ONchG j ahrgang (953 Freitag, den (7. Zevruar Nummer H den Hosentaschen, sein Schlagholz er bei mir war, sagte er: „Mens Neumanns waren verreist. Ich Hte keim Karas«, durchsuhl Bielkich! alten! Ü! verwende! se schweb! chtseriigh n Garte» j unter den Arm geklemmt, und als ensch, das war bei Reumanns!" t Baron mir bas s Schuld nd dann, Eine Un- Erkenntnis. Von Gottfried Keller. Willst du, o Herz, ein gutes Ziel erreichen, muht du in eigner Angel schwebend ruhn; ein Tor versucht zu gehn in fremden Schuh'». Nur mit sich selbst kann sich der Mann vergleichenl Ein Tor, der aus des Nachbars Kinderstreichen sich Trost nimmt für das eigne schwache Tun, der immer um sich späht und lauscht und nun sich seinen Wert bestimmt nach falschen Zeichen! Tu frei und offen, was du nicht willst lassen, doch wandle streng auf selbstbeschränkten Wegen und lerne früh nur deine Fehler hassen! Und ruhig geh den anderen entgegen; kannst du dein Ich nun fest zusammenfassen, wird deine Kraft die fremde Kraft erregen. in Utam tte? Eim Md, da; It hatten? ein. Den» als ob ei üßte, iffl immer gt> jattc." Baronch gekomnm Heime I«1 auses mze übrig: achis h^' Bevor ei itienten i« ne Fiebe-l «aus dei» i. Uni setz iron zu i' Der Einbruch. Erzählung von Friedrich Arenhövel. bin, lieber Freund, nun wieder in meinen vier Wänden. Das llmglü'ck, das dich zwei Stunden vor meiner Abreise betroffen hat, geht it mir nach. Dein Sohn Otto hat dich bestohlen. Du, lieber Karl, er= i nerft mich an den Meister Anton aus Hebbels „Maria Magdalena": die le ftam= M lde hei- »litt der He! Mi emidjtet >n Aus. 1 voroe. >11 „Um fliegen die de« alte dar je.v „Na, hast du aber Schwein", staunte er. Inzwischen tarn Könnt mit dem gefundenen Ball. Wir erzählten ihm die Sache, und er war erfreut. „Mal sehen —" meinte er. Wir versteckten unsere Schlaghölzer und den Ball hinter einem Gitter und schlenderten mit unseren schwarzen Klassenmützen in sittsamer Quintanerhaltung an Neumanns Garten entlang. „Habt ihr gesehn?" fragte Könnt, als wir vorbei waren. Wir hatten nichts gesehen. „Dussels! — Die Kellerscheibe auf der anderen Seite?" Wir kehrten um und sahen nun das Loch in der Scheibe. Es war ziemlich kreisrund und glatt kopfgroß. Wir beschlossen, während der Dämmerung den Schaden genauer zu besehen. Bobbi stand Schmiere, als Könnt und ich die zertrümmerte Scheibe hockend in Augenschein nahmen. „Raus kommt's doch!", unkte Könnt und stieß mich mit dem Ellenbogen, daß ich umsiel. „Wieso?" fragte ich empört. „Tja, die Splitter liegen drinnen und deine Kugel auch." „Sann müssen wir sie eben rausholen." Könnt nickte. Wir gingen zu Bobbi auf die Straße, hielten Kriegsrat und beschlossen, das Loch mit einem großen Stein zu erweitern. Wir suchten und sanden unter der Veranda einen Hausen Mauersteine. Bobbi wurde wieder auf feinen Straßenposten geschickt. Es dauerte lange, bevor die Lust genügend rein war. Aber endlich krächzte Bobbi wie ein Eichelhäher, wir antworteten, und dann — wer eigentlich geworfen hat, weiß ich nicht mehr, dann krachte die Scheibe. Wir verkrochen uns In einem dichten Tannengebüsch und warteten in unserem Versteck, ob jemand aufmerksam geworden wäre. Es geschah nichts. Die Sprungwoge unseres Erschreckens über den entsetzlichen Krach ging allmählich in ruhige Wellen über, die in der duftenden Flut des Herbstabends verebbten. Ja, mein Freund, nun kommt das Schwere, das Unglaubliche — Am nächsten Abend wollten wir meine Glaskugel aus dem Keller holen. Wir trafen uns schon morgens, liefen im Walde umher und sanden es langweilig. Es ist ein Unterschied, ob man aus Versehen eine Scheibe einwirft, oder ob man sie mit Absicht zertrümmert. Wir wußten längst, was ein schlechtes Gewissen ist, aber es war doch nie so schlecht gewesen, daß es nicht durch eine Tracht Prügel wieder gut gemacht werden konnte, und es erwachte meistens erst bann, wenn wir abgefaßt waren. Aber das wahrhaft schlechte Gewissen birgt in seinem Kern die folgende schlimmere Untat. Jetzt aber hatten wir Leibschmerzen vor Erregung. Wir waren gegeneinander gereizt. Wir haben uns wegen einer Eidechse geprügelt, die dann keiner von uns erwischte. Wir lagen in der Sonne und wälzten uns unruhig hin und her. Jeder dachte an den Abend, und keiner fing davon zu sprechen an, bis Bobbi plötzlich sagte: „Na, ich bin's nicht gewesen." „Du?!" fuhr Könnt auf, „was hast du denn gemacht? — Du hast Schmiere gestanden, ganz gemeine Schmiere! — Feiglinge stehen Schmiere." Bobbi antwortete nicht. Wir lagen nebeneinander auf dem Rücken und starrten in die Luft. Da war es wieder Könnt, der zu sprechen begann. Es war woht eine Rückwirkung auf den Vorwurf der Feigheit, ein erstes leises Anklingen des Mutes, der sich durch eine verwegene Tat zeigen wollte: „Was roohl in dem Keller ist?" Das war eine Frage, mit der sich jeder von uns beschäftigt hatte. Meine Glaskugel lag da, der Mauerstein, die Scherben der Scheibe, das stand fest. Diese Dinge schwammen in einem leeren Raum, dessen Winkel und Ecken sich in unserer Vorstellung zu füllen begannen. Alle» mögliche konnte darin fein, alter Hausrat, interessantes Gerümpel. 0, wer erinnert sich nicht der Märchenwelt haarloser Besen, vergilbter Bilder, abgelegter Kleider, alter Zuber und aller dieser herrlichen Requisiten, mit denen sich die Phantasie unserer Jugend in herrliche Abenteuer begab. „Was soll es schon fein", sagte ich gespannt, „der Kohlenkeller?" Der ersehnte Widersprach kam sofort. „Nichts zu machen'/' sagte Konni, „die Scheiben sind zu sauber." „Vielleicht der Weinkeller?" riet Bobbi ermutigend. „Bestimmt", sagte ich. Wir saßen plötzlich aufrecht, blickten uns an, und es war uns peinlich, uns zu sehen. Wir schämten uns über irgend etwas, das wir nicht kannten und begannen hastig zu flüstern. Niemand wußte im Keller des Herrn Neumann Bescheid, und jeder tat, als ob jener Raum „Ich verstehe die Welt nicht mehr." — Nun wirst du, wie ich dich kenne, deinen Sohn auf einen außer- « dentlichen Weg schicken wollen, um einen außerordentlichen Irrweg Mfzuheben. Du deutetest Zwangserziehung an. Deine Entschlüsse pflegst t« schnell In die Tat umzusetzen. Darum schicke ich dir dieses Schreiben Isrch Eilboten, und ich bitte dich dringend, die folgende Geschichte Wort f. r Wort zu lesen, bevor du dich entscheidest. Konni, Polli und Bobbi waren unzertrennliche Freunde. In der iiuinta saßen sie ziemlich hintendran; außerhalb der Quinta aber ganz tx>rn. Ihnen war kein Baum zu hoch, kein Stacheldraht zu scharf, keine t»se zu gut. Die Herbstzeugnisse waren einander zum Verwechseln fonlid) und unter der Rubrik „Besondere Bemerkungen" stand bei allen i eien, daß sie sich sehr zusammennehmen müßten, um das Ziel der Haffe zu erreichen. Trotzdem waren die Herbstferien schön. — Ach, lieber Freund, warum ftlll ich mich vor dir verstecken? — Ich war der Polli! — Ja, der Polli mar ich — — Weißt du, wie ich zu diesem vorzeitigen Geständnis komme? Jcb vsollte dir beschreiben, wie sehr, sehr schön die Herbstferien waren und dabei fielen mir geflaute Aepfel ein. Hast du einmal einen solchen Apsel gegessen, Freund Karl? — Ich gilbe die drei Zentner dafür, die ich mir heute für den Winter bestellt Hube! Sie duften immer noch nach Sehnsucht, nach Nebel und nach killendem Laub, aber Konni baumelt nicht mehr neben mir auf dem ijjjt mit den Beinen, und Bobbi stöhnt nicht mit vollem Munde: „Je mange, tu manges, il mange, nous mangeons, vous mangez, ils Eli- Nein, nein, ich mange heute meine ehrlich bezahlten Aepfel. Nun, wirst du sagen, Aepfel haben wir schließlich alle mal stieditzt. Du auch, mein lieber Karl? Ja. — Aber nun höre. An einem Nachmittag in diesen Herbstferien spielten Konni, Bobbi und ich Schlagball. Wir schlugen den Ball durch die Lindenallee, an der bs Häuser unserer Väter standen, und als es einmal wieder geschah, b: ß der Ball sich verslog, und Konni ihn in einem fremden Garten sichen mußte, wurde Bobbi und mir die Zeit lang. Ich nahm eine gwfje Glasmarmel aus der Tasche, warf ihn hoch, holte aus und traf ila kräftig. Er surrte davon. Seine Flugbahn sahen wir nicht. Aber i r hörten ihn durch die Linden flitzen, und einen Augenblick später tlirrte eine Scheibe. Bobbi freute sich mächtig. Mir dagegen war sehr bKlommen zumute. Auszukneifen halte keinen Zweck. Sie wußten ja dich alle, daß einer von uns es gewesen sein mußte. Bobbi war krumm Mr Lachen. Er stützte die Hände auf die Knie und guckte nach dem de- iwsfenen Nachbarn aus. Als nichts geschah, keine Stimme sich hören lifß, niemand mit einem Knüppel bewaffnet an einer Pforte erschien, inr ich froher und Bobbi ernster. Er kam auf mich zu, die Hände in t ins ft» Arzt «f limine. M .h bestl^ römte^j ne, em * >9 ®as i» ten j$t M bieM 53* (fr ®01 n«5; W ■! ? < be'N^b-r iehMrZannlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Es war eine Nacht. |o lang wie mein ganzes “ • Nacht, in der Stern um Stern langsam wie durch qualvolle Ewigkeiten am Fenster erschien und wieder verschwand. — Es war di« Nacht, mein 1 Der Einsiedler. Von Joseph von Eichendorff. Komm, Trost der Welt, du stille Nachti Wie steigst du von den Bergen sacht, die Lüste alle schlafen, ein Schisser nur noch, wandermüd, singt übers Meer sein Abendlied zu Gottes Lob im Hafen. Die Jahre wie die Wolken gehn und lassen mich hier einsam stehn, die Welt hat mich vergessen: da tratst du wunderbar zu mir, wenn ich beim Waldesrauschen hier gedankenvoll gesessen. O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so müb’ gemacht, das weite Meer schon dunkelt. Laß ausruhn mich von Lust und Not, bis daß das ero’ge Morgenrot den stillen Wald durchfunkelt. Gedenket der Lebenden! Lin Work für Kunst und Künstler dieser Zeit. Von Wilhelm Hausen st ein. Alles Fragwürdige moderner Kunst mag und muß uns bewußt sein; dennoch ist es uns nicht erlanllt, uns der zeitgenössischen Kunst einfach zu entziehen, wie es uns ja auch nicht gestattet ist, an den politischen, an den gesellschaftlichen Nöten unserer Epoche voruberzulehen ober au^ eine gründliche Wahrnehmung der geistigen Notstände unserer Zeit im ganzen kurzhin zu verzichten. Wir haben unsere Gegenwart nn Wj« müssen das, obwohl wir spüren und wissen, daß sie, an den Maßstaben anderer Zeiten gemessen, weder als politisches Leben noch sonst wie im allgemeinen eine imponierende Größe darstellt Vor allem sollen wir die Kunst und uns selbst gegen die Fabgl verwahren, die in den billigen Stichworten unserer an kostenlosen Thesen freilich reichen Tage gehört: die Kunst sei „erledigt — mit ihr tonne man keinen Hund mehr vom Ösen locken. Wieder und wieder muß mit dem größten Nachdruck ausgesprochen werden: die THA von der^angeblichen^vollkommenen Gleichgültigkeit der zeitgenössischen Menschheit gegenüber der Kunst ist eine banausische Parole — ausgegeben in einer Welt, die um eine neue Sensation in Verlegenheit ist und die Frivolität nicht scheut, aus Kosten der Kunst un erer Tage sich wichtig L" machen. Es ist nicht wahr, daß die Kunst tot ist: es ist nicht wahr, daß sie stirbt. Es ist auch nicht wahr, daß die Menschen von ihr nichts mehr wißen wollen. Wahr ist nur dies: daß die Kunst gesahrdet ist — nämlich sowohl aus ihrem eigenen Bereich als auch aus lieblosen Herzen der Zeitgenossen. Aber sie ist nicht mehr gefährdet als das wahrhaft mcrjd)- liche Dasein in unseren Zeiten überhaupt, und eben um des menschlichen Lebens willen, das an sich ein Interesse an Leben und Tod hat, ist es notwendig, das Verlangen der Menschen nach der Kunst zu pflegen, wie die Kunst selbst und wie alte Dinge und Beziehungen, in denen der Mensch sich in einem eigentlich menschliche n Sinne äußert und ! bezeugt. Es ist kein Zweisel daran erlaubt, daß ein Verlangen nach der Kunst nach wie vor auf dem Grund der menschlichen Seelen liegt, wie I auch troß allen surchtbar entgegenstehenden Zeichen der Zett kein Zweifel daran erlaubt ist, daß der Kern einer wahrhast menschlichen Substanz in unserem Zeitalter noch immer vorhanden ist. gcfi wäre der Leiste, die argen und mitunter katastrophal anmutenben Mängel moderner Kunst zu verkennen. Ich wäre der Letzte zu bestreiten, daß man gerade in Dingen der Kunst von den ^o^ften spielen her messen muß. Aber ich wurde auch, nicht wagen zu behaupten das Moderne habe, weil es neben den absoluten Werten des Alten meist nur einen relativen Wert darstellt, keinen Anspruch mehr auf Freund in der ich zwischen Dummheit und Schlechtigkeit unterscheiden ternte —- Und, lieber Freund, diese Lehre wäre saft mit bem lobe er- kauft worden, denn der Gedanke, mich am Bettpsosten zu erhängen, er« ^ie"7aL Nacht^ha^Bobbi die Uhr, dann Sonnt, und da waren wir alle mürbe Mr haben die Uhr in einen Teich geworfen und glaubten, unsere Schuld würde mit ihr ertrinken. Bann ^kam^die^ Zestungsnotiz über einen Keltereinbruch bei Neumann Wir wollten alte Wen Teich, weil mir in der Zeitung Einbrecher genannt wurden, aber wir verschoben es von Stunde zu ,, ®obbi erzählte in seiner Angst einem Mitschüler die ganze Geschichte, und der Mitschüler Hans Lemke, drohte uns. — Und bann lief ich eine Tages von meiner und. unserer Angst gepeitscht, zu Herrn Neumann in die Veranda und schrie.: H^er'r Neumarm "sprach mit unseren Vätern. Wir wurden vor die vier Männer geladen und gestanden alles. — Und, freund, sie bestrasten "" Her?Neumann sagte: „Ihr habt nun viel an euren Eltern und an mirÄra^(le53unn9bne5 mar doch sehr viel, denn niemals wieder haben mir das Paradies nachbarlicher Obstgarten betreten. Gib dernem Jungen eine Bewährungsfrist, lieber jreunb. ®obbi. Konni und Polli haben sie damals bekommen, und sie haben ,id,!Bobbif,mar Bobbi. Er ist in Frankreich gefallen. Polli war ich - und Konni, lieber Freund, warst du. -»Ä« ä* ”°"*" trüt Idhönen Bildern Spieldosen mit seinen, zimperlichen Melodien. L.-L J- KÄÄStf I.Ä Ä; Ä! S'Kn;“m talhn W»u. ten unbe" mürben Drei verschiedene Wege sestgelegt, die uns getrennt würgen, um nicht auszusallen. Ich meiß nicht, mie es Bobb, und Sonnt babei ergangen ift. $$ bitfe Mauern eines schweren9 Widerwillens,' aber es zog mich mit größeren, unheimlichen 0CtZbb'i' und Konni waren schon da. Sie lagen auf Händen und Knien h tfnrrfcn 3u ber zerschlagenen Scheibe hinüber. Ich hockte neben ihnen nieber Dann krochen mir, obrnvhl mir kriechend ebenso gut ge- r’r fnnnten mie aufrecht gehend, über den Kiesrneg, zogen LhHtebengebltebenen Glasscherben aus dem Kitt und kletterten hinein. Die zerbrochene Scheibe krachte und knirschte unter unseren Fußen. Mein Herz schlug, als ob es bersten mollte. Die Ohren sausten, und ch hatte eine Unsägliche Angst. Da lag meine bunte Kugel, dort der Mauerstein- und sonst mar der Raum — leer? . Sa flüsterte Konni - ja, es mar Konm, mem Freund -. Ich w^te"es'nlchl"in die dunkle Ecke rechts neben dem Fenster zu sehens nahm meine Kugel aus und steckte sie in die Tasche. Dabei sah ich rwen^alten^ K^s Musterte ich und schlich glückt aus ihn 8U- f) int er mir hörte ich Schritte huschen und Flaschen aneinander «irren- Ich machte den Kchtendeckel auf. Nägel waren darm rostige Haken Stücke von Mefsingketten, Krampen und Drahtstucke und — eine alte 3iimeinee5inger wühlten in dem Kasten umher Sie suchten ben Steck- fdilüfiel zu der Uhr und sanden ihn. Ich öffnete den Deckel der Uhr und zog sie auf. schüttelte sie. und flüsterte über die Schulter zuruck. Jch"ha!!e^sie^am9Ohr" als Bobbi und Konni neben mir austauchten. Rte hatten ieter eine F asche Wein in der Hand und kicherten böse Äer Freund ich weiß nicht mehr, wie es geschah, ich kann den Taumel, die Besinnungslosigkeit, das alles übertönende Rauschen und ’tÄÄÄÄÄ die grenzenlos ineinander übergehen und doch eine ganze Welt Zwischen waren bann plötzlich wieber im Tannendickicht: Bobbi und Konni m“jÄSS S™ S °>. söpf. *(*««.«■ Sine haben mir getrunten, die andere an die Wurzeln einer Tanne gegossen Wir waren betrunken und beredeten, daß mir dm Uhr wechselnd tragen wollten, gingen sehr vorsichtig aus dem ©arten aus die Straße, hakten uns unter unb fangen mie die rechten Diebe. fphpn mir io leben u)ir, |o leben wir olle loße • • ■ Es war ein Glück, daß mir von niemanden angehalten mürben. Man ataubte mohl, baß mir die Betrunkenen nur spielten. ? o" S»-Wft’SÄ t 'm. ü ?“ te laut 'schien sie zu ticken. Ich konnte nicht essen, unb Vater guckte immer wieder durch seine Brille unb sagte schließlich drohend: „Nah, m we chem Apselbaum hast du mieber gesessen?!" - „In keinem - . wehrte ich ab unb errötete über unb über. Das war nun bie Wahrheit, unb |te "°N!L'dem"E°Ien''Äich"ich in ben Keller. Die Stufen krachten wie nie zuvor. Ich pfiff über meine qualvolle Angst hinweg unb tat a s ob Ich iraenb etwas Unschukbiges im Keller zu tun hatte. Hunbert ßchere Verstecke hätte es gegeben, unb ich sanb keine. Mir war, als konnte ich mein schreckliches Geheimnis nur hüten, wenn es bei mir, an meinem Körper, unter meiner Obhut wäre. Ich steckte bie Uhr in bie Hosentasche unWtetterte die kurze Treppe hinauf, als führte sie aus bie Hohe be Eiffelturmes. Die geballte Hanb umschloß bas verräterische Ticken meines Verbrechens. Ich öffnete bie Wohnzimmertur halb machte eine schnelle Verbeugung unb wünschte meinen Eltern eine gute Nacht. „Willst du uns nicht wenigstens die Hand geben? fragte mein Vater. Die Hand löste sich von ber Uhr. Sie dröhnte in mächtigen Schlagen. Ich selbst trug ihren Verrat meinem Vater entgegen. Er gab mir bie Hanb. Mutter küßte mich auf bie Backe. Ich sah habet, baß Vater (eine Uhr aus der Tasche nahm, ihren goldenen Deckel springen ließ und nach ber Zeit sah — Er hat meine Uhr gehört unb denkt, es sei bie seine, dachte ich, unb ein Stein wälzte sich von meinem Herzen. Ich lies hinaus. Die Tür krachte hinter mir. Ich legte bie Uhr unter bie Matratze, zog mich aus unb kroch in’s Bett. Aber das ganze Bett dröhnte in bem Takt der Uhr. — Vor bem Schlafengehen, so wuß « i-h. würde mein Vater kommen und nach mir sehen. Er kam blinder Finsternis, und er war taub, denn er hörte nicht, daß die Bett,teile, daß die Wände und das ganze Haus mit Donnerschlagen drohten. Es war eine Nacht, so lang wie mein ganzes Leben. Es war eine un|i bifl1 am iva im Ph (ich Mi Im um ch ab! an de in er 14 Ist nu Ki Bi fü n 6 |d m Ü t 3 r e t! ei $ b s a J E r li li n 5 S S t 5 c ! I i unsere Ausmerksamkeit. Auch heute ist die Position der Kunst zu verteidigen — ja gerade heut«, weil man die menschlichen Positionen, die am meisten gefährdet sind, immer am leidenschaftlichsten verteidigen mutz. Deshalb darf man nicht müde werden, auszusprechen: es ist nicht war, datz unser Jahrhundert lediglich technische Aufgaben besitze. Es ist im einzelnen und beispielshalber nicht war, daß die Kunst durch die Photographie ersetzt werden könne. Es ist nicht wahr, datz der Mensch sich der Kunst zu entäutzern vermöge, solange es wahr bleibt, datz der Mensch sich im Menschlichen bewahrheitet — und also auch im Musischen, im Künstlerischen, das mit dem innersten Wesen des Menschen ja viel unmittelbarer, viel inniger verbunden ist als das Nur-Technifche. Denn ohne das legitime Matz der Technik etwa gering zu achten oder es gar ablehnen zu wollen, wird man begreifen müssen, datz die Kunst einen andächtigeren Zusammenhang des Menschen mit der Schöpfung bedeutet, einen (bekennen wir uns zu dem Wort) gottgefälligeren Zusammenhang. Auf die Dauer würde der Mensch viel mehr verlieren, wenn er die Kunst verlöre, als wenn er die Technik verlöre — fo unwahrscheinlich dies heute klingen, so sehr es ironisiert werden mag! Die Kunst ist dem innersten Wesen den Menschen in Wirklichkeit näher. Es gibt nur etwas, das dem innersten Wesen des Menschen noch näher ist: die Religion. Und freilich hat die Kunst in ihren besten Zeiten die engste Verbindung mit der Religion auch nie vermissen lassen. Wenn nun gefordert wird, unsere Zeit möge sich um die Kunst kümmern, und zwar nicht am wenigsten um ihre eigene zeitgenössische, so wird der Einwand laut: es sei, sowohl in einem geistigen wie in einem materiellen Sinne, ein beträchtliches Risiko dabei. Der Einwand ist nicht ohne Grund. Ein erfahrener Kunsthändler hat den Satz geprägt: die Leute hätten es satt, „sich von den Künstlern Glasscherben ins Gesicht werfen zu lassen". Aber es ist doch, Gott sei Dank, nicht dahin gekommen, datz aus diese Weise etwa die ganze zeitgenössische Situation zu bezeichnen wäre! Eine gerade heute sehr ausgebildete kritische Betrachtung ist Tag um Tag bemüht, die Unterscheidung zwischen Wichtigem, minder Wichtigem, Geringfügigem und Schlechtem neu zu versuchen, neu zu beleben oder wenigstens anzuregen. Muß man denn eigens aussprechen, was doch immer wieder erfahren werden kann: datz es nämlich auch noch gute Kunst und gute Künstler gibt? Es gibt eine Legion von lebenden Künstlern, deren gewählteste Werke für den Betrachter und den Besitzer einen anredenden Wert haben: die ihm die besten Empfindungen unserer Epoche bestätigen helfen. Im grundsätzlichen Zusammenhang dieser Betrachtung kommt es nicht auf einzelne Namen an. Es genügt, darauf zu verweisen, datz es auch heute echte, wesentliche Künstler gibt und daß auch ein aus sich nicht zu vollkommen selbständiger Sicherheit gelangendes Liebhaberurteil heute ziemlich sachverlässig beraten werden kann, wenn es um einen Rat aufrichtig bemüht ist. Man darf — die Zeiten sind danach, auch diesen Gesichtspunkten zu fordern — hinzusügen: Bilder und andere Werke bildender Kunst geben in ihrem Marktwert den Berhältnisscn der Gegenwart mehr und mehr nach, jo daß ein Liebhaber auch schon für wenig Geld ein verlässiges Werk der Kunst erwerben kann — in dem Vertrauen nämlich, dies Werk werde künftig eher über feinen Preis steigen als unter ihn sinken. Auch wer in diesen Dingen nur spekulativ dächte, würde heute nicht zu viel wagen, vorausgesetzt, daß er zu wählen und beraten zu sein weiß. Denn auf die Kunst des Wählens, des Beratenseins kommt es allerdings an. Rechte Wahl, gutes Beratensein vorausgesetzt: es könnte z. B. auch kaum ein Geschenk von länger dauerndem Werte geben, als ein treu gemaltes, modelliertes, gezeichnetes Bildnis es für Freunde, Angehörige, Nachkommen zu sein vermöchte. Man hat in letzter Zeit auch gegenüber der Kunst den charitativen Gesichtspunkt hervorgekehrt. Es soll nicht bestritten werden, daß er von Fall zu Fall in dieser Zeit eine menschliche Notwendigkeit bedeutet. Aber im großen und ganzen handelt es sich im Verhältnis der Menschen zum Künstler um objektivere Zusammenhänge: nämlich um allgemein-gesell- schastliche. Es wäre ein Verbrechen und würde sich, wie jedes Verbrechen, eines Tages rächen müssen, wenn man eine in sehr hohem sozialem Sinn wesentliche Schicht einfach vergessen wollte: den Künstler! Es besteht ein außerordentliches gesellschaftliches Interesse an seiner Existenz. Dies Interesse ist um so größer, als man den sozialen, in hohem Sinn gesell- schaftsbildenden Sinn des Künstlers quantitativ nicht messen kann. Das Interesse der Gesellschaft an der Existenz des Künstlers ist von um so größerer Wichtigkeit für die Konstruktion des menschlichen Ganzen, als der soziale Wert des Künstlers gerade nur qualitativ bemessen werden kann und also schon das Unmehbare streift. Wie fehr wir das gemeinschaftliche und auch das nationale Dasein im innersten Bestände angreifen würden, wenn wir aufhören wollten, den wesentlichen Zeugnissen zell- fienöffiidier Kunst unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden, können wir gar nicht errechnen — und eben hier liegt das Heillose einer Fabel, die es liebt, der Kunst unserer Zeit die belangreiche Existenz zu bestreiten. Schließlich weift die Existenz der Kunst wie je und je, hinaus auch über die gesellschaftlichen Beziehungen und Bedeutungen, in >ene Grunde, die wir die produktiven Gründe nennen. Kunst ist Beispiel und Gleichnis der schöpferischen Fruchtbarkeit des Menschen, und in der Tat hangt der geistige Sinn des menschlichen Lebens davon ab, datz dies Beispiel, dies Geheimnis unter allen Umständen erhalten werde. Die Kunst ist das sichtbare Zeichen aller menschlichen Substanz und Form, die mit dem produktiven Begriff „Kultur" bedeutet wird. Es ist nicht anders, und zwar heute wie immer: die Kunst aufgeben heißt die Kultur verleugnen. Und wie in allen menschlichen Beziehungen ist die Antwort des Empfangenden auf die Gabe des Gebenden mit mitentscheldender Wichtigkeit — in diesem Falle also die Antwort wacher Menschen an die nachgerade verzwei elnde Arbeit des Künstlers, die eben darum zur Verzweiflung und zur Katastrophe neigt, weil unsere Antwort so häufig ausbteibt! Man wird noch hören: bei Kunst, Künstlern, Kunstfreunden handle es sich um eine Minderheit und eben deshalb um etwas Belangloses Ist es nötig, zu sagen, daß diese Argumentation schändlich wäre? Ist es nötig, zu sagen, daß qualifizierte Minderheiten mindestens so wichtig sind wie unqualifizierte Mehrheiten? Kümmert sich Nicht auch die Politik um die Not der Minderheiten, die in der Tat um so bedeutsamer find, je mehr ein bestimmter menschlicher Grenzwert In Ihnen gefährdet er» scheint? Sich um die Minderheit zu kümmern, die unter dem Namen Kunst, Künstler, Kunstfreunde noch immer existiert: dies ist eine Haltung — so politisch wie die beste Politik, so menschlich wie das Menschlichste. Lassen wir also auch darum den armseligen Radikalismus, der dem wirklichen Bestand der Dinge nicht nur nicht beikommt, sondern geradezu vorgreift, wenn er behauptet, alle Kunst sei verjährt! Stellen wir der Trägheit des Gemüts einen lebendigen Sinn entgegen, der die Kunst unserer Tage trotz ober vielmehr gerade wegen der ungeheueren Gefährdung, in der sie steht, nicht aus den Augen läßt! Das Mangobaumwunder. Roman von Leo P e r u tz und Pau! F r a nt. Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. (Forllegung.» Der Baron stand über den Inder gebeugt und starrte ihm mit einem Ausdruck der Angst und der Erwartung ins Gesicht. Der alte Philipp kniete hinter Ulam Singh auf dem Boden und rieb Stirne und Schläfen des Inders mit einem nassen Tuch. Ein Häufchen glühender Asche lag vor Ulam Singh auf der Erde, das sandte dünne, bläuliche Rauchwolken in die Höhe; sie waren es, die den ganzen Raum mit jenem fremdartigen Dust erfüllten, den der Arzt schon draußen am Gang gespürt hatte. Auf dem Tisch standen zwei brennende Kerzen. Die Baronesse saß mit geschlossenen Augen in einem Lehnstuhl. „Was geht hier vor?" fragte der Arzt. „Was ist mit Ulam Singh geschehen, Herr Baron?" Keiner von den dreien hatte den Arzt bemerkt. Jetzt fuhr der Baron erschrocken in die Höhe. Er war verwirrt und verlegen und bot in feinen ewig schlotternden Kleidern einen kläglichen Anblick. „Ulam Singh hak gerufen", stammelte er. „Er ist aufgewacht und hat fein Bett verlassen. Haben Sie nichts gehört, Doktor?" „Nein", sagte der Arzt. „Und ich achte auf den leisesten Laut, der aus dem Krankenzimmer kommt. Es ist merkwürdig, datz Sie sein Rusen gehört haben. Mein Zimmer ist viel näher gelegen als das Ihre." „Jetzt können wir wohl weiter nichts tun, als ihn wieder zu Bett bringen", sagte der Baron rasch. „Hilf mir, Philipp." „Was bedeutet das hier?" fragte Dr. Kircheisen, während die beiden den Inder in fein Bett hoben, und wies auf das Häufchen glühender Afche. „Hanf", sagte der Baron. „Es ist Hanf. Ulam Singh liebt diesen Geruch. Bleiben Sie jetzt bei dem Kranken? über haben Sie etwas dagegen, wenn ich die Nacht über bei ihm wache?" „Herr Baron!" sagte der Arzt nach kurzem Uebedegen. „Ich werde jetzt vor allem dem Patienten seine Injektion geben. Wenn das getan ist, möchte ich gerne unter vier Augen mit Ihnen sprechen. Wollen Sie mich in meinem Zimmer erwarten?" „Sehr gerne, Doktor! Komm, Spatz, bist schon schläfrig, mein Kind, „Jetzt werd' ich mit deinem Vater sprechen, die Baronesse im Halbschlaf. nicht wahr? Der Baron und der alte Diener verließen das Zimmer. Die Baronefse erhob sich schlaftrunken aus ihrem Lehnstuhl, nahm die Kerze und wollte ihrem Vater folgen. Aber der Arzt ergriff ihre Hand und hielt sie fest. „Grell", flüsterte er. „Jetzt werd' ich mit deinem Vater sprechen." „Wo denn, Gretl?" „Hier im Zimmer!" „Aber hier ist doch kein Mensch außer dem Gartner und uns beiden. Grell." * „Ich fürcht' mich. Ich will hinaus. Dr. Kircheisen führte die Baronesse aus dem Zimmer. Aus dem Gang machte er Licht. Irgend etwas mutzte sie heftig erschreckt haben, denn sie war leichenblaß im Gesicht und zitterte am ganzen Körper. Dr. Kircheisen ergriff ihre Hand und zählte di« Pulsfchläge. Da kam auch schon der Baron eilig den Gang herausgefturzt und der alte„@retLP roo' bleibst du?" rief der Baron. „Was ist geschehen? Warum hast' du geschrien?" . Dr. Kircheifen zuckte die Achseln: „Ihre Nerven haben ihr einen Streich gespielt. Sie behauptet" der Arzt lächelte ... „eine sremde Frau im Zimmer gesehen zu haben." „Eine fremde Frau hast du gesehen, Grell?" fragte der Baron „3a. Mitten im Zimmer. Sie hatte eine Kerze in der Hand gehabt und" mich starr angesehen. Ich hab' Angst, Papa." Der Baron und der alte Diener warfen sich einen stummen Blick zu. „Geh schlafen, mein Liebling!" sagte der Vater. „Hab keine Angst. Sie wird nicht mehr kommen, die sremde Frau. Philipp wird bei dir bleiben die ganze Nacht hindurch, Spatz, und ich auch, wenn du dich furchtest. Ein bißchen Fieber wahrscheinlich. Es dürfte eine der bläulichen Hanfwolken gewesen sein, die die Baronesse für eine weibliche Figur gehalten hat. Oder neigt Ihre Tochter am Ende zu Halliizinationen? fragte der Arzt mit einem leichten Anflug von Besorgnis, als die Baronesse sich entfernt hatte. ... „ Nein Doktor. Das war keine Hanfwolke und keine Halluzination. Meine Tochter hat wirklich eine fremd« Frau im Zimnier gesehen. 3a, „Bin müde", klagte die Baronesse im Halbschlaf. „Ich weih es bestimmt: diesmal wird er nicht .Nein' sagen." „Möcht' schlafen", flüsterte die Baronesse. „Seh' ich dich morgen beim Frühstück?" Die Baronesse blickte müde auf und sah den Arzt mit verschlafenen Augen an. 3m nächsten Augenblick stieß sie einen entsetzten Schrei aus und ließ die Kerze fallen. Es war stockdunkel im Zimmer. „Grell, was ist dir denn?" fragte der Arzt erschrocken. „Die Frau!" rief die Baronesse und klammerte sich mit beiden Händen an Dr. Kircheisens Arm. „Die fremd« Frau!" er können, heute nacht. Veranlworltich: Dr. Hans Thhrtot. - Druck und Derlag: Bruhl'sche Untoerf iläls-Duch. und Steindruckerei, D. Lange. Gießen. atemlos hervor. ™ . ... „ „Eine halbe Stunde. Vielleicht ein paar Minuten darüber. „Dann rasch hinunterl Philipp, hilf mir, wir müssen ihn führen! „Wohin, Herr Baron?" fragte der Arzt. „Ins Treibhaus. Komm, Gretl!" Das karasinserum. „Anzünden!" befahl Dr. Kircheisen. Der alte Philipp brannte ein Streichholz an und ließ die Spiritusflamme emporschießen. Dr. Kircheisen hatte inzwischen seine schwarze Ledertasche geöffnet und ihren Inhalt aus den Tisch ausgeschüttet. Aus einer Blechbüchse nahm er die Phiole und erwärmte sie vorsichtig über der Spiritus- Philippi" flüsterte der Baron. „Ruf' die Baronesse! Bring' sie rasch Jetzt schüttete Dr. Kircheisen eine goldgelbe Flüssigkeit aus der Phiole in das Röhrchen der Spritze. Dann setzte er sich an den Bettrand. Ulam Singhs Gesicht war erdfarben, beinahe fahl. Die Rippen drängten unter der dunklen Haut hervor. Sein Körper zitterte unter jedem Atemzug. , , , . Mit einem raschen Ruck setzte Dr. Kircheisen die Nadelspitze ein und drückte djn Kolben nieder. Dann erhob er sich, trat hinter die Bettlehne zurück und legte die Spritze aus der Hand. Der Baron stand mit vorgebeugtem Kops und starrte den Kranken erwartungsvoll an. „Gleich ..." sagte der Arzt. „Rur ein wenig Geduld noch. „Wird er jetzt erwachen?" fragte der Baron. Seine Stimme zitterte vor Erregung. „Sehen Sie selbst!" „Gottes Wunder ..." flüsterte der Baron. „O nein! Genau so war's bei der Petronella Hallasch auch. So wirkt das Karasinserum immer." Ein heftiger Ruck war durch Ulam Singhs Körper gegangen. Seine Knie hoben sich zu einem spitzen Winkel und glitten dann langsam nieder. Sein Kopf zuckte in die Höhe. Jetzt schlug er die Augen auf. Sie waren schauerlich anzusehen: Die Pupillen groß wie Haselnüsse, der Augapfel ein schmaler, bräunlichgelber Ring. Der Kranke erhob sich mühsam, keuchte hestig und sank wieder zurück. „Ulam Singh!" ries der Baron. Der Inder drehte langsam den Kops und bewegte die Lippen. Aber kein Laut wurde hörbar. Ulam Singh schloß die Augen und lag eine Weile regungslos. Eine 'Minute verrann. Der Baron stand noch immer über den Inder gebeugt und sah ängstlich mit einem scheuen Seitenblick nach dem Arzt hin ... Sollte das tieruni versagen? ... bettelte dieser stumme Blick ... Helsen Sic doch, Doktor! Sagen Sie doch ein Wort! ... Dr. Kircheifen nickte dem Baron beruhigend zu ... Es ist alle- in Ordnung! ... bedeutet das ... Rur noch ein paar Sekunden Geduld. Kein Grund zur Beunruhigung. Das Serum tut feine Wirkung, seien Sie dessen gewiß. Keiner von beiden hatte ein Wort gesprochen. Dennoch hatte jeder des anderen stumme Sprache verstanden. Der Baron stieß einen leisen Seufzer der Erleichterung aus. Dr. Kircheisen zog die Uhr und zahlte die Sekunden. Die Baronesse war indessen leise ins Zimmer getreten und blickte mit ihren großen, blauen Augen unruhig und erstaunt bald auf den Kranken, bald auf den Arzt und bald aus ihren Vater. Und bann kam es. Dr. Kircheisen lächelte befriedigt und ließ die Uhr zurück in die Westentasche gleiten. Ulam Singh hatte sich mit einem Ruck kerzengerade in seinem Bette ausgerichtet. Er schien jetzt erst den Baron erkannt zu haben, winkte mit den Armen und stieß em paar unartikulierte Laute aus, abgerissene Worte einer fremden Sprache, die halb wie ein Kreischen, halb wie ein Gelächter klangen. Aber lauter noch als Ulam Singh schrie jetzt der Baron. Er hatte den Inder an der Schulter gepackt, schüttelte ihn und stieß unverständliche Rufe aus. Wenige Worte nur waren es, die er dem Inder ins Ohr schrie, die aber wiederholte er Immer wieder von neuem, mit bittenden, erregten und verzweifelten Gesten. Wie zwei Tollhäusler schrien beide aufeinander ein und keiner wollte den andern zu Wort kommen lassen. Da verstummte plötzlich der Inder und sah dem Baron mit offenem Munde ins Gesicht. Ein irres Lächeln glitt Über seine erdfarbenen Zuge. Er nickte zweimal ernsthaft mit dem Kopf — es schien, als habe er lange nicht verstanden, was der Baron von ihm verlangte, als wäre ihm aber jetzt endlich alles klar geworden. Er erhob sich, stand wankend da auf zum Skelett abgemagerten, gespenstisch dünnen Beinen und bückte sich, die Arme über'der Brust gekreuzt, zu einem tiefen Salam. Aufatmend trat der Baron einen Schritt zurück und blickte sich um. „Grell! Ist meine Tochter da?" „Hier, Papa!" Der Baron ergriff die Bettdecke und legte sie um die Schultern Ulam Singhs, der wie schlafwandelnd oder wie trunken hin und her wankte. „Wie lange ... welche Zeit geben Sie Ulam Singh, Doktor?" stieß Eine leise Unruhe hatte den Arzt ergriffen, über die er sich keine Rechenschaft geben konnte. Ein Gefühl der Angst, nicht um den Inder, nicht um den Baron. Nur um die Baronesse. „Was haben Sie vor, Herr Baron?" fragte er. „Was gedenken Sie im Treibhaus zu tun?" ... , „Später! Später sollen Sie alles erfahren! Jetzt nicht. Wir dürfen keine Minute verlieren! Gretl! Philipp!" „ „Wohin führen Sie die Baroneffe? Erklären Sie doch ... , rief der „Später will ich Ihnen alles erklären. Die Zelt verrinnt", schrie der Baron. Der Arzt blickte den alten Mann voll Mißtrauen an. Ein Gedanke war in ihm plötzlich erwacht, eine Vorstellung, die ihn beklemmte und aufs tiefste erschreckte. Wie, wenn den Baron fein Versprechen reute? Wie, wenn er ihm die Baronesse rasch aus den Augen bringen, sie trotz der gegebenen Zusage irgendwo auf einem feiner Güter vor ihm verstecken wollte? „ ,JL ..... Herr Baron!" rief er, seiner selbst vor Erregung nicht mehr mächtig: „Die Baronesse wird doch wieder zurückkommen ... versprechen Sie mir das!" , ,, ... , . „Ja, Doktor!" sagte der Baron mit einem seltsamen, beinahe feierlichen Klang in seiner Stimme. „Meine kleine Grell wird bald wieder zurückkommen! Und nun geben Sie sich zufrieden und lassen Sie uns gehen." Dr. Kircheisens Unruhe wollte trotz dieses Versprechens nicht weichen. „Herr Baron!" sagte er entschlossen. „Sie werden mich mit ins Treib- haus nehmen müssen. Ich lasse Sie nicht allein." „Gut, bann kommen eie. Aber rasch." „©näbiger Herr!" rief in biesem Augenblick ber alte Philipp vom Fenster her. „Der Wagen des gnädigen Fräuleins ist soeben in den Garten eingesahren. Sie wird gleich hier sein." Der Baron geriet bei dieser Meldung in die furchtbarste Aufregung. „Meine Braut?" schrie er. „Gerade letzt! Hat sich denn alles gegen mich verschworen?" Er zwang sich mit Gewalt zur Ruhe. „Philipp", befahl er. „Geh mit Ulam Singh und Gretl voraus, aber über die Hintertreppe, damit ihr meiner Braut nicht begegnet. Ich komme gleich nach. Und Sie, Doktor, müssen mir auch heute einen kleinen Dienst erweisen. Sie gehen nicht mit uns nicht wahr? Sie bleiben oben und widmen sich ein Viertelstund- chen meiner Braut. Sie darf nicht ungeduldig werden. Sie muß hier oben auf mich warten. Sie werben sie zurückhalten, wenn es ihr ein- fallen sollte, mich unten im Garten zu suchen. Sagen Sie ihr, ich sei noch bei ber Toilette ober im Bob ... sagen Sie ihr, was Sie wollen. Also, nicht wahr, Sie bleiben? Ich wußte, baß ich aus Sie rechnen kann. Leben Sie wohl, Doktor ... also eine Viertelstunbe lang." Es mar etwas Zwingenbes in ber Stimme bes Barons, etwas, das keinen Widerspruch zuließ: ein unbeugsamer unb eiserner Wille, der ber Bitte bie Kraft eines Befehls verlieh. Dr. Kircheisen brachte bie Energie nicht auf, bie ihm zugebachte Aufgabe abzulehnen unb ver- beugte sich stumm. (Fortsetzung folgt.) efne fremde Frau war es, bie Gretl fo erschreckt hat", sagte der Baron “'"Jr Hute* M ™» h«d «In «ro6«, »rönne« Xu* »nm »oben ouf. „Helsen Sie mir, Doktor", bat er. „Wir wollen es wieder dorthin hangen, ro^,eiee5me?nen;"t)a6 dieses Tuch die fremde Frau gewesen ist?" fragte ''"„H/S'f'agte Ihnen ja, Grell hat wirklich eine fremde Frau ge- *el,e6r flieg auf einen Stuhl unb bemühte sich, mit dem Tuch einen mannshohen Wanbspiegel zu verhängen, von bem es scheinbar herab- 0C9J,S)err °Baron", Jagte ber Arzt, „mir könnten unsre kurze Unterrebung gleich hier erlebigen." ''Ich Ube^Jhnen heute nachmittag bas Karasinserum verweigert. Inzwischen habe ich mir bie Sache überlegt. Ich werbe bas Mittel anroenben, wenn Sie wünschen." ,.„h In das Ihr Ernst? schrie ber Baron, ließ bas Tuch fallen unb flieg, o rasch als er konnte, vom Stuhl hinab. „Jetzt gleich? 9Ein wenig Gebulb!" sagte ber Arzt. „Ich muß mir erst bas Praparat unb meinen kleinen Kochapparat aus meiner Wohnung kommen lassen. Um halb acht Uhr morgens wirb alles bereit sein." Wie soll ich Ihnen banken, Doktor!" rief ber Baron in über- quellender Freube. „Mein ganzes Vermögen reicht nicht aus, um Ihnen so zu banken, wie ich möchte." .. , „ „Wenn Sie glauben, daß der Dienst, den ich Ihnen erweise, wertvoll genüg ist, bann bitte ich Sie nochmals ..." .. „ Nun!" rief ber Baron. „Forbern Siel Färbern Sie unbeschrankt! .. um bie Hanb Ihrer Tochter", sagte ber Arzt leise. „Die Hanb wessen?" „Ihrer Tochter!" „Soll das ein Scherz sein?" , r , , Der Arzt verlor bie Gebulb. „Herr Baron! sagte er in sehr bestimmtem Ton. „Sie tun unrecht, meine Bitte so von oben herab zu behanbeln. Ich hab' einen Namen in ber Wissenschaft unb bin korrespondierendes Mitglied zweier Akademien. Auch bin ich materiell unabhängig. Meine Entdeckung, das Karasinserum, wird mich, wenn es mir gelingt, sie zu vervollkommnen, reich und vielleicht auch weltberühmt machen." Der Barock blickte den Arzt nachdenklich an. „Sie haben recht, Dottorr sagte er. „Ich bitte Sie um Verzeihung: Ich bin blind gewesen. Das war ja vorauszusehen." Er schlug sich an die Stirne. „Wie konnte mir nur das entgehen!" „Darf ich also auf Ihre Einwilligung rechnen, Herr Baron? „Sie sollen die Hand meiner Tochter haben, wenn Sie sie morgen verlangen werden, Doktor." „Ich danke Ihnen, Herr Baron." . , Wenn Sie sie morgen noch verlangen werben, wieberholte der Baron mit Nachdruck. „Und nun gute Nacht, Doktor. Und nicht wahr, morgen früh ist alles bereit? Ich glaube, ich werde wieder schlafen