GiehenerKnnilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1933 Montag, den lb. Oktober Nummer 80 Oktober. Von Lina Staab. Der Morgen weht mit Straßen feucht und blaß und spiegelt einen blauen Frühling vor. Doch früh am Abend hocken Sträucher naß und fröstelnd am verschlossenen Gartentor. Von kleinen Feuern knistert rings das Land. Den Bäumen fällt das Golönc aus der Hand, sie merken nichts, sie scheinen halb im Schlaf. Das Dunkle nistet heimlich in den Kronen. Bald wird in Aesten, die der Tod schon traf, nur noch das Braune und das Leere wohnen, bald wird das Helle ohne Heimat sein — die Tage ducken sich schon wie zur Flucht. So fall noch einmal, Himmel, in mich ein! Ihr Gärten, schließt mich auf mit letzten Blüten, ihr kleinen Feuer, sammelt Licht und Schein in mir, so wie in einer warmen Bucht. Ich will das Sanfte, das sich sehnt und sucht, in einem Lächeln winterlang behüten. Jaköbeli erzählt. Von Hermann Hesse. Die Nebelmorgen haben nun wieder begonnen. In den ersten Tagen waren sie beengend, düster und traurig machend, solange man noch das leuchtende Blau und Rotbraun der Hochsommer- morgen frisch im Gedächtnis hatte. Sie schienen kalt, stumpf, freudlos, vorzeitig herbstlich, und erweckten jene ersten, halb unbehaglichen, halb sehnsüchtigen Gedanken an Stubenwärme, Lampenlicht, dämmerige Ofenbank, Bratäpfel und Spinnrad, die jedes Jahr allzu früh kommen und die ersten Herbstschauer sind, ehe die fröhlichen und farbigen Wochen der Obst- und Weinlese sic wieder vertreiben und in ein nachdenkliches, erwärmendes Ernte- und Nuhegefühl verwandeln. Nun ist man schon wieder an die Seenebel gewöhnt und nimmt es für selbstverständlich hin, daß man vor Mittag die Sonne nicht zu sehen bekommt. Und wer Augen dafür hat, genießt diese grauen Vormittage dankbar und aufmerksam mit ihrem feinen, verschleierten Lichterspiel, mit ihren unberechenbaren perspektivischen Täuschungen, die oft wie Wunder und Märchen und fabelhafte Träume wirken. Der See hat kein jenseitiges User mehr, er verschwimmt in meerweite, unwirkliche Silberfernen. Und auch diesseitig sieht man Umrisse und Farben nur auf ganz kleine Entfernungen, weiter hinaus ist alles in Wolke, Schleier, Duft und feuchtes Licht grau aufgelöst. Die ernsten, einzelstehendcn, überaus charaktervollen Pappelwipfel schwimmen matt als fahle Schatteninseln in der nebeligen Luft, Boote gleiten in unwahrscheinlichen Höhen geisterhaft über den dampfenden Wassern hin, und aus unsichtbaren Dörfern und Gehöften dringen gedämpfte Laute — Glockengeläute, Hahnenrufe, Hundegebell — durch die feuchte Kühle, wie aus unerreichbar fernen Gegenden herüber. Heute früh, da ein leichter Nordostwinö ging, steckte ich das hohe, schmale Dreiecksegel auf meinen kleinen Nachen, stopfte mir eine Pfeife und trieb langsam seeabwärts durch den Nebel. Die Sonne mußte schon überm Berg sein, denn das frühmorgendliche Bleigrau des Wasserspiegels verwandelte sich langsam in klares Silber, beinahe so wie bei schwachem Mondlicht. Von den sonst so freundlich nahen, laubigen und schilfbcstandenen Ufern war nichts zu sehen, und da ich keinen Kompaß besitze, segelte ich wie durch völlig fremde, uferlose Gewässer und Wolkenmeere dahin und konnte nicht einmal über die Geschwindigkeit meiner Fahrt irgendwelche Schätzung aufstellen. Doch untersuchte ich nach einer Weile die Tiefe, und da.ich keinen Boden fand, warf ich eine Schwemmschnur mit Hechtlöffel auf 20 Meter Tiefe aus und zog sie gemächlich hinter mir her. So trieb ich vielleicht eine Stunde lang weiter, im Steuersitz iusammengekauert, immer im weißen Nebel. Es war kühl. Die linke Hand, in der ich die Segelleine führte, war mir steif und gefühllos geworden, und ich ärgerte mich, daß ich keine Handschuhe «ritgenommen hatte. Dann begann ich träumerische Halbgedanken zu spinnen. Ich dachte an einen merkwürdigen Verwandtenmord, der zur Zeit des Konstanzer Konzils im Schlosse meines Dörf» chens Gaienhofen geschehen war und mich durch manche Umstände interessierte, und dachte an jene ganze, seltsame, erregte Zeit, in der unser stilles Seeufer ein Mittelpunkt der Welt und Kultur und die Bühne für große geschichtliche Einzelschicksale gewesen ist. Es unterhielt und befriedigte mich, die hinter Nebeln verborgenen, wohlbekannten Ufer mit den Bildern jener lang verschwundenen Menschen, ihrer Geschicke und Leidenschaften zu bevölkern. Einer Erbschaft wegen bringt ein Baron seinen Bruder um, Beziehungen zu fernen Ländern spielen ahnungsvoll herein, und von dem mit vornehmen Konzilgästen, Pomp und Luxus überfüllten Konstanz her glänzt verlockend der Reiz einer üppig reichen Kultur ... Ein sich überstürzender, schrill schnurrender Laut schreckte mich auf, wahrend noch meine Phantasie bemüht war, sich die Kostüme und Waffen jener süddeutschen Barone und welschen Gäste zu Beginn des 15. Jahrhunderts vorzustellen. Hastig kehrten meine Sinne zum gegenwärtigen Augenblick zurück. In der Erregung des Jagdglücks faßte ich nach dem Haspel, zog vorsichtig an und fühlte einen kräftigen Fisch am Haken, der sich mit verzweifelter Leidenschaft zur Wehr setzte. Langsam ziehend, förderte ich einen schönen Hecht an die Oberfläche und brachte ihn im Hamen ein. Darauf setzte ich die Schnur mit Eifer von neuem aus, während . der gefangene Fisch im Kasten wütend schlug und plätscherte. Dabei mußte ich das Steuer loslassen und ein plötzlicher Windstoß schlug ' mir, da das Boot sich gedreht hatte, die Segelstange und das flat- Ö ternde Segel kräftig um die Ohren. Der Richtung ungewiß, ließ ich dem Wind das volle Segel und trieb mit zunehmender Schnelligkeit gerade aus, bis der schattenhafte Umriß einer mit alten Nußbäumen bestandenen Landzunge sichtbar.wurde. Von den undeutlich auftauchenden, grau verschleierten Rebhügeln krachten da und dort die Flintenschüsse der Weinbergwächter. Ich zog mein Segel ein und ruderte langsam uferwärts, denn'die allmählich wärmer werdende Luft roch stark nach Nahem Regen. So suchte ich denn die nächste Schifflände, fand sie auch nach kurzer Fahrt, und während ich mein Boot ans Land zog und mich nach dem Namen des kleinen thurgauischen Dorfes erkundigte, begann es erst dünn und gleichsam widerwillig, dann immer kräftiger und ausgiebiger zu regnen. Auch wenn nicht allen Anzeichen nach zum Nachmittag Helles Wetter zu erwarten wäre, hätten mich der Regenguß und die kurze Verbannung in ein unbekanntes Dorfwirtshaus durchaus nicht betrübt. Ohnehin gebe ich auf sogenanntes „schönes Wetter" gar nichts, denn jedes Wetter ist schön, wenn man Augen und Seele aufmacht,' und dann gehört es für mich zu den bevorzugten kleinen Wanderfreuden, unerwartet vom Wetter in Winkel und zu Menschen getrieben zu werben, die ich sonst wohl nie ausgesucht und gesehen hätte. Es ist immer eigen und sehr oft köstlich, für Augenblicke oder Stunden als ungemeldeter Gast in fremder Stube bei Unbekannten zu sitzen, ein Stück kleines Leben zu sehen und eine Weile in Gesichter zu blicken, die man nie zuvor sah, die einem oft in wenigen Augenblicken vertraut und unvergeßlich werden und die man vielleicht nie wieder sieht. Es war kühl in der halbdunklen Schankstube, draußen stürzte der Regen immer heftiger herab und troff in Bächen an den Fensterscheiben nieder. Der Wein, natürlich der unvermeidliche sogenannte Tiroler, war verzweifelt herb und machte mich frösteln. Am großen tannenen Tisch saß ein einziger Gast, ein struppiger alter Fischer mit verdrießlichem Trinkergesicht, und hatte eine Ouinte Schnaps vor sich stehen. Das alles war nicht sehr beglückend. Ich fing schließlich an, die gestrige Steckborner Zeitung zu lesen — Beratungen des Ausschusses über Vergrößerung der Badeanstalt, Fischmarktbericht, ein Scheunenbrand, Stand der Reben, bevorstehende Erhöhung der Zuckerpreise usw. Und es regnete immer lauter mit einer zähen und erbitterten Leidenschaftlichkeit in oft wechselndem Takte, der etwas ebenso Aufregendes und Trostloses hatte. Ich war nahe daran, meine von zu Hause mitgebrachte und durch den HecW- fang noch erhöhte schöne Morgenfreudigkeit zu verlieren. Da hörte ich, während ich mir die Pfeife frisch stopfte, daß der Wirt den verdrießlichen Alten als Jaköbeli anredete, und beim Klange des Namens fielen mir allerlei Geschichten ein. Vom Jaköbeli hatte ich viel reden hören. Er war ein thurgauischer Fischer, den man weit herum im Volke kannte, ein Sonderling und Trinker, mit einem Stich ins Verrückte und einer merkwürdig glücklichen Hand beim Fischen. Er wisse alle Wetterregeln und Kälendersachen unfehlbar auswendig, hatte ich sagen hören, und vielleicht auch noch manche Künste, die nicht jeder verstehe. Je länger ich nun den Alten betrachtete, desto fester war ich überzeugt, er muffe der Jaköbeli sein. Also warf ich ihm ein paar.Bemerkungen übers Wetter hin, über diesen ungewöhnlich heißen Sommer, die frühen Nebel und die Aussichten für den heurigen Wein. Jaköbeli ließ mich eine Weile reden, äugte ernsthaft zu mir herüber und räusperte sich ein paar Mal. Dann machte er plötzlich, indem er sein Gläschen beiseite schob, eine großmütige, abwinkende und Gehör erbittende Gebärde wie ein alter Prophet und begann zu reden. Dieser Sommer, sagte er, jawohl, mein Herr, ist ein besonderer Sommer gewesen, und ich sage gar nichts, aber man wird schon sehen, was alsdann kommen wird, mein Herr. Viel Nuß und Haselnuß, das gibt einen strengen Winter, und viel Bucheln und und Eicheln, das gibt große Kälte. Es heißt auch: Ist St. Dominik trocken und heiß, So wird der Winter lange weiß. So ist's wirklich und wahrhaftig. Aber das will ja noch wenig sagen. Das nächste Jahr dagegen, wenn man daran denkt, was ich sage, das wird ein Hungerjahr, ein heißes Jahr. Frucht und Obst wird verbrennen und dörren, desgleichen Gras und Kartoffeln, aber viel Kirschen. Warum denn? fragte ich. Er winkte verächtlich ab. Was ich sage, mein geehrter Herr. Das nächste Jahr wird ein Sonnenjahr heißen, und die Sonne führt ein gutes Regiment, aber zu trocken und heiß. Auch der Winter wird alsdann noch strenger werden. Wie se vor dreihundert Jahren geschehen ist, daß der Rhein Grundeis gehabt hat und Kinder erfroren in der Wiege. Es folgten noch mehrere Wetterreime, die ich leider vergessen habe. Darauf ein zarter Versuch, mich zum Zahlen eines weiteren Schnapses zu veranlassen: ich überhörte ihn freundlich. Nun klagte er über Nebel und Kühle, schlechten Fischfang und Gliederreißen, weisend, den er sich auch bestellte, und den ich schließlich, seinem flehenden Blick gehorchend, zu bezahlen versprach. Auf das hin wurde er fröhlich, rückte mitteilsam nahe zu mir her und begann fidele Geschichten zu erzählen, meistens von ungeheuerlichen Trin- kereien oder fabelhaften Fischzügcn. Die beste war folgende: Einmal hatte er in Horn am Zeller-See Fifche verkauft und das Geld dafür sofort vertrunken. Als er wieder abfahren wollte, war er so bezecht, daß ihn die Strandzöllner nicht ins Boot steigen lassen wollten, denn er war der Ruder nimmer mächtig, und der See war unruhig und hatte Schaum. Er fuhr aber trotzdem ab, versuchte eine Strecke zu rudern, sank dann aber ermüdet ins Boot und schlief ein. Und als er wieder erwachte, trieb sein Nachen gerade an die Schiffsländc von Stcckborn, die er hatte erreichen wollen. Aber noch besser! Zufällig war, was er im Rausche uicht beachtet hatte, seine Schwemmschnur noch ins Waffer gehängt, und wie er sie nun einholen will, muß er aus Leibeskräften ziehe«, denn es hängt ein vierzehnpfündiger Hecht daran. Natürlich verkaufte er den Fisch sogleich und konnte sich noch zu Nacht einen zweiten Rausch leisten. Ich gab dem Jaköbeli zu verstehen, diese Sorte von Geschichten sei nicht die schönste und er sei doch eigentlich zu alt für folche Streiche. Da streckt er wieder mit großartiger Bewegung die Hand gegen mich aus, streicht sich den Bart und beginnt wieder Hochdeutsch zu reden. (Die Geschichten hatte er im Dialekt erzählt.) Zum Fischen, mein guter Herr, gehört einfach Glück, nichts als Glück. Da kann einer dreimal mit Segeln fahren, silberne Hechtlöffel kaufen und solches Zeug, das hilft alles nichts. Es kann einer den größten Heidenrausch haben und fängt doch mehr. Nämlich, der eine hat Glück und der andere hat keins. Es ist nur, daß man in einem guten Stern- und Himmelszeichen geboren ist, verstehen Sie? Ich verstand. Aber als er mich nun herausfordernd überlegen anblicktc und nochmals einen Schnaps bezahlt haben wollte, sand er mich unerbittlich. Eine gute Weile schwieg er feindselig und spuckte häufig auf den Boden, dann aber begann er, zum Wirt gewendet, anzügliche Reden zu führen. Du hast ja neuerdings schcint's großen Fremdenverkehr — hm — fremde Herrschaften, ja — hm. Früher ist man da drinnen noch unter sich gewesen — jawohl, sag ich, unter sich gewesen. Könntest ja auch noch Hotelier werden, du, wcnn's so weiter geht. Weißt, für so fremde Herren, so feine. Jawohl, Hotelier, da wird noch Geld verdient. — Und so weiter. Dieser Ton war mir aus andern Fischerkneipen unheimlich bekannt, und es gefiel mir gar nicht, daß der Wirt und noch viel mehr der Sohn so viel husteten und das Lachen verbissen, und mich ansahen wie die Aasgeier. Es schien mir plötzlich, als wollte der Regen anfangen nachzulassen. So fragte ich denn, was ich schuldig sei. zahlte schnell, aber ohne ein Trinkgelt zu geben, und verließ die ungastliche Bube mit einem höflichen Gruß, der mit keiner Silbe beantwortet wurde. Statt dessen brach hinter mir, noch ehe die Türe zu war, ein boshaftes Gelächter aus. Am liebsten wäre ich umgekehrt und hätte den Grobianen meine Meinung gesagt oder mich zum Trotz erst recht fest hinter den Tisch gesetzt. Aber da fiel mir ein Abend in Basel ein, wo ich einst mit zwei Freunden zusammen einen losen Ber- linr Gast mit allen Schikanen aus unserer Stammkneipe weggeekelt hatte, und ich gab beschämt den Fischern recht. Zugleich fiel mir auch ein, daß ich allein und die drinnen zu dreien waren. Und so segelte ich langsam nach Hause zurück, wo ich bald nach Mittag durchnäßt ankam und meiner schon ängstlich gewordenen Frau den gefangenen Hecht, die Erlebnisse des Morgens und die Wetterprophezetungen des alten Jaköbeli auspackte. Oie traurige Krönung. Von Eduard M ö r i k e. Es war ein König Milestnt, Von dem will ich euch sagen: Der meuchelte sein Bruderskind, Wollte selbst die Krone tragen. Die Krönung ward mit Prangen Auf Lisfey-Schloß begangen. O Irland! Irland! Wärest du so blind ? Der König sitzt um Mitternacht Im leeren Marmorsaale, Sieht irr in all die neue Pracht, Wie trunken vor dem Mahle: Er spricht zu seinem Sohne: „Noch einmal bring die Krone! Doch schau, wer hat die Pforten aufgemacht?" Da kommt ein seltsam Totenspiel, Ein Zug mit leisen Tritten, Vermummte Gäste, groß und viel, Eine Krone schwankt inmitten: Es drängt sich durch die Pforte Mit Flüstern ohne Worte: Dem Könige, dem wird so geisterschwül. Und aus der schwarzen Menge blickt Ein Kind mit frischer Wunde, Es lächelt sterbensweh und nickt, Es macht im Saal die Runde, Es trippelt zu dem Throne, Es reichet eine Krone Dem Könige, des Herze tief erschrickt. Darauf der Zug von dannen strich, Von Morgenluft berauschet. Die Kerzen flackern wunderlich, Der Mond am Fenster lauschet: Der Sohn mit Angst und Schweigen Zum Vater tat sich neigen, — Er neiget über eine Leiche sich. Lebenserinnerungen. Von Carl D u i s b e r g. „Meine Lebenserinnerungen", das Memoiren-Werk, das der große Chemiker und Organisator Carl D u i s- b e r g zu feinem 50jährigen Berufsjubiläum bei Neclam jun. in Leipzig erscheinen läßt, ist ein Hohes Lied der Arbeit und Energie, in dem wir den Aufstieg des Handwerker- und Bauernsohnes zum Leiter des größten von ihm in Leverkusen geschaffenen Farbcn-Fabrik-Unternehmens und einem Führer der deutschen Wirtschaft erleben. Wir bringen zwei Episoden aus dem spannenden Buch. Eine Explosion. Am 27. Januar 1917, an Kaisers Geburtstag, war ich im Großen Hauptquartier in Pleß in Obcrschlesien gewesen. Ich befand mich gerade auf der Rückfahrt nach Leverkusen in Berlin. Da noch Zeit bis zur Abfahrt des Zuges war, saß ich im Hotel Adlon beim Mittagessen. Da trat auf einmal Adlon an meinen Tisch und sagte: „Ich muß Sie sofort sprechen". Mit einer schlimmen Ahnung ging ich in ein Nebenzimmer, wo Adlon fortfuhr: „Eben ist ein Herr am Telephon gewesen, der mit Köln telephonieren wollte, aber das Telephongespräch ist unterbrochen worden mit der Mitteilung, die Verbindung könne nicht hergc- stellt werden, in Leverkusen sei eine Explosion gewesen, und ganz Leverkusen sei von: Erdboden verschwunden. Die nächsten Stunden bedeuteten für mich die Hölle. Meine Bemühungen, Köln ainu- rnfcn, glückten zunächst nicht, da keinerlei Verbindung ausgesührt wurde. Da telephonierte ich in meiner Angst mit dem Großen Hauptquartier und erreichte auf diesem Umweg endlich eine Verbindung. Meine Frau war am Apparat und teilte mir mit, wa» vorgcsallen war. Gott sei Dank war das Gerücht und die erste Meldung, die mir gegeben worden war, fälschlich ins Riesenhafte gesteigert. Das Füllwerk für Granaten, das auf dem Kölner Gebiet lag, war mit 80 000 Kilo Sprengstroff, Trinitroluol, in die Luft geflogen. Von der Fabrik war nichts mehr zu sehen als ein großes Loch. Ich ging nun in Berlin zunächst zum Chef des Munitionsbeschat- sungsamtes und verlangte soviel Fensterglas wie eben wöglicm denn Glas stand damals unter Zwangswirtschaft. Dann fuhr icy nach Hause. Dort erfuhr ich genaue Einzelheiten,, wie das Unglück zustande gekommen war. Ich ltctz mir die betreffenden Werk- fuhrer kommen, und nach deren Aussagen formte sich das klare Bild, wie alles entstanden war. Es herrschte eine außerordentlich starke Kalte (minus 21 Grab Celsius), so daß die Leitung des flüssigen Trinitroluols vom Vorratsbassin zum Füllraum zuae- frorcn war. Ein Aufseher will möglichst rasch Luft schaffen, steckt einen Messlngstift in die Leitung und schlägt mit einem Folz- Hammer dagegen. Nun erfolgt zunächst eine kleine Explosion, die dem Aufseher den Kopf abrcißt. Durch die Detonation aufmerksam gemacht, eilt meine Frau an das Fenster unseres Hauses. Sie konnte genau beobachten, wie alles zu brennen anfing. Dann aber erfolgte eine kleine Explosion, durch die sämtliche Fensterscheiben in Leverkusen und den umliegenden Ortschaften zerplatzten. Ja selbst in Köln, Düsseldorf und Krefeld gingen viele Ladenfensterschetben entzwei. Vier Minuten lagen zwischen der ersten und der zweiten Detonation. In meinem Hause, das in nächster Nähe der Explosionsstätte, etwa ein Kilometer davon entfernt, lag, war außerordentlich viel zerstört und zertrümmert worden. Tie Türen waren eingedrückt, die Verkleidung von den Wanden gerissen. Ein Mädchen war verletzt, und auch meine einzige Tochter Hildegard hatte durch ein Oberlicht, das ihr auf den Kopf fiel, einen doppelten Schäöclbruch erlitten. Acht brave Arbeiter mußten ihr Leben lassen, und Hunderte von Verletzten zeugten für die Schwere des Unglücks. In einem Lazarett, das wir in unserem Verwaltungsgebäude eingerichtet hatten, lagen 450 Kriegsverletzte, die nun auf einmal, da alle Fensterscheiben zerstört worden waren, in völlig unge- u,m ’tcit Zimmern liegen mußten. Es ging um das Leben dieser Vaterlandsverteidiger, die teilweise in Lebensgefahr schwebten. In höchstmöglicher Eile wurden sie nach den umliegenden Hospitälern abtransportiert, damit die Wunden vor der schlimmen Einwirkung der Kälte geschützt waren. Die Zerstörung von Leverkusen. Die Farbenfabriken von Leverkusen waren die erste Fabrik, die von der Interalliierten militärischen Kontrollkommission aufs Korn genommen wurde, und zwar schon während der Zeit des Waffenstillstandes. Wir sollten das Musterbeispiel dafür sein, wie die Gegenseite vorzugehcn hatte. Man hat bei uns in unseren Werken in Leverkusen und Worringen Werte von weit über 50 Millionen Goldmark zerstört. Man hat ganze Abteilungen der Fabriken dazu verurteilt, bis auf den Grund abgerissen zu werden, so z. B. die Salpeterfabrik. Man hat andere Werkteile bis auf den letzten Apparat ausgeräumt. Man hat ferner Gebäude mit Umwallungen vollkommen der Zerstörung anheimgcgeben, lediglich weil in ihnen einmal Sprengstoffe herqestcllt worden waren. Unsere Bitte, daß wir uns wenigstens mit dieser Apparatur auf Friedenszwecke umstellten, hat man uns abgeschlagen. Nun aber, begannen nicht militärische, sondern wirtschaftliche Kreise der Entente bei der dort herrschenden Arbeitsnot sich zu regen. Sie wiesen darauf hin, daß die chemische Industrie Deutschlands imstande sei, sich im Falle eines Krieges wiederum genau so leicht wie seinerzeit auf die Fabrikation von Sprengstoffen umzustellen. Die Militärkonkrollkommtssion forderte, daß wir ihr nicht nur die Verfahren zur Herstellung von Pulver und Sprengstoffen sowie die Gaskampfstoffe mitteiltcn, was wir selbstverständlich wiederum gemäß den Vorschriften des Friedensvertrages getan haben, sondern sie hatte doch auch gefordert, ihr die Verfahren mitzuteilen, nach denen wir die Urstoffe, also z. B. die Schwefelsäure, Salpetersäure, ja selbst Ammoniak herstcllten, die bekanntlich die Grundlage jeder chemischen Fabrikation sind. Die Wirtschaftskreise der Entente wollten auf diese Weise in die Lage versetzt werden, auch die Fricdcnsprodukte ebenso billig und ebenso zweckmäßig herzustellen, wie wir dies vor dem Krieg getan haben. Man verlangte von uns, daß wir der Entente die Verfahren in allen Einzelheiten mit Zeichnungen übermittelten. Wir sollten ihnen sagen, wie öie Oefen konstruiert und zusammengesetzt waren, in denen sich der wichtige Kontaktprozeß, die Zusammenlegung von schwefliger Säure und Sauerstoff, vollzieht. Man verlangte, daß wir ihnen sagen, wie wir in Leverkusen aus Gips Schwefelsäure machten, ein Verfahren, das zu den wenigen gehört, die während des Krieges erfunden worden waren und sich auch später nocki bewährten. Wir gewinnen dabei, ohne ans den Import ausländischer Schwefelkiese angewiesen zu sein, als Nebenprodukt Zement, und zwar überraschenderweise einen solchen, der alle Zemente der Welt an Festigkeit um 50 Prozent übertrifft. Man verlangte ferner von uns, daß wir ihnen sagen sollten, wie wir den Salpeter gemacht haben, nachdem wir von Chile abgcschnitten waren und keinen chilenischen mehr einfübren konnten, und zwar wiedernni in allen Einzelheiten. »Wir sollten ihnen sogar die Einzelheiten der mißglückten Versuche, die wir gemacht haben, — tatsächlich und richtig auch der mißglückten Versuche — mitteilen, damit sie nämlich selbst nicht ö>e gleichen Irrwege gehen mußten, die wir gegangen sind, bis es nns gelang, aus Ammoniak Salpeter bzw. Salpetersäure hcrzustcllcn. Damit aber nicht genug, nein, man wollte auch das Haber-Voschsche Verfahren der Herstellung von Ammoniak'aus dem Stickstoff der Luft und °dem Wasserstoff des Wassergascs ebenfalls in allen Einzelheiten überliefert haben. Daß es mit Kricgsrüstung und vor allen Dingen mit Sprengstoffen und Gaskampfstoffen nichts zu tun batte, wenn wir die Fabrikation von Düngemitteln auf diesem Wege betrieben, war ihnen nur schwer beiznbringen. Dieie Forderung war nur erhoben worden, um io aus rein wirtschaftlichen Gründen in einfachster und billigster Weise diese Verfahren kennen , au lernen. ~ ~ 1 Der Mann, der mit d'eser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m sGDS.j. (Fortsetzung.) Sind die Briefe an die Gläubiger erledigt?" „Alle vierzehn, Herr Doktor. Hier ist ein Durchschlag. Sie lauten alle gleich." Anton liest, blickt er schräg über die Schulter zu Elli, ganz fluchtig. „Sie sind so vergnügt?" . "^?vAnden Sie? Keine Ursache." Sie brachte ihm einen Teil der Geschaftspost, immer noch Stapel von Anfragen und wenig Bestellungen. Anton zieht seine Schublade auf und holt drei Zeitschriften hervor. „Ansehen!" befiehlt er. Wieso? „Ansehen, Elli!" Sie beugt sich über seinen Schreibtisch und studiert von vorn bis hinten die Bilder, Tagesereigniffe werden abgeschildcrt, Stimmungsbilder von den ersten Sprungbewerben der Skiläufer, Elli blättert herum und sucht nach der Witzecke. „Das tägliche Fest" schreit ein Riesentnserat vor ihren Augen, den Untergrund bedeckt tausendfach das Wort Wagenschanz. Sie stößt einen kleinen Schrei aus. „Aber haben Sie denn — — aber dürfen Sie denn —?" Wagenschanz schiebt seine Unterlippe vor und pufft geringschätzig, „pfs", macht er. Er hat die Schultern eines Keilers. Ja, er weiß keine andere Richtung als diese eine und verfolgt sie blindlings bis in sein Verderben hinein. Ohne Wissen ihrer Gläubiger inseriert die untergehende Fabrik noch dreimal, und ihr Ruf an die Käufer klingt nicht nach SOS. Er sagt nicht, kauft mir ab, um Gottes willen, ich verkrache sonst, er zeichnet keinen Tannenzweig mit sinnigem Christbaumschmuck, wie es die zahllosen anderen Anzeigen tun. In vollendet guter Wiedergabe setzen die drei ganzen Seiten den Gedanken fort, daß man den Tag mit einem Fest einleiten soll: wie die Müdigkeit verfliegt, Glied um Glied wird der Schläfrigkeit entrissen. Wagenschanz' bewährtes Haarwasser legt eine Eisklappe um die Kopfhaut, eine wunderbare Sauberkeit verwandelt den, der vor wenigen Minuten gähnte und sich streckte, in einen Menschen voll Unternehmungslust. „Das Fest, das an jedem Tage dem Erwachen folgt, wird von den meisten für ein paar Minuten mehr Schlaf vergeudet, sie überhetzen sich, grämlich und unwirsch beginnt ihr Tag. Aber wer die Wagenschanz-Erzeugnisse verbraucht, gönnt sich eine Wohltat, die seinen Arbeitstag zuversichtlich beginnen läßt." Man sieht es dem Doktor Wagenschanz an, daß er in der vergangenen Nacht schlecht geschlafen hat. „Machen Sie sich fein", spöttelt Elli, „Sie bekommen heute sicher eine Menge Besuch." „Glaub' ich auch." Anton zieht die Keilerschultern ein und begibt sich in sein Schlafgemach, in den Lagerraum, dort hängt ein Nasierspiegel an einer Kiste nahe dem Fenster, dort rasiert er sich, mit langen und beruhigenden Bewegungen. Das tut gut. Sie sollen nur kommen. Er freut sich über seine Rasierseife, die aus unzähligen Versuchen hervorging, die Tuben liegen fertig bedruckt, die Schachteln, die Verpackungen, da legen ihm diese Idioten die Fabrikation lahm. Abwarten. Geduld haben, wenn eigentlich dreißig Bullen losarbeiten müßten. Er steht vor der verstaubten Kiste und schabt sich aalglatt, einen seltsamen Mut gibt das. Hinten in der Baracke liegen die Waren aufgestapelt, drei neue Anzeigen schwärmen in dieser Stunde millionenfach über ganz Deutschland, Züge rollen in allen Richtungen und tragen verschnürte Pakete, in denen es auf nichts ankommt als auf die Wagenschanzseite, jeder kleine verfrorene Ausrufer macht sich zum Helfer für Antons Not. Zuerst sind die Leute aufmerksam geworden: wer ist denn das, hast du den Namen je gehört? Sie haben ihn wieder vergessen über die Woche, jetzt erinnern sie sich, da ist schon wieder der Mann mit dem „Täglichen Fest", sie werden nach Wagenschanz-Erzeugniffen fragen und sich überlegen, ob man diese hübschen Packungen nicht der Frau oder der Geliebten auf den Weihnachtstisch legen soll. Ruhe und Kampfeslust ziehen in Antons Gemüt über dieser wohltuenden Beschäftigung. Er macht sich sein, der graue Anzug kleidet ihn, auch wenn der Schneider noch nicht ausbezahlt ist, das soll Vorkommen. Die Wagenschanz-Werke haben ungehindert zwei ihrer Bomben schleudern können,' wenn die nun nicht zünden, so komme der Acheron verdientermaßen über uns! Es ist wie vor einem erwarteten Sturmangriff, die Besatzung begibt sich auf ihre Posten. Anton findet Rosemarie in ihrem Zimmer, Stühle und Tische sind bedeckt mit den unwichtigen Blättern illustrierter Zeitschriften. Ihre Hand ist ganz kalt. „Angst?" fragt er lächelnd. „Schrecklich. Sie nicht?" „Nein. Ich bin zufrieden." „Aber Sie können ins Gefängnis kommen." „Kaum", wehrt er ab, „das werden meine Gläubiger sich ein- bildcn. So einfach ist das nicht. Ich habe mich selber auf die Schanze gewagt." Er lacht über seinen Witz. Sie haben eine häßliche Krawatte", entdeckt Rosemarie. Das gibt er zu, aber „die" gute bekam Flecken, als er experimentierte. „Ich will Ihnen eine neue kaufen " Sie geht sofort weg und wählt in einem Herrengeschäft, eine Fülle farbiger Seide gleitet durch ihre prüfenden Finger. Dabei muß sie mit besonderer Deutlichkeit an Anton Waqenschanz denken, „Wag-Schanz" wiederholt ihr Gehirn, „kein modischer Lasse", also wählt sie nichts Ueber- ziertes für ihn. * Es geht in den wütenden Auseinandersetzungen darum, daß dem Doktor Wagenschanz so schnell wie möglich die Leitung seiner Fabrik entzogen wird. Er sollte seinen Gläubigern nicht übel- nehm««, daß sie ihm jetzt mit Entschloflenheit auf Sen Leib rücken. Ter Händler Karczinsky fühlt sich nicht mehr sicher, so lange dieser Man», der ihm den Ruin androhte, noch frei herumläuft. Kar- czinsky hat seinen eigenen Anwalt mitgebracht, und dieser examiniert Herrn Peter Schönlein. „Sie hätten die Verpflichtung gehabt, Herr Kollege, die Gläubiger Ihres Mandanten davon zu unterrichten, daß die unerhört kostspielige Werbetätigkeit noch weiterläuft." Bedauernd und so eiskalt, als ob er sich das „bewährte Eishaarwasser" über den Kopf geschüttet habe, zuckt Schönlein die Achseln. „Davon ist seitens der Fabrik nicht einmal mir Kenntnis gegeben worden." „Ich denke, Sie haben die Bücher durchgesehen." Im nächsten Augenblick wird Anton Wagenschanz ein erledigter Mann sein. Der Anwalt antwortet: „In den Büchern fehlt eine Angabe über Bestellung und Bezahlung dieser Inserate." An den Wänden blitzen die Retorten und die blanken Gläser. Doktor Wagenschanz sitzt auf seinem Schreibtisch, die Beine auf den Stuhl geklemmt. Vollkommen ruhig. „Ich werde", erklärt der Gegenanwalt, „jetzt sofort gegen Herrn Doktor Wagenschanz Untersuchungshaft wegen betrügerischem Bankerott beantragen." Totenstille. „Wieso betrügerisch?" hört man Anton sagen. «Der Mann redet sich um seinen Kopf', denkt Schönlein. Er will z« einer Rede ansetzen, zu einer seiner berühmten Reden, in denen das Spiel ausgleichender Handbewegungen nicht geringer wirkt als die geschliffenen Gedanken. Aber Anton winkt ihm ab. ,^Jch habe allerdings eben von einem Münchener Grossisten eine telegraphische Bestellung von Waren über mehr als zweitausend Mark erhalten. Die Herren mögen mich bitte entschuldigen, zum Reden ist Herr Schönlein da. Ich muß die Absendung der Expreßkisten anordnen." Nickt, springt auf und bahnt sich einen Weg. Hinter ihm grollt die Empörung. Karczinsky und sein Anwalt laufen spornstreichs zum Gericht. „Das ist ja ein ganz gefährlicher Bursche! Der Kerl mutz weg!" „Ich hoffe auch", meint der Anwalt, „daß wir den Kerl noch rechtzeitig unschädlich machen können." Indessen rührt die Witwe Wagenschanz wie jeden Tag in ihrem Bottich. Sie hat sich Watte in die Ohren gestopft, damit sie nichts hört. Was müssen die alten Ohren erleben, ihr Sohn versinkt in Schande, und auch die alten Augen möchten sich schließen. Heute früh wollte sie Elli Hampel wecken, aber die Mansarde war noch von gestern aufgeräumt, das Bett stand unberührt. Und hier geht Elli vorbei, ein paar neue Telegramme in der Hand, sie geht vorbei, tändelnd und mit einer Zigarette im Schnabel, ringsherum stürzt die Welt ein, und Elli lächelt, nein, sie lacht frech. Mutter Wagenschanz holt die Watte aus dem rechten Ohr. „Ich habe es immer gut mit Ihnen gemeint, Elli, Sie waren ein anständiges Mädchen, aber wo sind Sie denn diese Nacht gewesen?" „Oh! Ich war natürlich bei meinem Freund!" „Sie haben--? Seit wann denn?" „Schon lange", strahlt sie, „schon immer!" Und sie trällert vor sich hin, was nun auf einmal in ihrem Kopfe klingt, mit der Melodicngewalt einer Symphonie und einfach wie ein Kinderlieb. Sie hörte Lisa Schönlein einst singen: „Wer mich liebt, den lieb' ich wieder, und ich weiß, ich bin geliebt —" Wie leicht geschah das, wie spielend ging es zu, ein Fünkchen Güte fiel in das sehnsuchtsvolle Herz, und schon brennt es in einer wirbelnden Empfindung, und alle bittere Erinnerung ist ausgelöscht und vergessen — Watte ins Ohr. In diesem Umsturz bleibt nur der Kessel mit Fleisch und Gemüse übrig. Der Sohn macht eine schimpfliche Pleite, die Untermieterin legt sich einen Freund zu, aber essen muß man, sattmachen muß man sie alle. Auch diese hier hat nur eine Richtung im Gehirn, die sie bedingungslos bis in den Weltuntergang fortseht, cs ist eine kosmische Richtung in dieser alten Frau. Wir wollen sie loben. Ihr ist gegeben, auf ihrem Posten zu sein. Mehr kann man nicht. Mehr wird nicht verlangt. Am Nachmittag gibt Anton Wagenschanz einigen Gerichtspersonen Auskunft über die Lage seines Unternehmens, er tue es ohne Umschweife. .Jetzt könnt ihr kommen', sagt er sich, .jetzt könnt ihr mir gar nichts mehr tun, jetzt läuft die Karre schlimmen- .falls auch vierzehn Tage ohne mich.'. Der Anwalt Peter Schönlein stellt sich mit einem Ruck um und sekundiert ihm wacker. Denn inzwischen ist etwas geschehen. Wenn man den gestrigen Status betrachtet, so wäre eine Entscheidung sehr einfach: ins Loch mit dem gefährlichen Kerl! Aber jede halbe Stunde knattert eine Depeschenbote daher, Elli springt ihm mit leichten Knien entgegen und legt unter einen Briefbeschwerer auf Antons Tisch neue Bestellungen: nun kommen sie nicht mehr zögernd, fragen nicht mehr vorsichtig an, sie verlangen Eillieferung, nicht ein Dutzend Probestückchen, gleich Hunderte. Das bedeutet: in den Läden des ganzen Reiches erscheinen in diesen Stunden die Käufer: „Bitte eine Tube Erotikon", oder: „Ich möchte mal Doktor Wagenschanz' Eishaarwasser probieren." Bcdaure, antworten die klugen Händler, augenblicklich vergriffen. Jetzt klingeln die Fernsprecher beim Grossisten: „Senden Sie mir sofort —" „Was, Sie haben nicht?" „Sofort bestellen." Es sind die ersten Wellenkämme einer Brandung. Der Revisor und die Kommissare, die der Staatsanwalt zu einem Einblick in Antons Bücher schickte, können sich diesem Eindruck nicht entziehen: Aus Bonn, aus Königsberg wird Ware angefordert, Sie umfangreiche Bestellung eines Berliner Grossisten reißt die erste merkbare Lücke in die Bestände. „Ich verlange Wiederaufnahme der vollen Fabrikation!" schreit Anton. Das alles muß Rosemarie miterleben. Anton verlangt eS. Sie muß dabei sein. Neben ihm stehen. Muß Auskunft geben und tut es mit beherrschten Lippen. Nun, wie sie allein sind, Peter Schönlein allerdings sitzt dabet, an einer Zigarette saugend, eine un- wichtige Figur, nimmt Anton ihre Hand, sie hocken auf der Kante seines Schreibtisches, er hält ihre Hand umklammert, ganz kalt das Händchen, zittert, oh, es zittert! Ja, das geht in die Nerven, das war zuviel, wie? Schönlein sicht es mit an, obwohl er abgewandt sitzt und den Kopf beiseite dreht. In ihm streiten Zorn und Bewunderung, er hat nicht erwartet, daß er so starker Empfindungen fähig wäre: ein bohrender Neid auf die breiten Schultern, auf das Gesetz im Gehirn, das am Ende immer obsiegt. Aus der Kraft, die andere Leute „Sturz" nennen, macht es einen neuen Anlauf. Und eine selbstzerstörende Beschämung empfindet Peter Schönlcin: die Uebermiitigen werden nicht zurückmüffen in ihr Mauseloch, wie er es ihnen wünschte. Das Gericht verhängt über die Chemischen Werke eine Geschäftsaufsicht, die nach einigen Tagen schon wieder aufgehoben wird. Es ist dem Doktor Wagenschanz gelungen, ganz Deutschland unter einen unwiderstehlichen Zwang zu versetzen. Er stößt Konkurrenten aus dem Sattel, unter dem Anprall schwanken alteingesessene Firmen, die er ihrer Hoffnungen auf den besten Monat des Jahres beraubt. Drei Wochen vor dem Fest erscheinen in allen Schaufenstern die blausilbernen Packungen der Wagenschanz-Erzeugnisse. ♦ Sie liegen auch in den erleuchteten Schaufenstern unserer Stabt, durch die Schönlein und Elli an einem Sonntag ziellos schlendern. „Was soll ich dir schenken, Kindchen?" Elli weiß es wirklich nicht, niemals ging ihr etwas ab. Sie ist arm, daß sie nicht einmal sich etwas zu wünschen versteht. Ganz zufrieden. Viel schöner als Wünschen ist, in Peters Gesellschaft an den glitzernden Läden vorüberzuschlendern und kleine Jauchzer auszüstoßen. „Sieh bloß mal, wie schön das aussieht!" In ihrer Begeisterung kneift sie Peters Arm. Daß man das haben und kaufen und besitzen kann, kommt ihr kaum in den Sinn. „Kaufen wir uns ein Bäumchen", schlägt sie vor, „und einen Haufen Lametta. Und Lichte." Aber was Peter auch unternimmt, sie findet alles viel zu teuer, in ihrer Gegenivart kann er nichts für sie kaufen. Doch, solche Frauen gibt es. Man braucht sie. Man wird heimlich wieder in die Geschäfte gehen und schwelgt in der Vorfreude. Die Gaben, bin man ihr bietet, verlieren alles gewöhnliche Maß, den Preis verlieren sie und machen sich zu königlichen Geschenken. „Kann man das nicht lernen?" zeigt Elli in ein Schaufenster hinein. Dort liegen Bücher. Peter versteht sie nicht recht, wieso lernen? „Ich meine, ob man das nicht lesen kann?" Doch, natürlich, das kann man. „Das mußt du mir beibringen, ja?" „Ja." Man kann ihn so lieben, daß man über sich selbst hinauskommt. Keine Grenze der Liebe. Sie betrachtet den Mann, den sie bewunderte, mit zärtlichen Seitenblicken. Er ist in Gefahr. Etwas nagt jetzt ganz tief unten seine Wurzel an. Elli fürchtet diese Gefahr nicht. Peter spricht nun gern und mit großer Anerkennung von Doktor Wagenschanz, obwohl dieser, unberechenbar wie immer, plötzlich alle geschäftlichen Beziehungen zu Peter Schönlein abgebrochen hat und die persönlichen Folgen erst recht. Doktor Wagenschanz hat sich einen andern Anwalt genommen. Peter sagt nicht etwa, nun ja, der Mann hat im letzten Augenblick Glück gehabt. Es wird rühmend vor ihm gesprochen, ein wenig fällt diese Betonung auf: der Fall gibt Zahllosen einen neuen Mut, es wird also nicht nur kaputtgegangen in unserer schweren Zeit, man kann sich durchsetzen, man kann sich freie Bahn schaffen, es ist also immer noch möglich. Elli hat so scharfe Ohren. Es ist besser, man bewundert Peter nicht. Es ist besser, man liebt ihn nur. Mit der Liebesgewalt, die sich bisher in winzigen Portiönchen nach allen Richtungen verstreute. Nun sammelt sie sich in einem Brennpunkt. Sie kann für Peter sorgen, nicht alle werden mit dieser Zeit fertig. Aber sie Elli! Was ist besser, fragt sie sich in einer letzten Erinnerung ohne Wehmut, besser für eine Frau: Antons nnberechenbares Herz, sein verbohrter Wille und ein unstillbarer Rachedurst gegen alle, die vor kurzem gegen ihn waren, — oder so ein ungefestigtes Herz? Lieber Mann! Er ist fehlerhaft und quält sich mit unserer Zeit, die ihm keinen Frieden gibt. Man darf ihm nicht sagen, daß er den Starken den Frieden ihrer Kraft nicht gegönnt hat, hierunter nut ihnen! Das darf man ihm unter keinen Umständen sagen, er weiß es selbst und fürchtet, daß man es gemerkt hat. Oh nein, keine Spur, Elli hat gar nichts gemerkt. Und sollte er einen so absurden Zweifel an sich selbst aussprechen, so würde sie ihm diesen Gedanken solange ausreden, bis er selber nicht mehr daran glaubt. Hat die kleine Elli wirklich niemals Glück? Wir werden damy- getrieben, wehrlose Samenkörner in den Winden, und Hünen nicht auf. Es wirbelt uns, wir finden unsere Bestimmung nimt. Vis cs uns auf einen Grund treibt, in dem wir von Natur aus wurzeln. (Schluß folgt.) 'verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlag:Drühl'sche Univerjitäts-Duch» und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen-