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Hellgrün das schlanke Leibchen war, Hellgrün der Füßchen dreifach Paar, Und auf dem Köpfchen wundersam Satz ein Federbüschchen stramm,- Die Aeugletn wie ein goldnes Erz Glänzten mir in bas tiefste Herz. Dies zierliche und manierliche Wesen Hatt' sich zu Gruft und Leichentuch Das glänzende Papier erlesen, Darin ich las, ein bichterliches Buch,' So ließ den Band ich aufgeschlagen Und sah erstaunt dem Sterben zu, Wie langsam, langsam ohne Klagen Das Tierlein kam zu seiner Ruh. Drei Tage ging cs müd' und matt Umher auf dem Papiere,- Die Flügelein von Seide fein, Sie glänzten alle viere. Am vierten Tage stand es still Gerade auf dem Wörtlein „will!" Gar tapfer stand's auf selbem Raum, Hob je ein Füßchen wie tm Trauma Am fünften Tage legt' es sich. Doch noch am sechsten regt' es sich,- Am siebten endlich siegt' der Tod, Da war zu Ende seine Not. Nun ruht im Buch sein leicht Gebein. Mög' uns sein Frieden eigen sein! Oer letzte Liebesdienst. Von Andre Baron Foelckersam. Lukas wachte zerschlagen und müde auf: sein Kopf war dumpf md schwer. Er hatte die Nacht fast gar nicht geschlafen. Im Zimmer not es, trotz des frühen Morgens, drückend heiß, und er hörte in der Stille draußen die Wellen des Sees ans Ufer schlagen. Afra, d« Pointerhündin, saß vor seinem Bett. Sie hatte geduldig gewartet, bis Lukas die Augen geöffnet hatte. Jetzt rieb sie ihren b" aun= und weitzgefleckten Kopf an der Bettdecke, und leckte mit iiwer rauhen und heißen Zunge seine Hand. Lukas schloß die Augen. Er konnte Afra nicht ansehen. Sre toi jetzt alt und fast blind und er mußte daran denken, wie sie M Welpe zu seinem Vater ins Forsthaus gebracht worden war: nie sie keine Treppen gehen konnte, und ckie sie erstaunt gekläfft Ihtte, als sie zum erstenmal einen Igel fand. Das war damals, a-5 er in kurzen Hosen herumlief und Afra ihn jeden Morgen zur schule begleitete, über den langen Damm, ins Städtchen. Jetzt Mr Lukas gewachsen. Jetzt trug er lange Hosen. Und Afra war alt geworden. Sie schleppte sich vors Haus, und sie lag stundenlang [tut in der Sonne und blinzelte träge mit ihren trüben halb- bindeu Augen. _ _ , Den ganzen Tag irrte Lukas planlos umher. Der Vater war iiLt Freya, der jungen Setterhündin, in den Wald gegangen. Als Akas beim Mittagessen seinem Vater gegenübersatz, fragte er: »^arf ich dein Gewehr mitnehmen, für heute nachmittag?" »Willst du es heute tun?" _ r , „Es hat keinen Sinn zu warten", sagte Lukas. „Ich kann es W länger mitansehen." »Soll ich es nicht für dich tun?" . »Ich werde cs tun, Vater", sagte Lukas. Es würgte ihn im vilse. Er blickte hinaus zum Fenster. Hinter den Weidensträuchern eiwmerte der See in der Sonne. , , _ , »Du siehst ein, daß es für Afra das Beste ist", sagte sein Vater. : »bs ist das Einzige, was roh: für sie noch tun können. "Ä"' sagte Lukas. -Wo willst du es macken?" „Auf der Waldwiese. Ich rudere am Nachmittag hin." Lukas konnte nichts essen. Er stand auf und ging hinaus. Im Hos sprang ihm Freya entgegen. Lukas sah sich um. Afra lag im Schatten des Forsthauses. Sie erkannte Lukas nicht. Sie sah ihn aus ihren halbblinden Augen an und begann wütend zu bellen. „Afra!" rief Lukas. Die Hündin sprang mühsam auf und kam auf ihren vor Alter steifen Beinen mißtrauisch auf ihn zu, dann erkannte sie ihn, rieb den Kopf an seinen Knien und wedelte beschämt. Lukas ging in die Küche und holte Afras Futterschüssel. Er hatte Afra all die Jahre hindurch selbst gefüttert. Er stellte die Schüssel vor die Küchentür. Freya kam hinzu, Lukas schob sie fort. Er hockte sich vor Afra hin und sah zu, wie sie langsam und bedächtig fraß. Er holte Milch aus der Speisekammer und stellte ihr eine Schüssel mit Milch hin. Dann ging er ins Haus, holte bas Gewehr aus dem Gewehrschrank, lud es und trug es zum Boot. Afra lag draußen im Schatten und beobachtete ihn. Sie wußte, baß Lukas sie jedesmal mitnahm, wenn er Boot fuhr. Als er mit den Rudern aus dem Schuppen kam, sprang sie auf und bellte heiser vor Freude. Lukas konnte sie nicht ansehen. Er ging noch einmal zum Schuppen und kehrte mit einem Spaten wieder. Afra sprang zu ihm ins Boot. Sie lag zu seinen Füßen, hielt den Kopf über dem Bootsrand und schnupperte in der Luft. Ihre Zunge hing rot und heiß aus dem Maul, sie schloß es zuweilen, dann ließ sie die Zunge wieder keuchend Heraushängen. Lukas fühlte, wie ihr Körper vom schnellen Atem bebte. Lukas ruderte um das Schilf herum in den See hinaus. Auf dem Wasser war es nicht so heiß. Es war sehr still. Die Luft war sichtig und klar, und Lukas konnte weit, bis zu den Ufern, sehen. Er kam an der Badeanstalt vorüber. Ueber bas stille Wasser drang zu ihm das Gekreisch der Badenden, er sah den Strand von Menschen wimmeln. Lukas ruderte unter der Eisenbahnbrücke hindurch. Am Bahndamm saßen einige Jungen und angelten. Sie winkten ihm zu und brüllten übers Wasser. Er ruderte mit kräftigen, langsamen Schlägen. Es wurde immer stiller und einsamer. Große, grünschillernde Libellen standen schwirrend über dem Boot. Pferde weideten am Ufer. Die Sonne brannte nicht mehr so stark, sie stand schon ziemlich tief am Himmel. Rechts am User zog sich der dunkle Streifen des Waldes. Lukas ruderte aufs rechte Ufer zu. Er zog die Ruder ein und ließ das Boot in eine kleine Bucht einlaufen. Das Boot glitt rauschend durchs hohe Schilf. Lukas sprang aus dem Boot und machte es fest. Er nahm Gewehr und Spaten und ging über eine Wiese aus den Wald zu. Das Gras war saftig und sehr feucht. Afra trabte auf steifen Beinen vor ihm her. Lukas ging an einem Feld entlang und quer durch eine Fichtenschonung. Afra lief voraus. Sie blieb öfter stehen und blickte sich um. Sie kehrte immer wieder zurück und rieb ihren Kops an seinen Knien. „Ja, die gute Afra!" sagte Lukas. Ihm war jammervoll zumut. Sie gingen über eine Schneise und kamen in einen Wald. Es roch hier heiß und trocken nach Sommer. Dann kamen sie auf eine kleine Wiese mitten im Wald. Es war unendlich still. Lukas blieb stehen. Er sah sich um. Afra lag im Gras, sie ließ ihre Zunge keuchend heraushängen. Lukas zog seine Jacke aus und legte sie ins Gras. Er lehnte das Gewehr an einen Baum, steckte mit dem Spaten ein Viereck im Grase ab und begann zu graben. Der Boden war von der langanhaltenden Hitze ausgebörrt und voller Wurzeln. Lukas riß die kleinen Wurzeln mit den Händen aus, die großen hieb er mit der scharfen Seite des Spatens entzwei. Es war ein hartes Stück Arbeit und er kam langsam vorwärts. Kleine Schweißperlen zeigten sich auf seiner Stirn, und er fühlte sein Hemd am Rücken kleben. Nachdem er eine ganze Weile gegraben hatte, setzte er sich hin. Er steckte sich eine Zigarette an. Seine Hand zitterte vor Ermüdung. Er zerdrückte die Zigarette und warf sie fort. Er stand auf und begann von neuem zu graben. Afra kam heran und schnupperte in der frischen Erde. Als er mit dem Graben fertig war, setzte er sich auf einen Baumstumpf. Afra kam zu ihm, rieb ihren Kopf an seinen Knien und leckte die Erde von seinen Händen mit ihrer rauhen und heißen Zunge. „Afra!" sagte Lukas, „Afra!" Er hielt sie mit beiden Armen umschlungen, sein Kopf lag auf ihrem glatten weiß- und braungefleckten Fell, und er fühlte, rote ihr Körper vor Sitze bebte. „Es ist nicht schlimm", sagte Lukas. „Es ist nur ein Augenblick. Nur eine Sekunde ist es. Dann ist alles vorbei. Aber er glaubte selbst nicht an das, roas er sagte. Er stand auf, ging zum Baum, ttflfim das Gewehr und entsicherte es. Afra beobachtete ihn erstaunt. Lukas mußte Atem holen. Es würgte ihn im Halle. Einen Augenblick, bevor A,ra lautlos umsank, blieb sie sitzen und Lukas sah den stummen Blick ihrer bernsteingelben Augen verwundert auf sich gerichtet. Er kniete vor ihr nieder und hob ihren .stopf. Er sah in ihre Augen. Ihr Blick war gläsern und leblos. Lukas saß lange da, den Kops des Hundes auf seinen Knien. Im Walde war es sehr still. Er hob den schweren und noch warmen Körper auf, trug ihn zum Grab und legte ihn vorsichtig daneben ins Gras. Er brach Tannenziveige ab und legte das Grab mit ihnen aus, er hob Afra auf und ließ sie langsam ins Gras gleiten. Er tat dies alles ganz mechanisch und er suhlte in seinem Innern eine namenlose Leere. Er schaufelte das Grab zu, trat die Erde mit den Füßen fest und bedeckte sie mit Tannenzweigen. Dann setzte er sich daneben ins Gras. , _ _, ... .. , Der Wald roch gut und warm nach Harz. Die Sonne stand tief hinter den Bäumen und die glatten Stämme der Kiefern waren von ihren schrägen Strahlen ganz rot. Lukas saß lange da, ohne sich zu rühren. Er dachte ans Sterben. Er hatte nie früher bewußt daran gedacht. Er fühlte, daß etwas in seinem Innern für immer zerbrochen war. Er hatte noch nie jemand im Leben verloren. Seine Mutter war gestorben, als er noch sehr klein war. Er konnte sich nicht an sie erinnern. Er stand auf, zog die Jacke an, nahm Gewehr und Spaten und ging zum Boot zurück. Er machte das Boot los, sprang hinein und stieß sich mit dem Bootshaken vom Ufer ab. Er setzte sich und hielt die Ruder hoch. Das Boot glitt durchs knisternde Schilf in den See hinaus. t . Die Sonne verschwand hinter dem Horizont, Himmel und Wasser waren von einem unwirklichen rosigen Licht erfüllt, und der See schimmerte perlmutterfarben. In der Stille hörte Lukas die Wellen eintönig und hell gegen die Bootswände schlagen. Bon den Ufern kam der laute und wilde und verliebte Gesang der Frösche. Als das Boot aus dem Schilf heraus war, zog Lukas kräftig am linken Ruder, um zu wenden. Dann ruderte er mit langsamen, gleichmäßigen Schlägen in den See hinaus. Das Boot glttt lautlos und schnell dahin. Der Himmel verblaßte zusehends, und die Ufer verschwanden in der aufstcigenden Dämmerung. Bald war er mitten im See. Er zog die Ruder ein, um sich auszuruhen, und ließ sich treiben. Es war dunkel geworden. Lukas saß im Boot, den Kopf in die Hände gestützt, und er fühlte plötzlich, wie es feucht und warm über seine Hände tropfte. „Ich weine", dachte er. „Das sind Tränen", dachte er. Er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so verlassen gefühlt. Nach einer Weile hörte er in der Stille fernen Ruderschlag und das Kreischen eines Grammophons. Er wandte sich um und sah mitten im See ein Licht. Das Boot kam näher, ein orangefarbiger Lampion schwankte am Heck des Bootes hin und her. Lukas sah Hans und Ruth und noch ein paar Jungen und Mädchen im Boot sitzen. „Hallo, Lukas!" rief jemand. „Wir waren bei dir. Wo hast du gesteckt?" rief Hans. Das Grammophon kreischte. „Ich war im Wald", rief Lukas. „Kommst du mit uns?" „Ich muß heim", rief Lukas. Das Boot glitt heran, und Lukas sah Ruth am Steuer neben einem Jungen sitzen, den er nicht kannte. Ein gelber Schein vom Lampion schwankte über ihrem Gesicht zitternd hin und her. „Komm doch mit!" rief Ruth. Das Grammophon kreischte. „Geht leider nicht, muß heim", rief Lukas. Das Boot glitt vorüber. Lukas hörte noch lange das Grammophon und die Stimmen im Boot und Ruths Lachen. Es wurde wieder still. Als Lukas unter der Eiscnbahnbrückc hindurchkam, hallte es laut und einsam von den Rudcrschlägcn wider. Lukas sah bereits in der Ferne die Lichter des Städtchens. Er hielt sich nach links. Er ruderte ums Schilf herum, und sah bald hinter den Weidensträuchcrn Licht im Forsthaus. Im Zimmer brannte Licht. Der Vater saß beim Essen. Lukas setzte sich ihm gegenüber an den Tisch. „Hans und Ruth waren hier", sagte sein Vater. „Ich traf sie unterwegs", sagte Lukas. „Ich habe dein Essen in den Herd gestellt, damit es nicht kalt wird. Ich dachte, du kommst vielleicht spät." Lukas ging in die Küche. Bei der Flurtür sah er im Vorüber- gehcn Afras Futterschüssel. Er blickte fort. Er kam mit dem Essen zurück und setzte sich an den Tisch. Der Vater las die Zeitung. Lukas blickte auf seinen Teller. Er versuchte zu essen, aber er konnte keinen Bissen hcrunterkricgen. Er stand auf. Er hätte gern dem Vater etwas Liebes gesagt, aber er schämte sich. „Gute Nacht", sagte er nach einer Weile. Dann ging er hinaus in sein Zimmer und warf sich aufs Bett. Im Zimmer war es sehr heiß. Von draußen kam der laute Gesang der Frösche. Lukas lag mit offenen Augen auf dem Bett. Die Wand gegenüber dem Bett mar ganz weiß vom Mond. Nach einiger Zeit hörte er auf dem Wasser näherkommcndc und sich wieder entfernende Rudcrschlägc und das Kreischen des Grammophons. Lukas starrte auf die Waud. Dann bellte es plötzlich im Garten unter den Fenstern. „Set still, Asra", dachte Lukas mechanisch. Aber im nächsten Augenblick siel ihm ein, daß es Freya war, die gebellt hatte und daß Afra draußen auf der kleinen Wiese im Walde lag, und bah sie still geuwrden war für immer. Höflicher Orient. Don Alexander von Keller. In Konstantinopel, auf der Brücke, von der aus man die große Moschee am besten sehen kann, traf ich Hubert Clarke, gerade als ich aus die Dahn ging, um nach Ankara zu fahren. Clark« war ein langer dürrer Mann mit einer Nase, die selbst im Orient aussallen muhte, und ganz unmöglichen Manieren. Aber er war scheußlich reich. Wir sprachen über das Wetter, die Frauen und über Teppiche. Ein Mann, der aus der Drucke stand, hatte uns Teppiche angeboten, und das war für Clark« Grund genug, über Teppiche zu reden. Plötzlich blieb er stehen: „Sie fahren doch auch nach Mosul und Bagdad? Da konnten Sie mir einen Gefallen erweisen. Ich zahle Ihnen die Reise bis Mosul und empfehle Sie Jesfries. Lachen Sie nicht — Ieffries kennt den Orient besser als König Feisal!" . Ich war einverstanden. „Was soll ich für Sie tun? „Eine Kleinigkeit." Clarke legte zwei ungepflegte Finger an die Nase. „Passen Sie auf: In Mosul oder in Bagdad wohnt so ein Kerl von einem Araber. Er soll einen Posten fabelhafter Teppich« haben — einfach ge- chenkt. Suchen Sie ihn auf, sagen Sie ihm, daß ich fein ganzes Lager 'au e, und veranlassen Sie ihn, daß er mir unverzüglich Muster und Offerte schickt. Aber rasch — ehe mir ein anderer zuvorkommt ... Der- [toben <5ie?" Ich gab Clarke die Hand: „Sie können sich aus mich verlassen. Wie heißt der Mann mit den Teppichen?" „Raschid ... Mustafa Raschid — das können sie sich leicht merken. Er soll ein großer hagerer Kerl mit einem langen Bart sein. Seine Adresse weiß ich natürlich nicht, sonst würde ich ihm ja schreiben. Aber in Mosul oder in Bagdad kennt ihn sicher jedes Kind." * Ich machte einen Abstecher nach Ankara, besichtigte die siebenunddreißig Kemal-Pascha-Denkmäler — sechs weiter« waren noch nicht enthüllt —, die drei elektrischen Bahnen und den Springbrunnen; aß Dschuwetsch und Pilas — viel Pilaf, und fuhr denselben Weg weiter, den einst Alexander der Große genommen hatte, nur viel bequemer. Schwitzte, aß und schlief und erreichte endlich die Endstation Dicherabulus. Dfcherabulus bestand aus vier Wellblechdächern, die auf sechzehn Pfosten ruhten; unter den Wellblechdächern schliefen Araber, Kamele, Maulesel und Hunde. Tief im Süden glühte der Dschebel el Hal in der letzten Abendsonne Um den Zug und die Reisenden kümmerte sich kein Mensch. Wozu auch? Selbst mit Allahs Hilfe kann ein Zug ohne Gleise nicht fahren — und Gleise gab es keine mehr. Minuten später stürzt« ein kleiner dicker Mann auf den Zug zu; er war weih gekleidet und trug einen Tropenhelm. Er begrüßte mich eine Stunde lang lärmend, und die dreiunddreißig Gäste des Zuges standen um uns herum und schauten uns zu; sie hatten keine Eile. Der Mann war Nathanael Gollyhead Ieffries. In seiner Begleitung befand sich ein würdevoll hagerer Araber. Was zum Teufel belästigt Sie Clarke mit der Sache", sagte Ieffries ärgerlich. Das hätte ich auch allein durchführen können. Reden Sie nichts", setzte er eindringlich hinzu, als ich etwas entgegnen wollt«, „wir sind im Orient." Der lange Araber legt« eine flache Hand an seine Stirn und verbeugte sich leicht. Als ich von Ieffries den Namen des Mannes wissen wollte, winkte er entrüstet ab. Damit war unser Gespräch beendet, und die Reisenden verliefen sich. Sie waren enttäuscht, denn sie hatten sich von unserer Unterredung weiß Gott was erhofft. In der Nacht suhren wir nach Mosul; in einem Ford wagen. Die Wüste entlang. Es war weder schön noch romantisch, es war einfach heiß. „Das verdammt« Thermometer ist doch an der Hitze nicht schuld, Ieffries?" „Sagen Sie nichts! Wenn man keines dieser bösartigen Instrumente sieht, ist's bei weitem nicht so heiß." Jede halbe Stunde hielt der Wagen und der Chauffeur schlug jedesmal irgendwo ein paar Nägel ein; er hatte keine Ahnung vom Motor, die Nägel waren lang und gut. Ohne diese Nägel wäre der Wagen nach den ersten zehn Minuten auseinandergesallen. Der Chauffeur war ein lieber, braungebrannter junger Mann mit wunderbaren Zähnen. Er war schon dreimal von Zahnpasta-Agenten photographiert worden und hatte vor dem französischen Konsul von Damaskus bereits sieben falsche Eide abgelegt, in feinem Leben nur eine Zahnpasta benutzt zu haben. Ich fragte ihn nach seinem Namen ... und er wurde kühl und abwehrend. „Um Gotteswillen", flüsterte Ieffries, „fragen Sie doch im Orient keinen Menschen nach seinem Namen oder nach seiner Frau; das sind schwere Beleidigungen, es gibt Leute, die Sie wegen einer solchen Frage einfach niederschießenl" „Wie soll ich dann diesen ... hm ... Sie verstehen, finden?" „Mit Takt", sagte Ieffries. „Mit viel Takt." Schöne Geschichte, dachte ich erbittert und versuchte zu sckstafen. Dem Chauffeur waren, wie vorauszusehen, die Nägel ausgegangen, so mußte er den Wagen mit Stricken zusammenbinden; der Araber betete laut, und Jesfries erzählte von seiner Familie. An Schlaf war unter diesen Umständen nicht zu denken. In Mosul ging ich — obwohl Ieffries abriet — aufs englische Polizeb amt und fragte nach Mustafa Raschid. Ich war geradezu froh, enülim einmal den Namen aussprechen zu dürfen. Der Sergeant, ein starker Mann, strich seinen Schnurrbart und durchstöberte sein Register, tr konnte den Namen Raschid nicht finden. . „Bielleicht später einmal", meinte er liebenswürdig, „fragen Sie vier Wochen wieder an." , M „Wieso später? Was ist denn das für ein Buch, in dem sie foebe nachgesehen haben?" » Das Verzeichnis aller In den letzten zehn Jahren gehenkten Araber, sagte der Sergeant. „Du lieber Gott", murmelte ich entrüstet, „der Mann, den ich suche, lebt ja .. „Um so schlimmer für ihn", sagte der Sergeant. „Früher oder später kommt jeder Araber in das Buch. Keiner ist noch in seinem Bett gestorben ..." Wir durchsuchten in den nächsten Tagen alle Cafes, alle Karawansereien und alle Häuser und fragten vorsichtig nach einem großen hageren, bärtigen Teppichhändler. Vorsichtig, weil Jesfries, der beste Kenner des Orients, es geraten hatte. „Wenn Sie es auffällig tun, schnappt Ihnen jemand den Händler weg — die Leute sind schamlos ..." Wir standen im Morgengrauen bei den Stadttoren — es gab deren fünf — und belästigten alle Leute ... gingen sogar in die Moscheen. Es war umsonst. Endlich trieb Jeffries einen alten, unternehmend aussehenden Maultiertreiber auf. Ich flüsterte dem Mann den Namen Raschid ins Ohr, und er nickt« und sagt«, für zwei Franken könnte er uns eine wichtige Nachricht zukommen lassen. Jeffries warf mir und dem Araber einen triumphierenden Blick zu und gab dem Treiber vier Franken. Als dieser das Geld hatte, meinte er, ,cher Mann" hätte beim Tor der Freude gewohnt. „Und jetzt?" schrie Jeffries erregt. „Und jetzt? Sprich ... sprich ... I „Es lohnt sich nicht", sagt« der Maultiertreiber düster. „Der Mann ist vor fünfzig Jahren gestorben ..." * Am nächsten Morgen weckte mich Jeffries um 3 Uhr; er wollte um vier mit mir und dem Araber zwei arabische Notabeln besuchen. Ich hatte bis dahin keine Ahnung gehabt, daß man Besuche um 4 Uhr früh machte. „Die Araber schlafen doch wegen der Hitze bei Tag", sagte Jeffries. „Dann arbeiten sie also bei Nacht?" „Nach meinen Erfahrungen", sagte Jeffries, „schlafen sie bei Nacht auch." Von den Notabeln erfuhren wir nichts. Unser Freund, der Araber, aber wußte eine Menge über Mosul und Bagdad; er kannte, wie sich her- ausstellte, fast alle Leute in diesen Städten. Jedenfalls war er, wie wir aufatmend erkannten, der einzige Mann, der uns helfen konnte. Ich sagte zu Jeffries, es wäre nur anständig und logisch, wenn wir dem Mann nähere Angaben machten, aber Jesfries wollte nichts davon wissen. „Seine Namen", meinte er, „man kann nie wissen, wie er es auffaßt! Sie kennen den Orient nicht ... hier braucht man nichts als Takt, viel Takt!" „Sie müssen doch wissen, wie er heißt?" fragte ich gereizt. „Vielleicht bringt uns das weiter." „Wie der Alte heißt?" Jeffries macht« ein entsetztes Gesicht. „Natürlich weiß ich nicht ... aber ich kenn« ihn länger als 30 Jahre. Er hat mir niemals die Erlaubnis gegeben, ihn nach seinem Namen zu fragen." Diesen Abend fuhren wir nach Bagdad. ♦ In Schergart hatten wir eine kurze Nachtruhe gehalten, da der Chauffeur unseres Wagens das Lenkrad verloren hatte. Am Morgen fuhren wir weiter und erreichten zu Mittag Bagdad — die Schöne, Herrliche, Unübertreffliche, Helle. So sagten die Araber; Jeffries behauptete das Gegenteil. Der alte Araber lächelte und schwieg. Um diese Zeit liebten wir ihn bereits wie einen guten älteren Bruder. Er ging den ganzen Tag mit uns umher, stieg in alle Teppichgeschäfte, forschte in allen Cafes und benahm sich mustergültig. Eines Abends sagt« ich zu Jeffries: „Das hält kein Mensch aus. Sicher ist dieser Teppichhändler nur eine Phantasiegestalt des verlogenen Clarke!" Jeffries, der beste Kenner des Orients, hatte viel von seiner Zuversicht eingebüßt. Wir waren seit vier Tagen in Bagdad. „Wir suchen ihn noch einen Tag", sagte er, „und dann fahren wir zurück nach Mosul, wenn es Ihnen recht ist?" Mir war es recht; es ist doch herzlich gleichgültig, was man im Orient treibt. So fuhren wir nach Mosul zurück. In Bagdad gab es sicher keinen Mustafa Raschid, in diesen Tagen hatten wir alle alten und jungen bärtigen Araber Bagdads gesehen; sofern es sich lohnt«, die Leute zu sehen. Im Schatten war es 48 Grad. Der alte Araber fuhr wieder mit uns; er wollte uns in der schwersten Stunde unseres Lebens nicht verlassen; dies waren seine eigenen Worte. Die Hitze schien ihm zu schaden. „Wer kein Thermometer hat ..." knurrt« Jeffri«s wütend. ♦ Es war eine scheußliche Fahrt; am Abend erst kamen wir nach Mosul und stuchten. Und wieder suchten wir Raschid — Jeffries, der Araber und ich. Wir drehten ganz Mosul um — nichts. Am dritten ^Morgen saßen wir schweigend im Cafe und tranken heiße „Eisliinon^e . Jesfries biß an seinen Fingernägeln, er wußte genau, daß sich Clarke wie ein Rasender gebärden würde, falls wir Raschid nicht fanden. x>ä) hatte die Absicht geäußert, am Abend weiterzufahren. Der Alte trank einen Kaffee nach dem andern, rauchte zweihundert Zigaretten und spuckt« an di« Wand. Am Nachmittag stand Jeffries auf, schlug mit der Faust auf den Tisch und sagte: „Jetzt hab ich's satt ... was geht mich Clarke an? Wie komme ich dazu, diesen Mustafa Raschid zu suchen. Der Araber, unser älterer Bruder, schlug die Augen auf: Allah fei Dank, daß du endlich sprichst." „Warum?" fragte Jeffries gereizt. „Wett ich der Teppichhändler Mustafa Raschid bin. Wir sprangen auf und rangen nach Luft. „Zum Teufel roarutn hast du denn das nicht gleich gesagt?" Der Araber lächelte mild: „Weil du nicht gefragt hast. Und es ist unhöflich im Orient ..." ... Der Teufel hole den Orient und seine Höflichkeit! in ihrer Herrlichkeit treiben immer langlosen Fragen. „Panne gehabt? Was .Keine Spur? .Na, es geht so/ Du bist ganz braun ge- verkauft? worden." — „Das meiste ist Dreck, Elli. Von wem sind bte Stofen? an das eiserne sie sich arg doch eigentlich einer Unwahr- Ort, findet sie, um sich zu überzeugen, Beschäftigung sie in diesen Tagen be- Elli, ,es ist Freund auf „Von Peter Schönlein." „Er war hier?" „Ja. Auch bei uns." Sie atmet tief. „Das ist gut." Warum soll es gut fein“, denkt sehr schlimm, wenn man von seinem heil ertappt worden ist.“ Rosemarie wäscht sich, dabei stößt aber die deutschen Lande neuen Frieden. Dies ist ein geeigneter was für eine einträgliche treibt, zumal es ihr immer besser und besser gelingt. Zieht ihre Bestellungen hervor und rechnet mehrmals alles durch. Aber davon wird es nicht mehr. Immerhin, es ist nicht gerade ein Mißerfolg. Am sinkenden Abend dreht der Taubengraue seine blanke Schnauze um und fliegt durch die duftende, mückeudurchschwärmte Ebene heim. Gelb kommt der Mond hinter leichten Gewöllen hervor, rund und märchenhaft über einer vollkommen schweigenden Welt, die von einem milchigen Nebellicht überleuchtet wird. Machtlos kämpfen die beiden Scheinwerfer gegen diese zauberische Helligkeit. In solchem Glanz kümmert sich die Fahrerin nicht darum, daß ihre Verdienste ausgereicht hätten, um Benzin und Quartier zu bezahlen. Zum Glück trägt die Firma die Spesen. Zuerst fährt Rosemarie zum Hause Wagenschanz, weil sie so bestaubt ist, daß sie sich erst waschen möchte. Oben in der Mansarde findet sie einen großen Rosenstrauß, dessen welkende Blüten von Elli mit Wasser besprengt worden sind. Elli steht dabei in ihrem Waschkleidchen, die Ellenbogen umgriffen, und der Blick kommt ein wenig von unten. Wie war es? tauschen sie ihre be- öer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Waller Julius B 1 o e m (GDS.). (Fortsetzung.) Jedoch es gibt um die Mittagszeit in den Bergen vom Sauerland eine geradezu feierliche Siast, drunten schräg das alte Städtchen in der Ebene, der Taubengraue steht gehorsam abgebremst am Wege, Schlöte rauchen in der Nähe und Ferne, und viele stehen audj' ohne ihre Qualmfahne. Sie spürt in der feuchten warmen Luft den Malzgeruch von Getreide und sieht das weite Land mit seinen parzellierten Feldern im Dunst wie ein Pastellgemälde. Reiche Zeiten kommen, arme Zeiten kommen, vielleicht Chaos und Weltuntergang für die Menschen, aber die Erde bleibt stehen und grünt und duftet, wie die Sonne es will. Die Menschen verkrallen sich in ihren haßerfüllten Meinungskämpfen, unmöglich können sie sich in deutschen Landen brüderlich achten, Oefchcn , es ist hier so eng. Ueberhaupt viel zu wenig Platz für zwei. Die Witwe Wagenschanz gehört in ihr Mauseloch, aber die jungen tätigen Leute brauchen Raum für sich. Sie zieht ein hübsches Kleid an und fährt sofort zu Schönlein. Mit dem Auto, natürlich! Sehr hungrig. Die Kastanien vor der Einhorn-Apotheke stehen jetzt in so schwerem Laub, baß die Lichter der Gaslaternen nur mit ein paar Hellen Flecken das Dunkel durchdringen. Aber Peters Fenster glänzt noch wie ein Helles Auge, er sitzt an seinem Schreibtisch und arbeitet. Rosemarie zieht bedächtig den Steckschlüssel ab. Nun gibt es viele Möglichkeiten, wie Peter sie aufnehmen wird, er kann zornig sein und sie mit Vorwürfen überhäufen. Liegt ihm das? Sie möchte es gerne erleben, daß er einmal, nur ein einziges Mal, zornrot losschimpft. (Seltsamer Wunsch!) Oder wird er etwa so tun, als ob alles in Ordnung sei? Sie kennt ihn, genau so nimmt er sie in Empfang, mit einem halben Lächeln und mit einem Händedruck, der unter anderen Ilmständen kameradschaftlich wäre. Die braune Hausjoppe kleidet ihn gut. „Glück gehabt, Rosemarie?" Ach nee. Viel war's nicht. „Oh", bedauert er sie, „leg' ab." Bücher liegen im Musikzimmer umher, feindlich verschlosien steht der Flügel. Nun ist es aber doch wie eine Heimkehr geworden. Die langen Gespräche, die sie während der Reise in Gedanken mit Peter führte, bleiben alle ungesagt, sie muß sich gegen keinen einzigen Vorwurf verteidigen, der schließlich überall so zwecklos bleibt, wie wenn man im Wolkenbruch mit einer Gießkanne an einem Blumenbeet hantiert. „Denkst du nun anders über die Rosen, die du mir gebracht hast?" Seine Fingerspitze streicht über ihren Scheitel, als ob da ein Stäubchen sei. „Ich würde sie dir immer noch Bringen." „Oh, so gnädig." Sie zuckt mit einer» leichten Verachtung. „Warum denn?" „Verhalte du dich auf deine Weise, würde ich dir mit den Rosen sagen —" Sie entwindet sich ihm ärgerlich. „Ich muß noch irgendwo etwas zu essen bekommen." Aber um diese Stunde sind die Köchinnen der Restaurants längst nach Hause gegangen. „Haben wir uns nicht gelegentlich selber eine Kleinigkeit — ?" „Hast du denn noch nicht gegeffen, Peter?" „Keinesfalls", meint er freundlich, „seit deiner Abfahrt erwarte ich fastend und betend deine Wiederkehr." Einfach weggehen wäre das Veste. Warum tut sie es nicht? Sie steht nervös und ungeduldig am Herd und sucht nach Worten, die ihn verletzen könnten. „Ich wollte es dir sagen, aber ich brachte es einfach nicht über mich. Du denkst natürlich, ich habe ' dich schlechthin angclogcn. Warum mußt du kommen und mir Blumen bringen, das hast du doch sonst auch nicht getan? Früher dachte ich mir manchmal, du könntest mir auch mal ein paar Blumen schicken. Da kamst du nicht. Warum nun auf einmal? Er wüßte es wohl zu sagen. Aber weil sie sehr jung ist und wenig von der Liebe kennt, meint sie, es ginge nicht ander», man müßte alles bereden und erklären. Er ist viel älter als sie und verstand sieben Jahre mit einer selbstbewußten Frau zu leben, so lernte er, daß man solchen Unterhaltungen answeichen soll. Muß es geschehen oder ist es nur eine Eigentümlichkeit der heutigen Frauen, daß sie unbedingt den Kampf und die Auseinandersetzung verlangen und erst zufrieden sind, wenn der heftige Streit sich ohne Ergebnis totgelaufcn hat? Aber so war es schon tm Paradies, nur nicht mit dieser gewissen logischen Zuspitzung. Dann gibt cs noch eine wohltuende Möglichkeit zur Versöhnung der Körper, und die Seele folgt brav im Schlepptau der Lust, ^.yu diesem Fall gibt es diese Möglichkeit allerdings nicht, keine Brite und sogar kein Drängen brächte es fertig. Also bleibt man in Gottesnamen stumm und reizt die Frau erst recht damit, endlich zankt es aus ihr heraus: „Du stehst da und schaust zu, ich meine in diesen riesenhasten Auseinandersetzungen der Zeiten, man möchte sich an dir festhalten können und von dir eine Auskunft bekommen, so und so ist es, fertig. Keine Spur bet dir, man läuft rote in einen Nebel hinein! Die ganze Zeit rst eine kreisende Verwirrung, in der wir Frauen mittrudeln, und zu unserm Glück starrt rundherum die ganze Erde von Männern, die eine eigensinnige Meinung verteidigen." „So ist es." Schönletn lächelt. Man hört die Küchenuhr ticken und die Eier in der Pfanne bruzzeln. Schönlein beschäftigt sich, geht umher, kramt Geschirr und Bestecke heraus, und ihre Augen verfolgen ihn. „So ist es, aber mich wundert es, daß eine Frau die Meinung der Engherzigen verteidigt." „Wenn die Engherzigkeit zum Erfolge führt, Peter —* „Geht eine Frau nach dem Erfolg?" „Die Frauen gehen nur nach dem Erfolg!" „Ich dachte, nach der Empfindung." Jetzt wird Peter Schönlein endlich heftig. „Ist es wirklich gut für euch, daß ihr ehrgeizig geworden seid? Man muß sich von den Widersprüchen verwirren lassen, bevor man sie lösen kann, das ist ein größerer Ruhm jedenfalls für die Verteidigung einer eigensinnigen und vorgefaßten Meinung. Bringt es euch Glück, Rosemarie, wenn ihr eure Männer so kritisch betrachtet, nicht weil sie euch zu langweilig sind oder weil sie euch mit schlechten Manieren quälen, nur weil sie von der Vielfältigkeit aller Geschehnisse überwältigt werden, — seid ihr glücklich dabei?" „Vielleicht nicht", gibt sie zu. Die ersten Viffen mildern ihre Gereiztheit. Sie haben sich Stühle an den Küchentisch gerückt. Ueber Spiegeleier und Butterbrote stürzt man sich mit solchem Vergnügen, wenn man sich eine Zeitlang draußen im Wetter Herumtrieb, und auf seine Weise eine Schlacht bestand mit allen Gefahren der Landstraße. „Ich war im ebenen Münsterland bis an den Rand der Moore, pastoso, versteht du mich? Zwei Jahre kam ich nicht aus der Stadt heraus, und nun konnte ich fahren, wohin ich wollte, aanz allein. Dann geriet die Landschaft in eine immer größere Bewegung, allegro molto vivace könnte man sagen, denn die Hügel kamen mir in großen Wellen entgegen, und schließlich steigerten sie sich zu den Bergen des Sauerlandes, die ganze Landschaft wurde zu einer natürlichen Symphonie." Der Mann stemmt seine Fäuste an die Backenknochen. „Das ist sehr schön, was du erlebt hast", erwidert er ruhig, „soll es dieser eine Ausflug gewesen sein oder willst du immer wieder fahren?" „Bitte, Peter, wir wollen es heute nicht entscheiden." „Keinesfalls. Denn dazu müßtest du dich erst mit Doktor Wagenschanz besprechen." Sie kommt tänzelnd herüber, legt den Arm um seinen Nacken, seht sich auf Peters Knie und kraut an seiner Schläfe. „Du denkst nämlich, jetzt werde ich die Richtung wechseln und mich ganz in das Auto verlieren, ins Geldverdienen, und ich werde nur für die Salbe Erotikon da sein und für diese chemischen Waren, die Doktor Wagenschanz jetzt erzeugt." .Ich denke, Rosemarie, daß du schon die Richtung gewech- |lll null. „Aber das will ich nicht, Peter! Es ist eine große Unvollkommenheit, daß die Menschen immer nur nach der einen Sette schwanken, die Leute der Kultur haben dicke Bäuche und lieben die Sonne nicht, die Leute der Zivilisation mit ihren glatten Ver- diencrgcsichtern wissen nichts mehr von. den Herrlichkeiten der Vergangenheit. — Warum soll ich nicht, wenn ich es so empfinde, in beidem zu Hause sein?" Neber den schlichten Holzbaracken der Wagenschanz-Werke steht in unsichtbaren Buchstaben bis hoch an den Himmel geschrieben: Macht Platz! Es gibt in deutschen Landen so viele chemische Fabriken, daß man eine ganze Stadt aus ihnen zusammenbaucn könnte, eine Stadt mit ÄrbettSpalästen und Bürohäusern, mit bescheidenen Laboratorien und mit den feuchten Waschküchen der Winkelchemiker. Jeder einzelne Raum kämpft auf der engen deutschen Fläche, die großen wie die kleinen. Gibt es nicht schon ivahrhaftig genug davon? Muß durchaus noch ein Neuer daher- kommen, sich in die Menge drängen und den andern, den Kleinen besonders, das Atmen noch schwerer machen? Derartige Bedenken Hegen einem Mann wie Anton Wagenschanz vollkommen fern. Es läßt sich nicht Voraussagen, ob und wie lange es thm gelingen wird, die immer günstigere Meinung der Käufer für seine Schönheitssalbe auf der Höhe zu halten. Darum bereitet er, obwohl es derartiges schon genug im Handel gibt, eine vollständige Serie von Toilettenartikeln vor, Wagen- schanz-Erzeugnisse, die er mit der größten Anstrengung fertig macht, die er aber schon verstehen wird, unter die Leute zu bringen. Erfüllt von der Zuversicht, daß er es bester machen wird als jeder andere, und durchdrungen von der Notwendigkeit zu fabrizieren wie von einer Glaubenslehre, schafft er sich ohne die mindeste Rücksicht den Raum, den er glaubt beanspruchen zu dürfen. Mit Erbitterung und zugleich mit Genugtuung beobachtet er, daß die Grundstück im Umkreis um seine Fabrik plötzlich im Werte steigen. Warum? Weil der Kandidat Kieselbach so schöne Inserate zu schreiben versteht, oder weil Fräulein Reubold in allen geschmacklichen Fragen und, wie er allmählich herausbekommt auch in der Organisation des Verkaufs eine entschieden glückliche Hand besitzt? Sollte es einem Meteorstein gefallen, die Reise durch den Weltenraum auf dem Haupte des Doktors Wagenschanz zu be- enden, so würden die Grundstücke rund um die Fabrik, die Heimgärten und die Kleinbürgerhäuschen, sofort wieder auf ihren früheren Wert zurücksinken, bestenfalls. Es hängt alles von diesem Mann allein ab, und jetzt schüttelt ihn zuweilen eine Wut, wenn er in der Nähe seines Mutterhauses vorübergeht und von Leuten gegrüßt wird, die noch vor einem Jahr die hämischen Gesichter hinter ihm herdrehten, jetzt kommen sie und wollen sich anbiedern, er ist der Mann von morgen, seine Gunst verhilft vielleicht zu einer Anstellung, mindestens ist um ihn die Witterung des Er- kolges. Ach Gott, warnm sind wir so stockblind gewesen und haben uns nicht schon vor Jahren mit ihm angefreundet, dann waren wir heute fein heraus und hätten vielleicht einen Schwiegersohn und dazu viele Sorgen weniger! Da ist dieser alte Tischler Groth, ein Mann über siebzig, gichtisch und langsam, aber er lieh eines Tages dem studierten Griinkramgehilfen zwanzig Mark und forderte sie nicht wieder zurück, Anton vergaß es nicht und tat nur so, als ob er es vergessen hätte, damals, in der finstersten Zeit, als schließlich jeder Fensterrtegel ihm Gedanken ans Aufhängen einflüsterte. Aber der alte Tischler Groth klopfte ihm mal auf die Schulter, als sie sich in einer Bierschänke trafen. „Aller Anfang is schwär, Härr Dokter", sagte er und: „kommt Zeit, kommt Rat", oder: „wer säet, wird auch ernten." Wir haben so viele tüchtige und junge Tischler in der Stabt, konkurrenzfähige Leute, die mit aufgekrempelten Aermeln an ihre Sach' Herangehen und ihre Gesellen in Trab zu bringen misten, aber der Herr Doktor Wagenschanz läßt seine Tischlerarbeiten und jetzt den fetten Varackenauftrag von dieser alten Ruine ausführen, die bloß noch lebt, weil sie nicht beizeiten sterben kann. Wenn wir das vorm Jahr gewußt hätten, dann hätten wir dem Grünkramsohn die zwanzig Mark geborgt, aber, Bomben und Mohren, wer ahnt so etwas? Kleine Frage: hat der alte Tischler Groth es geahnt? Diese anderthalb Jahre in der Kneipe und hinter der Theke seiner Mutter waren vielleicht eine gute Zeit für Anton Wagenschanz, weil keiner ihn ermunterte und weil keiner mit harten Blicken sparte, kleine Leute, denen es nicht gut ging und die es ohne Bosheit wohltuend empfanden, daß es einem andern immerhin noch schlechter ging. So wurde Anton hart wie der Prellstein am Tor seiner Fabrik. Jetzt kommen sie und bitten ihn um eine Anstellung für ihre Söhne, er zuckt die Achseln, „will's mir mal überlegen", schickt die Entmutigten heim und läßt nichts mehr von sich hören. , Seiner Mutter macht er auf diese Weise bas Leben noch saurer und stößt sie noch tiefer in ihre Einsamkeit hinein: das weiß er recht gut, aber seiner Mutter kauft er vielleicht, wenn sie es will, übers Jahr ein Häuschen am Wald, ganz tm Westen der Stadt, wo es nach Feldern riecht und wo der Rauch aus den Schlöten und aus den zweitausend Hauskaminen nicht vorüberstreicht. „Nein, nein, nein", wehrt sie ihn ab, „was sollte ich denn da, in der Gegend kenne ich doch keinen Menschen." Das Haus Wagenschanz leert sich. Zuerst ist es Anton, der nur noch der Form halber ein Zimmer bei seiner Mutter besitzt und im Schrank oder in der Kommode ein paar alte Kleider hängen läßt, weil sie dann das Gefühl hat: er wohnt bei mir! Aber in Wirklichkeit bewohnt er das häßlichste Zimmer seiner Fabrik, einen Lagerraum, wo Unmengen riesiger Korbflaschen mit allen erdenklichen Flüssigkeiten stehen und Kisten mit höchst entzündlichem Inhalt. Es ist die Sorge um seine Werkstatt, um sein Sprungbrett, es ist die Angst um sein Luftschloß, vielmehr um die große Luftfabrik, die auf diesem Platz vor seinem inneren Blicke steht, darum wohnt er hier, und sein Feldbett genügt ihm. Als Zweite verläßt Fräulein Reubold das Haus der Witwe Wagenschanz. Die Mansarde war trotz den niedlichen Möbeln ja ' wirklich recht klein für zwei, man ertrug sie in den schlimmen Zeiten, aber nun geht es nicht mehr. Es geht vor allem nicht mehr, weil Elli Hampel auch in der Mansarde wohnt, und jetzt wird der Lebenszuschnitt dieser beiden Mädchen allmählich w verschieden, daß es sich als peinlich erweist. Sie treten zwar täglich um acht Uhr in derselben Fabrik an, und um die gleiche Nachmittagsstunde verlosten sie in derselben Uebermüdnng, abgespannt und reizbar, diese Fabrik. (Fortsetzung folgt.) 'verantwortlich: l)r. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Drühl'jche Univerfitäts.'Luch. und Steindruckerei, R. Lange. Dieben.