GiehenerZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (933 Freitag, den (7. März Nummer 22 Wett und ich. Bon Friedrich Hebbel. Im großen, ungeheuren Ozeane willst du, der Tropfe, dich in dich verschließen? so wirst du nie zur Perl' zusammenschießen, wie dich auch Fluten schütteln und Orkane! Nein: öffne deine innersten Organe und mische dich im Leiden und Genießen mit allen Strömen, die oorüberfließen; dann dienst du dir und dienst dem höchsten Plan«. Und fürchte nicht, so in die Welt versunken, dich selbst und dein Ur-Eignes zu verlieren: der Weg zu dir führt eben durch das Ganze! Erft wenn du kühn von jedem Wein getrunken, wirst du die Kraft im tiefsten Innern spüren, die jedem Sturm zu stehn vermag im Tanze! Oer Gefangene. Erzählung von Paul Ernst. Folgender Vorfall ereignete sich nach einem alten Schriftsteller in der kotzten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Ein junger schwedischer Offizier aus vornehmem Geschlecht macht eine Reise durch Deutschland, um Städte und Länder zu sehen und fremde Menschen wie neue Verhältnisse kennen zu lernen. Er kam in eine kleine Residenzstadl, deren Natur und Bewohner ihm recht zusagten, denn sie lag am Abhang eines Gebirges, das mit dichten und schwarzen Fichtenwäldern bedeckt war, und Bächlein sprangen durch die grünen Wiesen, Eisenhämmer pochten im Walde und machten des Nachts einen sichtbaren Schein, und die Menschen waren fröhlicher und zutunlicher Art. Das alles erinnerte ihn so an seine Heimat, daß ihm weich ums Herz wurde. Und da es auf die Frühlingszeit ging, so verspürte er ein unbestimmtes Sehnen im Herzen. Am Sonntag ging er in die Kirche und erbaute sich an dem frommen Gesang und der ehrenfesten Predigt. Nach der Predigt wurde das heilige Abendmahl gefeiert. Da öffnete sich der Stuhl der fürstlichen Herrschaften, und ein junges Fräulein schritt hervor, mit züchtig gesenkten Augen, die kniete aus dem Bänkchen vor dem Altar, faltete die Hände und schaute gläubig zu dem weihhaarigen u id hochgewachsenen Priester in die Höhe, dessen Augen hell und gut leuchteten. Es geschah dem Fremden, als stehe ihm plötzlich das Herz still; und er betrachtete mit starren Augen das klare und reine Antlitz der Jungfrau. Nun war ihm wie im Traum, daß er im Wald ging und in der Ferne hämmerte ein Specht. Dann hörte er auch, daß seine Geliebte die einzige Tochter des Fürsten war; von dem Fürsten erzählten die Leute, er sei roh und gewalttätig; die Prinzessin leide. Das machte ihm aber geringe Gedan- ken. Immer zog es ihn dahin, wo er ste sehen konnte, und doch hatte er gar keinen bewußten Willen, in ihre Nähe zu kommen. Einmal fuhr sie an ihm vorbei mit Blitzschnelle, vier Pferde waren vor ihrem Wagen. Er grüßte, als sie schon vorüber war: aber sie blickte zurück; vielleicht hatte sie auch nicht einmal zurückgeblickt. Es klopfte an einem späten Abend an seine Tür. Als er ösfnere, drückte ihm ein Mann ein Briefchen in die Hand und lies eilig und polternd die (Stufen hinab. In einem Brieschen stand, er solle einen Zufluchtsort in seiner ! Heimat vorrichten, den Wagen für die Flucht vor der Stadt bereit halten und zu bestimmter Nachtstunde an einer kleinen Tür des Schlosses warten. Verwunderung spürte er gar nicht. Aber er wußte, daß jetzt alles io kommen mußte, wie es bestimmt war über ihn; glücklich war er, daß er nur tun sollte, was ihm aufgetragen wurde. Schnell schrieb er in seine Heimat, bestellte einen Wagen. Es fiel ihm auf, daß ihm die Leute nicht nachsahen, wenn er durch die Straßen schritt. Auch wärmende Decken und Pelze besorgte er. Als der Abend kam, versah er sich mit Pistolen, lockerte feinen Degen, ging ohne Mantel. Lange wartete er unter der Wölbung der kleinen Tür. Zuweilen hörte er aus weiter Entfernung, wie ein harrendes Pferd auf Stein- I platten schlug. Aber das waren nicht seine bestellten Pferde. Einen fallenden I Stern sah et einmal. Und wärmend durchrieselte ihn das Glück. Da warfen sich plötzlich mehrere Männer auf ihn, hielten 'eine Arme 1 an den Leib gepreßt und verstopften ihm den Mund. Er wurde schnell I gebunden und durch Gäßchen geschleppt, durch Türen und ein Tor zu einem I Wagen. Zwei Männer stiegen mit ein, der Kutscher schlug aus die Pserde. I Aus eine hohe Burg brachten sie ihn, da bekam er ein Turmstübchen. Wie I auf einen moosigen Waldgrund blickte er hin über weite Wälder. Oft zogen I unter ihm Wolken, die sich wunderlich anhakten an Bergspitzen, und sich ver I zerrten zu fremdartigen Figuren. Lautlos war es, und nur selten drang I morgens bei günstigem Wind ein leiser Ton von Vogelgezwitscher an sein Ohr. Well er erst zwanzig Jahre alt war und hier tollte sein ganzes Leben I gefangen bleiben, so dachte er, hier könne er wohl sechzig Jahre leben, und I das war doch eigentlich ebenso, als wenn er sechzig Tage lebte oder sechzig I Stunden. Ganz weit zurück lag ihm alles, seine Kindheit und sein Dienst, I seine Kameraden, seine Reise, als seien schon die sechzig Jahre um; aber I er war noch ein junger, bartloser Mann mit Heller (Stimme. Jeden Tag I rrtzte er mit dem Nagel ein Kreuz in die Wand; dreihundertfünfundsechzig I Kreuze bedeuteten ein Jahr, das war eine lange Reihe von der Decke bis I zum Boden, und dann noch eine halbe Reihe. Wenn er sechzig Jahre lang I täglich ein Kreuz ritzte, so reichten die Wände gerade aus, denn es war ja 1 doch auch der große Ofen da und die Tür. Hart war es doch wohl, daß er I ein solches Leben führen sollte. Nun dachte er nach, ob es ein Zufall gewesen I sei, daß ihn dieses Geschick traf. Etwa, er hätte doch einen andern Reiseweg | einschlagen können und die Prinzessin nie gesehen; oder an jenem Sonntag I hätte er können die Kirche versäumen; bann hätte er feine Reife beendigt, I wäre nach Hause zurückgekehrt, und vielleicht wäre Krieg gekommen, und I er hätte sich ausgezeichnet und wäre ein berühmter Heerführer geworden. I Alles lag vielleicht an einem zerbrochenen Rade ober einem zufälligen I Kopfschmerz. Dann wäre boch eigentlich das Leben ein bloßes Spiel. Viele I Jahre hatte er vor sich, über diese Frage nachzudenken: und er beschloß I allen feinen Verstand anzustrengen, um sie zu lösen. Er ging auf und ab I in seinem Stübchen, die Hände auf dem Rücken, immer vom Fenster zum I Ofen und vom Ofen zum Fenster. So vergingen Jahre, und er hatte an I feiner Stelle schon einen Gang in die Dielen eingetreten. Einmal empfand I er ein großes Mitleiden mit sich, als er diesen Gang sah. Da wurde ihm klar, I daß unser Schicksal aus unferm Innern kommt, und deshalb gibt es keinen I Zufall im Leben. Er war fo ein Mensch, der ein solches Schicksal haben mußte, I und überall hätte ihn das getroffen. Ja, vielleicht war die äußere Aus- I geftaltung nur ein Schein, ober ein Traum, wie wir ja im gewöhnlichen Traume selber Geschichten bilben zu einem Geräufch ober einem Gefühl von außen. Denn was war das Wesentliche? Daß er hier auf und ab ging und nachdachte, und Krümchen streute für einen Zeisig, der an fein Fenster kam, und um den Zeisig hatte et viele Sorgen, daß der nicht von einem Raubvogel gefressen würde. Auch hatte er den alten Burgwart gern und fein Töchterchen. Das Kind kam an den Nachmittagen zu ihm heraus, er- zählte ihm, und er selbst erzählte dem kleinen Mädchen auch. Immer die- (eiben Gefchichten besprachen sie, wie er von feinem König einmal eine goldene Denkmünze erhalten, und welche Farben fein Regiment hatte; er holte auch wohl seine Uniform aus dem Schrank und erklärte die Litzen und Schnüre. Sie sprach von ihren Hühnern, und wie vor Jahren einmal ein | Fuchs in den Hof gekommen war. So wurde das Kind allmählich größer und kam dann feltener; endlich verheiratete sie sich und etfrfuen in des Gefangenen Stübchen mit ihrem Mann, um ihn zu zeigen; der Mann drehte verlegen seine Mütze, sie sprach mit großer Schnelligkeit. Er schenkte ihnen einen großen Doppeltaler, den er noch besaß. Und bann hatte bie Frau ein Kind und tarn mit dem Kinde zuweilen zu ihm, und bald tarn das Kind allein die Treppe heraufgekrochen, und bald sah das Kind so aus, wie die Mutter ausgejehen hatte, damals, als er hierher geführt ward in diese Burg. So lange war das schon her, er wunderte sich sehr darüber; zuweilen verwech- feite er das Kind mit der Mutter. Noch schneller gefchah es, daß die,es Mädchen ihm vorbeiging, heiratete, und wieder besuchten ihn die Kinder. Da erzählte ihm ein Kind, eine vornehme Dame sei vor dem Burgtor gewesen, ganz in ichwarze Seide gekleidet, auf einem kostbaren Roß, und ein Diener fei bei ihr gewesen, und sie habe dem Vater viel Geld geboten, er falle sie zu dem Gefangenen lassen, bet Vater aber habe gesagt, bas gehe gegen feinen Eid, da habe der Dienet eine Pistole in der Hand gehabt, und aus dem Ge- büsch seien andere Leute getreten, mit Gewehten, bet Vater aber habe die Brücke hochgezogen, da seien die Fremden wieder fortgeritten. Als der Gefangene die Geschichte gehört hatte, ging er zum Schrank, nahm die alte Uniform heraus und zog sie an; sie paßte noch genau; nur machte es ihm Mühe, daß er aufrecht gehen mußte, wegen der Halsbinde. Dann öffnete er das Fenster und setzte sich ans Fenster. Es war aber Winter, und eine sehr kalte Lust zog herein und bewegte feine weißen, dünnen Haare. Lange Stunden faß er fo am Fenster in seiner Uniform, bis es dunkelte. Da zog er die Uniform wieder aus, legte ’ie sorgsam in ihre alten Falten und hängte sie fort. In der Nacht aber erkrankte er schwer, denn er hatte sich eine heftige Erkältung der Lunge zugezogen, und well fein geschwächter Körper den Stoß nicht vertragen konnte, so verfiel er in eine langsame Abnahme der Kräfte und starb nach einiger Zeit. Auf dem Totenbette aber tagte er: „Die vielen langen Jahre der Gefangenschaft find versunken in meiner Seele, und ich muß mit erst die Reihen der Kreuze ansehen, die ich in die Wand geritzt habe, wenn ich will, daß ich überhaupt etwas von ihnen weiß. Aber den Tag in der Kirche habe ich behalten, und den Tag, da sie mir vorbeifuhr, und wie ich ihren Bries bekam, und daß sie meiner nicht vergessen hat, sondern mich jetzt hat befreien wollen. Dieser Dinge gedenke ich mit großer Freude, und einer größeren Freude bin ick gewiß nicht sähig. Vorfrühling. Von Paul Heyfe. Stürme brausten über Nacht, Und die kahlen Wipsel troffen. Frühe war mein Herz erwacht, Schüchtern zwischen Furcht und Hassen. Horch, ein traut geschwätz'ger Ton Dringt zu mir vom Wald hernieder. Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder? Dort am Weg der weiße Streis — Zweifelnd frag' ich mein Gemüte: Ift's ein später Winterreis, Oder erste Schlehenblüte? Schottland, schön und häßlich. Von Dr. Erwin Stranik. Zwiespältig sind die Eindrücke, die ich in Schottland gewann. Denn hier findet sich das Schönste knapp neben dem Häßlichsten, das Erhabene neben dem Lächerlichen, und der Beweis gesättigtster Behaglichkeit unmittelbar neben drückendster Armut. Fährt man zu Schiss in den landschaftlich unendlich reizvollen Firth of Forth ein (unb man sollte nur zuSchiss nachSchoit- land, trotz der blendenden Zugverbindungen mit London), so wächst Edinburgh, Schottlands Hauptstadt, wie ein Märchen vor unseren erstaunten Augen aus. Eins geivorden mit verschiedenen vorgelagerten kleineren Siedlungen, verbunden mit Leith, Newhaven, Portobello, Celinton und Corsto- phine, Sammelpunkt von mehr als 400000 Menschen, überragt es doch alle diese Distrikte wie eine Königin. Sein altes Schloß, romantisch auf 130 Meter hohem Fels gelegen und die ganze Stadt beherrschend, hat auch heute noch nichts von seinem Zauber verloren. Man steigt die Hänge, die einst von den Rusen der Höslinge widerballten, mit einer gewissen Andacht empor, so, als ob es noch schottische Könige gäbe und nicht die schottischen Hausregimenter jetzt die ehemals fürstlichen Räume als Kasernen benützten, man sühlt sich wohl im dichtbuschigen Wald und genießt den Ausblick von der Höhe der Zinnen mit ehrlicher Bewunderung. Zu Füßen des Schlosses lockt die in reinstem griechischem Stil erbaute Nattonalgalerie, 1859 errichtet; mit Liebe wurden hier Meisterwerke schottischer Malerei zufammengetragen, aber auch viele wertvolle Franzosen sind vertreten. Und nach Norden zu, in die „Neustadt", führen breite, hochelegante Straßen, gesäumt von herrlichen Palästen, Prunkvillen und oft unterbrochen von weithin sich dehnenden, sorgfältig gepflegten Parkanlagen. Die Princes Street, zwischen den beiden Hauvtbahnhöfen Waverley Station und Princes Street gelegen, hat man schon oft als die schönste Straße der Welt bezeichnet. Die größten Baudenkmäler Schottlands, gruppiert um das Denkmal Walter Scotts, das bis zu einer Höhe von 60 Meter aufragt, liegen hier: offizielle Gebäude, Klubhäuser und Hotels wechseln miteinander ab. Banken sieben zwischen Akademien, Kirchen und Parlament vertragen sich ausgezeichnet im architektonischen Gesamtbilde. Man wird unwillkürlich Moral auf den verschiedensten Gebieten, in Sprachengeschichte und Musik, Dichtung und Aesthetik, Theologie und Philosophie. Die stärksten Elemente seiner schriftstellerischen Arbeit sind eine fabelhafte Neugierde, tue ,a mit Recht als ein Urtrieb der Geschichtsforschung bezeichnet worden ist, und eine charse Beobachtungsgabe. Durch diese Neugierde, die nicht selten m Klatsch- ucht ausartet, und seine realistische Beobachtung hat Nicolai der Geschichte und besonders der Kulturgeschichte unschätzbares Material geboten m feinen Romanen und seinem vielbändigen Reisewerk. Der „Sebaldus Nothanker", einst eins der gelesensten Bucher, ,st auch heute noch interessant, nicht der theologischen Diskussionen wegen, um beten Willen er geschrieben ist, sondern weil er anschauliche, sachlich wertvolle Milieuschilderungen enthält. Die beiden andern Romane Nicolais, tue auf Grund einer Wette in wenigen Wochen entr an'ene »beschichte eines dicken Mannes, worin drei Heiraten und drei Körbe, nebst viel ~iebe und „^eben und Meinungen Sempronius Gundiberts" sind geistlose Absurditäten gegen Kant. Auch aus seiner Reise durch das katholische Süddeutschland, die er m 12 Bänden beschrieb, beweist er wenig Verständnis für die so andersartigen Verhältnisse, aber mit seiner Wißbegierde und seinem Talent des Herum- horchens und Ausspionierens bringt er eine Fülle von Tatsachen und Beobachtungen zusammen, die das Werk zu einer sehr wichtigen Geschlchfsquelle machen. Als ausgezeichneter Historiker hat er sich in seinen Forschungen über Berlin bewährt. Am ärgsten hat sich Nicolai gegen den Geist der so hoch erblühten Dichtung versündigt. Das zeigt seine Parodie des „Werther , seine Verspottung der Volksliedersammlungen in seinem wider feinen Willen wertvoll gebliebenen „feinen kleinen Almanach". Dadurch verlor er jede Beziehung zu den Besten seiner Zeit. Lessing wurde zuletzt sehr kühl gegen ihn, obwohl Nicolai später den Toten stets für sich in Anspruch genommen hat; Herder kehrte sich von ihm ab. Goethe widmete dem Ver- fasfer der „Freuden des jungen Werther" ein paar derbe Spruche; H. L. Wagner zeichnete ihn als Drang Man. Grimmig sind die Genien mit dem „Ouerkopf-Leerkopf" umgesprungen, der Lessing und Mendelssohn bet dem Geschäft der Aufklärung nur „die Lichter gefchneutzt". Das furchtbarste Gericht aber hat Fichte über das „literarische Stinktier" gehalten, das er bereits als tot hehandelt. „ ., ... Nicolai focht dies alles nicht an. Bis zum Ende hat er unerschütterlich festgehalten an seiner Weltanschauung. So dars denn schließlich der döse gemeinte Cenienspruch zu feinen Ehren gewendet werden: „Seine Meinung sagt er vor seinem Jahrhundert, er sagt sie, Nochmals sagt er sie laut, hat sie gesagt und geht ab. Deshalb sterbe ich als rin lehr glücklicher Mensch ; denn es ist gewiß das höchste Glück, zu wissen, daß ein anderer an unsdenkt m Siebe undome Falschs Außer diesem aber erinnere ich mich noch an die kleinen grünen Blatter der Bäume im Frühjahr, welche klebrig sind. Friedrich Christoph Nicolai. Znm 200. Geburtstage des deutschen Aufklärers. Von Dr. Friedrich Spreen. Nicolai, der Freund Lessings und der konsequenteste Vertreter der deutschen Aufklärungsliteratur, hat das böse Schickial gehabt, m dem Lichtkreise unserer klassischen Dichtung als der dunkle Fleck zu erscheinen, gegen den fich die schärfsten Pfeile des Spottes, des Hohns und der Verachtung richteten. Als der geschworene Feind alles Schönen und Poetischen steht er wie eine Vogelscheuche auf den leuchtenden Hohen des Parnaß, um dessen gravitätisch groteskes Jammerbild die lustigen bunten Bewohner des Gotfer- berges herumschwärmen, es beschmutzend unb mit tpchen Schnäbeln darauf einhackend. Goethe hat ihn so hingestellt auf den Blocksberg in der Walpurgisnacht des „Faust", mitten hinein in den Tanz der Hexlein, denen er beweist, daß sie nicht existieren. Alle, alle haben sie an ihm ihren Witz gewetzt, von den Halberstädter Versemachern um Gleim an bis zu den ;ungsten Romantikern, denen er schon eine mythische Verkörperung des Antipoett- schen, des „Harmonisch-Platten" geworden war. Um ihn an den Pranger zu stellen, haben sich die beiden Dioskuren Goethe und Schiller in den Genien vereinigt; um ihn zu vernichten, ist selbst der große Kant in die sonst ängstlich gemiedene Arena des literarischen Ringkampfes hinabgesttegen, hat Fichte, aller philosophischen Ruhe bar, mit den Keulenschlagen einer unerhörten Grobheit und Wucht dreingeschlagen. Der Mann, der mit so einzigartigem Ingrimm bekämpft wurde, der die Zielscheibe für die Pamphlete fast eines halben Jahrhunderts war, kann feine ganz gewöhnliche Erscheinung gewesen fein. Nicolai ist der einseitigste, aber auch der markanteste Repräsentant der auftlärerifdien Bersfandskuttur gewesen, die von England und Frankreich ausging und bald nach der Mitte des 18. Jahrhunderts auch tu Deutschland zur herrschenden Macht wurde. Es war kein Zufall, daß es gerade em Berliner war, der die Residenzstadt des großen Friedrich zur Hochburg dieses nüchternen Rationalismus machte. Er verdeutschte damit nur bte feetgeiftige französische Verstandsphilosophie, der der königliche Freund Voltaires huldigte, und vergröberte sie natürlich auch in der preußischen Enge. Dw Gunst der Zeit, die in der Epoche seiner Ausbildung gerade auf dieses Stadium der allgemeinen Geistesentwicklung hindrängte, hob den tüchtigen, bildungseifeigen, jungen Mann hoch empor, stellte ihn eine kurze Frist mit Lessing und Mendelssohn zusammen an die Spitze der Bewegung. Aber was für den genialen Hamburger Dramaturgen nur ein Durchgangsstadium gewesen war, das blieb für den fdjroetf eiligeren, eigensinnig beschränkten Jugendfreund immerbar der Weisheit letzter Schluß, jenes Evangelium des gesunden Menschenverstandes, das er im Namen Lessings selbst gegen Lessing unb gegen drei spätere Generationen mit eifervollem Fanatismus verteidigte. Dabei hat aber der ehrliche, von einem reinen Streben beseelte, unermüdliche Schriftsteller und Organisator ,n den Grenzen feiner Begabung im Kampf für die von ihm als wahr und heilig erkannten Ideale der Humanität, der Toleranz, der vorurteilslofen Bildung Hervorragendes geleistet. Er hat den Klassikern auf ihrer Bahn zu Licht und Höhe den Weg bereitet, auch wenn er halb zurückblieb in Dunkel und Tiefe. Als Sohn eines Buchhändlers wurde Nicolai am 18. März 1733 zu Berlin geboren. Die philosophisch-pedantischen und pietistisch-schwärmerischen Antriebe, die ihm auf der Schule entgegentraten, stießen den aufs Praktische unb Nüchterne gerichteten Sinn des Knaben ab. Sein großer Bftdnngs- brang und fein nie ermattender Wissensdurst regten sich erst, als vor dem Buchhändlerlehrling in Frankfurt an der Oder die Schätze der modernen Literatur bequem ausgebreitet lagen. Nun erwarb er sich durch eine umfangreiche und wahllose Lektüre allmählich jene weit ausgedehnte, aber oberflächliche Kenntnis von Büchern und Lehren, auf die er so stolz War. Ohne sich eine systematische und gründliche Ausbildung erworben zu haben, mußte er allzu früh das Geschäft des Vaters übernehmen, und nun begann jenes halb kaufmännische und halb gelehrte Treiben, bei dem er hinter dem Ladentisch mit den Kunden philosophierte und zugleich seine Abhandlungen verfaßte, jener stets fertigen „Buchmacherei" sich hingab, die Kant in seiner Schrift gegen Nicolai gegeißelt hat. Zunächst trieben ihn die literarischen Verhältnisse zu einer Abrechnung. Lessings Kritiken in der „Vossifchen Zeitung" hatten seinen Blick und seinen Stil geschärft, und so zeigte er sich denn in seinen 1755 erschienenen „Briesen über den jetzigen Zustand der schönen Wisienschasten in Deutschland" durchaus im Besitz des modernsten Urteils. Als das Ideal der Dichtung werden Richtigkeit der Gedanken, Genauigkeit des Ausdrucks und harmonische Schönheit des Ganzen hin- gestellt. Durch diese scharf urteilenden Waffengänge sekundierte Nicolai dem kritischen Frühlingssturm, mit dem Lessing damals das alte unb morsche Gerümpel aus allen Ecken und Winkeln der deutschen Literatur hinwegfegte. Er wurde sein rühriger Kampsesbruder in den „Briefen, die neueste Literatur betreffend", die die klassische Epoche unserer Dichtung einleiten. Daß Nicolai damals an Lessings Seite stand, daß er in seiner „Abhandlung vom Trauerspiel" Gedanken anspann, die zur Hamburgischen Dramaturgie führten, das sichert ihm seinen Platz in der Literaturgeschichte. Unterdessen hatte et auch bereits feine für die Kulturgeschichte so einflußreiche Tätigkeit als Redakteur ausgenommen, indem et zunächst (seit 1757) die „Bibliothek der schönen Wissenschaften unb freien Sänfte" und bann von 1765 bis fast zu seinem Tode die „Allgemeine deutsche Bibliothek" hetausgab. Die 256 dicken Bände dieser Zeitschrift, die bis ins 19. Jahrhundert hinein Sammelpunkt und Hauptorgan der deutschen Ausklätung blieb, umschließen Glück und Unglück, Größe und Kleinheit Fritz Nicolais. Ans dem umgrenzten Bezirk der schönen Literatur wagt er sich nun auf das weite Gebiet der allgemeinen Geistesliiltur, und je weiter er blickt, desto enger wird fein Horizont. Einen ganz einzigartigen Einfluß hat der Redakteur und Buchhändler, bet Berlin znrn Zentrum bes Rationalismus machte, mit dieser monoton stets das Gleiche wiederholenden Zeitschrift erlangt. Nicolai selbst vertritt bte Rechte des gesunden Menschenverstandes und der natürlichen an die Wiener Ringstraße erinnert, deren Einmaligkeit ja auch weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus berühmt ist. Die Altstadt wieder: hier reihen sich zehn bis zwölf Stockwerke hohe Häuser aneinander, aber auch diese Straßen sind lauber und gestatten beinahe überall einen Blick in die hügelige, bewaldete, naturnahe Umgebung der Stadt. Man will also (rote könnte man anders?> nur loben. Da reitet einen der Teufel und man fährt hinaus nach Newhaven. Hier greift man sich erst einmal an den Kopf. Man war doch eben in Schottland, nicht? Und jetzt, kaum fünfzehn Minuten später, befindet man sich in Italien? In irgendeiner „cittä vecchia" an der Küste der Adria? Im Norden, oder in Neapel? — Aber nein, der Himmel ist hier ja viel blasser als im Lande der Orangen. Fahlblau, nicht' ultramarin. Doch der Schmutz ist der gleiche. Alte, uralte verschrumpelte und maßlos verwahrloste Häuser kleben sich eng aneinander, winzige Buden mit kümmerlichen Fenstern, wacklige Treppen gleichen die Höhenunterschiede zwischen Wohnungen (im ersten Stock) und Schuppen (zu ebener Erde) aus, schiefe Telegraphenstangen drohen einem entgegenzustürzen, nicht minder bedächtig schwankende Kamine warten anscheinend bloß, einen Ziegel aus unsere Köpfe herabzuwerfen — und durch all dies Gerümpel spannt sich eine Vielzahl von Stricken, an denen (wie in Italien!) in buntesten Farben sämtliche eben nicht getragenen Wäschestücke der verehrlichen Einwohnerschaft von Newhaven baumeln. Freundlich grüßen mich rote Unterhosen, wehten sich mir bauschene Röcke und Bettlaken entgegen, manchntal war die Wäsche auch noch naß, dann tropfte es auf mich einsamen Besucher herab, man nimmt das anscheinend hier nicht so genau, es gehört eben dazu wie das alte „Pfauenhotel", das ja gleichfalls in dieser Umgebung steht und trotzdem eine Weltberühmtheit geworden ist. „The old Peacock Hotel" heißt es und wird in Schottland mit gleich andächtigem Namen genannt, wie in London Mister Charleys berühmt-berüchtigte Taverne in der West India Dock Road. Aber freilich: bei Peacock geht es ehrlich zu, fauber und nett. Hierher kann man auch um Mitternacht ganz ruhig kommen, die Schotten sind ehrliche Leute, und man erzählt sich, daß sie von dieser Ehrlichkeit geradezu leben. Denn jeder Führer erklärt: „Mein Herr, ich wette mit Ihnen, hier, selbst in diesem so verrufen aussehenden Wohnviertel wird nichts gestohlen!", und dazu läßt man — um den Beweis für die Wahrheit dieser Behauptung zu erbringen — etwas mitten auf der Straße liegen: ein Buch, ein Taschentuch, einen Stock. Geht fort, kommt erst in einer halben Stunde wieder. Der zurückgelassene Gegenstand ruht in der Hand eines Schotten, der ihn nachdenklich betrachtet: — „Mister", redet er Dich freundlich an, „ich sah, daß Sie dieses Ding verloren haben, ich nahm es an mich, damit es nicht wegkäme. Und wartete, bis Sie ^urückkämen." Worauf man pslichtschuldigst gerührt ist, dann ein Geldstück in die schwielige Rechte des Finders drückt und dem Führer die verlorene Wette bezahlt, stolz auf diefes einmalige Erlebnis. Bis man vom nächsten Besucher Newhavens erfährt, daß sein Führer mit ihm dasselbe Spiel gespielt hat. Und einem ein Licht aufgeht...... Aber zurück zum Psauenhotel, das schon 300 Jahre besteht, immer noch in demselben Gebäude untergebracht ist und wo man die besten Fischgerichte der Welt bekommt. Tatsächlich, selbst die Italiener können von dieser entzückenden Wirtin, die nicht nur glänzend schottisch, sondern auch ein bißchen deutsch spricht, lernen. Sie bedient ja auch Lords und Barone, Bühnenkünstler und Filmstars. Wer nach Schottland kommt und nicht bei „Peacock" ißt, war nicht wirklich und richtig in diesem seltsamen Land. Und dabei ist es hier ziemlich billig, halb so teuer als im übrigen England; man kann essen so viel man will, je mehr, desto besser, denn das freut die Wirtin. Und wer ein zweitesmal kommt, erhält bereits ein extrafeines Menü um denselben Preis. Bor dem Pfauenhotel lungern Arbeitslose herum. Arme, ganz arme Menschen, denen die Not von den Gesichtern abzulesen ist. Sie wollen nicht Geld geschenkt, sie betteln nicht: nur Beschäftigung möchten sie wieder haben. Es krampft sich einem das Herz zusammen. Ueberall dasselbe Elend, und man kann nicht helfen. — Dann sitzt man wieder im Zug, um in knapp einer Stunde nach Glasgow zu gelangen, das doch viel größer als Edinburgh ist, mit seiner eine Million Menschen übersteigenden Einwohnerzahl gleich nach London rangiert und als die wirtschaftlich wichtigste Stadt Schottlands gilt. Aber ach, wie nachteilig unterscheidet sich diese Stadt von Edinburgh! Zwar gibt es hier keine Vorstädte mit monotonen Elendsquartieren, zwar sindet man keine gleichförmigen Häuserzeilen, die als Arbeitermassenbehausungen sich rund um die nüchternen Backsteinbauten d^r Fabriken gruppieren, doch auch die besseren Wohnstätten, die an sich prächtigen offiziellen Gebäude umlagert hier eine Düsterkeit, die uns bedrückt und unfroh macht. Denn Glasgow wurde durch Schottlands Reichtum fichtbarlich verunstaltet: seine Kohle, die in allen Industrien brennt, vermag nicht rußlos zu verbrennen. Und der dicke, schwere Qualm überzog allmählich die ganze Stadt, hüllte sie in ein schmutzig düsteres Kleid, das sie nie abzustreisen vermag, nicht einmal des Sonntags, wenn die Schlote feiern. Rußig, grauschwarz sehen alle Wände aus. Rußig, grauschwarz wälzen sich die Wasser des Clyde unter den ebenso rußigen Brücken. Die Fronten der Gebäude muten an, als ob man sie mit dunkler Tusche gelackt hätte, und die zahlreichen Parks vermögen keine Erquickung zu bieten. Die Wiesen überlagert seiner, grauer Staub, die Bäume sind von einer gleichen dunklen Schicht überzogen. In Glasgow scheinen alle Farben erstorben, selbst die Plakate vor den Kinos und Varietes kämpfen vergeblich gegen die Wirkung der schottischen Kohle. Ich schlendere durch die „besten" Straßen der Stadt: Argyle-, St. Vincent-, Union-, Sauchiehall- und Buchananstreet geht es auf und ab. Ich stehe vor Geschäften, hinter deren angerusten Auslagescheiben Waren aller Art zum Verkaufe bereit liegen. Aber mich lockt nichts. Da treffe ich einen Bekannten. — „Lieber Doktor", sagt er. „Sie sind eben zu einer schlechten Zeit nach Glasgow gekommen. Wir haben schon seit drei Wochen feinen Regen. Warten Sie, bis es geregnet hat, dann sieht alles ganz anders aus. Daun glänzen alle Fensterscheiben, dann sind die Bäume grün und die Wiesen so hübsch wie nirgends sonst aus dieser Insel." Er mag recht haben, der Gute. Aber ich kann den Regen nicht abwarten. Ich muß weiter. Und so wird für mich, wenigstens vorläufig, Glasgow eine zwar sehr große, sehr moderne, aber auch sehr düstere Stadt bleiben. Und ich kann nur berichten, was ich gesehen habe. Kleider machen Leute. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Unter der Küchentür stand die Köchin, welche ihm einen tiefen Jfrtfr Echte und ihm mit neuem Wohlgefallen nachjah; auf dem Flur und an der Haustür standen andere Hausgeister, alle mit der Mütze in der Hand, unö Strapinski schritt mit gutem Anstand und doch bescheiden heraus, einen Mantel sittsam zusammennehmend. Das Schicksal machte ihn mit jeder Minute größer. Mit ganz anderer Miene besah er sich die Stadt, als wenn er um arbeit darin ausgegangen wäre. Dieselbe bestand größtenteils aus schonen, feftgebauten Häusern, welche alle mit steinernen oder gemalten Sinnbildern geziert und mit einem Namen versehen waren. In diesen Benennungen war die Sitte der Jahrhunderte deutlich zu erkennen. Das Mittelalter spiegelte sich ab in den ältesten Häusern oder in den Neubauten, welche an deren Stelle getreten, aber den alten Namen behalten aus der Zeit der kriegerischen Schultheiße und der Märchen. Da hieß es: zum Schwert, zum Eisenhut, zum Harnisch, zur Armbrust, zum blauen Schild, zum Schweizerdegen, zum Ritter, zum Büchsenstein, zum Türken, zum Meerwunder, zum goldenen Drachen, zur Linde, zum Pilgerstab, zur Wafserfrau, zum Paradiesvogel, zum Granatbaum, zum Kämbel, zum Einhorn u. bgL Die Zeit der Aufklärung und der Philanthropie war deutlich zu lesen in den moralischen Begriffen, welche in schönen Goldbuchstaben über den Haustüren erglänzten, wie: zur Eintracht, zur Redlichkeit, zur alten Unabhängigkeit, zur neuen Unabhängigkeit, zur Bürgertugend a, Zur Bürgertugend b, zum Vertrauen, zur Liebe, zur Hoffnung, zum Wiedersehen 1 und 2, zum Frohsinn, zur inneren Rechtlichkeit, zur äußeren Rechtlichkeit, zum Landeswohl (ein reinliches Häuschen, in welchem hinter einem Kanarienkäficht, ganz mit Kresse behängt, eine freundliche alte Frau saß mit einer weißen Zipfelhaube und Garn haspelte), zur Verfassung (unten hauste em Böttcher, welcher eifrig und mit großem Geräusch kleine Eimer und Fäßchen mit Reifen einfaßte und unablässig klopfte); ein Haus hieß schauerlich: zum Tod! ein verwaschenes Gerippe erschreckte sich von unten bis oben zwischen den Fenstern, hier wohnte der Friedensrichter. Im Hause zur Geduld wohnte der Schuldenschreiber, ein ausgehungertes Jammerbild, da in dieser Stadt keiner dem andern etwas schuldig blieb. Endlich verkündete sich an den neuesten Häusern die Poesie der Fabri- kanten, Lankiere und Spediteure und ihrer Nachahmer in den wohlklingenden Namen: Rosental, Morgental, Sonnenberg, Veilchenburg, Jugendgarten, Freudenberg, Henriettental, zur Camelia, Wilhelminen- bürg und so weiter. Die an Frauennamen gehängten Täler und Burgen bedeuteten für den Kundigen immer ein schönes Weibergut. An jeder Straßenecke stand ein alter Turm mit reichern Uhrwerk, buntem Dock und zierlich vergoldeter Windfahne. Diese Türme waren sorgfältig erhalten; denn die Goldacher erfreuten sich der Vergangenheit und der Gegenwart und taten auch recht daran. Die ganze Herrlichkeit war aber von der alten Ringmauer eingefaßt, welche, obwohl nichts mehr nütze, dennoch zum Schmucke beibehalten wurde, da sie ganz mit dichtem, altem Efeu überwachsen war und so die kleine Stadt mit einem immergrünen Kranze umschloß. Alles dieses machte einen wunderbaren Eindruck auf Strapinski; er glaubte sich in einer anderen Welt zu befinden. Denn als er die Aufschriften der Häuser las, dergleichen er noch nicht gesehen, war er der Meinung, sie bezögen sich auf die besonderen Geheimnisse und Lebensweisen jedes Hauses und es sehe hinter jeder Haustüre wirklich so ans, wie die Ueber» schrist an gab, so daß er in eine Art moralisches Utopien hineingeraten wäre. So war er geneigt zu glauben, die wunderliche Aufnahme, welche er gefunden, hänge damit im Zufammenhang, fo daß zum Beispiel das Sinnbild der Waage, in welcher er wohnte, bedeute, daß dort das ungleiche Schicksal abgewogen und ausgeglichen und zuweilen ein reisender Schneider zum Grasen gemacht würde. Er geriet aus seiner Wanderung auch vor das Tor, und wie er nun fo über das freie Feld hinblickte, meldete sich zum letzten Male der pflichtgemäße Gedanke, seinen Weg unverweilt sortzusetzen. Die Sonne schien, die Straße war schön, fest, nicht zu trocken und auch nicht naß, zum Wandern wie gemacht. Reisegeld hatte er nun auch, so daß er angenehm einkehren konnte, wo er Lust dazu verspürte, und lein Hindernis war zu erspähen. Da stand er nun, gleich dem Jüngling am Scheidewege, auf einer wirklichen Kreuzstraße; aus dem Lindenkranze, welcher die Stadt umgab, stiegen gastliche Rauchsäulen, die goldenen Turmknöpse funkelten lockend aus den Baumwipfeln; Glück, Genuß und Verfchuldung, ein geheimnisvolles Schicksal winkten dort; von der Feldseite her aber glänzte die freie Ferne; Arbeit, Entbehrung, Armut, Dunkelheit harrten dort, aber auch ein gutes Gewissen und ein ruhiger Wandel; dieses fühlend, wollte er denn auch entschlossen ins Feld abschwenken. Im gleichen Augenblicke rollte ein rasches Fuhrwerk heran; es war das Fräulein von gestern, welches mit wehendem, blauem Schleier ganz allein in einem schmucken leichten Fuhrwerke saß, ein schönes Pferd regierte und nach der Stadt fuhr. Sobald Strapinski nur an feine Mütze griff und dieselbe demütig vor seine Brust nahm in seiner Ueberraschung, verbeugte sich das Mädchen rasch errötend gegen ihn, aber überaus freundlich, und fuhr in großer Bewegung, das Pferd zum Galopp antreibend, davon. Strapinski machte aber unwillkürlich ganze Wendung und kehrte gettost nach der Stadt zurück. Noch an demselben Tage galoppierte er auf dem besten Pferde der Stadt, an der Spitze einer ganzen Reitergesellschaft, durch die Allee, welche um die grüne Ringmauer führte, und die fallenden Blätter der Linden tanzten wie ein goldener Regen um sein verklärtes Haupt. Nun war der Geist in ihn gefahren. Mit jedem Tage wandelte er sich, gleich einem Regenbogen, der zusehends bunter wird an der vorbrechenden Sonne. Er lernte in Stunden, in Augenblicken, was andere nicht in Jahren, da es in ihm gesteckt hatte, wie das Farbenwesen im Regentropfen. Er beachtete wohl die Sitten seiner Gastfreunde und bildete sie während des Beobachtens zu einem Neuen und Fremdartigen um; besonders suchte er abzulauschen, was sie sich eigentlich unter ihm dächten und was für ein Bild sie sich von ihm gemacht. Dies Bild arbeitete er weiter aus nach seinem elneneit Gefchmacke, zur vergnüglichen Unterhaltung der einen, welche gern etwas Neues sehen wollten, und zur Bewunderung der anderen, besonders der Frauen, welche nach erbaulicher Anregung dürsteten. So ward errasch zum Helden eines artigen Romanes, an welchem er gemeinsam mit bw Stadt und liebevoll arbeitete, dessen Hauptbestandteil aber immer noch alledem "verlebte Strapinski, was er in seiner Dunkelheit früher nie gekannt, eine schlaflose Rächt um die andere, und es ist mit Tadel hervorzuheben, daß es ebensoviel die Furcht vor der schände, als armer Schneider entdeckt zu werden und dazustehen, als das ehrlickeGewlsseii war, was ihm den Schla- raubte. Sein angeborenes Bedürfnis, etwas Zierl ches und Außergewöhnliches vorzustellen, wenn auch nur in der Wahl der Kleider, hatte ihn in diesen Konflikt geführt und brachte ,etzt auch lene Furcht hervor und sein Gewissen war nur insoweit mächtig, daß er beständig den Borsatz nährte, bei guter Gelegenheit einen Grund zur Abreise zu finden und dann durch Lotteriespiel und dergleichen die Mittel zu gewinnen, aus gehemmis- voller Ferne zu vergüten, um was er die gastfreundlichen Goldacher gebracht hatte. Er ließ sich auch schon aus allen Städten, wo es Lotterien oder Agenten derselben gab, Lose kommen mit mehr oder wem^r bescheibe- nem Einsätze, und die daraus entstehende Korrespondenz, der Empsang der Briefe wurden wiederum als ein Zeichen wichtiger Beziehungen und Ver- hälinisse vermerkt. Schon hatte er mehr als einmal ein paar Gulden gewonnen und dieselben sofort wieder zum Erwerb neuer Lose verwendet, als er eines ^.ages von einem fremden Kollekteur, der sich aber Bankier nannte, eine namhafte Summe empfing, welche hinreichte, jenen Rettungsgedanken auszuführen. Er war bereits nicht mehr erstaunt über sein Glück, das sich von selbst zu verstehen lchien, fühlte sich aber doch erleichtert und besonders dem guten Waagwirt gegenüber beruhigt, welchen er seines guten Essens wegen sehr wohl leiden mochte. Anstatt aber kurz abzubinden, seine Schulden gradaus zu bezahlen und abzureifen, gedachte er, wie er sich vorgenommen, eine kurze Geschäftsreise vorzugeben, dann aber von irgend einer großen Stadt aus zu melden, daß das unerbittliche Schicksal ihm verbiete, je wreder- zukehren; dabei wolle er feinen Verbindlichkeiten nachkommen, ern gutes Andenken hinterlassen und seinem Schneiderberufe sich auss neue und mit mehr Umsicht und Glück widmen, oder auch sonst einen anständigen Lebensweg erspähen. Am liebsten wäre er freilich auch als Schneidermeister in Golbach geblieben unb hätte jetzt bie Mittel gehabt, sich ba ein bescheidenes Auskommen zu begrünben; allein es war klar, daß er hier nur als Graf leben konnte. . Wegen des sichtlichen Vorzuges unb Wohlgesallens, besten er sich bet jeber Gelegenheit von Seite des schönen Rettchens zu erfreuen hatte, waren schon manche Redensatten in Umlauf, unb er hatte sogar bemerkt, daß das Fräulein hin und wieder bie Gräfin genannt würbe. Wie konnte er biesem Wesen nun eine solche Entwicklung bereiten? Wie konnte er das Schicksal, bas ihn gewaltsam so erhöht hatte, so frevelhaft Lügen strafen unb sich selbst beschämen? . . Er hatte von seinem Lotteriemann, genannt Bankier, einen Wechsel bekommen, welchen er bei einem Golbacher Hans einkassierte; biese Verrichtung bestärkte abermals bie günstigen Meinungen über seine Person unb Verhältnisse, ba bie soliden Handelsleute nicht im entferntesten an einen Lotterieverkehr dachten. An demselben Tage nun begab sich Strapinski auf einen stattlichen Ball, zu dem er geladen war. In tiefes, einfaches Schwarz gekleidet erschien et unb verkündete sogleich den ihn Begrüßenden, daß er genötigt sei, zu verreisen. In zehn Minuten war die Nachricht der ganzen Versammlung bekannt und Nettchen, deren Anblick Strapinski suchte, schien, wie erstarrt, leinen Blicken auszuweichen, bald rot, bald blaß werdend. Dann tanzte sie mehrmals hintereinander mit jungen Herren, setzte sich zerstreut und schnell atmend unb schlug eine Einladung des Polen, bei endlich herangetreten war, mit einer kurzen Verbeugung ans, ohne ihn anzusehen. Seltsam aufgeregt und bekümmert ging er hinweg, nahm seinen famosen Mantel um unb schritt mit wehenden Locken in einem Gartenwege auf und nieder. Es wurde ihm nun klar, daß er eigentlich nur dieses Wesens halber so lange dageblieben sei, daß die unbestimmte Hoffnung, doch wieder in ihre Nähe zu kommen, ihn unbewußt belebte, daß aber der ganze Handel eben eine Unmöglichkeit darstelle von der verzweifeltsten Art. Wie er lo dahinschritt, hörte er rasche Tritte hinter sich, leichte, doch unruhig bewegte. Nettchen ging an ihm vorüber unb schien, nach einigen ausgernsenen Motten zu urteilen, nach ihrem Wagen zu suchen, obgleich derselbe auf der anderen Seite des Hauses stand unb hier nur Winterkohlköpfe unb eingewickelte Rosenbäumchen ben Schlaf der Gerechten verträumten. Dann kam sie wieder zurück, und ba er jetzt mit klopfenbem Herzen ihr im Wege stanb unb bittend die Hände nach ihr ausstreckte, fiel sie ihm ohne weiteres um ben Hals unb fing jämmerlich an zu weinen. Er bedeckte ihre glühenben Wangen mit seinen fein buftenben bunklen Locken, unb fein Mantel umschlug die schlanke, stolze, schneeweiße Gestalt des Mädchens wie mit schwarzen Adlerflügeln; es war ein wahrhaft schönes Bild, das seine Berechttgung ganz allein in sich selbst zu tragen schien. Strapinski aber verlor in diesem Abenteuer seinen Verstaub und gewann das Glück, das öfter ben Unverstänbigen hold ist. Nettchen eröffnete ihrem Vater noch in selbiger Nacht beim Rachhausesahren, baß kein anberer als ber Graf bet Ihrige sein werbe; bieser erschien am Morgen in aller Frühe, um bei bem Vater liedenswürbig, schüchtern unb melancholisch wie immer, um sie zu werben, unb ber Vater hielt folgenbe Rebe: „So hat sich beim bas Schicksal unb bet Wille dieses törichten Mädchens erfüllt! Schon als Schulkind behauptete sie fortwährend, nur einen Italiener oder einen Polen, einen großen Pianisten ober einen Räuberhauptmann mit schönen Locken heiraten zu wollen, unb nun haben wir bie Bescherung l Alle inländischen wohlmeinenben Anttäge hat sie ausgeschlagen, noch neulich mußte ich ben gescheiten unb tüchtigen Melchior Böhni heimschicken, ber noch große Geschäfte machen wirb, unb sie hat ihn noch schrecklich verhöhnt, weil er nur ein rötliches Backenbärtchen trägt unb aus einem silbernen Döschen schnupft! Run, Gott sei Dank, ist ein volnischer Graf ba aus wilbester Ferne! Nehmen Sie die Gans, Herr Graf, unb schicken Sie mir dieselbe wieder, wenn sie in Ihrer Polackei friert und einst unglücklich wirb und heult! Ach, was würbe bie selige Mutter für ein Entzücken gemeßen, wenn sie noch erlebt hätte, baß bas verzogene Kind eine Gräfin geworden ist! Nun gab es große Bewegung; in wenig Tagen sollte rasch die Verlobung gefeiert werden, denn der Amtsrat behauptete, daß ber künftige Schwiegersohn sich in seinen Geschäften und vorhabenben Reisen nicht burch Heiratssachen bürfe aufhalten lassen, sondern diese durch die Beförderung jener beschleunigen müsse. Strapinski brachte zur Verlobung Brautgeschenke, welche ihm die Hülste seines zeitlichen Vermögens kosteten; die andere Hälfte verwandte et zu einem Feste, das er feiner Braut geben wollte. Es war eben FastnachtszeU und bei hellem Himmel ein verspätetes glänzendes Winterwetter. Um diese Zett geschah es, daß Herr Melchior Böhni in der letzteren Stadt Geschäfte zu besorgen hatte und daher einige Tage vor dem Winterfest in einem leichten Schlitten dahin fuhr, seine beste Zigarre rauchend; und es geschah ferner, daß die Seldwyler auf den gleichen Tag, rote bie Golbacher, auch eine Schlittenfahrt verabredeten, nach dem gleichen Otte, und zwar eine kostümierte ober Maskenfahtt. So fuhr denn bet Golbacher Schlittenzug gegen die Mittagsstunde unter Schellenklang, Posthorntönen und Peitschenknall durch die Straßen der Stadt, daß die Sinnbilder der alten Häuser erstaunt hetniedersahen, und zum Tore hinaus. Im ersten Schlitten saß Strapinsft mit seiner Braut, in einem polnischen Uebertock von grünem Sammet, mit Schnüren besetzt unb schwer mit Pelz verbrämt unb gefüttert. Nettchen wat ganz in weißes Pelzwerk gehüllt; blaue Schleier schützten ihr Gesicht gegen bie frifäe Suft und gegen den Schneeglanz. Der Amtsrat wat durch irgend em plötzliches Ereignis verhindett worden, mitzufahren; doch war es sein Gespann und sein Schlitten, in welchem sie fuhren, ein vergoldetes Ftauenbild als Schlitten- zierrat vor sich, die Fottuna vorstellend; denn die Stadtwohnung des Amtsrates hieß zur Fortuna. Ihnen folgten fünfzehn bis sechzehn Gesähtte mit je einem Herten und einer Dame, alle geputzt und lebensfroh, aber keines ber Paare so schön unb stattlich, wie bas Brautpaar. Die Schlitten trugen, tote bie Wer» chiffe ihre Galions, immer bas Sinnbild des Hauses, dem jeder angehorte, so daß bas Volk rief: „Seht, ba kommt bie Tapferkeit! wie schön ist bie Tüchtigkeit! Die Verbesserlichkeit scheint neu lackiert zu sein unb bie Spar- samkeit frisch vergolbet! Ah, ber Jakobsbrunnen und der Teich Bethesda! Im Teiche Bethesda, welcher als bescheidener Einspänner den Zug schloß, kutschierte Melchior Böhni füll und vergnügt. Als Galion seines Fahrzeuges hatte er bas Bilb jenes Männchens vor sich, welcher an besagtem Teiche bteißig Jahre aus sein Heil gewartet. So segelte denn bas Geschwader im Sonnenscheine bahin und erschien bald auf ber weithin schimmernden Höhe, bem Ziele sich nahend. Da ertönte gleichzeitig von ber entgegengesetzten Sette luftige Musik. Aus einem duftig bereiften Walde heraus brach ein Wirrwarr von bunten Farben unb Gestalten unb entwickelte sich zu einem Schlittenzug, welcher hoü> am weißen Feldrande sich auf ben blauen Himmel zeichnete unb ebenfalls nach ber Mitte ber Gegenb hinglttt, von abenteuerlichem Anblick. Es schienen meistens große bäuerliche Lastschlitten zu sein, je zwei zusammen- gebunben, um absonberlichen Gebilben unb Schaustellungen zur Unterlage zu bienen. Auf bem vordersten Fuhrwerke tagte eine kolossale Figur empor, bie Göttin Fortuna vorstellenb, welche in ben Aether hinaus zu fliegen schien. Es war eine riesenhafte Strohpuppe voll schimmernben Flitter- golbes, bereu Gazegewänber in ber Lust flatterten. Auf bem zweiten Gefährte aber fuhr ein ebenso riesenmäßiger Ziegenbock einher, schwarz und düster abstechend unb mit gesenkten Hörnern ber Fortuna nackyagenb. Hierauf folgte ein seltsames Gerüste, welches sich als ein fünfzehn Schuh hohes Bügeleisen barstellte, bann eine gewaltig schnappenbe Schere, welche mittels einer Schnur auf- unb zugeklappt würbe unb bas Himmelszelt für einen blaufeibenen Westenstoff anzusehen schien. Anbere solche lanb- läufige Anspielungen auf bas Schneiberwesen folgten noch, unb zu Füßen aller dieser Gebilbe saß aus ben geräumigen, je von vier Pferben gezogenen Schlitten die Selbwyler Gesellschaft in buntester Tracht, mit lautem Gelächter unb Gesang. Als beibe Züge gleichzeitig auf bem Platze vor bem Gasthause auffuhren- gab es bemnach einen geräuschvollen Auftritt unb ein großes Gebränge von Menschen unb Pferben. Die Herrschaften von Golbach waren überrascht unb erstaunt über die abenteuerliche Begegnung; die Seldwyler dagegen stellten sich vorerst gemütlich und freundschaftlich hescheiden. Ihr Dorberfter Schlitten mit ber Fortuna trug bie Inschrift „Leute machen Kleiber", und so ergab es sich benn, baß bie ganze Gesellschaft lauter Schneibersleute von allen Nationen unb ans allen Zeitaltern barstellte. Es war gewissermaßen ein historisch-ethnographischer Schneiberfestzug, welcher mit ber umgekehrten unb ergänjenben Inschrift abschloß: „Kleiber machen Leute!" In bem letzten Schlitten mit bieser Ueherschrift saßen nämlich, als bas Werk ber vorausgesahrenen heibnischen unb christlichen Nahrbeslissenen aller Art, ehrwürbige Kaiser unb Könige, Ratsherren unb Stabsoffiziere, Prälaten unb Stiftsbamen in höchster Gravität. Diese Schneiberwelt wußte sich geroanbt aus bem Wirrwarr zu orbnen und ließ die Goldacher Herren und Damen, das Braiitpaar an deren Spitze, bescheiden ins Hans spazieren, um nachher die unteren Räume desselben, welche für sie bestellt waren, zu besehen, während jene die breite Treppe empor nach dem großen Festsaale rauschten. Die Gesellschaft des Herren Grafen fand dies Benehmen schicklich unb ihre Ueberraschung verwanbelte sich in Heiterkeit unb beifälliges Lächeln über bie unverwüstliche Laune der Selbwyler; nur ber Graf selbst hegte gar bunfle Empfindungen, bie ■ ihm nicht betagten, obgleich er in ber jetzigen Voreingenommenheit feiner Seele keinen bestimmten Argwohn verspürte unb nicht einmal bemerkt hatte, woher bie Leute gekommen waren. Melchior Böhni, ber seinen Teich Bethesba sorglich bei Seite gebracht hatte unb sich aufmerksam in ber Nähe Strapinskis besanb, nannte laut, daß dieser es hören konnte, eine ganz andere Ortschaft als ben Ursprungsort bes Maskenzuges. (Sortierung folgt.) Verantwortlich: Dr. tzanS Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Vuch« und Steindruckerei, Ä. Lange, Gießen.