GietzenerZamilienblätter Unterhaltungzbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1933 Montag, den 18. September Nummer 72 Braune Erde. Von Lulu von Strautz und Torney*. Nun schleicht der bunte Sommer aus der Welt, Das grüne Laub im Walde gilbt und fällt. In grauer Luft der Stare Wanderflug, In brauner Erdcnscholle blitzt der Pflug. Mir wird so still, mir schweigen Lust und Weh, Wenn ich im Herbst die braune Erde seh ... Was sich im Lenz aus Keim und Knospe rang, Was da geblüht im Lichte sommerlang, Was vor der Zeit in Glut und Frost verdarb, Was erntereif am Schnitt der Sichel starb, — Von all den tausend Leben schwand die Spur, Herbstmüde träumt die braune Erde nur. O unstet Herz, was sehnst und suchest du? Die braune Erde ist die große Ruh'! Herbstliche Begegnung. Von Hans Setffert. Er hatte sie sofort wiedererkannt, trotz der sieben Jahre, die -wischen damals und heute lagen. Das Blut strömte ihm leise mit schmerzhaftem Ruck zum Herzen,' er wollte fliehen, wollte sich verbergen, wollte in den Schiffssalon hinnntergehen — aber da kam sie schon die Stufen zum Oberdeck herauf, und ihr Blick begegnete dem seinen. Flüchtige Röte überzog ihr Gesicht, dann ging sie unbefangen auf ihn zu und reichte ihm die Hand: „Guten Tag, gnädige Frau!" antwortete er und wunderte sich, wie ruhig seine Stimme klang. „Aber wollen wir uns nicht setzen? Neben Ihnen ist doch sicher noch Platz?" „Guten Tag, Herr Doktor." „Gewiß, gnädige Frau." Sie ließen sich nieder, und während das Schiff, leise vibrierend im rhythmischen Stampfen der Maschinen, von der Landungsbrücke abstieß und in weitem Bogen auf den See hinaussteuerte, kamen sie in ein gleichgültiges Gespräch. Sie sei erst vor zwei Tagen angekommen und wohne in der Oberstadt. Er verbringe seinen Urlaub, wie alle Jahre, hier in Meersburg und sei im Gasthof „Zum Schiff" gut untergebracht. Es sei schon verhältnis- mäßig spät im Jahr, aber noch ungewöhnlich schön und von fast sommerlicher Wärme. Ein wundervoller Herbst, ganz gewiß! Und hier am Bodensee sei es im Herbst besonders schön, eigentlich noch schöner als im Sommer. Viel klarer die Luft, viel durchsichtiger, viel reiner ... „Sehen Sie nur!" Er wies nach rückwärts, wo zwischen dem helleren Blau des Wassers und dem dunkleren des Himmels das Städtchen lag; die Baumreihe am Kai, die Häuserzeile der Unterstadt, darüber die altersgraue, turmüberragte Manermasse des Schlosses. „Was ist das für ein Gebäude unten an der Uferstraße, rechts vom Ort?" fragte sie. „Das neue Elektrizitätswerk. Es steht erst seit einem Jahr." „Damals waren dort noch Gärten." „Ja. Damals ..." Sie schwiegen, in Erinnerungen versunken. Das Schiff hatte sich unterdessen der Insel genähert, deren hohe, dunkle Baume im stillen Uferwasser sich spiegelten. Mit * Anläßlich des 60. Geburtstages der Dichterin am 20. September bringen wir dieses Herbstgedicht aus der Gesamtausgabe 6er Balladen und Gedichte, die unter dem Titel: „Reif steht d i e S a a t" int Eugen Diederichs Verlag, Jena, erschien. halber Kraft glitt es an dem kloinen Bootshafen vorüber: die Stahltrosse flog blitzend durch die Luft, schlug hart auf die Bohlen der Landungsbrücke, wurde gepackt und festgemacht. Das Laufbrett wurde herübcrgeschoben, ein paar Leute stiegen aus. Während er aufmerksam alle diese kleinen Vorgänge beobachtete, lachte sie mit einem Male unbefangen und sagte, als er sie fragend an- blicktc: „Wissen Sie noch, wie Sie damals auf diesem Laufbrett plötzlich stolperten, und Ihnen dabei der Hut ins Wasser siel!" Nun lachte auch er: „Ja. Es war ein ganz neuer Hut, und es war gar nicht so einfach, ihn wieder herauszufischen." Die Insel Mainau lag schon wiedtzr hinter ihnen: das Dampf- bvot nahm Kurs nach dem nördlichen Ufer. Links schlossen dunkelbewaldete Berge den allmählich schmäler werdenden See ein, zur Rechten dehnte er sich blau und silbern in die Weite, fast wie ein Meer. Ein frischer Wiiid machte sich auf und trieb kurze, spitze Wellen in den stilleren Seearm. „Fahren Sie auch bis Ueberlingen, gnädige Frau?" fragte er nach einer Weile. „Ja. Ich will dann ein Stück den See entlang wandern und mit dem Abendschiff zurückfahren." Und nach einem Zögern setzte sie hinzu: „Wollen Sie mich begleiten, Herr Doktor —, das heißt: falls. Sie nichts Besseres vorhaben?" „Ich habe nichts Besseres vor, gnädige Frau." In diesem Augenblick zogen zwei Segelboote leuchtend weiß vorüber und schwankten heftig, als die starke Bugwelle des Dampfers sie erreichte. Man winkte und tauschte fröhliche Zurufe. Als sie sich wieder umwandte, berührte ihr Arm seine Hand, die auf dem Geländer lag: ein kleiner freudiger Schreck überrieselte ihn, und er zog die Hand zurück. Sie hatte es gar nicht bemerkt. Dann saßen sie schweigend, bis das Schifs an der Landungsbrücke anlegte. Eine Minute später raschelte das welke Laub der Kastanien unter ihren Schritten. Sie gingen durch die vereinsamten Wege des Kurgartens, stiegen eine schmale Gasse hinan, in der es nach Leder und Seilcrwaren roch, und standen vor dem Münster. „Wollen wir hineingehen und unsere Madonna besuchen?" fragte er. „Erinnern Sie sich noch, wie stolz wir waren aus die schöne Madonnenstatue, die wir entdeckt zu haben glaubten? Bis mir erfuhren, daß sie schon längst entdeckt und registriert war, schon längst in den Himmel der Kunsthandbücher eingegangen, daß wir zu spät gekommen waren mit unserer Entdeckung." „Ja. Zu spät!" sagte sie leise mit kaum merklicher Betonung. „Aber bleiben wir doch lieber draußen in der Sonne." Sie schritten über den stillen Platz, am Brunnen vorbei, in dessen Becken rostrote und gelbe Blätter schwammen: sie folgten der Hauptstraße und bogen hinter den letzten Häusern des Ortes rechts ab, durch herbstbunte Gärten wieder hinunter zum See. Sie mußten hintereinander gehen, so schmal war der Weg, der hart am Wasser"hinlief und jeder Biegung des Users folgte. Der Wind knisterte int Schilf, kleine Wellen plätscherten geschwätzig gegen die blanken Kiesel. Während sie vor ihm herschritt, umfaßte er mit einem Blick ihre schlanke Gestalt. Nein, sie hatte sich nicht verändert in den sieben Jahren. Gar nicht. Sie war noch wie damals: so mädchenhaft, biegsam, so frisch ... Und er? War er nicht auch derselbe geblieben? In knabenhafter Aufwallung ergriff er einen Kiesel und schleuderte ihn in flachem Bogen hinaus in den See, daß er in weiten Sprüngen über das Wasser tanzte, ehe er versank. Sie hatte sich umgewandt und lachte: „Drei — vier — fünfmal. Bravo, Herr Doktor. Aber früher konnten sic es, glaube ich, noch besser." „Kein Wunder. Man wird alt. Und den ganzen Tag sitzt man am Schreibtisch." „Aber Ihr Beruf macht Ihnen doch Freude ...!" „Natürlich. Aber sehen Sie, gnädige Frau, das ist alles so hoffnungslos, was man da treibt. Und kein Mensch ist da, der einem . . Aber wir wollen von etwas anderem sprechen. Erinnern Sie sich, wie wir vor sieben Jahren diesen selben Weg gingen? Es war Juli: kleine Eidechsen sonnten sich auf den heißen Steinen..." „Ja, aber das war weiter vorn, wo der Weg höher liegt." „Ja, Sie haben recht. Und hinter dem Wäldchen dort gingen 1 wir nach links und stiegen den Hügel hinauf, zur Wallsahrts- kirchc. Was meinen Sie, wenn wir heute denselben Abstecher machten. Der Blick vvn dort oben muh jetzt noch viel schöner sein als im Sommer." „Wird es nicht zn spät werden?" „Nein, wir kommen zurecht." Sic durchschritten das kleine Gehölz, in dem vereinzelte gelbe Blätter wie müde Walter lautlos durch die Luft taumelten, und sanden den Psad, der sie in vielen Windungen allmählich bergan stihrte. Endlich ivar die Höhe erreicht, und sie ließen sich auf einer Bank nieder. Lange saßen sie und sprachen kein Wort. Die große Stille des .^erbstunchmiltagü hüllte sie ein; gedämpft nur klangen vereinzelte Laute auö der Tiefe herauf: das Tacken eines Motorbootes, menschliche Stimmen, Hundegebell. Sie achteten nicht auf die Stundenschlüge, die dünn und blechern zuweilen über ihnen durch die Lust zitterten; sie ruhten, und einer stthltc des anderen Nähe. Dann sank die Sonne. Purpurgesäumte Wolken loderten auf dem Goldgrund des westlichen Himmels: über den unbewegten Spiegel des Seees glitten schimmernde Farbenspiele. Das Gold erkaltete zu gläsernem Grün, die Wolkenbrüude erloschen; nur das Wasser leuchtete noch lauge in sarbtgem Widerschein, und über den Hügeln des Schweizer Users schwamm still und klar -er zartrosa glühende Gipfel des Säntiö, bis von Osten her hellblaue Nacht alles verschleierte. Sic legte die Hand auf seine» Arm und sagte leise: „Ich glaube, es ist Zeit für uns." Sie gingen die Fahrstraße entlang, die in sanfter Neigung abwärts führte. Boni See herüber wehte es kühl — da nahm sie zaghaft seinen Arm. »Ist Ihnen kalt?" fragte er. „Nein. Jetzt nicht mehr." Sie erreichten das Dorf, als draußen auf dem Wasser die Lichter des Dampfers sichtbar wurden. Während er stampfend und rauschend näherkam, hasteten sie zur Landungsbrücke, ivo sic zu gleicher Zeit wie daö Schiss anlangten. Dann saßen sic unten im Salon, redeten gleichgültige Dinge und hörten, wie das Wasser an der Schiffswand vorUberströmtc. Fridericus Rex. Bon Willibald Alexis. FridericuS Nex, unser König und Herr, Der- rief seine Soldaten allesamt ins Gewehr, Zweihundert Bataillons und mt die tausend Schwadronen, lind jeder Grenadier kriegte sechzig Patronen. „Ihr verfluchten Kerls", sprach Seine Majestät, „Daß jeder in der Bataille seinen Mann mir steht. Sie gönnen mir nicht Schlesien und die Grafschaft Glatz lind die hundert Millionen in meinem Schatz. Die Kaiserin hat sich mit den Franzosen alliiert Und das Römische Reich gegen mich revoltiert, Die Russen sind gefallen in Preußen ein; Aus, laßt uns zeigen, daß wir brave Landesktndcr sein! Meine Generale Schiverin und Feldmarschall von Keith, Und der Generalmajor von Zielen sind allemal bereit, Potz Mohren, Blitz und Krenzclement, Wer den Fritz und seine Soldaten noch nicht kennt." ^,Nun abjv, Lowise, wisch ab daö Gesicht, Eine jede Kugel, die trifft ja nicht, Denn träf jede Kugel apart ihren Mann, ~ Wo kriegten die Könige ihre Soldaten dann! Die MuSkctenkugcl macht ein kleines Loch, Die Kanonenkugel ein wett größeres noch; Die Kugeln sind alle von Eisen und Blei, Und manche Kugel geht manchem vorbei. Unsere Artillerie hat ein vvrtrcfslich Kaliber, Und von den Preußen geht keiner zum Feinde nicht über; Die Schiveden, die haben verflucht schlechtes Geld, Wer weiß, ob der Ocstcrreichcr besseres hält. Mit Pomade bezahlt den Franzosen sein König, Wir kricgen'ö alle Wochen bei Heller und Pfennig. Potz Mohren, Blitz und Krcuzsackcrment, Wer kriegt so prompt wie der Preuße sein Traktament! Fridcsicus, mein König, den der Lorbcerkranz ziert, Ach hältst du nur öfters zn plündern pcrmittiert, Fridcrienö Rex, mein König und Held, Wir schlügen den Teufel für dich aus der Welt." Friedrich der Große als dichter. Von Gerichtsreserendar Otto Christoffel. Der Prozeß, der hier geschildert werden soll, ist in der Gesichte als der Müller A r n o l d s ch e Prozeß bekannt, und hängt auf das engste mit der ziveiten Justizrcsorm unter Friedrich IT. zusammen, die mit dem Jahre 1770 beginnt. (Ungefähr 30 Jahre nach der Reform von Coeceji.) An der schlesischen Grenze der Neumark, südwestlich von Zül- lichau, liegt an einem der kleinen in die Oder sickernden Bache eine Mühle, die Krebsmühle genannt; sie gehörte der Familie Arnold, die mühsam seit vielen Generationen den Roggen, die ^-»ülsensrüchte und die Gerste jener öden Gegend zu Biehl mahlte. Im Jahre 1762 verheiratete sich der junge Arnold mit einer Frau, der die besondere Fähigkeit einer gewandten Prozeßfüyrerin uachgerühmt werbe» muß. Acht Jahre lang blieb die „öffentliche Geschichte" dieses jungen Hausstandes für die Menschheit inhaltslos. _ = t , Im Jahre 1770 kam aber der Landrat a. D. v. G e r s d v r f in Kay tstromaufivürtö von der KrebSmühlej aus den Gedanken, sich mit Fischzucht zu beschäftigen. Er legte sich einen Fischteich au und legte zn dessen Versorgung mit Wasser ein Wehr durch den Bach und lenkte dadurch einen Teil vvn Arnolds Wasserst ab. Dies hatte znr Folge, daß die Arnolds mit ihrem Pachtzins in Rückstand kamen, bis sie im Jahre 1777 von dem Grundherrn von S ch m c t t a u auf Zahlung deö Zinses verklagt wurden. Er lud die Eheleute Arnold vor seinen Gerichtshof in Pvmmerzig, eine Art Patrimonialgerichtshof. Es ivar mehr oder weniger sein Gerichtshof, da ein Advokat Recht sprach, dessen Ernennung von seiner, des Grundherrn, Genehmigung abhing. Der Advokat hieß Schlecker, und nichts deutete darauf hin, daß er in irgendeiner Beziehung unrecht gehandelt hat. Die verklagte Frau A r n v l d hegte jedoch Verdacht, daß der Gutsherr, wenn er auch nicht seine Hand an die Waage der Gerechtigkeit legte, doch mit seinem Auge mehr oder ivcniger Einfluß auf die Haltung des Richters ausübte. Die unglückliche Frau Arnold hegte diesen Vorivurs aber nicht in ihrem stillen Kämmerlein, sondern scheint gelegentlich gegen Schlecker (das war der Richter) in dieser Hinsicht aufgetreten zu sein, tvosür er sie wegen Nichtachtung des hohen Gerichtshofes einsperren ließ. „Nur zwei Stunden", beteuerte Schlecker später, woraus sie ruhiger und mit dem gehörigen Respekt vor dem Gerichtshof herauskam. , , , Von diesem Prozeß an Schleckers Gerichtshof ist nichts weiter als das Urteil bekannt. Die Arnolds wurden zur Zahlung des rückständigen Pachtzinses verurteilt. Da aber nicht bezahlt wurde, verordnete Schlecker den Verkauf der Mühle an. Die Familie Arnold wäre nun eine ausgestoßene Familie gewesen, wenn nicht ... ja, wenn Frau Arnold eben nicht so rechts- tüchtig gewesen wäre. Das Schleckersche Urteil und die Versteigerung hatten es ihr angetan. Zunächst wurde verschiedene Male an die neumarkische Regierung appelliert; aber ohne Erfolg. Kein Wunder also, daß Frau Arnold direkt den König in einer Bittschrift um Ent-, senduug einer Militärkommission bat: „O, gerechter König, ernenne eine Militürkommission znr Untersuchung der Sache. Unparteiische Offiziere werden bald entdecken, wie die Dinge stehen, und nach Fug und Recht entscheideri." DaS Kabinett des Königs schickt das Schreibe» i» Abwesenheit des Königs an das Justiz- departement, das seinerseits die Prozeßakten von Küstrin anfordert, aber in der Sache selbst alles in Ordnung findet. Frau Arnold hatte also dieses Mal Pech! Jetzt besann sie sich darauf, daß ihr Schwager, der Bruder ihres Mannes, Bedienter bei dem Prinzen Leopold ivar, der als Oberst mit seinem Regiment in Frankfurt a. O. staud und gute Beziehungen zum König unterhielt. Auf diesem etivaS umständlichen, aber für Frau Arnold im Endergebnis doch erfolgreichen Weg hörte der König von dem angeblich schreienden Unrecht, das den armen Mtillerslenten widerfahren sein sollte. Der König nahm sich der Sache an und schickte eine KabinettSordrc an die Küstriuer Advokaten, woraus ohne Verzug Regierungsrat Neu- m a n n nud Oberst H e u ck i n g an Ort und Stelle nach Kay zur Untersuchung der Angelegenheit geschickt wurden. Von der Arbeit dieser beiden Herren ist der Nachwelt nicht viel erhalten geblieben. Man iveiß mir, daß sie sich nicht einigen konnten. Neumann war für Bestätigung der bisher ergangenen Entscheidungen; Hcucking war dagegen. Neide schickten getrennte Berichte an den König. Die Küstriuer Antwort erregte im Gegensatz zu dem Bericht des Obersten Hencking das äußerste Mißfallen des Königs. Er bat daher um nochmalige Entscheidung, worauf ihm von Küstrin die Antwort zuging, der UrtcilSspruch könne nicht mehr geändert werden; dies sei nur durch Appellation möglich. Se. Majestät möge entscheiden, wo die Appellation stattfinden soll. Friedrich entschied: ES soll an das Berliner Kammergericht appelliert werden. Am 7. Dezember 177» tagte nun das Kammergericht unter dem Vorsitz des Kanzlers von F ii r st und ernannte den Kammer- gerichtSrat Rann Sieben zum Berichterstatter, der de» ganzen Tag und die ganze Nacht fleißig an zwei Berichten arbeitete, die er dann bereits am folgenden Tag dem Collegium vorlaö — es waren (das soll für später sestgehalten werde») Präsident von Rebeur sowie die Räte Uhl, Friedel, Kirche Isen, Granu und Gräßler, die alle den Bericht ohne Diskussion unterschrieben. DaS Ergebnis ivar: Die Küstriuer Entscheidung ist in allen Punkten richtig! , Nachdem der König dieses Urteil erhielt, wurde der Kanzler von Fürst mit den Richtern auf daö Schloß befohlen, lieber diese Audienz am 11. Dezember 1779 soll dem KammergerichtSrat Nannsleben das Wort erteilt werden. Er schreibt in seinen Erinnerungen: „Der König sagte zu uns, sehr aufgebracht: Kann man einem Müller, der kein Wasser hat, und also nicht mahlen und also auch nichts verdienen kann, die Mühle deshalb nehmen, weil er keine Pacht bezahlt hat? Ist das gerecht? Wir verneigten uns hierauf und sagten: Nein, Majestät. Der König, fortfahrend: Was tut die Küstrinsche Justiz? Sie befiehlt, datz die Mühle verkauft werden soll, damit der Edelmann seine Pacht kriegt. Und das Berliner Tribunal approbiiert solches. Das ist höchst ungerecht und Sr. König!. Majestät Lanöesvüter- lichen Intentionen ganz und gar entgegen. Mein Name (Ihr gebt es im „Namen des Königs") cruel gemitzbraucht". Rannsleben fährt in seinem Bericht folgendermaßen fort: „Der ffiünig bediente sich noch sehr harter Ausdrücke gegen uns und entließ uns endlich, ohne zu sagen, was er mit uns machen wollte. Kaum hatten mir das Zimmer verlassen, als er hinter uns herkam und uns befahl, zu warten. Kurz darauf kam ein Adjutant, welcher uns in einen Wagen nach dem gemeinen Stadtgefängnis führte. An dem dritten Tage unseres Arrestes, am 18. Dezember 1779, wurde «ns eine Kabmettsordre publiziert, nach welcher der König eine Kommission zur Untersuchung ernannt hatte." Ueber diese „Konferenz" mit den Kammergerichtsräten erschien am Dienstag, dem 14. Dezember 1779, in der Zeitung „Berlinische Nachrichten von Staats- und Gelehrten Sachen, Nr. 149" folgende amtliche Auslassung: „Se. Majestät werden daher in Ansehung der wider den Müller Arnold aus der Pommerziger Krebsmühle in der Neumark abgesprochenen und hier approbiierten, höchst ungerechten Sentenz ein nachdrückliches Exempel statuieren, damit sämtliche Justizcollegia in allen dero Provinzen sich darin spiegeln und keine dergleichen grobe Ungerechtigkeiten begehen mögen. Denn sie müssen nur wissen, daß der gering st e Bauer, ja, was noch mehr ist, der Bettler ebensowohl ein Mensch ist, wie Se. Majestätsind, und dem gleiche Justiz muß widerfahren werden. Indem vor der Justiz alle Leute gleich sind, es mag ein Prinz, der wider einen Bauer klagt, oder auch umgekehrt, so ist der Prinz vor der Justiz dem Bauer gleich, und bei solchen Gelegenheiten mutz pur nach der Gerechtigkeit verfahren werden, ohne Ansehen der Person. Denn ein Justizkollegium, das Ungerechtigkeiten ausübt, ist gefährlicher und schlimmer wie eine Diebesbande, vor der kann man sich schützen, aber vor Schelmen, die den Mantel der Justiz gebrauchen, um ihre Übeln Passiones auszuführen, vor denen kann sich kein Mensch hüten. Die sind ärger wie die größten Spitzbuben und meritieren (= verdienen) doppelte Bestrafung." Minister von Zedlitz weigerte sich aber, das Urteil gegen die Juristen bekanntzumachen, die sämtliche, einschließlich der Äüstriner Räte und des Kanzlers des Kammergerichis, der sofort nach der Audienz entlassen wurde, ins Gefängnis gebracht wurden. Hierauf fällte der König höchst persönlich am 1. Januar 1780 folgendes Urteil: „Erstens soll der Kammergerichtsrat Rannsleben, welcher sich alle Mühe gegeben hat, um alle vorkommenden Bedenklichkeiten, in einer ganz sichtbaren Unparteilichkeit vorzutragen, des Arrests entlassen werden. . Zweitens. Was hingegen die anderen arretierten Justizbe- Henten sind, so werden solche hiermit kassiert und zum einjährigen Festungsarrest kondemniert. Ueberöem sollen sie den Wert der Arnoldschen Mühle sowohl, als auch ihm selbst allen seinen ge- Habten Verlust und Schaden, der ihm bei dieser Sache verursacht nvorden, nach der von der Neumärkischen Kammer anzufertigenden Taxe aus ihren eigenen Mitteln bezahlen. (Anm. d. Verf.: Der Schadenersatz belief sich auf 1358 Taler 11 Groschen 1 Pfennig And wurde während der nächsten acht Monate pünktlich an Arnold entrichtet.) . . . Drittens soll solchergestalt der Müller Arnold völlig in integrum restituiret werden." — Ein hochinteressantes Dokument königlicher Justizpflege! Es erregte die Aufmerksamkeit von ganz Europa, gerade als das Dezennium der Französischen Revolution anfing. In Rußland schickte die Zarin Katharina ihrem Senat das oben wieder- «cgebene Protokoll vom 11. Dezember. Der König vernachlässigte «nichts, weder Großes noch Kleines, solange Leben in ihm war. Etwas über 6 Jahre später, am 17. August 1786, starb der König. — Aber nach dem Tode Friedrichs wurde die Sache aus das bringende Ersuchen des Teichbesitzers von Gersdorf wieder Ausgenommen und „vor das geheime Tribunal als den kompetenten Appelationshof in dritter Instanz" gebracht. Man hat einen Vertrag aus dem Jahre 1566 (230 Jahre vorher) aufgefunden, der dem Gersdorf seinen Teich wieder einbrachte. Die Familie Arnold mußte außerdem von den verurteilten Richtern „als Schaöens- srsah" bezahlte Geld zurückerstatten, ebenso das Kaufgeld für ähre Mühle, wenn sie diese behalten wollte. Im übrigen wurden öie bestraften Richter mit allen Ehren wieder in ihre Aemter eingesetzt. So endigte nach 16 Jahren der berühmte Müller Arnoldsche Prozeß, mit dessen Endergebnis sich sicherlich die tüchtige Fran Arnold genau so wenig wie früher hätte zufrieden gegeben, wenn nicht Friedrichs Nachfolger, König Friedrich Wilhelm II., alle -liefe Gelder aus seiner eigenen Tasche bezahlt hätte, um ein für allemal mit der Sache abzuschließen. . . Was aus der Krebsnrlnile und der Familie Arnold, insbesondere aber aus der tüchtigen Frau Arnold wurde, ist in der Gerichte nirgendwo verzeichnet, womit auch diese Historia ihr natürliches Ende finden kann. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walier Julius V I o e m (EDS.). (Fortsetzung.) Möglicherweise bildet Elli sich ein, daß ihre Freundin sie zu- rückgedrüngt hat, während es sich in Wirklichkeit ganz anders verhält. Elli ist nur eine kleine, lustige Sekretärin, die in keinen ernsthaften Betrieb hineinpatzt, sie war gut für die Zigeunerei des Anfangs — aber wie es nun bei Doktor Wagenschanz auf Griff und Zug geht unter maßloser Anspannung aller Kräfte, da fängt Elli an zu versagen, ihr unbekümmerter Schlendrian genügt nicht mehr, und wenn sie es nicht einsehen will, sinkt sie auf die Dauer zu einer belanglosen Schreibkraft dritten Ranges hinab. Vor einigen Tagen wurde sie vom Chef in allem Ernst verwarnt, als er ihre Kartothek in einer heillosen Unordnung sand, in der sie persönlich allerdings wunderbar Bescheid wußte. Daß Fräulein Aschenbrenner, die Neue, zuverlässiger stenographiert, schneller und fehlerloser auf der Maschine schreibt, ist in Ellis bedauerlich unzulänglicher Ausbildung begründet. Man versteht, daß sich auf diese Weise Spannungen einstellen müssen, gereizte Kleinigkeiten, denen man am besten aus dem Wege geht. Rosemarie findet zum September ein besonders hübsches Zimmer, nicht teuer, bei einer Kaufmannsfrau, deren Tochter studiert, sie kommt plötzlich in einen geselligen und angeregten Kreis hinein, wenigstens anfänglich scheint es so, alle neuen Menschen sind so blankgeputzt, später verliert sich das. Rosemarie wird oft eingeladen, kann sich jetzt endlich einige neue Kleider anschaffen, und so entfremdet sie sich sehr schnell ihrer Kameradin aus der Notzeit. Soll man darüber nicht traurig werden? Man hat sie alle herbeigeholt, jeden einzelnen, den Kandidaten Kieselbach, Rosemarie selbst und sogar dies Fräulein Aschenbrenner, bei deren Tante ein Bruder von der Bardame angestellt war, die früher ein paar Kleider von Elli nähen ließ. Versteht es sich denn nicht von selbst, daß man die andern herbeiruft, wenn sie in der Not sind und wenn man sie brauchen kann? Aber müssen sie darum diejenige, die ihnen damals hilfreich war, heute Schritt für Schritt zurückdrängen? Ob das gewollt ist oder nicht, es kommt darauf heraus. Und so sitzt Elli manchen Abend auf ihrem Vettranö, heult dicke Tränen und fühlt sich übergangen. Die andern klettern verteufelt, man mutz es mit ansehen und bleibt selbst ganz unten. Kieselbach bekommt ein schönes Geld und verlangt unverschämterweise immer mehr, Rosemarie wird auch nicht schlecht bezahlt — und vorigen Sonntag fuhren die beiden mit Anton über Land, ein vierter Platz war frei in dem Taubengrauen, niemand kam auf den entlegenen Gedanken, daß man eine gewisse Elli mitnehmen könnte. Die ersten Herbstschauer entmutigten Elli sowieso, die Wolken jagen grau und niedrig dahin, immer gieriger frißt die Dunkelheit sich in den Tag. Daß man einmal im Herzen etwas gehofft hat und sich sehnte, das liegt wie eine mißglückte Fabel im Schutt vergangener Zeit. Anton Wagenschanz liebte ein kleines Mädchen, als es ihm schlecht ging. Wen wird er lieben, wenn es ihm gut geht? Aber braucht er überhaupt Liebe, denkt er jetzt noch an so etwas? Stier, Elefant, Nashorn — das sind so Wesen, die ihm ähneln, mit dicken Stoßern vorne. Man müßte vergessen lernen und freut sich doch immer noch über jeden freundlichen Blick... Das stellt man sich so fein vor, wenn man ein ganzes Zimmer ganz für sich allein hat, und ist es so weit, wo fehlt es denn nun fchon wieder? Zunächst daran, daß man die Mansarde jetzt auch ganz allein bezahlen muß. Wie soll man das aufbringen? Wenn man täglich sieht, wie die andern viel tüchtiger sind als man selbst, woher soll man da den Mut nehmen und um eine Aufbesserung bei diesem harten Mann bitten, in dieser harten Zeit? Man greift in solcher Lage vielmehr zu der üblichen Schlankheitskur, obwohl niemand dies weniger nötig hätte als Elli mit ihrem Kinderkörperchen, und sagt der Witwe Wagenschanz: „Wissen Sie, ich habe Angst, daß ich dick werde, und von jetzt ab esse ich abends nur einen Apfel." Die Witwe Wagenschanz sagt gar nichts, am ersten Abend aber schnauft sie mit einem Teller heißer Pellkartoffeln, mit Käse und Brot die Stiege hinauf. „Na ja, dies eine Mal noch, aber von morgen ab lebe ich nach Vorschrift, verstehen Sie?" Ellis Kopf zergrübelt sich, ob man sich denn unbedingt eine spitze Nase zulegen muß wie Fräulein Aschenbrenner, wenn man im Beruf etwas leisten will, diesen sauertöpfischen Ernst, der nicht weiß, wieso und warum die Welt vorhanden ist, diese abgewelkte Hoffnung, daß es besser werden könnte. Elli jedoch freut sich noch monatelang über die hübschen, bunten Schuh?, die sie beim Saisonausverkauf erobert hat, Strümpfe mit ganz kleinen Fehlern für die vollkommen fehlerlosen Beine, baß man die Knie gern ein bißchen verwegen übereinander schlägt, wenn man an der Maschine sitzt, und sehr verwegen sogar, wenn gerade kein Mann im Zimmer ist, dann freut sich Elli über die giftigen Blicke, die ihre Kollegin ihr zuwirft. Fräulein Aschenbrenner plustert sich auf vor moralischer Entrüstung. Nicht zum erstenmal fliegen ein paar stichelnde Randbemerkungen hin und her. „Hasten Sie sich doch nicht so, Aschenbrenner, guckt ja keiner zu!" „Kein Wunder", wirft die Spitznase zurück, „andere Gedanken scheinen Sie nicht im Kopf zu haben, Fräulein Sampe« " Elli kaut, ewig hungrig, mitten in der Arbeitszeit an einer Butterschnitte. „Wieso kein Wunder?" merkt sie auf. „Sie werden sich wohl schon denken können, wie ich das meine." HW !' mit herüber, Elli, Sie bekommen Ihr Restgehalt und man alte Kneipkumpan der nute sich selbst überlaffen. * Bedingungen. (Fortsetzung folgt.) Hat „die sind entrecht ge- Ziege da das Geld in- hätte er doch eben sie, Elli, seinem Büro lassen." Es entsteht eine Stille wie in der Kirche, hort? Elli entlassen?! „Nur nicht so hastig", empört sich Fabisch, wird schon wissen, wie sie angefangen hat." Doktor Wagenschanz ist aber nicht mehr In der langen Baracke hat der Kandidat Kieselbach neuerdings einen eigenen Arbeitsraum. Ans seiner Pfeife qualmend sitzt er am Arbeitstisch, den Blick zum Fenster. Durch den Hof rennt Elli Hampel in einer wilden Aufmachung. Was hat das Kind? Gleich kommt sie wieder, schwingt sich auf ihr klapperiges Fahrrad und rast ohne jede Vorsicht zum Hof hinaus, eine alte Frau geht draußen vorüber und schreit vor Schreck. Kieselbach legt die Pfeife weg und stürzt ins Hauptgebäude. Dort kniet Fräulein Aschenbrenner schluchzend am Boden und sammelt die verstreuten, zerknitterten Blätter. Doktor Wagen- schanz geht mit großen Schritten, vorgebeugt, hin und her. Nun gibt cs in der Fabrik keinen, der Fräulein Aschenbrenner leiden könnte. Aber alle haben Elli geliebt. WaS gibt es denn? Ach Krach, Elli ist eutlrssen, Elli? Der Kandidat denkt sich den Rest, er Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Vuch- und Eteindruckerei. R. Lange, Giehen. „Haben Sie keine größeren Sorgen?" fährt Anion den Kandidaten Kieselbach an, der nun zum drittenmal seinen Vogelkopf hereinstreckt und sich erkundigt, ob Elli schon zurückgekominen fei. Aber bis zum Arbeitsschluß erscheint sie nicht, warum sollte sie auch, sie ist entlassen worden. Wahrhaftig, Kieselbach dürfte sich andere Sorgen machen! Sein Chef wartet nicht geduldig ab, bis der Betrieb sich im Laufe vieler Jahre nach oben würgt, falls er nicht vorher von der gedrängten Konkurrenz zerquetscht wird oder an irgendeiner Wirtschaftsklippe liegen bleibt. Man kann dasitzen und gottergeben seine Waren fafrizieren, wie es die Väter taten, und die Zeiten kommen daher wie Wellen, die einen tragen oder zugrunde stoßen. Das kann man. Anton Wagenschanz sieht nachts im Traum die aufgesiapel- tcn Vorräte, sauber getürmte Tubenschachteln, sie sehen aus wie ein Granatcndepot, kleine Flaschen zu Tausenden, Stapel van Seife, Stück für Stück zierlich verpackt. Wird er sie verkaufen? Er gehört zu den wenigen, die sich in dieser Zeit vorwärts wagten, man hatte Vertrauen zu diesem Unternehmungsgeist, Anton konnte immer die nötigen Geldmittel zusammenbringen, zu erträglichen von einst. Er ist jetzt der Chef. Es dreht sich jetzt umBrot für die Fran und die Kinder, da kann man nichts machen, da hält man besser die Schnauze, Fabisch patscht dem blonden Ding auf die Schulter. „Geh' zum Arbeitsgericht, Mädel", raunt ihr ein anderer zu, und man trollt sich. Soviel Wut und Gram geht eigentlich gar nicht in neunzehnjährige Mädchenaugen. Elli möchte bitten, sagen, behaupten, aber wenn sie noch reden könnte, so fehlten ihr die Worte vor einem Haß, den sie nie zuvor empfand, und der Mund klappt nur ein paarmal ans und zu. Dann reißt sie ihr Schränkchen auf, zerrt die dünne Jacke hervor, um die Schultern damit, das 'Filzhütchen auf, sitzt schief, einerlei, und raus ohne Gruß. Zwiespältig sieht Anton Wagenschanz hinter ihr her, Hände in den Hosentaschen. Es ist Elli. Elli aus der Mansarde, Elli von der Nähmaschine, es ist die Elli aus der schweren Anfangszeit ... Und damals lieh sie ihm ihre dreihundert Mark Ersparnisse, sie bekam zwischen ohne Zinsverlust zurück, aber vielleicht besser die „alte Ziege da" an die Luft gesetzt als Es tut ihm leid, doch wie soll er die Arbeit in sichern? mustert die verängstigte Sekretärin mit verächtlichem Blick und wirft sich gewaltig in die Brust. „Mit Fräulein Elli stehe und falle ich, ich erkläre mich solidarisch mit ihr, und wenn sie fliegt, fliege ich auch!" „Quatschen Sie nicht, Kieselbach!" sagt Anton. „Ich quatsche nicht, Herr Doktor, ich quatsche überhaupt niemals! Ich bin die Seele dieser Fabrik, vielmehr ich bin ihr Kopf. Ohne mich--" „Ohne Sie, Kieselbach, finde ich an jeder Ecke einen gelernten Rcklamemann, der nicht jede Woche das Gehalt erhöht haben will und der nicht nur dann arbeiten kann, wenn er in Stimmung ist. Wo sind die neuen Ideen, die ich von Ihnen brauche? Was mit Elli geschieht, wird sich finden. Also gehen Sie an Ihre Arbeit." * Es wird behauptet, jeder Mensch habe einen Schutzengel. Im alltäglichen Leben gibt es für diese Übernatürlichen Begleitpersonen so wenig zu tun, darum duselte Ellis Schutzengel wahrscheinlich ein bißchen, sonst wäre der Krach eben nicht passiert. Aber als die schwere Schreibmaschine zu Boden rasselte, wachte Ellis Schutzengel mit einem Ruck auf. Er eilt milde und begütigend neben ihr her. als sie hinaus- lüuft, wobei er aufpassen muß, daß sie sich in ihren blinden Tränen nicht am Türpfosten stößt. Er richtet es schwierig genug im letzten Augenblick so ein, daß sie die alte Frau vor der Fabrik nicht überfährt. . , _ Elli braust auf ihrem Fahrrad stadteinwärts, dermaßen schnell, daß ihre hübschen Beine wirbeln, auch die grünen Schlüpfer aus dem Saisonausverkauf kommen zur Wirkung. Der Schutzengel blickt verlegen beiseite. Er hat seine silbernen Fittiche entfaltet und schwebt vorsichtig neben ihr. Schon wochenlang hatte er Elli gewarnt, der Fahrradrahmcn habe einen Riß, eigentlich wollte sie auch schon lange nicht mehr damit fahren, aber bisher hielt die Geschichte. „Sei doch ein bißchen vorsichtig", raunt er ihr zu, „pass doch ein bißchen auf, du bist doch hier nicht allein auf der Straße!" Sie aber, taub und blind in ihrer Kränkung, rast dahin. Sie nähert sich einer Kreuzung, hinter der ein Vierfuhrwerk rasselt, sie hört es nicht. Aber der Schutzengel hört es," und als alle Ermahnungen nichts nützen, schlägt er seine silbernen Fittiche in Hast auseinander und stellt sich schnellstens an der Ecke auf, die Engels- Hand gebieterisch gegen das Fuhrwerk gereckt. Der Kutscher natürlich mit seinen schwachen Menschenaugen kann die leuchtende Gestalt nicht sehen, für ihn ist das ein bißchen Scptcmberdunst, aber die Pferde in ihrem warmen Tierinstinkt stemmen ihre Hufe sanft gegen das Kopfsteinpflaster und Elli faust vorüber. Der Schutzengel atmet auf. Doch in diesem Augenblick bemerkt er zu seinem Entsetzen, daß der Riß im Rahmen des alten Fahrrades sich zu öffnen droht, die silbernen Schwingen gleiten von neuem daher, und die Engelshand preßt das berstende Metall zusammen. Es ist eine verdammt unbequeme Haltung, bloß einen Flügel kann man benutzen, aber es muß eben gehen, sonst klafft Ellis Fahrrad auseinander. Da kommt schon wieder eine Kreuzung, aber hier steht wenigstens der Stadtpolizist Bräckel und regelt den Verkehr. Ganz von weitem nähert sich das Auto des Herrn Regierungspräsidenten, wahrhaftig noch Zeit genug für Elli. Sie sieht nur Fräulein Aschenbrenner böses Gesicht und nicht die breite Diensthand des Beamten, sie hört nur Anton Wagen- schanz' „Entlassen!" und nicht das raulse Halt des Beamten. Sie fegt daher, während Bräckel sein Notizbuch hcrvorreißt. Aber der Schutzengel in seiner milden Seele denkt: warum soll das arme Mädchen fünf Mark Strafe bezahlen, besonders wenn sie eben ihre Stellung verloren hat, außerdem kommt sie noch längst vor dem Auto vorüber. Obwohl dies allen himmlischen Grundsätzen zuwiderläuft, weist.er mit seinem unsichtbaren Zeigefinger im Vorüberhasten auf Ellis grüne Höschen. Der Stadtpolizist vergißt darüber vollkommen das Auto des Herrn Regierungspräsidenten, das trotzdem keinen Unfall erleidet, lieber diesem glückbringenden Anblick, der ihm schon lange entschwunden ist, schiebt Bräckel seinen gewaltigen Schnauzbart eine Minute lang nach rechts und nach links, fröhlich und ungeschoren bleibt der Verkehr an dieser gesegneten Ecke für eine einzige himmlische Mi- j Es < per al tinem l L «mitte ! Mögen >18 Wj 11 unz« ’itfent Whl y muhe i«ute, i möd v $a >» der ;'8!ten *tfe, j «it ihi 1 tntit ( «leb 1 dene ' «'ne «'m :l(uent s Mer ( !* tf %e] w v »Meftt >ne, M i K« Ä’it 7°'»s Mtig Men Nun hat es endlich gezündet. „Was denn?" Elli fährt in die Höhe. „Was wollen Sic damit fügen?" . Die andre beugt sich über ihre Schreibmaschine. „— baß mir so was von merkwürdiger Arbeitsauffassung noch nicht vorgekommen ist, und daß der Herr Doktor sich das gewiß nicht mehr lange —— Ein Stuhl kippt um, wie ein loSgeschossener Pfeil fliegt Elli daher. „Was haben Sie zu mäkeln?" n t < r Wer hat angefangen? Wie kam das eigentlich? Jeder saß doch ganz friedlich da, auf einmal haben sie sich bei den Haaren! „Sie alte, geölte Stenographierpuppe", schreit Elli, der Groll und die Verbitterung langer Wochen platzen urplötzlich heraus, „ich hab Ihnen den Stuhl hingestellt, auf dem Sie sitzen, und Sie machen mich beim Doktor Wagenschanz madig!" „Hilfe! Sie haut mich!" quiekt die Spitznase. Jetzt schwankt ihr leichter Bürotisch, die Schreibmaschine fällt mit dumpfem Gepolter zu Boden, im nächsten Augenblick stürzen die Leute aus den angrenzenden Räumen herbei, keine halbe Minute dauerte der Krach, schon sind zu beklagen eine zerrissene Bluse, eine verbogene Schreibmaschine und ein gutes Dutzend zerknitterter Geschäftsbriefe aus der Unterschriftenmappe. Das scheint der wütenden Elli aber noch lange nicht genug, zwei Arbeiter halten sie mit ehernen Griffen fest. „Was geht denn hier vor?" donnert Doktor Wagen- ^"„Sie hat mich —" — „Nein, Sie!" — Ich habe ganz ruhig —" i— „Sie überqeschnappte Pute!" „Ruhe, Elli! Fräulein Aschenbrenner, Sie sind die Aeltere, erzählen Sie der Reihe nach." Die Spitznase hält ihre zerfetzte Bluse zusammen, und während sie schweratmend ihr Haar zu ordnen versucht, berichtet sie, wird aber dauernd von Ellis geifernden Zwischenrufen unterbrochen, bis der Arbeiter Fabisch mit seiner nach Erotikon duftenden Pranke Ellis Mund zudrückt. Nun hört man bloß noch das wütige Zischen. Fräulein Aschenbrenner hat in tiefstem Frieden an ihrer Schreibmaschine gesessen und die Diktate des Herrn Doktor tadellos abgeschrieben, plötzlich fährt diese Person da aus hciterm Himmel daher. „Frechheit, gemeine Bestie!" stößt Ellis Mund hinter der Ar- bciterfaust hervor. „Ruhe!! — Das klingt ja riesig wahrscheinlich, Fräulein Aschenbrenner. — Was ist los, Elli?" „An meiner Arbeitsanffassnng hat sie herumgenörgelt, bloß weil ich schöne Beine habe und sie zwei Besenstiele." Die Blicke sämtlicher Anwesenden vergleichen die Streitobjekte. »Wir sind hier int Geschäft", meint Doktor Wagenschanz drohend. „Sie hätten sich bei mir beschweren können, Elli. Aber Sie schmeißen gleich meine Schreibmaschine kaputt. Haben Sie Fräulein Aschenbrenner geschlagen?" Elli tobt gegen ihre Wärter. „Ich kratze ihr noch die Augen aus, passen Sie auf, Aschenbrenner, Sie kommen mir nochmal zwischen die Finger!" „Mein Büro ist kein Theater", entscheidet Anton, „kommen Sie