Gießener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang M3 Freitag, den l6. Juni Hummer 45 Der Morgen kam .. Von I.W.von Goethe. Der Morgen kam; es scheuchten seine Tritte Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing, Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte Den Berg hinauf mit frischer Seele ging; Ich freute mich bei einem jeden Schritte Der neue Blume, die voll Tropfen hing; Der junge Tag erhob sich mit Entzücken Und alles ward erquickt, mich zu erquicken. Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen Ein Nebel sich in Streifen sacht hervor. Er wich und wechselte, mich zu umfließen, Und wuchs geflügelt mir ums Haupt empor. Des schönen Blicks sollt ich nicht mehr genießen. Die Gegend deckte mir ein trüber Flor: Bald sah ich mich von Wolken wie umgossen Und mit mir selbst in Dämm'rung eingeschlossen. Auf einmal schien die Sonne durchzudringen, Im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn. Hier sank er leise sich hinabzuschwingen. Hier teilt er steigend sich um Wald und Hühn. Wie hofft ich ihr den ersten Gruß zu bringen! So hofst ich nach der Trübe doppelt schön. Der luft'ge Kampf war lange nicht vollendet. Ein Glanz umgab mich, und ich stand geblendet ... Oie Jugendbewegung. Von Richard Benz. Richard Benz, der seit Jahrzehnten für „deutsche Art und Kunst" kämpft, veröffentlicht soeben bei Eugen Diederichs in Jena ein Buch „Geist und Reich". Wie schon der Untertitel „Um die Bestimmung des Deutschen" andeutet, wird die schöpferische Eigenart unseres Volkes sichtbar gemacht, die das Reich von innen her zu erneuern strebt. Daß dazu bereits frühere Ansätze vorhanden waren, die durch den Weltkrieg jäh unterbrochen wurden, zeigt die Betrachtung über die Jugendbewegung, die wir hier Mitteilen. Nieman kann sagen, wozu die Jugendbewegung sich entwickelt hätte, wenn der Krieg nicht gekommen wäre, wenn der Krieg nicht durch eine rein materialistische Revolution beendet worden wäre. Auch hier muß versucht werden, einmal zu Ende zu denken, was unsprllnglich gewollt ward, um Fäden wieder zu spinnen und anzuknüpsen, die durch ein gewaltsames Geschehen verwirrt und abgerissen wurden. Denn in den Anfängen der Jugendbewegung haben wir die einzig echte deutsche Revolution vor uns; um so echter, als sie sich nicht bewußt als „national" bezeichnete, sondern das Deutsch-Sein ganz selbstverständlich in sich trug: sie war die in Deutschland und nirgends sonst spontan hervorbrechende Auflehnung gegen das fremde, nach Deutschland nur importierte, zivilisatorisch-technische Prinzip. War die erste Romantik hundert Jahre zuvor (die auch einem politischen Freiheitskampf vorausging) Auflehnung gegen die „reine" Vernunft der Aufklärung, jo war diese zweite Romantik um 1900 Revolution gegen die „praktische" Vernunft der Technik, gegen Rationalisierung und Mechanisierung. Sie trägt, im Gegensatz zum selber praktischen und rationalen Sozialismus, durchaus irreale und irrationale Züge, die sie bann auf die nationale Bewegung und Gegenrevolution vererbt. Jene ursprüngliche Auflehnung war alles andere als bewußt: ganz immateriell, war sie nicht gegen das Kapital, sondern gegen die Technik, gegen das Mechanische gerichtet. Sie war dabei weder vorausschauende Angst vor der drohenden Technisierung, noch stellte sie dem herrschenden Materiellen klare geistige Ziele und Forderungen entgegen: sie war ganz instinktiv und anonym: aus naturhaften Tiefen begannen die organischen Wachstumskräfte der Nation in Abwehr drohender mechanischer Erstarrung sich einfach nur zu regen und zu bewegen. Das Leben-Tötende, Uniformierende, Nivellierende des zivilisatorischen Einerlei wurde als unerträglich gespürt und durchbrochen, von einem Lebensgefühl, das nichts anderes als neue Lebensformen suchte. Das formend-Mütterliche, gestalt- Haft-Organisierende, das für diese Bewegung so charakteristisch ist, bedeutet die Entbindung von Wachstumskräften aus der Tiefe des Stofflich- Seelischen heraus, von unten empor als immer wachsendes organisches Gebilde, von der Gruppe zur Gemeinschaft, von der Gemeinschaft zum hündischen Zusammenschluß — ohne den zeugenden zusammentreibenden Gedanken eines Zieles, ohne Idee, ohne männlichen Geist; aber ganz in Bereitschaft auf ihn. Kein Rousseau hat hier eine „Rückkehr zur Natur" gewirkt und theoretisch vorbereitet, überhaupt kein wirkliches bedeutendes Führertum irgend welchen Einfluß gehabt — Führertum bedeutet hier etwas anderes, als was es sonst in der Kultur bedeutet: es bedeutete, daß alle Wirkung persönlich geschah, besser gesagt: leibhaftig, von Mensch zu Mensch. Jugend spürte in Jugend einfach die Rettung vor dem Verderben, sehnte sich nach Bestätigung des eignen Lebens- und Lebendigkeitsgefühls. Es trifft nicht die weibhaft schöpferischen Tiefen der Bewegung, wenn man für entscheidend und konstituierend den mann-männlichen Eros hier nachzuweisen gesucht hat: denn dieser ist immer geistig- zeugend, auch aus der Ferne wirkend; während hier Nähseligkeit vom geistigen Wert ganz absah und, echt und völlig weiblich, auch das Geistige nur vom geliebten, befreundeten Menschen als gleichsam körperlich überzeugend annahm: leibhaft verkörpert; aber gerade damit in einer Weise zufällig persönlich bedingt, wie es bei der Unordnung, Buntheit und Vielfalt moderner Bildung gar nicht anders [ein konnte. So war es möglich, daß derart heterogene Dinge wie Georgefche Dichtung und Brucknersche Musik bei denselben Gruppen von jungen Menschen Einfluß gewinnen konnten, allein durch die zufällige Bildung einzelner „Führender"; aber es war durch analogen Zufall ebenso möglich, daß Hermann Löns und Gertrud Prellitz die „Weltanschauung" bestimmten, oder daß irgendeine Atem-Technik und Ernährungs-Dogmatik die Stelle der Religion vertrat und mit all der Rigorosität weiterverkündet wurde, die das Lernen vom geliebten Menschen verleiht. Nie hat sich die Ohnmacht unsrer deutschen Bildung so erzeigt, wie hier in der Einfluhlosigkeit alles wirklich gestalteten Großen — das Fehlen jeder geistigen Norm in Erziehung und öffentlicher Geltung, das Nichtvorhandensein von Göttern zwang geradezu zum privaten Götzendienst oder gar zum Kultus der „Gemeinschaft an sich". Man konnte damals hören, daß man über Beethoven „hinaus" fei, weil man das Gemeinschafts-Erlebnis besitze, was seiner Musik nur unerfüllte Sehnsucht gewesen sei! Gemeinschafts-Erlebnis, das war das große Wort, das nähefeligen Jünglingen und Jungfrauen eben im warmen Aneinanderfühlen die Leere verbarg, die Unausgefülltheit durch irgend welchen Wert, um deswillen man sich zusammenschlieht, durch den es erst Gemeinschaft gibt. In den späteren Stadien der Bewegung ward das den Beteiligten selber offenbar; und nichts ist wieder so bezeichnend wie die Ratlosigkeit des Intellekts, nachträglich Ziele zu setzen und das zu nennen, wohin man sich bewegen solle und wolle. Denn eines Tages hatte die instinktive Triebhaftigkeit ihre Rolle ausgespielt, die Zeit der Negationen und Ablehnungen war vorbei; man hatte energisch der bürgerlichen Kultur den Rücken gekehrt, hatte der städtischen Kleidung und den Zivilisationslastern des Alkohols und Nikotins nicht weniger entsagt wie der bürgerlichen Sicherung, die auch in der wohlmeinendsten Haltung der Elternschaft und Familie gefürchtet ward. Man hatte auf geheimnisvolle Weise Formen des Zusammenlebens, Bräuche und Symbole gesunden, die um so fanatischer behauptet wurden, je weniger man sich rational darüber Rechenschaft zu geben imstande war; vor allem jenes höchste Symbol, das Wandern, das mit dem städtischen Aufsuchen stimmunghafter Natur nichts gemein hatte, sondern ein Zurücksinden zu Natur- und Lebensquellen war, zu allen primitiven Formen naturverbundenen Lebens wie Lied und Tanz und Spiel; das sogar zu organischer Bedingtheit im Wirtschaftlichen drängte, wie es im Siedlungsgedanken zum Ausdruck kam. Im „Wandern" war das Gegensymbol zu dem Symbol der modernen technischen Welt gefunden, zum „Verkehr" — aber gerade dieser erreichte und durchgesetzte organische Gewinn trug die Warnung in sich, nicht selber zum sinnlosen Selbstzweck, zur Bewegung um der Bewegung willen zu werden, und damit nur eine neue der zahlreichen Verdrängungen mit weltanschaulichem Anspruch, eine neue „verkappte Religion" zu sein. Die Bewegung war auf dem rechten Weg, als sie des Erziehungsgedankens sich zu bemächtigen begann; als die Freien Schulgemeinden, von denen zum Teil die Bewegung ausgegangen war, zu Brennpunkten der Erörterung wurden, nach welchen geistigen Werten ein echtes Leben zu richten sei; als bei Ausbreitung der Bewegung auch ältere Außenstehende zu begreifen begannen, daß hier die wahre organische Bereitschaft für allen organischen Einfluß des Geistigen gegeben sei, und daß man nur den Geist selber in seiner lebendigen Kraft beschwören müsse, um vom bloßen „Ausbruch" einer Bewegung zum schöpferischen Durchbruch einer neuen Kultur zu gelangen. Ahnt man, was es in diesem Zusammenhang bedeutet, daß Goethes Pädagogische Provinz hier als erkanntes Vorbild aufleuchtete; daß es einen Augenblick schien, als sollte das Testament der „Wanderjahre" diesen neuen Wanderern Sinn und Richtung geben? Der Bruder. Von Liesbeth Dill. Das kleine Kreisstädtchen lag auf einer der Höhen der vorderen Eifel, diesem Gebirgsland links der Mosel, das sich steil zu dem Flußuser senkt. Das Städtchen war in einer ehemalig römischen Niederlassung, in der — der Sage nach — Kaiser Caligula geboren sein soll, entstanden. Es befaß ein Amtsgericht und ein Lehrerseminar, eine alte Kirche, halb gotisch, halb romanisch, mit stumpfem Turm, mehrere Steinbruche und Bierbrauereien, und seine Wochenmärkte wurden von Getreide- und Vieh- Händlern ehr besucht. Es gab ausgezeichneie altmodische Gasthäuser dort, in denen man noch billig lebte, und von Zeit zu Zeit kamen Prozessionen hier durch, die nach dem nahen Wallfahrtskirchlein, der Schwanenkirche, einem gotischen Bau aus dem 16. Jahrhundert, wallfahrten, um dort vor der Dornenkrone der Mater dolorosa zu beten, einer Krone, die zur Zelt der Kreuzzüge auf dem Kalvarienberg bei Jerusalem gesunden worden und schon viele Wunder vollbracht haben soll. Außer den Betern kamen auch während des Sommers einige Stadter herauf, um in der prickelnden, reinen Eifeler Höhenluft ihre Nerven zu stärken. Sie mieteten sich bei den Bauern ein oder in dem Gasthaus „Zur römischen Villa" am Markt. , , Jedes Jahr im August fand sich ein großer, hagerer, brünetter Herr aus der Saargegend ein, der dort im Industriegebiet auf einem der großen Eisenwerke einen Stahlwerksbetrieb leitete und den es nach seinem hustenden, nervösen, unruhigen Berufsleben nach diesen Höhen zog auf denen eine kräftige Luft wehte und man keinen Schornstein mehr sah' Die Bahn führte eine Stunde weit von der Stadt entfernt ihre Linien über das Hochplateau. Wenn der Stahlwerkschef eintraf, waren die meisten Fremden bereits fort und die Wälder und Landstraßen leer. Das wollte er gerade. In seinen Lodenmantel gehüllt, einen Jagdhut aus dem Kopfe, schritt er des Morgens landeinwärts. Er sprach kaum mit jemand, außer mit der Wirtin und einem alten Müller, der unterhalb des Städtchens in dem grünen Taleinschnitt, der sich am Fuß der Ruine plötzlich zwischen die hohen bewaldeten Berge schob, in seiner stillen Mühle wohnte. Er war ein Einsiedler, ein Junggeselle, der von der Geschichte der Gegend gut Bescheid wußte, und den man tagsüber mehlbestäubt, die Pseise rauchend, vor der Tür stehen sah. . . Der Alte lebte allein mit einer Magd und einem Knechts sein einziger Bruder war nach einem abenteuerlichen Leben nach Amerika ausgewandert ohne wieder etwas von sich hören zu lassen. Er war immer in seiner klappernden Mühle zu sehen, weißbestäubt, mit seinem langen Bart und dem Shagpseifchen. Sonntags in der Frühe gönnte er sich einen Spaziergang in die hochgelegenen Wälder, in denen er schon als Junge Räuber und Gendarm gespielt. Wenn jemand einen Weg wissen wollte, erfuhr er ihn am besten von dem Müller, der kannte die Wälder: er wußte ganz genau anzugeben, ob dort Tannen, Eichen, Fichten oder Buchen standen, er wußte sogar, daß an einem Kreuzweg, der jetzt längst verwildert und verwachsen war, drei Eiben standen. Diese seltenen Bäume hatte der Förster einst vor den Augen der beiden Brüder dort gesetzt. Selten tras man hier oben einen Wanderer, die meisten gingen auf den Hellen, harten Eifeler Landstraßen, die sich, mit Apfelbäumen besetzt, über die Hochebene schlängelten. Jedesmal, wenn der Hüttenchef zum ersten Male wieder in das Städtchen ka«i, geilt fein erster Besuch dem alten Müller, und dann stieg er hier herauf, um die wundervolle Fernsicht zu genießen. Auch in diesem Herbst war er gekommen, hatte in der „Römischen Villa" sein altes, stilles Zimmer neben dem Saal bezogen und stand nun hier oben am Rande des Waldes, entzückt und berauscht von Luft und Stille, als er plötzlich hinter sich Schritte vernahm. Er sah einen Mann in grauem Anzug, der ein Bündel in der Hand trug, ein rotes Halstuch umgeschlungen und eine tarierte Reisemütze auf dem dunklen Haar, durch das Dickicht schreiten. Es war das erste Mal, daß er hier oben einem Menschen begegnete. Bergfahrt auf Sumatra. < Don unserem ck. ^.-Berichterstatter (Batavia). (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) . Padangsches Hochland! Welch entlegener Winkel der Erde! Vor eim- ( i ger Zeit führte mich mein Weg dorthin, und ich blieb zweiWochen >n i dieser sonnendurchgluhlen Well am Aequator. Dann °rw°g ich d n Plan in die Berge zu reisen, wo der Frühling ist, sei es Weihnachten oder Pfingsten. Nur zu gern betritt der Fuß des Europäers diese Ecke Nwder- ländisch-Ostindiens, denn, es ist ohnehin ein weiter Weg von den belebten Verkehrsstraßen des fernen Ostens bis nach der Sundainsel Sumatra, erst recht, wenn man jenen nordwestlichen Zipfel aufsucht, wo haupt- ^Pabang^ b'er" DrMn der Küstenebene, wo ich an Land stieg, lag verschlafen im Sonnenglanz. Weiße Holzhäuser, Bungalows, $™rn dem tropischen Grün der orchideen- und palmenreichen Garten. Sülle braune Menschen wandeln aus nackten Fußen über Sandwege zwischen Bambushecken dahin, lieber die dicke Mauer des Forts, aus alter Zeit stammend, blicken Eingeborenensoldaten. Vier Malmen, eine getötete Pythonschlange von erstaunlicher Lange aus ihren Schultern tragend, traben schweigend durch den Ort zur Chinesensiedlung, wo der Chinese Wah-Seng wohnt, der die metallisch-glänzende Schuppenhaut des Riesenreptils an den Händler van Dyk auf Java verkauft. Hohe Palmen werfen lange Schatten, handgroße Schmetterlinge, seidig-blau, andere gelb mit schwarzem Muster, flattern über leuchtend rote Blumen hm. Die Trockenheit ist groß, Mensch und Tier lechzt nach dem erquickenden Labsal des ersten Regens. Wie die Kulissen eines Theaters erheben sich grüne Höhenzüge im Osten wie im Süden, vor dem Auge des Schauenden scharf Umrissen vom stahlgrauen Himmel sich abhebend. Schwule Ruhe lagert über Padang, nur von der Küste her rauscht der uralte Sang des Meeres, das seine Fluten in leichter Dünung aus den Sand rollt Eines Nachmittags im Oktober schüttelt heftiger Monsun die Plsang- stauden und die Waringinbäume, biegt die hohen Kokospalmen und wirbelt am Boden liegende Blätter auf. Alsbald prasselt ein Regen hernieder als würden dort in der Höhe Schleusentüren geöffnet Das kleinere Getier kraucht in die Erdlöcher, Vögel mit nassem Gefieder suchen Schutz in Astwinkeln, bunte Schmetterlinge fallen, von den Fluten des Himmels im Flattern getötet, entstellt zur Erde nieder. Bache lagen die Straßen des Orts entlang, Blätter, Infekten mit sich führend. Es wird unwirtlich in dieser tropischen Gartenstadt, denn die Glut hat nicht nachgelassen, eher ist sie noch unerträglicher geworden. Eine erstickende Trew- hausAtmolphäre umgibt den nach Erquickung dürstenden Menschen, Bache von Schweiß rinnen den Körper hinab. Verglichen mit dieser Lust, schwanger von Feuchtigkeit, von warmen Dämpfen, war die wolkenlose Mut- periode ein Labsal. Das Prasseln der unaufhörlichen Regenmassen auf Wellblechdächer, auf die jetzt längst durchtränkte Erde, ist ohrenbetäubend. Und so nehme ich meinen chinesischen Regenschirm, den Pajong — ein Oelpapierdach am Bambusstock —, wate durch den aufgeweichten Schlamm der Dorsstraße betrete das leichtgezimmerte Holzgebäude des arabischen Karrenbesitzers Said Halim an der Brücke, und bitte ihn, einen seiner Karren am anderen Morgen kurz vor Sonnenaufgang für mich bereit« 3Uf)@egen sechs Uhr am anderen Morgen stehe ich abfahrtbereit, mein Koffer ist gepackt, mein langer, wasserdichter Regenmantel zugeknöpft. Da vernehme ich durch das Aufklatschen der Wolkengüsse das Knarren der Räder des herannahenden Ochsenkarrens. Rasch den Tropenhelm aufgesetzt, und ich stehe draußen. Gerade hält der malaische Fuhrknecht am Tor des (Bartens, und im Nu sitze ich drinnen unter gewölbtem Dach des niedrigeis, plumpen Wagens, der von vier starken Sappis, Ochsen, gezogen wird. Vor mir auf der Bank nimmt noch kurzer Begrüßung: „eiamat djellan", der Malaie Platz. Ich entledige mich meines Regenmantels hier in diesem viereckigen Wagenkasten und lege mich langhin auf das weiche Stroh. Während der ersten halben Stunde ziehen wir auf ebenem Wege dahin dem Fuß der Berge zu. Dann gehts hinan auf gewundenem Pfad, nachdem wir den Kali, den Fluß von Bantek, aus leichter Brücke überquert. Ringsum standen die feltsamen Bäume dieser äquatorialen Welt wie schattenhafte ©eftalten, umwoben von dem Dämmerschein des jungen Morgens, langsam ging die Fahrt aufwärts, zur Rechten stieg der Bergeshang hoch auf, zur Linken aber senkte sich die grüne Wand steil zu Tal. Wie atme ich auf, als nun der Regen aufhörte, dieser Regen, der drunten in der Niederung noch wochenlang mit unverminderter Kraft weiter- praffclte! , Dann flieg strahlend die Sonne herauf. Ich blicke voll Freude auf die Landschaft ringsum: auf saftig grünen Bergwiesen standen Bananen- stauden, den Kranz der grünen und gelben Früchte tragend, hier und da biegsame, geradegewachsene Papayabäume, oben an schlankem, blatt« und zweiglosem Stamm die schirmartige Krone. Aus- den gefieberten Plättern schauten die dunkelgrünen kürbisartigen Früchte hervor. Tauperlen blinkten an den hohen Gräsern, Orchideen, vielfarbig, mannigfaltig geformt, leuchteten aus Astlöchern. Ein grau und rot gefieberter Papagei flog kreischenb auf. Stumm sah ich unb blickte unter bem gebogenen Dach bes Karrens hervor auf biefe einfame, ferne Welt. Höher unb höher gings. Die stellen Bergpfabe zwangen bie Ochsen, langsam zu traben, und ich ging nun neben dem Gespann her. Zur Seite aber vom Weg öffnete sich bet Abgrunb, auf besten Grund das filberne Band eines schäumenden Flusses leuchtete, indes aus den fast senkrechten Felsenwänden drüben Wasserfälle hinabstürzten, und aus allen Spalten im Gestein Lianen wie Perlenschnüre tief herabhingen. Endlich, gegen Abend, gelangten wir auf dem ersten untern Teil des Oberlandes an, unb eine Stunbe später tauchten bie einsamen Oellichter Kampongs, eines Malaienborses, vor mir in ber Dunkelheit auf. Ad unb zu kam ein nächtlicher Wanberer vorüber, bescheiden, grüßend und lautlos weiterwandernd. Dann erblickte ich die dunklen Gestalten der ersten Hütten am Rand des Dorfes. Sie lagerten um ein Feuer, und ber süßlich, berauschende Duft von brennendem Sandelholz umschmeichelte meine Slt23or wenigen Jahren gab es weiter südöstlich noch Menschenfresser. Ich übernachtete in ber Herberge, bem Pasongrahan einem primitiven Holzbau, doch war das gewaltige Bett recht europäisch und zum Schutz gegen Moskitos mit einem dichten Gazenetz, durch Stangen gehalten, umgeben. Früh am anderen Morgen trabte ich auf schnellem Pony weiter über die Hochebene. Das Klima ist hier wie im Frühling in Italien. Auf ebenen, wohlgepflegten Wegen zog ich an einem wundervoll gelegenen See entlang. Ein Pfahldorf stand dort, nahe bem Ufer, 'm Was. [er bie einzelnen Hütten burch Stege oerbunben. An steilen Hvlzstiegen chaukelte sich ein Kanu. Das Gestade bes Sees war umgeben von Re,s- elbern, aus bereu Halmen bas sumpfige Wasser (Alliierte. 5n einigem Abstand aber zog sich eine Kette von Berghöhen hin. Aus bem Gipfel des höchsten flieg leichter Rauch in bie blaue Luft. Aus saftigen Wiesen grasten starkgehörnte Büffel, Verbauen genannt. Eine Reismuhle klapperte, und malaische Lastträger schleppten gefüllte Säcke zur Mühle, welche burch Wasserkraft getrieben wirb. Aus brauner Felsplatte am Weg lag bie mattschillernde abgestreiste Haut einer Schlange. In raschem Trabe zog ich so durch dies herrliche Land. Hier oben leben die Menschen sorglos dahin. Sie wissen nichts von den Plagen des sich selbst so fortgeschritten dünkenden Abendlanders, nichts stört ihren An dem Abend dieses Tages tarn ich auf der Höhe an. Ich übernachtete bei einem Dorfhäuptling. Ein freundlicher Mann in tabakbrauner Jacke unb gewaltigem, fchirmartigen Strohhut. Seine spärlichen Barthaare hingen über seine etwas wulstigen Lippen hinab. Wir verzehrten unser Mahl, bas aus ungemein gepuffertem Reis mit Geflügel unb Fischen beftanb, an gewaltigem runben Tisch aus Djaitiholz, bas hier wächst. Spät legte ich mich nieber. Draußen flimmerten zahllose Glühwürmchen, unb ein Nachtvogel schrie. Er rief ihn an, und der Unbekannte rückte an feiner Mütze und fragte nach dem Weg nach der Schwanenkapelle. Der Hüttenchef wies ihm, wie er zu gehen habe, und zeigte ihm einen steilen Pfad, der durch das Dickicht geradeaus ins Tal führte. „Dort steht eine Mühle", setzte er hinzu, „dort fragen Sie weiter." Der Mann dankte und verschwand in der bezeichneten Richtung. Der Hüttenchef sah ihm nach mit der unklaren Empfindung: der Mensch führt irgend etwas im Schilde. An die Kapelle glaubte er nicht. Ein paar Tage später wurde der Besitzer der Talmllhle im Wald ermordet aufgefunden. Der Alte hatte, wie gewöhnlich des Sonntag morgens, seinen Früh- spaziergang in den Wald gemacht und war nicht zurllckgekehrt. Man schickte sich erst am nächsten Morgen an, ihn zu suchen, denn an dem Sonntag hatte der Knecht Urlaub gehabt, die Magd besorgte die Mühle allein und hatte die Polizei erst am anderen Morgen benachrichtigt. Viele Ausflügler hatten an dem schönen Herbsttage das Städtchen durchzogen, so daß es schwer war, die Spur des Täters zu finden. Die Tat war an einem Kreuzweg geschehen, der mitten im dichten Unterholz zwei Holzabfuhrwege vereinigte. Der Tote lag mit dem Gesicht im Grase zwischen den Bäumen. Es fand sich von dem Mörder weder eine Fußspur, noch das Instrument, das er benutzt hatte. Das ganze -Städtchen befand sich in großer Aufregung. Der Mord brachte die Gegend in Verruf. Noch nie war hier oben etwas Aehnliches geschehen. Der alte Müller war allgemein geachtet und beliebt. Der Knecht konnte sein Alibi beweisen: er hatte Verwandte im Nachbarort besucht. Sonst wußte man keinen Menschen zu nennen, der als Täter in Betracht kommen formte. Der alte Mann hatte keinen Feind gehabt. Das Merkwürdige war auch, daß der Tote seine Uhr und seine gefüllte Geldtasche noch bei sich trug. Es war also kein Raubmord gewesen. Was hatte den Täter bewogen, diesen stillen, alten Mann im Wald anzufallen? Hatten sie Streit miteinander bekommen? Das war kaum anzunehmen bei der friedlichen Gesinnungsart des Müllers. Es blieb ein Rätsel. Man durchforschte die Wälder und die umliegenden Dörfer nach Handwerksburschen oder stellungslosen Arbeitern, die häufig die Gegend durchzogen, wenn die Ernte vorbei war. Aber niemand fand sich, der für die Tat in Betracht kam. Es waren alles harmlose Wanderer, die man sestnahm, um sie nach dem Berhör wieder lausen zu lassen. Da blitzte dem Hüttenchef die Erinnerung auf an jenen Strolch, der ihm oben im Walde begegnet war und ihn nach der Schwanenkapelle gefragt hatte. Er beschrieb den Mann, [ein graues Jakett, die Mütze, das rote Halstuch, sein Bündel, die schwarzen, unsteten Augen. Einige Tage später kam ein altes Mütterchen auf dem Rathaus an, das den Steckbrief des so geschilderten Unbekannten gelesen hatte und meldete, daß ein solcher Mann in der Nacht nach dem Sonntag bei ihr gewohnt hatte. Er war bei Dunkelheit bei ihr eingetroffen, hatte nach einem Nachtquartier gefragt, und sie hatte ihm das teere Zimmer ihres Sohnes gegeben. Er hatte nichts zu efjen verlangt, war gleich auf fein Zimmer gegangen, hatte nur um Waschwasser gebeten. Des Morgens hatte er, ohne zu frühstücken, fein Zimmer bezahlt und war bei Tagesanbruch schon weitergegangen. Wohin?, wußte die alte Frau nicht. Sie bewohnte ihr Häuschen am Ausgang des Dorfes alleist, war schwerhörig und sehr alt. Die Kommission begab sich sofort in das kleine Haus. Das Gastzimmer lag noch unaufgeräumt da, doch das Wafchwaster war fortgegoffen, der Fremde muhte es auf die Straße geschüttet haben. Das Bett, der Fußboden, der Schrank — alles wurde genau untersucht. Aber es fand sich auch hier nichts Verdächtiges. Der Hüttenchef war mitgegangen. Ihn hatte der plötzliche Tod feines alten Freundes erschüttert. Das der Täter so spurlos verschwunden sein sollte, wollte ihm nicht in den Sinn. Während man noch beratend in dem engen Stübchen stand, schweifte fein Blick aufmertfam im Zimmer umher. Plötzlich fiel fein Blick auf das Stückchen Seife auf dem Waschtisch. Er nahm es in die Hand und bemerkte eine kleine, seine, hellgrüne Nadel, die daran klebte. Sieh da! Es war keine Tannennadel, sondern die einer- anderen Baumsorte. „Das ist eine Eibennadell" sagte der Kommissar, der sich ärgerte, daß er sie nicht entdeckt hatte. Was wollte man damit? Solche Bäume gab es hier gar nicht. „Doch!" sagte der Hüttenches plötzlich. „Es muß hier Eiben geben! Ich habe einmal davon gehört. An einem Kreuzweg sollen sie stehen!" Man rief den Förster herbei. Er war noch jung und erst kürzlich hergekornrnen. Er bestritt, daß es hier Eiben gäbe. Dann müßte er sie kennen. Man lieh den alten Waldhüter kommen. Der betrachtete die Nadel lange, ftieh dicken Rauch aus seiner kurzen Pfeife und meinte bann: „Es gibt hier Eiben. Drei Stück! Sie stehen an einem Kreuzweg im Dickicht!" Her er erbot sich, fie zu finden. Die Kommission gefolgt von dem alten Waldhüter und dem Huttenchef, begab sich in den Wald hinauf. Nach einem beschwerlichen Weg durch verwachsenes dunkles Tannengrün und Unterholz fand man ben streuä» weg, und nicht weit davon, verborgen von einem Schlag dunkler sichten, standen die drei Eiben, unter denen man den alten Mann, mit oem Gesicht nach der Erde, gefunden hatte. Wahrscheinlich hatte ihn der Tater nachträglich ins Dickicht geschleift. Damit hatte man den roten Faden, der aus dem Irrgarten herausleitete, gefunden. Die Dörfer wurden alarmiert, die Wälder durchsucht. An allen Straßen klebte das weithin leuchtende rote Plakat des Steckbriefes, das nach dem verschwundenen Manne mit dem roten Halstuch fahndete. Eines Tages brachten Holzhauer den Unbekannten aus dem Walde an. Er trug noch das graue Jackett, aber ein neuer Strohhut bedeckte feinen Kopf. Er hatte sich den fchwarzen Bort abrasiert und das Haar geschnitten. Die alte Magd des Müllers schrie bei seinem Anblick laut auf. Es war der Bruder des Müllers. Der Richter sagte dem Manne die Tat auf den Kops zu. Dieser sträubte sich wie ein Stier gegen die Fesselung. Er warf sich Zu Boden, spielte den wilden Mann, verweigerte jede Auskunft, «eine Papiere waren gefälscht, aber die Leute aus dem Städtchen erkannten ihn wieder. Nach mehreren Wochen Untersuchungshaft lieh er eines Morgens den Untersuchungsrichter rufen und gestand. Er war der Bruder des Müllers. Er hatte beim Militär einem Kameraden die Uhr gestohlen und war flüchtig geworden; der Bruder hatte ihm das Geld zur Ueberfahrt nach Amerika gegeben, Aber er hatte drüben kein Glück gehabt. Arm und abgerissen, arbeitsscheu und verkommen, wie er in die Fremde gezogen, war er wiedergekommen. Amerika hatte ihn ausgespien. Er hatte von dem Reichtum seines Bruders gehört und war mit der Absicht hergekommen, diesen zu beseitigen, um sich dann des Erbes zu bemächtigen. Er hatte sich an dem Sonntag hier oben in dem Walde versteckt gehalten. Er wußte, daß fein Bruder jeden Sonntag in der Frühe hier heraufkam, und hier hatte er ihn erwartet. Und [o war der Müller an jenem sonnigen Sonntagmorgen, als er, seine Pfeife rauchend, den [teilen, unbegangenen Weg zu dem Walde emporftieg, ahnungslos feinem Schicksal entgegengegangen. Sie hatten einander an jenem Kreuzweg getroffen, und nach einem kurzen Wortwechsel hatte er sich über den alten Mann gestürzt und ihn erstochen. Der Mörder zeigte keine Reue. Er wußte, was ihm bevorstand und leugnete nicht mehr. Er wurde hingerichtet. Noch jetzt heißt die Stelle im Walde „Die Mordstelle". Von dem finsteren Fichtenschlag heben sich hell die seinen Zweige der Eiben ab, die an einem Sonntagmorgen der Förster vor den Augen der beiden Brüder in die Heimaterde gepflanzt ... Die Dame mit dem Ottsfpelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. iForljeßung.) Der schwarzseidene Pompadour erwies sich als unerschöpflich. Eine Flut von Papier ergoß sich über die Tischplatte: Bleistiftskizzen, Trambahnkarten, Notizbücher und unquittierte Rechnungen. Reuter wühlte mit unhöflicher Neugierde in dem Haufen herum, ohne daran zu denken, der tüchtigen Frau Schnee für ihre Leistungen die gebührende Anerkennung zu zollen. Was ihm von vornherein als unwichtig erschien, fegte er einfach beiseite. Den Rest warf er in die Tischschublade. Dabei fiel aus einem Notizbuch ein schmaler Postabschnitt heraus, der jäh seins Aufmerksamkeit fesselte. Er hielt ihn rasch gegen das Licht und fragte: „Wo haben Sie das gefunden, Frau Schnee?" Frau Schnee führte ihn an ihre kurzsichtigen Augen. „Oh, das ist ja der braune Zettel, der aus der Tasche von Herrn Graus Arbeitskittel gefallen ist, als ich ihn einweichen wollte. Es ist nicht zu sagen, wie Herr Grau feine guten Leinenkittel zurichtet! Und besonders dieser sah aus wie ein ganzer Farbenkasten. Und da dachte ich mir: du sollst glühende Kohlen auf deines Feindes Haupt sammeln, dachte ich, und ich will ihm das Zeug noch einmal auswaschen! Na, und gerade, wie ich ihn in die Bütte stecken will, fällt der Abschnitt heraus. Er schwamm schon auf dem Wasser, sehen Sie, die Schrift hat schon ein wenig gelitten, aber —" „Schon gut, geben Sie her! Ein Glück, daß Sie doch soviel Verstand hatten, das Ding nicht wegzuwerfen! Denn das, glaube ich, ist gerade das, was wir suchen." Frau Schnee schwamm in Selbstbewußtsein. „Sehen Sie, Herr Reuter, man ist doch auch noch zu etwas gut!" Der Wachtmeister hielt es für geraten, der Redseligkeit der Alten keine neuen Schleusen zu öffnen. Mit ehrfürchtigem Bückling komplimentierte er sie zur Tür hinaus: „Also leben Sie wohl, liebe Frau Schnee, und wenn wir Sie wieder brauchen sollten, werden wir uns erlauben, Sie um Ihren geschätzten Besuch zu bitten. Ihre Privatadresse haben wir uns ja schon notiert." Kaum daß er allein war, eilte er mit dem Postabschnitt zum Fenster und verfuchte mit Hilfe einer Lupe die verwaschene Schrift zu entziffern. Und was er vorhin schon auf den ersten Blick zu erraten geglaubt hatte, erwies sich als Tatsache: es war der Abschnitt einer Nachnahme von eintausend Mark und lautete auf den Namen Caspar Fuchs, Jnvallden- strahe 113. Der Poststempel war vom 11. November lausenden Jahres. Von diesem Moment an konnte der gute Reuter die Rückkehr seines Vorgesetzten kaum noch erwarten. Hätte er eine Ahnung gehabt, wo er Kling noch erreichen könnte, so würde er unverzüglich sämtliche Telephondrähte zwischen Stralsund und Berlin in Bewegung gesetzt haben. So aber mußte er sich einstweilen auf Eigenbewegung beschränken. Vier geschlagene Stunden wanderte er wie ein gefangener Löwe in feiner Schreibstube auf und ab, und steckte immer wieder den Kopf in das Zimmer seines Chefs. Als er endlich drinnen den von ihm wohlbekannten Schritt horte, riß er, ohne anzuklopfen, die Türe auf und schwenkte Kling mit einem wahren Triumphgeheul den Postabschnitt entgegen. „Wir haben ihn, Herr Kommissar! Jetzt sitzt er uns endlich im Garn — der verdammte Spitzbube!" Kommissar Kling aber schien diese Meinung nicht zu teilen. Nachdem er den Abschnitt einer ruhigen und sachlichen Prüfung unterzogen hatte, überraschte er Reuter mit der Frage: „Wer meinen Sie, sitzt uns jetzt im Garn, lieber Reuter?" Der Wachtmeister war im Augenblick so aus allen Himmeln gerissen, daß er nur ein Gestammel hervorbringen konnte: „Nun, dieser — dieser Caspar Fuchs, denke ich." Kling gab ein trockenes Lachen von sich und klopfte Reuter ironisch auf die Schulter. „Gut gebrüllt, alter Lowe! Aber die Hauptsache ist Ihnen bet dieser Kombination entfallen. Nämlich — daß wir ja gar keinen „Spitzbuben" suchen, sondern einen — Ermordeten!" Reuter ließ den Kopf hängen. „Verdammt, das stimmt allerdings!" „Und daß dieser Caspar Fuchs in der JnvaUdenstraße nicht der Ermordete ist, das wissen mir ja bereits zur Genüge. Daran ändert auch dieser Postabschnitt nichts." Während nun an Kling die Reihe war, im Zimmer auf und ab zu wandern, stand der Sergeant wie angewachsen auf seinem Platz und grübelte angestrengt vor sich hin. Auf einmal hob er den Kopf und wagte einen schüchternen Einwand. , „ , , Ja aber dieser Kerl, dieser Fuchs, hat uns doch angelogen! Er hat doch jede Bekanntschaft mit Grau glatt geleugnet. Das sieht doch verdammt nach bösem Gewissen aus!" Kling blieb vor ihm stehen. , , , .. Darin haben Sie recht, Reuter. Nur mit unserer Sache hat das leider nichts zu tun. Vir bearbeiten die „Mordsachs Grau'^Und zu einer Mordsache gehört doch logischerweise in erster Linie ein Mord — nicht wahr t Wachtmeister Reuter wiegte seinen runden Schädel eine Weile sinnend hin und her. Dann kam es zögernd aus ihm heraus: „Gewiß, Herr Kommissar. Aber vielleicht — wenn man Fuchs endlich mal" festnehmen würde. Vielleicht käme dann auch irgendwo — der Ermordete zum Vorschein!" Der Kommissar sah ihn überrascht an. „Was soll das heißen, Reuter?" . . ... „Nun, ich meine — wenn dieser Fuchs auch nicht der Ermordete ist, so würde ihn das ja nicht hindern, vielleicht der — Mörder zu sein!' Er stockte, von der Kühnheit seiner eigenen Behauptung erschreckt, und bekam einen roten Kopf. Unter den gesenkten Lidern hervor schielte er mit einem raschen, scheuen Seitenblick nach seinem Vorgesetzten. Der stand einen Augenblick wie angedonnert und riß nervös an seinem Bärtchen. Diese Wendung der Sache schlug wie ein zündender Funke in ihm hoch und benahm ihm für Sekunden fast den Atem. „Teufel noch eins", stammelte er erregt, „das ist gar keine schlechte Idee' Faul ist der Kunde jedenfalls, soviel ist klar! Und in die mysteriöse Mordaffäre ist er auf alle Fälle verwickelt, was durch die Postquittung einwandfrei erwiesen ist. Das muß genügen! Ich will meinen Kopf verwetten, daß wir schon manch einen mit weniger Grund festgenommen haben als diesen ehrenwerten Bürger!" Er war mit einem Schritt am Schreibtisch und griff nach dem Telephon. „Ist umgeschaltet?" „Jawohl, Herr Kommistar." „Bitte dringende Verbindung mit Berlin, Polizeipräsidium!" Klings Augen blitzten kampfbereit. Seine Wangenmuskeln spannten sich in eigensinniger Energie. „Vielleicht gelingt es mir jetzt, ihnen Beine zu machen! 14. Diesmal war es ein Samstagabend, als Inspektor Scharf und Jensen zum zweitenmal die vier schlechtbeleuchteten Treppen in der Jnvaliden- straße hinaufstiegen. Auch heute Samstag war das alte Geschäftshaus schon zur Ruhe gegangen. Die Büros hatten geschloffen, und nur hier und dort war hinter einer Tür das Getöse einer verspäteten Scheuerfrau zu hören. Auf dem letzten Treppenabsatz machten die beiden Kriminalbeamten unwillkürlich halt und lauschten nach oben. Sie hatten die Entreetür der Fuchsschen Wohnung gehen hören. Und gleich darauf kamen zwei Personen die Treppe herab. Es war Caspar Fuchs mit einer schwarzgekleideten Dame. Beide waren augenscheinlich in bester Laune, denn Fuchs pfiff einen Gassenhauer, und seine Begleiterin imitierte geschickt das nasale Quäken des Saxophons. Da vertrag ihnen an der Biegung der Treppe plötzlich Jensen den Weg. Er hätte viel darum gegeben, wenn er das Gesicht der Dame hätte sehen können. Aber der schwarze Schleier ließ kaum die Umrisse erkennen, und außerdem drehte sie es sogleich ostentativ zur Seite und schlüpft^ schnell an ihm vorbei die Treppe hinab. Es blieb ihm nichts übrig, als wenigstens Fuchs am Weitergehen zu verhindern. Er pflanzte sich breit vor ihm hin, lüftete den Hut und sagte in seinem zutraulichen Ton: „<^ie scheinen uns nicht mehr zu erkennen, Herr Fuchs! Wir hatten bereits vergangenen Sonntag das Vergnügen. Wollen Sie sich, bitte, mit uns in Ihre Wohnung zurückbemühen!" Es hatte ihm geschienen, als ob Fuchs bei der unerwarteten Begegnung blaß geworden wäre und als fei es kein Zufall, daß er nach dem Stiegengeländer faßte. Ein wenig heiser antwortete er: „Es tut mir leid, meine Herren, aber ich kann Sie jetzt nicht empfangen. Wie Sie sehen, bin ich im Weggehen begriffen. Ich kann die Seme doch nicht auf der Straße warten lassen!" „Das ist auch gar nicht nötig", legte sich Scharf ins Mittel. „Wir sind riesig neugierig, die Dame kennenzulernenI Sie kann bei unserer Unterredung ruhig dabei sein." „Die Dame geht Sie gar nichts an! Lassen Sie sie in Frieden!" Caspar Fuchs funkelte die beiden Männer mit dem feindseligen Blick eines umstellten Tieres an. „Wenn Sie mich sprechen wollen — gut, ich stehe Ihnen zur Verfügung. Aber ..." Er beugte sich hastig über das Treppengeländer und rief hinunter: „Geh, bitte, voraus — ich komme gleich nach!" Von unten kam eine unverständliche Antwort. Und die flinken Frauen- fchrikte verhallten allmählich in der Tiefe. Fuchs machte wortlos kehrt und schloß seine Wohnungstür auf. Seine Lippen waren in verbissener Wut zusammengepreßt. Mit einer Geste der Ungeduld forderte er die Beamten auf, einzutreten. Er wollte sie durch den langen Korridor führen. Aber Jnsen griff entschlossen nach der nächsten Türklinke. „Keine Umstände, Herr Fuchs. Wir können die Sache ja gleich hier besprechen. Ihr Empfangszimmer, wie es scheint?" Er hatte mit einem Griff den Lichtschalter erreicht. Ein roter Lampenschirm füllte den Raum mit warmem Licht. Es war ein kleiner Wohnraum mit Polstermöbeln und ein paar pikanten Bildern an den Wänden. Es roch stark nach parfümierten Zigaretten. Und auf dem Rauchtisch neben der Chaiselongue stand noch ein benutztes Teegeschirr mit zwei Tassen. • Caspar Fuchs ließ sich in Hut und Ueberkleidern auf das Fußende des Divans fallen und zündete sich mit unsicheren Fingern eine Zigarette an. Jedes noch so ungeübte Auge hätte der übertriebenen Gleichgültigkeit feiner Pose die Gezwungenheil änmerten müssen. „Darf ich jetzt fragen, was Sie eir""“1"1" " gewicht bringen. . ... „Nun, wir dachten, daß Ihnen vielleicht inzwischen ihre Bekanntschaft mit Grau eingefallen sei. Und wir wollten Ihnen noch einmal Gelegenheit geben, Ihren — Irrtum von damals wieder auszugleichen." Fuchs lachte spöttisch auf. „Das klingt ja beinahe nach Staatsexamen! Aber machen Sie sich keine Hoffnungen, Herr Inspektor. An mir ist Hopfen und Malz verloren! Senn ich kenne den Mann tatsächlich nicht. Ich habe nie auch nur das geringste mit ihm zu tun gehabt. Sas muß Ihnen doch genügen!" .rr Scharf nahm den Kneifer ab und schob ihn bedächtig m cm abgerissenes Futteral. „Leider, Herr Fuchs — leider genügt uns das durchaus nicht! Um so weniger, als wir bereits wissen, daß Sie mit Grau in Verbindung gestanden haben!" Er sah Caspar Fuchs scharf ins Gesicht. Sieser machte eine rasche Wendung, um seine Zigarette auszudrücken und entgegnete mit hochmütigem Achselzucken: . Bedaure — hier muß ein Irrtum vorliegen! Vermutlich ein ähnlicher, roie'er Ihnen betreffs meiner „Ermordung" unterlaufen ist! Oder wollen Sie vielleicht auch noch behaupten, daß Sie auch in bezug auf mein Nachvorhandensein anders unterrichtet sind?" Er grinste die beiden Beamten herausfordernd an. Jensen trat im Hintergrund ungeduldig von einem Fuß auf den andern. Es kribbelte ihn in allen Fingern, diesen dreisten Burschen endlich beim Kragen packen zu dürfen. Aber Scharf bewahrte seine Ruhe. „Nein, Herr Fuchs, das wollen wir nicht. Aber vielleicht wäre es tm Augenblick sogar günstiger für Sie, wenn Sie uns beweisen könnten, daß Sie gar nicht — Caspar Fuchs sind. Senn es ist uns bekannt, daß ein Herr Caspar Fuchs, wohnhaft Jnvalidenstraße 113, eine am 11. November von Sonald Grau in Stralsund ausgestellte Nachnahme über tausend Mark eingelöst hat. Was haben Sie dazu zu sagen?" Ein paar Sekunden blieb es still im Zimmer. Fuchs starrte unbeweglich vor sich auf den Teppich. Sann sagte er kalt: „Ich behaupte, daß es ein Irrtum ist! Sie überschätzen meine fman- zielten Verhältnisse, Herr Inspektor. Ich wäre gar nicht in der Sage, eine derartige Summe auf einmal hinzulegen. Senn ich habe keine ande- ren Einkünfte, als mein Gehalt, das ich jeden Monat von den Färb- werken beziehe." Er stand auf und wollte nach der Tür. Aber Jensen stellte sich ihm wie ein Schlagbaum in den Weg. „Wohin, Herr Fuchs? „Sie werden mir wohl gestatten, in meiner Wohnung zu telephonieren! Jensen lächelte freundlich. „Gewiß, Herr Fuchs — wenn Sie mir ge- statten, Sie zu begleiten und das Gespräch mitanzuhören!" Fuchs wurde plötzlich weiß vor Wut. Aber er zwang sich zu einer geringschätzigen (Brinfaffe. „Lächerlich! Ich wollte mir nur telephonisch ein Auto bestellen." Jetzt erhob sich auch Scharf. Langsam und ohne jede Hast kam er auf Fuchs zu und legte ihm seine große Tatze auf den Arm. „Sas ist ganz überflüssig, Herr Fuchs. Es wartet bereits ein Wagen vor der Tür. Haben Sie die Güte, uns ohne Widerstand zu folgen. Im Namen des Gesetzes erkläre ich Sie für verhaftet!" Er griff in seine Tasche und hielt Fuchs den Haftbefehl vor die Augen. Einen Augenblick stand dieser, als habe er einen betäubenden Schlag bekommen. Ader schon in der nächsten Sekunde zeigte er sich vollkommen gefaßt. Achselzuckend knöpfte er seinen Mantel zu und wandte sich zur Tür. „Gut — gehen wir also! Aber die Herren von der Polizei werden an dieser Geschichte noch ein Weilchen zu knabbern haben, dafür garantiere ich Ihnen! Ich habe gute Beziehungen zur Presse!" Inspektor Schars überhörte die Drohung. Er gab Jensen einen Wink mit den Augen. Dieser hatte soeben eine Entdeckung gemacht, die ihn sichtlich vergnügt stimmte Denn er lächelte Fuchs spitzfindig an und deutete auf ein beiseitegerücktes Tischchen. „Richtig, Herr Fuchs, beinahe hätte ich vergessen, daß Sie ja ein passionierter Schachspieler sind! Erst jetzt, da ich das Schachbrett dort sehe, fällt es mir wieder ein. Wie es scheint, haben Sie vorhin gerade eine neue Partie angefangen. Hoffentlich dauert es nicht allzu lange, bis Sie sie mit Ihrer Partnerin zu Ende spielen können!" Er weidete sich ein Weilchen an der mißtrauischen Verständnislosigkeit des Angeklagten. Dann ließ er seinen Vorgesetzten mit Fuchs vorangehen und drehte hinter ihnen das Licht aus. Vor der Eingangstür forderte Scharf dem Verhafteten die Wohnungsschlüssel ab. Fuchs gehorchte nur zögernd und mit deutlich erkennbarer Ueberroinbung. Aber er mußte sich wohl darüber klar geworden [ein, daß jeder Widerstand seine Lage nur verschlimmern konnte. Denn er sagte fast im Ton einer Bitte: „Tun Sie mir den Gefallen, jedes Aufsehen zu vermeiden!" Scharf nickte ernst. „Sehr gern, Herr Fuchs. Aber das hängt ganz von Ihnen ab." Schweigend stiegen die drei Herren hintereinander die Treppe hinunter. Vor dem Hause wartete ein Wagen, der sich in nichts von einer harmlosen Autodroschke unterschied. Und auf der gegenüberliegenden Straßenseite patrouillierten gerade zufällig zwei Schutzleute. Niemand hätte in den Dreien, die, ruhig und höflich einander den Vortritt lassend, das Auto bestiegen, etwas anderes vermutet, als ein paar gute Bekannte, die in bestem Einvernehmen zu irgendeiner abendlichen Unterhaltung fuhren. (Fortsetzung folgt.) 1 gentlich zu mir führt?" Einen Augenblick, bitte!" Scharf setzte umständlich den Kneifer auf und versenkte sich eine Weile in fein Notizbuch. „Sie haben uns bei unserem ersten Besuch am 19. November gesagt, daß Ihnen ein Maler namens Donald Grau unbekannt ist. Stimmt das?" Der Befragte setzte eine arrogante Miene auf. „Wenn ich es gesagt habe, wird es wohl auch ftimmenl Jedenfalls kann ich keinen Grund dafür einsehen, daß Sie sich wegen dieser Frage noch einmal zu mir bemühen." Er trommelte in schlecht gespielter Ueberlegenheit mit der Fußspitze auf dem Teppich. Aber Scharf ließ sich nicht aus dem Gleich- verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Univ er jitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.