Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <933 Freitag, -en <5. Dezember Uummer 97 Weihnachtssingen. Von Lina Staab. Straßenher weht ein Lied, spielt ein Schein golden auf den Häuserreth'n: Kleine kalte Kinderhände tragen Helle Kerzenbrände gläubig in die Nacht hinein. Wie die Sterne mild wandert Lichtchen neben Licht. Sieh, jetzt schart sich's dicht: Flämmchen, Kinderangesicht — nahes weihnachtliches Sternenbild. Kleiner warmer Mund, wie bei Engeln preisend offen, singet Lob, verheißet Hoffen, tut das Wunder kund. Ach, wir glauben gern in der langen, kalten Nacht, sind zum Leuchten angefacht, in uns Zelber singt es sacht — Weiter ziehen Lied und Stern. Straßenhiu weht der Wind zarten Klang, seligen Sang von Maria und dem Kind. Der Sternenbaum. Roman von Friedrich S ch n a ck. (Nachdruck verboten.) Die Geburt. Als das Kind des Waldarbeiters Hofschasfer zur Welt kam, war es ein Knabe. Der Mann und die Frau wären glücklich über die Geburt ihres Erstlings. Sie nannten das kleine Wesen Juppi, zur Erinnerung an einen lustigen Waldfinken, den die Mutter in ihrer Mädchenzeit drüben int Böhmischen gehegt hatte. Der Name Juppi klang fröhlich, das Neugeborene sollte auch ein fröhliches Kind werden. Heute morgen in der fünften Htunde, da es noch tiefdunkel und still ringsum war, hatte sich die kleine Menschenseele unter dem ärmlichsten Dach wett und breit, in der engen Schlafstabe aus dem Himmel der Ungeborenen niedergelassen und blinkende Augen int irdischen Tag aufgetan. Entkitospet war er, der neue Trieb am Baum des Lebens, und nun war man zu dritt: Vater, Mutter, Kind. An einem auserwählten Tag war das Kind gekommen, doch bei Frost und hohem Schnee, der die Wälder des Bayerischen Waldes begrub und die Berge bedeckte: cm einem Liebe strahlenden, geheim klingenden Tag hatte sich die neue Seele eingefunden: am WeihnachtStag, in der heiligen Zeit, am Tag des schönsten Abends im Jahr. Wie sieht das Kind aus? Der Vater beugt sich über das Bett seiner Frau Stasi, die matt in den schneeweißen Linnenkissen liegt. Ihr Gesicht leuchtet von innigem Glück, die Stirn glänzt, wachsbleich zeichnet sie sich vom Ansatz des böhmischen Weizenhaares ab. „Gelt, es war nicht leicht, Stasi?" meint er. Es war nicht leicht. Aber Juppi war nun aus der Welt. Wie lange hatten sie beide auf ihn gewartet. Der Mann drückt seiner Frau einen Kuß auf die Stirn, ein wenig linkisch in seiner Zärtlichkeit. Er ist darin ungeübt, er arbeitet Tag um Tag int Wald. Früh geht er fort, abends kommt er heim. Nur in ganz schweren Wintern, wenn die Schneisen verweht und die Wege verloren sind, gibt es int Hochwald nichts zu roden, nichts zu fällen und zu backen, dann bleibt der Hofschasfer daheim und schneidet Schibölzer, büttnert Wasserschasfe und Kornmetzen. So bringt er sich durch. Wie sieht es aus, das Kind? Ein paar GlückSworie drängen sich dem Vater über die Seele, doch sind sie lautlos, die Lippen bleiben geschlossen. Die Spitzen seines dunkelblonden Zwirbelfchnurrbarts hängen zu beiden Seiten des Kinns, in seinen Augen lacht blaue Freude. Die magern Knochenwangen glüh». Das kleine Würmchen, denkt sich Hofschaffer. Endlich ist es da. Fünf Jahre hat es gebraucht, um herzukom- men. Er hatte schon int Stillen seine kinderlose Ehe beklagt. Wie groß ist nun sein Glück. Er betrachtet das Kind. Seine beiden Augenstrahlen streicheln es, hüllen es väterlich mild ein. Wie ein Eichkätzchen ist das Kind, so fein. Ein solches Bjibchen gibt's nicht ein zweites Mal. Da liegt's, eingekuschelt in sein Steckkissen,' wie ein junger Baumkauz schläft es, wie ein ganz winziger Kuckuck, dem noch keine Federn angeflogen sind. Er schläft, atmet, der Juppi. Was er für ein Gesicht hat: verdrießlich und befriedigt, wie einer, der eine lange Reise zurttck- gelegt und sein Ziel ereicht hat. Er wird froh sein, daß er da ist. Schlaf dich aus, hier kannst du lang und gut schlafen, denkt der Vater. Im Bett ist's warm, bei der Mutter. Die Stube ist geheizt, draußen kracht der Winter ... Bläulich schimmern die Adern unter der Milchhaut des Gesichts. Die Engelsfäuste liegen in den Falten der Zudecke. Mit seinem groben Finger berührt Hofschasfer behutsam die Kindeshand: weich wie Moos ist die Hand, wie das Fell einer Rehkitze. Die Anemonen haben eine so zarte, weiße Blütenhaut. Es gibt nichts Rührenderes auf der ganzen Welt als die Hand seines Kindes. Gott sei Dank, das es geboren ist. Schritte in der Wohnstube. Hofschasfer richtete sich auf, seine Frau war eingeschlafen, draußen vor dem Tisch stand die Spiel- zeug-Gret, eine Frau in den Dreißigern. „Eine Unmenge Schnee hat es heut Nacht geworfen", sagte sie mißbilligend. „Man könnte meinen, unser Herrgott möcht vor dem Kleinen die böse Welt verstecken. Droben in Finsterau steigen die Bauern durchs Bodenfenster. Der Schnee reicht bis zum Dach." „Der Doktor hat sicher ’n schweren Heimweg gehabt", bedauerte Hofschasfer. „Schlaft die Stasi?" „Sie schläft." „Das Kind?" Zufriedenheit verklärt die scharfen Waldarbeiterzüge. Hosschaf- fer nickt. „Hast dich ausgeruht, Spielzeug-Grct?" erkundigt er sich nach dem Befinden seiner Helferin. Sie hatte sich ausgeruht. Das bißchen Nachtwache. Dem Doktor war sie zu Hand gegangen, als das Kind kam: sie hatte getan, was nicht Männersache war. Nun hatte sie Eßwaren einoebolt: ein Stückchen Butter, ein paar Eier, eine Taube für die Wöchnerin Eigentlich wäre zur Stunde ihr Platz in Passau auf dem Weih- nachtsmarkt gewesen, in der Spielzeugbude, von der sie ihreit Volksnamen hatte. Dort waren, wie alljährlich, zu verkaufen: bemalte Holzpferde, geschirrt und mit Glöckchen behängt, Puppen mit Schlafaugen und blondem Kräuselhaar, Automobile mit Federan- trieb, Kreisel, Spieldosen, Hanswurste,' die mit den Beinen schlotterten, Zelluloid-Fischchen und Holzschiffe mit Fahnen. Bälle, Reifen, Sparbüchsen. Feine Kleiderstoffe und bedruckte Schürzen hielt sie da feil, Lebkuchenherzen für die Bauernmädchen. Sprüche darauf und lustige Geständnisse, Christbaumschmuck, gläsern, silbern, golden. Engelshaar, Kerzen ... All dies hätte sie heute in Passau verkaufen müssen. Aber wie? Sie konnte doch nicht die Stasi in ihrer schweren Stunde mitten im ärgsten Winter allein lassen, mit dem guten, aber ungeschickten Mann und dem alten Doktor. So batte sie ihrer in Passau lebenden Schwester geschrieben, sie möchte diesmal für sie einspringeu und die Pferde verkaufen, die feinen Puppen, die Blechautomobile, die Lastwagen und die Herzen mit den Sprüchen. Hoffentlich war der Markt auch gut besucht. Einen besoraten Blick warf sie durchs Fenster auf den hohen Schnee und die Silbertannen. Dann machte sie sich am Herd zu schaffen, es ging auf zwölf. Am Nachmittag, schnallte der Mann die Schibretter fest und alitt in den Winter. Am Wald schwang er sich hin in die Einöde. Er öurchfchnitt bas Spurengesäuse der Rebe und Hirsche, die auf der Suche nach Futter von Wald zu Wald gezogen waren, und rutschte in ein verschneites Dickicht. Hier wußte er ein Fichtenbäumchen. das hatte er sich schon im Sommer ausgesucht. Unter einer Schneewoge hielt es den Winterschlaf. Seine Hand durch- arub den Schnee und erweckte den jungen Fichtlina. V"n den Zweigen rauschte der Winterflor. grün wurde das kniehohe Bäumchen und reiate sich zierlich geostet, so wie es den Sommer lang schon im Wald aeleuchtet hatte. Hofschasfer neigte sich in den Schnee und nahm es heim mit sich. Als er in das Zimmer trat, olänzte ihm der weiche Blick seiner Fra» entgehe». Er hielt die Fichte in die Lust: dos Weihnochts- bäumchen. Ein Wald- und Harzgeruch begann milde zu duften, Gewürz der heMgen ZeN. In oen vergangenen Wintern hatten sie nur einen schlichten Fichtenwedel über der Tür befestigt, zum Zeichen des Festes. Drei rote Aepfcl hingen dran, drei rote Kerzen hafteten auf dem Zweig. Heute war das anders. Ein Kind lebte im Haus, und zu ihm gehörte ein richtiges Christbäumchen. Die Spielzeug-Gret versah es mit Schmuck. Engelshaar aus der Passauer Bude webte die Frau über die Zweige, goldene und silberne Strähnen, als entstammte die Fichte einem Mondwald. Bunte Glaskugclketten hängte sie von Zweig zu Zweig. Wie ein Bäumchen aus einem Glaswalü sah da die Fichte aus. Hofschaffer bestaunte das Wunderwerk. Rote Aepfel waren an die Aeste gebunden: eine Fichte mit Himbeeräpfeln. Kerzen darauf, rote, weiße, blaue, gelbe Kerzen: ein kleiner Baumaltar mit seinen feierlichen Sternen. Auf der grünen Spitze, wo die braungelben Knospen saßen, schwebte ein goldener Engel. Vogelgleich hatte er sich niedergelassen. Sein Mund war zum Singen geöffnet. Er sang in seine engelische Weihnachtswelt hinein. Der Mann und die Frau sahn auf das Bäumchen. Schönes Traumbäumchcn, herrliche Kinderfichte! Sie fühlten sich plötzlich kinderjung, kaum angeschnaubt vom Lebenssturm, Kinder waren sie wieder: sie ein kleines fünfjähriges Mädchen in Böhmen, wo die Eltern eine kärgliche Landwirtschaft betrieben; er ein Junge im Bayerischne Wald droben, hinter den Wäldern, wo sein Vater in der Glashütte Gläser blies. „Fertig!" rief die Spielzeug-Gret und legte noch ein paar Fichtensprosscn kreuzweis aus das weiße Tischtuch, darauf der Christbaum stand. Die Erwachsenen schüttelten den Traum ab und gedachten vergnügt ihres Kindes. „Wunderschön, Spielzeug-Gret!" lobte Hofschaffer. Vor den Fenstern ragten die Waldbäume in den Winterhimmel. Die Sonne verhauchte ihren Geist in kalter Röte. Schneeblau flimmerte der Wald. Schneegewölk trugen die dunkeln Stämme, Baldachine von Schnee. Silbern floß es von ihren Astschultern, golden von ihren Schneekronen und Eisspitzen. Darüber fchwang der klare Abendhimmel. Dann wurde es nachtdunkel, aber bas Bäumchen leuchtete. Alle Herzen brannten. Hell war es in der Stube und still. Es war, als leuchte die Stille. Stärker veratmete das Bäumchen seinen Waldodem. Es lebte im Licht. Auch die Gesichter der Menschen lebten im Licht. Durch die Kammertür fiel der Schein in die Wöchnerinnenstube und über- malte die braunlackierte Bettlade. Die Mutter hielt ihr Kind. Andächtig lehnte Hofschasfer unter der Tür und schaute bald auf das Bäumchen, bald auf seinen Jungen. Die Spielzeug-Gret stand daneben. Im Ofen brauste das Feuer, die tännernen Scheite knatterten und opferten ihren Harzschatz hinter der Ofentür. Wärme hüllte die vier Menschen ein, die Alten und das Kind. Sie waren geborgen. Diamantenklar funkelten die Sterne über den Baum- spitzen durch die Fensterscheiben. „Ehre sei Gott in der Höhe ..." begann die Spielwarenfran anfznsagen. „Und Friede den Menschen auf Erden ..antwortete die harte Stimme des Mannes. Die Kerzen flackten, manchmal sirrte und sott eine angeröstete Fichtennadel. Nachts ging der Mann zur Christmette ins nächste Dorf. Auf seinen Schibrettern, die Laterne vor der Brust, zog er sternschnup- penhaft flink an den Fenstern vorbei. Einen Augenblick sahn ihn die Frauen dahinsausen. Die Spielzeug-Gret hatte den Lehnstuhl an das Bett gerückt: anfangs schwätzten sie ein wenig miteinander im dpnklen Zimmer, dann sielen der Gret die Augen zu. Das Bäumchen stand ungewiß dort, angestäubt und beglttzert vom Mondstrahl. Stasi lag wach und lauschte dem Atem der Freundin und dem Hauch des Kindes. Auch das Feuer atmete im Ofen. Aber die Nacht über der Erde atmete nicht, der Wind war eingeschlafen. Das Mondlicht goß über die Schneehänge unwirklichen Glanz, ein bläuliches Feuer, wie es die Flügel der Engel überrinnt, wenn sie nachts durch den Himmel schweben und Traumesruhe niederfächeln auf die Menschen. Es war der Abglanz hohen Lichtes: Weihnachtsschimmer, der die Herzen durchsichtig macht. In den Frosthimmel waren die Sterne eingefroren. Es hatte den Anschein, als hingen sie an den Fichten, die seelenweiß in die Nacht horchten. Schon lange mochten die Bäume vernommen haben, was jetzt erst an das Ohr der Wöchnerin drang: fernes Glockenläuten. Hinter den Bergen erhoben sich die metallischen Stimmen, die unter den Sternen wohnen. Der Frost hatte den Mund der Glocken nicht verschließen können, mitten in der Nacht, in der Heilsnacht, waren sie bereit und sprachen. Was klingen nnd sagen sie? Die Mutter lauscht: Sie grüßen das Kind... Kleine und große Glocken aus den Dörfern in der Runde führen ihr feierliches Christnachtsgefpräch, und der ganze tiefe, unheimliche Hochwald, wo die Steine in ihren Herzkammern frieren und die Hirsche bis ins Mark, hört ihnen zu, samt den Bergen, den Tälern und den verstreutwohnenden Menschen darin. Die Mutter lauscht: Die Kirchen grüßen das Kind ... Ihre Augen verschleiern sich, die Sterne blitzen ihr aus einmal nicht mehr so klar. Doch die Glocken läuten. Fernher summt der Klang. Sie erkennt sie alle, die weite Landschaft des Waldes ent- tönt den Glockenstimmen. Neue Nufer melden sich, sie mögen nicht fehlen im Weihnachtschor. Nun sind alle versammelt, alle schwingen in ihren Glockenstühlen. Der Schall von vielen Seiten weckte die Spielzeug-Gret. „ES läutet ..." sagte sic, schlaftrunken auffahrend. „Zur Christmettc ..." setzte Stasi leis hinzu. „Mitternacht ..." Und sie lauschten zu zweit. In der Wohnstube duftete das Bäumchen wie Nosenholz. Das war Juppis erster Weihnachtsabend, der erste Tag seines Lebens. Prüfungen. Andere Weihnachten folgen. Weihnacht kam, wo kein Frieden auf Erden war und der Vater des Kiüdes in den Krieg sortmußte. Weihnacht kam, wo die Mutter des Kindes an den fernen Vater dachte und sich mit der Schürze über die Angen wischte. Weihnacht kain, wo der Vater auf Urlaub bei den Seinen weilte, eine Wurst mitbrachte, Schokolade für Juppi und Seife für die Mutter, die damit lange sparte. Weihnacht kam, wo sie die Nachricht erhielten, daß der Bruder des Vaters in Rußland gefallen war, und der Vater, durch einen Lungenschuß verwundet, im Lazarett fast gestorben wäre. Weihnacht kam, wo sie nichts zu essen hatten. Weihnacht kam, wo die Mutter schon unter der Erde lag und die Blumen auf ihrem Grab Eisblumen wurden. Weihnacht kam, wo der Vater krank war und die Spielzeug- Gret für sie beide sorgte und kochte. Weihnacht kam, wo der Vater und Juppi allein waren. Und es kam Juppis letzter Weihnachtsabend im Elternhaus. Der Junge und der Vater saßen am gedeckten Tisch. Sie hatten sich ein Fichtenbäumchen aus dem Wald geholt, es war beinahe größer als Juppi. Auf der Spitze des Fichtlings schwebte der beständige Weihnachtseilgel, wie er in alle Ewigkeit sein unausdeutbares Weihnachtslied sang. Sein Hosianna hatte nicht gelitten, aber die Flügel waren nicht mehr so fein und schneeweiß wie einst: schon viele Jahre weilte er unter den Menschen und war oft heruntergeholt worden von seinem Hochsitz. Auch manche Glaskugel mar schadhaft, angebrochen oder von buntem Wachs betropft. Zu- sammengcstückt war die allcrschönste Kette, die mit den goldenen und den silbernen Kugeln. Doch lebcnsrot wie immer hingen die Aepfel. Und eine neue Kostbarkeit hatte sich dazugesellt: aus dem Zweig voir Juppis Gesicht saß in einem schneeglitzernden Flaumnest ein Waldfink von Watte und Federn. Seine Glaspunktaugcn lugten auf den Beschauer; in das Kerzengeleucht des Winterabends schmetterte der kurze Schnabel einen dreisten Sommergedanken. Juppis Gesicht blühte im Christschein. Sein Haar, blond wie Fichtenholz, glich in seinem Seidenfchimmer dem Haar des Engels. Der Kamm hatte es zur linken Schläfe hingestrichen, rechts trug Juppi einen kleinen Schcitelvcrsuch. In seinen Augen, blau wie die Seen in den Etszeitwannen des Hochwaldes, spiegelte sich frommvcrzückt der Blick der Lichter, die von den untern breiten Acsten aufwärtsstiegen zu den obern schmalen, brennende Seelen, die ihre Sphären gefunden hatten. Und auf der Spitze melodeite der Engel. Juppi hatte nicht den besten Rock an, wiewohl es Weihnachten war. Er besaß keinen besten. Die Aermel waren geflickt, der Kragen war ans andern: Stoff, aus Vaters abgelegter brauner Arbeitsjoppe geschneidert. Die Hosen, an den Knien durch Ledereinsätze verstärkt, reichten knapp bis zu den Waden, die in schafwollenen Socken staken; Holzschuhc, die der Vater gefertigt hatte, baumelten an den Füßen. So saß Juppi da, mit seinem Geschenk beschäftigt, und der Vater schaute ihm zu. Unter dem Weihnachtsbaum blitzte eine Mundharmonika, das Geschenk des Vaters, in rotausgeklebter Klappschachtel. Für Stunden der Unterhaltung war sie auserkoren, für die Sonntage. Eine rote Mundleiste schmückte sie und zwei silberglänzende Blechwangen, die mit Messingschrauben auf den Leistenseiten befestigt waren. Herrlich tönte das Zungenwerk. Die hohen Stimmen klangen Weihnachtsmusik, die tiefen Kirchweihspiel. In den Händen hielt Juppi einen Werkzeugkasten, das Geschenk der Spielzeug- Gret. Ein wahrer Wunderkasten, ausgestattet mit einem blitzblanken Hammer an einem gelben Stiel, einer gelenken Zange, einer scharfen Säge, einem spiüen Bohrer und einem kleinen Amboß zum Anschrauben an die Tischkante: hämmerte man darauf, schallte es: Päng, päng, päng ... genau wie beim Schmied drunten im Dorf. Juppi liebkoste den Hammer, ließ den Finger glücklich über die Sägezähne gleiten, behauchte den Amboß, um ihn sogleich mit dem Rockärmel zu putzen — spiegelhell blinkte das Gerät. Auf dem Tisch, abseits vom Christbaum, lag ein zweites Geschenkhäufchen: Socken, ein Binder für die Sonntage, ein Teller voll Nüsse. Zwar war dieses Häuschen nicht so reich wie die Dinge unter dem Baum, dennoch wohl zu brauchen — das war für den Geburtstag, wie alljährlich zum Heiligen Abend. Mit geheimem Stolz erfüllte es Juppi, daß er nun schon zehn Jahre zählte. In einigen Jahren kommt er aus der Werktagsschule. Juppi hatte dem Vater einen Sticfelzieher geschenkt, damit der Vater seine Schaftstiefel nicht mehr an der Schwellenkante der Tür auszuziehen brauchte, wenn er abends von der schweren Holzarbeit im Wald heimkam. Lieber hätte er ihm ja eine Tabakspfeife etn- beschert, aber die Spielzeug-Gret, bei der er gegen kleine Dienstleistungen den Stiefelzieher erstand, wußte ibn von der Tabakspfeife abzubringen, der Vater vertrage das Rauchen nicht wegen seiner schwachen Lunge. Ter Stiefelzieher war braun gebeizt. Da stand er unter dem Christbanm, beschienen vom Wcihnachtsglanz, wie die Harmonika, der Werkzeugkasten und die ganze Stube. Im Ofen summte das Feuer wie all die Jahre zur Winterzeit. Vor den Fenstern knistern die Schneenacht, und die mächtigen Fichten am Hang, die mit den Kronen die Sterne berührten, waren wie aus Eis gegoßen. (Fortsetzung folgt.) Keldweihnacht vor Bethlehem. Von Richard E u r i n g e r. GDS. Frühzeitig begrub ich die kleine Hoffnung, diese dritte Feldgugsweih- nachten daheim in Deutschland und im Vaterhaus zu feiern; Ende No- uember durste ich erstmals im Lazarettgarten Steh- und Gehversuche wagen, von der Schwester gestützt. Dann "bekam ich ein halbes Hähnchen Zu essen. Aber es war wohl noch zu früh damit, ich mußte es büßen. In der ersten Dezemberwoche erhielt ich Erlaubnis, vorsichtig nach Jerusalem hinein zu wandern gegen das Versprechen, nichts zu essen, nichts zu trinken außerhalb des Lazaretts. Andern Tags schon nahm ich Abschied von Stube, Arzt und Schwestern, um im Oelbergsrieüen vollends zu genesen. Mittags holte mich das kleine Abteilungsauto auf dem Wege längs der Stadtmauer. Leuchtend stieß der starke Turm des Oelberghospizes aus den romanisch ausgegua- derten burghasten Gebäuden, daß ich geblendet die Augen schloß. Kurz vor der Einfahrt machte mich mein Begleiter auf den zwischen Gesteins- und Schuttmassen freigelegten Blick aufs Tote Meer hinunter aufmerksam: paradiesisch funkelte aus aufgerisfener Tiefe einen Wimperschlag lang dies Erschütternde herauf, das ich nun wochenlang empfangen sollte wie täglich Brot, Ostjordanland im Blockmassiv gipselloser täfel g «birg«, Jordanwindungen in eingefressener Senkung, Samariteräde nackter, durst- spröder Gesteinshänge, Jericho in nistendem Versteck und abgründig ein- gesenkt wie ein blauer Edelstein das gebannte Meer der" Totenstille! Am Einlaßtörchen der Umfassungsmauer nickte ein freundliches Nonnengesicht. Wir ratterten vorüber, das seingeründete Rondell der kleinen Zedern, Oleandersträuche, Ginsterstauden hin, vors trotzig klotzige Portal, wo uns die Oberin der Katferswerther Schwestern in Empfang nahm. Irgendwie kannten sie mich alle von einem ersten Flug aus Birseba herauf über die heiligen Stätten. Biet hätten sie gern gehört über Fliegerei und Krieg, Heimat und Wüste, aber sie schonten den Pflegling. Ruhig im Liegestuhl bleiben, vorsichtig spazieren wandeln, alle paar Stunden trinken, was die Schwester brachte, wurde einzige Pflicht. In den hohen, weiten, kühlen ritterlichen Räumen unter prächtigem Gebälk verloren sich die paar Menschen dieser Friedensburg. Zu Füßen durch die Fensterbogen greifbar nahe, jenseits des Kidrontals: die heilige Stadt, ein fensterloses Würfelgewirr, eng gepfercht in der Umklammerung der Mauer, mit flachen Kuppeln, goldenen Kirchturmspitzen, dem blanken Schachbrett des zyprefsenstolzen Tempelplätzes, vom elfenbeinzarten Oktogon der Omarmosche«, in blauer Kuppel überwölbt. Wie «ine Herde zersprengter Schafe kletterten Oliven und Feigen über die ausgekochten Hänge hinunter ins Tal Josaphat, und spärlich kroch in steinichten Aeckern der Wein. Aus sattgrünem üaubdunkel strahlten di« goldenen Zwiebeltürme der Russenkirche, wo Gethsemane zu Tale stuft. Staubfahnen tänzelten die heiße Straße hin, die zur Himmelfahrtskapelle strebt von Berg zu Berg, und nach Südwesten, gegen Bethlehem, zitterten die weichen Wellen der Judäer Berge. Unerhört ein Glanz und Glast unter seidig blauem Himmell Wie eine weite Pilgerreise erfüllte deg Genesenden das bißchen Rundgang durch den winterlichen Garten voll blühender Narzissen, Hyazinthen und Geranien mit wundersamen Gnaden. Bei dem ernsten, steingemeißelten Greisen vor der Marmormosaik-Kapelle ruhte ich, wie oft, nach ha ber Runde, immer neu ergriffen von der Herrlichkeit der Blicke nach allen Seiten dieses grandiosen Panoramas. Und doch wog nicht das Labsal auf, im Klappsessel auf der einsamen Betonplattform des unteren Piniengartens fitzend, aufs Tote Meer hinabzuschauen, wo in seligen Terrassen bas Gebirge sich in den Abgrund stürzt und jenseits wieder auslebt im kolossalen Säulenhockel der Moabiter Berge, unter deren Wucht das Meer erschlagen liegt in violetten Schleiern. Manchmal, in der rosigen Verzauberung der reinen Kühle, hob sich schwebend, wie durchschimmertes Rosenquarz, das Bergmassiv vom Wasserspiegel, der zum Silberstäbchen schmolz und schon wieder zum Smaragd gerann, wenn das Tafelland in kleine Dämmerungen tauchte. Wenn ich aus meiner Stube trat, zu ebener Erde, gegen Sonnaufgang, fiel duftender Flieder über mich her in schäumenden Kaskaden! Blühender Flieder, im Dezember! „Winter..." sagte der schwäbische Gärtner, band Nelkenköpfchen zu Büscheln, schnitt dukatengoldenen Ginster für die Vasen. „Weihnacht..." schrieben Briefe aus Deutschland, und ich mußt« mir die Tage anmerken im Kalenderchen, um nicht irre zu werden an der Zeit. Noch acht, noch vier, noch zwei Tage bis zum Christfest .. .1 Es will nicht in den Kopf. Myrten gesäumt« Beete in einer Pracht hängender Lilien, mit schweren goldbestäubten Kelchen; Rosenstöcke, voll erblüht; und aus dem nackten Paternosterbaum das Tirili bunter kleiner Zwitscher- tinge! Weihnacht...? Es will nicht in den Sinn. Stark fiel der Tau zur Nacht; morgens troffen alle Sträuche von blitzenden Brillanten, und wenn man mit dem Finger über di« Kakteen strich, sah es aus wie jadegrüner Samt auf Silber. Im frischen Zug der steten Höhenwinde, die das hochgelegene Jerusalem umkreisen, atmeten die Pinien, wipfelten ganz leise die Zypressen, wippt« das »eroberte Gezweig entlaubter Bäume. Korngoldener Sandstein ... Piniengeruch ... und tiefe Still«... Der Schritt des Gärtners durch den Kies. Friede. Oelbergwinter... Vom Kirchenchor herüber hörte ich die Schwestern fingen, übend, einen Christchoral: „... und Friede den Menschen ..." Friede? Acht Tage waren vergangen seit jenem Funkspruch, daß der deutsche Kaiser Frieden angeboten habe, und noch stand die Antwort aus. „Weihnacht wird Frieden", lächelte die Schwester, wenn sie mir zuredete, zu essen. „ Dann kam Gesellschaft. Ein Kamerad aus der Wüste mit zerschossenem Fuß, vom Luftkamps her. El Arisch geht nun wohl zum Teufel; mit den paar Batterien und M.Gs. läßt sich Syrien aus die Sauet nicht verteidigen. England kann schon heute, wenn es... Still!!! Also doch. Die Wüste verloren nach zwei Jahren Derzweislungskampf auf verlorenem Posten! Weihnackt wird Frieden. Uebermorgen Nacht. Es will nicht ubers Herz! Und Bethlehem so nahe, greifbar nahe, dort unten an den Hängen! Dort Mit den Hirten zu knien in der heiligen Nacht unferm Di-chem ber Sterne! Mußte Nicht Weihnacht werden? Mer es ist noch zu weit, zu kalt. Wir sind noch zu elend. Sie tragen eure gemalte Puppe herum in goldstrotzenden Gewändern, dort in der Reuigen Nacht. Und küssen die Puppe und balgen sich mit Geschrei. Weihnacht? Bethlehem? Christgeburt? Bohnenstrauch und Judendorn, Pfefferstrauch und Heliotropis, Tuja und Akazien: aber kein Tannenbaum. Im ganzen Garten keine Christ- baumtanne. Und doch läuft die arabische Dienerschaft zusammen mit Weck und Kind, sammelt sich im Burghof; kernige braune Weiber im °Een Bethlehemiten-Leinen, schwarzgekräuseste Kinder. Grinsend ein paar Manner, dürr und klapprig. ,Mommt!" winkt die Schwester: Weihnachtsbescherung! Weber Teppiche auf bloßen Strümpfen. Die Kinder voran. Mit braunwelßen Puppenaugen, begehrlich hochgezogenen Brauen. Nähmäd- chen und Mägde. Armenierinnen. Aus der Dämmerung des düstergoldenen Gebälkes blüht der Lichterglanz der zartgenadelten Aleppokiefer... Deutsch und arabisch las «ine Stimme die Botschaft vom Stern, der vorherging bis an die Hütte, von den Weisen und vom Krippenkind. Aber die Augen des Volkes hingen am Mchl, am Leinen und am Mehl. Und jedes bekam ein Stück Seinen und ein Säckchen Mehl. Und es war doch Hungersnot im Lande, furcht- bare Hungersnot. Und jämmerliche Blöße, daß Greife in Lumpen froren. Einsam in meiner Stube fand ich einen Teller Süßigkeiten, von der Lazarettschwester, die mich im Fieber gepflegt. In meiner Stube fand ich «in kleines Paket aus der deutschen Heimat von Vater und Mutter. Und wie ich es öffnete, brach Weihnacht an: ein Christbaumzweig, ein wachslichtduftender Tannenzweig ... Stille Nacht, heilige Nacht... Es ist ein Ros' entsprungen... Wachsduft und Tannengeruch und ein KinderUed... Ich schloß die Augen und schämte mich. Und spürte das zitternde Lichtchen durch verhangene Lider. Und zog den heimallichen Ruch von Wachs und Tannen. Und schlich aus der Stube, tappte durch den dunklen Gang im Choral der Nonnen. Und schleppte mich den dunklen Glockenturm hinauf ins mitternächtliche Gezett der Sterne. Fieberte und fror und schauerte in der Gewalt der Winde, die stürmisch rüttelten an feinem Bau und sah hinunter, tief hinunter auf die Stadt, auf beide Meere und das heilige Land, die grüne Düsternis der Berge. Und sah den Stall von Bethlehem. Und sah den Stern darüber, und fand das Kind, gold- lockig, rosig, mit den Zehlein spielend, ein liebes kleines Jesuskind... Da wankte unter mir der Turm und Weihnachtsglocken dröhnten in den Strom der Lüfte, das Meer tat feinen Mund auf und die Festen riefen, der Himmel barst, die Länder wurden laut: „Ehre fei Gott in der Höhe!"... Zn (Sorgen tapfer. Von Gustav F r e n f f e n, GDS. Ich war fv zehn oder elf Jahre und es war Weihnachtsabend und wurde schon Dämmerung, da kam ein Telegramm von unserer Schwester, daß sie gegen Abend in Meldorf wäre. Ein Telegramm! Welch ein Aufsehen im Hause; wir hatten noch niemals eins bekommen! Wieviel Telegramme waren überhaupt schon ins Dorf gekommen, seit man dies Wunder kannte, vielleicht drei oder vier! Wie wir es umstanden und betrachteten! Und welches Aufsehen würde das nun wieder im Dors machen! O, es war schon genug Aussehen um unsere Schwester, daß sie Lehrerin werden sollte! Hatte man schon je davon gehört, daß ein Mädchen Lehrer würde, und noch dazu die Tochter eines kleinen Tischlers, der immer ein wenig verschuldet war? Und nun waren ihm auch noch die beiden Schweine im Stall an Rotlauf eingegangen, und es gab zu Hause in diesem Winte^ schmale Küche ... und dann ein Kind, ein Mädchen, auf dem Seminar? Und noch dazu ganz oben in Christiansfeld in Nordschleswig und bei einer Sekte, welche die Herrnhuter hießen, von denen man im Dorf nie gehört hatte. Und dazu kam noch dies — wir sagten es nicht; aber wir dachten es alle —: es war gar nicht nötig gewesen, es zu schicken! Denn was sollte es bedeuten und nützen? Wir hatten ja doch kein Gespann, um nach Meldorf zu fahren, und sie abzuholen. Was sollte also das Telegramm, das doch wenigstens fünf Groschen kostete? Ach, sie hatte mit diesem Telegramm ein wenig prahlen wollen, vor uns und vor dem Dorf! Ja, so war es! Aber wir sagten es einander nicht. O, wir waren weit entfernt davon! Es ist nicht zu glauben, was so Menschen in ein und demselben Hause alles fühlen, glauben, denken; aber nicht sagen! Was war zu tun? Unser Vater hatte noch die Bettstelle des Nachbarn zu machen. Der Nachbar, ein Arbeiter, war in der letzten Nacht damit zusammengebrochen; er hatte morgens mitsamt Frau und Kind im Kartoffelkeller gelegen, der offen unter dem Bett war. Sollten die Leute in der kommenden Nacht, der heiligen Nacht, weiter auf den Kartoffeln liegen? Unsere Mutter war schwächlich und dem Weg nicht gewachsen; sie mußte auch für das Abendbrot sorgen. Also mußten wir Jungen los. Der Kleinste ... kam nicht in Frage. Er war immer Nestkücken und Verzug... er hat noch heute etwas davon, obgleich er nun ein grauer Vortragender Rat im Auswärtigen Amt ist. Also der Aelteste, so um vierzehn, und ich. Eilig in die Schaftstiefel und ein wollenes Halstuch ... daß der Hals dicker war als der Kopf ... und die Jacke zugeknöpft; denn Mäntel hatten wir nicht. Und nun hinaus! Es war schon dämmerig, und es wehte Schneesturm von der See he. Welche Wichtigkeit! Was sind das für Leute, die da zu beiden Seiten der Dorkstraße hinter den erleuchteten Fenstern sitzen! Stubenhocker! Warmhalter! Wir aber: in die Nacht! In den Sturm! Rettungskolonne! Wäre das Telegramm nicht gekommen, säßen auch wir in der warmen Stube. O, das war wohl schön! Am Weihnachtsabend in der warmen Stube mit den freundlichen, herzlichen Eltern! Aber dies war doch viel schöner! Werter Weg durch die dunkle stürmische Nacht! Wagnis! Tapferkeit! Notsache: Helfertat! Der Schwester, dte vielleicht schon unterwegs ivar, entgegen in die Nacht! Es war wunderbar ... das Telegramm, daß es gekommen ivar! Hei, wie der Sturm uns packte, als wir aus der Dorfstraße ins weite Feld traten und zuerst grade gegenan mußten! War hier überhaupt ein Weg? Konnte man überhaupt vor dem dicken Treiben der Millionen Flocken irgend etwas sehen? Die kahlen rkweige der Bäume am Grabenrand bogen sich im Sturm, das war alles, was zu sehen war! Die Stiefel waren schon über und über weiß,' nun wurde es auch der ganze Körper. Großartig! Wie ein weißer Panzer! Ein weißer Ritter im Kampf mit dem Sturm in der dunklen Nacht! Und ins Gesicht fliegen die Flocken. Wir gehen im losen Schnee mühsam vorwärts. Wix erreichen die große Landstraße und gehen nordwärts weiter. Zuweilen ist eine kleine Strecke feste Straße,' aber dann müssen wir durch kniehohe Schneewehen. Wir gehen mutig unfern Weg, sehen in die Bäume, nach den hellen Fenstern, die spärlich hier und da aufleuchten, versuchen über die Felder zu sehen, horchen aus den Sturm, der darüber hinrauscht. ~ . , . _ o , Nun kommt eine lange, einsame Strecke; kein Haus oder Hof weit und breit. Und an den Seiten Weidengebüsch. Ich bin noch nie im Dunkeln außerhalb des Dorfes gewesen. Es ist kein kleines Unternehmen. Was kann alles geschehen? Was kann in jedem Augenblick aus dem weißen Gewimmel austauchen! O Gott, was alles! Der Nachbar, der vor einigen Wochen drei eiskalte Nächte lang in der Feldmark umherirrte, bis er in einem Graben tot gefunden wurde; und wir sahen zu, wie sie ihn vom Wagen hoben ... das handbreite Eis saß wie ein blanker weißer Rahmen um seinen ganzen Körper! Und der Teufel ... weiß überschneit wie wir! Und wir würden ihn nicht mal erkennen, da auch sein Klumpfuß überschneit sein würde! ... Vater unser ... da steht er! Wir stolpern zur Seite; der Atem stockt. Ein Fuhrwerk, ein Brotwagen oder sowas, das Pferd ist übermüdet eine Weile stehen geblieben! Großes Atemholen und weiter! Es ist ganz gut, daß Heiliger Abend ist! Wenn Gespenster kommen, so ist anzunehmen, daß ein Engel nicht weit ist. Sind sie in der Dorfstraße von Bethlehem gewesen, werden sie auch auf der Landstraße nach Meldorf sein. Wir erreichen wieder ein Dorf. Aber es geht weiter und immer weiter. Ein langer, mühsamer Weg. Langweilig? O nein! Sieh, ein Bild jagt das andere. Zur Linken in weiter Ferne das Leuchtfeuer von Helgoland. In klaren Sommernächten erhellt es bis zu uns den Himmel. Wie es durch die Schneeluft zuckt! Große Wogen rauschen auf; Schiffe erscheinen groß und dunkel im weißen Gestöber; ich höre das Klingen der Glocken und Sirenen übers Feld. Tann fühle ich unsere Schwester nahen; sie kommt, uns noch unsichtbar, uns entgegen. Ich bin in Sorge, daß ein Geist den Schnee so dick fallen läßt, daß wir uns nicht sehen und aneinander Vorbeigehen. Nun kommen größere Bäume. Ihre kahlen Aeste biegen sich, und es rauscht in ihnen. Es kommen mir Gesänge in den Sinn: „Das Rauschen großer Harfen." Ich denke, daß es mein heimlicher Wunsch ist, Geistlicher zu werden; ich sehe mich auf der Kanzel stehen; ich will gewaltig predigen. Und die ganze Welt verändern. Gleich darauf ist mir, als ob hoch über mir, mit schweren Flügelschlägen, große, weiße Vögel vorüberziehen. Ich weiß von meiner Mutter, die solche Dinge kennt, daß das die zivölf heiligen Nächte sind — es liegt mir wohl von den Vorfahren her auch noch im Blut — horch, das ist Wotan mit seinem wilden Heer, nach Osten zu unterwegs. Da, am Rand der Geest, liegt der Berg, der ihm heilig ist ... Nun sehe ich den Abendtisch, den großen Braten, der sonst am Weihnachtsabend auf dem Tisch sieht, wird es nicht geben, weil das Schivein begraben ist. Aber die Lampe wird freundlich brennen, und es wird ein buntes Weißbrot geben, und die Schwester wird unter uns sitzen und erzählen, und es wird friedlich und schön sein, wie immer. Und dann werde ich müde werden und schlafen. Ich bin wohl über solche Gedanken dabei, meine Füße etwas zu vergessen; ich stolpere. Mein Bruder muß mich anfassen. Ick' höre erst nicht auf seine Stimme. Dann versiebe ich, daß er auf unteren Vater schilt, daß er mal wieder leichtfertig gewesen sei, baß er uns in solchem Sturm auf einen so weiten Weg geschickt hätte. „Was sollen wir in Meldorf, da mir zu Fuß kommen?" Und in seinem Zorn sagt er: „Ich muh sagen, ich weiß wirklich nicht, wie ick, zu solch einem Vater gekommen bin!" Ich werde von diesen wunderlichen Worten wieder munter. Von dem ewigen Ausrutschcn auf dem Schnee sind Knie und Knöchel müde. Aber cs muß ja weiter geben! Es ist ja eine große Sache! Not! Kampf! Rettungswerk! Ich sebe an mir herunter, ich bin ganz eisig weiß. Eine weiße Rüstung! Ich bin wohl müde: aber mein Stolz ist viel, viel größer. Ja, er füllt die ganze Welt, daß sie mir dienen muß! Wir sind wohl zweieinhalb Stunden gewandert, da erreichen wir Meldorf und ziehen die lange Straße entlang; ich sehe nach jedem HanS, iedem erleuchteten Fenster. Ich bin erst einmal oder zweimal an Igbrmarktstagen in der Stadt gewesen. Aber in diesem Teil nicht. Da ... ein großes, frohes Haus, mit einem Lickt über der Tür und großem, goldenem Namen: „Die Holländerei". £>! O, wie vornehm! Nein, da sollen wir hinein? ... Wir kennen den Naiven des Hauses gut; wer in der Landschaft kennt ibn nickt? Aber mir haben nie im Traum daran aedacksi daß wir jemals im Leben in diele große Tür Eintreten sollten! Wir stoßen und schütteln den Schnee von uns und öffnen leise und schmal die Tür und stehen auf der Diele ... Ein großer älterer bartloser Mann fragt verwundert: „Na, was wollt denn ihr?" ... „Unsere Schwester abholen ..." „Zu Fuß?" ... „Ja, zu Fuß!" ... „Ach, du liebe Zeit!" Er öffnet die Tür, und da sitzt unsere Schwester, und rotr geben ihr die Hand und wir müssen eine Tasse Tee trinken, ein Getränk, das wir nicht kennen. Der große würdige Mann sagt, daß es unmöglich wäre, daß wir den Weg wieder zu Fuß machten, zumal der Wind nach Südwest drehe. Nein, das ginge nicht. Wir müßten einen Wagen nehmen. Einen Wagen? Für uns? Es wird immer mehr ein Märchen! Es wird ungeheuerlich! Aber wer soll die Kosten bezahlen? Wer? ! Ich weiß gewiß, daß rvir alle drei sogleich an die Kosten denken, an nichts anderes als die Kosten! Der Wirt denkt sicher nicht an die Kosten, nein, man sieht ihm deutlich an, daß er die nicht erwägt, überhaupt nicht an sie denkt! Aber wir! Aber was soll anderes geschehen? Ja, unser Vater ist wohl wirklich etwas leichtfertig! Freilich, daß der Wind nach Südwest ginge, konnte er nicht wissen; aber er hätte sich sagen können, baß ich kleiner Kerl von zweieinhalb Stunden Schneeweg zu müde sein würde, und daß es überhaupt keinen Zweck hätte, daß statt einer nun drei auf der Landstraße wandern sollten. Nein, es gibt nun keinen anderen Rat. . , Der große Mann geht hinaus und bestellt den Wagen. Na ja! Hoffentlich nicht einen mit vier Pferden in Silbergeschirr und einen Kutscher auf dem Bock mit Stulphandschuhen, wie die größten Bauern sie haben. Denn dann werden wir unser Haus verkaufen müssen! Und was dann? Dann geraten wir ins Armenhaus und kommen nie aus der Leute Mund. Der Wagen kommt: ein kleines Halbdeck, mit einem schmalen Pferd davor, auf dem Bock ein zusammengesunkener Kutscher, der fein Wort sagt, weil er zn tief in seinem Rock und Halstuch i sitzt. Wir drei hinter ihm unters offene Lederdach. Wir schwanken los. Wir sagen alle drei kein Wort. Der Sturm : fährt ja gegen uns an und nimmt uns den Atem. Wir beiden Jungen sind ja auch zu erstaunt und erschrocken. O, wir haben in der Familie wahrhaft keinen Mangel an Einbildungen; aber dies geht darüber! Wir ... in einem Extrawagen! Keiner aus der ganzen Dorfschule hat je in einem Extrawagen gesessen! Welche wunderbare Begebenheit! Und dabei immer von neuem die Angst, wie teuer es wohl sein wird und ob die Schwester so viel Geld hat, und wenn, nicht, ob der Vater es hat? Es kommt wohl vor, daß keine fünf Groschen im Hause find! Wie peinlich, wenn dies Geld, gerade dies Geld, von einem Nachbar geborgt werden müßte! i Und wenn das mit dem Geld gut geht, welches Gerede wieder im | Dorf! Ach, wir sind oft im Gerede, weil unser Vater so viel ist: ! Tischler, Zimmermann, Glaser, Maler; und außerdem noch aller- i lei unternimmt. Z. B. ein wenig Landmann ist oder eine Drefch- ; maschine kaust und führt; am meisten aber, weil er mit feinen , Kindern so hoch hinaus will! Ach, immer im Gerede! Aber einerlei: wie großartig! Wie märchenhaft! Wir fahren in einer Halb- l chaise! Sie scheint alt und wacklig, und das Leder ist rissig, und der Kutscher hat keine silbernen Knöpfe und das Pferd ist alt und steif; und es ist kalt und es friert uns. Aber es ist doch ein unsagbares Wunder. Das Wunder wird noch größer. Wie wir die Ecke erreichen, wo der Weg ostwärts nach unferm Dors zu biegt, tut das Pferd wohl einen Fehltritt. Ein Sturmstoß faßt es ... da liegt es! Mein Bruder, als Dorfkind, hinunter vom Wagen. Er greift mit an. Ich stehe ocrroiutbert und etwas dumm dabei. Das Pferd kommt wieder hoch; die Deichsel hat nur einen Knick. Es geht wieder weiter. Wir erreichen das Dorf. Wir fahren vor die Wirtschaft, die damals links vor der Kirche stand, da, wo jetzt im Gras der große Stein steht. Und nun kommt es: Der Kutscher will sechs Mark! Ich frage meine Schwester leise, ob sie Geld hat; sie schüttelt den Kovf: „Vater wird es haben." Ich ... mit Angst im Herzen und in den Augen ... nach unferm naben Haus und berichte! ... Gott fei Dank, der Vater hat das Geld und geht gleich mit! Auch ich gebe wieder mit. Denn ick muß die Cbaise sehen, solange sie noch sichtbar ist. Dann gehen wir alle nach Haus. Und nun kommt das größte Wunder. Wir haben noch nie einen Tannenbaum gehabt; es war noch nicht Sitte in Arbeiter- und Handwerkerhäusern. Wir durften am Heiligen Abend in der Dämmerung ins Nachbarhaus, ins Pastorat gehen, und da den Tannen- banin bewundern. Aber nun, da wir an diesem Abend um dieie Freude gekommen sind, ist der Vater in dem böten Wetter mit seinen langen Schritten nach der Heide hinaus gegangen und bat ein Bäumchen gebolt. Als wir die Sonntagsstube betreten, hie • Mutters Stube heißt, steht er da mitten aus dem gedeckten Abend- ; tisch und brennt! Er brennt mit sieben Lichtern! Mutter sagt, es müssen sieben fein; sieben ist heilig. Mutter weiß es. lknd dann siben wir alle um den Tisch; und die Schwester erzählt, und wir hören zu. Und dann liege ich in meinem Bett, und der Westsiurm kommt ungehindert vorn Deich her über die Felder und stößt a-gen das : Fenster, und alles, was ick erlebt und gesehen habe. Wirkliches und Unwirkliches, gebt in langen, Zug an mir vorüber. Und ich bin, indem ich alles noch einmal sehe und erlebe, in Sorgen tavscr. So rote immer die Stimmung in unserem ganzen Hause ist. lknd wie sie nock heute ist. Und vielleicht ist gerade dies die rechte menschliche Weihnachts- stimmung: in Sorgen tapfer. llöeravtworilich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'fche Univerfitäts-Duch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.