SiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <933 Samstag, den 15. April Nummer 50 Ostern. Von I. ®. von Goethe. Vom Eis« befreit sind Strom und Bäche Durch des Frühlings holden, belebenden Blick; Im Tale grünet Hoffnungsglückl Der alte Winter in seiner Schwäche Zog sich in rauhe Berge zurück. Von dorther sendet er, fliehend, nur Ohnmächtige Schauer körnigen Eises In Streifen über die grünende Flur; Aber die Sonne duldet kein Weißes; Ueberall regt sich Bildung und Streben, Alles will sie mit Farben beleben; Doch an Blumen fehlt's im Revier, Sie nimmt geputzte Menschen dafür. Kehre dich um, von diesen Höhen Nach der Stadt zurückzusehen. Aus dem hohlen finstern Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern; Sie feiern die Auferstehung des Herrn. Denn sie sind selber auferstanden. Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, Aus Handwerks- und Gewerbesbanden, Aus dem Druck von Giebeln und Dächern, Aus der Straßen quetschender Enge, Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind sie alle ans Licht gebracht. Sieh nur, stehl wie behend sich die Menge Durch die Gärten und Felder zerschlägst Wie der Fluß, in Breit und Länge, So manchen lustigen Nachen bewegt; Und, bis zum Sinken überladen, Entfernt sich dieser letzte Kahn. Selbst von des Berges fernen Pfaden Blinken uns farbige Kleider an. Ich höre schon des Dorfs Getümmel; Hier ist des Volkes wahrer Himmel, Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's fein. Auferstehung aus der Tiefe. Von Josef Magnus Wehner. Es bleibt eine durch die Geschichte unerschütterte Tatsache, daß gerade das deutsche Volk seine hellste Kraft in den Zeiten tiefster Not schöpft. Kein anderes Volk ist so dem Werden verpflichtet wie wir, kein Stamm der Erde so den Wehen des Wachstums unterworfen. Durch alle Epochen unserer Geschichte scheint das rätselhafte Antlitz der Natur hindurch, unruhig, ihrer selbst unbewußt, doch geladen mit den metaphysischen Kräften einer ewigen Wandlung, in der immer nur der Tod das Leben zeugt. Unser geschichtliches Dasein ist eine ununterbrochene Reihe von Auferstehungen. Die große deutsche Kunst hat diesen geisterhaften Gang gestaltet, keiner aber erschütternder als Grünewald in seinem Isen- Heimer Altarbild. Sein schwerer, erdrückender Christus am Kreuze, dessen Leib vom Gifte des Todes bktz in die letzte Ader getränkt scheint, umwittert vom Hauche hoffnungsloser Verwesung, und dann der leicht wie Licht schwebende Auferstandene, der seine eigene irdische Geburt und das magische Engelkonzert längst vergessen zu haben scheint und bereit ist zu einem höheren, unaussprechlichen Dasein — dieses Bild erschöpft die weltweiten Spannungen, deren die deutsche Seele fähig und an die sie gebunden ist. Unser gewaltigster Stern heißt weder Sonne noch Mond noch Erde, er heißt Notwendigkeit. Unter ihm sind wir geboren, er ist unsere Lebensund Todesleuchte."All unsere Verwandlungen geschehen durch ihn, und wie sein Wortbild beides umfaßt: die Lötende Rot und die lebendige Wende, so ist unser Leben in seinen Sinn hineingebunden, so zwar, daß immer nur die tiefste Not unser Schicksal wendet. Gegrüßt sei dieser Stern! Er strahlt in heiliger Armut am Himmel unseres Volkes, unbestechlich und streng. Immer, wenn wir in Gefahr waren, hat er rund um uns Wollust, Ueppigkeit und jeden Ueberfluß zerschlagen, er hat uns nackt und stark gemacht und uns vor die letzten Dinge des Menschen gestellt. Er bläst uns das zornige Feuer der Gerechtigkeit ein, er zeugt unsere Tugenden, und in der Nacht der Not hören wir die heilsamen Hommerschläge, die am Antlitz unseres Volkes meißeln und hören die Gerüste ächzen, die sich langsam und nur In Blitzen sichtbar zu unserem irdischen Wesensbild, dem Staate, aufbauen wollen. Wir sind das Volk, das erst sterbend Gottes ganze Kraft voll aufsprengt. Unser Himmelreich leidet Gewalt, und nur die Gewalt brauchen, reißen es an sich. Was ist uns die Süße der Welt? Der Flug unserer Geister reißt uns über ihre Grenzen empor, und wie das deutsche Volk — voll Ehrfurcht sei es gesagt — das Herz der Völker ist, so treiben uns die Feuer ewiger Auferstehungen immer höher in das Herz der Welt, der Gottheit. Wie schön der Frühling durch die Fenster scheint! Cs ist das Siegeszeichen unseres jungen Volkes. Der brausende Chor unserer Arbeit, die die Welt fürchtet, weil sie ihr nicht gewachsen ist, antwortet dem himmlischen Licht, das alle Kräfte aus der Erde hervorruft. Ist unsere Not nicht nur eine dämonische Verfinsterung der Stufen, die uns wieder in die Höhe führen wollen? Ich habe niemals aufgehört, an die Unsterblichkeit meines Volkes zu glauben, auch damals nicht, als mein Leben am tiefsten stand. Ewig werden mir jene drei Tage ein Sinnbild sein, als ich schwerverwundet in einem Granattrichter vor Verdun lag, von aller Welt verlassen und ohne Hoffnung auf Rettung. Als mein geschwächter Körper drei Tage lang versucht hatte, die rieselnden Wände des Trichterkraters hinaufzuklettern, ergab er sich. Ich bedeckte mich bis zum Hälfe mit Erde wie zum Begräbnis. Nur schwach noch fragte mein Geist die Gottheit, ob sie mich retten wolle. Da aber, ehe meine Sinne schwanden — oder war es schon die wohltätige Dämmerung des Todes? — tat sich vor dem inneren Auge ein weites, lichtbeschienenes Meer auf, und ein schöner, großer Vogel flog von dem einen Ende des Meeres schräg und ruhig gegen die Höhe des Himmels, wo die Sonne stand. Kurz darauf wurde ich gerettet. Und so ist es immer gewesen. Wenn mir das Herz stillstehen wollte vor innerer und äußerer Not, schwebte leise eine Macht heran, die mich rettete. Ich lege Zeugnis dafür ab, daß mir nichts geschehen kann was mich gänzlich zerstören könnte. Jeder Schmerz, jeder Untergang wird nur den Knoten zu einem neuen Wachstum bilden. Eine wahrhaft unendliche Zeit liegt vor dem deutschen Volke. Es hat den Namen Gottes niemals mißbraucht, es ist in seinem Grunde fromm und gläubig geblieben. Manchmal scheint ihm der Weg zur rettenden Gottheit unendlich zu sein. Aber gerade aus dem ungeheuren Abstande wächst ihm die faustische Kraft zu, das Ungeheure zu wagen. Bit Überweltlichen Dome und Fugen seiner Meister, die Himmel seiner Mystiker und Glaubenslehrer, die Weltkugeln seiner großen Kaiser, die Gebirge, Ströme und Ebenen seines alten, jungen Landes können ihm unerschütterte Wegweiser sein, die Zukunft aber wird es, wie immer, aus eigener Kraft, frisch und jungfräulich aufbauen wie die Natur selber. Unverbraucht werden unsere Gezeiten zusammentreten und unsere neue Gestalt wirken wie einem Genesenden nach schwerer Krankheit den neuen Leib. Das schlägt mein Herz. Es braucht kein Pfand. Sein Glaube ist wahrhaft in sich selber. Gegrüßt, du Frühlingslicht der Auferstehung! Walle über die deutschen Länder hin und verkläre jedes Antlitz, das gelitten hat! Gieße den Verzweifelten Freude ins Herz, mache die Schwachen stark und die Starken gläubig! Durchtränke unseren Aufbruch mit dem feurigen Geiste des Sieges, streue deine Helligkeit über alle Widerstände, daß wir sie in jeder Vermummung erfennen! Erleuchte uns selber, daß wir das Ganze sehen und das Rechte tun! Denn du, Licht, bist aus unseren Schmerzen geboren. Du bist unser, wie wir Gottes sind über jedem Verstände. Du trägst uns, wie wir dich tragen. In dir grüßen wir unser Ostern! OerIsenheimer Altar. Von Wilhelm Schäfer. Der Bilderschrein hatte den Bürger ins Schaubild gestellt. Alltäglich war das Gewand der heiligen Handlung geworden, da hob sich tm Zorn eine Zauberhand, dem Himmel das Seine zu geben. Matthias Grünewald hieß der mächtige Meister, Hofmaler des Bischofs von Mainz und ein Franke vom roten Main, der im Kloster zu Isenheim, droben im Elsaß, den Hochaltar malte. Dem heiligen Vater der Mönche und Schutzherrn der Tiere, Antonius, sollte der Altar geweiht sein; aber der Meister wollte den Urgrund auf- reißen und im Mirakel der Quellen der brünstigen Heiligkeit zeigen. Gott war in Schmerzen geboren und war gekreuzigt als Mensch, um aus der Stacht des irdischen Todes aufzuerstehen und strahlend zurück in den Himmel zu fahren. Da waren die Tafeln zu klein, zu kläglich die Kleider der Täglichkeit, da mußten die Brunnen der Tiefe aufbrechen mit feuriger Fülle, da mußte das ewige Sein den glasigen Schrein der irdischen Dinge durchleuchten. Und so war die dreifache Tiefe des Altars gebaut: draußen di« Tafeln von Golgatha, drinnen die Herrlichkeit Gottes, und erst, wenn die inne- gelaufen doch blieben wir, weil keiner von uns den Anfang machte. 2Btr kannten die Frau nicht, sie war nicht aus dem Dorsi sie sah sehr arm und elend aus, dos bemerkten wir Kinder wohl. Das Kind konnten wir nicht recht sehen, es war etwa so groß wie das Kleinste von uns Ge- chwistern. Ägedeckt waren Frau und Kind mit einem Tuch und einem Mantel und sie lagen auch halb daraus. Neben den Schlasenden lag noch ein kleines verknüpftes Bündel. Hatten sie da wohl Essen darin? Wir Kinder begriffen das nicht recht, und als wir anfangen wollten, uns mit der „grasten" Schwester, die noch am meisten von uns wußte, l3u bereden härten wir das Geläute der Glocken vom Tale her zu uns dringen, und erst leise, dann stürmisch mochten wir uns davon und rannten vom Waldrand ab so schnell wir konnten über die Aecker heim und auf den bekannten Wegen in die Kammer. Dann war es wie immer: der Vater und die Mutter kamen, uns zu wecken. Wieder bebten wir alle, daß niemand unsere schmutzigen L-chuhe entdeckte — und dann ging es wie üblich an die große Eiersucherei >m Hos und um den Hof, in der Scheuer, im Blumengarten und dem grasigen Baumgarten. Der Kinderjubel, dos Kinderlachen stiegen wie immer auf, und doch war etwas anders; und als wir nachher, nachdem die Eltern ins Dorf gegangen waren, uns zum Spiel hinterm Hof einfanden, da kam es heraus, was es war: wir hotten an die Frau und an öas .ftinfl im Wold gedacht und überlegt, wie mir ihnen wohl von unseren Oster- sachen etwas bringen könnten. Wie wir daraus kamen, mußten mir nicht; vielleicht mar es ein unbestimmtes Gesühl in uns, das uns dazu trieb. Unter der Führung der älteren Schwester machten wir einen Korb zurecht, taten Eier, 'Brot, Kuchen Schnitz", das ist Dörrobst, „Anke", das ist Butter, hinein, bann molk ich noch heimlich einer Kuh eine kleine Kanne mit Milch ab und o chlichen wir uns wie von ungesöhr in den Wald. Die Frau und dos Kind lagen noch fchlasend in chrer Bodenmulde, wie mir sie am Morgen gesunden hatten; sie hörten uns rnieder nicht, als mir herankamen und einer vorsichtig den Korb bei ihnen niederstellte. Wie mir gekommen waren, verschwanden wir wieder, und unter den Kinderspielen vergaßen wir die ganze Sache. Am Nachmittag aber fiel uns heiß ein, daß mir unterlassen hatten, am Morgen die Sachen aus dem Korb zu tun und diesen wieder mitzunehmen. Wenn man ihn im Hos vermißte, kam gewiß olles heraus, und wir konnten nie mehr in der Frühe des Ostermorgens heimlich oussteheni , Das waren übertriebene Gedanken, die mir uns um den alten Korb mochten. Und so wurde ich als der größte der Buben noch dem Los in den Wold geschickt, nachzuschauen, ob ich den Korb irgendwie sande. Mir war nicht recht geheuer zumute, als ich mich ausmachte. Cs dämmerte schon nachmittäglich im Dickicht, und die Tannen gaben abendliche Schatten Nach mancherlei Herumirren unb Beten, daß ich boch den Korb finden Mächte kam ich an die Bobenmulde: es war niemand mehr dort. Aber der Korb, wahrhaftig der Korb stand do aüsgeleert. Beim Näherschauen entdeckte ich in ihm einen Zettel, aus dem ich als kaum Lesekundiger emige Worte als Donk entziffern konnte. Im Triumph brachte ich den Korb heim Den Zettel verlor ich unterwegs er schien mir auch nicht wichtig. Die Hauptsache war, daß mir den Korb wieder hotten. Wir haben nie herausbekommen, wer die Frau und das Kind im Walde waren, aber unvergeßlich ist uns allen dieser Tag geblieben. Das Heitere, Unbeschwerte, Fröhliche des Ostertages blieb uns, und doch war seit damals etwas dazu gekommen, was bann künftig mit „Ostern" zu- sammenhing wie das Strahlende, Frühlingshafte des Tages: Vielleicht war es das, daß wir Kinder, die bisher immer nur Freude empfangen hatten in kindlicher Weise etwas vom österlichen Sinn erfuhren, vom Sinn des Helsens und Freudemachens. Aber damals merkten wir das noch nicht, denn dos Leben schafft heimlich, wie unsere Fruhoussluge heimlich waren, an den kindlichen Herzen. ren Hügel aufgingen, kam der Heilige selber, dem der Altar gemalt war. Gramvolles Dunkel lag auf der Welt, nur Golgatha stand in beinerner f)eil«, als ob ein Blitz den Himmel durchbrache, den gekreuzigten Gott $ Aber^kein göttlicher Dulder hing an dem Holz, ein gemarterter Mensch und ein blutrünstiger Leib der Verwesung Ein Schrei ging aus von den Frauen unb verzagte im Ulbgrunb, nur Johannes der Täufer stand da mit dem Lamm, der fündigen Menschheit das aöttliche Opfer zu weifen. . ~ Gewaltig war so der Deckel des Buches gebildet, der mitten wie Torflügel aufging, der schluchzenden Seele der Herrlichkeit Gottes und dos Wunder feiner Geburt offenbarend: Vier Tafeln standen wie eine im Morgenrot glühende Wand vor den Augen der gläubigen Christern Orgel« gemalt und Gesang der Mönche schwanden hin in der Fülle farbiger Stimmen, wie ein Menschenrus übers Meer klingt. Der Tempel der himmlischen Mutter stand in der Mitte, aus Licht und Farbe gebaut, und Lobgesang schwolf aus den englischen Raumen; die Jungfrau saß selig versunken davor mit dem Kind in der blühenden Landschaft, darüber Gott Vater im Himmel die Augen der Liebe aus- '^ur Linken wurde der Jungfrau bas Wunder der Gnade verkündigt, zur Rechten fuhr hell aus dem Kerker des Grabes der Heiland: em glühender Ball brach in die Sterne der Nacht, darin die L.chtgestalt des Erlösers von allen Feuern des Himmels beglänzt war. too übermächtig war der Glanz und das Glück der im Morgenrot glühenden Flachen, daß danach die Farbe nichts mehr vermochte: wenn sich die inneren Flügel auftaten, standen die Heiligen stumm als geschnitzte Figuren inmitten Der nrcUen Erscheinung. Nur aus den inneren Flächen der letzten Torflügel hatte der Meister bas Glück und das Grauen der Weltensagung gemalt: wie das Getier der Wüste dem heiligen Antonius diente, und rote bas Höllengezücht ihn versuchte. Erde und Hölle sprachen ihr Wort nach dem Himmel: die Erde lockte mit üppiger Landschaft; die Holle schrie bas grelle Getön ihrer scheußlichen Leiber; aber ber Himmel stand hinter den Flügeln mit seinem ewigen Glück. So war ber Altar bes fränkischen Meisters gebaut, darin ber himmlische Zorn den Alltag verscheuchte: die liefe der brünstigen Seele brach aus und war kein schönes Abbild ber irbischen Glückhastigkeit mehr, weil das ewige Wunder nicht mehr den eitlen Traum der Trägheit weckte. Oer Kiebitz. Eine Ostergeschichte von Hans Franck. An einem Frühlingsabend ging ein Bauer von feinem Feld, das er Übertag beackert hatte, nach Haus. Er ließ den Kopf tief hängen. Denn eines ber vier Pferbe, die er gleich feinen Vätern anfangs befaß, hatte der Krieg ihm weggenommen. Zwei von den Verbliebenen hatte ber Friede aus feinem Stall geholt, und dem Gaul, der — wie lange noch? — als Nachbleibfel aus der viergeteilten Raufe fraß, konnte man Rippe für Rippe unter dem struppigen Fell zählen. Der Bauer hatte alfo, nachdem die Tagesarbeit getan war, von ber drauhenverbleibenden Egge die Vor- fpannwacht abgehakt und sie, feinem Pferd zuliebe, auf die Schulter feiner Unken Seite gepackt. Mit ber rechten Seite zog er das Stunde für Stunde umgetriebene Viergeb ein hinter sich her. Zwar steckte feine Hand, zur Faust gebaut, in der Hofentafch«. Aber die Seine war um feinen Arm geschlungen, und die müde Mähre mußte dem Heimkehrenden folgen, ob [le wollte ober nicht. Mit ihrem Willen zum Vorwärts war es freilich nicht weit her. Immer wieder fühlte der Bauer sich gezwungen, an der Leine zu rucken und „Hüh!" zu rufen. Was fo gewohnheitsmäßig geschah, daß Umblicken nicht nötig war. Aber nach und nach verloren Zügelrucken unb ,Hiihl" bes Bauern ihre Macht über ben Gaul. Müdigkeit gewann die Oberhand in ihm, und schließlich blieb er stehen. Nun sah ber Bauer doch um und sagte zu dem Gaul, der den Kopf noch tiefer hängen ließ als er felber: „Hast recht, Hanne. Warum nach Haus gehn? Wäre besser gewesen, auch mich hält in Frankreich eine Kugel getroffen, ebenso wie die vielen andern, und du hättst fertiggebradjt, was nun nicht mehr lang auf sich warten lassen wird: alle Vier zum letztenmal von dir strecken." Der Gaul nickte langsam mit dem Kops. Der Bauer nahm es als Zustimmung und fuhr fort: „Der Pastor und unsre Frau, die ihm nachspricht, was er den Kirchgängern Sonntags von ber Kanzel runter predigt, haben gut reden. Man bars gesunden Leibes nicht das Leben lästern!' Gewiß, die Knochen sind heil. Aber was Haden wir davon? Man schuftet vom Hahnenkrähn bis Ostern der Kindheit. Von Eberhard Meckel. Für uns Kinder gehörte es mit zum Schönsten, wenn wir am Öfter* morgen in der frühesten Frühe den „Hafen" fuchen gingen, heimlich natürlich, denn sonst mürbe man uns nie erlaubt haben, um diese Zeit draußen herumzulausen: Wenn das erste, mit kindlicher Ungeduld erwartete Taglicht zmn Fenster unserer Kammer, wo wir Geschwister schlie- sen, hereinkam, waren wir nicht länger zu halten; wir zogen den von der Magd zurechtgelegten Sonntagsstaat nicht an, sondern schlupften in die Werktagskleider, damit nachher niemand an Schmutz und Flecken merke, daß wir sortgewesen waren. Die größere Schwester hals den kleineren Brüdern, unb bann trippelten wir klapsenden Herzens, tuschelnd unb kichernd, nacheinander die Hinterstiege hinab und entkamen über ben Heuboden und durch ben Futtergang hinaus, von den verwunderten» neugierigen Blicken der durch die Freßlucken lugenden Kühe und dem Gegrunze der wachgewovdenen Schweine verfolgt. Ich kann mich nicht entsinnen, daß diese Dftermorgcn anders waren als strahlend und klar. Hinter dem Berghos der Eltern fingen gleich ine Aecker an, bann kam ein Weidenbach, drüben lag nicht weit ber Hochwald und wenn wir Kinder die Tür vom Futtergang ins Freie auf* stießen so lag bas alles vor uns in leuchtenber morgendlicher Pracht. Die Sonne war bann eben hinter den Bergen emporgestiegen unb füllte mit schrägen zögernden Strahlen die tauige Landschaft mit erstem zärtlichem Gold. Der Boden dunstete aus, vom Bach fliegen Nebel, und von einem Ende zum andern spannte sich der Himmel von der lichtesten Helle und Röte bis zum tiessten »lau. Der Bach gluckerte über die Stiefel, mit Jubel wurden von uns die pelzig auskommenden Weiden begrüßt, wir schauten den Lerchen in ber glasklaren Lust, in ben Furchen unb an ben Rainen schmolz später Schnee weg — dies alles wiederholte sich Jahr um Jahr und prägte sich ihnen ein als unauslöschliches Bild. Dann gingen mir Hand in Hand, wie die Orgelpfeifen vom Kleinsten bis zum Größten, über die Felder, krochen durch bas Dickicht, jagten durch den Wald und dabei stöberten wir immer irgendwelche sich davonmachenden Karnickel auf, in denen wir die gefachten „Hafen" erblickten. Und wenn bann die Kirchenglocken vom Taldorf die erste Andacht einlauteten, war bas ein Zeichen, schnell heimzukehren, denn dann standen bald bie Eltern aus, und wenn sie in unsere Kammer tarnen, mußten sie uns in unseren Betten finden, unb wir mußten so tun, als schliefen wir noch immer. Und fo ging’s also wieder den alten Weg zurück, ben Futtergang, ben Heuboden, an der tauben, alten Magd vorbei, bie Stiege hinaus. Und wenn dann die Eltern zu uns traten, lagen wir vermummt und mit roten Backen da, aber unter ben Decken hopften mehrere Kinderherzen und bebten darum, ob nicht bie Mutter die schnell unters Bett geschobenen schmutzigen Schuhe sähe. Doch es ging immer alles gut. Und so leitete sich unser Ostern ein, ein heiteres unbeschwertes Fest: Ostern ber Kindheit, voller Zauber und FreUdel Einmal aber erlebten mir aus einem solchen österlichen Frühausflug etwas Merkwürdiges. Als wir über bie Felder in den Wald gelangt waren und dort im Unterholz nach dem „Hasen" suchten, trafen wir in einer Bodenwelle auf so Unerwartetes: dort lag eine Frau unb schließ sie hatte ein Kind in einem Tuch neben sich liegen und hielt es halb im Arm an sich. Das Kind schiies auch. Wir erschraken bei dem Anblick, ber sich uns bot, unb blieben b troffen stehen. Was war das für eine Frau? Wo kam sie her, was war das für ein Kind? Wir standen unbeweglich und scheu und wagten nicht zu atmen. Wir wären am liebsten davon- I V l I l , Willi v V I l v V I I / I Z Z aber in der Nebenstube traf ich die kleine Nähterin, die „lahme . welche stumm und einsam inmitten einer Wolke weißer Stosse mit der Nadel hantierte. — Da ich sie oft in Gesellschaft der beiden Menschen gesehen hatte, deren Geschick mich jetzt befchästigte, so erzählte ich ihr den gestrigen Vorsall, in der Hoffnung, über die Ursache desselben Näheres zu erfahren. Ich hab' das kommen sehen!" sagte sie, die dünnen Lippen zusarn- menkneisend; „der Tischler ist wohl sonst ein ganzer Kerl; aber gegen das Mädchen ist er zu gutwillig; — was wollt' er mit ihr auf dem sah noch einmal nach dem Weh u.tb schüttete wider alle Gewohnheit seinem Gaul zur Nacht Hafer in die leere Krippe, legte sich schlafen, erwachte mit blanken Augen, erzählte seiner Frau, was ihm auf dem heim- Auf der Universität. Novelle von Theodor Storm. iFortietzung.i weg widerfahren »vor und sch oß lachend: „Wie ists damit: Kiwitt — kiwitt!? Ballhaus!" Ich fragte näher nach. Der Gaul nickkoppte. _ , „Denk mal, Hanne", redete der Bauer weiter auf feine Arbeits- gcfährtin ein, „der Pastor, und also auch unsre Frau, behauptet: ,Es liegt immer beim Menschen, wenn er mit seinem Leden nicht zurechtkommt!' Sagt sich leicht hinter Büchern in der Studierstube. Früher, ja, da war's so daß ein Mann mit gesunden Knochen aus seinem Leben machen könnt, was er wollte. Aber heut? Siehst du, Hanne, vor uns allzusammen Kein Großmaul, gegen das kein Mensch aus Erden, besonders kein er, mit Arbeit ankommt: Die Zett!" Der Gaul rührte sich nicht. Bist ja wohl heut abend aus dem Heimweg eingemckt? verwunderte der' Bauer sich. „Hüh! Hier können wir die Nacht nicht bleiben. Hüh, Ein kräftiger Ruck am Zügel, und beide setzten sich wieder in Bewegung, der Bauer mit der Wacht auf der Schulter voran, der Gaul hinterher. Was ist das da im Unken Wagengeleise? staunte bald hernach der Heimgehende. Ein Vogel! Sah man bei genauerem Hinblicken deutlich. Was für ein Vogel? Ein Kiebitz! Ließ sich im Näherkommen auch nicht verkennen. Warum liegt der Kiebitz aber im Wagengeleise? Weil er tot ist! Ein lebendiger Vogel stiegt oder läuft, sitzt auf dem Ast oder dem Rest Wenn er vor einem Menschen platt auf der Erde liegen bleibt, ist der Vogel mausetot. Große Weisheit! Doch, wie Ist der tote Kiebitz zu dieser Sterbestelle gekommen? Der Bauer blieb stehen. Und auch der Gaul — ohne daß ein „Prr!" nötig war — blieb stehen. In dem linken Geleise- des Weges, der schnurgerade aus das hinter Bäumen sichtbare Haus zusührte, lag tatsächlich ein Kiebitz: reglos, ohne Beine, ohne Kopf, ein Häufchen grauer Federn, das bis zu den beiden überstehenden Kanten des Wagcngeleises reichte, ein Korperklümpchen, nach Gestalt und Farbe nicht viel anders anzuschauen als di« unzähligen Erdklumpen auf dem Acker. . m . Xotr stellte der Bauer fest, holte mit seinem rechten Bein aus und wollte durch einen Stoß der Stieselspitze den Kiebitz auf den Acker befördern, um ihn vor dem Zerfahrenwerden zu schützen. Aber im allerletzten Augenblick streckte der Bedrohte die eingezogenen Beine, den geduckten Kopf aus dem Federhäuschen hervor, lief, was er laufen konnte, davon und war nach wenigen Augenblicken In einer Ackerfurche »er* Alle Glocken läuten ... Don Gertrud 21 u l i cf). Alle Glocken läuten: Glauben .. glauben ... Neuer Wind weht: Atme, Mensch, bewußt! Wie das Gurren seliger Liebestauben Klingt ein zartes Glück in Leid und Lust. Was ein Ahnen war, erfüllt sich brausend, Sagt sich leise und mit Lächelmund, Und durch die Sekunde wirbeln tausend Wunder, tun sich tausend Rätsel kund! 2llle Felder leuchten: Hassen! hoffen! Keime springen in das zage Licht. Kleine Wünsche sind schon übertroffen, Spur und Zeichen sind schon Erdgesicht: Was ein Ton war, schwillt zu Melodien, Wächst zu Lied und Psalm der Kreatur, Und mit Lüsten, die ins Blaue ziehen, Kreisen wir im Pulsschlag der Natur! Alle Münder lachen: Lieben! lieben! Jeder Herzschlag klopst: O Mensch, o Welt! Wo ist alles Quälende geblieben, Nun, da alles Dunkel sich erhellt? Was ein Traum war, sichert sich ins Leben, Und was Tod hieß, wird zum Auferstehn. Allem Seienden ist Trost gegeben! Ostern, deine heiligen Stürme wehnl . „Kiwitt — kiwitt, flieg mit — flieg mit!" Ja" sagte her Bauer, „das macht man wohl. Aber können! " „Kiwitt — kiwitt, wie groß dein Schritt!" „Siehst du", sagte der Bauer, „das kannst du nun nicht! Zwanzigmal mindestens mußt du zutrippeln, wenn ich einmal auslange." „Kiwitt — kiwitt, ich hab ein’ Bitt!" „Na los", sagte der Bauer. „Vielleicht kann ich sie dir erfüllen. Was lall "ich für deinen flügellahmen Kerl tun?" „Flieg mit — flieg mit, kiwitt — kiwitt!" „Dummes Tier!" sagte der Bauer, der wie ein struppkopfiger Weidenbaum dagestanden hatte. „Nicht wahr, Hann«?" Dann ging er seines Weges weiter. Nun hocherhobenen Hauptes, mit weitgreifenden Schritten. Auch der Gaul hinter ihm holte aus rote wahrend des ganzen Heimweges nicht. Denn beim Weitergehen war der erste Ruck an der Leine so kräftig gewesen, daß er wußte: J^tzt gitts!! und> eS auf einen zweiten Ruck nicht ankommen lieft. Da der Bauer, eine halbe Stunde spater, am gedeckten Tisch saft und den Löffel in der hocherhobenen Hand hielt, ohne als Erster mit dem Aufsllllen der Suppkartosfeln zu beginnen, fragte seine Frau: „Warum langst du nicht zu. „Manches Tote", sagte der Bauer, „ist lebendig, und vieles, was lebt, ist mausetot." ,Zch versteh dich nicht", erklärte die Bäuerin. Der Kiebitz hat recht", sagte der Bauer. „Wers kann, soll stiegen, wers nicht kann, soll seine Beine brauchen. Wems gar zu schlimm kommt, der soll sich ducken und das Wetter vorübergehn lafien. ‘ Was ist mit dir?" drang die Bäuerin besorgt auf ihren Mann ein, die 'keinen Blick von dem in die Luft Starrenden gewandt hatte, wahrend die vier Buben einmütig auf die dampfende Schusiel sahen. So" sagte der Bauer, „jetzt will ich essen. Was mit mir ist? Das erzähl ich dir nachher im Bett. Oder morgen früh, wenn ich ganz mit mir im Reinen bin. Hast recht: Auf Golgatha 'war einer den sie getötet hatten lebendig war tot nicht tot Und wir sollten, heilen Leibes, mit dem ^^Endltth! ""atmete die Frau auf. „Wer hat dich nun doch dahin gebracht wohin ich dich all die Jahre nicht tnegen konnte? „Der Kiebitz!" sagte der Bauer, füllte sich den Teller chwappvott, oft und wurde mit allen Seinen satt; setzte sich ans Fenster, blickte durch die Nähen ausgegangen. ~ , ,, ,. Ich denk', es war kurz vor Marttm vorigen Jahres; ich machte mich gleich nach Mittag zu der Schmieden; denn wir hatten eine große Seidenwäsche zusammen. Unterwegs begegn' ich dem Tischler, der damals schon mit der Lore ging. Wir sprechen ein Wort zusammen, und im Weggehen ruft er mir noch lachend zu: ,Bei Feierabend komm ich und Helf Euch die Klammern aufsetzen!' Ich sagt's auch der Lore; aber sie schien nicht groß daraus zu achten. , . ., Spät nachmittags, da wir drinnen fertig waren, gingen mir hinaus, um' die Seine zwischen den Psählen auszuscheren, die draußen auf dem Grasrondell stehen. Lore, das Kleid über ihren Halbstieselchen auf* geschürzt, die schwarzen Haaren hinter die Ohren gestrichen ging mit dein kleinen, hölzernen Tritt von einem zum andern. D,e Alte hatte sich drinnen in ihren Lehnstuhl schlafen gesetzt; ich.— ich bin die Größte nicht und konnte ihr eben nicht viel dabei Helsen. v Und die Erzählerin suchte ihren dürftigen Körper möglichst grade 3“ ^Ich^hatti mich neben dem Waschkorb aus einen Prellstein gesetzt und" sah mir’g an, wie vor dem Stall der Knecht des Nachbars einen Gold uchs striegelte. - Ich hab' die Pferde gern, wissen Sie denn mein . Ülater ist auch ein Fuhrmann gewesen. — Es war ein gar schönes Tier, und wenn es so den Kopf aus dem Schatten In die Sonne hmauswarf. Sie räumte eine Partie Zeuge von einem Stuhl, damit ich mich fetzen könne — „Sie kennen vielleicht das kleine Haus in der Pfaffen- naffe", begann sie bann, als ich ihrem Wink gefolgt war; „die alte Schmieden, die Tante von der Lore, hat es vor Jahren von dem Pferde- verleiher nebenan gekauft; aber den Hof dahinter, weil er zu feinem Geschäft doch großen Raum gebraucht, hat der Verkäufer sich Vorbehalten so daß er mit seinem nun in eins zusammengeht; nur in der Mitte auf einem Stückchen Rasen darf die Alte ihre Waschsachen trocknen und bleichen, soweit es damit reichen will. Sie ist Geschwisterkind mit meiner seligen Mutter, und seif ich tonfirmiert bin, bin ich oft mit ihr zum schwunden. , , v , Nicht zu glauben, Hanne", sagte der Bauer, „hat das Biest sich tot- gestellt! Uni> roie er lief, der tote Kiebitz! Noch niemals hab ich einen lebendigen Vogel so laufen sehn! Drei Meilen in der Stunde hatt er machen können, wenn er beim Lausen geblieben wär und nicht schon wieder aus meinem Acker Erdklumpen spielte. Warum? Weil der linke | Flügel geknickt ober zu schwach ist. Weswegen hätt er ihn sonst wohl ; tiefer rünterhängen lassen als den rechten!" Der Bauer ruckte an der , Leine, rief seinem Gaul „Hüh!" zu und ging weiter, lieber seinem Kops ; Kiebitz Kreise zu ziehen. Unermüdlich. Oft so nah, daß sein . en zu vernehmen war. Der ^^Der ^Kiebitz"zog Kreis^nach denen ich damals" meinen Mittaastifch hatte. Es mochte etwas frühzeitig bat er bloß? dachte der Bauer. | sein; denn von den Hausgenossen hatte sich noch niemand ein^i^^eUt, ■um Poggenguarren — und die Kinder werden nicht satt. Man ackert, 1 Bäume aus bas Feld und schmauchte seine Abendpfeife. ging jum Stall, fät, schneidet, fährt ein, drischt, schaufelt das Korn in Sacke — aber die ' ’«»• -,inmnl •"1* hpm 9li‘,h 11 >' 'chattete wider alle Gewohnheit Ernte ist nicht für einen selber da." Er ging. — Ich suchte vergebens mich wieder in meine unterbrochenen Arbeiten zu vertiefen; eine unbestimmte Sorge um die Zukunst meines Iugenbgespielen hatte mein Herz beschlichen. Ich wußte nur zu wohl, was seine Worte nicht verraten sollten, baß seine Phantasie von jenem Mäbchen ganz erfüllt war, und baß alle Kräfte dieses tüchtigen Kopfes darauf hinarbeiteten, fein Leben mit dem ihren zu vereinigen. Bald darauf ging ich in die Wohnung meiner Hauswirte hinab, bei begann ein ! _ . _ Flügelrauschen zu vernehmen ----- — Frau des Davongelaufenen!" stellte er se,i. -uei »iwib o^b | Streis um den Kopf des Bauern. Was hat er bloß? dachte der Bauer. sein Ich hab doch seinem Mann nichts getan! Was schreit er? Der Bauer horchte nach oben. Da horte er den Vogel rufen: Kn Die Haare wie Metall: aber an dem feinen Beinwerk merkte hl, bah es keines von des Nachbars Mietgaulen fei, ,löem gehört bas Pferd?' fragte ich Lore, die eben ihr Holztreppchen hart neben mir an den letzten Pfahl gerückt hatte - .Das Pferd? sagte.sie mdem sie sich auf den Fußspitzen hebt und die Leine um das Querholz schlingt, .das gehört dem fremden Studenten: ich weiß nicht, wie er heißt, — Ich sah zu ihr hinaus: aber sie wandte nicht den Kops und wickelte noch immer fort mit der Leine. Als ich eben ungeduldig werden wollte, sagte hinter mir eine Stimme: ,Es ist genug, Fräulein Lärchen! ,5)ch seh' noch, wie sie die Arme sinken läßt und hastig das aus- geschürzte Kleid herunterzupst: und da ich den Kopf wende, steht der blasse, vornehme Student vor mir; und Lore, ohne ein Wort zu sagen, springt von ihrem Tritt herunter und stellt sich neben mich. — Der junge Herr steht auch nur und macht scharfe Augen auf die Lore, als wenn er das Anschauen ganz umsonst hätte. .Daß dich!' dacht ich und sing aufs Geratewohl einen lauten Diskurs über den Goldfuchs an; und red te so lang, bis ich Antwort hatte; und ehe ich mich's versehen, waren wir alle drei auf den Hof hinübergetreten. Das Pferd scharrte mit den Husen und sah seinen Herrn mit den klugen Augen an; Lore stand daneben, und recht als trüge sie Verlangen nach dem Tier, ließ sie ihre flache Hand an dem spiegelblanken Hals herabgleiten. .Es ist lammfromm. sagte der junge Herr; ,was meinen Sie, Fräulein Lore, drinnen im Stall hangt noch ein Damensattel!' — Sie schüttelte den Kopf; aber ich hörte, wie ihr der Atem versetzte, und ihre Augen blitzten ordentlich vor Lust. Der Herr Graf hatte das auch wohl verstanden; denn auf seinen Wink wurde der Sattel aufgeschnallt und ein leichter Zaum angelegt. Lore sah darauf hin, als wenn ihr die Augen verhext wären. Als aber ber Knecht ihr das Holztreppchen zum Auffteigen hinfteltte, warf es der junge Herr beiseite. .Pfui doch, Johann!' rief er; und als wenn sich's nur von selbst verstände faßte er das Mädchen unterm Arm. .Treten Sie fest!' sagte er und hielt die andere Hand vor fie hin, indem er mit seinen durchdringenden Augen zu ihr aufsah. Und Lore, als müsse sie nur immer tun, wie ber es wollte, setzte ihr Füßchen in seine Hand. Ich merkte wohl, er zögerte; aber es war nur ein Augenblick; dann hob er sie mit einem raschen Schwung hinaus. Sie sah ganz verwirrt aus und schlug die Augen nieder, als sie droben saß, und ließ sich geduldig den Zaum zwischen den Fingern von ihm zurechtlegen. Der Fuchs schüttelte den Kopf und stieß ein lautes Wiehern aus. Sein Herr strich ihm ein paarmal liebkosend über das seidene Fell; bann legte er die Hand hinter Lore aus den Sattel; mit der andern faßte er den Zaum und führte das Pferd langsam um das Rondell herum. Ich muß es selbst sagen, sie machten ein stolzes Paar zusammen; und es hätte wohl keiner gedacht, der sie so gesehen, daß die seine Person nur eine arme Nähterin und eines Schneiders Tochter sei. Bald ging es ihr schon nicht rasch genug. Sie warf die Hand empor, bas Pferd fing an zu traben, und der junge Herr trat auf das Rondell zurück. Aber er ließ kein Auge von ihr; wie das Pferd lief, so ging er, die Reitpeitsche in der Hand, im Kreise mit umher; als sei es ihm angetan, so flogen feine Blicke an dem Mädchen hin und wieder, von ihren schwarzen, wehenden Haaren bis zu dem Füßchen, das oben an dem Sattel unter dem Kleide hervorsah. Bald ries er ihr, bald seinem Fuchs ein kurzes Wort hinüber. Das Tier lief Immer schneller; es schnob und peitschte mit dem Schweife in die Luft. Lenore sah gar nicht daraus hin. Sie saß nur wie angeflogen und lächelte und sah auf den jungen Herrn, grab’ als wären's feine Augen, die sie auf dem Sattel festhielten. So ging es eine Weile. .Wenn die Alte herauskäme!' dachte ich, ,es gab ein böses Wetter!' Aber sie kam nicht. Da plötzlich schwenkt eine Flucht Tauben mit großem Geklapper über den Hof; und der Fuchs stutzt und macht einen Satz. Ich denk', die Lore stürzt herunter; aber nein, sie hing noch an dem Hals des Pferdes; nur blaß war sie geworden wie der Tod. ,Oho, Virginie!' ruft der Herr, und gleich ist er auch drüben, hat die Lore auf feinen Armen, sieht fie einen Augenblick mit den scharfen Augen an und läßt sie dann sanft zu Boden gleiten. — Eh' ich mich noch besinne, höre ich die Hoftür gehen. ,Da ist die Alte!' denk’ ich; aber als ich mich umkehre, steht der Tischler vor mir. — Wär’s nur die Alte gewesen, ich hätte mich nicht so alteriert; denn ganz wie versteinert sah der Mensch aus. .Ist denn schon Feierabend, Herr Werner?', ruf’ ich; aber er achtet gar nicht darauf. .Guten Abend, Marie!' sagt er mit ganz heiserer Stimme, und er würgte ordentlich daran, als wenn ihm bas Wort im Halse ftecfenbleiben müßte. — .Wollen wir nicht ins Haus gehen?' sag' ich wieder. .Ich danke', antwortete er; .ihr habt da schon Gesellschaft.' — Und ohne das Mädchen anzusehen oder eine Silbe an sie zu verlieren, kehrt er sich um und geht durch den großen Torweg der Straße zu. Lore stand, ohne sich zu rühren, neben dem schnaubenden Pferde. .Was wollte der Mensch?' fragte ber Gras. ,Es ist ein Landsmann von mir', erwiderte sie leise. ,Es ist Herr Werner', sagte ich, cher erste Arbeiter in dem großen Möbelmagazin'; denn mich ärgerte das spöttische Gesicht, womit der Herr dem Tischler nachgesehen hatte." Die Erzählerin hatte eine Arbeit vollendet; sie stand auf und legte die Stoffe zusammen. Nebenan im Wohnzimmer fanden sich die Haus- genojfen zum Mittagstisch zusammen. „Was ist denn daraus geworden?" fragte ich noch. „Was ist daraus geworden?" wiederholte sie; „ich habe eine Zeitlang hin und wieder geredet; am Ende — der Tischler kann ja doch nicht von ihr lassen; und sie, wenn ihr nicht just der Kopf verrückt ist, weiß auch wohl, was sie an ihm hat. Die schönen, vernehmen jungen Herrn sind ja nun doch einmal nicht für sie gewachsen." Wir gingen zu Tische. Aber die Geschichte der lahmen Marie lag mir schwer auf dem Herzen. — Lore und Christoph! Ich konnte mir die beiden Menschen nicht ziisarnrnendenken. Lin Spaziergang Bald nach Ostern hatte eine plötzliche Erkrankung meiner Mutter mich nach Hause gerufen. Erst im August, da ich die völlig Genesene mit Ruhe der Sorge meines Vaters und der Heilkrast der milden Lüste überlassen konnte, kehrte ich aus die Universität zurück. Als ich fortreifte, war auf der weiten Seebucht neben der Stadt noch kaum das Eis verschwunden; nun rauschte über allen Wegen das volle Laub des Sommers. Es war am Vormittage nach meiner Ankunst; von meinen Bekannten hatte ich noch keinen gesprochen. Ich stand nachdenklich in der Mitte meines einsamen Studentenstübchens; das ausgetrocknete Tintenfaß auf dem Schreibtisch und die bestaubten Bücher sahen^mich unbehaglich an; der halb ausgepackte Koffer auf dem Fußboden machte es nicht besser. Aber die Sonne schien durch die Fensterscheiben und lockte mich hinaus; und bald ging ich, wie ich es schon als Knabe liebte, nur mit mir allein, im Schatten der breiten Ulmenallee, welche eine Strecke oberhalb des Wassers am Seestrande entlang führt. Wie ein düsteres Gewölbe standen die Ungeheuern Bäume über mir, während zu beiden Selten auf Laub und Gräsern und in den Fenstern der hier überall im Grün versteckten Gartenhäuser die Helle Morgensonne funkelte; mitunter, wo er durch die Büsche sichtbar wurde, traf auch ein Blitz des Meeresspiegels meine Augen. — Ich ging langsam weiter, bie frische Lust mit vollen Zügen atmend; nur einzelne unbekannte Menschen begegneten mir, denn die Stunde des Spazierengehens hatte noch nicht ^Allmählich aber hörten die Gärten auf; statt der Ulmen waren es hier schlanke, aufstrebende Buchen, die zur Seite standen. Noch eine kurze Strecke, und ich ging in einem kühlen Walde, der zur Linken eine Anhöhe hinansteigt, während ich nach der andern Seite durch die Bäume auf die See hinabblicken konnte. Vor mir aus dem Dickicht klang der Silberschlag des Buchfinken und der Lockruf der Schwarzamsel; dazwischen wie Musik hörte ich fortwährend das Lispeln der Blätter und drunten zu meinen Füßen das Anrauschen des Wassers. Mir kam plötzlich die Erinnerung an ein halb versassenes Haus, das hier tm Walde liegen mußte. Vor Jahren als Sekundaner war ich einmal mit einem mir verwandten Studenten dort gewesen, den ich von der Schule aus besucht hatte. Es war, so erfuhr ich damals, von einem spekulierenden Schenkwirt gebaut worden; aber die Spekulation mißglückte; es war ihm nicht gelungen, den großen Zug der Gäste in seine Einsamkeit hinauszulocken. Er hatte verkaufen müssen, und der neue Eigentümer ließ derzeit die spärliche Wirtschaft durch einen Kellner verwalten. Ich entsann mich des langen, blassen Menschen sehr wohl, und auch das einstöckige Gebäude, welches zwischen den hohen Buchen etwa auf der Hälfte der Anhöhe lag, stand jetzt mit Deutlichkeit vor meinen Augen. Unter der kleinen Säulenhalle, welche die Mitte der Front einnahm, hatte ich damals mein erstes Glas Grog getrunken; von hier aus waren wir durch eine große Flügeltür in einen hohen, büftern Saal getreten, dessen Fenster nach hinten in den Wald hinaussahen. Mich überkam ein Verlangen, den einsamen Ort wieder aufzusuchen: zugleich eine Besorgnis, er möge jetzt verschwunden ober für mich nicht mehr zu finden sein. Während ich so meinen Gedanken nachhing, bemerkte ich aufblickend einen schmalen Fußweg, ber sich links vom Wege zwischen ben Bäumen hinausschlang. Ich stand einen Augenblick; so war es bamals auch gewesen; bann stieg ich langsam ben Berg hinaus. Nach einiger Zeit sah ich vor mir zwischen ben Stämmen ein graues Schieferbach auftauchen, allmählich würben auch bie Kapitäle einer kleinen Säulenhalle unb zu jeder Seite derselben ber obere Teil eines Fensters sichtbar. Noch ein paar Schritte, unb eine breite Steintreppe führte aus bem Baumschatten auf einen kleinen, ebenen Platz hinaus. Da lag es vor mir; mitten im Walde, im stillsten Sonnenschein. Die Zeit schien hier kaum etwas verändert zu haben; wie damals war der ursprünglich rötliche Anwurs der Mauern, wo er nicht abgeblättert an der Erde lag, überall mit grünem Moos bezogen, unb aus ben Spalten der hölzernen Säulen drängte sich braunes, wucherndes Schwammgewächs; auch jetzt noch stand unter der kleinen Halle eine dunkelgrüne Bank zu jeder Seite der halbgeöffneten Flügeltür. — Ich setzte mich auf eine derselben unb blickte durch die Lücken des Gehölzes auf die See hinab, wo eben ein Fischerboot im Sonnenschein vorüberglitt. — Menschen schienen hier oben nicht zu Hausen, es rührte sich nichts; auch hinter mir aus dem Hause vernahm ich keinen ßaut; nur eine Waldbiene summte in raschem Fluge vorüber, und an ben (Brasränbern ber Stein- treppe gaukelten zwei bunkle Schmetterlinge. Nach einer Weile stand ich auf unb ging in den Saal. Er schien mir noch düsterer säst, als ich ihn mir gedacht hatte; die dicht vor dem Fenster stehenden Bäume schienen ihre Zweige bis über bas Dach zu breiten. Ich schlug mit meinem Stock auf einen Tisch, baß es an der hohen Decke widerhallte; aber es tarn niemand. — Zur Linken in einem Nebenzimmer, in bas ich hineinblickte, stanb ein einsames Billard. Aber gegenüber an der andern Seite des Saals war noch eine Tür; ich öffnete sie unb gelangte tn einen schmalen Gang unb burch blefen wiederum ins Freie. — Neben einer Kegelbahn, die dicht am Hause lag, sand Ich einen schon ältlichen Menschen, mit einer grünen Schürze angetan, auf dem Nasen eingeschlafen. In der Tat, es schien auch derselbe Kellner noch von damals! — Als ich ihn mit meinem Stock berührte, riß er bie Augen auf und sprang empor. „Ich bitte, mein Herr", sagte er, „ich habe wenig Ruhe gehabt bie Nacht." I Ich sah ihn oerrounbert an. 1 „Sie wissen bas nicht?" fuhr er fort, inbem er mich von Kopf zu Füßen musterte; „bie Herren Korpsburschen haben ja seit Ostern ihren Kneipabend hierher verlegt." Ich wußte das in der Tat nicht, obgleich die meisten meiner Bekannten zu dieser Verbindung gehörten. (Fortsetzung folgt.) Beran iwortl tch: Dr. tzaaS Thyriot. — Druck unbB er lag:Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckere i, B. Lange, Gießen,