SMnerZamilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang <933 Zreitag, -en ^8. August Nummer 65 Schicksal. Von Wilhelm Raabe. Legt in die Hand das Schicksal dir ein Glück, Mußt du ein andres wieder fallen lassen; Schmerz wie Gewinn erhältst du Stuck um Stück, Und Tiefersehntes wirst du bitter hassen. Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sie greift nur zu, um achtlos zu zerstören; Mit Trümmern überstreuet sie das Land, Und was sie hält, wird ihr doch nie gehören. Des Menschen Hand ist eine Kinderhand, Sein Herz ein Kinderherz im heft'gen Trachten. Greif zu und Haiti ... da liegt der bunte Tand: Und klagen müssen nun, die eben lachten. Legt in die Hand das Schicksal dir den Kranz, So mußt die schönste Pracht du selbst zerpflücken; Zerstören wirst du selbst des Lebens Glanz Und meinen über den zerstreuten Stücken. Oer dreifache Herr Siller. Von Franz Karl Wagner. Nach der Revolution und besonders in den Jahren der großen Inflation bestand auch für viele Angehörige von fürstlichen Familien die Gefahr einer sehr ungewissen finanziellen Zukunft. In diese Zeit fiel ein Kriminalfall, der erst mehrere Jahre später durch die zähe Ausdauer fines Berliner Polizeikommissars aufgeklärt wurde. Ein deutscher Herzog, einstmals Besitzer eines ganz bedeutenden Bar- »ermögens, sah sich durch die rapide Markentwertung genötigt, seinen Familienschmuck zu verkaufen. Da es sich um Millionenwerte handelte, war es nicht leicht, einen Käufer zu finden. Nach langen Verhandlungen tam endlich zwischen dem Herzog und einer Amsterdamer Diamanten- chleiferei ein Abschluß zustande, die deutsche Regierung erteilte die Aus- uhrbewilligung, und eines Tages erwartete der ehemalige Hofjuwelier, lei dem der Familienschmuck deponiert war, den Vertrauensmann der niederländischen Firma. An diesem Tage nun wurde dem Kommissar Dr. Erich Müller vom Berliner Kriminalamt ein Herr gemeldet. Er war ungefähr vierzig Jahre :lt, hatte schon stark ergrautes Haar und einen ebenso melierten Spitz- 6art. Der dunkle Anzug verriet einen erstklassigen Schneider. „Mein Name ist Daniel Siller, ich bin der Vertrauensmann der Am- jerbatner Großschleiferei Grabbe & Sohn, Herr Kommissar, Sie werden n wissen, daß unsere Firma die Juwelen des Herzogs von I. gekauft hat. Sitte, hier sind meine Papiere." Dr. Muller prüfte Paß, Legitimationen und Empfehlungsschreiben, unterzog seinen Besucher einem Kreuzverhör, und als dieser die Feuer- | >robe bestanden hatte, fragte er: „Also, mein Herr, was wünschen Sie ton der Polizei." „Nur eine kleine Gefälligkeit ihrer geschätzten Behörde," lautete die lebenswürdige Antwort. „Sie werden verstehen, daß ich zu größter Vor- scht verpflichtet bin. Leider hat die Oeffentlichkeit vorn Berkaus der f Zweien schon durch die Presse erfahren... und ich gestehe offen, ich fühle "lief) etwas beunruhigt..." Kriminalkommissar Müller unterbrach seinen Besucher: „Ich werde ftinen zwei Kriminalbeamte für die Dauer Ihres Berliner Aufenthaltes 3-ir Verfügung stellen." „Ausgezeichnet, darum wollte ich Sie eben bitten, Herr Doktor. Ich ^übernehme die Juwelen morgen um neun Uhr vormittag und fahre dann 1 If fort zur Bahn. Mein Zlltz geht um 10.30 Uhr. Wenn mich Ihre beiden Herren um 8.30 Uhr im Hotel Adlon erwarten würden, wäre mir dies ichr angenehm." „Wird alles pünktlich veranlaßt", sicherte Dr. Müller zu und geleitete §errn Siller zur Tür. Knapp vor Amtsschluß wurde dem Kriminalkommissar wieder ein Herr gemeldet. Es war Herr Siller, der diesmal mit allen Anzeichen un- Nheuerer Erregung in das Bureau stürzte. („Was ist denn geschehen?" fragte Dr. Müller mit der unangenehmen Vorahnung kommender verwickelter Ereignisse. Stoßweise berichtete Herr Siller: „Ich bin der Vertrauensmann der liamantenschleiferei Grabbe & Sohn und komme im Auftrag meiner i'irma, um die Juwelen des Herzogs nach Amsterdam zu bringen. Nach j «i?1 Kassieren der deutschen Grenze war ich so unvorsichtig, von einem * "-streifenden eine Zigarette anzunehmen Herr Kommissar, man hat mich - "i taubt, man hat mir den Paß und meine Legitimationspapiere entwendet, ein Schwindler will sich die fürstlichen Juwelen aneignen Helfen Sie mir!" „Aber...," wollte Kommissar Müller einwenden, doch er schwieg noch Zur rechten Zeit und besah sich den zweiten Herrn Siller genauer. Die Ähnlichkeit mit dem Hochstapler, der ihm noch vor kurzem hier gegen- übersah, war verblüffend. Erst bei eingehenderer Betrachtung stellte Dr. Müller fest, daß der zweite Herr Siller der wirkliche fein mußte, doch unterließ er nicht, Haar und Bart seines Besuchers zu kontrollieren. „Alles echt!" stöhnte dieser. Kriminalkommissar Dr. Müller ließ sich mit dem ehemaligen Hof- juroelier verbinden und unterrichtete ihn von dem geplanten Betrug. Dann entsandte er eine Gruppe von Detektiven zur Verfolgung des Verbrechers. Außerdem meldete er ein Gespräch mit Amsterdam an, und Silier mufete zuerst mit seinem Chef sprechen, dann ergriff Dr. Müller [elbft den Hörer und verschaffte sich Gewißheit, daß er nicht abermals einem Schwindler aufsaß. Als endlich alles in Ordnung war, sagte er zu Herrn Silier: „Ich werde Sie selbst zu dem Juwelier begleiten, offenbar besteht tatsächlich der Plan, den Familienschmuck des Herzogs zu stehlen." In der Privatwohnung des Juweliers fand die Uebergabe der kostbaren Schatze statt. Herr Siller verpackte die Juwelen in einem Futteral aus weichem Leder, bas er sich unter der Weste über den Hüften anschnallte. „Lassen Sie sich eine Thermosflasche mit schwarzem Kaffee aus dem Speisewagen kommen," belehrte der Kriminalkommissar Siller, als sie im , zum Bahnhof fuhren, „und benützen Sie womöglich ein stark be- fttztes Koupee. So sind Sie vor Attentaten sicher." Herr Siller, dem man ansah, daß er von seiner Mission absolut nicht begeistert war, versprach, alle Ratschläge genau zu befolgen. Und als sich ber Zi^ in Bewegung setzte, winkte er noch bem liebenswürdigen Beamten »er Kriminalpolizei mit dem Taschentuch zu. Am nächsten Tag erschien bald nach dem Eintreffen Dr. Müllers im Amt eine Ordonnanz. „Herr Kommissar möchten sofort zum Polizeipräsidenten kommen!" 211s Dr. Müller das Zimmer seines Chefs betrat, blieb er wie angewurzelt stehen: Er erblickte einen ungefähr vierzig Jahre alten Herrn mit schon stark grau meliertem Haar und einem Spitzbart. Er trug einen lichten Reiseanzug von elegantem Schnitt. »Ich stelle Ihnen hier Herrn Daniel Siller vor, den Vertrauensmann der Amsterdamer Diamantenschleiferei Grabbe & Sohn. Herr Silier ist gekommen, um den Familienschmuck des Herzogs von X. zu übernehmen. Veranlassen Sie, daß zwei unserer besten Leute den Schutz Herrn Sitters übernehmen." »Nein," schrie Dr. Müller, „nein, das ist nicht Herr Siller..., das ist ein Schwindler...!" Und ehe sich der dritte Herr Siller noch wehren konnte, hatte ihn Kriminalkommissar Müller gepackt und wollte ihm die falsche Perücke und den angeklebten Bart herunterreißen. Aber der Vertrauensmann der Firma Grabbe & Sohn begann so fürchterlich zu brüllen, daß Dr. Müller schließlich von der Echtheit seiner Haartracht überzeugt sein mußte. Fassungslos und auf allen Linien geschlagen verließ der Kriminalkommissar das Bureau des Polizeipräsidenten. Wenige Tage später wurde er wegen gröblicher Vernachlässigung im Dienste entlassen. * Dr. Erich Müller grübelte wochen- und monatelang über sein Mißgeschick nach, und vor allem über das Problem, wieso es möglich war, baß sich der Doppelgänger des echten Herrn Silier so täuschen konnte. Auch das Telephongespräch zwischen Herrn Sitter und seinem Amsterdamer Chef rief er sich immer wieder ins Gedächtnis zurück. Wieso war es möglich, daß sich selbst die Herren Grabbe & Sohn hineinlegen ließen? Dr. Müllers Recherchen, die er mit großen Zeit- und Geldopfern einleitete, waren jedoch vergebens. Die Juwelen des Herzogs blieben verschwunden. Aber Dr. Müller ließ sich nicht unterkriegen, er gründete ein Privatdetektivbureau, das sich mit der Zeit eines sehr ansehnlichen Rufes erfreute. Drei Jahre später erschien eines Tages bei einem Juwelier in Monte Carlo ein Herr, der einen ooalgeschlisfenen Smaragd verkaufen wollte. Es war ein sehr wertvolles Stück, aber die Juweliere in Monte Carlo sind daran gewöhnt, daß sich auch reiche Leute in plötzlichen Geldverlegenheiten befinden. Nach einigem Herumfeilschen war der Verkäufer des Steines mit einem Preis von einhundertfünfzigtausend Francs einverstanden. Doch als der Juwelier eben der Kasse die Banknoten entnahm, betraten mehrere Herren in Zivil das Geschäft, und im Augenblick war der Besitzer des Smaragdes festgenommen. Eine Viertelstunde später gab es auf der Hauptwache von Monte Carlo eine dramatische Szene. „Drei Jahr« habe ich gebraucht," sagte Dr. Erich Müller zu dem Gefangenen, „bis ich Sie erwischen konnte, und ich muß gestehen, beinahe hätten Sie die Früchte Ihres Trick', genießen können. Wir glaubten natürlich alle, daß es einen echten unO zwei falsche Daniel Siller gegeben hat, in Wirklichkeit aber gab es stets nur einen Herrn Siller, Vertrauensmann Minuten ausgesetzt hatte. Weder auf der Strecke nach Süden, noch aus der Weststrecke, noch au, der Oststrecke sah ich eine Wolkenlücke. Ich begann zu überlegen, wie ich die Wolkendecke durchstoßen könnte, ohne die Herrschaft über die Maschine zu verlieren. In einer Sekunde würde es vollständig dunkel um mich werden wenn mich die Wolkenbank verschlang. Wie durch dicke Watte würde ich fliegen und nichts mehr über die Lage der Mafchine wissen. Das Sausen der Luft war dann vielleicht der einzige Anhaltspunkt. 40 Minuten waren vergangen. Ich befand mich auf der Nordstrecke, da sah ich zu meiner großen Freude im Westen ein Wolkenloch und durch das Loch blau-grün dunstig die Erde. Ich richtete den Kurs auf diese Lücke und umkreiste sie. Die Wolkenlllcke wanderte über eine Landschaft, die mir völlig fremd war. Ich sah einen See von unbekannter Form; das konnte unmöglich einer der Havelseen (ein. Ich sah eine kleine Stadt an einem Fluß mit einer Brücke übre den Fluß. Sie war mir fremd. Dreimal oder viermal umkreiste ich die Wolkenlücke, die sich ,etzt schon wieder von der Stadt entfernte. Eine Stunde und zehn Minuten waren jetzt vergangen. Ich pumpte zum letzten Mal Benzin auf den Falltank und beschloß, in Gleitflug zu gehen, solange die Stadt noch in Sicht war. Unter der Wolkendecke konnte ich dann vielleicht die Richtung nach Staaken (bei Berlin) finden. Ich drosselte zurück; abwärts glitt ich, m der Windrichtung, um nicht von den eilenden Wolken eingeholt zu werden. Ich war wie betäubt von der plötzlichen Stille und von dem jähen Druck- wechsel. Ich atmete schwer mit geöffnetem Mund. Nach einer Weile wurde es jeltfam warm und feuchte ich kam in tiefere Luftschichten, die durchtränkt waren von der Feuchtigkeit der Wolken. Die Luft war so dunstig, daß es mir vorkam, als flöge ich durch Wasser. Ich sah die Erde wie man den Meeresgrund erblickt. Ich kam unter die Wolkendecke; d,e Land- schäft blieb fremd. Ich hörte den Motor knallen, ein Zeichen, daß es kalt wurde, und gab etwas Gas, um ihn anzuwärmen. Jetzt geschah etwas ehr Unheimliches: der Motor lief, aber ganz unregelmäßig, so daß ine Mafchine in ein heftiges Zittern geriet. Ich drosselte sofort zurück, der Motor war nicht in Ordnung, das war klar. Ich mußte n o t l a n d e n. Näher und näher kam die Erde. Die Stadt war außer Sicht, dagegen sah ich zur Rechten eine Eisenbahnlinie, voraus größere Wälder, unter mir zur Linken Wiesen und Felder. Ich war jetzt nur noch 500 Meter hoch Ich wendete nach links, in der Richtung, wo die größten Wiesenflächen lagen. In dreihundert Meter Höhe umkreiste ich die Wiesen. Sie waren von tiefen Gräben umgeben, Kühe und Pferde weideten darauf, Baumgruppen und Hecken zäunten sie ein. Es war nicht leicht, hier not- zulanden. Ganz in der Nähe lag ein kleines Dorf. Ich flog über das Dorf, um die Windrichtung feftjuftelten an irgendeinem Schornstein. Aber kein Schornstein rauchte in diesem verdammten kleinen Dorf, obwohl es Mittag war. Aus 50 Meter Höhe fetzte ich aufs Geratewohl zur Landung an. Die Kühe und die Pferde begannen zu galoppieren. Vorn Dorf her lief eine Bande kleiner Jungen johlend herbei. Ich fah, daß ich zu kurz kommen würde, daß ich in den Bäumen hängen bleiben mußte, und gab Gas. Wieder geriet die Maschine in heftig zitternde Bewegung. Ich sah die Flügelenden stark vibrieren und überlegte mir, wie lange sie bas wohl aushalten würden, ohne abzubrcchen. Ich umkreiste die Wiesen wie eine lahme Krähe. Je länger ich sie betrachtete, desto ungünstiger erschienen sie mir als Landeplatz. Da sah ich auf einmal im Augwinkel am Horizont eine Reihe von dünnen Masten, so dünn, daß sie wie durchsichtige Rauchsäulen erschienen. Blitzartig schoß es mir durch den Kops: Das sind die Funktürme von Nauen. Gottlob, ich bin nicht allzu weit von Staaten entfernt. Die Bahnlinie muh die Strecke nach Hannover sein. Ich beschloß, trotz des Vibrierens der Maschine, den Flug nach Staaten zurückzuwagen. Ich gab Bollgas. Bei Vollgas drehte die «chraube >6M Touren statt 2000 normal, aber das Zittern wurde so stark, daß ich wieder auf 1400 zurückdrosselte. So hielt sich die Maschine noch eben in der Luft, ja sie begann sogar etwas zu klettern. In zweihundert Meter überflog ich den Bahnhof von Nauen. Jetzt kam die Luftschiffhalle m Sicht, sch jubelte innerlich, als ich sie sah. Nur noch ein paar Minuten, bann war alles gut. Die lahme Krähe zog über der Chaussee entlang, erreichte die Halle; sie war inzwischen weih Gott auf dreihundert Meier geklettert. Ich ging in Gleitflug, zog die letzte Spirale und lanbete glatt- Die Schupos am Start schüttelten den Kopf, afs sie bas Klapper meines Motores hörten. Das Barogramm des Höhenflügs war einwaro- frei. Die Ziellandung war nicht erfüllt, weil sie aus zu geringer HA begonnen war. Ich gab die Erklärung ab, daß ich wegen Unsichtigkeit oe* Erde durch die geschlossene Wolkendecke und durch Motorstorung verhindert war, die Bedingung der Ziellandung zu erfüllen. So wurde men Höhen lug trotz allem anerkannt. Ich bekam eine Bescheinigung: Schüler des Aero-Clubs H. H. hat alle Bedingungen für den Fuhrerfchet A 11 erfüllt.* .. . Der Motor unserer Maschine aber war so vollständig kaputt, dav ■ Maschine nicht einmal mehr nach Ablershof zur ReparaturwerkstanI - flogen werben konnte. Ich war tatsächlich im letzten Augenblick gelnno Auf ber Südstrecke ereignete sich etwas Seltsames: die Zeit stand still. Wieder und wieder schielte ich nach der Uhr, die ich am 3nftrumentenbrett befestigt hatte; die Zeiger regten sich nicht. Dabei wußte ich genau, daß ich sie vor dem Start noch aufgezogen hatte. Schließlich wurde mir klar, daß sie eingefroren war. Tausend Meter Höhenunterschied bedeuten etwa zehn Grad 'Temperaturunterschied. Trotz sommerlicher Wärme am Boden, mochten es hier in dreitausend Meter Höhe etwa zehn Grab unter Null löste die rechte Hand vom Knüppel, faßte ihn mit der Linken und klopfte mit der Rechten an bas Uhrglas. Das Flugzeug geriet dabei in unangenehme Schwankungen, weil ich nicht gewohnt war, mit ber Linken zu steuern. Die Uhrzeiger regten sich nicht, irgend etwas mußte geschehen Mit dem Verlust des Zeitmessers verlor ich jede Orientierung über den Ort. Mühsam schnallte ich die Uhr los. Ich mußte sie erwärmen, damit sie wieder in Gang kam. Mir fiel dazu nichts besseres ein, als sie in den Mung zu stecken. Ich bemühte mich dabei, die Mundhöhle trocken zu halten. Nach einer Weile nahm ich die Uhr heraus und fah, daß die Zeiger sich bewegt hatten. Das Ticken konnte ich im Brausen des Motors natürlich nicht hören. Ich atmete auf. Ich schätzte, baß die Uhr etwa fünf von Grabbe & Sohn, ber sich mit einem genialen Coup in den Besitz ber Juwelen des Herzcgs X. setzen wollte. Alle Achtung, Herr Silier, aber wenn Sie nicht die Unklugheit begangen hätten, Ihren gut bezahlten Posten bei Grabbe & Sohn auszugeben, wäre ich nie hinter die Geschichte ^Be^ehier sofort vorgenommenen Untersuchung des Reisegepäcks fand man die erbeuteten Juwelen noch vollständig vor, und kurze Zeit daraus konnte Dr. Muller dem Herzog fein Eigentum zurückerstatten. Abenteuer einer Notlandung. Von Heinrich Hauser. Meine Ausgabe lautete: „Aussteigen bis zu mindestens jraritaufenb Meter Höhe. Eine Stunde lang in dieser Hohe bleiben. Dann Gleitflug und Ziellandung aus 1500 Meter Höhe, ohne Benutzung des Motors. Die Maschine wurde zum Höhenflug klargemacht. Der Monteur füllt die Tanks. Ich brachte die beiden Barographen zur Startflagge, wo der Luftschupo fie plombierte. Zur besseren Kontrolle werden beim Höhenflug zwei Barographen verlangt. Der Ballastsack wurde festm-schnallt. Die Barographen wurden zusammengebunden und an ihren Gummikabeln federnd aufgehängt. Mir war warm geworden bei all den Vorbereitungen, die Luft war schwül und sommerlich. Es kam mir sehr sonderbar vor, die Kleidung für den Höhenflug anzulegen: dicke Pelzstiefel, die über die Schuhe gezogen wurden. Pelzhandschuhe. Eine Pelzjacke noch über dem Fliegeranzug. Der Schweiß lief mir unter Lederhaube und Brille über bas Gesicht. , Ich startete. Der Himmel war zu etwa vier Fünftel bedeckt. Die Wolkendecke lagerte 800 Meter hoch. Am Boden hatten wir Westwind, während die Wolken südwärts zogen. Ich flog auf eine Lücke in den Wolken zu und schraubte mich zwischen ihnen in großen Kreisen in die Höhe. Riesige grauweiße Gebirge schwebten in lautlos schneller Fahrt gegen mich an, dann mußte ich Rechts- und Linkskurven drehen, um ihnen auszuweichen. Sie kamen an, drohend wie ungeheure Mäuler. Eine seltsame Spannung befiel mich, wie bei einem Kampf. Die Luft wurde dunstig und kühl, ich sah die Erde wie durch graues Glas. Das Licht war wie bei einer Sonnenfinsternis. Ich fühlte meine Haut austrocknen und sich spannen. Der Klang des Motors war hart und gut, aber etwas angestrengt. Das Wolkenloch, indem ich kreiste, trieb über die Erde. Das Bild der Erde verwandelte sich in eine Landschaft, die ich gar nicht mehr kannte. Der Flugplatz war längst außer Sicht. Wenn ich über den Wolken nicht Erdsicht durch andere Wolkenlöcher bekam, bestand Gefahr, daß ich die Orientierung verlor. ! Inzwischen kletterte der Zeiger des Höhenmessers von 1400 auf 2000 Meter. Ich erreichte die Decke der Wolkenschicht. Grell blendend stand die Sonne in einem unglaublich klaren Blau. Sie bestrahlte einen Wolken- gletscher, der sich nach allen Seiten unabsehbar dehnte. Hunderte von Kilometern weit. Die Erde war nirgends zu sehen. Mit ihren Hügeln und Tälern wirkte die Wolkendecke wie eine Polarlandschaft ober ein Eisfeld. Der Eindruck ihrer Festigkeit und Masse mar so stark, daß ich mich kaum hätte entschließen können, in sie hineinzufliegen. Ich glaube, ich hätte versucht, aus den Wolken zu landen. Vereinzelt ragen runde Hügel l in blendender Weiße aus der Wolkenebene wie Eisberge aus einem Treibeisfeld. Vereinzelt sah ich die Wolkentäler von dunklen Schatten erfüllt und Spalten wie Gletfcherfpalten, aber nirgends die Erde. Hs wurde sehr kalt. Die dünne, eisige Luft gab mir das Gefühl völliger Entfernung von der Erde. Das war nicht mehr die Luft, die ich vor einer Vievfelstunde noch am Boden geatmet hatte. Das war die Luft einer ganz andern Welt, das war Aether, Weltraum, etwas unerhört Großes, Ueberirdifches, Uebermenschliches. Ich stieg und stieg, um möglichst viel Ueberblick zu gewinnen. Die Wolkendecke war jetzt mein Horizont. Ich stieg auf fast dreitausend Meter, aber nirgends war ein Lücke zu entdecken, die Wolkendecke hatte sich vollständig geschlossen. Die Veränderung der Welt durch eine bloße Erhebung von knapp drei Kilometer über ihren Boden war ganz außerordentlich. Nie hatte ich mich so einsam und so mikrobenhast klein gefühlt, weder im Hochgebirge noch mitten aus dem Ozean. Es war eine tiefe, innere Erschütterung, die ich durchlebte. Ein Strom außerordentlicher Anspannung durchlief alle Nerven und Muskeln meines Körpers. Selbsterhaltungstrieb, Verteidigung gegen die Kälte, gegen die dünne Luft in diesem neuen Raum, der menschlicher Natur so fremd und so feindlich mar. Hätte ich irgendwo einen Vogel, irgend etwas Lebendes gesehen, jo wäre dies Gefühl von Einsamkeit und Gefahr sofort geschwunden, aber ich sah nichts. Ich überprüfte meine Hilfsmittel: ruhig und gleichmäßig arbeitete ber Motor. Ruhig und gleichmäßig lag die Maschine. Der Lack der Tragflächen glänzte in ber Sonne. Staudruckmesser, Oeldruck, Tourenzähler, Oel- thermometer arbeiteten und zeigten normale Zahlen. Betriebsstoff mar genügend da, es war alles in Ordnung. Um 11 Uhr 10 war ich 2500 Meter hoch gewesen, also hoch genug, um einen etwaigen Fehler der Barographen auszugleichen. Jetzt begann die Stunde, die ich in dieser Höhe zu verbringen hatte. Ich drosselte auf 1700 Touren. Ich begann nachzudenken: Erdsicht hatte ich nicht. Wenn sch nun immer weiter in einer Richtung flog, mußte ich mich sehr weit vom Flugplatz entfernen. Das durfte nicht sein; ich mußte also entweder eine Stunde lang Kreise fliegen ober abwechselnd jeder Himmelsrichtung folgen für eine bestimmte Zeit. Ich beschloß, linksdrehend ein Viereck auszusliegen und zwar je zehn Minuten lang nach Osten, dann nach Süden, dann nach Westen und schließlich nach Norden. Die Oststrecke beschloß ist etwas länger zu machen, schätzungsweise 12 Minuten, um die Windversetzung auszugleichen. Es war aber die Frage, ob hier oben ebenfalls wie auf der Erde Westwind herrschte. Auf diese Weise mußte ich nach einer dreiviertel Stunde, wenn bas Biereck ausgeflogen war, ungefähr am gleichen Punkt ankommen. Ich flog^ und je länger ich flog, desto unheimlicher wurde mir zu Mute. Unendlich dehnte sich der Wolkengletscher 800 Meter unter mir, und nirgends zeigte sich eine Lücke, durch die ich Erde sah. Ich peilte immer irgendeinen Wolkenberg an und konnte so genau Kurs anliegen. Hinter iebem Wolkenberg hoffte ich eine Lücke zu erblicken, immer vergebens. Vom Wesen deutschen Bauerntums. Von Dr. Georg Kuhn. „Den seligsten und sichersten" nennt Martin Luther den Bauernstand, „weil der Bauern Arbeit am sröhlichsten ist und voller Hoffnung", und stolz Hot der Reformator von sich gesagt: „Ich bin eines Bauern Sohn; mein Vater, Großvater, Ahnherr sind rechte Bauern gewesen." „Was ist der Ritter ohne uns? Unser Stand ist älter als der Eure", erklärt Melch- thal in Schillers „Wilhelm Teil". Diesen Stolz des Landmannes auf das Alter und das Wesen seines Standes hat eine tiefe Begründung, denn das Bauerntum als die früheste historische Lebensform in Europa ist die Grundlage aller geschichtlichen Entwicklung gewesen; es wirkte als prägende Macht für alle Zeiten, und stets haben Völker und Staaten aus dieser mit dem Boden verwurzelten Schicht ihre Herrschaftsformen entwickelt, Kräfte der Gesundung und Wiedergeburt gezogen. Es ist daher nur eine natürliche Selbstbesinnung, wenn das neue Deutschland dem Bauerntum seine besondere Liebe und Pflege zuwendet. Was Ackerbau und Landvolk für uns bedeutet, wird jetzt in vorzüglicher Weife in einem Monumentalwerk gezeigt, das soeben zu erscheinen begonnen hat. Nach langen Vorbereitungen ist im Verlag von Ferdinand Hirt zu Breslau die erste Lieferung des „Handwörterbuches für das Grenz- und Aus- landsdeutschtum" herausgegeben worden. In diesem auf fünf Bände berechneten Werk werden von 800 Mitarbeitern und 46 Teilredaktionen, die die einzelnen Gebiete einheitlich zusammensassen, die geistigen Grund- kräste des deutschen Volkstums im Zusammenhang mit ihrer Ausstrahlung über die deutschen Grenzen im europäischen und außereuropäischen Raume dargestellt. Es will dem Ringen Deutschlands um seine nationale Gestaltung dienen, indem es zur „Bewußtwerdung und Bewußtmachung" des deutschen Menschen beiträgt. Die erste Lieferung enthält in einem umfangreichen Beitrag über „Ägraroerbesserung" die Geschichte unseres Bauerntums, wobei besonders die Psychologie »es Landvolks von Gunter Ipsen hervorzuheben ist. In drei Wesenszügen sieht Jpsen hauptsächlich die geschichtliche Rolle der bäuerlichen Art im Dasein eines Volkes begründet. Ihr einzigartiger Wert liegt vor allem in der Beständigkeit. In dem steten Wechsel von Glück und Unglück, von Erhebung und Zusammenbruch, in dem die Entwicklung verläuft, bildet der „ewige Bauer" den ruhenden Pol. Stile und Maden kommen und gehen; er bleibt stets derselbe. Der Wandel berührt nicht das Innerste seines Wesens, sondern dieses verharrt in der ursprünglichen Selbstbehauptung eines unvergänglichen Standpunktes. Die Deutschen sind seit ihrem Eintritt in die Geschichte ein Bauernvolk gewesen, dem etwa bis ins 12. Jahrhundert, bis zur Absonderung des Ritterstandes die ganze nationale Gemeinschaft angehörte. Run traten neben das Bauerntum andre Stände; dieses wurde als handelnder Faktor aus der Politik mehr und mehr ausgeschaltet, wurde aus dem Träger zum tragenden Grund der Gesellschaft und bewahrte so seine Beständigkeit. Dieser Zug ist aber noch tiefer begründet in seinem Leben und in seiner Arbeit; durch sie wird der Bauer zu einem Stück der Natur: „Die Urgesetze des Wachstums schließen das Dauerndasein gewissermaßen in sich ein; seine Dauer ist währende Wiedergeburt in der Gemeinschaft des Lebendigen; in seine Tätigkeit ist der unendliche Kreislaus des Ge- chlechtslebens ausgenommen, in seine Art der Umgang mit dem Organi- chen einverleibt. „Durch solche Bodenständigkeit, die den Bauern ast pslanzenhaft an die von ihm fruchtbar gemachte Erde bindet, wird er in einer Weise mit der Heimat verschmolzen, wie kein anderer Stand. Die Vermählung zweckhaften Tuns mit der mütterlichen Erde macht ihn seßhaft und bewirkt feine „Schollenpflichtigkeit." Daraus erklärt sich die erstaunliche Gleichförmigkeit der bäuerlichen Siedlung in Europa trotz all der Wandlungen, Einbrüche, Staatenbildungen und Rasfen- mischungen, die über diesen Boden dahingebraust sind. Die Bodenständigkeit wird nur zur politischen Grundleistung des Bauerntums; der Dolks- boden ist sein Geschöpf, das die Grundlage alles menschlichen Daseins, die Ernährung, gewährleistet. Durch die Naturnähe bleibt nun die bäuerliche Lebensform den gefunden natürlichen Grundlagen des Daseins am nächsten. Es ist die Eigenart und Festigkeit des „F a m i l i e n v e r b a n d e s , die dem Landvolk seine Spann- und Stoßkraft verleiht. Die bäuerliche Wirtschaft verlangt mindestens vier bis fünf mehr oder weniger ständige Arbeitskräfte, die sich am besten und billigsten aus den eigenen Angehörigen rekrutieren. Ein reichlicher Nachwuchs bedeutet also für den Bauern erwünschten, ja notwendigen Zuwachs, und so wird Fruchtbarkeit für ihn Lebensbedingung. Haushalt und Arbeitsform, Familie und Beruf gehen völlig ineinander auf, während in der städtischen und industriellen Gesellschaft sich Haushalt und Beruf immer mehr voneinder trennen der Mann schließlich in seinem Schaffen ganz außerhalb der Familie steht. Die Verbindung und Durchdringung von Haushaltung und Tätigkeit ist von ungeheurer Bedeutung für den sozialen Aufbau. Der Bauernhof wird die Keimzelle, aus der sich der Organismus des Dorfes zufammen- fetzt, er ilt die Grundlage der germanischen H u s e n v e r s a s f u n g , die das tragende Element der ganzen Agrarverfassung wurde. Die Hufe bedeutet zunächst eine Bemessungseinheit bei der Zuweisung von Land in der germanischen Markgenossenschaft; sie ist aber dann zugleich Bezeichnung für die Rechte und Pflichten, die mit diesem Landbesitz Zusammenhängen. Die Hufe schuf Ordnung, gutes Zusammenleben mit den Nachbarn in Dorf und Flur, wurde maßgebend für die agrarischen Verhältnisse, die die Deutschen weit über die Grenzen ihres Landes hinaus ihren Siedlungen aufprägten. Aus dieser Hufenvcrfasfung erwachst die Bedeutung des Ho es für die freien Bauern, der feinen Stolz darein fetzt, diesen Besitz ungeschmälert zu übergeben. Am Hofe, nicht an der Familie, hangt Ansehen und Rang im Dorfe. Der Bauer ist stets nur der Statthalter des Geschlechts, Glied in einer uralten Kette. So erklärt sich die Anerbe n s i t t e die auch noch für den modernen deutschen Bauern charakteristisch ist und geradezu sein unterscheidendes Merkmal darstellt gegen West- und Osteuropa: sie bedeutet den ungeteilten Erbgang und zwar so, daß der Hof als Ganzes vom Vater auf einen Sohn übertragen wird diesem aber die Altersversorgung der Eltern und eine Geldentschadigung an die Geschwister auferlegt. Indem der Hof als unteilbares Ganze gilt, wird das Prinzip der Geschlechterfolge zum lebendigen Träger des Hofgedankens, zugleich wird der Hof eine wirtschaftliche Einheit, die auch die modernsten Arbeitsformen zu einem harmonischen Kreis zu- sammenschließt. Von diesem bäuerlichen Kraftfeld geht ein Bevölkerungsdruck aus, den man als das dritte Merkmal des bäuerlichen Wesens bezeichnen kann. Die große, von einem gesunden Ausdehnungsvermögen erfüllte Familie drängt nach außen, und so hat das Bauerntum stets die anderen Stände befruchtet, hat seinen Ueberschuh an die Städte und an andere Länder abgegeben. Nachdem der Germane in der Völkerwanderungszeit auf deutschem Boden heimisch und seßhaft geworden war, nachdem er sich in der Husen- oersassung und Markgenossenschaft seine eigentümliche Ordnung geschaffen und in der Stauferzeit auch die ungünstigeren Böden besiedelt hatte, da machte sich mit dem Aufkommen der Grundherrschaft der Bevölke- rungsausdruck zum erstenmal geltend und führte zur Besiedlung des Ostens, der eine Großtat des deutschen Bauerntums darstellt. Ein Gegensatz zwischen dem Westen, in dem sich der freie Bauer erhielt, und dem Osten, in dem die Gutsherrschaft zu einer überwiegenden Erbuntertänigkeit des Landmannes führte, bildete sich heraus und schuf Spannungen, die in den Vauernbewegungen zum Ausdruck kamen. Aber trotz aller Unterdrückung behielt das Bauerntum feine ungebrochene Kraft, alle Wunden und Schäden, die dem Vaterlan» geschlagen wurden, wieder auszuheilen; so glich es z. B. nach dem Dreißigjährigen Krieg durch feine Fruchtbarkeit innerhalb weniger Generationen die ungeheuren Verluste wieder aus, und gab immer wieder Menschenkräfte an das Ausland ab, die deutsche Kultur verbreiteten und zäh festhielten. Der Ueberschuß des flachen Landes, der im 19. Jahrhundert in die Städte auswanderte, trug wesentlich zum Ausbau der immer stärker um sich greifenden Industrie bei. Es bringt doch das flache Land wenigstens den doppelten natürlichen Ueberschuß wie die Industriezentren! Das 18. Jahrhundert führte für den Bauernstand, der in den alten Formen erstarrt war, eine Epoche von Verbesserungen und Reformen heraus. Bauernfchutz und Bauernbefreiung wirkten zusammen. An die Stelle der noch von den Römern übernommenen Dreifelderwirtschaft, bei der im dritten Jahr das Land brach blieb, trat eine Verbesserung des Anbaus, die nach der Großtat T h a e r s die Brache entbehrlich machte. Die Bestrebungen, den Landmann zu entlasten, führten schließlich in Preußen zu der Stein-Hardenbergschen Agrargesetzgebung, die die Erbuntertänigkeit aufhob und die freie Teilbarkeit von Grund und Boden zugestand. Aber damit entbrannte zugleich auch der Wirtfchaftskamps. — Das Bauerntum war aus feiner geschützten, mehr unpolitischen Stellung in den großen Widerstreit des öffentlichen Lebens hineingezogen. Agrarkrisen entstanden, die die ganze neueste Geschichte des Bauerntums begleiteten. Wenn man heute zu den uralten ewigen Formen des bäuerlichen Daseins zurücklenkt, wenn man diese Kräfte neu beleben und stärken will, so geht man damit auf die tiefsten Schichten zurück, in denen die Grundlage jedes gesunden Volkes und Staates beruht. Es bewahrheitet sich die jetzt so leidenschaftlich geprägte Lehre, daß die nationale Wiedergeburt nur vom Bauerntum her geschaffen werden kann. Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.). (Fortsetzung.) Die große Wohnung bleibt ihr überlassen, Rosemarie geht durch die wohlbekannten Zimmer, wirft einen Blick hinaus auf den Ratsmarkt, der unter der glühenden Sonne liegt, sie umgreift ihre Ellenbogen und mustert die Bilder an den Wänden. Das schöne Abbild Lisas auf Peters Schreibtisch. Was fühlt diese Frau nun, die eine Heimat aufgegeben hat? Aber Lisa empfand immer nur sich selbst, ein Geist von großer Willenskraft, der dieser Wohnung den seltsamen Ausdruck einer spartanischen Wohlhabenheit verlieh. Was wäre ohne sie aus Peter Schönlein geworden? Nicht immer vertrat er eine ungerechte Sache mit dem gewünschten Schwung. Richter zu werden, wie er es sich gewünscht hatte, dazu man- ! gelten ihm damals die Beziehungen und noch heute die Härte des Entschlusses. Streng genommen gehört auch er zur unermeßlichen Gilde der Anton Wagenschanz, die vom Ehrgeiz kleiner Eltern in die akademischen Wege getrieben werden. Ein seltsamer Mann, der mit vergeblicher Leidenschaft einzudringen sucht in den Geist der neuen Zeit, er bemüht sich, sie zu verstehen, und anscheinend versteht er sie von ihrem einen Ende bis zu ihrem andern, völlig unbegrenzt. In der riesigen Spanne der menschlichen Meinungsverschiedenheiten hängt Peter wie in einem geistigen ■ Streckbett, in das er allerdings mühelos hineinpaßt. Ihm mangelt die Fähigkeit, kühne Dogmen zu stellen und sie mit dem Feuer der lieber- zeugung zu verwirklichen. Er versicht zwar Thesen, aber man darf sicher (ein, daß er sich die Gegenmeinung selber zwischen die Füße wirst, spätestens am nächsten Tag, fein eigener Spiegelfechter. So kann man mit ihm ziellos reden, aber die Frau, die ihn liebt, darf nicht erwarten, daß er als Felsen aus der Flut der Uferlosen auftaucht. Rosemarie empfindet, ein Mann soll reden: „Teufel und zugenäht, ob ich recht habe oder nicht, dies ist meine Meinung, ich werde sie durchsetzen!" Seine erste Frau hat es nicht bei ihm ausgehalten, sie widersprach ihm ständig. Obwohl sie ihn liebte, erlag sie dauernd der Versuchung, seine Meinung in eine Gegenmeinung zu verzaubern. ,Hokuspokus, Peter, und vor zehn Minuten hast du das Gegenteil gesagt, also an was soll ich mich halten?" .. So sinnt Rosemarie über Peter Schönlein, sie wagt die leere Schale und die volle Schale, welche wiegt schwerer? i Sie hörte das hohle Surren der Wohnungsklingel, Peter hat wohl b-e Schlüssel vergessen, sie läuft zur Tür und öffnet freudig. Draußen zieht der junge Doktor Wehrhahn höflich den Hut, zu feiner Verblüffung steht Fräulein Reubold vor ihm, in dem schlichten Kleidchen, das sie auch in den Fabrikpausen trägt. Das ist kein günstiges Zusammentreffen für sie. „Wenn Sie Herrn Schönlein sprechen wollen, er ist fortgegangen, wird aber bald wieder da sein." Sie führt Herbert Wehrhahn unbedenklich in Peters Arbeitszimmer. „Nehmen Sie Platz, Herr Doktor, ich habe zu tun." „Was haben Sie eigentlich, hier zu tun?" „Sie wissen doch, daß meine Freundin verreist ist." „Ja, sozusagen." , Ihre Augen werden dunkel. „Herr Wehrhahn, wir sind hier nicht in Ihrer Fabrik." „O nein, wir sind hier in Peter Schönleins Wohnung. Es kommt neuerdings vor, daß er an Budenangst leidet, wie er sagt, ich wollte ihn für heute davon heilen und mit ihm nach Weimar ins Theater fahren. Sie sind offenbar auf einen ähnlichen Einfall gekommen." „Warum haben Sie sich nicht telephonisch mit ihm verabredet?" „Das ist sehr einfach", lacht Wehrhahn, „weil es viel zu umständlich wäre. Telephonisch sagt Schönlein erst zu und dann ab, oder noch schlimmer erst ab und dann zu, wenn man sich schon anderweitig festgelegt hat. Man muß ihn immer an den Arm nehmen und mitschleppen. Aber ich möchte Ihre Absichten nicht stören." „Sie stören meine Absichten nicht." Fräulein Reubold bleibt noch immer an der Tür, den Griff schon an- gesaht. Sie hat jetzt das scharfe und kalte Gesicht, mit dem sie sich gegen ungerechte Angriffe zu verteidigen weih. Vor» Wochen und Monaten hat Herbert Wehrhahn sich die Eroberung dieses schönen und unzugänglichen Mädchens durchaus nicht als leicht vorgestellt. Er wollte sehr gut zu Rosemarie sein. Ihre Abwehr gefiel ihm. Aber sollte sie in die undurchsichtigen Geschichten um Peters Ehe verwickelt sein? Einige Male in diesen Jahren traf Wehrhahn mit Rosemarie im Hause Schönlein zusammen, hier war sie keine geringe Klavierspielerin und er kein Personalchef, er schätzte ihr kluges Zuhören und ihre knappen Erwiderungen, eine junge Dame von Welt ist sie in diesem Hause — draußen jedoch steht sie ohne Verwandtschaft da, bis an die Grenze des Elends verarmt, und niemand paßt auf sie auf, kein Bruder fuchtelt vor ihr mit dem Piftölchen, keine Tante spioniert hinter ihr her. Doch nur mit Verblüffung könnte man sie sich in Peters Nähe denken, in der Reichweite dieses komischen Chamäleons der Politik. Er schwankt alle Schwankungen mit. Ein Dichter ohne Verskraft. Diese beiden Herren sind so verschieden. Aber in einer so kleinen Stadt ist man heftig auseinander angewiesen, man vertritt verschiedene politische Standpunkte, vielmehr Peter vertritt sämtliche auf einmal oder nacheinander, man nennt sich noch Kameraden, obwohl man sich unter geräumigeren Platzverhältnissen kühl aus dem Wege gehen würde. „Lassen Sie sich durch mich nicht stören. Aber wissen Sie vielleicht, wo Herr Schönloin seine Zigaretten aufbewahrt?" „Leider nein." Nachdem sie verschwunden ist, sucht er wütend auf Peter Schönleins Tisch nach Zigaretten, da er selber sein Etui vergaß. Diese jämmerliche Enge in dieser Stadt, da achten die Mütter und die ganze Perwandischast verbindlich lächelnd aus jede nur einigermaßen beachtenswerte junge Dame. Dieser junge Mann jagt im Sommer und im Herbst int Revier seines Vaters. Er verlangt von einem jagdbaren Wild, daß es sich dem Jäger zu entziehen weiß, man schleicht es an, man stellt ihm Fallen, man legt Futterstellen an, und in diesem Falle schickt man ein Klavier. Inzwischen jedoch, und das ist entschieden peinlich, ist das Hochwild in diesem an kapitqlen Stücken armen Revier zum Nachbarn gewechselt und möglicherweise ohne weiteres Aufsehen abgeknallt, während man sich selbst noch mit detz Schußvorbereitungen beschäftigte. Unter einer der Schachteln, die Wehrhahn nach Zigaretten durchsucht, sieht er einen Zettel heroorlugen, mit Bleistift beschrieben, Schönleins Handschrift offenbar, der ohne Neugier flüchtig darübergleitende Blick bleibt on dem Namen Wehrhahn hängen. Etwas für uns? Es ist ein nach Schönleins zögernder Art immer wieder durchstrichener und mit verbessertest Ausdrücken beschriebener Entwurf eines Dankbrieses, an den Kommerzienrat, ohne Zweifel eine Bestellung Fräulein Reubolds, denn der Zettel handelt von dem geschenkten Klavier, und die durchstrichenen und verbesserten Ausdrücke erlauben die zwanglose Vermutung, daß der Schreibende eine möglichst unverbindliche und ausweichende Form des Dankes zu suchen beauftragt war. Die Schlüssel rasseln, Peter Schönlein findet in dem hell erleuchteten Arbeitszimmer seinen Kriegskameraden. Er unterdrückt ein unerfreuliches Vorgefühl. „Nach Weimar? O ja, gern. Aber wird das nicht zu spät sein — aber das schafft dein Renner in einer Stunde. Allerdings —" „Allerdings hast du einen Gast." „Fräulein Reubold tarn in einer Rechtsauskunft. Willst du einen Schnaps hoben, Herbert? Liber ich möchte die junge Dame hereinholen." „Das wird wohl das Richtige sein." An diesem Zusammentreffen ist nichts, was nicht in die Regel gebracht werden könnte, wenn auch nicht ohne Mühe, und trotzdem wirkt es maßlos unangenehm. „Kommen Sie doch bitte herüber, Rosemarie, Sie sind doch nicht mein Dienstmädchen." „Aber was soll ich denn da?" „Nichts. Ein gutes Gesicht machen." Drüben stellt Peter mit übertriebenem Gleichmut ein geschliffenes Glas vor jeden. Herbert Wehrhahn begnügt sich damit, die beiden andern schweigend zu betrachten, das wird seine Mutter freuen, wenn er ihr das erzählt. Rosemarie sitzt da wie eine Statue. Aber was ihre Unnahbarkeit anbetrifft — „Was wird in Weimar gespielt?" „ ,Der Widerspenstigen Zähmung', glaube ich. Ein hübsches Stück." Schönlein wird unruhig. „Entschuldigen Sie vielmals, gnädiges Fräulein", unterbricht Herbert Wehrhahn mit einem Lächeln das Schweigen, „ich suchte auf deinem Schreibtisch nach Zigaretten." Er holt Schönleins Zettel, aus der Tasche hervor und bemüht sich um den Anschein der Belanglosigkeit. „Dies sorgsam eisgekühlte Communiqus werden wir wohl morgen vorgesetzt bekommen?" Schönlein nimmt das Papier ruhig an sich. „Umzuziehen brauche ich mich wohl nicht? Fahren wir jetzt?" Allgemeiner Aufbruch. Als Peter kurz nach Mitternacht von Weimar heimkommt, der Theaterbesuch verlief etwas gereizt, doch ohne Heftigkeit, findet er einen Zettel in feinem Briefkasten. „Es ist mir ganz unmöglich, das Klavier anzunehmen. Bitte raten Sie mir doch endlich, wie ich mich verhalten soll!" Er schreibt einen Brief, den er noch in der Nacht zum Hause Wagen- schanz hinüberträgt, den Mantelkragen hochgeschlagen, die Gestalt in den Schultern ein wenig vorgebogen. „Ich würde Ihnen nicht raten", lautet der Brief, „das Klavier zurückzuschicken. Wenn man arm ist, kann man die Herausforderungen nicht immer im gleichen Ton erwidern. Es könnte sich um Ihre Existenz und um einen Teil der meinigen handeln, aber auf mich kommt es hierbei nicht an. Wir werden uns jedoch in unfern eigenen Dingen nichts kommandieren taffen. Schon damit H. W. sich nicht einbildet, wir hätten vor ihm Angst, aber auch aus dringenderem Grunde bittet Sie, täglich zu kommen, Ihr Peter." In der Achtung der Witwe Wagenschanz ist ihr Sohn bettächtlich gestiegen, seitdem er ein Auto besitzt. Zwar steht der taubengraue Zwei- sitzer untätig im Holzschuppen, wo die Winde und sogar der Regen Zutritt finden, soviel sie wollen, auch weiß das stolze Mutterherz nichts davon, daß der Sohn sich auf den Wagen sofort tausend Mark geliehen hat, Anton braucht dringend Geld, und kaum hat er es bekommen, so ist es schon wieder weg, Gott weih wo. Aber ein Auto bleibt ein Auto, auch wenn es nicht fährt. Die Witwe Wagenschanz hält sich eine Zeitung, aus der sie ihren Bedarf an Nachrichten und an Literatur vollauf deckt. Wie sie eines Tages so darin blättert, nach des Tages Last und Müh', den Kopf hinter der goldgeränderten Brille zurückgebogen, bleibt ihr Auge an dem Namen Wagenschanz hängen, und bei näherem Hinsehen entwickelt sich Über diesem Namen eine Anpreisung der Hautcreme Erotikon. Zuerst ist die Witwe Wagenschanz empört. Eine Nachbarin, deren Mann als Setzer arbeitet, kann ihr genau sagen, was für ein« Menge Geld dies Inserat gekostet hat, ein unheimliches Geld geradezu, woher hatte es Anton und was hätte man damit anfangen können, aber dieser mißratene Sohn wirft es zum Fenster hinaus, er mißbraucht ihren ehrbaren Namen für so ein zweifelhaftes Erzeugnis, das er Tag und Nacht in einem mindestens fechzehnstündigen Arbeitstag selber zusammenpantscht. Fest davon überzeugt, daß der Schwindel bald zusammenbrechen wird, ergeht sie sich am häuslichen Herd in Kassandrarufen. Aber so empfindlich sind die Kosmetischen Werke nicht, daß sie davon gleich zusammenbrechen. Diese wunderbare Fabrik erträgt sogar das Hohngelächter der Nachbarinnen der Frau Wagenschanz, welche erklären, für ihre Männer brauchten sie sich nicht schön zu machen, sie sähen es nicht einmal, wenn man in einem neuen Frühlingskleid käme. Und so eine Salbe müßte erst erfunden werden, die aus einer alten Schachtel eine hübsche junge Frau machen kann. Es ist klar, daß die Witwe Wagenschanz sich jetzt gezwungen sühlt, die Partei ihres Sohnes zu ergreifen, oder vielmehr feiner Salbe, das fei eine ganz wunderbare Salbe, sagt sie beim abendlichen Schwatz, und wenn jede sich damit das Gesicht einriebe, bann gäbe es bald Überhaupt keine alten Schachteln mehr. Damit erntet sie aber nur stürmisches Gelächter, die Nachbarinnen tippen ihr ins Gesicht und auf den Hals, zuerst möge sie einmal selber in den Spiegel sehen, dann habe sie gleich eine alte Schachtel vor Augen. Darüber ärgert sie sich begreiflicherweise, und ihr geht ein Licht auf, daß sie in ihrer Mutterliebe geschaffen ist, die Hautsalbe ihres Sohnes nm eigenen Leibe und als leuchtendes Beispiel zu benutzen. Heimlich bittet sie also Elli, ihr doch 'mal ein paar Tuben zu besorgen. Damit schließt sie sich jeden Morgen und Abend in ihrer stillen Witwenstube ein, Gottes Güte, niemand darf ahnen, daß auch die alte Wagenschanz so albern ist, bestreicht sich das ganze faltenreiche Gesicht, bis es von Fett spiegelt, preßt und drückt sich viertelstundenlang die Falten und die Krähenfüße aus Wangen und Augenwinkeln! Und da die Witwe Wagenschanz neuerdings so oft in den Spiegel blickt, findet sie, daß ein frischer Spitzenkragen ihr zu Gesichte stehen würde, sie mustert ihre Kleidung mit mißbilligenden Augen und fängt an, sich ein bißchen mehr zu pflegen. Anton selbst bleibt taub gegen alle Aeußerungen des Zweifels, und er verzieht auch nur höhnisch den Mund, wenn Kundinnen ihm lobende Briefe schreiben. Verdammte Wichtigmacherei! Ihn quälen unbezahlte Rechnungen, jetzt gehen auch schon wieder die Bestellungen zurück, er häuft nutzlose Vorräte an. Jedoch, was soll er anders tun als weitermachen? Er steht im Alter von sechsundzwanzig Jähren, die Gesundheit eines Bullen kommt ihm zugute, und vermutlich tat die vergangene Muße an ihm das Werk eines Winterschlafs, sechs Stunden Schlummer genügen jetzt den Ansprüchen seines Körpers. Irgend jemand lieh ihm ein Feldbett, das er in der Farbenfabrik Johannes Leer aufschlug, und von nun an kommt er tagelang nicht mehr nach Hause. Mittags und abends schließt die Mutter Wagenschanz ihren Grünkramladen ab und pilgert mit einer Markttasche zur Farbenfabrik, in der Tasche befinden sich Schinkenbröte und ein Topf Fleischbrühe, der, in einen dicken Wollschal eingewickelt, seine Hitze behält. Eine Piertelstunde hin und eine Viertelstunde zurück, je zweimal täglich quer durch die Straßen unsrer Stadt, aber dann findet die Witwe Wagenschanz den zehn Minuten längeren Weg am Rande der Stadt schöner, vor ihren Plicken dehnen sich die blochen -Felder, auf denen die Wintersaat kniehoch sproßt, der Löwenzahn wächst mit gezackten Blättern am Feldrain, die Alte bückt sich und befühlt die Erde mit ihren Händen wie einst als Mädchen aus dem Bauernhof ihres Vaters (so lange her, als sei es in einem früheren Leben geschehen). Und mit ihrer wachs- ledernen, gesprungenen Marktasche geht sie wie eine Bauersfrau durch jedes Wetter, spürt den feuchten Wind auf den hageren Wangen, jeden Tag mindestens anderthalb Stunden, und das alles wird der Creme Erotikon freigiebig gutgeschrieben. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.