SietzenerSamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Hreitag, -en 19. Mai Nummer 38 Das Mädchen aus der Fremde. Von Friedrich Schiller. In einem Tal bei armen Hirten Erschien mit jedem jungen Jahr, Sobald die ersten Lerchen schwirrten, Ein Mädchen, schön und wunderbar. Sie war nicht in dem Tal geboren, Man wußte nicht, woher sie kam, Doch schnell war ihre Spur verloren, Sobald das Mädchen Abschied nahm. Beseligend war ihre Nähe, Und alle Herzen wurden weit, Doch eine Würde, eine Höhe Entfernte die Vertraulichkeit. Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glücklichem Natur; Und teilte jedem eine Gabe, Dem Früchte, jenem Blumen aus, Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging beschenkt nach Haus. Willkommen waren alle Gäste, Doch nahte sich ein liebend Paar, Dem reichte sie der Gaben beste, Der Blumen allerschönst« dar. Förster und Wilddieb. Von Paul Ernst. Die im Folgenden erscheinende Erzählung des soeben im Alter von 67 Jahren unerwartet verstorbenen Paul Ernst mag die vor einigen Tagen veröffentlichte Würdigung seiner Persönlichkeit ergänzen als ein kleiner Beitrag aus dem umfassenden Lebenswerk dieses deutschen Idealisten, der erst wenig« Tage vor seinem Tode zum Mitglied der neuen Dichter- Akademie ausersehen worden war. Eine kleine Ortschaft im Harz war zum großen Teile von Bergleuten bewohnt, welche entweder in den staatlichen Manganerzgruben beschäftigt waren, oder als Eigenlöhner in Tagebauen, den Pingen, auf Eisenstein arbeiteten. m Die Ortschaft mit ihrer Feldslur lag mitten im Wald. Damals, als die nachfolgende Geschichte spielte, am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, verband noch keine Landstraße sie mit der übrigen Welt. Die angesessenen Leute waren seit alten Zeiten berüchtigte Wilddiebe; man kann sich vorstellen, daß in diesem entlegenen Gebiet jahrhundertelang niemand außer ihnen Anspruch aus das Wild gemacht hatte; und wenn heute ein Mann abends aus seine Wiese ging und einen kapitalen Hirsch sichernd austreten und aufs Geäs ziehen sah, dann war es wohl schwer für ihn, nicht am andern Abend mit seiner alten Büchse, die er noch vom Urgroßvater geerbt, auf Anstand zu gehen. In einer hellen Mondnacht kniete ein Wilderer vor einem geendeten Hirsch und schnitt ihm eben mit seinem Taschenknief das Kurzwildbret aus; fein zweiläufiges Gewehr lag vor ihm, der eine Lauf noch geladen. Der Hirsch war am Rand eines Abgrunds gestürzt, des tiefsten der Tagebaue in der Nähe der Ortschaft; ein morsches Gatter, mit langherabhängenden Flechten bewachsen, lief um den äußersten Rand des Abgrunds, der senkrecht nach unten fiel. Plötzlich sprang dem Knienden der Förster entgegen mit der gespannten Büchse in der Hand; er setzte den Fuß auf das Gewehr des Bergmanns und rief: „Gib dich." Der Wilderer schnellte auf, griff sein Messer fester; der Förster hob die Büchse an die Wange; der andere ließ die Arme sinken und sagte mutlos, mit dem Fuß den einen Lauf des Hirsches zur Seite stoßend: „Ich kann nicht aus." „Du tust mir leid", erwiderte der Förster, „aber ich kann nicht anders. „Ja, ja, schon gut", antwortete der Bergmann. „Es ist mir nur leid um die Frau und die Kinder. Es find ja nicht nur die zwei Jahre, aber das Haus wird alle. Dann kann mein Junge auf die Manganarube gehen und meine Frau kann Holz lesen." — „Was soll ich machen? entgegnete der Förster. „Du bist der Schlimmste, das weißt du selber. Ich muß meine Pflicht tun." „Dein Glück, daß du so ein schlauer Hund bist", schloß der Bergmann, „sonst wäre ich auch noch zum Mörder an dir geworden; davor hat mich Gott nun behütet." Der Förster befahl dem Mann, sich umzudrehen und ihm voraufzuschreiten. Als aber der Mann das getan und er sich nun bückte, das Gewehr des Wilderers aufzuheben und ihm zu folgen, ging der noch geladene Lauf los. Unwillkürlich prallte der Förster zurück, stieß hart an das Gatter, der morsche Pfosten brach über der Erde ab, er verlor das Gleichgewicht und stürzte vorwärts über das Gatter; er griff mit den Händen in die Luft, überschlug sich, seine Hände faßten eine Wurzel, die aus dem Gestein hervorragte; mit einem fürchterlichen Ruck hängte sich fein Körper an die Arme; ein losgelöstes Gatterstück hing schwingend eine kurze Zeit über ihm, fiel dann über ihm fort in die Tiefe. Der Bergmann legte sich oben glatt nieder und sah nach unten. In dreioiertel Mannshöhe hing der Förster, das Gesicht nach vorn gerichtet: er hing an der äußersten Wurzel einer alten Fichte, die genau am Abgrund überhängend stand; kleine Steinchen bröckelten über ihn hin. „Hab Erbarmen mit meinen Kindern, hilf mir, daß ich hoch komme", rief der Förster. Der Wilderer schnallte seinen Leibriemen ab und legte ihn um die freiliegende Lende der Fichte und befestigte ihn, indem er ihn ganz durch die Schnallenöse laufen ließ; es war eine schmale und zähe Wurzel quer über die Lende gewachsen und verhinderte so das Abgleiten. Dann nahm er den Riemen von seinem Gewehr und schnallte ihn an den anderen Riemen; jetzt fragte er den Förster: „Kannst du dich an mir hochziehen?" Die Wucht des «kurzes hatte dem Förster die Armgelenke taub gemacht, er wußte noch nicht einmal, ob er sich nur würde halten können. Nun machte der Wilderer noch zwei Knoten in feine Riemen, um einen Griff zu haben, und ließ sich dann langsam über dem Förster hinab; der Förster ließ erst die eine Hand von feiner Wurzel los und klammerte sich an den Fuß des Wilderers, klammerte sich bann mit dem anderen Arm, und so trug nun der zusammengesetzte Riemen die beiden aneinander hängenden Männer. Vorsichtig zog der Wilderer sich an dem Riemen in die Höhe, bis er den ersten Knoten fassen konnte, zog sich dann weiter hoch, bis er den zweiten Knoten faßte, immer den Förster an den Füßen, zog sich bann höher, bis er bie Senbe bes Baumes mit dem einen Arm umklammerte, bann mit bem anbern Arm, unb nun schob er sich weiter aus bas Ebene, sich in Wurzeln einhakenb, unb wie er seine Beine hochzog, da kamen bie Hände bes Försters zum Vorschein, bann ber Kopf, unb enblich hatte er auch den Förster auf dem Ebenen oben; ber hielt aber seine Arme noch eine Weile um bie Beine bes Mannes geschlungen, bann erst ließ er los. „Das war ein saures Stück Arbeit, sagte der Wilberer und besah seine Hänbe; von brei Fingern an jeber Hand waren ihm die Nägel aus- gerissen „Meine Kinder", stammelte ber Förster, „meine Kinber." „Du bist ja wie betrunken?" fragte ihn ber Wilberer. Der Förster holte seine Schnapsbuttel heraus, trank bem Bergmann zu unb reichte sie ihm; der tränt gleichfalls unb sagte: „Der tut gut." „Habe ich benn geschrien?" fragte ber Förster; „ich habe von gar nichts gewußt." „Von beinen Kindern haft du gesprochen", antwortete ber Wilberer, „unb baß bu bich nicht an mir Hochziehen kannst; deshalb habe ich dich mit Hochziehen müssen." _ Es entstand eine Pause; ber Förster sah auf ben geenbeten Hirsch unb sagte: „Er sieht gut aus am Leibe." Plötzlich erinnerte er sich, wischte über sein Gesicht unb fuhr fort: „Ach so." Der Wilberer schwieg eine Weile, bann sagte er: „Nun laßt bu mich doch aus Den Hirsch schickst bu an ben Oberförster, das Gehörn ist dein. Es ist ein ungerader Vierzehnender." Der Förster schüttelte den Kopf und erwiderte: ,, m „ Ich habe geschworen." „Wer bas alles glaubt, was die Pastoren sagen!" antwortete ihm achselzuckenb ber Wilberer. „Es ist nicht beshalb, aber Orbnung muß sein", sagte ber Förster. „Du hast mir bas Leben gerettet, ohne bich war ich hin. Aber wenn ber Mensch seine Pflicht nicht mehr tut, bann ist alles aus." ..... , . Plötzlich stürzte sich ber Wilberer auf ben Forster, kniete ihm auf ber Brust unb umklammerte ihm mit ben blutigen Händen bie Kehle, inbem er schrie: „Dann muß du doch hinunter", aber durch bie heftige Bewegung tarnen bie Körper ins Gleiten, der Wilderer fiel zur Seite, schnell warf sich ber Förster auf ihn, mit ber einen Hanb packte er seine Kehle, mit ber anberen ergriff er einen schweren Stein unb schlug ihm auf ben Kopf baß ihm bie Sinne schwanden; neben ihm hingen noch die zufam- mengefdjnallten Riemen, er löste sie vom Saum, wälzte ben Mann um unb verschnürte ihm bie beiben Hänbe auf bem Rücken. Dann nahm er ben abgefchosfenen Doppelläufer, benn seine eigene Büchse lag unten in ging weiter. Oer Fischer. Von I. W. von Goethe. Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll. Ein Fischer sah daran, Sah nach dem Angel ruhevoll. Kühl dis ans Herz hinan. Und wie er sitzt, und wie er lauscht. Teilt sich die Flut empor; Aus dem bewegten Wasser rauscht Ein feuchtes Weib hervor. Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: „Was lockst du meine Brut Mit Menschenwitz und Menschenlist Hinauf in Todesglut? Ach, wühtest du, wie's Fischlein ist So wohlig aus dem Grund, Du stiegst herunter, wie du bist. Und würdest erst gesund. Labt sich die liebe Sonne nicht, Der Mond sich nicht im Meer? Kehrt wellenatmend ihr Gesicht Nicht doppelt schöner her? Lockt dich der tiefe Himmel nicht, Das feuchtverklärte Blau? Lockt dich dein eigen Angesicht Nicht her in ew'gen Tau?" Das Wasser rauscht, das Wasser schwollt Netzt ihm den nackten Fuß; Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll Wie bei der Liebsten Gruß. Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; Da war's um ihn geschehn: Halb zog sie ihn, halb sank er hin Und ward nicht mehr gesehn. legen ein: „Der Mann hat doch dem Förster das Leben gerettet mit eigener Lebensgefahr. Der Förster hat es für seine Pflicht gehalten ihn trotzdem zu verhaften." „Ich weiß, ich weih an wartete der Herzog „Was soll ich tun? Der Förster tut mir ja leid, lassen Exzellenz ihm eine Anweisung aus zwanzig Taler ausschreiben." Der Förster trat ungestüm vor und schrie: „Bin ich ein Menschenverkauser?" Plötzlich riß er seinen Uni- sormrock auf, zog ihn aus, warf ihn dem Herzog vor die Fuße und fuhr fort- Da liegt der grüne Rock." Der Minister zitterte, der Herzog lächelte, wie er den wütenden Mann in Hemdsärmeln und den, bebenden Beamten sah; dann ging er auf den Förster zu reichte ihm ^e Hand und sagte: Er ist ein Kerl, wie er sein muß. Zieh Er seinen Rock wieder an, der Wilderer wird begnadigt, Seine zwanzig Taler soll er doch haben. Dann winkte er den beiden Fassungslosen zu und ging aus dem Saal. Der Minister nahm den Förster wieder in seinen Wagen, aber die Beiden sprachen unterwegs, kein Wort. ., Als der Bergmann nach Hause kam, sagte der Forster zu: ihm. „Wir sind quitt, jetzt geht eine neue Rechnung an/ Der Wilderer schüttelte ihm die Hand, dankte ihm und sprach: „Ich habe genug von dem Schreck noch einmal mag ich das nicht erleben." „Wer s glaubt daß es anhalt! erwiderte der Förster, rückte seine Büchse zurecht, pfiff feinem Hund und der Pinge, kud, sah den Feuet-stein nach; der Wilderer hatte sich wieder ausgerichtet, das Blut lief ihm über die Augen; der yorfter zog sein Taschentuch, wifchte ihm die Augen, verband die Stirnwunde und setzte ihm die Mütze auf. Dann erhol, sich der Wilderer, und mbem b°r Forster ihm mit gespanntem Hahn folgt-, gingen die beiden zur Ortschaft hinunter Die Hunde bellten. Alle Häuser waren dunkel. Als sie am $au(e des Wilderers vorbeikamen, fragte der Förster: „Willst du deine j^rau und Kinder noch einmal sprechen?" Der Mann schüttelte finster den Kopf und erwiderte- ,Jch habe keine Lust aus das Geplärr." So gingen die beiden weiter auf dem Weg, den die Eifenwagen und Kohlenkarren führe" bis zur Eisenhütte; der Lichtschein glühte durch die Fensterund offene Tur der Hütte- der Mond ging unter, sie schritten im Sternenlicht weiter. „Kannst du vor die Füße sehen?" fragte der Förster; d°r Bergmann antwortete nicht; gegen Morgen kamen sie m der Stadt der Forster schlug an das Gefängnistor; er sagte noch: „Daß du mich geltet has , will ich vor Gericht erzählen, das andere braucht keiner zu wissen, das rs meine Sadie. Verrate dich nicht, denn wenn ich gefragt werde, so muh ich’s sagen " „Es ist gut", antwortete der Bergmann Das Tor wurde geöffnet, der Förster lieferte feinen Gefangenen ab und ging zuruck. In der Gerichtsverhandlung wurde alles erzählt, außer dem letzten Angriff des Wilderers; es ging nicht anders, als dah man den Mann verurteilte, aber bie Richter empfahlen ihn dem Herzog Begnadigung^ Man wußte, daß der Herzog Wilderer nicht begnadigte. Der Forster zog seine Staatsuniform an und fuhr in die Hauptstadt; er erhielt eine Audienz beim Minister; der Minister jagte: -,2ch fühle menschlich ,itz sich gleich mit ihm in den Wagen und fuhr zum «chloh; die beiden-mußten in einem großen Saal warten; der Herzog erschien, der Minister sagte ihm ein paar Worte, und forderte dann den Forster auf, zu erzählen. Schweigend, auf die Erde blickend, mit ungeduldigem ®CWS““S^ hörte der Herzog zu; wie der Förster seine Erzählung beendet hatte, sagte er langsam, ihn gleichgültig ansehend: „Ich habe es nur Zum Gesetz aemackt keinen Wilderer zu begnadigen. Anders kann das Laster nicht ausgerottet werden." Dem Förster schwoll die Ader auf der Stirn „Das Laster?" rief er, „Hoheit gehen selber auf die Jagd. Meinen Hoheit, die arm n Leut sind aus anderm Teig gehalten?" Erstaunt trat der Herzog eine halben Schritt zurück und sah auf den Minister. Dieser warf oer- " m' hat doch dem Förster das Leben gerettet mit eige- Förfter hat es für feine Pflicht gehalten, ihn trotz- pannonische Reise. Von FriedrichReck. Kagran liegt irgendwo beim Wiener Praterspitz, und fanqts Oelland an", jagt ein altes Wiener Sprichwort. Und man dachte dabei an das Elend der ganz oder auch halb balkanischen Garnisonen, und es war mit ihnen noch schlimmer bestellt als b-'uns wenn man von einer Thüringer Residenz versetzt wurde nach Bomst, Tüchtige.Mes^itz ober Marggrabowa. Dann nämlich telegraphierte man aus Weimar, Ru- bolstabt ober Koburg an den Regimentsadiutanten der neuen östlichen Garnison: „Mietet sosort sechszimmriges Einfamilienhaus nebst Stallung, Garage und Zubehör." Und bann telegraphierte aus Marggrabowa ober Bomst der Regimentsadjutant schlicht und kurz zurück. „Mensch, hc < en Sie ’ne Ahnung!" So verhielt es sich mit dem königlich preußischen Osten, so verhalt es sich mit dem Lande östlich vom Praterfpitz. Gleich hinter Prehburg ver- chivinden die Segnungen des Telephons, der Motorisierung und des W C und auf dem letztgenannten Gebiete kehrt man in einer völlig ungeahnten Weife zurück zur Natur. Dafür gibt es: Raum ohne Volk bi/großen menschenarmen und götterreichen Ebenen Osteuropas Pferbe statt ber Traktoren, Menschen, bie zwar nicht chauffieren aber reiten können Pferbe, bie vor Autos scheuen. Sonst noch: Urwüchsigkeit, Erb- qeruch 'und Pfeifengestank. Man hat eben entweder den Wein ober man hat ben Becher, das Radio ober bie Nachtigallennachte ber ungarischen Ebenen, amerikanisiertes Europa mit Depresstonszustanden, ober eben pannonisches Halbasien mit Ritterlichkeit unb chaotischer Seele. Was aber schert mich Rabio unb Zivilisation? Ich schaukelte i eti v ter Wo »en tue balkanische Donau hinunter in meinem Boot, und in ben großen Dschungeln bes königlichen Stromes steht mein Zelt, und wenn dieser Zustand noch ein paar Wochen anbauert, so verliebe ich mich m dieses Land der weiten goldenen Horizonte, und Europa sieht mich nie wieder... Ach, Europa! Abschied nahm ich kurz vor Theben, als ich dem Baron Kulmer bie Hand brückte. Sülmer, ber nacheinander österreichischer Marineoffizier, Arzt, Bankbeamter war, unb feine Karriere bei der Lan- berbant bamit beenbete, daß er in ber Schalterhalle fein Zelt auffdjlug. Mit der Begründung, baß er bort einen eigenen abgeschlossenen Raum haben müsse Jetzt aber bebient er auf Kilometer 1904 bie Sonaufahre, verkauft an Ausflügler unb kroatische Bauern Sodawasser und Bonbons erfindet nebenbei das Perpetuum mobile, wartet jo als Fahrenfuhrer auf i>enDIaas9ab’er mar auch wirklich bie letzte Berührung mit Europa und seither bin ich wieder ein Tramp im Vorzimmer Asiens Ja dieses ist wohl noch die Donau, der Strom von Ulm und Ingolstadt die geliebte Nährmutter der bayrischen Heimat. Aber wo ist nun der eisige Inn und die'helle grüne Enns und bie schimmembe Atz, bie an meinem ober» banrifchen Hof vorüberrumort? Diese Donau hier, sie ist nun eine Kette kilometerbreiter Seen, sie ist mit ihrer kaum spürbaren Strömung träger als eine ältliche Türkin. Noch trägt sie wohl Tannenholzsplitter, die unter Tiroler?Holzfalleräxten fielen. Aber die Tanne findet man n den D chun- „ein ihrer Sumpfufer nicht mehr. In dem tragen Gekraust! ihres Fbehes treiben noch Cremeschachteln, Bierflaschen, Apfelsinenschalen und Gichb mittelbüchsen und noch viel diskretere Dinge — noch schleppt sie mit sich den Absall Europas. Aber diese Sumpfinseln konnten ebensogut 1 Guayasriver in Ecuador oder im M'busi in Ostasrika jein. An meinem «>oot vorüber, pechschwarz mit gelbem Bauch, schwimmt eine riesige Aesku- lapnatter unb nach ein paar Hunberten von Kilometern wird man roieber bie rosafarbenen Flügel der Flamingos sehen. Sonne Mstet auf dem öligen Strom, höllenheiß und moskitogesegnet sind bie Nachte 'M Ze«, unb nun werben wir wohl roieber balb das tägliche Brot des Uebersee mt3n Mburg, ehe ich mich endgültig verliere in diese Wildnis, beäugt man von der sonntäglichen Promenade aus, besorgt «m die Sicherheit der Tscheche!, mit Prismengläsern die Flaggen meines Schisschens, und Fluhmonitore mit Panzertürmen und frisch geöltenKanonchen haben sie nun auch schon. In Komorn, wo die Grenze zwischen Ungarn unb ber I Tscheche! mitten durch den Fluh lauft, üben auf dem linken User tsche chische und auf dem rechten ungarische P,on'ere unb wenn ie si-h M't ihren Prähmen in der Mitte begegnen sollten diese feinbUAen »ruber, bann fällt in der Schweiz der Völkerbundspalast zusammen. Bei Estergom aber, wo auf alten gotischen Gewölben der Monopteros der ^a^brale steht, da stehen auf dem rechten Ufer ungarische und auf dem hnfen Ufer tschechische Fischer und beschimpsen sich mit Worten, bei denen ein Hamburger Leichtmatrose schamrot sich in die Erde verkriechen mürbe. Kurt chönseler aber war ein im alten Schwabing wohlbekannter Maler, und ehe er im Oktober 1914 in Flandern fiel, pflegte er jeben lag aus bem Graben bes List-Regiments zu klettern und zunächst mal grimmig bie Enalänber brüben zu beschimpfen. Worauf jebesmal drüben ein baumlanger Scotchman aus ber Erbe stieg unb seinerseits zurucksluchte, und es war genau wie in der Ilias, wo die Helden sich vor dem Kampfe auch Io harte Dinge jagten, unb erst nach biefem Gebrull begann bie tägliche Schießerei. So ist bas auch hier. Mein Gott, es gehört bie Stimme eines Ochstnfrosches dazu, über einen taufend Meter breiten Strom so hinweg- rutoreien, daß drüben mit allen Nuancen die Liebenswürdigkeiten verstanden werden. Und allmählich gesellen sich 3" den Rufern im Streit auch noch ihre Weiber unb Kinber, und schließlich stehen sich fluchende ganze Dörfer gegenüber, und unter diesen Wellen von Fluchen gleite ich hinein in den schwefelgelben Kaspar-David-Friedrich-Horizont. i Unb in der nächsten Zeltnacht wecken mich bayerische Bauernjungen, die bie S-bwüle nicht schlasen läßt, und sie reden einen Dialekt, rote er zur Zeit Maria Theresias mag gesprochen worden sein, damals, a s sie auswanderten. Unb bann, hinter Budapest, da lause ich mir einmal bas Benzin für meinen Kocher in einem Pußtaborf, wo der ^antwort ein alter englischer Husarenosfizier ist, der hier als Eestütsmeifter irgendeines ungarischen Granden hängen geblieben ist. Es ist zwar ein simpler ungarischer Bauernhof, aber der Garten ist doch anglisiert, und an den Lehm- roänben hängen alte Derbykupser und Photographien aus Spaa und sich sagen mußte, ■ Zeit so gut wie Ostende, und man sieht, wie der nun der Pußta versunkene Besitzer neben dem Grafen Holk und all den großen Rennreitern von dazumal über die Tribünenhürde fetzte ja, ja, alter Junge, als wir noch schon, jung und zwanzig waren und zum Frühstück schon zehn Kilometer Morgengalopp und den ganzen Sprunggarten im Leibe hatten! Und nun sind wir Outsider geworden und das Reiten ist vertagt bis aus weiteres. Aber mir cheint, die Zeit ist so, daß die Zukunft den Outsidern gehört. Den Gent e- man-Tankwarts und denen, die in der Office der Landerbank ihre Zelte bauten. Wir gehen nicht zugrunde — nö, sollte uns passieren und im Notfälle werden wir Kammerherrn bei der Dynastie Dschingiskhan und Eskadronchef bei den Apokalyptischen Reitern werden... Und die Ungarn sind das letzte Volk mit der Liebenswürdigkeit und den Formen des alten Europa. Und die ungarischen Gendarmen sind, wenn sie nachts an meinem Lagerfeuer erscheinen, so bestrickend liebenswürdig, daß ich immer denke, ich bekomme zum Schluß noch ein Gute- nachtküßchen. Und der einzige unhöfliche Mann in Ungarn ist der Oberkellner im Hotel Vadaszkürt in Gönyi. Voller Akaziendust und Liebesschreien brünstiger Kreatur ist die Nacht, und was hier, kurz vor dem Drau-Dreieck, nadelsein und am gelben Abendhimmel steht, das ist das erste Minarett, und nun wird man ihn wieder bald hören, den großen, ruhigen Gesang: „Allah hu akbar..." Und heute fand ich an der Schleppangel einen stattlichen Fisch, und wir wollen in Salbeiblättern in der Asche des Lagerseuers ihn braten, im eigenen Saft. Und im Umkreis von zehn Meilen mag unser Zelt das einzige Haus fein, und der Himmel ist eine riesige, kobaltene Schüssel, mit den hellen Aquamarinen von Andromeda und Schwan und Kassiopeia und dem gigantischen Vogen von Bär und Spica und Arkturus... Und die Götter des fernen Landes find groß, und man weiß nicht, wie man wieder heimsinden soll aus der Unendlichkeit. Durch die Unendlichkeit singt ein Lied, das ist ewig wie oben der Arkturus, und die wandernden Menschenkinder müssen's alle fingen ... Leb, weiß nicht wie lang, Sterb, weiß nicht wann, Geh, weiß nicht wohin, Weiß nicht, daß ich so fröhlich bin. \ ♦ Hinter Mohacz, wo heute die jugoflawische Grenze läuft, versinkt Europa definitiv. Diese unendlichen schwarzen Wälder, deren Füße auf Luftwurzeln im Wasser stehen, das ist nichts anderes als der Mongroven- rand eines tropischen Flusses, und einsam und rätselvoll ist auf ihnen die Fahrt, wie die auf dem Styx, und wer diese Wälder betritt, wird von Moskitos gefreßen, und hinter den nassen Vorhängen ihres Laubes raschelt, schabt, schmatzt und schlürft immer etwas, was man lieber nicht sieht .. Die Donau aber mit ihrem Hochwasser hat nicht genug an ihrem beinahe meilenbreiten Bette — sie schießt urplötzlich mit einem Wasserfall hinein mitten in den Wald, sie frißt das morastige Land, sie unter- wühlt den schwankenden Boden, sie ist überall und übermächtig. Unheiliger Gewitterregen schüttet Bottichgüsse auf mein Boot, die Ufer verschwinden, man ist allein im grauen Chaos. Das deutsche Motorschiss, das mir ent= geqenkommt, nähert sich geräuschlos und schemenhaft, wie em ©eifterboot. So ist das. In Török, wo eine riesige Lehmwand nebst obligater Türkenruine den herausfordernden Stumpfsinn der Dschungeln unterbricht, da baue ich mein Zelt bei schwäbischen Fischern, werde zum Diner eingeladen und bekomme Fogosch in Paprikasauce vorgesetzt, tnnte biefen weißen Bauernwein, der herb nach seiner mütterlichen Erde schmeckt und der die Beine nicht schwer macht ... höre auch zu, was m?ine Wirte von Gott und der Welt sich erzählen. Schwaben aus Württemberg undBayern, einqewandert vor zweihundert Jahren. Einer hat nach dem Weltkrieg gegen die Bolschewiken gesochten, einer ist ein Pfalzer von jenem schonen brünetten Römertyp, einer stammt aus dem Elsaß, heißt Hegy, hat gehört, daß es in Straßburg noch einen Mann gibt, der so heißt wie er: und nun betrachtet er es als das große Ziel seines Lebens, einmal nach Straßburg zu reisen und von Angesicht zu Angesicht jenen Mann zu sehen, der ebenso heißt wie er. Im übrigen fischen sie in eine gemeinsame Kass«' haben im nächsten Städtchen, in Apatin noch eine richtige Gilde mit Zunftgesetzen und einer Fifcherkrone. . Und wieder diese pressende Einsamkeit und die göttliche Horizontale der unermeßlichen Ebenen und einsame Rinderherden mit homerisch gekrümmtem Gehörn, und in den einsamen Zeltnächten das große Himmels- theater der Sterne und der göttlichen Silberbogen von Arcturus und Spica und die majestätischen Feuerfittiche des Schwans. Die Kuckucke schreien nach Liebe und Fraß und schreien vor lauter eifer das „Kuck" gleich fünfmal hintereinander. Und nachts geisterhaft und stumm, da marschiert eine Schafherde ohne Schäfer durch mein Biwak, und voll fremdartiger Tierschreie ist auch die Nacht. Wo ist München? Wo der grüne Himmelsschwung deiner Theatinerkuppel? Und das Lachen deiner weihen Tauben? Dafür taucht irgendwo im «udosten Belgrad auf. Ein kleiner Stadtfleck, dem man seine Dreihunderttausend zunächst nicht glaubt, weil die Stadt einfach ertrinkt in ihrem nefigen Landschaftstheater. Keine Stadt, sondern der große Markt eines Landes von Bauern und Jägern und Fischern und Hirten. Und auf dem Rau- megdan, unter den Trompeten der Lautsprecher, da brennen die anuin= sardenen Tücher kroatischer Bauern einfach Löcher in Gottes Welt, und in den tiefen Gräben der alten Tiirkensestung turnen in feuerroten Blusen Heine begeisterte Sokols. Und dazwischen promeniert selbstbewußt das Df fixiert or ps der kleinen, sieghaft sich fühlenden Armee: Gardereiter m weißen Sommeruniformen und feuerroten Reithofen ... unwahrscheinlich gut rasierte Stabsärzte mit dem Geruch von Peau d'Espagne, in schlichtem Braun die berühmte siebener Infanterie, die vor nun schon neunundzwanzig Jahren die Dynastie Obrenowitsch abschlachiete. Im alten Konak ben man wegen dieser Vergangenheit lieber von der Erde sortrasiert hat, wie man bei Wien nebst seinen blutigen Erinnerungen das Schloß Mayerling vom Erdboden fortwischte... Sie neue Dynastie aber hat sich an gebaut juft auf dem gleichen blut- gebüngten Boben und haust dort in einer fabulo[en mgelnagelneiien Gpätrenaiffance, die man an Ort und Stelle wunderschön findet. Und Am Abend jenes Sonntags, an dem die beiden Polizisten ihre An- trittsoifite in der Jnvalidenstrahe gemacht hatten, hatte Jensen eine zu. fällige Begegnung. Das heißt, der junge Polizeibeamte hatte dabei dem Zufall ein wenig nachgeholfen. Seit er Caspar Fuchs zum erstenmal gesehen hatte, war er ganz versessen auf dessen nähere Bekanntschaft. Und da es ihm zweifelhaft schien, ob Fuchs auch seinerseits zu weiteren Zu- (ammentünften geneigt sein würde, so zog er es einstweilen vor, [einen Spuren in angemessenem Abstand zu folgen. Er hätte viel darum gegeben, wenn er diesen Schachklub hatte aus- sindig machen können, in dem Fuchs verkehrte. Aber zu seinem Merger war er dienstlich verhindert, ihm zu seinem Stelldichein um vier Uhr zu folgen. Erst gegen sieben war er frei. Und obgleich er sich sagen mußte, daß eine Streife in der Nähe des Fuchsbaus um diese Zeit so gut wie aussichtslos ein würde, zog es ihn doch unaufhaltsam in diese Gegend. Trotz des Regens bummelte er in lustwandlerischem Tempo di« Chausseestraße entlang. Aber er war noch nicht dis zur zweiten Quer- straße gekommen, als wenige Schritte von ihm entfernt, ein Herr aus ber Straßenbahn sprang, in benv er auf ben ersten Blick Caspar Fuchs erkannte. Jensen öffnete schnell seinen Schirm — ein Instrument, bas er mehr als eine Art von Tarnkappe als zum Schutz gegen die Witte, runa bei sich führte — und machte kehrt. Und er muhte sich in Trab setzen, denn Fuchs rannte mit hochgestelltem Mantelkragen langbeinig vor ihm her. Wahrscheinlich strebte er einem nahegelegenen Ziel zu. Denn er hielt es nicht der Mühe wert, seinen Regenschirm auszuspannen. Dicht Hinterm Stettiner Bahnhof bog er in eine Seitenstraße ein. Unb Jensen konnte ihn gerade noch in einem Lokal verschwinden sehen, das in erleuchteten Settern die Ausschrift „Nelson Bar" trug. Der Polizeibeamte überlegte. Zweisellos gab sich Fuchs in dieser kleinen abgelegenen Bar ein Stelldichein. Und zweifellos mit einer Person mit der er nicht gern in der Oeffentlichkeit gesehen werden wollte. Aber wer war diese Person? Jensen hatte bas instinktive Gesuhl, als sei er einer wichtigen Entdeckung auf der Spur. Und sein ganzes Bestreben war daraus gerichtet, gleichfalls in die Bar zu gelangen, ohne von Fuchs bemerkt zu werden. x ~ Unschlüssig ging er ein paarmal vor dem Lokal auf und ab. -Da ent- bedte er zwischen den Vorhängen einen kleinen Spalt, durch den man einen Teil des Innern Überblicken konnte. Und er hatte Gluck, denn er sah noch, wie Fuchs seinen Mantel ablegte und in eine der kleinen Boren trat, die die einzelnen Tische voneinander trennten. Die iperfon, mit ber er verabredet war, schien bereits da zu jein. Denn Jensen sah, daß er jemand begrüßte. Aber dieser Jemand blieb zu seinem Aerger für ihn unsichtbar. Da faßte er den Entschluß, einsach hineinzugehen und sich weiter seinem Glück zu überlassen. Das Lokal war nicht überfüllt, es waren noch genug Tische frei. Aber I qerabe der Platz, auf den er es abgesehen hatte, nämlich die Nachbarbox, ' war bereits besetzt. Jensen zögerte einen Augenblick, bann beging er, 1 allen Regeln der Gesittung zum Trotz, die Ungeheuerlichkeit, kurz ent- 1 schlossen auf die von ihm begehrte Nische Mugehen und mit einer kurzen Entschuldigung einen der noch freien Platze einzunehmen. Er kümmerte sich nicht im mindesten um die bestürzten unb ftrafenben Mienen ber beiden Herren, die diesen Tisch inne hatten und sein Eindringen als eine gröbliche Verletzung des Gastrechts betrachteten. Ihm war bie $aupt= suche daß er seinen Zweck erreicht hatte und wenigstens nur noch durch eine dünne Holzwand von dem Ziel seiner Wünsche getrennt war. wunderschön findet man auch bas Rokoko der neuen Bankpaläste unb Ministerien, mit denen man unbarmherzig die alten türkischen Gassen zerschnitt. Und man freut sich dieser Herrlichkeiten ... freut sich daran mit jener naiven jungenhaften Freude, der man eigentlich nicht böse sein kann. Inzwischen aber streicheln in den Gassen des Levantinerviertels noch immer schwarzgrüne Zypressen die lehmgebauten Hausmauern der Türkenzeit, noch immer gibt es, wie in Aden und Suez und Jsmailia, das vornehme arabische Wohnhaus mit ben weiß getünchten Arkaden, noch immer sitzen in den Dalmatinerkneipen mit weißen Hängebärten alte (Buslaren, klingen die alten Balladen, tönt von ber hinter der Festung liegenden Moschee das Lied des Muezzins „Allah hu akbar" ... wer cs einbringen läßt bis in feines Herzens innersten Kern, ber sieht voller Ruhe auf die Wechsel ber Zeiten. Wer von biefen spärlich begrasten Bergkegeln hinüberschaut in die Räume der pannonischen Ebenen, der hört ein anderes, ein machtvolles Lied und das Lied ist nichts anderes als der Gesang der ewig sieghaften Landschaft. Ja doch, was ist denn Menschengeschichte in ihren einzelnen Bezirken anderes als Funktion einer gegebenen Landschaft? Und ihre Landschait schuf sie alle beide: die Gelassenheit des Architravs und das Eisern und Rechten und den Engelskampf des Spitzbogens — die tierische Unschuld des Mittelmeermenschen und die schweifende Seele der nordifchen Dombauer. Gott ist sehr groß ... Sie Dame mit dem Otierpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) „Aber natürlich. Ich habe einen sehr leisen Schlaf. Und er hätte ja an der Küche vorbeigehen müssen, wenn er zur Haustür gewollt hätte. Sein Schlafzimmer liegt im Dachgeschoß, und die Treppe knarrt erbärmlich. Ich habe ihn ja heute morgen auch gleich herunterkommen hören. Ach Gott — ber arme Herr Donald! Den Tod wird er sich holen bei diesem Wetter." Sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Der Fremde hatte es mit einemmal sehr eilig. Ehe sie sich's versah, war er mit einem flüchtigen Gruß zur Tür draußen, riß ohne Umstände feinen Mantel vom Garderobenständer und stürmte in den Regen hinaus. Und die ehrenwerte Frau Schnee hatte reichlich Gelegenheit, sich über die sonderbaren Manieren dieses Mannes zu wundern, ben sie offenbar allzu voreilig für einen „befferen Herrn" gehalten hatte. 6. Während er anscheinend interessiert ein Witzblatt las setzte er an- aestrenat die Ohren, um etwas von dem Gespräch zu erhaschen, das in der Nachbarbox geführt wurde. Er unterschied deutlich das dunkle Organ von Caspar Fuchs und eine etwas spröde, aber nicht unangenebme weib- licke Stimme. Aber es gelang ihm nur, ein paar abgerissene Fetzen der Unterhaltung aufzuschnappen. Denn sein« Tischnachbarn führten eine sehr laute und angeregte Debatte über die Radio — ein Thema, das den unglücklichen Jensen im Augenblick nicht im Geringsten interessierte. Obgleich er natürlich brennend gewünscht hätte, das Gespräch von nebenan durch Radioübertragung mitanhoren zu a[j0, rmh er dich nicht reifen lassen mürbe", hörte er Fuchs sagen. Und die Frauenstimme antwortete: ,9a, davon bin ich überzeugt. Er ist Überhaupt in der letzten Zeit so sonderbar mißtrauisch. Nicht mit Worten. Aber ich fühle, daß er mich beobachtet. Manchmal schickt er noch spät abends das Mädchen zu mir herauf. Unter irgendeinem dummen Vorwand. Aber ich weiß genau, datz er sich nur überzeugen will, ob ich zu Hause bin. Ich glaube, wir müssen sehr vorsichtig sein." „ „Glaubst du denn, daß sein Verdacht sich gegen mich richtet? „Nein, bis jetzt noch nicht. Aber wenn er einmal auch nur das allergeringste 'merkt, sind wir verloren!" m . . Du meinst, er hat bis jetzt nur eine vage Vermutung, nur so em unbestimmtes Gefühl, daß du einen Freund hast — ja? Und das wurde er dir nie verzeihen?" _ .. . „Mir vielleicht — aber dir nicht! Du kennst ihn ia. Dann wäre auf einmal die Hölle los." , Jensen hatte sich, zum Entsetzen seiner Tischgenossen, in einer unbeschreiblich anstandswidrigen Haltung immer mehr an die trennenbe Wand herangepirscht, so daß er jetzt mit seiner rechten Flanke förmlich an dem Holz klebte und Wort für Wort in sich hineinsaugte. Er konnte deutlich die Erregung in Fuchs Stimme vernehmen, die sich em wenig über die Frauenstimme erhob. Und was meinst du, würde er tun? Er kann dich doch nicht zwingen, bei "ihm zu bleiben. Und noch weniger, mich aufzugeben. Nur Geduld, Liebling! In einem Jahr, vielleicht schon früher, bin ich soweit. Dann gehen wir einfach ins Ausland und..." . . Als wenn das etwas nützen könnte! Mr hatten ja doch keine Ruhe vor"ihm. Ach Liebster, ich weiß, es ist undankbar von mir... Aber manchmal wünsche ich mir, er wäre tot!" Jensen zog vor Spannung beide Beine hoch, so daß er Gefahr lies, in der nächsten Sekunde hintenüberzukippen. Da setzte plötzlich m unmittelbarer Nähe das Grammophon ein. Und der Rest der Unterhaltung ging in „Wotans Abschied" unter... , Und als die „wabernde Lohe" Brünhild endlich in den Jauberschlaf gesungen hatte, war es auch in der Nebenloge still geworden. So still, daß Jensen beinahe versucht war zu glauben, die einschläfernde Wirkung des Zaubers habe auch das Paar ergriffen. Und es lieh ihm keine Ruhe mehr, sich durch den Augenschein von dieser Wirkung zu überzeugen. Er ließ wie zufällig seine Streichholzschachtel fallen. Und während er sich danach bückte, beugte er sich soweit vor, daß er dabei einen Blick in Die Nachbarnische werfen konnte. Aber mit einem wütenden „Verdammt nochmal!", das nicht nur den herausfallenden Streichhölzern galt, fuhr er wieder zurück. Die Bax nebenan war leer. Das Paar hatte sich, von ihm unbemerkt, während „Wotans Abschied gleichfalls verabschiedet. Und der junge Polizeiagenk zersprang beinahe vor Aerger, als er beim Hinausgehen im Hintergrund des Lokals noch einen zweiten Ausgang entdeckte... 7., Kommissar Kling saß vor seinem Schreibtisch und hielt den Kopf grüblerisch zwischen seine beiden Fäuste gepreßt. Die ausgegangene Zigarre hing ihm locker im Mundwinkel. Und der Faltenwurf seiner Stirn hatte es erfolgreich mit jeder römischen Toga ausgenommen. Er mußte schon eine beträchtliche Weile in dieser Pose verharrt haben, denn als er endlich die geballten Hände von den Schläfen nahm, war auf seiner rechten Wange die Gravierung seines Siegelringes bis ins feinste abgebrüht. Der Grund feines Grübelns war ein dienstliches Schreiben aus Berlin, das er soeben mit der Morgenpost erhalten hatte, und dessen Inhalt seine ganzen bisherigen Kombinationen im Falle Grau über ben Haufen warf. Diese verworrene Geschichte gab ihm täglich neue Rätsel auf. Und kaum glaubte er, einen Schritt oorgebrungen zu sein, so würbe er burch neue Komplikationen zurückgeschlagen. Plötzlich iprang er auf unb schleuderte ben zerkauten Zigarrenstummel in bie schenschale. Er hatte einen Entschluß gefaßt. Eilig sammelte er die verstreuten Papiere in einen blauen Aktendeckel und verlieh damit sein Amtszimmer. Im selben Gebäude, nur ein Stockwerk tiefer, befand sich das polizeiärztliche Referat. Dorthin lenkte Kling seine Schritte. Er meldete sich im Vorzimmer und verlangte, in dringlicher Sache, Dr. Butscher zu sprechen. Der Amtsdiener zuckte bedauernd die Achseln. „Herr Butscher ist leider heute nicht im Dienst. Er hat sich schon gestern krank gemeldet. Dr. Morris vertritt ihn." „Das ist ja großartig", platzte Kling heraus. Aber er unterbrach sich noch rechtzeitig und war in sichtlicher Verlegenheit um eine mildernde Erklärung. „Ich meine natürlich, daß gerade Dr. Morris ihn vertritt, den ich schon längst einmal sprechen wollte." Im selben Augenblick trat Dr. Morris aus der Tür seines Sprechzimmers. Ein noch junger Mann mit feinen und sympathischen Gesichtszügen. Die grauen Augen hinter der schwarz eingefaßten Hornbrille hatten einen starken unb warmen Blick. Unb fein Lächeln strahlte so viel beruhigende Güte aus, daß man bie Erfolge verstanb, bie biefer kaum breißigjährige Arzt in feiner Praxis bereits zu verzeichnen hatte. Er streckte bem Kommissar bie Hand entgegen. „Ich habe mich also nicht getäuscht, als ich Ihre Stimme zu erkennen glaubte, Kommissar Kling! Kommen Sie zu mir?" ,9a. Das heißt, eigentlich wollte ich zu Dr. Butscher. Aber offengeftan- den ist es mir bedeutend sympathischer, als ich Sie statt feiner angetroffen habe , fügte er hinzu, als sich hinter ihnen bie Tür geschloffen hatte. „Denn — allen Respekt vor seiner Tüchtigkeit! — ich bezweifle doch sehr, ob unser braver Butscher gerabe für biefen komplizierten Fall bie richtige Instanz gewesen wäre." Dr Morris bankte mit einer kleinen Verbeugung für bas indirekte Kompliment und setzte sich bem Kommissar gegenüber auf bie Armlehne eines Klubsessels. „Hoffentlich muß ich Sie nicht enttäuschen! Worum hanbelt es sich denn?" Kling nahm eine Zigarette. „Ach, ich bearbeite da gegenwärtig eine Sache, bie mir schon zwei schlaflose Nächte bereitet hat. Also stellen Sie sich vor: Kommt ba vor zwei Tagen ein Mann zu uns — Kunstmaler — e,n gebilbeter, bisher unbescholtener Mensch — unb beschulbigt sich selbst,^tags zuvor in Berlin einen Totschlag verübt zu Haden. Ich stanb der Sache von Anfang an skeptisch gegenüber. Nicht, baß ber Mann einen ausgesprochen unglaubroürbigen Einbruch auf mich gemacht hatte. Aber alles, was ich mir in meiner Praxis an Menschenkenntnis erworben habe, sprach einfach bagegen, baß biefer Mensch selbst im Affekt nun, Sie werben ihn ja gleich selbst zu sehen bekommen! Die Erhebungen hatten benn auch bas vorausgesehene Ergebnis. Es steht fest, bah der Mann, ben er ermordet haben will, noch lebt unb auch keine Spur einer Verletzung aufweist. Der angeblich Ermordete lehnt es ab, einen Maler namens Grau überhaupt zu kennen. Ferner ist sestgestellt worden, daß Grau in der kritischen Zeit krank zu Bett lag unb seine Wohnung in Stralsunb überhaupt nicht verlassen hat." „Vermutlich ein typischer Fall von Pseubologia phantastica" warf der Doktor nachbenklich ein. „Das war anfänglich auch meine Ansicht. Ader hören Sie weiter! Ich nehme mir also biefen Grau noch einmal vor. Verhöre ihn kreuz unb quer. Unb springe ihm mit ber Tatsache ins Gesicht, baß wir ihm auf ben Schwinbel gekommen finb. Sr beftegt aber trotzbem hartnäckig aus seiner Behauptung. Er schilbert die ~at mit allen Einzelheiten unb gibt auf Befragen sogar eine — genaue Schilberung bes Tatortes!" „Die natürlich ebensowenig stimmt, wie ... Halt!" Kling schnitt ihm das Wort ab und ließ dann eine bedeutungsvolle Pause eintreten, wie ein Kartenspieler, bevor er einen Trumpf ansagt. „Im Gegenteil, mein Lieber — diese Beschreibung stimmt! S^ar haargenau. Bis ins einzelne — bis — bis auf das Tapetenmuster! 5)ter haben Sie den Berliner Bericht. Vergleichen Sie den Wohnungsplan mit ber Skizze Graus! Was sagen Sie bazu?" Dr Morris schüttelte verwunbert den Kopf. „Das ist allerbings merk- roürbig! Der Mann muß boch in biefer Wohnung schon einmal gewesen Darüber besteht kein Zweifel! Aus ben Fingern saugen kann man sich berartige Angaben nicht. Unb selbst angenommen, er hatte seine Kenntnisse ber Oertlichkeit von einer britten Person bezogen, ober er hätte sich gelegentlich einmal ben Zutritt verschafft, — man imiß eine Wohnung schon sehr genau kennen ober eine nicht alltägliche Beobachtungsgabe besitzen, um sich Nebensächlichkeiten zu merken wie ein Tapetenmuster ober bie genaue Stundenziffer, auf ber eine Uhr stehengeblieben ist? , Unb beshalb, lieber Morris, neige ich zu ber Vermutung, baß sich hinter ber Geschichte irgenbwas verbirgt. Was, ist mir allerdings vor- läufig noch gänzlich schleierhaft! Aber mein Instinkt hat mich nach selten getäuscht, wenn er irgendwo Unrat gewittert hat. Die Berliner Krim,na - polizei verhält sich ablehnend und legt mir nahe, die Sache sollen zu lassen. Aber jetzt fängt sie erst an, mich zu reizen!" . „Das kann ich verstehen. Kompliziert genug scheint sie zu sein! "Ich möchte Sie also bitten, lieber Doktor, sich den Mann einmal an- zusehen unb ihn auf seinen Geisteszustand zu untersuchen. Sehr wahrscheinlich ist er erblich belastet. Die Mutter ist im Irrenhaus gestorben. „Woburch allerbings seine minutiöse Lokalbeschreibung auch noch nicht erklärt wäre." , „ . , . , Gewiß nicht. Aber mir kommt es zunächst einmal daraus an, zu hören, ob unb bis zu welchem Grabe biesem Menschen überhaupt em derartiges Verbrechen zuzutrauen ist. Ich bin neuerdings in diesem Punkt wieder schwankend geworden. Beim letzten Verhör erweckte er doch den Eindruck ungewöhnlicher Reizbarkeit, so baß man ihn unter gewißen Umständen vielleicht schon einer Affekthandlung fähig halten konnte. Außerdem knüpfe ich an Ihre Intervention noch eine bestimmte Hojf- nung lieber Morris. Nämlich die, daß es Ihnen vielleicht gelingt, diesen Grau zu größerer Mitteilsamkeit zu bewegen." Er reichte Morris bie Hanb „Ich lasse Ihnen ben Akt da. Außerdem stehe ich Ihnen telephonisch jederzeit zur Verfügung, falls Sie über irgendeinen Punkt noch Informationen wünschen." Morris begleitete den fiommiffar zur Tur und machte sich dann sofort über ben Inhalt des blauen Aktenbeckels. Nach Ablauf einer halben Stunbe gab er telephonisch ben Auftrag, ben Unterfudjungsgefangenen zu ihm zu bringen. Unb bald daraus stand Donald Grau ihm gegenüber. Der Arzt war sich schon nach ein paar einleitenden Fragen darüber klar, daße er es mit einem ausfallend sensiblen Typus zu tun hatte und bei seiner Psychoanalyse alles würde vermeiden müssen, was in bem Patienten auch nur das leiseste Mißtrauen erwecken könnte. Er beschloß, mit äußerster Vorsicht zu Werke zu gehen unb ber Situation zunächst den Charakter einer rein physischen Untersuchung zu geben. In deren Verlauf hoffte er dann sich durch geschickte Zwischenfragen an bie Psyche bes Mannes heranzutasten und sich ein Bild von seinem Geisteszustand zu verschaffen. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Or. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, 2i. Lange, Gießen.