Nummer 31 Montag, den 15. Mai Jahrgang 1935 „Weißt du etwas über diese Angelegenheit, Annette?" Annette stellte sich gerade hin, sah Fräulein Blume in die Augen und sagte mit klarer, ruhiger Stimme: Ja." Die ganze Klasse wandte sich erschreckt Annette zu. Nein, diese Annette, diese tugendhafte AnnetteI Wie blaß sie war! Alle waren sich darüber klar, daß es Annette gewesen sei. Nur Wippen nicht. Wippen hatte nie mit ihrer Meinung, daß es gemein sei, sich über die Kinder vom Assessor lustig zu machen, Hinterm Berge gehalten. Die Kinder hatten doch nicht das geringste mit der Schule zu tun. Und „gemein" würde ihre Annette niemals handeln. Allerdings fand Wippen es nicht nett von Annette, daß sie es wußte und es ihr nicht mal erzählt hatte. Aber Annette war mitunter so komisch. Wippen rutschte etwas zur Seite, ergriff Annettens Finger und drückte sie aufmunternd. Fräulein Blumes Gesicht wurde sehr ernst. „Es betrübt mich außerordentlich, Annette. Du, die..." „Ich bin nicht die Schuldige", sagte Annette. Und sie sagte es in einem olchen Ton, daß die ganze Klasse davon überzeugt war, daß sie es nicht gewesen sein konnte. „Wer war es?" „Das will ich nicht sagen", antwortete Annette ganz ruhig. Du liebe Zeit! . , Die ganze Klasse sah auf Fräulein Blume. Wenn die nur nicht der Schlag rührte! Daß Annette das zu sagen wagte! „Du weigerst dich also, es zu sagen." „Ja", sagte Annette mit leiser Stimme. Fräulein Blume stieg vom Katheder herab. „Es ist eine so ernste Sache, Annette, daß ich die Direktorin holen muh. Seid so lange ruhig, bis ich wiederkomme." Und Fräulein Blume verließ die Klasse. In dem Augenblick, als die Tür sich hinter ihr schloß, ging ein Geflüster und Gerede und Gemurmel los. „Annette, sag doch, wer ist es?" „Du bist aber tapfer, Annette." „Na, du wirst schön was abkriegen." Wippen stieg auf das Katheder und kommandierte: „Ein ganz leises, dreifaches Hurra für Annelie! Los, flüstert!" Und die ganze Klasse flüsterte Hurra und winkte mit Taschentüchern. Und dann kam die Frau Direktorin. Ohne Fräulein Blume. Und sie sah noch strenger ans als gewöhnlich. Sie setzte sich neben das Katheder und sah die Klasse an. Sie sah sie nur an und sagte keinen Ton. Selbst Wippen wurde unter diesem Blick nervös. „Annett« Sonting, komm zu mir." , Es ging wie eine Erleichterung durch die Klaffe, als diese Worte gefallen waren. , , . „ .... Annette ging zur Direktorin. Ihre Knie zitterten, aber in ihrem Gesicht konnte Wippen deutlich lesen, daß sie es ganz bestimmt nicht sagen wurde. .Wenn ich Fräulein Blume recht verstanden habe, so sagte sie, daß du von dieser abscheulichen Geschichte etwas weiht?" Annette bewegte bejahend den Kops. Sie konnte kein Wort hervorbringen, der Wund war ihr wie ausgetrocknet. Sie hatte vor der Vorsteherin ungeheueren Respekt. „Ist es jemand aus deiner Klasse?" . Annette dachte einen Augenblick nach. Cs kann ja nichts schaden, wenn ich darauf eine Antwort gebe, es sind ja noch neun Klassen da. „Nein, es ist niemand aus meiner Klasse." „Weißt du ganz sicher, wer der Täter ist?" Ja " ''Hat dir die Betreffende das Heft gezeigt?" Die scharfen, grauen Augen der Direktorin sahen sie durchdringend an. „ „Nein, ich habe in der Pause zufällig gesehen, wie sie zeichnete. „Willst du mir nun, bitte, sagen, wer es war? Das war keine Frage, soni^j n fast vor Spannung. Wagte Annette nein zu sagen? Dann wurde sie sicher rausgeschmissen „Ich will den Täter nicht nennen. Annettes Wund bebte, und sie sah zu Boden. Die Klasse zitterte. Was würde geschehen? Sie wagten kaum zu atmen. Die Direktorin saß einen Augenblick ganz ruhig da. Dann sagte sie: „Hast du dir auch überlegt, daß du bestraft werden wirst, wenn du dich weigerst, es zu sagen?" ,, _ , ..., Ihre Stimme klang ganz anders als gewöhnlich. Es war unglaublich, wie sie sich beherrschen konnte. ... „ r-u Annette sah sie an. Sie wurde etwas rot und jagte mit sester Summe, Gießenek ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Oie kleine Welt in Bayern. Von Georg Brittin g. Der Himmel ist hoch und weit über das Land gespannt, Daß alles unter ihm Platz hat: Die weiße Felswand, Der Kirchturm, Zigeunerpferde mit farbigen Bändern Im Schopf, Hirsche, Nachtigallen und Stare, Und der spiegelnde, blaue und klare Waldsee mit den schilfigen Rändern. Liegt ein Kerl im Moose, Schlägt die Augen auf und im kleinen Stern Sammelt er alles, den Kirchturm, die Felswand, den Himmel, und sein Begehrn Geht darüber und über den Himmel hinaus ins Große und Grenzenlose. Oie erste Klaffe. Von Barbra Ring. Totenstille herrschte in der ersten Klasse. Kein Tuscheln und Flüstern war zu hören. Keine heimlichen Briefe flogen hin und her. Kein Kopf bewegte sich. Alle sahen wie gelähmt auf ihren Plätzen. Zweiundzwanzig Augenpaare starrten geradeaus auf die Lehrerin. Etwas Abscheuliches war geschehen. Die ganze Schule war in Aufregung. Auf dem Hof war ein Aufsatzhest gefunden worden. Ein Aufsatzheft, ganz voll mit Karikaturen. Das erste Bild stellte Assessor Petersen dar, wie er einen Kinderwagen mit seinen Zwillingen schob. Assessor Petersens Zwillinge waren ein in der ganzen Schule beliebtes Motiv. Zwei Mädel aus der dritten Klasse hatten das Hest gefunden und gleich die Aehnlichkeit mit Petersen festgestellt. Und ehe die aufsichtführende Lehrerin, die das Heft konfisziert hatte, es der Vorsteherin hatte geben können, war die Neuigkeit in der ganzen Schule herum. Die erste Klasse war vollkommen überzeugt, daß es keine von ihnen gewesen war. Aber wenn es jemand aus der ersten Klasse gewesen wäre, dann hätte es nur Annette Sonting sein können, denn sie hatte soviel Talent zum Zeichnen. Soßen Meyer hatte eine Katze von ihr gesehen, und die war genau wie eine lebendige gewesen. Annette war nicht beliebt. Sie war erst in der zweiten Klasse zu ihnen gekommen und noch nicht richtig warm geworden. Und sie trug den Kopf immer etwas höher als alle anderen. Außerdem war sie so „tugendhaft . Sie war die einzige, die keine Bemerkung bekommen hatte, als neulich die ganze Klasse „wegen ungebührlichen Betragens gegen Assessor Petersen nachsitzen mußte. ,, Assessor Petersen war unvorsichtigerweise ungerecht gegen Wippen Felber gewesen. Und Wippen zahlte alles bar und mit Zinsen zuruck. Darum verschwand in der Mathematikstunde Petersens Brille auf ganz unerklärliche Weise, so daß er absolut nichts sehen konnte und sie wahrend der ganzen Stunde den allergrößten Spaß hatten. . Aum Glück und natürlich rein zufällig fand Wippen |eme Brille wieder, als es gerade klingelte. Aber die ganze Klasse mußte dafür büßen. Nur Annette nicht. Auf Mippens Fürsprache hm wurde ihr die Strafe erlassen. Denn Wippen, die Klügste und der größte Spaßmacher in der Klasse, liebte die große und friedfertige Annette. Sie saßen nebeneinander und hießen wegen des Größenunterschieds in der ganzen Schule David und Goliath. Mippen fand es ja gar nicht schon, gehen zu dürfen wenn die ganze übrige Klasse nachsitzen mußte, aber toenn Annette und ihrer Mutter so viel daran lag, dann sollte es an ihr nicht fehlen. Mippen hatte herausgekriegt, daß Annette eine Freistelle hatte, und da war es natürlich scheußlich für sie, einen Tadel zu bekommen. Aber Annette sollte um alles in der Welt nie erfahren, daß sie ihre Hand dabei im Spiele hatte. „ . . ... „ ... . Nun fand das große Verhör statt. Offizielles, feierliches Verhör tn allen Klaffen. Die ganze erste Reihe war bereits verhört worden, und sie hatten alle geantwortet, sie wüßten nicht, wer der Täter wäre. Mftwen'hatte'den Außenplatz in der zweiten Reihe. Sie sprang in die Höhe. Mippen fühlte sich heute ausnahmsweise sicher Es war eine allgemein bekannte Tatsache, daß sie eine schlechte Schrift hatte und überhaupt nicht zeichnen tonnte. Aber das machte ,hr nichts aus „Da- sind ja doch nur Nebenfächer", pflegte sie zu sagen. Sie war sich ihrer Ueber- legenheit in den anderen Fächern vollkommen bewußt. ™ . Wir waren's nicht. In unserer Klasse kann überhaupt kem Mensch so zeichnen", sagte Mippen kurz, als sie von Fraulein Blume gefragt "'"Fräulein Blume mußte lächeln. Mippen war immer der Wortführer und sprach stets in der Mehrzahl. Mippen setzte sich wieder. Langsam erhob'sich Annette von ihrem Platz. Sie war sehr blaß. deinem Chauf- Hochtal Altes und neues Montenegro. Von Theodor 5- Meisels. Copyright 1933 by I. L. A., Wien. Die Serpentinen der Lovcenstraße sind überwunden, und der seur Iaht den dampsenden Wagen verschnaufen, ehe er in das von Njeaus hinabrollt. Der Blick gleitet über unvergeßliche Wetten von Berg und Meer (Glanz- und Endpunkt jeder Dalmatienfahrt), die fo gewaltig find, daß erst die dunkle Kontur eines Geiers den Raum recht erfassen läßt, über dein sie schwebt. Im Hang klebt das erste Monte- negrinerdorf, meerwärts schauen die Fensterluken und zwischen dieser Steinwüste und der grünsatten Fruchtbarkeit da unten wird der Begriff „Bergräuber" menschlich nahe. . Heber dem Paß die Hjeguspolje, der ttrkanton Montenegros. Durch felsiges Gewirr windet sich die Straße. Wo aber in den Mulden Fruchterde zusammengeschwemmt und geschützt sich erhalten hat, winzige Aecker, die so orgsam gepflegt sind, daß die unregelmäßigen Beete wie phantastisches Parkland wirken. Nur fanatische Heimatliebe mag den Optimismus ausbringen, diese verzweiselt karge Scholle $11 bearbeiten. Die letzte, freie Serbenerde war dieses Hochland durch Jahrhunderte. Kurzer Aufenthalt vor dem „Grand Hotel" in Njegus. An den Wanden der Gaststube hängen die Oeldrucke russischer Zaren, dem Volke einst Inbegriff des Schutzes, fern und mächtig, Ostroms Erben. Wunderlich paßt der Name dem Häuschen. Aber es gibt viel größere „Grand Hotels , in denen der Kaffee viel schlechter ist. Noch einmal steigt die Straße und Rückblick wird das Hochtal, das schon Ziel schien. Weit unten blinkt vor Albaniens Bergen der See von Sk>utari. Der (£rnagora Südland sind seine Ufer, wo neben Reihern der sem mag. antmortetc bie ;n heller Begeisterung. Und dann stürzten'sie hinaus, um alles weiterzuerzählen und vielleicht aus den anderen Klassen etwas Neuss zu ersahren. ... Rur Annette und Wippen blieben in der Klasse zuruck. Annette suhlte sich plötzlich so elend und war so nervös, daß sie den Kopf au,s Pult legte und laut zu schluchzen ansing. Mippen umarmte sie: „Aber, liebster Goliath, du darfst an Ehrentag doch nicht weinen!" „Ich mutz Die Sl.afe wegen Ungehorsams even tragen. Mer klatschen 1116 Niemand in der ersten Klasse zweiselte daran, daß sie nun aus der Schule gewiesen würde. Selbst Mippen zitterte am ganzen Körper. Wieder sah die Direktorin stumm da. Sie bedeckte ihre Augen mit der fianb und wartete. Eine Ewigkeit schien es der ersten Klasse. Annette mußte sich an der nächsten Bank festhalten. Es drehte sich alles um sie. Dann stand die Direktorin langsam auf Sie ging zu An- nette hin und legte beide ^)ände aus Annettens schultern. „Du kannst dich setzen, mein Kind." . Ihre Stimme mar ungewöhnlich sanft. Dann wandte sie sich an die ganze Klasse und sagte: „Ihr alle könnt stolz aus Annette sein." „Bravo!" Mippen vergaß sich ganz und gar — erschreckt von dem Klang ihrer eigenen Stimme, duckte sie sich schnell. Als die Vorsteherin an Mippens Platz vorbeikam und Mippens Augen in grenzenloser Bewunderung auf sich gerichtet sah, strich sie ihr über die Nun" bist ^du wohl glücklich, Mippen?" Wie die ganze Schule, wußte auch sie von der Freundschaft zwischen David und Goliath. Sie sind zu lieb", sagte Mippen nur und umarmte die Vorsteherin in ihrer Begeisterung. Unter gewöhnlichen Umständen wäre dies als UJtaje= stätsbeleidigung betrachtet worden. Dann klingelte es. Und die Direktorin verließ die Klaße. Mippen stürzte auf das Katheder. „Annette soll leben!" , Und die ganze Klasse antwortete: „Hoch, hoch, hoch. .Das eine kann ich euch sagen, wenn sich irgend jemand auch nur em einziges schlechtes Wort über die Direktorin erlaubt, dann bekommt er von allen eine gehörige Tracht Prügel, wo und wann es auch immer den Autobus benützen — nur um des malerischen Eindruckes willen. Und io wird das leichte Amüsement ehrliches Interesse an der Erscheinung eines Volkes, das im Begriff ist, aus dem sechzehnten ins zwanzigste Jahrhundert zu springen. . , .. . . t Der Bädekersterne sind wenige, aber man muß sie doch gesehen haben und leiht sich, ungerüsteter Stadtmensch, ein eingeborenes Parapluie. Denn hier regnet es, wie Polonius sagt: „Nie, aber dann ausgiebig. So wenig einladend die nasse Straße ist, vor Cetinjes Buchhandlung muß man doch stehen bleiben. Sie ist erstaunlich modern, reichhaltiger jedenfalls als in einer italienischen Mittelstadt! ein museumsechter Mow tenegriner kommt heraus und hat sich gerade ein neues Amerikabuch gekauft! , Populärste Sehenswürdigkeit: Die riesenhafte Reliefkarte von Montenegro 1916 bis 1918 mit viel Gips und gutem Willen angefertigt. Man hat ein Haus herum, einen Steg darüber gebaut und ein Soldat bewacht das Ganze. Die bunten Farben sind nun naturalistisch verstaubt und so sieht die Landkarte dem Original staunenswert ähnlich. Oder Um Banken das „Königsschloß". Seine geschmacklose Schlichtheit reizt zur Ironie. Aber es drängt sich die Frage auf, ob diese puritanisch- bourgeoise Ausstattung (der man allerdings hinzudenken muß was der flüchtige König mitgenommen hat und was Krieg und Nachkrieg weggeschleppt haben) nicht bewußt patriarchalische Beschränkung war. Verfügte doch Montenegros Herrscher über auswärtige Subsidien, die ihm trotz seiner elf Kinder (die ja alle auch sehr gut geheiratet haben) den Standard eines mittleren Bankdirektors wohl ermöglicht hatten. Auf dem Gipfel des Lovcen aber hat das Volk feinem Dichterfürsten Peter das Mausoleum bereitet, der als Regent an der Schwelle der Neuzeit stand, für die feine Epen die ungeschriebene Uederlieserung der nationalen Geschichte bewahrten. Dem Volksglauben war die Unabhängigkeit des Landes mit diesem Berggrab verbunden, und als General Sar- kotic, Montenegros Kriegsgouverneur, die Leiche zu Tal bringen lieg, beging er eine jener brutalen Geschmacklosigkeiten, die so viel Unfrieden zwischen Völkern stiften. Damit ist das Befichtigungsprogramm erschöpft, und man mag guten Gewissens ein Stück auf der Straße nach Pvdgoritza hmausbummeln. Hinter der ersten Biegung ist die Stadt verschwunden und nichts verrat die Nähe menschlicher Siedlung. Aber diese Bergwüst« ist keineswegs em- fam. Herden ziehen vorüber, Bauern mit Roß und Esel und vor allem Autos, sehr viele Autos; Autobusse, voll besetzt und starke amerikanische Personenwagen, bis zum Bersten mit Crnagorzen gelullt. — Em Land eben, das im Begriffe steht, das Zeitalter der Eisenbahn auszulassen bas Dom Saumtier unvermittelt zum Auto greift. Aber die Hast hat patriarchalischem Brauche noch nichts anhaben können. Niemand wandert vorüber ohne freundlichen Gruß und manch einer _ versucht gemütlichen Plausch, der allerdings nur bis zu freundlichem Grinsen und Zigarettentausch gedeiht. Kino hat Cetinje noch keines, wie sich abends herausstellt, aber ein blitzneues Landestheater. Die Kassen sind zwar geschlossen, denn heute wird die Erössnungsvorstellung als richtiges Volkstheater bei freiem Eintritt wiederholt, aber der Direktor, jovial wie alle Theaterdirektoren (besonders in der Diaspora), lädt in die Direktionsloge. Der Abend findet Cetinje in fröhlicher Erregung. Wer eine Karte bekommen hat, zieht sein Bestes an, die Familie assistiert, bewundert und begleitet. Fast verödet ist die kleine Stadt, alles sammelt sich vor dem Theater, und die Vorstellung ist für die ganze Bevölkerung ein Ereignis, wie vielleicht in Altgriechenland. Bauern, Beamte, Handwerker füllen den Zuschauerraum, der gar nicht so klein ist, modern und ganz ohne gipsgoldenen Klimbim. Die Honoratioren fehlen, sie waren bei der Festvorstellung geladen: Sicher war vorgestern das „gesellschaftliche Bild" prächtiger, aber wir sind sroh, daß wir heute da sind, unter einem Publikum, dessen Urteil voraus- setzungslose Volksftimme ist. Als erstes: Ein Akt aus „Gorski Wijenatz (Bergkranz), dem dramatisierten Epos des Fürsten Peter (Erstes Viertel des 19. Jahrhunderts). In freier Landschaft eine Versammlung der Stammeshäuptling«. Woiwoden und Serdare beraten über Krieg und Frieden mit den Türken. Der Metropolit rät zur Versöhnung, aber die türkischen Abgesandten sind zynisch, frech, und die Kriegspartei siegt. Etwa „Wallensteins Lager am Balkan". Die Kostüme prachtvoll, di« Regie so belebt, daß auch der Sprachfremde interessiert bleibt. Nur Dialog, aber das Publikum folgt gespannt, nimmt Stellung. Jedem im Zuschauerraum sind die historischen Voraussetzungen geläufig, packende Worte finden Beifall auf offener Szene. Die nationale Geschichte ist den Hörern absolut aktuell Ein Eindruck, den der zweite Teil der Aufführung verstärkt. »Der Tod der Mutter Jugovic" von Voinovich, der zu den südslawischen Klassikern zählt Man spielt nur den zweiten Akt, der ohne Kenntnis des Dramas kaum verständlich ist. Aber daß man die Volksdichter hier ruljig ats bekannt voraussetzen darf, zeigt sich rasch. Das primitive Publikum folgt Vorgängen, die wir uns nachträglich fehr ausführlich erklären lassen müssen. Dabei sind Regie und Bühnenbild so modern, in gutem Sinne modern, wie man es etwa am Linzer Stadtheater niemals wagen wurde. Erstmalig wird diesen Menschen das Volkslied szenisches Erleben, und die zeitlose Darstellung befriedigt ihre unverdorbene Phantasie, der fo viel Kitsch erspart geblieben ist. Ewiges Geschehen ist ihnen die Schlacht vom Amselseld, das Problem von 1389 war der lebenden Generation noch aktuell. Als Drittes „Hassan Agas Weib", wiederum nur ein Akt. Die Handlung des slawischen Volksliedes, das Goethe und Herder der Weltliteratur schenkten. Wieder kennt das ganze Publikum die Vorgeschichte. Nicht Knabe, noch Greis braucht sich vom Nachbarn erklären zu lassen, warum der Aga auf seine Frau so bös ist. — Hand aufs Herz, raeld)er Direktor würde es wagen, in der deutschen Provinz den dritten Akt des „Verschwenders" oder den zweiten der „Minna von Barnhelm zu Pelikan nistet. . . , Dann öffnet sich die (Ebene von Cetinje, schnurgerade von der Straße durchschnitten, die zur Stadt führt. Ein kampfbereit ummauertes Turmgehöft, erstaunlich moderne Neubauten, Marktgewirr, und vor dem „Grand Hotel" ist die Fahrt zu Ende. „ Empfangsbereit steht die Front „behördlich autorisierter Führer , doch vor den spärlichen Sehenswürdigkeiten ist das Mittagessen akuter. Dann aber bricht ein Berggewitter los und ist bereitwillig ergriffener Anlaß zur Uebernachtung, die das alltägliche Cetinje zeigen wird, wie es aussieht, wenn die tägliche Mittagsstunde des Fremdenverkehrs vorüber. Vor dem Hotel lehnt ein wettergebräunter Crnagorze in pittoresker Nationaltracht. Er spricht sehr gut deutsch, denn er war „Obermontenegriner" auf der Adriaausstellung. Nun macht er mit wienerifchem Akzent die Honneurs seiner Heimat und säst will es scheinen, daß er der letzte Ansichtskartenmontenegriner ist. — Denn die Volkstracht ist rar geworden, mindestens die kostspieligen Galaröcke, lieber roter Weste und wetten blauen Hosen trägt man nun braungräuliche Sakkos, den Abschaum von Europas Konsektion. Wie sich derart heldenhaste Vorzeit mit nüchterner Gegenwart mengt, erinnert irgendwie an eine Indianerreservation. Die Jugend hat nur mehr die schwarzrote Kappe beibehalten und auch die alten Leute ersetzen ihre Kleidung europäisch. Daß Männiglich, zu Fuß, zu Roß und im Auto mit einem Regenschirm ausgerüstet ist, stimmt mit der üblichen Vorstellung vom gestählten Bergbewohner nicht überein, ist aber sicher sehr praktisch. Drollig wirkt es freilich im Vereine mit dem ehrwürdigen Revolver, der, Symbol des vollwertigen Mannes, jedem älteren (fast hätte ich gesagt, Friedens-) Montenegriner aus dem Gürtel lugt. — Aber vielleicht ist es unbillig zu erwarten, diese Leute, die telephonieren und Radio hören, würden weiter in mittelalterlicher Tracht i spielen? Bor dem Phänomen dieser Literaturnähe eines eines urwüchsigen Volkes schwinden uns die eigentlichen Probleme des Theaters. Daß aber Bühnenbild und Darstellung weit über provinzialem Durchschnitt stehen, ist nicht mir Kompliment dem freundlichen Direktor. Dem wieder ist selbstverständlich, dah jedem Südslawen die heimischen Dichter ge- Dem "Südslawen, dessen heroisches Zeitalter Jüngstvergangenheit ist, der kämpfte wie seine epischen Ahnen, fast mit denselben Waffen und ebenso verzweifelt. Der Guslar singt ihm vom Kraljewitsch Marko, wie vom Befreierkönig Peter. — und beides ist Gegenwart. Lieder und Gusla, die am Hose Zar Duschans klangen, haben das Radio erlebt (blinde Guslaren hörten wir aus dem Lautsprecher des „Grand Hotel", im Speifefaal, wo wir vielleicht mit Enkeln der Helden aßen, von denen sie sangen). Den Kitsch des bürgerlichen Zeitalters hat dieses glückliche Bolt verschlafen: seine homerische Phantasie ist unverdorben und den naiven Heldenaugen modernstes Theater verständlicher als das bunte Fetzenwerk der letzten Vergangenheit. — Wie etwa der Bergwanderer, der Saumtierführer sich leichter an das Auto gewöhnen konnte, als an die schienengebundene Eisenbahn. Philosophie des Wochenendes. Von Adolf H a l f e l d. Wenn man Deutschlands Stellung in der Welt richtig abschätzen will, so muß man sich besonders eingehend mit dem „angelsächsischen Vetter" beschäftigen, dessen Wesen und Land sich seit dem Kriege in mancher Hinsicht gewandelt hat. Ein scharfer Beobachter, Adolf Haifeld, schildert in seinem bei Eugen Diederichs in Jena erschienenen Buch „England. Verfall oder Aufstieg?" den englischen Menschen in feinem Alltag und eröffnet dabei weite Ausblicke für die Zukunft. Da das Wochenende, diese typische Schöpfung des britischen Volkes, ja auch bei uns sich eingebürgert hat, dürfte feine psychologische Erklärung aus dem englischen Nationalcharakter besonders interessieren. In scherzhafter Weise hat man gelegentlich sagen Horen, um seines Wochenendes willen fei der Engländer in den Weltkrieg eingetreten. Ein Wahrheitskern wird damit in überspitzter Formulierung geboten. Der ist nämlich vorhandene Vom Weltkrieg bis zum Wochenende führt irgendwie eine logische Brücke. Unschwer ist es, sich die gewaltige Bedrohung vorzustellen, die der mächtige materielle Auftrieb des deutschen Volkes und die romantische Grenzenlosigkeit seiner geistigen Zielsetzungen für die satte Statik der englischen Welt bedeuten mußten. Der Tatendrang eines verjüngten und die Bequemlichkeit eines überreifen Staatswesens, Fleiß und arbeitsscheuer Snobismus, Mangel an Besitz und ererbter Ueberfluß, Schaffenslust und Wochenende: Das waren die Antithesen, die m dem großen Völkerringen auseinanderprallten. Und wenn es im tiefsten Grunde keine Entscheidung brachte, so auch darin nicht, daß das geliebte englische Wochenende nicht anders als irgendwie zerzaust aus ihm hervorging. Genuß und Bequemlichkeit sind in England dieselben geblieben, aber der materielle Boden scheint sich manchmal unter ihnen zu lockern. Das englische Wochenende ist mehr als eine Mode wie bei den Volkern, die es nachahmen. Der Korrespondent eines Londoner Blattes („Eoening Standard") wurde von einem Deutschen gefragt: „Wie haben Sie eigentlich diese Bewegung organisiert?" „Welche Bewegung? „Nun, die Weekendbewegung." „Das ist doch gar keine Bewegung: das ist eine Gewohnheit." „Ja, ganz richtig. Aber eine Gewohnheit entsteht doch nicht aus sich selbst heraus?" — , _.. Darauf fand der Engländer keine Erwiderung mehr. Hur tf)n mar die Frage geklärt: Eine Gewohnheit läßt sich nicht organisieren. Sie ist eben da, und alle Logik versagt vor ihr. Diese geistige Haltung unterscheidet sich, wie man zugeben wird, von dem blinden Reformeifer so vieler unserer Volksgenossen, die den lebendigen Organismus des Volksganzen immer wieder in dis Schablonen von taufend Bewegungen und Moden hineinzuzwängen versuchten, nicht selten unter ergiebigster Benutzung englisch-amerikanischer Vorbilder. Ein angestammter Brauch also ist das englische Wochenende. Es ist eine Idee eine ganz spezisische und national bedingte Einstellung zum Leben Ein weises Haushalten mit dem bißchen Erdendasein das das Schicksal dem Menschen bestimmt. Es umreißt die bukolischen Neigungen des edelsten Teiles der britischen Rasse, den die Verschandelung feiner Städte wenig bekümmert, solange die menschenferne vchonhe.t der Landschaft Flucht vor der Zivilisation und pastoraleStille verheißt. Die zwei oder drei Tage Wochenende stellen das erkleckliche Maß Naturoerbundem Helt sicher, das dem Herzen des Engländers verblieben ,st, mag es auch noch ,° sehr an dem Zwiespalt zwis-- und t.eker Religiosität zu tragen haben. Das ! schen platter Händlermoral und tiefer vieugivziilli zu iruycil ~u= Wochenende ist der versöhnende Ausgleich in der alten Tragödie des englischen Volkes, dieser Bauernrasse ohne Bauernhöfe und Bauerndörfer, deren Vertreibung von der väterlichen Scholle in der Hochblüte der Adelsherrschaft einsetzte und mit dem Jndustrieelend dep Großstädte endete. o ... nh.r Berückend schön zwar ist der Garten der englischen Land chaft, aber eben nichts als ein Garten. Alles ist eingezäunt, weite Streifen Landes gehören irgendeinem großen Besitzer, und von den mit dichten Hecken eingefaßten Hauptwegen führen nicht wie bei uns freundliche, kleine Gaffen kreuz und quer diirch Aecker und Fluren. Unendliche 2stehweiden, durch Gräben abgegrenzt, die eifersüchtig den Besitz hüten, Rinder- und Schafherden, die sich in völliger Freiheit tummeln, einsame Buchen und Eichen, die aus der welligen Landschaft herausragen: Das alles wirkt wie ein Schäferidyll aus dem achtzehnten Jahrhundert, dem Goldenen Zeitalter der allmächtigen Landaristokraten. Denn nur zum kleineren Teile gehört diese Jdeallandschaft dem Volke und seinen Bauern. Eha- raktersttisch sind die Abzäunung, die Hecke und das allgegenwärtige Schild „Private Ground“ — als Zeugen einer feudalistischen Auffassung, die den Boden für sich und niemand anders beansprucht. Trotz der hohen Steuerlasten gibt es noch heute viele Grundherren, die auf ihren Burgen und Schlössern sitzen und die weiten Ebenen riwwu ihr rfgefi nennen. Wer aber wird sich für den elenden Gewinn, den der Pachtzins iibrigläht, auf einem Acker abplagen wollen, der nicht seinen Kindern und Kindeskindern gehört? Gerade die Besonderheit der historischen und sozialen Verhältnisse erklärt uns das Wochenende als einen eingewurzelten Brauch. Beinahe siebzig Prozent der englischen Bevölkerung sind in der großstädtischen Zivilisation ausgegangen. In diesen Menschen lebt die Sehnsucht nach dem Lande. Sie fliehen die Stadt, wann und wo immer sie können. Und auch in der Stadt selbst suchen sie schon bei bescheidenstem Einkommen ihr eigenes Heim zu besitzen, ihr Cottage, das ihnen das Gefühl vermittelt, Herr auf eigenem Grunde zu fein, dem sie einen hochtönenden Namen geben und das nach Möglichkeit abseits der Straße hinter Blumen und Büschen versteckt zu liegen hat. Nur in den Quartieren der wirklichen Armut gibt es Wohnkafernen — jene Tenementhäuser, deren Trostlosigkeit die Ostseite Manhattans und die Slums des Londoner Fastend in ein Inferno der Menschheit verwandelt. Das Cottage indessen ist das Signum des Mittelstandes, der bis weit in die arbeitenden Schichten hinabreicht. Häufig genug erscheint es kümmerlich, häßlich und nüchtern. Die flachgedachten Backsteinstuben der viktorianischen Periode mit den unverkleideten Schornsteinen und zierlosen Fenstern erhoben keinen Anspruch auf Wohlansehnlichkeit. Erst seit dem Kriege beginnt sich ein Stil durchzusetzen, der auf das Steildach, das kunstvolle Fachwerk und die Grazie der alten Dudorhäufer zurückgreift. Er entspricht dem Geiste des Landes und nicht irgendeiner Epoche. So geschmacklos der Engländer auch heute noch feine Warenhäuser, seine Bankgebäude und Theater in den Großstädten baut, so erfreulich wirken die Eigenheime, die im Lause des letzten Jahrzehntes entstanden sind. Programmgerechte Zweckbauten sind sie nicht, aber sie gefallen dem Auge und weifen unverkennbar englischen Charakter auf. r , Wir nehmen unseren Gedankengang wieder auf. Ebensowenig wie das Landhaus entstammt das Wochenende aus einer Bewegung oder einer Mode. Man hat es vielmehr als einen unerläßlichen Bestandteil des englischen Lebens zu begreifen, als ein nach außen sichtbares Symbol der konservativen Seele dieses Volkes. Das Weekend schlägt für den Städter die Brücke zur Heimat zurück, zur menschlichen Freiheit und Mr Verbundenheit mit dem Lande, das schon die Väter umfing. Und fo erfüllen sie einen Dienst am Volke, diese kostbaren Tage nationaler Entspannung, deren wirtschaftlicher Widersinn ihrer Nutzwirkung keinesfalls im Wege steht. . .. . . m ,, Es gelten eben nicht nur wirtschaftliche Erwägungen in der Welt. Periodische Selbstbesinnung eines ganzen Volkes ist zweifellos kein Hau^ Haltsposten für den Schatzkanzler in Whitehall. Schwerlich auch laßt sich rechnerisch der Umstand erfassen, dah das Wochenende den urbancherten englischen Massen stetig neue Lebenssäfte aus dem Erdbereich der Scholle zuführt und ihnen noch andere Zerstreuungen zu bieten weiß als den stumpfen Barbarismus profeffioneller Ballspiele und eines zu blödestem Wettfieber entarteten Sportbetriebes. Aber jene zwei oder drei Tage weifen den Weg, auf dem sich der Engländer zu den Muttern zuruck- findet Sie stellen auch für jene Millionen, die über Südwales und Lancafhire, über Birmingham und Glasgow nichts als die Rauchschwaden ihrer Fabrikschlote entdecken und die in dem schmutzigen Halbdunkel ihrer Slums zu verkommen scheinen — sogar für diese Nomaden der Weltstadt stellen sie die Liebe zwischen Mensch und Heimat wieder her, die sich in den harten, starken, bäuerlichen Zügen des echten englischen Schla- qes mit den buschigen Brauen über stahlklaren Blicken immer aufs neue bestätigt. Da mag man es immerhin glauben, daß für das Wochenende in seinem tieferen Sinn ein ganzes Volk zu den Waffen griff. Aber der Kamps, so scheint es manchmal, war vergebens. Und dies ist das englische Problem der Gegenwart: Wird sich der ruhige Gleichtykt des englischen Lebens, die maßvolle Entfaltung seiner Politik, die aller Hetze widerstrebende Selbstverständlichkeit seines Schaffens, die Lust am eigenen Wesen und die Ablehnung alles Fremden in einer Welt behaupten lassen, die Zahlen nur auf Zahlen häuft und Stillstand mit Sterben bestraft? Dieser Zweifel drückt heute auf den Geist Englands... Nie Dame mit dem Olle pelz. Die Geschichte eines rätselhaften Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Fortsetzung.) Der ganze Raum war erfüllt von munterem Vogelgezwitscher. An die fünfzig Kanarienvögel, Wellensittiche und Stieglitze flatterten in großen Käfigen und begannen beim Eintritt des fremden Eindringlings einen zänkischen Diskurs. Aus der Fensterecke starrte ihn ein schöner roter Ara aus seinen honiggelben Augen mißtrauisch an und ließ sofort em gereiztes ^^Donnerwetter", grinste der Besucher in sich hinein, ,>r Bursche hat eine feinere Nase als die Alte!" Er hütete sich, in den Machtbereich des feindlichen Beobachters zu geraten. Aber alle übrigen Winkel des Zimmers unterzog er einer sachverständigen Musterung ein für einen erstmaligen Besucher höchst unschickliches Benehmen, das gewiß auch der harmlosen Seele von Frau Schnee verdächttg erschienen wäre, wenn sie nicht mittlerweile in der Küche draußen ihre ganze Aufmerksamkeit aus die kunstgerechte Entfaltung ihrer Lockenwickel hatte verwenden muffen. Denn obgleich sie selbst zu der Ansicht neigte daß Gott sie mit einer nicht unbedeutenden Dosis Verstand ausgerüstet habe so war diese Dosis doch nicht ausreichend, um in diesem netten und höflichen Herrn auf den ersten Blick den Geheimpolizisten zu erkennen. . 2(15 Frau Schnee zehn Minuten später mit sorgfältig geleimten Stirnlöckchen und in einer blendend sauberen Schürze 'm Zimmer erschien saß dieser Herr bescheiden und steif auf seinem Pluschsauteull und war absichtlich bemüht, seine beschmutzten Stiefel ^m farbenstrotzenden Teppich fernzuhalten. Er machte em paar liebenswürdige Sem.itun- verlassen hätte?" (Fortsetzung folgt.) Beran-wörtlich: LH. tzanü Thhrioi. - Druck und Verlag: Brühl'fche Universitälö.Buch. und Sleindruckerei.D. Lange, Dieben. "^°,Und^Äe^ lange sind Sie eigentlich schon im Haus, liebe Frau 6rf,,n£ nächsten Frühjahr sind es vier Jahre. Aber ich kamschon zu Lebzeiten des Kapitäns ins Haus — zum Ausbessern der Wasche und dergleichen — verstehen Sic? Gott ja, man hat auch emmal bessere Seiten gesehen! Mein Mann war Steuermann, denken Siel Aber er konnte das Trinken nicht lassen und verputzte, kaum daß er irgendwo an Land kam, seine ganze Heuer. Da mutzte ich mir eben allein weiter« ^Sie drückte ausschluchzend das Tasentuch an die Augen. „Und darum zogen Sie dann zu Herrn Grau?' Frau Schnee wehrte beinahe entrüstet ab. ..... . . 0 nein! Wo denken Sie hin! Ich wohne doch nicht bei einem allem- stehenden Herrn! Ich habe hier in der Nachbarschaft mein Zimmer und komme mir an, Vormittag und oft gegen Abend noch ein paar Stunden herüber, um bei Herrn Grau auMräumen und seine Wasche instand zu halten. Die Mahlzeiten bereitet er sich selbst." Der sremde Herr Horchte interessiert auf. So — so — Sie sind also gar nicht ständig im Hause? Dann können Sie" ja eigentlich gar nicht missen, ob Herr Grau nicht doch zuweilen Besuche empfängt — ich meine solche, die er vielleicht nicht gerne vor anderen sehen lätzt." „ . . Er zwinkerte vielsagend mit den Augen. Frau Schnee wurde unter seinem Blick krebsrot und setzte eine beleidigte Miene auf. „O nein, Herr Donald ist ein sehr solider Herr. Dafür wollte ich meine Seligkeit verpfänden. Autzerdem hätte sich so etwas schon längst in der Gegend herumgesprochen. Hier draußen haben die Leute ja nichts Besseres zu tun, als auf ihre Nachbarn auszupassen." Sie batte vor Entrüstung ein ganz steises Genick bekommen und die Fi^tpolsler ihrer Wangen zitterten ausgeregt. Der Herr sand es angebracht, das Gespräch aus ein anderes Thema zu lenken. Er beutete auf eine Photographie in Goldrahmen, die über dem roten Pluschsofa hing und eine junge Frau mit seltsam schwärmerischen Augen darstellte. „Wer ist das?" „Oh, das ist 5rau_®rau, die Mutter des jungen Herrn. Er sieht ihr sehr ähnlich. Finden Sie nicht?" „Lebt sie noch?" r. .. „Nein — sie mutz ziemlich jung gestorben sein. In einer Anstalt, heißt es. Sie soll ja im Kops nicht ganz richtig gewesen sein. „Was Sie sagen! Geisteskrank? Und wie äutzerte sich das? „Das kann ich so genau nicht sagen. Zu ihrer Zeit kam ich ja noch nicht ins Haus. Aber die Schwester des seligen Herrn hat nur so manches erzählt. Sie soll oft an Krämpfen gelitten haben, die Arme. Und es tarn' vor, das, sie mitten in der Nacht ausstand und aus dem Haus „es — stundenweit. Bis man sie irgendwo aufgriff und wieder heim- brachte. Aber dann mutzte sie überhaupt nichts davon, daß sie weg- gewesen war." „Nicht möglich!" ,, „Ja, denken Sie! Und sie soll ja auch das .zweite Gesicht' gehabt haben." „Das zweite Gesicht? Was ist denn das? „Ja, das ist nicht so einfach zu erklären. Zum Beispiel, als ihr Bruder umkam bei dem grotzen Kinobrand in New Orleans — Sie werden sich nicht mehr erinnern, es mag gut seine zwölf Jahre her sein — da hat sie alles vorausgesagt. Wahr und wahrhaftig! Damals rüttelte sie nachts ihren Mann aus dem Schlas und sagte, weitz vor Entsetzen: Du wirst sehen, Eduard, jetzt eben geschieht irgendwo — weit fort von hier — ein furchtbares Unglück! Ein grotzes Haus brennt. Ich höre viele Menschen schreien. Und Charlie ist auch dabei. — Charlie, das war ihr Bruder. Es verbrannten damals an die zweihundert Menschen. Ja, Herr. Und das Unglück geschah genau auf die Stunde, als sie den Kapitän ausgeweckt hatte." Der Besuch lächelte ungläubig. „Das wird hinterher immer cr3af?(£ Nehmen Sie mir's nicht übel, liebe Frau, aber au, jo was gebe ich "ld®r ^hrte"stch mu'einem geringschätzigen Achselzucken ab und sahte * Ä XV'ü'na im Sertrauen ge|afll — juweilen lürchle 'ch l-g-r datz er auch sonst noch manches von ihr abbekommen hat. Sie ver- ,tel5iDere/remde starrte nachdenklich aus das Blunie 111011(1 er des Teppichs. „Und später haben Sie das Bild auch nicht zu Gesicht kommen?" burfte ja fQft eine Woche lang das Zimmer nicht auf- räumen. Und als Herr Grau mich endlich hmeinUeh, da war die Sta feie, schon leer Dafür sah es aber auch in dem Zimmer aus! Wie in einem Schweinestall mit Respekt zu sagen! Der Fußboden und die gute Tisch- berfe alles voller Dclfarbe! Zwei Tage hatte ich daran sauber zu '"°Ein Schweigen trat ein. Man hörte nur noch das eintönige Trommeln des Regeiw auf dem Fensterbrett. Der fremde Herr stand plötzlich auf "nö Ich' fürchte,^Her'r Gran kommt sobald nicht zurück. Was hat ihn denn veranlaßt' schon so früh auszugehen? Bei diesem Hundewetter? Die Augen der alten Frau füllten sich mit Tränen und ihre Stimme Ilana diesmal ausrichtig bekümmert: „Ach, wenn ich das wußte. Aber er ivricht sich ja niemals zu mir aus. Rennt eiusach auf ""b davon, ohne nur ein Wort zu hinterlassen. In aller Herrgottsfrühe Ich habe G meinen Ohren nicht getraut. Aber ich konnte ihm doch nicht nachlausen, * “U" «. f* °»ch •* »««r T«.- bm Ich auch und machte ein paar bedenkliche Schritte auf die Tur zu. Dort drehte er sich noch einmal um und streckte Frau Schnee zum Abschied die i)an$sltut mir wirklich sehr leid, Herrn Grau nicht angetroffen zu haben. ®rüften Sie ihn von mir. Reuter ist mein Name — /mr waren «chuL kaineraden. Es ist wie verhext! Gestern — als er mich besuchte, war ich nicht^u Hause^und?j" guten Frau Schnee blieb vor Ueberraschung der' Mund ossenstchen, was ihrem Gesicht keinen besonders geistreichen ^^,Jawoh/—^ gestern nachmittag! Er ließ mir sagen, er sei ohnedies geschästlich in Berlin und hätte mich nur besuchen wollen. Es tat mir aufrichtig leid, und da ich für heute nichts Besseres vorhatte habe ich nnch auf die Bahn gesetzt und bin auss Geratewohl Ijerubergefaljren. Dos Mienenfviel der Alten wurde immer verstörter. Aber en" chilldigen Sie. Herr - eh - Reuter..." stammelte sie, „das kann doch gar nicht stimmen! Da mutz ein Irrtum oorliegen. Herr Grau war ja gestern gar nicht in Berlin!" Was sagen Sie da? Er hat mich doch besucht! "'Aber das ist ja ganz unmöglich! Wo Herr Grau doch seit vier Tagen überhaupt nicht aus dem Haus gekommen ift! „Woher wissen Sie das?" . Weil ich die ganze Zeil bei ihm war und ihn gepflegt habe. Herr Gran war doch krank — ich sagte es Ihnen schon! Er hatte über 40 Grad Fieber Aber er wollte durchaus keinen Arzt haben. Da getraute ich mir nicht, ihn nachts allein zu lassen. Ich hätte mir ewige Bormurse gemach wenn ihm etwas zugestoßen wäre. Und da machte ich „mir heimlich in der Küche ein Lager zurecht, damit ich für alle Fälle...' Konnten Sie denn von Ihrer Schlasslalte aus alles Horen, was tm Haus vorging? Ich meine, hätten Sie hören müssen, wenn er das Haus flen Wer die „herzigen Vöglein". Was Frau Schnee sofort zu einer aus- f4,”ÄnTbferW%Ä Kganze Passion von Herrn Grau! Sie machen Zwar eine Menge Schmutz — das können Sie mir glauben, und mancki eine hätte längst deswegen gekündigt, — aber man will doch nifhMo sein. Gott ja! Wo die meisten noch der selige Herr "lüge bracht hol' Bon Australien oder so irgendwoher — glaube ich- Er war G doch Kapitän bei der Handelsmarine, der alte Herr. Das wissen «ie wohl? Der Fremde nickte zustimmend. „Ja, richtig. Wie lange ist er jetzt tot? „Füns ober sechs Jahre, glaube ich. „Und seitdem bewohnt Herr Grau das Haus ganz allem? Oder wohnt aiifzer Ihnen sonst noch jemand bei ihm? Ich frage nicht aus Neugierde. Aber ich kann mir gar nicht vorsteUen, wie Herr Grau es so allein hier drautzen aushält. 'Stein Geschmack wäre das nicht! Aber fetzen tote sich d°ch'schnee — "DeronUa Schnee ist mein Name. Wenn Sie erlauben." Sie setzte sich ihm gegenüber auf eine Stuhlkante und strich verlegen ihre Schürze glatt. Nach einer kleinen Pause nahm sie den entfallenen Ge- sprüchssaden wieder auf: „Sie haben ganz recht - ich habe mir auch schon manchma gedach , Herr Donald ist eigentlich gar nicht wie die anderen jungen Leute. Wol len Sie mir glauben, datz er oft wochenlang mcht ausgeht? Und bekommt er auch keine Besuche?" , • . Besuche — ach, die sind zu zählen! Hier und da kommt mal l^wand, der von ihm gemalt werden will. Aber das ist kaum der Nede wert. Ich glaube beinahe, Herr Grau ist ein bißchen menschenscheu, und es wäre ihm manchmal lieber, wenn auch ich mich nicht „bei ihm sehen lietze. Schade um ihn — so ein junger hübscher Mensch! Der Besucher widmete den Ausführungen der guten Allen ein hos-