SiehenerZamilienblötter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger ) ihrgang <955 Montag, den ib. Januar Nummer 5 Trost in Tränen. Von I. W. von Goethe. Wie kommt'», daß du so traurig bist. Da alle» froh erscheint? Man sieht dir'» an den Augen an. Gewiß du hast geweint. „Und hab ich einsam auch geweint. So ist'» mein eigner Schmerz, Und Tränen fließen gar so süß, Erleichtern mir das Herz." Die frohen Freunde laden dich, O komm an unsre Brusti • Und was du auch verloren hast, Vertraue den Verlust. „Ihr lärmt und rauscht, und ahnet nicht, Was mich den Armen quält. Ach nein, verloren hab ich's nicht. So sehr es mir auch fehlt." So raffe denn dich eilig auf! Du bist ein junges Blut. In deinen Jahren hat man Kraft Und zum Erwerben Mut. „Ach nein, erwerben kann ich's nicht. Es steht mir gar zu fern. Es weilt so hoch, es blinkt so schön, Wie droben jener Stern." Die Sterne, die begehrt man nicht; Man freut sich ihrer Pracht, Und mit Entzücken blickt.man auf In jeder heitern Nacht. „Und mit Entzücken blick ich auf So manchen lieben Tag: Aerweinen laßt die Nächte mich, So lang ich weinen mag." Das verlorene Lachen. Eine Bauernsage von Hans Franck. Zu den Zetten, da in Mecklenburg noch viele Herzöge nebeneinander regierten, weil nicht der älteste Sohn das ganze Land erbte, sondern die Fürstenväter ihr Besitztum immer unter ihre männlichen Sprossen verteilten, vor mehr als fünfhundert Jahren also, wohnte auch in dem Städtchen Wittenburg, das es inzwischen immerhin aus dreitausend Seelen gebracht hat, ein Herzog. Einer von den Wittenburger Herzögen namens Johann Ludwig hatte eine Tochter, welche die Fröhlichkeit in Person war Von der Stunde an aber, da die Mutter mit sechsunddreißig Jahren — infolge eines hitzigen giebers — am Morgen des achtzehnten Geburtstages ihr wegftarb, konnte Ludmilla — so hieß die einzige Tochter des Herzogs — nicht mehr lachen. Johann Ludwig wußte sehr bald: mein Kind muß das Lachen wieder lernen, oder es wird feine Mutter um keine achtzehn Monate, geschweige denn um achtzehn Jahre überleben. Er schickte zum Doktor. Der bestätigte dem bekümmerten Vater: Lachen! Oder Ludmilla wird vergehen wie eine Pflanze, der das Sonnenlicht fehlt. Gewiß, sie sieht schön aus, undenklich schön, und schlank ist sie auch, schlanker als irgendein Mädchen im Mecklenburger Lande. Aber erinnert die Farbe ihres Gesichtes und die Form ihres Körpers nicht schon ein wenig an die überlangen, bläßlichen Ausschüsse, welche im Frühling die Blumen dem Kellersenster entgegentreiben? Das Licht des Lachens muß wieder über dem Kind ausgehen, ober--Gut gesagt! Leicht gesagt! antwortete der Herzog bitter. Aber wo das verlorene Lachen wiederfinden, und wie, wenn man's gefunden hat, es auf die Herzogsburg zurückholen? Der Doktor zuckte die Achseln: Nicht seine Sache, sondern Sache des Vaters! Obwohl Herzog Johann Ludwig sich dieser Sache bei Tag und bei Nacht annahm, gelang es ihm nicht, seiner Tochter Ludmilla das abhanden gekommene Lachen wieder zu verschaffen. Auch die Hoffnung, es werde sich mit der Zeit oon selber einstellen und eines Morgens da sein, ohne daß man wußte, aus welchem Wege es von der toten Mutter, die es mit sich genommen hatte, zurückgeckommen sei, auch diese Hoffnung blieb unerfüllt. Ludmilla vermochte nicht zu lachen. Selbst zum allerleisesten Lächeln verzog sich niemals ihr schöner Mund Da die Herzogstochter von Tag zu Tag blasser und schmaler wurde, bot Johann Ludwig öffentlich tausend" Taler aus, die derjenige erhalten solle — gleichviel ob Mann oder Frau, ob Greis oder Kind, ob Vornehm oder Gering — welcher es fertig brachte, feine Tochter Ludmilla zum erstenmal wieder hörbar auflachen zu lassen. Aerzte und Quacksalber, Ritter und Abenteurer, Künstler und Gaukler, Gelehrte und Schäfer, schöne Frauen und alte Vetteln, machten sich nach Wittenburg aus, um die ausgebotenen tausend Taler zu verdienen. Man kurierte und zauberte an der Herzogstochter herum, man trieb Künste und Schnurrpfeifereien vor ihren Augen, man brauchte Wissenschaft und Magie, man erzählte wunderliche Geschichten und närrische Späße — Ludmilla lachte nicht. Eines Tages steht ein Bauer aus Ziggelmark aus der Burg. Nicht zur Herzogstochter will er, sondern zu ihrem Vater. Zwar hat auch er von dem Leiden Ludmillas gehört. Ader er glaubt nicht daran Das ist wieder eine von den Geschichten, die man zurechtgemacht hat, um einen dummen Bauern zu sangen. In diese Falle geht er nicht! Denn Waak — so lautet der Name des Ziggelmarker Bauern — ist einer von den Neunmalgescheiten. Wen man ihn für dumm hält, dann ist er klüger als ein Advokat, und wenn er besonders klug sein will, dann ist er so vernagelt, daß man eine Wand mit seinem Kopf einrennen könnte, ohne daß dieser den mindesten Schaden davon hätte. Jedenfalls: daß die Tochter des Wittenburger Herzogs nicht lachen kann, glaubt Waak nicht. Er, der bei feiner Olsch wahrhaftig nichts zu lachen hat, freut sich an jedem Tag feines Lebens: und eine Herzogstochter, die doch auf der Welt weiter nichts zu tun hat, als vom Morgen bis zum Abend zu lachen, sollte — nee, glaubt er nicht! Aber wie s damit auch ist — er will zum Herzog. Mit einer verteufelt ernsten Sache. Recht soll Johann Ludwig sprechen. Zwischen ihm und — schschfch! Man wird schon hören, wenns soweit ist. ' Als der Ziggelmarker Bauer vor seinem Herzog steht, stellt er sich zunächst dumm. „Nicht wahr, Johann Ludwig," fragte er, „dem Herzog muß in feinem Land alles untertan sein, was lebendig ist? Alles, was Odern hat, wie es in Gottes Wort heißt!" „Natürlich", antwortete der Gefragte. „Wie sollte in meinem Lande mir etwas nicht dienen müssen. Sogar die toten Steine gehören mir." „Dann müssen also auch die Tiere dem Herzog untertan sein?" faßt der Bauer nach. „Selbstverständlich, Waak." „Alle Tiere?" „Jawohl, ohne Ausnahme." „Auch die Hunde? will der Bauer wissen. „Sämtliche Hunde im ganzen Lande!" bestätigte der Herzog; „ich habe es dir doch schon einmal gesagt, Waak: alle Tiere ohne jede Ausnahme. Aber was hat deine Fragerei mit dem Handel zu tun, deswegen du auf die Burg gekommen bist?" „Alles in Ordnung!" stellt der Bauer fest. Nämlich: der Herzog soll über einen Hund zu Gericht sitzen, das heißt: soll ihm fein gutes Recht gegen das Hundebiest verschaffen. , . Dann wolle er doch, meint der Herzog, ehe sie mit der Hundegeschichte anfangen, feine Tochter rufen lassen. Es scheine sich-ja um eine sehr verwickelte Sache zu handeln und bei knisflichen Fällen habe Ludmilla schon mehrfach einen Spruch getan, vor dem Salomo sich nicht hätte zu schämen brauchen. „Ist recht", sagte der Bauer. Ludmilla kommt — schön, bleich, kühl wie Mondenlicht, das nicht Leben aus sich, in sich selber ist — und nimmt neben ihrem Vater auf dem Richtersitz Platz. Bauer Waak erzählt: Er ist vor zwei Tagen mit einer geschlachteten Kuh auf den Wittenburger Markt gefahren. Einen Tisch mit Klappbeinen hat er bei sich gehabt, ein leinenes Laken zum Drüberdecken, eine Waage mit Gewichten, ein scharfes Schlachtmeffer, und natürlich das Fleisch. Das ist schon in Ziggelmark zugehauen und aufgeteilt gewesen Denn die Stadtleut sind alle Zippen, die nicht wissen, was ein ausgewachsener richtiger Mensch zu sich nehmen kann und muß. Sie taufen nicht Stuck — Lende oder Schulter, Brust oder Kopf, Bauch ober Achterblatt — sondern bloß Pfund, womöglich halbe Pfund. Aber die Halbpfundgewichte hat er zu Haus gelassen. Daß er mit gutem Gewissen sagen kann: „Ho bes? Läßt sich leider nicht abwiegen mit meinen Gewichten! Die Aiik- tenburger Frauensleut haben denn auch wohl mit der Nase an seinem Fleisch gerochen: „Noch frisch?", mit dem Finger hineingepiekt: „Noch jung?" Aber gekauft haben sie nichts. v G t u Nach einer Stunde ist ein Schlachter gekommen, der hat ihm acht Taler für die ganze Kuh geboten. Er häksts ja dafür hergegeben. Aber das ging nicht? Denn feine Olfch hat am Morgen beim Wegfahren zu ihm getagt: „Hörst du: Zehn Taler!" Er hat gemeint: „Na, wenn s denn auch bloß acht find , Nee!" hat sie geschrien: „Zehn Taler dringst du heut abend mit, keinen Dreier weniger, sonst sollst du was erleben! Er will nichts gegen feine Olfch sagen. Sie ist ein tüchtiges Frauenmensch. Aber mit dem Geld ist sie genau — nicht zu glauben! Und die rechte Hand sitzt ihr lose--Na. er hat's ja bloß gesehen: aber Die Dienstleute die's gefühlt haben, Knecht und Deem, haben nichts bei ihr zu lachen' Also hat er den Schlachter mit seinen acht Talern laufen lassen. Denn wenn seine Olsch „Zehn Taler!" sagt, bann müssen zehn Taler her unb wenn er sie von Teufels Großmutter aus ber Holle holen soll. Als er Drei Stunben umsonst hinter seinem Tisch mit ben Klappbeinen gelauert hat, stehen plötzlich zwei Hunbe bavor: eine große gelbe Dogge unb ein kleiner klappriger Spitz. Die Dogge sagt immerzu „Hauff! Hauff!" und der Spitz: „Hoff! Haff!" „Ich versteh euch ganz gutl lagt idi aus Zähne - 1lnh fiiinmert sich nicht darum. Aber die beiden 5)unbe gehen nicht oon der Stelle Der große bleibt babei: „Hauff! Hauff! und der t le ine bleibt auch bei seine? Meinung: „Haff! Hoff-' Da entt er: Zu we laichen Hunden gehört auch ein seiner Herr und — fdjlau muß man semi und wenn ich euch den Willen tu, dann wird euer Herr, der jeben 2lugcn- blicf kommen m^, sich barüber sreun unb kaust mir die ganze Kuh für -r 'fJr nh Aauff! Hauff!" sagt bie Dogge, unb er antwortet ihr: 3a du" sollst eine großen Hausen kriegen!" „Haff! Hais!" sagt ber Spitz, ünb er begütigt ihn: „Sei man still, ßüttjer. Ich hab bich lange schon oer- jtanben Du willst bloß einen Happen. Bist ja auch klein unb nicht mehr aanx neu Sollst ihn haben, beinen Happen." 9 äa, und dann legt er ber Dogge einen großen Haufen Fleisch —nicht vom Schieren, sondern mehr Knochen als was dran — auf bie erbe unb ber große Köter haut ein, bag es kracht. „Haff! Hass! schreit ber Spitz. „Kommt schon, ßüttjer!" sagt er unb gibt ihm einen Happen Fleisch: Dom Bauch bloß, aber ohne jeben Knochen, denn mit ben Zahnen bes Kleinen ist es nicht mehr zum Besten. , Als bie beiben Hunde bas Fleisch aushaben, ist ihr Herr noch immer nicht zu sehn. Er fragt einen, ber vorübergeht, wem bie Dogge unb ber Spitz gehören. „Der Spitz ist aus ber Stabt“, lautet bie Antwort. „Aber wem bie Dogge gehört, kann ich nicht sagen. Die stromert rum unb ist wer weiß woher." „Waas?" schreit er. Gerabe wollen bie Hunbe sich bavonmachen. Er — nicht faul— kriegt bie Dogge mit einer Hand beim Schwanz zu packen unb ruft: „Bezahlen. Die Dogge versteht ihn falsch. Beißt um sich. Er springt zuruck. Hakt m, bem Fuß fjinters Tischbein. Das klappt zu. Parbauz! liegt bie Kuh auf dem Markt. Uib bann ist es so, als wenn die ganze Welt nur noch aus Kötern besteht. Die sollen über bas Fleisch her. Schlagen bie Zahne hinein. Fressen, schleppen weg. Auch ber Spitz ist habet Die Dogge hat sich daoongemacht. Er, so schnell wie's geht, roieber hoch. Er schimpft. Er schlagt. Er stößt mit Fußen. Tritt auf ein Stück Fleisch. Glitscht aus. Fallt aus bie Nase, baß sie blutet. Wieber hoch. Geschimpft, geschlagen, getreten, gegrapscht, was er kann. Unb nun besteht bie Welt bloß aus iachenben Menschen. . . . . Etwas, nicht viel, von dem Fleisch hat er gerettet. Er hat den Tisch mit den verdammten Klappbeinen wieder ausgestellt, das Laken um= gedreht unb bas Fleisch, bas er beim Marktbrunnen säuberlich abgewaschen hat, obenbrauf gelegt. Aber hat wohl noch einer was von ihm kaufen wollen? Nee! Mit den Fingern haben sie aus sein Fleisch gezeigt, haben getuschelt unb gelacht. . . Da er bas Lachen unb bas Tuscheln unb bas Fingerzeigen nicht mehr vertragen konnte, hat er ben Tisch mit ben Klappbeinen unb bie Waage unb bre Gewichte unb bas Laken unb bas Schlachtmesser unb bas bißchen Fleisch bas bie Köter nicht geholt haben, auf ben Wagen gepackt und hat im nächsten Augenblick das Querbrett unter bem Hintern unb bie Leine in ber Hanb gehabt. „Hüh! Rach Ziggelmark!" Als er eine Viertelstunde von Wittenburg weg ist, muh er plötzlich denken: Zehn Taler soll ich mitbringen. Au weh! Na, das ist >a nun nicht zu machen. Nicht einen einzigen Taler hat er in ber lafdje. Unb mas er nicht eingenommen hat, kann er nicht nach Haus bringen. Wird sich schon alles zurechtziehn, wenn er nach Ziggelmark kommt. Wozu ist er ein Kerl? ,Maul halten, Olsch!1 Unb plötzlich packt ihn bie Wut. Er nimmt bie übriggebliebene Kuh unb wirft sie.in ben Graben. ,Solln die Frosche fressen, wenn sie Rinbfleisch mögen!1 ■ „ „Unb als bu nach Haus gekommen bist, hat beine Frau , sagt der Herzog unb macht, ba et vor Lachen nicht weiter kann, währenb Lub- rnilla mit unerschütterbarem Ernst baneben sitzt, macht eine unmibver- stänbliche Bewegung mit ber rechten Hand. „Nee", sagt Waak. „Noch ist s gut gegangen. Ich hab meiner Olsch gesagt: morgen geh ich zu Johann Ludwig. Der ist ein gerechter Richter." „Ich soll zwischen dir unb der Dogge —", bem Herzog geht vor Lachen das Wort aus. - „Ja", bestätigte Waak, „Recht sprechen! Zwischen mir unb ber Dogge. Der ßüttje, ber Spitz, kann nichts bafür." „Die Dogge ist boch ein Tier, Waak!" „Der Herzog hat, als ich gekommen bin, selber gesagt: Alle Tiere müssen ihm gehorchen. Alle Tiere ohne Ausnahme. Dann muß ber Herzog auch Recht sprechen können zwischen mir unb der Dogge." „Aber bie Dogge wirb bir ben Schaben nicht bezahlen. Unb ihr Herr, vorausgesetzt baß er zu finben ist, auch nicht." „Das weiß ich allein", sagt Waak. . „Ja, wie benkst bu es bir bann, bein Recht zu kriegen?" „Da ich Recht hab, soll der Herzog mir zwei Knechte mit Hellebarden stellen. Wir wollen bie Dogge im gangen ßanb suchen. Sowie ich sie ge- funben hab — unb ich werbe bas Biest wiebererkennen, auch wenns aus allen Höfen nichts als Doggen gibt — bann —" „Dann sollen meine Knechte ben Missetäter zur Strafe abstechen?" „Neee —! Dann sollen beine Knechte bie Dogge an ihrer Halskette festhalten, Johann ßubtoig, unb sollen ihre Hellebarben so gegen ihren Kops ausstrecken, daß sie nicht nach mir umsehn kann, und ich —" „Da bin ich aber gespannt, was bu ihr antun willst.“ „Ich werbe sie biesnial mit beiben Händen am Schwanz zu halten kriegen, .Bezahlen!1 rufen unb solange bis sie verstanden hat, bah es In der Welt Recht und Ordnung ist: wer einem Fremden was wegfrißt, muß bezahlen! bezahlen! solange an ihrem Steert läuten!" Da durchschüttert es bie Herzogstochter ßubmilla. Blut schießt in ihr Herz, bas Gesicht rötet sich, sie legt die Arme übereinander, sucht sich zurückzuhalten — ihre Mutter starb! wie darf sie es wagen! — aber ihr Oberkörper fällt über die Arme weg nach vorn und sie lacht, lacht, lacht... „Bringt die tausend Taler die ich ausgeboten habe!" ruft ber Herzog. „Waak hat bas Wunder vollbracht: meine Tochter kann wieder lachen. Holt einen Tisch! Zählt dem Bauern das Geld vor! Damit er sieht, daß nicht ein Taler sehlt.“ Ein Tisch wird hereingeschleppt, vor den Bauern aus Ziggelmark hin- gestellt, tausend Taler werden ihm darauf vorgezählt: in vielen Reihen viele blanke Goldstücke. Als die Summe voll ist, sagt der Herzog — ßubmilla lacht noch immer —: „Ist dein, Waak, das Gelb. Ist alles bein!“ Nee!“ sagt der Bauer. Und: „Wieso?? Daß Ludmilla wieder lacht, dafür kann er doch nicht. Denn die Geschichte mit der Kuh ist eine verteufelt ernsthafte Geschichte. Ja und deswegen, bloß deswegen: wenn er wirklich zehn Taler von den vielen Talern da kriegen kann, das ist wohl der beste Ausgang bes verbammten Handels. Denn damit, batz bie Dogge ihn versteht, hat feine Olsch die zehn Taler für die geschlachtete Kuh ja noch nicht. Der Herzog sieht seine Tochter fragend an. Die nickt zustimmend. Und Johann ßubroig verkündet: „Spruch des Herzoglich ®ittenburgifd)en Gerichtes! Dem Bauern Waak zu Ziggelrnark zehn Taler Entschadchung für die von den Hunden aufgefreffene Kuh aus ber Herzoglichen Kaffe. Daß bie Sache mit ber Dogge aus ber Welt kommt. Waak grient, nimmt zehn von ben tausend Talern, steckt sie in seinen Hosensack und meint bann: eh er fortgeht, muß er bem Herzog noch was ins Ohr sagen. Johann ßubroig nickt Gewähr. Der Ziggelmarker Bauer steigt auf ben Richtersitz, beugt sich zu seinem ßanbesherrn nieber, ftustert. War aber bloß acht Taler wert, bat olle Diert! unb lauft, was er laufen kann, daß ihm das Gelb nicht roieber abgenommen wird. Keine Gefahr, Waak! Herzog Johann ßubroig zu Wittenburg im Mecklenburger Lande unb seine Tochter Ludmilla, ber das Lachen verloren gegangen war sind vollauf damit beschäftigt, dies roiebergefunbene köstlichste Kinb bes Lebens zu hätscheln. Gedicht. Don Novalis. Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren • Sind Schlüssel aller Kreaturen, Wenn die, so fingen oder küssen, Mehr als die Tiefgelehrten wissen, Wenn sich die Welt ins freie Leben, Und in die Welt wird zurückbegeben, Wenn bann sich wieder Licht und Schatten Zu echter Klarheit werden gatten, Und man in Märchen und Gedichten Erkennt die wahren Weltgeschichten, Dann fliegt vor einem geheimen Wort Das ganze verkehrte Wesen fort. Der unbekannte Tolstoi. Aus einem Tagebuch des 26jährigen Dichters. Aus bem Russischen übertragen von Dr. Petross. Soeben ist ’in Moskau zum ersten Male ein bisher un« bekanntes Tagebuch Leo Tolstois aus dem Jahre 1854 ver- ösfentlicht worden, das die spätere Persönlichkeit des Dichters unb Denkers im Keim offenbart. Tolstoi lebte damals in Bessarabien. 21. Juli: Früh morgens hat man mich geweckt und nach Sineschti ge- bracht. Ich bin mit bem heutigen Tag sehr unzusrieben. Ich hatte nämlich keine Zeit, etwas zu tun. Nicht einmal zum Lesen bin ich gekommen. Ich habe eine Genossenschaft mit nicht befonbers anftänbigen Leuten gegründet. Ich wäre zufrieden, wenn ich die Gelegenheit hätte, mich gut zu benehmen. Ich mache mir Vorwürfe, 1.) weil ich im Essen nicht enthaltsam war und Käse gegessen habe, 2.) weil ich den ganzen Tag gesaulenzl habe. 24. Juli: Heute kam ein Regimentskamerad mit unzufriedenem Gesicht zu mir und hat mir meinen Rapport an den Chef des Regiments zurück- gebracht. Ich habe mich über Kleinigkeiten geärgert und war den ganzen Tag mißgestimmt. Ich war wieder faul, apathisch, schweigsam, schüchtern bis zum Angstschweiß unb wußte nicht, was anzufangen. Es ist fonber- bar, baß ich erst jetzt einen meiner wichtigsten Fehler bemerkt habe Es ist ber Neid, ber für anbere beleidigend erscheint, sowie die Eigenschaft, meine guten Seiten besonders hervorzuheben. Um Liebe feiner Mit- menschen zu gewinnen, muß man alles das, was einen aus den Reihen der anderen hervorhebt, ängstlich verbergen. Recht spat habe ich das erkannt. 26 Juli: Selten habe ich mich in jeder Beziehung so schlecht gesühlt wie zur Zeit. Ich bin krank, gereizt, vollständig einsam, falle allen zur Last stehe in schlechtem Rus im Dienst unb habe kein Gelb. Ich mutz mich aus dieser Misere herausziehen. Ich muß ein Gespräch mit meinem Vorgesetzten haben und mir Gelb verschaffen. Ich werfe mir vor: 1.) Faul- beit, 2.) Indiskretion, 3.) Unfchlüssigkeit, mich zu verbessern. 27. Juli: Ich wäre mit dem heutigen Tage zufrieden gewesen, wenn nicht die Faulheit wäre. Einige Gedanken kamen mir in ben Sinn. Ich fühle bennoch, wie mein Gebächtnis erlahmt, wie Liebe, Achtung, und Vertrauen zu meinem Verstanb verschwindet. Ich gehe in der idealen Welt zurück und komme in der praktischen Welt nicht weiter. 28. Juli: Ich schreibe in angenehmster Stimmung, in der ich den ganzen Abend verbracht habe. IßormWags habe ich gelesen, habe mich mit Birnen vollgegefsen unb statt bes Mittagessens Käse genossen. Trotz eines Gelage» bei Kameraden, die eine Beförderung bekommen haben, bin ich nicht neidisch gewesen. Abends habe ich zwei Gläser Sekt ausgetrunken. 29. Juli: Meine Besserung greifet glänzend vorwärts. Ich fühle, wie meine Beziehungen zu meinen Mitmenschen angenehm und leicht werden, seitdem ich mich entschlossen habe, bescheiden zu sein und seitdem ich weiß, daß majestätisch und unsehlbar zu cheinen, keine Notwendigkeit ist. Ich bin sehr lustig, Gott gebe, daß die e Lustigkeit ihren Ursprung in mir selbst hat. Dann wäre ich immer lustig und immer glücklich. Vormittags entschloß ich mich, zu Haus zu bleiben und zu arbeiten. Es wurde nichts Rechtes daraus, und so mußte ich abends ein bißchen herumschlendern. Ich mache mir dennoch Vorwürse wegen Charakterlosigkeit und wegen des Nichtstuns während des ganzen Tages. 1. August: Ich bin spät aufgestanden und habe den ganzen Vormittag Schiller gelesen, jedoch ohne Vergnügen und ohne Begeisterung. Nachmittags war ich wieder faul und habe nur sehr wenig geschrieben. Den ganzen Abend verbrachte ich im cherumschlendern. Ich mache mir zum letzten Mal Vorwürfe wegen meiner Faulheit. Wenn ich morgen wieder nichts tue, werde ich mich erschießen. 4. August: Den ganzen Vormittag habe ich geschrieben und mich gut benommen. Nachmittags habe ich wieder nichts getan. Bei einem Kameraden habe ich Geld gepumpt und ein Pserd gekauft. Ich mache mir etwas Vorwürfe wegen Faulheit, böser Zunge und übereilter Meinungen. 5. August: Bin früh aufgestanden und habe mit Freude geschrieben. Deshalb ist mir auch das Ende einer Erzählung gut gelungen. Gegen Mittag habe ich leider die Entdeckung gemacht, daß ich noch nicht kuriert bin. Diese Entdeckung hat mich so deprimiert, daß ich wieder nichts anfangen konnte. Noch eine Regel, die ich in der letzten Zeit ausgearbeitet habe: Urteile nicht und sag nicht deine Meinung von anderen Menschen! Ich mache mir Vorwürfe wegen Faulheit am Abend. 6. August: Habe den ganzen Tag nichts getan und Karten gespielt. Zwei wichtige Vorwürfe. 7. , 8., 9., 10. und 11. August: Ich bin in dienstlicher Angelegenheit nach Verlad gefahren und habe den Auftrag gut ausgesührt. Zwei Abende habe ich beim Kartenspiel verbracht. Für die erste Leistung bin ich mir dankbar, für die zweite mache ich mir Vorwürfe, zumal ich in der ganzen Zeit nicht geschrieben habe. 12. August: Der Vormittag fing gut an — in Arbeit: aber der Abend! Großer Gott! Werde ich mich denn nie bestem? Ich habe nicht nur mein ganzes Geld, sondern soviel verspielt, daß ich es gar nicht bezahlen kann, im ganzen 3000 Rubel. Morgen muß ich mein Pserd verkaufen. 15. August: Bin früh aufgestanden und habe einen Spaziergang gemacht. Er gelang nicht, Habe ein wenig geschrieben, und zwar sehr schlecht. Ich wiederhole das, was ich schon notiert habe: Ich mache mir Vorwürfe wegen dreier Fehler 1.) Charakterlosigkeit, 2.) Reizbarkeit und 3.) Faulheit. Werde mit der erdenklichsten Mühe diese drei Fehler kontrollieren und notieren. Später, wenn ich sie los bin, werde ich zwei Aufgaben !laben: die Liebe meiner Nächsten zu gewinnen und mit mir sehr zufrieden ein, aber auch jetzt will ich diese Regeln nicht vergessen. 16. August: Bin um 7 Uhr aufgestanden, habe ziemlich gut, aber wenig geschrieben, saß bei Stolypin, dann habe ich in ekelhaftester Weise über den Sündenfall gestritten und bin deshalb schlecht gelaunt schlafen gegangen, habe meinen Burschen angebrüllt, bin reizbar. Das Wichtigste im Leben ist für mich die Befreiung von meinen Fehlern. Ich werde mit diesem Satz jeden Tag die Eintragungen ins Tagebuch schließen. 19. August: Habe ziemlich viel geschrieben, war abends zu Gast und habe ein unangenehmes Gefühl nach Hause mitgenommen. Ich bin mit dem Tag zufrieden, außer der Faulheit während der Arbeit. Ich könnte noch mehr arbeiten und zufrieden fein, habe mir aber während der Arbeit eine Rast erlaubt. Am wichtigsten ist für mich die Befreiung von drei Lastern — Charakterlosigkeit, Reizbarkeit und Faulheit. 20. August: Habe meine Novelle beendet. Schwach! Am wichtigsten ist für mich die Befreiung von meinen drei Lastern. 21. August. Den ganzen Tag hak mir Zahnschmerz verdorben. Ich mache mir Vorwürse wegen Faulheit, Unschlüssigkeit und Reizbarkeit. 24. August: Habe heute zwei angenehme Empfindungen. Einen Brief von Nekrassow, der meine „Jugend" lobt, und habe ein gutes Buch gelesen. Es ist sonderbar. Je höher man den Menschen erscheinen will, um so mehr sinkt man in ihren Augen. Alle Wabrheiten sind paradox. Direkte Folgerringen der Vernunft sind sehlerhafk. Unlogische Folgerungen eines Experiments sind fehlerlos. Am wichtigsten ist für mich die Befreiung von meinen drei Lastern. 27. August: War böse mit Aliofcha. Den ganzen Tag außer Schreiben und Lesen eines vortrefflichen Romans von George Sand nichts getan. Habe meinen Burschen geschlagen. Meine Stimmung ist schwarz. Ein schlechter, schwerer Tag. Am wichtigsten ist für mich die Befreiung von meinen drei Lastern. 28. August: Ich bin 26 Jahre alt geworden, habe mich heute zweimal über den Burschen geärgert, Herrn Golynsky schlecht beurteilt. 1., 2. September: Ich habe gestern gesündigt, habe einen Kameraden angepumpt. 3.September: Habe zweimal versucht zu schreiben — es ging nicht. Abends habe ich Karten gespielt. Geldmangel und meine Beziehungen zu Bekannten drücken mich. 5. September: Ich und mein Tagebuch werden immer dünner. Meine literarische Arbeit will nicht gehen. Habe heute einen gereizten Brief geschrieben. 17. September: Habe mich schlecht benommen, nichts getan und bin Mädchen nachgelaufen. Ich muß mich von Faulheit, Charakterlosigkeit und Reizbarkeit befreien. 22. September: Ich bin sehr heruntergekommen. Bin mit meiner Besserung unzufrieden. 6 bis 10 Oktober: f)abe Geld erhalten, viel für Kleinigkeiten aus- gegeben, Karten gespielt. Habe ein Pferd gekauft und bin in eine neue Wohnung umgezogen. Mein Tagebuch geht langsam, dafür fange ich an, mich zu bessern... _____ 006 Mangova'iwwunder. Roman von Leo Perutz und Paul F r a nk. Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München, (tforlleßungj Die Schauspielerin hatte den Arzt bisher nicht beachtet. Jetzt erst hatte sie die Fütterung des Pferdes beendet und warf dem Lakaien die Zügel zu. Dabei fiel ihr Blick auf Dr. Kircheifen, der sich leicht vor ihr verbeugte. Erstaunt sah sie ihn an. „Ich bitte um Vergebung, mein Fräulein", sagte der Arzt. „Wenn ich Sie heute hier empfange." „Wo ist denn der Felix...?" fragte sie ungeduldig. „Wo ist der Baron?" „Das ist es ja eben ... Erlauben Sie, daß ich mich vorstelle, Dr. Kircheifen... Ich bin Arzt." „Melitta Ziegler. Mitglied des Burgtheaters." „Sehr erfreut, meine Gnädige. Der Herr Baron hat mich zu sich rufen lassen ..." „Es ist doch um Himmels willen nichts passiert?" rief die Schauspielerin. ... Donnerwetter — dachte der Arzt... Ordentlich blaß ist sie geworden. Die scheint sehr besorgt um ihn zu fein, ober sie spielt glänzend Theater... „Nur eine Kleinigkeit. Nichts von Belang", gab er zur Antwort. Die Hand der Schauspielerin haschte nach seinem Arm. „Es ist ihm etwas zugestoßen!" schrie Melitta Ziegler verzweifelt. „Er ist krank! Was fehlt ihm? Sprechen Sie doch, Herr Doktor." „Ein kleiner Unfall beim Reiten. Er ist vom Pferd gestürzt", sagte der Arzt zögernd, denn diese Lüge klang ihm allzu unwahrscheinlich und es kostete ihn Ueberminbung. sie über die Sippen zu bringen. Doch — wie sonderbar, Melitta Ziegler schien ihm zu glauben. Daß der hinfällige, alte Herr sich unmöglich auch nur eine Sekunde lang im Sattel halten konnte, das schien ihr ganz und gar nicht einzufallen. „Er ist verletzt! Er ist gefährlich verletzt!" Ihre Stimme zitterte. „Aber gar nicht. Verletzt ist er überhaupt nicht", beruhigte sie der Arzt. „Nur ein kleiner Nervenchok, das ist alles." Die Hand ließ ihn los. Der Arm fiel schlaff herab. „Gott fei Dank!" flüsterte sie und lehnte sich gegen das Torgitter. „Jetzt kommen Sie, Doktor. Ich will zu ihm. Wie ist bas Unglück geschehen?" ... Du lieber Gott! ... buchte der Arzt... Ja, wie ist das Unglück geschehen? Wenn ich's nur selber wüßte. Aber irgend etwas mutz ich ihr doch erzählen! Ich hab's schließlich dem Baron versprochen... „Ja, ... also gestern abenb!\ begann er seinen Bericht, und gleich darauf sprach er fließend, denn er hatte sich rasch irgendeine Art von Reikunsall zurechtgelegt. „Zu Anfang der Allee soll's gewesen sein. Die Straßenlaterne brannte nicht." „Sa eine Wirtschaft!" rief die Schauspielerin. „Diese Wiener Verwaltung! Als ob jemals irgend etwas in Ordnung wär'." „Wie der Unfall eigentlich geschehen ist, weiß ich nicht. Es scheint, daß das Läuten eines Radfahrers das Pferd so erschreckt hat. Dieser Radsahrer Hai, als er herankam den Herrn Baron auf der Erde liegend 1 in leichter Ohnmacht gesunden. Er ist bann rasch ins nächste Kaffeehaus gefahren, um nach einem Arzt zu telephonieren. Das war aber nicht nötig, da ich zufällig in dem Kaffeehaus faß. Ich hab' den Herrn Baron schon bei Bewußtsein gefunden — ein paar Hautabschürfungen und ein leichter Nervenchok, das war alles. Morgen wird er fein Zimmer wieder verlassen können." „Bitte, führen Sie mich jetzt"zu ihm! Er liegt im Schlafzimmer?" „Nein, in seinem Arbeitszimmer. Ich muß Sie aber aufmerksam machen, daß der Patient strengste Ruhe nötig hat." „Dann ist es also doch gefährlich! Hat er nicht nach mir verlangt? Warum hat man mir nicht sofort telephoniert? Noch gestern abend!" „Das war wirklich nicht notwendig. Es lag kein Anlaß vor, Sie in Unruhe zu versetzen. Es ist bestimmt nichts Ernstes." „Dann lassen Sie mich zu ihm!" „Gewiß, wenn Sie das beruhigt. Eine Unterredung von fünf Minuten kann ich Ihnen gestatten, wenn Sie mir versprechen, alles zu ver- meiden, was den Herrn Baron aufregen und feinen Zustand verschlimmern konnte." „Natürlich! Ich verspreche es Ihnen, Herr Doktor! An der Tür des Pseudo Krankenzimmers verabschiedete sich Dr. Kircheisen von der Schauspielerin. Er wollte inzwischen noch ein wenig nach dem Kranken schauen, sich die Sicherheit verschaffen, ob er bas Haus auf eine ober zwei Stunden verlassen konnte, denn er hatte allerlei aus seiner Wohnung zu holen. Leise trat er an des Inders Bett. Ulam Singh lag bewegungslos und schlies... Das ist kein ungünstiges Symptom ... sagte er sich... Solange er nicht deliriert, ist wohl keine unmittelbare Gefahr. Das ist eigentlich etwas sehr Merkwürdiges, dieser gewaltige, beinahe heroische Kamps des menschlichen Körpers gegen das attackierende Gift. Freilich, in diesem Fall ist der Kampf vergeblich: das Gift wird Sieger bleiben. Aber bis dahin: alle Wechselfälle des Krieges zwischen Gift und menschlichem Körper. Langsames Vordringen des tückischen Feindes, zähe Verteidigung, der jähe Versuch einer raschen Ueberrump- lung — abgeroiefen für den Augenblick! Jetzt herrscht so etwas wie ein Waffenstillstand: Ulam Singh schläft. Dr. Kircheifen sah auf die Uhr: ... Die fünf Minuten sind um... Jetzt muh ich die beiden stören: sie wirb ungehalten fein. Sie scheint ihn wirklich unb aufrichtig gern zu haben, ben alten Mann. Wie sie erschrocken war, unb wie ängstlich besorgt. Dieses blühenbe Geschöpf liebt ben grauhaarigen, hinfälligen Greis, ber ihr Vater, wenn nicht gar ihr Großvater | sein könnte! Frauen sinb oft sckwer verstänblich in ihren Neigungen... I Er klopft an die Tür des Arbeitszimmers. Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Vrühl'fche UntverfitStS-Vuch. und Steindruckerei, D. Lange, Gießen. Eine von den Domestiken vielleicht — ein Stubenmädchen oder so was. Der Arzt schwieg. Ein Gedanke, der für einen Augenblick in ihm auf. aetaucht war. als die Schauspielerin des Barons Stimme „eine von einem ganz anderen Menschen" genannt hatte, verdichtete sich plötzlich zu einem Verdacht. Darum also das dunkle Zimmer .... darum war das nlnge Mädchen in das Zimmer eingesperrt worden! Und jetzt werden wir ein bissel aushoren zu plaudern, weil wir auf die Mariahilfer Straße kommen, und da muß man achtgeben beim «ul» schieren, daß man keinen Pallawatsch anrichtet", sagte die Schauspielerin. Wenn Sie aussteigen wollen, melden Sie sich gesalligst an, Herr Doktor. Und jetzt schaun wir, daß wir vom Tramwaygleise wegkommen, sonst schreibt uns noch ein Wachmann auf..." Die Ersteigung der Lima llndici. Dr. Kircheisen war in hohem Grade Gewohnheitsmensch. Daß er erst jetzt, um els Uhr vormittags, dazu gekommen war. sein gewohntes Mor- genbad zu nehmen, störte ihn in seiner Ordnung und machte ihn ver drietzlick . Nun. dafür hab' ich's wenigstens in meiner eigenen Woh- nung gehabt und nicht in dem fremden, unbehaglichen Badezimmer der Hietzinger Billa, und kann jetzt in Ruhe über all das nachdenken, was ich feit gestern erlebt hab'... Damit tröstete er sich wahrend er in sein Schlafzimmer trat. Er nahm Kamm und Bürste und stellte sich vor den ^R^urnieren wir einmal ..., dachte er... Gehen wir die Dinge der Reihe nach durch. Der Baron wird mir als Hochtourist geschildert. Und ich finde einen alten Herrn vor mit allen^Anzeichen einer ^r^^osklerose in ihrem vorgeschrittenen Stadium. Er bekommt Besuch und versucht, sich verleugnen zu lassen, empfängt ihnschließlichinemem °Eomrnen verdunkelten Raum. Erschrickt vor ,edem Lichtstrahl, der aus, sein Gesicht fallen könnte. Er will nicht gesehen werden. Schon das ift auffaUtO genug, aber lange noch nicht alles. Seine Stimme klang dem Besuch verändert — wie die einer ganz anderen Person", hatte die Schauspielerin gesagt. Dazu kommt noch, daß die gesamte Dienerschaft Knall und Fall aus der Villa entfernt worden ist. Offenbar gibt es etwas zu verheimlichen. Nur der alte Philipp durfte bleiben — daraus folgt, daß dieses Faktotum in alles eingeweiht ist. Für das gibt es aber nur eine einzige Erklärung! ... Dr. Kircheisen legte Kamm und Bürste aus der Hand und ging unruhig im Zimmer auf und nieder. .. , , . Die Lösung des Rätsels ist ... setzte er seine Schlußfolgerung fort, daß der alte Herr, den ich in der Billa angetrof en habe, ruckst der Baron Vogh ist. Er gibt sich für den „tollen Baron aus - ich weih nicht aus welchem Grunde. Alles deutet daraus hin. Die Ausrede, daß er beim Ausreiten vom Pferd gestürzt sei. Dieser alte hinfällige Mann will geritten sein! Aber die Schauspielerin war gar ntot erstaunt darüber Ihr erschien das ganz selbstverständlich. Natürlich! Der wirkliche Baron Vogh ist wahrscheinlich ein ebenso glänzender Reiter wie ein hervorragender Alpinist. Und der alte Herr dort oben ist aus irgendeinem Grunde genötigt, die anstrengende Rolle des „tollen Barons zu ^^ Dr. Kircheisen blieb stehen und machte hastig ein paar Züge aus „Na, Felix selbst natürlich. Der Varon." „Daß er die Baronesse aufs Land geschickt hat?" „Wer wird denn so einen Fratzen Baronesse nennen. Wir nennen sie unterelnanb’ Immer nur den ,Spatzen'. Ein herziger Kerl — ich bin ganz vernarrt in mein künftiges Töchter!! Dabei ist sie ein Spitzbub! Der Fratz hat mir vorigen Dienstag, als sie mit ihrem Later bei mir zu Mittag war, eine Bürste ins Bett gelegt — ich hab's erst am Abend beim Schlafengehen gemerkt —" „Aber die pinge Dame, die vorhin aus dem Fenster geklettert ist, — war denn das nicht die Baronesse Gretel?" „Wer?" fragt die Schauspielerin und verzog hochmütig die Lippen. „Aber was fällt Ihnen denn ein. wie kommen Sie auf fo was? Das war doch nicht die Gretel! Die Person hab' ich zum ersten Male gesehen. „Herein!- antroortet ihm die Stimme .derSch°uspie'erin OhSie kommen schon, mich zu hoben. Ja was 'st 2hn°n 2,oMor' I Kommen Sie doch herein! Wovor furchten Sie sich denn? I Dr Kircheifen war erstaunt zurückgeprallt und ganz verwirrt in der nH-nln Tiire Heben aeblieben Das Zimmer war von tiefer Finsternis ein breiter Lichtstreifen und ließ Helligkeit in einen kleinen Teil des 3i"r fo'toließen Sie doch die Tür!" hörte der Arzt die Stimme des Barons. „Sie haben mir doch selbst die Dunkelheit verordnet! ... Ich habe ihm gar nichts verordnet ... dachte der Arzt, zog die Tür hinter sich zu und stand ein wenig betäubt im Dunkeln. „Ja, mein Kind, ich kann dir nicht helsenl" ertönte jetzt^ wieder die Stimme des Barons und man merkte ihm an, daß er zu scherzen bemüht war. „Der Herr Doktor ist streng. Wir müssen ihm folgen. „Aber ich darf doch nachmittags wiederkommen? fragte die Schau ^,',Jch möckst's ja so gern!" klagte der Baron. „Aber der Doktor er- laub't’s nicht!" _ „ Aber morgen doch? Morgen um diese Zeit. "Morgen ..." wiederholte der Baron und machte eine lange Pause. „Ja" wir wollen hoffen, daß morgen alles vorbei ist. Und nun leb wohl, letzt bitten, gnädiges Fräulein!" sagte der Arzt und öffnete die Tür so weit, daß er und die Schauspielerin das Zimmer verlassen konnten. Melitta Ziegler schloß die Zügen und hielt die Hand wie einen schützenden Schirm vor. „Wie das Licht blendet... sagte sie. „Weshalb haben Sie das dunkle Zimmer angeordnet, Doktor? Sind denn die Augen °UDire»' ‘eigen t f kh * nidjt" antwortete der Arzt, der über das verdunkelte Zimmer elbft ganz erstaunt war. „Aber in derlei Fallen emp- siehlt man gern absolute Dunkelheit, weil ihr zugleich meist eine vollkommene Ruhe assoziiert ist." , O Gott, — lieber Doktor — wenn nur alles rasch oorubergmge! ^Wir wollen es hassen, gnädiges Fräulein." „Es scheint ihn doch tüchtig mitgenommen zu haben. Ich hab' ihn zwar nicht sehen können, aber seine Stimme klang ganz anders als sonst. Wie von einem ganz andern Menschen, dacht' ich anfangs Sie finden, daß seine Stimme ungewöhnlich oder verändert geklungen bat?" fragte der Arzt interessiert. „Wie die Stimme eines Fremden? Beinahe, ja! Es muß doch keine Kleinigkeit fein, solch ein Nerven- chok" — Sie wollen auch fort, Doktor?" fragte die Schauspielerin, als sie Hut und Stock in Öen Händen des Arztes sah. „Ja, auf einen Sprung in meine Wohnung, gab der Arzt zur 2ÜÜISiet mahnen im ersten Bezirk? Aber, so fahren Sie doch mit mir, Herr Doktor! 'Sitte schön, ist mir ein Vergnügen... Keine Umstande ... ich setze Sie ab, wo Sie wollen. In der Nähe Ihrer Wohnung oder auf der Ringstraße. Woran denken Sie denn eigentlich, Herr Doktor. Sie hören mir ja gar nicht zu!" - , Dr Kircheisen war allerdings wieder einmal gar nicht bei der Sache. Verzückt starrte er auf eines der Parterrefenster, aus dem eben bie Baronesse, geschickt wie ein Akrobat, lachend und übermütig auf einem ziemlich halsbrecherischen Wege in den Garten hinab jonglierte. „Schauen Sie nur, gnädiges Fräulein!" sagte Dr. Kircheisen und wies auf Greil. „So ein Wildfang! So ein entzückender Tunichtgut!" „Na ja!" sagte die Schauspielerin, die schon im Wagen saß, gleichgültig. „Wenn Ihnen das gesällt... Kommen Sie jetzt raus zu mir. Es wird zwar ein bissel komisch aussehen, wenn die Dame kutschiert und der Herr daneben sitzt, aber das wird Sie hoffentlich nicht weiter genieren. ... Die Baronesse und ihre künftige Stiesmama scheinen wirklich nicht zu harmonieren ... dachte der Arzt, als er neben der Schauspielerin die Allee hinuntersuhr... Wie wenn sie Lust wäre, so hat die Melitta Ziegler das arme Mädel behandelt. Die Stiefmutter, natürlich! Das alte Lied. Ein bissel eisersüchtig auf „Schneewittchen hinter den Bergen' ... „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mir die Geschichte in die Glieder gefahren ist!" jagte die Schauspielerin nach einer Weile. „Ich muß mich sofort niederlegen, wenn ich nach Hause komme. Dabei hab' ich morgen das Rautendelein zu spielen, mit einem neuen Heinrich noch dazu. Mit dem Lanterböck aus Düsseldors — kennen Sie vielleicht den Lauterböck? Ein sehr talentierter Mensch... Nur ein bissel zu viel spuken tut er, wenn er in Feuer kommt... Sie entschuldigen schon, Herr Doktor, aber Sie haben keine Ahnung, wie unangenehm das für die Partnerin ist." „Ich kann mir's vorskellenl" sagte der Arzt zerstreut. „Sehr gescheit sind' ich's von dem alten Philipp, daß er die Gretel rasch zur Schwester des Barons auss Land geschickt hat. So hat man ihr wenigstens die Ausregung erspart." „Wen hat man auss Land geschickt?" „Die Gretel, die Tochter meines Bräutigams." „Ja, wer hat Ihnen denn das erzählt?" fragte der Arzt erstaunt. seiner Z^garette^ irgendeines weiteren Beweises bedürfte .. -.überlegte er. ... Meine Beobachtungen auf der Fahrt hierher ..! Die Melitta Ziegler kannte das junge Mädchen gar nicht, das mir als bie Barone e ooraefteUt worden ist. „Ein Stubenmädchen wahrscheinlich , hatte sie gesagt. Und: „Ich seh die Person zum erstenmal". Natürlich, das reizende Mädchen war ebensowenig die Baronesse Vogh, wie ihr Vater der Baron. Darum war sie in ihrem Zimmer eingeschlossen worden, damit sie der Schauspielerin nicht zu Gesicht tarne. .. ...... Und jetzt erinnerte sich Dr. Kircheksen auch, in welch ängstlichem, mißtrauischem Ton der Pseudobaron ihn heute morgen gefragt hatte: „Kennen Sie meine Tochter Greil?" Natürlich, hätte er^ Dr. Kircheisen, zur Antwort gegeben: „Ich habe bereits das Vergnügen , so wäre das Mädchen vor ihm genau so versteckt gehalten worden, wie vor der Melitta Was aber war der Sinn dieses ganzen Spiels? Lag ein Verbrechen vor? Waren der wirkliche Baron und seine Tochter aus dem Wege ge- räumt worden? Oder waren das alles erst die Vorbereitungen zu einem Verbrechen, für dessen Ausführung etwa die Hilfe des indifchen Gartners benötigt wurde? „Er hat noch etwas Wichtiges, etwas Unerläßliches zu Ende zu bringen!" hatte der Pfeudobaron gesagt. Was war es, wozu der sterbende Ulam Singh gebraucht wurde? Und wenn der alte Mann in der Villa die Rolle des Barons spielte — wo waren der wirkliche Baron und seine Tochter? Sind die beiden auf Reifen? Oder am Ende tot? Das sind Fragen, die beantwortet werden muffen! ... sagte sich Dr Kircheisen und zog, vor dem Spiegel stehend, entschieden den Knoten seiner Krawatte zu... Daneben gibt es allerdings noch anbre buntle Punkte, zu deren Aufhellung meine Vermutung, daß der „tolle Baron und der gebrechliche alte Herr dort zwei verschiedene Personen sind, nicht hinreicht. Wie kommt die giftige Tik Paluga m bie Villa? Wie ist es überhaupt gelungen, sie lebend nach Europa zu schaffen? Der Inder soll sie aus ihrer Heimat gebracht haben - aber er hat vor anderthalb Jahren Indien verlassen, und die Schlange ist kaum drei Monate alt. Das ist mehr als ich begreifen kann. Und bann ber zerschlagene Spiegel. „Hwi- mel ’ben hab' ich vergessen!" hatte ber Baron geschrien. Wahrhaftig, ich habe auch in ber ganzen Wohnung keinen Spiegel bemerkt. Eine recht änderbare Schrulle, daß feine Tochter niemals ihr Spiegelbild sehen darf! Seine Tochter ... wie furchtbar, wenn auch sie in diese dunkle Sache verwickelt wäre. Etwas Schlimmes ist dort oben geschehen, etwas Fürchterliches vielleicht ... die Unruhe des Pseudobarons, die Verzweiflung des alten Dieners, bie ganze büfterc unb angstvolle Stimmung in bem teeren Haus läßt es befürchten. Wollte Gott, bas Mädchen wüßte nichts davon, wäre unschuldig an allem was immer geschehen sein mag. (Fortsetzung folgt.)