Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang |955 Montag, den H. August Nummer 62 Prinz Eugen. Von Ferdinand Freiligrath. Zelte, Posten, Wevda-Ruferl Lust'ge Nacht am Donauuferl Pferde stehn im Kreis umher Angebunden an den Pflöcken; An den engen Sattelböcken Hangen Karabiner schwer. Um das Feuer auf der Erde, Vor den Hufen seiner Pferde Liegt das östreich'sche Pikett. Auf dem Mantel liegt ein jeder, Von den Tschakos weht die Feder, Leutnant würfelt und Kornett. Neben seinem müden Schecken Ruht auf einer woll'nen Decken Der Trompeter ganz allein: „Laßt die Knöchel, laßt die Karten! Kaiserliche Feldstandarten Wird ein Reiterlied erfreun! Vor acht Tagen die Affäre Hab ich, zu Nutz dem ganzen Heere, In gehör gen Reim gebracht; Selber auch gesetzt die Noten; Drum, ihr Weißen und ihr Roten! Merket auf und gebet acht!" Und er singt die neue Weise Einmal, zweimal, dreimal leise Denen Reitersleuten vor; Und wie er zum letzten Male Endet, bricht mit einem Male Los der volle, kräft'ge Chor! „Prinz Eugen, der edle Ritter!" Hei, das klang wie Ungewitter Weit ins Türkenlager hin. Der Trompeter tat den Schnurrbart streichen Und sich auf die Seite schleichen Zu der Marketenderin. Prinz Eugen und die Schlacht bei Belgrad. Von Alfons von C z i b u l k a. Wir entnehmen den folgenden Abschnitt dem Buch „® roße deutsche Soldaten" von Alsons o o n C z i b u l k a : 286 Seiten mit 19 Bildtafeln, Ganzleinen 5.80 Mark. Drei Masken Verlag, Berlin. Steht man auf dem weiten Heldenplatze vor der Hofburg zu Wien, gegenüber dem Denkmal des Erzherzogs Karl, des ersten Ueberwmders Napoleons, zu Füßen des schonen Reiterstandbildes des Prinzen Eugen von Savoyen, so steigt aus unerhörter Vergangenheit die Gestalt eines Mannes auf, der durch fast ein halbes Jahrhundert Oesterreichs und Deutschlands, ja Europas Schicksal gewesen ist. Diese Jahrzehnte, die mit dem Tage der großen TUrkenschlacht vor Wien beginnen und mit dem Tode Eugens, vier Jahre vor dem Ersten Schlesischen Kriege zu Ende gehen, hat man Oesterreichs Heldenzeitalter genannt. Mit gutem Rechte. Doch darüber vergißt man, daß jene Zeit nicht nur eine der glorreichsten der dahingegangenen österreichisch-ungarischen Monarchie war, sondern auch eine Zeit deutscher Schicksalswende, das erste Sonnenleuchten eines deutschen Morgens. Denn Eugen von Savoyen, Oesterreichs größter Feldherr und Staatsmann, zugleich des ganzen deutschen Volkes Held, hat durch feine Kriegstaten, die in der Weltgeschichte wenig ihresgleichen finden, diesem deutschen Volke in jenen Stürmen aus Ost und West Atem und Herzschlag erhalten. Dennoch ist lange Zeit die Gestalt des großen Savoyers, des Feld- marschalls des Heiligen Reichs, der Erinnerung der Deutschen entschwunden gewesen. Nur ein unvergessenes Lied, das zündendste aller Soldatenlieder, ist gleichsam das Dokument seiner Unsterblichkeit geblieben. Erst heute, da der Gedanke an ein wahres Reich aller Deutschen sich wieder zu formen beginnt, an ein Reich, dessen Rückgrat nicht mehr der Rhein allein, sondern, wie es einst gewesen ist, Rhein und Donau zu sein berufen sind, wächst seine gewaltige Gestalt wieder zu symbolischer Bedeutung. Prinz Eugen, der genau 150 Jahre vor der Leipziger Schlacht am 18. Oktober 1663 in Paris geboren wurde, entstammte der Nebenlinie Carignan des damals noch auf engem Raume regierenden Hauses Savoyen. Es war eine blitzende Fülle von Titeln, die fein tapferer, liebenswürdiger, aber unbedeutender Vater besaß: Engend Moritz Prinz von Savoyen-Carignan, Graf von Soisson, Generaloberst aller Schweizer Regimenter, Gouverneur der Champagne, Generalleutnant der französischen Krone. Frankreichs Marschallstab schien schon in der Wiege Eugens zu schimmern. Und doch hat jener Glanz seines väterlichen Hauses ihm nicht die Wege geebnet, sondern stand vielmehr bald in groteskem Gegensätze zu den Mitteln, die der Familie nach ihrem Unglück verblieben. Eugens Vater starb schon mit 40 Jahren. Die Mutter, die schöne, leichtsinnige Olympia Mancini, wurde — wenn auch unschuldig — so doch gefährlich in jenen Prozeß der furchtbaren Giftmischerin Voisin verwickelt, der etliche hundert Mitglieder der längst verderbten Pariser Gesellschaft vor den eigens bestellten Gerichtshof, la chambre de Poison, brachte. Nur ein Wink Ludwigs XIV., der dankbar junger Stunden des Lebens gedenken mochte — Olympia ist wohl seine erste Geliebte gewesen —, bewahrte Eugens Mutter vor der Bastille, por dem Richtschwert vielleicht. Sie floh nach Holland. Verarmt blieb Eugen in der Obhut einer närrischen Großmutter zurück. Er wurde dem geistlichen Stande bestimmt und trug schon als Knabe Tonsur und den Titel eines Abbe. Er betrug sich nicht danach. Er ging lieber auf die Exerzierplätze, in die Kasernenhöfe und Machtstreben als in die Kirchen. Und als er in fein zwanzigstes Jahr trat, legte er die geistliche Kleidung ab. Da warf ihn seine Großmutter, die verrückte Maria von Bourbon, aus dem Hause. Der Prinz quartierte sich mittellos bei einem kleinen Bürger ein. Ja, es wird erzählt, daß er damals in zerrissenen Kleidern Rach einer Weile bat er den König um eine Kompanie, auf die ein Prinz von Geblüt wohl Anspruch zu haben glaubte. Höhnisch, mit kränkenden Worten, wies ihn Ludwig XIV. ab. Der schmächtige, kleingewachsene, nicht eben elegante Prinz — „Prinz Eugen war ein mutwilliges, schmutziges Bübchen", schrieb die Pfälzer Lieselotte — mit der aufgestülpten Nase und der zu kurzen Oberlippe in dem häßlichen Gesicht gefiel ihm nicht. Das Leuchten seiner großen strahlenden Augen sah der Sonnenkönig nicht. Eugen, für den seine Mutter sich einst das Generalat der Schweizer Regimenter erhoffte, war unversöhnlich getroffen. In den Tagen, in denen der Großwefir Kara Mustapha, der mit säst 400 000 Mann aus den Bergen des Balkans heraufgezogen war, den Ring um Wien und feine 12 000 Verteidiger schloß, brach Prinz Eugen nach Oesterreich auf. Es war eine Flucht; denn Ludwig XIV., dep sich von der osmanischen Eroberung Wiens das Ende Habsburgs und damit des Reiches der Deutschen erhoffte und gleich seinem Vorfahren Franz I. selbst von der deutschen Krone träumte, hatte dem französischen Adel verboten, kaiserliche Dienste zu nehmen. Völlig mittellos traf Eugen, glücklich den ihm nachjagenden Eilstafetten und den Stromwachen am Rhein entkommend, in Passau ein, wohin der Hof vor dem Tllrkenansturm auf Wien geflohen war. Dort bat er den Kaiser um ein Patent. Er erhielt es nicht. Kaiser Leopold I. konnte die Franzosen nicht leiden; aus begreiflichen Gründen. Eugen bekam nur die Erlaubnis, als Volontär in die Wiener Schlacht zu reiten. Als der Prinz über das letzte Stück französischer Erde schritt, da fühlte er, der Savoyer, sich nicht als Franzose mehr. Da soll er den Schwur getan haben, dieses Land, für das fein Herz erkaltet war, nicht anders mehr als mit dem Degen in der Hand zu betreten. Er hat diesen Schwur gehalten. In diesem Augenblicke aber, in dem er diesen Eid getan, rauschte der Vorhang auf zu einem Welttheater, über dessen Bühne für ein halbes Jahrhundert fechtend bald ganz Europa stürzte. Lauter, mahnender rauschten die Wellen des Rheins und der Donau in den Ohren der Völker. Denn er, der Franzose italienischen Stammes und bald österreichischen Herzens, sah mit deutschen Augen die vom Blute der Jahrtausende geröteten Nibelungenströme und riß ihre Stromgebiete, ungeheures Land umgrenzend, zu einem Gebilde zusammen. Daß auf diesem Boden bis heute nicht das Reich sich einte, ist nicht seine Schuld. Er hat dieses Deutschland von europäischen Massen, das er klaren und mächtigen Geistes vor sich sah, als Feldherr und Staatsmann geschmiedet. * Eugen ging nach Ungarn. An Zahl dreifach überlegen, zog der Türke gegen Peterwardein. Aus dem Vorfeld dieser Festung vorbrechend, fiel ihn der Savoyer an. Es war am Morgen des 5. August 1716. Schon w Mittag konnten die Glocken Peterwardeins Viktoria läuten. Aufgelöst wich nach wilder Schlacht das Türkenheer gegen Süden. Wenige Tage später ritt ein Obrist, wie es der Brauch der Zeit war, von blasenden Postillonen geleitet, hinter sich Unteroffiziere, mit 156 erbeuteten Fahnen und fünf Roßschweifen, die Siegesmeldung überbringend, in Wien ein. 160 Geschütze waren erobert. „ k Im folgenden Frühjahr, an dem Tage, an dem von den Wallen der Kailerftadt die Batterien die Geburt Maria Therefias begrüßten, fuhr der Prinz wieder ins Feld. Im Sommer stand er jenseits von Donau und Save vor Belgrad. 70 000 Mann, unter denen das Feuer der Türken- fejtung, Ruhr und das Fieber der Donaufümpfe wütete, gehorchten seinem Kommando. Das war nicht mehr als allein schon die Reiterei des Großwejirs zählte, der, aus Serbien heraufziehend, mit 150 000 Mann Infanterie plötzlich im Rücken der Kaiserlichen erschien. Die Katastrophe schien unausweichlich. Eingekeilt stand das eugenische Heer zwischen der mächtigen, aus allen Rohren feuernden Türkensestung, der Armee des Großwejirs und dem Donaustrom. Rur zwei schwache, von türkischen Donauflottillen gefährlich bedrohte Kriegsbrücken verbanden die kaiserlichen Truppen mit ihren Rückzugsstraßen. Da befahl der Prinz Eugen den Angriff auf das Enksatzheer. Es war das der Entschluß, mit verkehrter Front, das hoch aufragende Belgrad im Rücken, die Schlacht gegen dreifache Uebermacht zu wagen. In der Nacht auf den 16. August tastete sich das Heer, von Nebeln verschleiert, an das türkische Lager heran. Die Osmanen ahnten nichts. Aber sie waren auf der Hut, denn als Reiter unversehens auf eine türkische Feldwache stießen, war es, als steche man in ein Wespennest. Der Grohwesir, der wußte, daß Eugen immer gerade das tat, was dem Gegner am unwahrscheinlichsten schien, begriff sofort, daß der kaiserliche Feldherr den Angriff wage. In einem Augenblick war das türkische Heer unter Waffen. Stundenlang kämpfte man, ohne daß man weiter hätte sehen können als ein Lanzenstoß reichte. Als dann endlich der Morgenwind die weißen Nebel zerteilte, sah Eugen, daß feine Armee in der Mitte weit auseinanderklasfte und die osmanische Hauptmacht schon tief in seinen durchstoßenen Tressen stand. Da nützte er den Augenblick, der ebenso gefährlich wie glücklich war. Er stellte sich zum letzten Male an die Spitze seiner geliebten Reiter und erzwang, während kaiserliches, bayerisches und hessisches Fußvolk mit dem Bajonett sich in die Flanke der Türkenflut warf, durch den Sturmritt seiner hinter ihm herjagenden Schwadronen die Entscheidung. Gegen zehn Uhr morgens schon war das scharf verfolgte Osmanenheer in voller Flucht. Auch Belgrad ergab sich. Fast 1000 Kanonen konnte Eugen über die Save führen. Als man vorn hochgebauten Belgrad Viktoria schoß über Donau und Save, da hat im Feldlager von Sernlin ein kurbrandenburgischer Wachtmeister das Lied erdacht vom Prinz Eugen. * Es war dieser Sieg, um im Bilde des Barock zu bleiben, dessen österreichischem Teil Prinz Eugen als Feldherr, Staatsmann und Mäzen so beispiellosen Glanz verliehen, die heroische Apotheose seines Soldatentums. Als er fast 20 Jahre später wieder für ein Erbe — im polnischen Erbfolgekrieg — ein Heer an den Rhein führte, hatten ihm Alter und die fast drei Jahrzehnte, die er in den Feldlagern verbracht, die Schwingen gebrochen. Es sind keine strahlenden Siege mehr, die sich mit dem Namen des greisen Eugen verbinden. Und doch hat Friedrich der Große, der oft mit Stolz erzählte, daß ihm, als er im Lager der Kaiserlichen weilte zu Bruchsal, noch vergönnt gewesen wäre, unter dem großen Eugen den Krieck zu lernen, über das letzte Feldherrntum des Helden geurteilt, daß die Ruhe dieses Feldzuges den Prinzen nicht minder ehrte als seine früheren großen Schlachten. Ajenn es auch nicht zum Bilde des großen Soldaten Eugen gehört, so muh man doch daran erinnern, daß er, der schließlich der erste Ratgeber Karls VI. wurde, auch ein Staatsmann von ungewöhnlicher Bedeutung und Größe war. lieber Oesterreich und Habsburg hinweg, dem doch jeder Schlag seines Herzens zugehörte, wollte er Deutschland einen. Darum riet er in seiner großen Staatsschrift zur Heirat zwischen der jungen Maria Theresia und dem Kurprinzen von Bayern, dem künftigen römisch-deutschen Kaiser. Wohl wäre damit das Haus Oesterreich wittelsbachischen Stammes geworden. Aber sein klarer Geist erkannte, daß durch diese auch territoriale Vereinigung Bayerns und Oesterreichs die Dtacht des deutschen Kaisers so übermächtig im Reiche geworden wäre, daß die deutsche Einigung zwangsläufig von selbst hätte erfolgen müssen. Es nimmt dem Leben Eugens nichts von seinem Ruhm, daß Karl VI. nach langen inneren Kämpfen sich diesem großen Rat versagte. Als des deutschen Volkes Held, als Reiter des Reichs, als der Begründer und Mehrer der österreichischen Großmacht, welche die eugenischen Waffen fast auf das Dreifache vergrößert hatten, ist Prinz Eugen durch die letzten Tage seines Lebens geschritten. Ursache seiner wahren Volkstümlichkeit war aber nicht nur der Lorbeer, der ihn krönte. Was das Volk an ihm so liebte, war die echte Güte und Milde, die Schlichtheit, die er sich inmitten seines wahrhaft fürstlichen Glanzes bewahrte. Auch ehrte das Volk feine in jener Zeit an einem Staatsmann oder Feldherrn noch keineswegs selbstverständliche Redlichkeit. Eugen war unter feinen Zeitgenossen einer der wenigen aus Armut Zu hohen Stellen Gekommenen, deren späterer Reichtum nicht aus Bestechungsgeldern, dunklen Zielen dienenden Geschenken, durch Beute oder Plünderung entstanden war. Er verdankte feinen bald fürstlichen Besitz, seine Schlösser und Herrschaften einzig und allein dem Danke jener drei Kaiser, denen er gedient. Niemals hat er von der Beute, außer Trophäen, auch nur das Geringste für sich behalten. Wie er auch immer den Krieg nach den Gesetzen der Menschlichkeit zu führen sich bemühte. Es war sein Stolz, daß im Bereiche seiner Armeen, die doch zu Beginn [einer Laufbahn noch ganz wallensteinifcher Prägung gewesen waren, auch im Feindesland der Bauer in Frieden pflügen oder ernten konnte. 2n der Nacht zum 21. April 1736 ist Prinz Eugen von Savoyen, fast 73 Jahre alt, in seinem Schlosse Belvedere plötzlich verschieden. Noch am 2(benb hatten die Wiener seine Karosse mit den Jsabellenschimmeln um- iubelt. 2er größte Feldherr des Reiches aller Deutschen war nicht mehr. Seelotse beim Feuerschiff Weser. Von Hans R i e b a u. Möchten Sie Seelotse werden? Nichts einfacher als das. Sie muffen drei Jahre Seefahrtszeit nachweisen, und dann brauchen Sie nur 12 bis 15 Jahre Dienst als Matrose auf einem Lotfenschoner zu tun, im Sommer und im Winter, bei strahlendem Sonnenschein und bei Windstärke 11 mit Schneesturm. Und bann brauchen Sie, eben diese 12 bis 15 Jahre lang, die Lotsen — draußen bei Feuerschiff Weser, zwischen Rotesandleuchtturm und hinter der Insel Wangerooge — vom Schoner hinüberzurudern zu dem großen Dampfer, in einem sechs Meter langen Ruderboot übrigens, das im Winter mit einer zentimeterdicken Eisschicht überkrustet ist, und in dem Rettungsringe für Ruderer und Lotsen nicht zum Spaß liegen, sondern zum — sozusagen — täglichen Gebrauch. Und dann müssen Sie noch das Kapitänsexamen bestehen, und englisch und französisch sprechen müssen Sie natürlich auch ... । ♦ Es ist also, wie man sieht, nicht leicht, Seelotse zu sein und zu werden. Neulich allerdings, als wir auf Einladung des Lotsenkommandanten des Weserbezirkes mitfuhren mit dem Motor- und Segelschoner „Prinz Adal- bert", um den draußen diensttuenden Dampfer abzulösen, schien alles sehr einfach, sehr leicht, und das Leben auf dem blitzsauberen und nicht ohne Komfort eingerichteten Schiff schien uns die beste Sommerfrische zu fein, die man sich nur wünschen kann. „Sie bekommen einen vollkommen falschen Eindruck von unserer Arbeit", sagte der Kapitän des Schoners und blickte mißmutig in den strahlenden Sonnenschein. „So ein Wetter wie heute gibt es vierzehn Tage im Jahr, und nicht mehr." „Um (o besser läßt sich erzählen", lachten wir. „Unsere Leser im Binnenland — können Sie sich so etwas benter? — wissen nicht mehr von ber Lotserei, als was im Lexikon steht: .Lotse, ortsfunbiger Seemann, nach dessen Anweisungen Schisse in und aus dem Hasen geführt werben'." „Unsinn", knurrte der Kapitän, das sind ja" — und ein Zug ber Geringschätzung, so schien es uns, legte sich um seinen Munb — „bas sind ja nur die Hafenlotsen. Die Seelotsen, meine Herren, haben andere Aufgaben. Wir liegen weit draußen vor den Flußmündungen in See. Es ist noch nicht lange her, da standen uns nur kleine Segelsahrzeuge zur Verfügung, und auch dieser Schoner" — der Kapitän klopfte mit dem Pfeifenstiel an das Deckshaus — „hat erst seit vier Jahren einen Motor. Bei jedem Wetter sind wir da draußen, warten aus die Dampfer, die einen von uns gebrauchen, warten darauf, daß sie die Lotsenflagge — schwarzweißrot in weißem Feld — zeigen; bann lassen wir unser kleines offenes Ruderboot zu Wasser, und zwei Mann rudern, ber Seegang mag fein wie er will, ben Lotsen hinüber. Der Lotse übernimmt bie Führung i bes Dampfers unb steuert ihn burch bas schwierige Flußmünbungsgebiet, । bas überall von Sanb- unb Schlickbänken, von Strömungen unb anberen 1 Hindernissen durchsetzt ist, in den Fluß. Dort erst wird der Seelotse vom \ Fluhlotsen ober vom Hafenlotsen abgelöst, ber bann ben Dampfer bie Weser hinauf unb in ben Hafen bringt." „Ja, aber —" werfen wir ein. „Und wie kommt ber Lotse wieber auf seinen Schoner?" „Wenn nötig, bringt ein Hilssfahrzeug bie Lotsen von Bremerhaven hinaus auf ben Schoner. In ber letzten Zeit" — ber Kapitän seufzte — „ist es leiber nicht nötig. Der Schoner ober ber Lotsendampser bleibt vierzehn Tage bis drei Wochen draußen. Sechzehn Lotsen sind an Bord. Aber meistens sind es nicht einmal sechzehn Dampfer, die während dieser Zeit einen Lotsen anfordern." „Also nicht jeder Dampfer braucht einen Lotsen?" „Leider nicht. UeberaU auf der Welt, auch auf der Elbe, auf der Ems usw. besteht Lotsenzwang. Nur auf der Weser steht es den Kapitänen der Dampfer frei, einen Lotsen zu nehmen oder das Schiss selbst in ben Strom zu steuern. Da bie Not ber Zeit bie Reebereien, auch bie ausländischen, zu äußerster Sparsamkeit zwingt, da außerdem das Fahrwasser der Weser — fast möchte ich sagen: leider — außerordentlich gut ist, sparen viele Dampfer das Lotsengeld und mir" — der Kapitän zuckt die Achsel — „sind die Leidtragenden." „Wieso die Leidtragenden? Sie sind doch Beamte und stehen in festem Gehalt?" „Aber nein, im Gegenteil. Wir sind freie Gewerbetreibende und vom Staat lediglich konzessioniert. Die Seelotfen der Wefer bilden eine Genossenschaft, die sich vollkommen selbständig verwaltet, selbst für ihren Nachwuchs sorgt, die Lotsengelder sestsetzt. eintreibt und auf die einzelnen Lotsen völlig gleichmäßig verteilt." „Und wem gehören die Schoner, das Inventar, das Lotsenhaus?" , „Das alles", sagte der Kapitän nicht ohne Staig, „gehört uns. Nur der Dampfer ist vorn Reich gebaut und uns zur Verfügung gestellt. Ader den Betrieb, die Kohlen, die Besatzung — das alles bezahlen wir." „Dann find Ihre Unkosten also sehr hoch?" „Allerdings. Und das schlimmste: Die Unkosten halten sich — das find wir nicht nur uns, sondern auch der Schiffahrt unb ber Verkehrssicherheit schuldig — stets in ber gleichen Hohe, währenb sich bie Einnahmen seit langem in abfteigenber Linie bewegen." „Ader bas ist boch auf bie Dauer ein unhaltbarer Zustand! Wie denken Sie sich ben weiteren Verlauf ber Dinge?" „Im Augenblick", sagte ber Kapitän — unb man merkt, baß es nicht eine Redensart sein soll — „hoffen wir auf eine Belebung der Schifffahrt, die automatisch auch auf uns zurückwirken würde. Wir erhoffen gerade von der Reichsregierung entsprechende Maßnahmen. Sollte aber der Erfolg ausbleiben, so bliebe nur die Einführung des Lotsenzwanges auch auf der Weser übrig, und schlimmstenfalls eine Einschränkung bes Lotsendienstes überhaupt." „Das würbe sich aber zum Schaben der Schiffahrtssreguenz und damit der deutschen Gesamtwirtschaft auswirken." „Selbstverständlich", nickte her Kapitän, „und deshalb hoffen wir, daß wir diesen letzten Ausweg nicht zu wühlen brauchen." 3n diesem Augenblick wird der Kapitän abgerufen. Der Lotsendampfer, den wir ablösen und für 14 Tage ersetzen sollen, ist gesichtet worden. Links heben sich die Konturen des neuen Westturms von Wangerooge scharf ab. Halbrechts liegt im Dunst der schwarzweißrote Rotesand-Leucht- turm. Ein Matrose reicht uns ein Fernglas. „Da", sagte er und zeigt irgendwo aus den Horizont. Wir nehmen das Glas und sehen: drei Torpedoboote fahren in Kiellinie dem Jadebusen zu und dann — in einem Abstand von ungefähr fünf Seemeilen — folgen zwei Kreuzer. „Unterwegs von Kiel nach Wilhelmshaven", sagt der Matrose. Wir benutzen den Anknüpfungspunkt. „Wie lange sind Sie schon an Bord?" „Drei Jahre." „Als Matrose?" „Als Lotsenassistent. Die Besatzung besteht — mit Ausnahme des Mwschinenpersonals — nur aus Lotsenassistenten. 12 bis 15 Jahre habe ich Zeit, das Fahrwasser genau kennen zu lernen." „Eine lange Zeit. Haben Sie so viel Geduld? Und sind Sie zufrieden?" „Es ist nicht leicht", zuckt der Matrose die Achsel, „und im Winter ist es oft so, daß wir uns vornehmen: Schluß! An Land! Weg von hier. Aber wenn es dann Sommer wird —" Der Matrose lächelt. „Na?" „Dann ist alles wieder anders. Die Zeit vergeht sehr schnell bei unserem Dienst. Und dann sind wir ja keine Kulis, ja eigentlich nicht einmal Arbeitnehmer. Wir bilden eine Gemeinschaft, mit strenger Disziplin natürlich, aber auch mit vielen Rechten. Und wer von uns die zwölf Jahre durchhält, der weiß fo gut wie sicher: Ich werde Lotse." „Und Prüfungen brauchen Sie nicht? Auch kein Einkaufsgeld und dergleichen?" „Oh doch. Wir müssen die Seefahrtsschule besuchen, die Steuermanns- prüsung ablegen, von jetzt an sogar das Kapitänsexamen auf große Fahrt, und dann müssen wir uns mit 10 000 Mark in die Lotsengenossenschaft einkaufen." „Das ist viel Geld. Und wer es nicht aufbringen kann?" „Dem wird es geliehen und in Raten wieder abgezogen. Und jeder, Der dann mit 60 oder 65 Jahren als Lotse ausscheidet, bekommt die 10 000 Mark zurück." Wir gucken den Matrosen an. Er jagt das alles so leicht hin, als ob es gar nichts wäre: 15 Jahre Wartezeit, 15 Jahre Dienst, wie es ihn fo chwer, jo gefährlich kaum sonst in der Welt gibt. Zwei schwierige Prü- rungen, 10 000 Mark Kapital und bann —? Das Ziel? Die Fortsetzung dieses Dienstes eiserner Pflichterfüllung und ungeheurer Verantwortlichkeit in einem Alter, in dem andere ihr Leben der Geruhsamkeit zu- itcuern. Mit 60 und 65 Jahren klettern sie, die Lotsen, tn schwerem Oelanzug und Stieseln die Strickleitern der Dampfer hinauf und hinab. 15 bis 25 Meter sind es oft, und die Wellenberge klettern ihnen nach, uchen sie zurückzureißen, und im Winter werden die Stricke, an denen ie sich halten, von Sekunde zu Sekunde dicker: der Sprühregen der Brecher verwandelt sich im Handumdrehen zu glatten, schmerzenden Eiskrusten .. Der Matrose raucht gleichmütig seine Pfeise. „Und wie ist es mit der Sprache?" fragt einer von uns. „Wenn der □otje auf der Kommandobrücke eines japanischen Dampfers steht, oder rines französischen?" „Englisch müssen wir natürlich auch können", sagt der Matrose, „und in bißchen französisch und spanisch auch." „Und wer trägt die Berantwortung, wenn etwas passiert? Wenn das 2chiss auf Grund kommt. Oder kollidiert?" „Da fragen Sie man am besten den Lotsenkommandeur", lacht der Natrose, „der hat da schon ganz weiße Haare von gekriegt." ♦ Tatsächlich, der Lotsenkommandeur hat schneeweiße Haare. 67 Jahre ilt ist er, und — als Aufsichtsperson der Lotsengenosienschast — als ein- iiger Beamter. „Ueber die Haftpflichr der Lotsen", jagt er, „zerbrechen sch die Juristen schon seit Jahren den Kopf. Praktisch ist es so, daß ein Totse, unter dessen Führung ein Schiff Schaden erleidet, Schadenersatz nicht Listen kann. Denn eine Beule am Schiffskörper schon kostet, wenn sie repariert wird, Tausende von Mark, und der Lotse hat kein Vermögen ms der Bank liegen. Theoretisch aber ist er nach Ansicht vieler Juristen -oll haftpflichtig. Auf dem Schiffahrtstag in diesem Sommer wird die nage wahrscheinlich dahin geklärt werden, daß Schadenersatzpflicht der Enzelnen Lotsen nur bei grober Fahrlässigkeit und bei Böswilligkeit vor- I egen soll. Im übrigen erzieht den Lotsen die stete Lebensgefahr, in der t sich jahraus, jahrein befindet, zu einer Gewissenhaftigkeit und Vorsicht, »•ie sie wohl nicht mehr übertroffen werden kann." „Und wie ist es — inmitten dieser Gefahren — mit den Verlusten an '-Menschenleben?" . Das Gesicht des Lotsenkommandeurs verdüstert sich „Die Verluste smd '»cht gering", sagt er. „Der Grad der Sicherheit, der für Seeschiffe schlechten die Norm ist, kommt für unsere Lotsenschisse natürlich nicht in Frage. - enn wir suchen ja geradezu die Gefahr. Wir müssen mit unseren leinen Fahrzeugen — auch im Nebel und auch im Sturm — an die !"oßen Dampfer heran. Wir müssen mit kleinen leichten Booten die hoffen übersetzen. Oft genug kentern die Boote. In der Weihnachtsnacht H24 zum Beispiel setzte, gerade während einer Ausbootung, ein Schnee- yurm ein. Als das Treiben vorüber war, war das Boot verschwunden. 18 Tage später trieb es in Helgoland an. Von den sechs Insassen haben »ir nie mehr etwas gesehen." Wir schwiegen. „Und 1908". fuhr der Lotsenkommandeur fort, „ist unser Schoner ■Bicolaus’ von einem griechischen Dampfer gerammt und in Grund ge- t-gt worden. Der griechische Dampfer ist weitergefahren, als, ob nichts Oichehen märe. Es gäbe da noch so viel zu erzählen, aber ..." Wieder schwiegen wir Dann sprach der Lotsenkommandeur von dem, l,as ihm besonders am Herzen lag. „Das Reichsverkehrsministerium", sagte er, „hat anerkannt, daß der Lotsendienst der Weser vor- bildlich ist für das gesamte deutsche Lotsenwesen. Bester Beweis: Die Akten der übrigen Seelotsengebiete türmen sich zu bedenklicher Höhe. Die Akten über die Weserlotserei sind nur ein winziges Bündel. Wir müssen also wünschen, daß die bewährte Organisation unseres Dienstes so bleibt wie sie ist." „Sie unterstehen dem Reichsoerkehrsministerium?" „Nicht unmittelbar. Das Ministerium hat die eigentliche Verwaltung dem Bremer Senat übertragen, und das ist gut so. Der Senat wiederum hat mit der Wahrnehmung der laufenden Angelegenheiten mich, den Lotsenkommandeur, beauftragt. Die Gefahr, die uns droht, ist die, daß in Zukunft die Lotsengesellschaft von einem Strombaufachmann anstatt, wie jetzt, von einem Nautiker geleitet wird. Eine solche Umgestaltung würde die durch die Krisis bereits aufs äußerste bedrohte Sage der Lotsen völlig unerträglich machen." „Soweit wir unterrichtet sind, plant man in Berlin und auch in Bremen keineswegs eine derartige Umgestaltung." „Hoffentlich", lächelte der Lotsenkommandeur, „hoffentlich haben Sie recht." Dann stand er auf, nahm uns beim Arm und lotste uns, mit unfehlbarer Sicherheit, ins Deckhaus zu einem dampfenden Grog. Gin Bild aus Reichenau. Von Friedrich Hebbel. Auf einer Blume, rot und brennend, saß Ein Schmetterling, der ihren Honig sog Und sich in seiner Wollust so vergaß, Daß er vor mir nicht einmal weiterflog. Ich wollte sehn, wie süß die Blume war, Und brach sie ab: er blieb an seinem Ort, Ich flocht sie der Geliebten in das Haar: Er sog, wie ausgelöst in Wonne, fort. Oer Manu, der mit dieser Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius Bio em (GDS.). (Fortsetzung.) Jubilate, erklingen die Saiten. Aus einem langen Schlaf aufzutauchen und endlich zu spüren, daß man nur böse geträumt hat. Während dieses ganzen Traumes wurde Rosemarie zwar das Gefühl nicht los: „Es geschieht etwas vollkommen Verfehltes mit mir, ich bin ins Bodenlose gefallen und hätte doch Flügel haben müssen. Ich sprach in diesem Traum mit Menschen, die mich nicht verstehen, ich war taub für ihre Sprache." „Hier oben geht ein Schatten umher, ruhelos, armer Schatten, du reichst Töpfe herbei und sagst mit deiner tiefen Taubenstimme: Der Pfeffer steht links oben auf dem Regal in dem Napf, wo Soda draufsteht. Der Schatten geht zuerst fast so lebendig herum wie ein gegenwärtiger Mensch, noch viel lebendiger zuerst, sie schweigen und sehen sich nicht an, aber heute kommt kein drittes Gedeck auf den Tisch." Dies zu allem Anfang, sagt sich Rosemarie, sie schwört es sich: „Wenn es geschehen soll, so will ich mich nicht hier hereinschleichen müssen bei halber Nacht. Der Platz ist frei. Deshalb zu allem Anfang einen klaren Zustand." Es dauert nicht sehr lange, schon muß sie diesen klaren Zustand verteidigen, sie beugt sich über den Tisch und baut die halbvertrocknete Azalee aus der Kanzlei auf. „Eine Aufwärterin sorgt nicht für Blumen, lieber Herr, das kann man nicht verlangen." Von hinten kommt Peters Rechte und hängt eine herab- gleitenbe Haarsträhne über Rosemaries Schläfe zurück, was ist natürlicher als daß die Hand halb streichelnd weiterfährt, die schmale, gebogene Schlafe hinauf ins schöne Rund des Hinterhauptes? Rosemarie richtet sich mit einer klein wenig ausweichenden Bewegung auf, etwas kokett und sehr unwillig, Blitz aus schmalen Lidern, das genügt fofort. Nun läuft er rote ein Hündchen hinter ihr her, die Männer sind sich alle so ähnlich, sieht die geschwinden Hände den schneeweißen Damast beinah knallend über den Tisch schlagen, festlich wirkt es mit den steifen Falten, Besteck klirrt mit silbernem Ton, ting-ting macht das Kristall, lauter grundgute Geräusche, sie erwecken eine erregende Fröhlichkeit in der zu neuem Leben ausgewachten Wohnung. Und das steigert sich über Tellerklappern, Plätschern des Wasserhahns, Surren der Gasflammen und Schleifen dünner Frauenschuhe bis endlich zum festlichen Gespräch. Peter hat ein Paar neue Bücher gefunden, die ihn bewegen und die er in der Verschüttung der hingegangenen Wochen las; sie sind durchaus nicht geschrieben für einsame Leser, wie man so irrig behauptet, erst ist jemand da, der erzählt, und ein Zweiter, der zuhört, und dieser Zweite verwandelt sich in einen, der es roeiterfagt. Sie wenden ungläubig die Stopfe, im Arbeitszimmer rasselt der Fernsprecher, jetzt, Sonntag abend, gegen halb zehn? „Schönlein." ,J)ter Redakteur Habicht vom Generalanzeiger. Sagen Sie, was ist das für eine verwickelte Geschichte auf der Ausstellung, eine junge Dame soll den Hauptgewinn gezogen haben, allerdings wird mir erzählt, daß nur Sie dies behaupten, während in Wirklichkeit ein gewisser Doktor Wagenschanz--Wo wohnt der Herr, wie heißt die Dame, wie sieht sie aus, kann ich Sie heute abend noch sprechen?" Also nun haben sie ihn schon am Kanthaken. „Es tut mir leid, Herr Habicht, der Vorgang ist noch nicht ganz geklärt, ich muß in meinen Auskünften daher einstweilen die bekannte amtliche Zurückhaltung wahren." „Aber Herr Schönlein, Verehrtester, Sie sehen ein, es muß um sechs Uhr früh in unserer Morgenausgabe herauskommen, alles raunt, es soll Krach gegeben haben!" „Wie gesagt, ich weiß selber nichts Genaues." Das ist entschieden bedauerliche Das geht doch nicht, daß der General- , anz'e'iger von der ganzen Sache nichts ^erichteib Der Kollege von dn Volksstimme ist Ihnen sowieso nicht grün, Sie machen sich durch Ihre Tätigkeit vor den Arbeitsgerichten für die Pianosortefabrik nicht immer beliebt er wird jedenfalls die Gelegenheit benutzen, um Ihnen eins auszuwischen. Durch uns könnten Sie gleich den Gegenstoß führen. Aber wie sie wolle , CS ^Können"Sie vielleicht in einer halben Stunde nochmal anrufen, Herr Spätestens. Aber was soll sich bis dahin groß verändern? ",Jch werde bis dahin einen schriftlichen Bericht — Ms ^eter^'zurück'kommt"fitzt Rosemarie nebenan am Fluge^sie hort seine Schritt?, der Pantherschlag stoßt achtmal m die Tasten, „Ju bi late, u—bi—late", ja, diese himmlische Freude bis ms Innerste. Schonlem wartet, die Hände auf ihren Schultern, und rührt sich nicht. Als.er ficf) über sie beugen will, entschlüpft sie ihm wieder mit einer leichten Be- mcauna. „Rusen Sie Herrn Habicht an, Peter, und sagen Sie ihm, seine Gerüchte seien aus der Luft gesogen, in Wirklichkeit sei bas Auto einwandfrei und bewiesenermaßen gewonnen worden von Herrn Doktor Anton Wagenschanz, selfmademan, Inhaber der bekannten Kosmetischen Werke und Erfinder der berühmten Schönheitskreme Erotikon. Auf diese Weise kommt der Generalanzeiger außerdem noch zu einem guten Inserat. „Aber der Rechtsstandpunkt —" wendet Schönlem ein. "Ach Gott, der! Meist geht es eben nach dem Rechthaberei-Standpunkt." Das war sehr gut, daß sie das miteinander abmachten, denn sie sind noch mitten in dieser Unterredung, da rasselt der Fernsprecher abermals. „Also Herr Habicht, ich kann Ihnen Mitteilen— . . , Gar kein Herr Habicht", tönt es zurück, „hier Frau Kommerzienrat Wehrhahn. Ich komme eben von einem Autoausflug zurück, lieber Schon- lein, und erfahre, mein Telephon wird feit Stunden von den Damen des Hausfrauenvereins belagert. Was ist denn das für eine grauenhafte Ge- ichichte? Nur kein Skandal!" _ . .. Gnädige Frau, es gibt keinen Skandal." Er muß der einflußreichen Dame des Langen und Breiten den Hergang erklären, wie es kam, daß und wieso und weswegen und inwiefern, und das Fraulem Reubold aus freien Stücken auf eine Durchfechtung des Rechtsstandpunktes verzichtet habe, um die Ausstellungsleitung oder vielmehr die Damen des Vereins nicht in eine prekäre Situation zu bringen. „Na, Gott fei Dant, lieber Schönlein", hört er es aus breitem Busen seuszen, „das ist aber wahrhaftig anständig von ihr. Bloß well sie uns keine Schwierigkeiten machen will? Wissen Sie, ich hätte es ja eigentlich viel schöner gefunden, wenn ein junges Mädchen diesen fabelhaften Wagen — —" „Ihre Zukunft als Pianistin ist gesichert, Rosemarie", berichtet Peter. Sie haben jetzt bei der Kommerzienrätin einen dicken Stein im «teil. Sie hat sich Ihren Namen ausgeschrieben und mit Vergnügen erfahren, daß es sich um eine sehr begabte Angestellte der Pianosortesabrik handelt. Was sagen Sie, habe ich bas nicht fein gedreht?" — Anderntags verändert Peter feinen Standpunkt em wenig, denn die Bolksstimine erscheint um fünf Uhr früh mit der Schlagzeile „Schiebung auf der Ausstellung! Eine gute Freundin des Ausftettungsleiters Rechts- ambalt Schönlein.gewinnt den Haupipreis!" Anton Wagenschanz kümmert sich weder um das eine noch das andere. Um neun Uhr gibt er, von zwei handfesten Mechanikern begleitet, seinest Losbrief im Gewinnbüro ab, und die beiden Leute, Monteure einer Reparaturwerkstatt, schleppen den taubengrauen Zweisitzer mit Hilfe eines uralten Fordwagens ab. Sie steuern ihn, wobei der spiegelnde Lack die erste Schramme abkriegt, Haarschars in den engen Holzverschlag im Hof de/ Witwe Wagenschanz. Rechtsanwalt Schönlein erstattet unserm peinlich berührten Bürgermeister einen sachlichen Bericht. Es wird allgemein bemerkt, daß die beiden Herren sich bald darauf in offenbar bester Laune aus dem Rathaus zum Wettiner Hof begeben, wo man sie eine Stunde lang beim Frühschoppen beobachten kann. , , . Am Dienstag bringt die „Volksstimme" den schuldigen Widerruf, der aber nur von den wenigsten Lesern beachtet wird, es handelt sich um drei Zeilen in kleinster Type, die der kluge Umbruch-Redakteur zwischen Notizen über die Großhandelspreise und den Schah von Persien geklemmt hat. Ein Lastwagen hält vor dem Hause Wagenschanz, zwei Männer mit schwerem Lederschurz steigen herunter und erkundigen sich, ob hier das Fräulein Reubold wohne. Die Witwe Wagenschanz wischt sich die Hände an ihrer Schürze ab und bejaht mißtrauisch. „Was wollen Sie denn von ihr?" Hier soll ein Klavier abgeliefert werden. Ein Klavier? Sie hat doch gar kein Geld. Davon wisfen wir nichts, jagen die Männer, das geht uns gar nichts an, sie spucken in die Hände und fangen an, das Klavier abzuladen. Elli kommt mit fliegendem Röckchen heruntergelaufen und weiß auch von nichts. Aber das Klavier steht fchon ausgepackt auf der Straße, die polierten Flächen spiegeln ein warmes Mahagonibraun. Viele Leute laufen zusammen, in dieser Gegend kaust man sich kein Klavier. Auch der Kandidat Kieselbach strömt herbei und streckt seinen Vogelhals über die Köpse. Ein schönes Klavier! Er drängt sich hindurch, klappt kritisch den Deckel aus und greift ein paar Akkorde, die alsbald in einen Choral übergehen. Die Leute lachen und verlangen einen Tanz, aber die beiden Männer mit den Ledcrschurzen haben keine Zeit, schieben Tragbänder unter das Instrument und stemmen es mit Uff und Stöhnen die enge Stiege hinauf, bis es glücklich oben in der Mansarde steht. Der eine greift aus feiner Mütze einen Brief, Pianofortefabrik Wehrhahn & Söhne steht auf dem Umschlag. Nun scheinen sie noch auf etwas zu warten. „Verdammt heiß heute, Fräulein!" .Wissen Sie, bei uns ist nämlich alles arbeitslos", entschuldigt sich (£[[7 scharrt aber doch aus allen möglichen Ecken ein paar Groschen zusammen. Die beiden Athleten danken gutmütig und poltern hmab. Abends kommt Rosemarie aus der Fabrik. Durch das ganze Häuschen schallt Klavierspiel mit gefühlvollem Pedal, Mi schmettert dazu aus voller Kehle das schöne Lied „Junger Mann sucht Anschluß an Blondine durch den alten schiefen Fußboden hindurch yört man ihre Uüße im Takt zappeln und scharren. Sonst niemand zu Haus. Der Flur im oberen Stock- inert steht ganz versperrt mit dem großen Kleiderschrank, dem Waschtisch und der Kommode, die sich bisher in der Mansarde befunden haben, drinnen hockt der Kandidat Kiefelbach auf einem drehbaren Schemelchen, Elli hinter ihm fdjautelt sich in den Hüften, die Stirne traus und die Schultern angezogen und die hübschen Lippen singend gespitzt. । Ein beziehungsreiches Lied singt sie da. „Geehrtes Fräulein", heißt es in dem Brief, „wir haben von Ihrem bedauerlichen Mißgeschick auf der Ausstellung erfahren. Da es längst unser Wunsch war, Ihr uns wohlbekanntes Talent durch Uebergabe eines brauchbaren Instruments zu fordern, so bitten wie Sie, hiermit ein solches von uns anzunehmen. Hoch- achtungsvolle Unterschrift: Wehrhahn. Wobei von vornherein die Frage offenbleibt, welcher Wehr Hahn für die Stiftung zeichnet. Rosemarie wartet seit Wochen auf ein Lebenszeichen ihrer hohen Gönnerin, der Kommerzienrätin Wehrhahn. Das ist ausgebtieben. Vielleicht doch eine kleine Mißstimmung gegen Peter Schon- [ein, wer kann es sagen? Man weiß nicht, was da hinter den Kulissen vor- geht Sie kneift die Sippen zusammen, betrachtet das schöne Geschenk von vorn und von hinten, lieft wieder den Brief und findet, daß er einen krampfhaft harmlofen Eindruck zu erwecken versucht, oder bildet sie sich das nur ein? Die große weltbekannte Firma macht ihrer kleinen unbekannten Angestellten ein Geschenk. Entwurf: Herbert Wehrhahn? Warum kommt der Brief nicht von der Kommerzienrätin? Rosemarie sieht und hört wie mit eigenen Augen und Ohren ein kleines Zwiegeschräch zwischen dem Alien und dem Jungen. „Na, mein Sohn, wenn du sie nicht heiraten willst —" „Kommt nicht in Frage, Papa." — „Denn man zu!" Hochachtungsvoll: Wehrhahn. Das eine Pedal zeigt schon ein paar Kratzerspuren von den Nagelschuhen des Kandidaten, glücklicherweise scheint er von der Existenz des andern keine Kenntnis zu haben. Rosemarie bittet ihn höflich, er möge wenigstens Paniossel anziehen, nur auf dem rechten Fuß, er könne rechts aber auch in Strümpfen spielen. Doch sie lächelt, es gibt in der letzten Zeit immer häufiger Gründe, um Peter Schönlein zu besuchen, also macht sie sich auf den Weg. „Das Klavier steht schon in unserer Mansarde, man ka..n sich nicht mehr umdrehen, ohne sich blaue Flecken zu stoßen. Was halten eie von dem Geschenk?" „Es hat ein bißchen lange gedauert", mault er bedenklich, „aber doch sehr nett, können Sie gut brauchen. Finden Sie was dabei?" „Nur dies, daß es nicht von der Kommerzienrätin ausgeht. Wenn da irgend etwas nicht stimmt, dann beauftrage ich lieber ein Rollfuhrunternehmen, das Klavier wieder in der Fabrik abzuliefern, und Sie werden mir einen höflichen Brief aufsetzen,, daß ich nicht gewohnt fei, Geschenke anzunehmen." , „Sie sind hochmütiger, Rosemarie, als Ihre Lage es zuläßt." „Das muß man sein, am meisten in dieser Lage." „Es ist nicht Zeit, um stolz zu sein", meint Peter. Das Wort trifft sie tief, sie vergißt es nie wieder. „Und so efne Fabrik", fährt er fort, „ist immer eine regelrechte Firma und nicht gut zu verwechseln mit dem jungen Wehrhahn. Haben Sie sonst irgendeine Ursache zu der Annahme, daß diese Stiftung einen Pferdefuß hat?" „Es kann [ein. Sie wissen ja, daß Ihr lieber Kamerad nicht locker läßt. Vorgestern kam er wieder in meinen Stimmraum und machte eine Randbemerkung, die Firma werde mir demnächst eine Auszeichnung erteilen, und als ich wie immer nicht darauf antwortete, erklärte er geradewegs, er habe Lust, mit mir eine Fahrt über den Harz zu machen. Abe» ich gebe ihm kaum noch eine Antwort. — Bitte, raten Sie mir, was ich mit dem Klavier machen [oll." „Kann ich nicht. Sie hängen in mehreren Gesell[chafts[chichten, Rosemarie, und was für die Dame von Welt richtig ist, muh durchaus noch nicht für die arme Klavierstimmerin billig fein." „Dann ist es wohl richtig", entscheidet sie ohne Besinnen, „wenn ich das Instrument mit höflichem Dank zurückgebe, da ich mich durch feine Annahme zu sehr verpflichtet fühlen würde." „Ich weiß nicht, Rosemarie. Das Geschenk kann gut gemeint [ ein. Machen Sie sich unbeliebt, so wählt die Firma unter fünfhundert Anwärtern Ihre Nachfolgerin." Rosemarie zuckt die Schultern. „Ich habe es längst aufgegeben, mich von solchen Widrigkeiten entmutigen zu lassen. Also entwerfen Sie nur einen sehr geschickten Brief an den alten Wehrhahn, so fachlich und unverbindlich wie nur möglich, und daß ich bemüht fein werde, mir das großmütige Geschenk — nicht großmütig, um Himmelswillen, das werl- volle Geschenk auch nicht, sagen wir einfach, daß ich mir das Geschenk im Laufe der Zeit durch besonders sorgfältige Arbeitsleistung abverdien.n werde." .. „Nicht abverdienen, Rosemarie. Eine andere als Sie würde schreiben, sie wolle sich durch ihre Arbeit und so weiter der Spende würdig ermeßen- — Nuv, ich werde Ihnen schon einen Wisch aufsetzen, der an jeder denkbaren Klippe vorbeilaviert." Im Arbeitszimmer greift der Anwalt einen Zettel vom Schreibtisch. „Ich habe in der Stadt zu tun. Aber nicf)t lang ■ Sie müssen wissen: beim Wiederkommen freut man sich, wenn ein Mensw da ist." (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Drühl'sche Univers ttäts-Vuch. und Steindruckerei. R. Lange. Giehe