Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger GietzemrZWilieichMer Jahrgang (933 Montag, den (8. Dezember Nummer 98 Acker-Weihnacht. Von Kurt Bock. Sie knien sich in den Saum der Nacht, im Nacken wühlen Wind und Schnee, vertraulich nahe zupfen facht im Heu der Hürden Reh an Reh. Und ihre Hand in feiner Hand. Nicht wie vordem als Trost im Leid, nein, heute horchen sie gebannt dem Christnachtlied der neuen Zett: Erstehe, Saat, aus kaltem Grab zu gutem Brot für unser Kind, und wirf uns reichen Segen ab für alle, die bedürftig sind! So knien sie in den Saum der Nacht wie einst die Hirten auf dem Feld und harren still auf ihrer Wacht des Engels, der den Christstern hält. Eine deutsche Weihnachtsgeschichte. Von Eberhard Meckel. Seit vielen Tagen warf der Wind den Schnee gegen das kleine Fenster der Hütte. Mochte auch Peter, 'bei Handwerksbursch, der sich dort etngeuistet hatte, noch so sehr von innen gegen die Scheibe hauchen: immer nur für ein paar Augenblicke taute er damit ein winziges Guckloch frei, durch das er sehen konnte, daß das Sturmwetter noch keinerlei Anstalten machte, sich zu bessern. Dann prasselte eine neue Ladung Schnee nut Eiskörnern an das Glas, das Guckloch wurde wieder blind, und Peter war klug wie zuvor. Dabei war er sich bewußt, daß er hier in der Hütte nicht länger bleiben konnte: er hatte so gut wie nichts mehr zu essen, was er sich vorher durch Betteln an Brot und Wurst zusammengebracht hatte, war aufgebrancht, und dann würde gewiß auch der Bauer, dem die Hütte gehörte, noch vor Weihnachten, das morgen war, vom Tal heraufstcigen und sich den Rest Heu holen, der hier noch lagerte, oder Skifahrer würden kommen, und von beiden, Bauern und Skifahrern, würde er, der landstreichende Handwerksbursch, wohl nicht gern hier gesehen werden. Mau hat es nie gern, wenn sich einer, ohne zu fragen, in einer Hütte einmietet, die ihm nicht gehört, wenn er dort mit schlechtem Gewissen das ihm nicht gehörige Holz verfeuert und unter ihm nicht gehörigen Decken schläft ... Peter verstand diese Meinung der rechtmäßigen Hütten- besitzer sehr wohl, und deshalb mußte er jetzt endlich fort. Er märe ja nicht in die Hütte heimlich eingestiegen, wenn ihn nicht aus einer Wanderung hinauf zum Paß, von wo aus er weiterzukom- meu gedachte, dieser Schneesturm überrascht hätte. So wenigstens suchte Peter sich vor sich selbst zu entschuldigen. Nun aber half alles nichts: Er mußte fort, versuchen, das Nachbartal zu gewinnen. Seit langer Zeit lief Peter, der arbeitslose Peter, so tue Straßen auf und ab, von Norden nach Süden, von Westen nach iöitCtt Nachdem ihn ein Blick durch ein neu gehauchtes Guckloch belehrt hatte, daß Besserung des Winterwetters nicht zu erwarten war, stopfte er seine geringen Habseligkeiten in die Umhangtasche, wärmte noch einmal kurz seine Hände am verglimmenden Feuer — wer wußte, wann er das wieder so tun konnte! — und stieg dann, eine nicht geringe Schneeladung in den Nacken kriegend, zur gleichen Lucke, durch die er gekommen mar, aus der Hütte. Vorher hatte er nicht unterlassen, mit klammen Fingern auf ein Stück Papier zu schreiben, er würde später alles bezahlen, was er sich aus Not unrechtmäßig in der Hütte nutzbar gemacht habe: diesen Zettel hatte er aus dem Herd hinterlassen, und nun stapfte er mit beruhigtem Gewissen - er würde, wenn er einmal Geld hätte, hierher fahren und alles ausgleicheu und mit knurrendem Magen durch den hohen Schnee, paßwärts. Einen richtigen Weg sah er nicht, nur an gesteckten Stangen wußte er ungefähr die Richtung. Eigentlich war es ein richtiger Unsinn, mitten im Schneesturm loszuziehen, wo man auch noch nicht dreißig Meter weit sah. Dailn stieg es steil an, bei jedem Schritt mußte Peter die Seine ordentlich aus dem Schnee herausheben wenn er nicht stecken bleiben wollte, und es war eine bitter mühselige und harte Wanderung. Bald ließ der schneidende Wind dm heftig frieren, gleichzeitig trat ihm von der Anstrengung der schweig in» Gesicht, verklebte ihm, Eis geworden, die Lider und brannte auf der Haut. Taumelnd strebte Peter weiter: wenn er erst die Paßhöhe hatte, wurde ja alles besser. Nebel hüllte ihn kalt und grau ein, der Atemdampf lies ihm wie eine ins schneedurchwehte Nichts weisende Hand voraus In seinem Kops hämmerte nur immer das Eins-zwei, Eins-zwei, wie er jedesmal zählte beim neuen Heben und Setzen der Beine zum nächsten Schritt. Er mußte gehen, er mußte wandern, der Heimatlose, der Handwerksbursch Peter, der lange schon keine Arbeit mehr hatte. Eins-zwei, Eins- zwei, Eins- .. Verwundert rieb sich Peter die Augen: Wo war er denn? Lachen und abgerissene Töne einer Ziehharmonika drangen erst noch wie aus weiter Ferne in sein Bewußtsein, schwollen dann im Ohr an und klangen plötzlich ganz nah. Dann merkte er, daß ihm jemand auf die Schultern klopfte, eine kräftige Hand mußte es sein. Und dann hörte er eine Stimme: „Na, alter Junge, das ist ja noch einmal gut abgegangen, was?" Diese Stimme machte Peter vollends wach, nun schaute er um sich, regelrecht verschlafen schaute er um sich und fand sich auf einem Bett, und das Bett war umgeben von vielen Burschen, die mochten alle etwa gleich alt sein wie er, und sahen ihn freundlich an und lachten auch, und Peter wußte nicht, was er von dem Ganzen halten sollte: bis es sich herausstellte, daß er am gestrigen Abend in einer Schneewehe auf der Paßhöhe schlafend von den Burschen gefunden worden war, die zufällig dort oben vorbeikamen: bann erfuhr Peter noch, daß sie alle zu einem Arbeitsdienstlager gehörten und im Hochwald Holz schlügen, und wenn nicht der Schneesturm ihnen die Arbeit unmöglich gemacht und sie aus ihrer Blockhütte am Paß hinunter ins Tal vertrieben hätte, dann läge jetzt einer, und zwar er selbst, droben in den Bergen tot tn seiner Schneewehe, und finden könnte man ihn erst im Frühjahr ... Da lief es dem Peter ein wenig kalt den Rücken herunter, und wie sich er das alles genau überdachte und fand, daß es doch besser wäre, hier unten zu sitzen als verschneit am Paß zu liegen, da wußte er dann nichts anderes, als immerfort den Burschen zu danken. Die aber lachten und wollten für das Selbstverständliche keinen Dank, und dann sagten sie, heute fei Weihnachten, und da könne er mitfeiern und solle überhaupt bei ihnen bleiben.. Mitfeiern, da war Peter dabei. Aber ganz hier bleiben, dazu verspürte er keine Lust. In einem Arbeitslager bleiben, womöglich mit den anderen unter strengem Kommando stehen befohlen werden zur harten Arbeit im Bergwald jetzt bet der Kalte und zur Winterszeit? Nein: und kaum hatte über Peter wieder das Leben und damit die nüchterne Berechnung nach dem traumhaften und dankerfüllten Dämmerzustand des Herzens die Oberhand gewonnen, da sträubte sich alles in ihm dagegen, im Arbeitslager zu bleiben und auf die Freiheit und Nngebundenheit zu verzichten. Weihnachtsfeier, gutes Essen und Trinken, das alles war ihm willkommen, und nachher würde er sich facht und heimlich drücken und auf und davongehen auf Nimmerwiedersehen. Aber war das nicht undankbar? Schnell beruhigte er sich damit, daß vor der eigenen Freiheit Dank ober Undank nichts zu suchen hätten, und zog mit den anderen zum Feiern. Das war fo: In einem Wäldchen in der Nähe war von ein paar Burschen, die sich darauf verstanden, eine mächtig hohe Tanne zum eigentlichen Weihnachtsbaum ausersehen worden: darauf batten sie brennende Kerzen gesteckt, auch über die blitzende Schneelast der Zweige hier und dort etwas Flitterzeug gehängt, und als in der abendlichen Dämmerung das ganze Arbeitslager in geschlossenem Zug zur Feier in den Wald marschierte, glänzte daraus der schönste und fröhlichste Christbaum entgegen. Die Kerzen verloschen nicht, obwohl noch Sturm war: Die Tannen standen fo dicht, daß es unter ihnen aanz still war und nur über sie hinweg der Wind fauste und pfiff. Ruhig fielen Schneeflocken zwischen die Stämme. Der Zug hatte inzwischen einen Kreis um den Banin gebildet, mit verhaltenem Atem standen alle die junaen Menschen aus dem Lager. Peter mit eingeschlossen, bg und schauten hinauf in die flackernde und glitzernde Pracht, an der für jeden wohl viel Erinnerung und Traum von Heimat und geliehien Dingen hingen. Auch in Peter tgnchte mgncherlei auf, was sich nicht fo leicht sagen läßt, und weil die anderen sich nichts merken ließen, was sie bewegen mochte, ließ er sich auch nichts merken und fana nur mit ganzer Vunaenfraft die Lieder mit, die mächtig den dunklen Wald erfüllten. Weibnachtslieder und Lieder um Heimat. Kampf unb Vaterland. Lieder, die er noch nie gehört hatte und die ihn doch gleich seltsam mitrillen. Nach der Feier im Wald gingen dann alle wieder zurück in» Laaer, wo im Gemeinschaftsraum inzwischen auch eine Tanne geschmückt war und wo jeder neben Gaben, die er vielleicht von Nause ober irgendwoher geschickt Vekoinmen hatte, auch noch ein kleines Päckchen vorfand, gestiftet von der Lagervcrwaltung und durch Sammlungen auf den Höfen und Dörfern bei den Bauern zusammengebracht: Eßsachen, warmes Unterzeug und noch mehr gab es für jeden darin, Nur Peter hatte nichts, aber dieser Zustand dauerte nicht lange; von selbst und wie selbstverständlich bekam er von allen Seiten von den Gaben etwas ab, keiner ließ es sich entgehen, zur guten Weihnacht des geretteten Hanbwerks- burschen sein Teil beizutragen. Ziehharmonika wurde gespielt, von der „Nasenbank am Eltcrugrab" an über die „Waldeslust" bis zum schönsten alten Weihnachtslied wurde unaufhörlich Lied um Lied gesungen, dann erzählte einer, man saß zusammen, und Peter stellte fest, daß hier einträchtig die bunteste Gesellschaft in Einigkeit versammelt war, Studenten, Bauernsöhne, Siedlungsanwärter, Arbeitslose, Handwerksburschen ohne Beschäftigung. Alles war eine große Gemeinschaft, alle wollten das gleiche. Was dieses Gleiche war, davon redeten sie nicht, denn kann man darüber denn reden, wenn einen etwas so stark angeht, daß es ein Stück von einem selbst geworden ist? Aber Peter merkte doch bald, was alle die Gleichaltrigen beseelte. Darüber mutzte er nun plötzlich auch nachdenken, wie er in dieser Weise noch nie getan hatte ... Die ganze Nacht nach der Feier dachte er darüber nach; alle Kameraden von vorhin — er ertappte sich auf einmal dabei, datz er an die im Arbeitslager wie an Kameraden dachte — schliefen längst, Peter allein lag zwischen Wachen und Träumen mit sich selbst im Widerstreit, doch nur soviel sei gesagt, daß er wenig für sich und fast alles gegen sich in seinem Gewissen und in seinem Herzen anzubringen vermochte. Fiel es wie Schuppen von seinen Augen. Er wußte nur, daß er einem Stück von sich selbst in dieser Weihnachtszeit ade sagte, ade sagte auch der Freiheit, die keine war. Ein paar Stunden später, als die anderen aufstanden und an die Arbeit gingen, er die Stunde, wo er sich hätte drücken können, ungenützt verstreichen ließ und alsbald freudig und kräftig, eingeordnet zu den Kameraden vom gestrigen Abend, bei dem anpackte, was auch sie taten. Wie Kinder schenken. Von Ruth Schaumann. Sie lachen, Herr Windischmann? — Es wäre besser, Sie weinten darüber, daß Sie lachen mögen über eines Kindes gutgemeintes Geschenk. — Es sei so kurios? Es ist nicht kurios, es ist rührend, es war erdacht von dem Engel des Kindes und dem Ihren (wenn Sie ihn nicht doch schon verscheucht haben, aber ich kann mich irren), Ihr Herz zu erwecken, nicht Ihren Spott... Ich kannte einen kleinen Knaben, der schenkte seinem Vater zur Christnacht, darin er selbst nur nützliche Sachen erhielt (es sind teure und bitterliche Zeiten und man mutz sroh sein, wenn es zu ein paar Stiefeln reichen will), eine Eisenbahn, eine selbstgemachte, wohlverstanden, denn wie hätte das Kind eines Armen Geld zum Kausen gehabt? Den Vater dieses Kindes fand ich sitzen, weinend über dem Zug aus kleinen Streichholzschachteln, mit den Rädern aus Hosenknöpfen, dem Schornstein aus dem tiefsinnigsten Zigarettenrest, seinem Rauchfähnchen aus schmutzigem Werg. Ah, Sie haben Ihrem Kinde dieses Bähnlein gemacht? Nicht ich ihm, er mir. Ach, daß ich nicht daran dachte, er dachte an mich. Ich habe einmal gesagt, daß ich mir immer so heiß die Bahnen meiner Schulkameraden gewünscht, das ist lange her, das Sagen und erst das Wünschen! Paul aber hat es behalten, er, der Eisenbahnlose, der dies Wünschen begriff, er hat es behalten, bis er vor mir stehen.konnte und mir diese Gabe gereicht, diesen Zug — immer heftiger weinte der Vater. Sie sagen: Glücklicher Mann? — Sie haben recht, Herr Windischmann. Wundervoll ist das Gedächtnis eines Kindes; der Kleinen für die Worte der Großen, wundervoll sind die Einfälle, die sie haben, die Armen haben mehr davon als die Reichen — Wohlleben schüttet den Brunnen der Liebe zu. Doch nicht, Herr Windischmann? Sie sagen, das Kind Ihrer Schwester, die niedliche Vettine, arbeite auch für seine Eltern zum Fest, vielleicht gar für Sie, ihr Fräulein leite sie an. — Das ist sehr gut, doch es ist nicht ganz das Rechte. — Aber sonst käme kein Kind darauf, etwas Derartiges zu unternehmen? Um so schlimmer. Freudige Kinder denken immer ans Schenken, eben im Uebermatz geheimer Fröhlichkeit, die in ihnen steigt wie der Spiegel jenes Sees, wenn der Weihnachtsstern ihn bescheint: der Spiegel zerfloß, der See überströmte alles gar lieblich. Sie fragen, was ich geschenkt hätte, als ich Kind war? O, unsere Einfälle galten nichts, sie ivurdcn verworfen. Wir gedachten dem Vater Major eine goldene Peitschenquaste statt der dünn gewordenen grünen zu bescheren, der Mutter aber ein Haarnetz (das sie nie trug), weil die schöne Dame auf dem alten Bild im Eßsaal ein solche» trug, glaubten mir der Beschenkten damit gleiche Schönheit zu verschaffen? Nun, wir rissen nachts im Bett an unseren festen Milchzähnen, ob sie nicht wackeln, nicht herausfallen wollten, meinetwegen mit Schmerzen, denn für jeden dieser Zähne gab der Vater, wohl zur Förderung der Tapferkeit, einen Groschen. Wir brauchten ja Geld für die Teppichstickerin, die als einzige goldenes Ouastengespinst besaß, roir brauchten Geld für den Barbier, der solche Netze verkaufte. Die Zähne saßen zu fest, inzwischen aber gab uns die Mutter eine Zivilweste zum Besticken, Tausend und aber Tausend rote Punkte auf schwarzen Stoff, und für die Mutter befahl uns der Vater ein langes Gedicht von Liebe und Dankbarkeit im Chorus zu deklamieren. Es war nichts mit eigenen Einfällen dazumal — wir stickten im Schweiße unserer kleinen Stirne» und Hände uvd blieben heillos stecken in dem endlosen Wechsekgespräch. Es gab viele Tränen, doch nicht die süßen jenes Mannes über der Schachteleisenbahn seines Paul. Ich weiß die Geschichte von den Zwillingssöhnen eines Gelehrten, sie gingen damals in die zweite Klasse der Volksschule, mit rtndledernen Ranzen, blauen Mänteln, roten, von einer sorglichen Mutter gestrickten Mützen, runden Gesichtern und immer von Tinte oder Farben gefärbten Händen glichen sie sich wie eine Herzkirsche der anderen, so ein Pärlein, Herr Windischmann, wie mir es als Kinder über die Ohren zu hängen beliebten, als einen lustigen Schmuck, weit besser als Perlen und Steine. Solch ein Schmuck sind auch diese Buben, sie leben ja noch, heute nur einige Tage älter als damals, das liebe Leben in zwiefacher Person, als Kerne ihre feurigen Herzen. Nun, nach Gelehrtenart sammelte ihr Vater Bücher und besaß ganze Stuben voll dieser Gesellen der süßen Einsamkeit, darunter auch eine frühe Ausgabe der „Divina Comedia", ein Kleinod für ihn und andere seines Sinnes. Darin nun, ob vom Buchkttnstler jener Zeit unterschlagen, ob beim Antiquar in Verlust geraten, ob von einem durch die Schrecknisse der Hölle entsetzten Leser in Verwirrung entfernt, ist nicht zu erklären gewesen, doch es fehlten drei Blätter im Buch, im Inferno sechs Seiten, sechs ganze herrliche Seiten, vielfach von dem Gelehrten als Sammler und Kenner des Dante beklagt. Mögen die Zwillinge diese Klage zu oft und bitterlich vernommen haben, mag sich ihnen der Geist des hochgelehrten Vaters, oder der noch fruchtbarere eigener Schöpferkraft frühe gerührt haben, wie ein Sturm in der Stille, kurz, sic bemächtigten sich in weihnachtlichem Liebes- und Tatenüberschmang dieses Vuches, schrieben, malten, ja erdichteten mit vereinten Kräften auf starkem Schreibpapier dreimal, je rechts wie links, von oben bis an den untersten Rand: Teufel, Engel, Flügel, Flammen, sowie dazu gehörende Sprüche eigener Produktion, malten es mit stark beleckten Buntstiften feurig an, pappten es mit gehörigem Aufwand von Peli- kanol im Schweiße ihres Angesichts an die ihnen bewußte, entsprechende Stelle und bauten es dem Vater und Rektor der Universität A. als restauriertes Inferno des Dante voller Seligkeit auf. So ist denn auf kindliche Weise ein Strahl und Abglanz der Christnachtfreude, die Erlösung bedeutet, selbst in den Abgrund der Hölle gefallen, eine göttliche Komödie, Herr Windischmann. Sie sehen bestürzt? Sie meinen, was dieser andere Vater gesagt habe? Er hat es überwunden, mehr Vater als gepriesener Rektor; als ich jüngst bei ihm ein Buch entlieh, fand ich jene Blätter der Zwillinge noch immer in dem kostbaren Buch. Wäre es etwa so noch kostbarer geworden? Ich kannte auch ein Kind, lieber Herr Windischmann, es verließ uns aber schon früh, ganz nach seiner stillen bedeutenden Weise. Immer zum dritten Advent, seinem Todestag, besuche ich sein kleines, schmales Grab unter der schwankenden Weide, die dem Kinde so gleicht. Dieses Mädchen liebte es, auch jene, an die niemand zu denken scheint, zur heiligen Nacht zu beschenken. Ganz aus sich selbst trug es kleine Bäume mit Lichtern und selbstgefertigten Sternen aus die versinkenden Hügel längst vergessener Menschen. „Damit sie auch etwas heben, weil sie nicht dabei sein dür- scn, wenn es so schön ist", erklärte es mir, sein letztes Bäumchen von sieben in den klammen Fingern umwirbelt von einer Schar Finken, als wären die Seelen der beschenkten Toten um die Geberin her. Und sie setzte ihr Bäumchen behutsam aus die Stelle, darunter des Toten altes Herz modern mochte. Auf dem grauen Stein las ich: Josua Tiegelbrot, Strumpfwirker, 1811 bis 1904, neben diesen vertrauenerweckenden Greis vcrtrauenerwecken- den Gewerbes kam seltsamerweise ihr kindliches Grab und heute besuche ich die kleine Ernestine und auch Josua Tiegelbrot. Nicht, „weil sic nicht dabei sein dürfen, wenn es so schön ist", sie sind ja mitten darin, weil ich diese ungleichen Nachbarn auf geheimnisvolle Weise beneide, denn sie sehen das ewige Licht, davon wir nur einen Schimmer verspüren. Daß aber Kinder den lebenden Armen bescheren, Herr Windischmann, das müßte selber ein Stück von unseren Geschenken an unsere Kinder sein. Gebendürfen und Gebenkönnen ist die schönste Gabe des Kindes int Stroh an die Seinen, aber es ist die heilige Bitte daran geknüpft: Rede mir nicht davon, ein Geschenk, das seine Stimme außer sich hat, ist kein Geschenk. Seinem Lehrer brachte ein Kind zwei Igel zum 4. Advent, als die Schule sich schloß. Igel? Ja, Igel: weil sie so schön sind, Herr Lehrer, fast wie die Engel, ich mag Igel so gern. Was tat der Mann? Vielen, vielen Dank, kleine Sabine, immer habe ich mir Igel gewünscht. Und trug die Tiere in seinem Taschentuch nach Hause, in den Zorn seiner Wirtin und das Licht eines winzigen Baumes. Man darf nur schenken, was schön ist. — Kleine Schleckermäuler kommen auf den Gedanken, den Morgenkaffeezucker zu sparen und zu sammeln, weil die Mutter einmal geseufzt hat, das Leben sei bitter. Wenn dann bei der höchst feierlichen Uebergabe einige angeriffene Stücke dabei sind, ivas tut es? Es erhöht nur den Wert des Geschenks, es verdoppelt ihn. — Ich war einmal bet dem Einkauf dreier kleiner Kinder zugegen, sie erstanden Papier, Seidcnpapier, unzählige Bogen. Wozu? fragte ich sie auf der winterlichen Straße hernach. Ihre verfrorenen stumpfen Nasen leuchteten mich von unten herauf an. Da verrieten sie mir flüsternd in dem großen Lärm um uns her: das viele Papier gehöre, lachen Sie wieder, für den einen zum Einwickeln eines Wasfenrockknopfes, den er im Rinnstein gefunden, dem zweiten zum gleichen Dienst bei einem laubgesägten Fingerhuthalter, dem dritten zur Verhüllung eines „so großen" Seifenläppchens, „ganz alleine gemacht". Aber die Hauptsache werde das Auswickcln sein, sagten die drei: roemt die Mutter denkt, es kommt, und es kommt dann immer noch nicht. Selig trugen sie ihre Rolle davon, selbst drei Geheimnisse mit blangefrorenen Nasen. Diese waren drei Genießer des schenkens, Herr Windischmann. — Ich habe auch ein Kind schenken sehen mit der Geste des Zorns, ein noch gutes Stück seiner eigenen Sachen an ein noch ärmeres Kind. Das kam von der Scham über die erste Entdeckung des eigenen kleinen Herzens, es verbarg sich wieder in dem Gegenteil der Güte, dem Zorn. Dasselbe Kind hat als Mann sein Leben bei einem Brande und der Rettung eines Nachbarn hingegeben, da wir ihn fanden war seine Stirne finster und sein Mund ein Lächeln ohne Raum. Ein ganz kleines Kind aber sank vor dem Krippchen tief und tiefer in die Arme der Frau, die seine Mutter war, mit fest- geballten Fäusten tat es das, als habe es in jeder etwas, wie am Schopf: „senken!" Was denn schenken, fragte die Frau. „Sefe, ich" — das heißt: mich, die Jofefa — das aber bedeutet: Alles was mein. Mehr zu schenken ist nicht möglich. Oder haben S> es schon versucht, Herr Windischmann? 3m Paradies der alten Reichsherrlichkeit. Von Wilhelm Schäfer. Kaum ein zweiter weiß so tief und feierlich deutsches Wesen, wie es sich im Zusammenklang mit der Seele seiner Landschaft und dem Geist seiner Geschichte offenbart, zu verkünden wie Wilhelm Schäfer. Wir bringen hier einen Aufsatz ans seinem im Verlag F. Bruck- mann AG., München, erschienenen Buch „Auf Spuren der alten Reichsherrlichkeit". Von Worms nach Mainz führt die Straße über die letzten Abschwellungen der Hardt meist in der Ebene 6In; aber sie braucht nur wenige Meter zu steigen, und der Blick wird trunken vor Freude. Zur Linken das Weinland, nicht wie an der Mosel in gemauerter Steile, sondern in wonntggebreiteten Feldern; zur Rechten zwischen den Prunkreihen seiner Pappeln der Rhein, der sich von Rheindürkheim bis Oppenheim noch einmal mit einem ausschweifenden Bogen in die grüne Fläche hinetnwirft, dahinter der blaue Odenwald mit dem sanft gezackten Melibokus, vorn aber seidenzart in den Himmel gemalt der Taunus; deutlich erkennt man den Feldberg und den stärkeren Altkönig. Hinter uns Worms, vor uns Mainz, rechts schräg hinüber Frankfurt: ttt dem Dreieck dieser drei Städte ist die wichtigste Landschaft der alten Reichsherrlichkeit beschloßen. Um dieses Dreieck herum hätte sich als Herzland des Reiches die Kurpfalz bilden müssen; sie kam nie völlig zustande, weil das Reich in Aachen gegründet war, statt in Worms, Mainz oder Frankfurt. Bis der Pfalzgraf gerüber wechselte, hatten zu viele Hände schon ihren Zipfel herausgerisfen; die politische Pfalz deckte sich zu keiner Zeit mit der geographischen Pfalz, zu welcher der Rhein- und Maingau samt der Bergstraße, samt Heidelberg und Speyer gehört hätten. Sie wäre das salischc Herzogtum gewesen, das sich der Sohn Konrads des Roten von Worms aus gründen wollte, als ihn der Bischof Burchard nach Kärnten diplomatisierte. — Wenn man über Guntersblum hinaus ist, grüßt die Silhouette der drcitürmigen Katharinenkirche von Oppenheim herüber,-die, von Süden gesehen, am steilen Hügelrand hockend, phantastisch schön wirkt. Indem der zum Berg gelegene Westchor um elf Meter höher als das zum Tal gehende Langhaus mit dem Ostchor ist, dem wiederum der achteckige Vierungsturm aufsitzt, steht die merkwürdige Gruppierung in einer so günstigen Beziehung zu dem Berg, an den sie gebaut ist, daß sie aus der Ferne wie ein wunderliches Stück Natur wirken würde, wenn nicht die Dächer unter ihr die Menschenhände an- Als im Herbst 1024 hier in der Ebene bei Kamba der erste Salier Konrad zum König gewählt wurde, stand die Katharinenkirche noch nicht, auch die Landskron nicht, die von Kaiser Lothar dem Sachsen gebaute Reichsfestc, die über ihr den -Hügel krönt; aber das weite herrliche Land war da mit seinem Wein, auch der wieder näher blinkende Rhein und die Wolken, die hier so federleicht schweben. Und es war eben Burchard von Worms, der die Wabl auf seinen Zögling Konrad lenkte, mit dem das deutsche Königtum seinen umsichtigen Sachwalter gewann. Wie unbegreiflich, daß sein machtvoller Sohn Heinrich III. nach Goslar ging, aus der sächsischen Ecke am Harz seines Richtertums über das Reich und die Kirche zu walten! Ob es wirklich nur der nlber- haltige Rammelsberg war, der ihn* lockte, als er das deut,che KönigStum erbansässig machen wollte? — War es deshalb, weil hier an einer Schnur aufgereiht die Statten der Könrgswahl lagen, von Ingelheim über Tribur und Kamba bis Lorsch? Werl hier die Bischofsstädte Mainz, Worms, Speyer einander nut chren wachsenden Domen grüßten, von denen der zu Speyer da- Grab seines Vaters enthielt? War dieses Paradies der alten Reichs- Herrlichkeit seinen straffen Plänen zu frei, waren die Wolken zu wehend, war der Blick zu weit? Lockte ibn das ottonischc Wunder, das schon seine Mutter Gisela bestimmt haben mochte, der Pfalz in Goslar die Marienkapelle anzubauen? War es die Pracht und Zeremonie der Theophano, die einen Schimmer von Byzanz über den Hof von Goslar gebreitet hatten? Jedenfalls verleugnete der große Salier seine rheinische Heimat als er nach Goslar ging; und es muß wohl eine Folge dieser Verleugnung gewesen feilt, daß die toten Kaiser in den Dom von Speyer gebracht wurden; aber im Leben der rheinischen Herzlande regierten die Bischöfe, die danach die Königsmacher wurden Aks im Dezember 1631 unten bei der Schwedensaule Gustav Adolf deii Rhein überschritt, sich für den Winter nach Mainz zu werfen, da freilich stand die Katharinenkirche zu Oppenheim und war evangelisch geworden mit den Grabsteinen öer Grctffenklau, Dalberg, Sickingen, Gemmingen, Andlaw, deren Geschlechter w manches Ding am Rhein in ihren reichsritterlichen Händen gehalten hatten. Er trug sich mit seltsamen Plänen, der Schweden- konig, als er seinen Kanzler Oxenstierna au den Rhein setzte: Friedrich den Winterkönig, der eilig aus England herüber gekommen war, nahm er wohl freundlich aus unö hielt ihn acht Monate lang in seinem Lager hin; nur seine Pfalz gab er ihm nid)t wieder, die er so bald erobert hatte. Wenn er den Kaisertraum trug, den man ihm nachsagte, dann bezeugt es den staatsmännischen Blick dieses Königs — in dem etwas von Alarich oder von Theoderich aufzuleben schien —, daß er sicherer als so viele beutschen Kaiser die Herzkammer des Reiches erkannte. Jeden- fallv Richelieu, der damals eilig mit feinem König nach Metz kam, Mainz näher zu sein, war nicht tm Ungewissen, daß er wachsamen Auges auf den Schweden sein mußte, der fein, des katholischen Kardinals, Verbündeter gegen den Kaiser in einem Krieg war, darin es angeblich um die evangelische Predigt ging, die gerade er in Frankreich gründlich ausgerottet hatte. Er schien zu wissen, was der Schwedenkönig in der Herzkammer des Reiches wollte. — Ein halbes Jahrhundert später war der Sonnenkönig so weit, sich selber nach der Pfalz umzusehen, die er als „Alloö- erbe" seiner Schwägerin Liselotte beanspruchte. Es ist bekanüt, wohin die Aussprüche führten: Als er die Herzkammer nicht haben konnte, zerstörte er sie, das Paradies der alten Reichsherrlichkeit mußte es grausam büßen, daß der Kaiser in Wien saß und daß die Pfalz Grenzland geworden war. — Auch die Katharinenkirche zu Oppenheim wurde damals ein Brandopser des allerchristlichsten Königs. Bei ihrer sorgfältigen Wiederherstellung im 19. Jahrhundert durch den Wiener Dombaumeister Schmidt erhielt der hohe Westchor nur ein Notdach. So steht man den Raum, der einer der ganz schönen Räume Deutschlands ist, wettergesichert, nicht her- gestellt, was nach den vorhandenen Ansätzen der kühnen Gewölbe ein leichtes gewesen wäre, aber aus Ehrfurcht auch wohl vor dem Schicksal unterlassen wurde. Er steht nun da als ein Denkmal der deutschen Schwäche, der solches aus „strategischer Vorsicht" angetan werden konnte. Ganz ausgebrannt wurde damals die ehemalige Landskron, die Reichsfeste des Kaisers Lothar, die nun mit hohlen Augen aus das herrliche Bauwerk der Kirche herabblickt. Als Rupprecht von der Pfalz darin starb (1410), stand die Burg mit der ehemals reichsfreien Stadt längst demPfalzgrafen verpfändet. Es war die jämmerlich? Zeit, da die Reichsherrlichkeit hausieren ging, da die Krone von Wenzel dem Faulen über Rupprecht von der Pfalz und Jobst von Mähren hinweg auf den geldnothaften Sigismund übertragen wurde. — Der einzige Versuch, das Reich aus der Pfalz als seiner Herzkammer zu regieren, mußte mißlingen, weil es nur noch der Schein der Reichsherrlichkeit war, aus dem ihn Rupprecht unternahm, nicht ihre Kraft, die der Salier hakte, als er an den Rammelsberg zog und die rheinische Heimat verriet. Der Pfälzer Rupprecht hatte zehn Jahre Zeit und kam doch nicht zum Regieren; sein Tod war das beste, was er dem Reich antat, weil er ihm einen Bürgerkrieg ersparte. Von Oppenheim nach Mainz zu fahren, das ist, als ob die Landschaft dastände, Freude zu winken. Der große Vogen mit den Weinbergen von Nierstein läßt die rote Erbe durch die malachitgrün gespritzten Weinberge in einer wahren Glasfensterglut leuchten. Als ich zuletzt Weges fuhr, waren noch die Franzosen da, und in Speyer hatten wir unbedacht an dem Tisch gesessen, wo die Kugeln ihren separatistischen Handlanger Heinz Orbis trafen. Die blauen Röcke sind fort und die schwarzen Gesichter dazu. Der Rhein ist wieder frei! hat es in unseren Ohren geklungen, und die Glocken haben geläutet. Aber wir wissen: Wie die alte ist uns auch die neue Reichsherrlichkeit im großen Schicksal und kleinen Zank verloren gegangen, und der „Engel mit dem bloßen hauenden Schwert" steht vor der Tür des Paradieses, so lange wir nicht des Zankes Herr werden. Wollte Gott, daß wir es endlich vermöchten, statt dem Heiligen Römischen Reich „das Heilige Reich der Deutschen" zu Beginnen. Vater tot Abschied. Juppi stand nun allein in der Welt. Wäre nicht die Spielzeug- Gret gewesen, er hätte in seiner Verlassenheit nach keiner Hand, außer seiner eigenen, greifen können. Die Dorfleute machten sich keine Sorgen um bas Schicksal des Waisen. Sie batten mit sich zu tun und waren alle arm wie Kirchenmäuse. Kinder gab es genug, mehr als einem lieb war. Schulden hatte der Vater hinterlassen, das einziae Erbe. Sie wollten bezahlt sein. Nacheinander tarnen die Rechnungen von • Oer Giernenbaum. Roman von Friedrich Schnack. (Fortsetzung.) " (Nachdruck verboten.) „Als die mutter noch lebte", sagte der Vater, „hatten wir ein kleineres Christbäumchen. Das erste kam bei deiner Geburt ins Haus..." Sie gedachten der Abgeschiedenen. „Vorher nahmen wir nur einen Zweig ...* Juppi nickte. Im nächsten Jahr wolle er eine noch höhere Ficht« im Wald aussuchen, sagte er gewichtig Um elf ging der Vater, der wieder einmal stark hustete, M Bett. Es war ihm kalt geworden. Juppi stellte feine Knaben-Schi- Bretter zurecht, und als es dreiviertelzivölf schlug, machte er sich mit der Laterne vor der Brust auf den Weg. Der Schnei knarrte, indes ringsum die Glocken die Christenheit aufriefen. Der Knab« ft° roar öer letzte WeihnachtsaBend, den Juppi im Vaterhaus erleBte. Vier Monate später, das Eis zerkrachte in den Schlünde« und schwärzliche Erdflecken traten ans dem Schnee, war bet Arzt «nd Apotheker. Die Begräbniskosten. Der Dorfkramer forderte Geld für unbezahltes Mehl, Nudeln, Grütze, Brot. Die Spielzeug-Gret schlug die Hände zusammen, starrte aus den Waisenknaben und zerdrückte eine Träne. Du liebes Elend! Aber auch sic hatte nur das Allernötigste. Der Gemetndediener Fenn trat durch die kalte Tur, musterte den geringen Hausrat, befühlte die Betten, drehte Vaters Kleider um und um, hob die Schaftstiefel und liest sie zu Boden knallen, zählte nicht lang, schaute in den Kasten und die Kommode, langte auf den Ofen in der Stube, als läge da oben ein versteckter Schah, und verkündete auf Anordnung der Gemeinde die öffentliche Versteigerung der Hinterlassenschaft zur Befriedigung der Gläubiger. Für den nächsten Samstag um drei. Heute war Montag. Dann ging er und läutete im Dorf seine Verkündigung aus. Frierend stand Juppi am Fenster mit einem Gesicht von Stern. Er rührte sich nicht. Dann ries er nach seinem Vater ... Der Gemeindevorstand, ein Bauer, wurde der Vormund des Knaben. Der halblahme Gemetndediener versiegelte die Tür des Hauses, des Armenhauses. Juppi hatte in seiner Betäubung nicht daran gedacht, den Werkzeugkasten und die Mundharmonika mitzunehmen, als die Spielzeuq-Gret seine Kleider und die paar Wäschestücke aufpackte und ihn fortführte in ihre zwei Stuben hinten am Hainbuchenweg. Nur der kleine Waldfink von Watte und Federn, der auf der Weihnachtsfichte schmetterte, zog mit. Auf dem schneebeglitzerten Nest kauerte er in Juppis Tasche. Verloren war der Engel. Die Spielzeug-Gret bereitete ihrem Hausgenossen ein Nachtlager auf der Ofenbank. Die war lang genug für ein Bürschchen. Bevor Juppi einschlief, kam ihn Weinen an. Die Welt finsterte ringsum. Den Wattefinken, stellvertretend für alles Verlorene, für den Vater und die heimatliche Stube, für die Mundharmonika und den Werkzeugkasten, drückte er fest an seine Brust. Kleines Vöglein! Herzbrechend schluchzte er in seine Kissen. Dah nur die Spielzeug-Gret nichts davon hörte Er sagte sich: er solle nicht weinen, und er weinte nicht mehr. Der Samstagnachmittag liest nicht lang aus sich warten. Juppi ! verschwand. Am Weg vor der eingebüstten Wohnstätte wuchs ein kleiner Tann, durch den er in glücklichen Tagen den Eichhörnchen und Hasen nachgeschlüpft war. Darin versteckte er sich. Seine sinkenscharfen Augen lugten nach der Haustür. Der Gemeindediener schloß sie auf, Leute kamen, Weiber, ein paar Bauern, Dorfkinder, Gaffer. Durch den Tännicht rauschten Nebelschleifen, hier entdeckte ihn niemand. Ueberdies sprühte ein Wolkenwisch feinen Regen in den Wald. Horch! Juppi hielt den Atem an: setzt schallte im Haus eine laute Stimme. Was wollte sie? Es war die Stimme des Gemeindedieners, eine versoffene Montagsstimme: der alte Fenn trank Schnaps. Die Leute riefen ihm zu: zwei ... drei... dreisünfzig ... Juppi verstand nicht, was sie meinten. Angestrengt dachte er nach: aber da wurde der Tisch herausgetragen. Der Tisch geht fort, der Tisch geht fort. Unser Tisch! Mit seinem Vater und ehedem mit der Mutter, mit der Spiel- zeua-Gret und den Schulbüchern hatte Juppi an dem schönen Tisch gesessen. Er betete davor, wenn die Schüsseln aufgetragen waren: Vater unser ... ach! ... Unser täglich Brot ... Das Brot lag immer im Schubkasten, aber der Kasten hing nun leer aus dem Schub. Ein Bauer schleppte den Tiich auf dem Rücken davon. Die vier hölzernen Beine starrten angstvoll in die Luft. Dann tauchte der Tisch hinter die Bodenwelle, als sänke er unter Dem Tisch folgte der Schrank. Juppi reckte den Hals. Zwei alte Weiber hoben das Möbel über die Schwelle. Sie krachten es auf einen Handwagen nieder und fuhren schnatternd los. Dumpf rumvelnd klagte der Schrank. Vaters Stolz, der schöne Schrank. Juppi wußte, daß ihn der Vater sich vom Mund abgespart hatte. Groß und mächtig stand der braunaebeizte Kasten in der Schlafstube an der Wand Unverrückbar. Oeffnete mar, ihn, dann lang die Tür einen feinen Ton, und Kienlpan roch. Gegen die Motten. Links hatten an den Haken VaterS Kleider aebangen. die brauchten immer viel Platz: rechts hatten JuppiS Hosen und Joppen gebaumelt: zwei im ganzen. Unten auf dem Boden des Schranks hatte der schwarze Hut des Vaters auf den Sonntag gewartet, und ein Bündel Wäsche von der Mutter war noch da gewesen. Juppi kroch in sich, in seine Trauer. Im Haus brüllte der Gemeindcdiener. Die Betten! Ob, die Betten. Die Laden und die Bretter, die Strobläcke. Stück für Stück verschwand. Fort ging mit ihnen der gute Schlaf von einst, die Träume und die Ruhe, als die Kindersterne durch die Fenster schienen und der Kindermond vom Himmel herunterlab: alle verwehten Atemzüge,. die guten Worte des Vaters, die blasse Hand, die auf dem 'Tuchent lag — all dies schwand mit den Betten ins Nimmerwieder. Nun wanderten die Stühle aus dem Haus. Die Ofenbank verliest ihre Ecke. Töpfe zogen ans der Küche. Die Schaftstiefel des Bakers und der Stiefelzieher machten sich auf den Weg, und Juppi wußte nicht, wohin sie enteilten. Auch das Tellerbrett hatte seine Stelle an der Wand verlassen. Ach, die Uhr! In seinem Herzen hörte Juppi das Werk tranm- ticken. und er erinnerte sich, wie bad Pendel an der Wand neben dem kleinen Spiegel hin- und herging. Nie mgchte es eine Pause. Und er iah sich unter der ufir stebn und zahlte die Schläge, schn-^' und laut. V,t6 er sah den Vater zum Ziffernblatt aufblicken, wenn es Zeit war zur Arbeit zur Kirche, zum Schlafen. Sein Herz kramvfte sich zusammen. Fest bist er die Zäbne auseinander Nur nicht weinen! Stumm ertrug er den großen Nb- schiedSschmerz. Die Uhr klapperke, die Ketten mit den Gewichten schlotterten, ihr Schlagwerk klirrte wirr, als jammere sie auf. Lustig aber klang die Stimme des Ausrufers. Zuweilen schallte Gelächter und Weibergeschrei. Der Weidenkorb, die gestickte Tasche: fort. Vaters Hut, Vaters Mantel: fort. Juppi schaut in seine Kleknkinderzeit. Er spürt, wie seine Hand suchend in die tiefe Manteltasche des Vaters greift: Vater hast du was mitgebracht? Einen Kreisel hat er aus der Stadt mitgebracht, einen Lebkuchen vom Neujahrsmarkt ... Eine Bauernmagd trug die Lampe weg. Die einzige Lampe mit dem Messingfuß und dem Schirm von Milchglas. Immer hatte er den Sturz bewundert. Wie konnte man nur Glas aus Milch Herstellen. Die Lampe hatte die Dunkelheit tn der Stube erhellt und ihren Schein durch die Fenster hinausgeschickt auf den Weg und die Fichten am Hang, die nachts leise oder laut rauschten. Die Lampe malte einen Lichtkringel oben an die Decke und bestrahlte den Tisch und was darauf lag. Die Lampe wurde fortgebracht. Sie nahm alles innere Licht mit. Dichter rauschte der Nebel durch das Tännicht und verlöschte die niedergekauerte Kindergestalt ... Waldtief summten die Bäume, vom Gehänge schwirrte der Wind auf Fledermausflügeln, der Nadelboden ergraute. Nebelgespeist und regengetränkt stahl sich Juppi tn seinen Unterschlupf heim, zur Gret. Sie hielt nach ihm Ausschau, wie er dahertappte. Ob er vielleicht gar aus der Gant gewesen sei, fragte sie ihn besorgt. Stumm schüttelte er den Kopf. „Magst du den Wald gern?" Sein Haar glimmt wie feine Sonne auf Stroh. Frühlingshaft zart ist sein Gesicht, im Ausdruck herbstlich erschrocken. Die Gret mustert ihn von der Seite. Ein Kälteschauer durchrieselt ihn sicht- barlich. „Den Wald mag ich gern ..." gesteht er. „Juppi, weißt was", flüstert sie zutraulich, „wenn schönes Wetter ist und alles grün, dann gehn wir miteinander in den Wald." Alles ist weg, dachte er. Aber sie winkt fernerhin in das Gegründe und Geklttfte und malt ihm das buchcngrün blitzende Bild in die Stubenluft. Da rauschen die Wildwasser auf, Sägemüblen kreischen, Beile schallen, durch die Lichtungen jagen die Hirsche. Einer trägt wahrhaftig ein heiliges Kreuz zwischen dem Geweih wie auf dem Ocldruck an der Wand. Und sie beide steigen aufwärts, wo die Moldau entspringt, und halten die Quelle zum Spaß mit den Händen an: wie man Forellen packt, so umkrallen sie den schmalen, glitschigen Wasserleib, der aus der Erde schlüpft — dann wundern sich drüben die Böhmen, weil die Moldau ausbleibt, und keiner weiß warum ... Ihm gefällt der Plan. Gemächlich zieht er seine feuchte Joppe aus und hängt sie an die Tür der Ofenröhre. Das Feuer brennt seit September. Noch faucht kalt der April. „Ich war auf der Gant ..." erzählt sie beiläufig. Juppi hat sich an den Tisch gesetzt, wo sein Rechenbuch liegt. Er stützt den Kops in die Fäuste. Was konnte sie schon Neues berichten, die Spielzeug-Gret! Er wußte alles. „Ich war dort", sagte sie. „Hab auch was gesteigert. Da!" Er blickt auf ihre Hand, die sich heranschiebt. Eine breite Hand hat sie. Gret öffnet die Hand, da fällt die Mundharmonika heraus. „Meine Mundharmonika!" jubelt er gläubig-ungläubig. Er hat sie wieder. Sie ist es. Das Kirschrot der Mundleiste war ein wenig abgewetzt von seinen Lippen. Sonst aber war sie noch wie nen. Juppi betrachtete sie schweigend, glückversunken. Dann, als die Gret hinausgegangen war, führte er sie an die Lippen und stimmte die hohen Klänge an. Die Zungen tönten silbern, himmelher. So geheimnisvoll hoch schwebte der Ton, wie bas Geläut der Glocken hinter den Bergen in der Christnacht. Er schloß die Augen und spielte sich Vergangenes vor. Wie wenn der Vater noch lebte, war ihm dabei zumute: als ob er am Tisch säße und der Vater ihm zunickte, da er so besonders schön und sein spielte. Bis in die Dunkelheit des Abends spielte er, und der Mond schaute vom Himmel gottvatergroß, wie zu seines Vaters Abenden. Das Bündel. Acht Tage blieb Juppi bei der Gret. Länger konnte sie ihn nicht bei sich behalten. Sie ivar eine landfahrende Frau, und ihre Haustür war mehr zugeschloffen als aufgetan. Ihrem Handel mußte sic nachgehen. Weit fort führte er sie durch den Bäurischen Wald, hinauf und hinunter, bis an die böhmischen Urwälder und an die Grenze Oestereichs. Mit dem Tragkorb, darauf der schwere Wachstuchballen lastete, kam sie in die Dörfer und Einöden zu den Bäuerinnen, Holzfällerweibern, den Mädchen und Mägden. Juppi konnte wirklich nicht länger bei ihr bleiben. Sie mußte fort, und Juppi mußte zum Vormund. Sie hat schon einmal bitten müssen, ihn noch ein paar Tage bei ihr zu lassen. Im Augenblick war sie damit beschäftigt, ihre Stosse. Kattun und Barchent, zu ordnen und zu schichten, die bunten Schürzen, die Männerhemden, Bänder und Schleifen. Florstrümpfe legte sie zurecht, gemustert nach Nummern und Farbe, für die Töchter der bessern Leute, der Wirte. Förster und Säaemühlenbesitzer. Jnvpi stand neben ibr und genoß den vornehmen Geruch, der den Stoffen entströmte. Es war ein Duft, ivie auS dem Laden des Orts- krämerS, aber viel feiner. „DaS riecht wie nach dem Wäscheschrank in einem Schloß ..." sagte die Gret. (Fortsetzung folgt.) Aeron'wörtlich: vr. tzansThhriot. — Druck und Berlag: Brühl sche^tniverfitäts-Buch- und Steindruckerei, 2i. Lange, Gießen.