßen, wie ihn eine lange Reihe späterer Jahrhunderte nicht wieder aufzuweisen hatte. Der große Luxus, mit dem die vornehmen Römer reiften und der einen jeden von ihnen gleich eine ganze Karawane in Bewegung setzen ließ, trug jein gutes Teil zu der Buntheit des Lebens auf den Chausseen bei. Schon der Volkstribun Milo führte zur Zeit der Republik, als man voch verhältnismäßig einfacheren Sitten huldigte, auf einer Reife nach Lavinium außer einem Troß von Sklaven und Sklavinnen eine ganze hauskapelle mit sich, und in der Zeit des Kaiserreichs nahm dann der Reiseluxus, durch orientalische Einflüsse gesteigert, phantastische Formen an. So glaubte die Kaiserin Poppäa auch unterwegs ihre täglichen Waschungen mit frischer Eselsmilch nicht entbehren zu können, zu welchem Zweck sie 500 Eselinnen begleiten mußten, und von Kaiser Nero wird erzählt, daß er sich nie mit weniger als tausend prächtig ausgerüsteten Karaffen auf Reisen begab, deren Maultiere mit silbernen Hufeisen beklagen und von Treibern in roten Röcken geleitet waren; zahllose reich geschmückte Vorreiter und Läufer vervollständigten diese kleine Völkerwanderung. Doch auch Privatpersonen suchten an Prunkentfaltung auf >hren Reisen mit den fürstlichen Vorbildern zu wetteifern, oft weit über 'hre wirklichen Mittel hinaus. Denken wir dabei an die ganz auf das Zweckmäßige eingestellte Ausrüstung und das bescheiden zugemessene Ge- IPätf, das wir heute besonders auf Reisen zur See oder im Flugzeug mit uns führen, bann erkennen wir, daß in demselben Maße, wie die Entfernung des Wegziels zugenommen, sich der Umfang dessen, was man des Mitnehmens für nötig erachtet, vermindert hat. Freilich gab es auch schon damals vereinzelte Menschen, die den Reiz einer möglichst unbeschwerten Reise geahnt haben. So unternahm Seneca einmal mit einem Freunde eine Fahrt ohne jedes Gepäck und nur in einem einzigen einfachen Bauernwagen. Zur Nachtzeit wurde eine Matratze auf die bloße Erde gelegt und zwei Regenmäntel mußten als Unterlage und Decke dienen. Die Mahlzeiten entsprachen in ihrer Bescheidenheit dem Nachtlager. Zwei glückliche Reisetage, erfüllt von dem Reiz des Ungewohnten, waren dem Philosophen auf diese Weise beschieden, die ihn lehrten, wieviel Dinge zu unserem Lebensglück entbehrlich sind, ohne das freilich diese Ansicht ihn vor einem falschen Schamgefühl bewahrte, wenn er mit feinem bescheidenen Gefährt einer glänzenden Kavalkade begegnete. Sicher hat Seneca nach diesem Ausflug ins Spartanische das nächste Ma! wiederum einen jener bequemen Wagen rüsten lassen, den die alten Römer in sinnreichster Weise mit allem Komfort auszustatten verstanden. So wird in den Pandekten aus Anlaß eines Crbstreits eine als Schlafwagen eingerichtete, von Maultieren gezogene Karosse erwähnt. Wer aber bei Tag fuhr, der konnte sich die Zeit mit dem Lesen besonderer Reiseausgaben der Schriftsteller vertreiben, die statt der sonst üblichen unhandlichen Form von Pergamentrollen die von Martial dem Leser als Reisebegleiter empfohlene, bequemere Gestalt von Pergamentbüchern auf- wiesen. Und wenn der ältere Plinius auf seinen Fahrten einen Stenographen mit einer Schreibtafel mitnahm, so benützte er den Reisewagen in ganz ähnlicher Weise als Privatbureau wie ein Generaldirektor unserer Tage, der, im O-Zug sitzend, einem Sekretär feifie Briefe in die Schreibmaschine diktiert. Vorhänge aus Seide und anderen kostbaren Stoffen sorgten für erquickenden Schatten, wenn nicht wie bei den Wagen des Kaisers Commodus außerdem noch Vorrichungen zum Drehen der Sitze eingebaut waren, um ein Ausweichen vor allzu heißen Sonnenstrahlen zu ermöglichen, ohne die Lichtzufuhr und den Ausblick zu behindern. Auch waren die Gefährte dieses Herrschers mit Apparaten, die die zurückgelegte Wegstrecke sowie die Zeit anzeigten, versehen. Da zu dieser verschwenderischen Innenausstattung sich bei den Prachtwagen der Kaiserzeit an der Außenseite kostbare Zierate, silberner und goldener Figurenschmuck hin- zugesellten, so repräsentierten sie nicht selten den Wert eines stattlichen Landguts. Die Frauen liebten es, meist in Sänften zu reisen, wenn sie nicht wie die schöne Cynthia, von der Properz berichtet, aber auch andere ihrer Mitschwestern, die „Königin der Straßen", die Via Appia, zum Schauplatz ihrer Künste im Pferdelenken machten. Bei der Behaglichkeit der Reisekutschen, die nicht zur Eile anfporten, sowie bei der Schwerfälligkeit, mit der sich ein so großer Troß von Begleitpersonen vorwärtsbewegte, wurde das Ziel, mochte es auch nicht allzu weit liegen, erst nach einer für unsere Begriffe endlos langen Fahrtdauer erreicht. Den Schnelligkeitsrekord hat nach den überlieferten Berichten im alten Rom Tiberius geschlagen, als er von Ticinum, dem heutigen Pavia, zu dem erkrankten Drusus nach Germanien reifte und dabei in 24 Stunden mit mehrmaligem Pferdewechsel 300 Kilometer zurücklegte. Der gewöhnliche Reisende dagegen, der sich eines Vetturins, eines Mietwagens, bediente, brachte es nur auf durchschnittliche Tagesreisen von 60 bis 75 Kilometer. Das Mietfuhrwesen, das in der Hand privater Unternehmer lag, spielte im alten Rom eine bedeutsame Rolle, da die Staatspost nicht dem Verkehr des Publikums diente. In vielen Orten waren die Vermieter von zwei- und vierräderigen Wagen sowie von Zugtieren zu eigenen Innungen zufammengeschlossen, und der Reisende kam — wenigstens an den Hauptverkehrsstraßen — niemals in Verlegenheit um ein Beförderungsmittel. Im allgemeinen wurden die zweiräderigen Wagen, die noch im 18. Jahrhundert in den in Italien üblichen „Sedien" fortlebten, bevorzugt, während die Benutzung der vierräderigen wohl als ein Zeichen besonderen Reichtums, anderseits aber auch des Mutes galt, da sich, wie ein Schriftsteller des 4. Jahrhunderts berichtet, mit ihnen häufig Unfälle ereigneten. Die Verleiher der Mietswagen hatten ihren Standplatz an oder vor dem Stadttor, wo sie der-Reifende mietete, dem sie dann entweder den Wagen- und Pferdewechsel von einer Station zur andern besorgten ober sich, wie auch in der neueren Zeit, zu seiner Beförderung mit demselben Fuhrwerk bis zum Endziel verpflichteten. Welche große Nachfrage zeitweilig nach diesen Wagen bestand, beweist ein Ereignis aus der Regierungszeit des Kaisers Caligula: Als dieser Herrscher einst während seines Aufenthalts in Gallien eine Auktion des kaiserlichen Hausrats veranstaltete und zu seinem Transport aus Rom alle verfügbaren Mietwagen mit Beschlag belegen liefe, verloren viele Rechtsuchende ihre Prozesse, da sie mangels eines Gefährts nicht vor Gericht erscheinen konnten. Weniger erfreulich als das Reifen zu. Lande, das freilich durch viele Belästigungen durch Zöllner und die in manchen Gegenden sehr unwirtlichen Herbergen getrübt wurde, gestaltete sich für die Römer eine Seefahrt. Sie war hauptsächlich auf die gute Jahreszeit beschränkt. Winterfahrten waren ein sv gewagtes Abenteuer, daß sie von niemandem ohne zwingenden Grund unternommen wurden, um so weniger, als ihm im Falle eines Schiffsbruches das traurigste Los drohte; denn trotz des strengen Einschreitens der Kaiser Hadrian und Marc Aurel übten die Bewohner mancher Küstengegenden ein unbarmherziges Strandrecht und verkauften sogar bisweilen die Unglücklichen, die in ihre Hand fielen, in bie Sklaverei. Auch vor Seeräubern war man nie sicher. So war selbst für bie reiselustigen Römer ber Anreiz zu Meerfahrten kein großer. Auch durfte man es dabei nicht eilig haben, da die Durchschnittsgesckwindigkeit eines Schiffes damals 4,17 bis 6,25 Seemeilen in der Stunde betrug, während unsere heutigen Schnelldampfer in der gleichen Zeil etwa 25 Seemeilen zurücklegen. Ein alter Römer, dem es vergönnt wäre, einen Blick in unsere Zeit zu werfen, würde daher wohl der Vorliebe der modernen Menschen für Vergnügungsreisen zur See mit einigem Kopfschütteln gegenüberstehen. Dagegen fühlen wir uns diesem großen Reisevolk des Altertums in (einer Bewegungsfreudigkeit und seiner hohen Reisekultur zu Lande wesensverwandt, wie himmelweit verschieden auch der äußere Rahmen ist, in dem sich die Vergnügungsfahrten einst und jetzt abspielen. Die Dame twf dem Otierpesz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Caspar Fuchs erwies sich für die Herren von der Kriminalpolizei als ein überaus zäher Bissen. Wan war sich schon nach dem ersten Verhör darüber einig, daß man es, wenn überhaupt mit einem Spitzbuben, dann mit einem von der intelligenten und darum um so gefährlicheren Sorte zu tun hatte. Fuchs hatte sich eine Taktik zurechtgelegt, an der alle strategischen Künste der Polizei abprallten. Er hüllte sich einfach in em undurchdringliches und hochmütiges Schweigen und beantwortete jeoe an ihn gerichtete Frage mit einem Achselzucken. Man hätte ihn für einen Menschen halten können, der durch irgendeinen verhängnisvollen 3mum in die Fangarme der Polizei geraten ist und es als unter seiner Wurde betrachtet, seine Unschuld auch nur mit einer Silbe zu erhärten. Selbst der an jede Art von Gaunertricks gewöhnte Kommissar, dem die Erhebungen oblagen, war sich darüber nicht im klaren und konnte sich des leisen Zweifels nicht erwehren, ob man mit dieser Festnahme nicht doch einen Mißgriff begangen habe. Er ließ diesen Zweifel auch ungeniert Kommissar Kling gegenüber laut werden, der den folgenden Tag aus Stralsund anrief, um sich nach dem Ergebnis des Verhörs zu erkundigen. Kling machte über dem Schalltrichter ein grimmiges Gesicht und hackte mit der Spitze seines Tintenstifts aus der Schreibmaschinenplatte herum; schließlich platzt« er mit einem unterdrückten Fluch mitten in die skeptischen Auseinandersetzungen seines Berliner Kollegen. „Lassen Sie sich doch von diesem gerissenen Kerl nicht gleich ins Bockshorn jagen, lieber Classen! Als ob es noch nie vorgekommen wäre, daß ein Spitzbube sich hinter Schweigen verschanzt! Wir werden ihm das Zungenband schon lösen! Und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß wir dann auf einmal allerhand überraschende Neuigkeiten zu hören bekommen. Haben Sie schon bei dem zuständigen Postamt nach der Empfangsbescheinigung über die Nachnahmesendung recherchieren lassen?" „Jawohl — das ist schon veranlaßt." „Dann dürste es ja nicht mehr schwer satten, ihn auf seine eigene Unterschrift hin zu überführen." „Gewiß, wenn sich herausstellt, daß es seine Unterschrift ist." „Das unterliegt für mich keinem Zweifel mehr. Aber es wird sich ja erweisen. In jedem Fall aber bin ich dringend dafür, daß Grau diesem Fuchs endlich gegenübergestellt wird. Ich habe diesen Antrag schon einmal gestellt, konnte aber leider damit nicht durchdringen. Aber jetzt bestehe ich darauf!" Der energische Ton des Kommissars verfehlte seine Wirkung nicht. Kommissar Classen fand zwar im Stillen, daß dieser Ton für einen simplen Provinzkommissar dem Großstadtkollegen gegenüber nicht geziemend sei. Aber er konnte sich andererseits seiner suggestiven Bestimmtheit nicht verschließen. Und so verzichtete er großmütig auf jeden noch so gelinden Seitenhieb und erklärte nur, mit einiger Herablassung, daß er die Konfrontation befürworten und ihm baldigst über diesen Punkt Bescheid geben wolle. Und schon zwei Stunden später wurde Kling von der Berliner Krimistalbehörde dahin verständigt, daß er mit dem Untersuchungshäftling Grau nach Berlin kommen solle. — Die Gegenüberstellung war für den nächsten Vormittag um zehn Uhr anbäraumt, und man sah auf beiden Seiten diesem Ereignis mit Spannung entgegen. Denn die Berliner Behörde hatte inzwischen wieder eine neue Schlappe erlitten. Man hatte Fuchs die Postquittung vorgelegt, die ustbestreitbar seinen Namenszug trug. Aber Caspar Fuchs hatte mit der kältesten Miene die Unterschrift für gefälscht erklärt und jede Teilnahme an dieser Angelegenheit abgeleugnet. Der Polizei blieb nichts übrig, als die Unterschrift einem Sachverständigen zur Prüfung zu überlassen. Man way aber nun doch ziemlich mürbe geworden und so entschloß man sich sehr rasch, dem dringenden Antrag Klings stattzugeben. Am nächsten Tag suhr Kommissar Kling mit Donald Grau in aller Frühe nach Berlin. Er hatte darauf verzichtet, noch einen Geheimpolizisten zur Bedeckung mitzunehmen. Denn weder die physische, noch die seelische Verfassung des Häftlings ließ die Befürchtung aufkommen, daß er einen Fluchtversuch unternehmen könnte. Außerdem wären ihm derartige Maßnahmen einem Menschen gegenüber, der seine Freiheit ohne Zwang aufgegeben hatte, geradezu lächerlich erschienen. Aber auch aus einem Taktgefühl, für das er sonst in seinem schonungslosen Berus wenig Vertrauen fand, vermied er alles, was einem „Transport" ähnlich sehen konnte. Er behandelte Grau in einer höflichen und beinahe kameradschaftlichen Weise, die den dienstlichen Zweck der Reise verwischte und das Feingefühl des jungen Mannes niemals verletzte. Denn er ahnte, daß Gian am Rande seiner physischen Kraft war, und daß es nur des geringfügigsten Anstoßes bedurfte, ihn ganz aus dem Geleise zu werfen. Er war während seiner kaum zehntägigen Hast ganz in sich zusammengesunken und erweckte zuweilen den Eindruck vollkommener Erloschen- heit. Sein Schicksal schien ihn nicht im geringsten zu interessieren. Nicht mit einem Wort hatte er nach dem Zweck der Reise gefragt. Er aß und trank, was man ihm vorsetztc. Er beantwortete jetzt mit Bereitwilligkeit und einer müden Ergebenheit jede Frage, die man an ihn richtete. Aber es war, als sei er mit jener Offenbarung Dr. Morris gegenüber in die Tiefen feines Selbst eingebrochen und fände nun nicht mehr an die Oberfläche normalen Lebens zurück. Sein großes Erlebnis hatte ihn ganz ver- fchüitet. Ihn hineingeschleudert in diesen brennenden Schacht. Und die Tür zur Wirklichkeit war hoffnungslos hinter ihm zugeschlagen. Kommissar Kling empfand aufrichtiges Mitleid mit diesem jungen Menschen. Er hätte ihm gerne wieder zu einem geregelten Dasein verhalfen und war mehr als einmal drauf und dran, ihn aus Mangel an Beweisen auf freien Fuß zu setzen. Aber als er eines Tages im Gespräch mit Grau diese Absicht streifte, hatte dieser ihn mit einem tödlich er. schrockenen, ja, beinahe entsetzten Blick angesehen. Kling begriff sofort, daß für diesen Mann die Freiheit vorläufig noch ein Danaergeschenk be< deuten würde. Die Vorstellung, in sein Haus, zu seinen alltäglichen Der- richtungen zurückkehren zu müssen, schien ihn in einen Zustand httflaser Angst zu versetzen. Und so kam feine Gefangenschaft mehr einer Schutz- Haft als einer Zwangsmaßnahme gleich. Als Donald Grau zum erstenmal wieder an die frische Luft kam, taumelte er vor Schwäche, so daß Kling ihm am Arm zum Auto führen mußte. Und während der ganzen Fahrt in dem reservierten Abteil sprach er kein einziges Wort. Automatisch folgte er jeder Anweisung seines Begleiters Aber er äußerte weder Verwunderung noch das geringste Interesse dafür, was mit ihm geschah. Auf die Berliner Herren machte er den Eindruck eines Geisteskranken. Kommissar Classen äußerte sich hinter Klings Rücken zu einem seiner Kollegen: „Dieses rohe Ei, das uns Kling da aus Stralsund mitgebrachk hat, scheint mir ziemlich faul zu sein — meinen Sie nicht?" Und beide Herren lächelten einander vieldeutig an. Inzwischen war Caspar Fuchs in das Nebenzimmer gebracht worden. In der nachlässigen Haltung eines gelangweilt Wartenden saß er dem Fenster zugekehrt. Er drehte kaum den Kopf, als er die Tür gehen hörte und Grau in Begleitung von Kling und Classen ins Zimmer trat. Gleich- gültig und ohne Spur von Unruhe leistete er der Aufforderung, sich zu erheben Folge. Sein Gesicht war den Eintretenden jetzt voll zugekehrt — mit einem Ausdruck hochmütiger Teilnahmlosigkeit. Auf Kling machte er den Eindruck eines kalten und rücksichtslosen Verbrechers, und er begriff nicht, wie man sich hier von dieser arroganten Maske tauschen lassen konnte. Unbeirrt schob er Grau noch ein paar Schritte vorwärts und stellte ihn Fuchs direkt gegenüber. „Sagen Sie uns, Grau, ist Ihnen dieser Herr da bekannt? fragte er unvermittelt. Der Maler blinzelte mit entzündenden Lidern unsicher m die harte Helligkeit des großen Raumes. Dann blieb sein Blick an Fuchs haften — grübelnd und fremd. Langsam schüttelte er den Kopf. .Nein ich glaube nicht." , , Dem Kommissar schoß das Blut ins Gesicht. Ein schadenfroher Blick Classens hatte ihn gestreift. Verärgert drängte er: „Besinnen Sie sich doch — ist Ihnen dieser Herr noch nie begegnet? Lassen Sie sich Zeit, und überlegen Sie genau, bevor Sie antworten. Es hängt sehr viel von Ihrer Aussage ab!" . Eine erwartungsvolle Stille trat ein. Grau suchte angestrengt in den Zügen seines Gegenübers nach einer, wenn auch noch so geringen, (Erinnerung. Aber er konnte nicht den Schatten einer Aehnlichkeit mit irgendeiner ihm bekannten Person finden. Nein, diesem Mann war er bestimmt noch nie in seinem Leben begegnet! Er besaß ein so gutes Physiognomiegedächtnis, daß er einen zumal in Norddeutschland nicht landläufigen Typ von so ausgesprochen südlicher Prägung ohne Zweifel wiedererkannt haben würde. Caspar Fuchs stand während dieser Musterung unbeweglich, die Hände in den Rocktaschen vergraben, da. Seine Blicke hielten Grau umklammert. Ein höhnisches Lächeln entblößte seine Zähne. Und plötzlich sagte er in die Stille hinein: „Merkwürdig, daß der Herr mich nicht wiedererkennt, nachdem er mich doch vor kaum zehn Tagen erst ermordet hat!" Sein herausforderndes Gelächter weckte Grau aus seiner Versunkenheit. Er blinzelte verstört. Hilflos bewegten sich seine Schultern. Er hatte gar nicht begriffen, was der andere sagte. Der Sinn seiner Worte war noch nicht bis zu seinem Bewußtsein vorgedrungen. Er verstand nur irgendwie, auf eine dumpfe und zusammenhanglose Art, daß dieser Mensch dort, dieser Unbekannte — fein Feind war. Er spürte die Ausstrahlung seines Hasses, körperlich fühlte er sie wie tiefe, eiskalte Nadelstiche in seinem Fleisch. Verwirrt hob er die Hand und faßte sich mit seiner kindischen Gebärde ans Ohrläppchen. Da hörte er neben sich die wütende Stimme des Kommissars: „Schweigen Sie! Was fällt Ihnen ein, in unsere Verhandlungen einzugreifen? Warten Sie gefälligst, bis Sie gefragt werden!" Gleich darauf fühlte er sich von Kling am Arm gepackt. „Und Sie, Grau, Sie antworten mir jetzt klipp und klar: Ist dieser Mann, den Sie hier vor sich sehen — Caspar Fuchs oder nicht?" Donald Grau horchte bestürzt auf. Seine Pupillen weiteten sich in tödlichem Erschrecken. Instinktiv zog er das Genick ein wie ein Mensch, der aus dem Finstern irgendeine Gefahr auf sich zukommen fühlt. In ratloser Verwirrung zerrte er an seinen Fingern, daß man die Gelenke knacken hörte. „Caspar Fuchs — wieso?" stammelte er. Jetzt mischte sich Classen ein. „Spielen Sie uns keine Komödie vor!" herrschte er Grau an. „Zum letztenmal — antworten Sie: Ist dieser Herr der Ihnen bekannte Caspar Fuchs?" Er zückte seinen langen, gelben Raucherfinger gegen Fuchs, der sich seelenruhig mit gekreuzten Armen gegen den Schreibtisch lehnte. Jetzt erst schien dem Maler der Zusammenhang aufzudämmern. Seine Lippen verzogen sich zu einem fast einfältigen Lächeln. „Dieser Herr dort? Aber nein, das ist doch nicht Herr Fuchs. Diesen Herrn kenne ich gar nicht!" . Ein peinliches Schweigen trat ein. Kommissar Classen kniff vielfagend die Lippen ein. Kling zupfte in verbissenem Aerger an seinem Bärtchen. Und Caspar Fuchs sah mit einem Lächeln des Triumphes von einem zum andern. „Ich habe Ihnen ja gleich gesagt, meine Herren, daß hier eine Verwechslung vorliegen muß. Die ganze Sache ließ sich ja gleich zu Beginn wie ein Silvesterscherz an Das hätte ein Blinder merken können! — Und nun, denke ich, steht meiner Freilassung hoffentlich nichts mehr im Wege?" Classen ärgerte sich ein wenig über den anmaßenden Ton. Aber seine Antwort kam doch nahezu einer Entschuldigung gleich. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: vr. HansThyriot. — Druck undDerlag:Drühl'fcheUniverfitäts-Vuch. undSteindrucker ei, D. Lange,Gießen.