GiehenerZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M3 Zreitag, den Juli Nummer 53 An das Vaterland. Von Gottfried Keller. 0 mein Heimatland! 0 mein Vaterland! Wie so innig, feurig lieb ich dich! Schönste Ros, ob jede mir verblich, Duftest noch an meinem öden Strand! Als ich arm, doch froh, fremdes Land durchstrich, Königsglanz mit deinen Bergen maß, Thronenflitter bald ob dir vergaß, Wie war da der Bettler stolz auf dich! Als ich fern dir war, o Helvetia! Faßte manchmal mich ein tiefes Leid: Doch wie kehrte schnell es sich in Freud, Wenn ich einen deiner Söhne sah! O mein Schweizerland, all mein Gut und Hab! Wann dereinst die letzte Stunde kommt. Ob ich Schwacher dir auch nichts gefrommt, Nicht versage mir ein stilles Grab! Werf ich von mir einst dies mein Staubgewand, Beten will ich dann zu Gott, dem Herrn: „Lasse strahlen deinen schönsten Stern Rieder auf mein irdisch Vaterland!" Das Spiel mit dem Tode. Von Friedrich Arenhövel. Am 6. Mai 1931 funkte der Londoner Sender: In den Bergen an der Grenze zwischen Transvaal und dem Oranjefreistaat liegt ein zerschmettertes Flugzeug. Glen Kidston und sein Begleiter sind tot. Wer war Glen Kidston? Sein Stern taucht wie ein Komet am Septemberhimmel des Kriegsjahres 1914 auf. Der erste, silberblinkende, ekrasitg?ladene Stahlfisch wird von „U 9" ausgestoßen, gleitet mit wirbelnden Propellern durch die grauen Nordseefluten, trifft und zerreißt im eigenen Krepieren den englischen Kreuzer „Hogue". — Hunderte der Seeleute Großbritanniens lädt der Tod zu Gast in seine tiefen Hallen. Als er den Milchbart Glen Kidston, den fünfzehnjährigen Marinekadetten, an einer Planke treiben und Wasser speien sieht, geht er lächelnd an ihm vorüber. Der Schwesterkreuzer „Cressy" braust mit Volldampf heran, um dem Tod zu entreißen, was ihm noch zu entreißen ist. Seine ausgesetzten Boote fischen Menschen. Glen Kidston ist abgetrieben. In Todesängsten schreit er nach seiner Mutter, aber der Tod preßt ihm das salzige Wasser in die Kehle. Sein Gurgeln wird nicht gehört. Die Boote fahren ohne ihn an Bord zurück. Da läßt Otto Weddigen den zweiten gefräßigen Stahlfisch abstreichen. Der Torpedo wühlt durch die Flut. Vier Meter tief jagt er wie ein Hai unter Glen Kidston durch, schnurgerade auf den Panzerleib der „Cressy" zu. Tosend und krachend bricht auch sie in himmelhohem, weißem Gischt zusammen. Retter und Gerettete führt der Tod gemeinsam in die tiefen, blauen Säle. Die „Abukir" kommt mit wehenden Rauchfahnen und heulenden Sirenen auf. Sie stoppt ab, dreht bei und läßt ihre Boote aus. Ein bärtiger Seemann packt den besinnungslosen Milchbart Kidston beim Kragen, zieht ihn in’5 Boot, läßt ihn Wasser speien, arbeitet kraftvoll und treu um sein junges Leben, wickelt den endlich atmenden Knaben in warme Decken und verstaut ihn zu den anderen Geretteten. Die Riemen tauchen in's Wasser, und heimwärts geht es auf die „Abukir". Glen Kidston sitzt in warmer Wolle vor einem Becher heißer Milch und soll erzählen, da trifft der dritte Stahlfisch des „U 9" den Kiel des Kreuzers „Abukir". Die Stahlwände zerreißen. Die Träger bersten. Das Panzerdeck über Glen Kidston öffnet sich wie eine Schleuse. Die Geschütz- tllrme sinken zur Seite, als wären sie auf Morast gebaut. Von einem ungeheuren, brüllenden, hißenden und donnernden Druck wird Glen Kidston durch die geöffnete Schleuse emporgeschleudert, dem offenen Himmel entgegen. Er Pürzt, sich überschlagend, in's Meer. Auf halbem Wege in die Ewigkeit preßt der Wasserdruck ihn wie einen Korken wieder hinaus. Als Glen Kidston das Wasser aus Ohren und Augen schüttelt, hat er eine Vision. Der Tod steht mit breiten, knöchernen Füßen auf zwei scharfen Wellenkämmen, und feine Senfe flirrt gischtend über das spritzende Wasser. Glen Kidston aber rüst er lachend zu: „Kopf weg, du Miichbart!" Der Junge versinkt. Als er wieder zur Besinnung kommt, jagt ein Torpedoboot mit ihm auf Englands Küste zu. Glen Kidston ist gerettet. Alt-England sieht seine Seehervschaft in höchster Gefahr. Drei Kreuzer fielen auf einen Streich. Fünfzehnhundert Seeleute liegen auf dem Grund. — Aber da ist der junge Held Glen Kidston! — Drei bejahrte Schiffe versanken, und ein Kadett hat sie alle überlebt! — Das ist der Trost in diesem furchtbaren Unglück, und die Zeitungen rufen es Tag für Tag: „Der Sieger über den Tod!" — „Der jüngste Kadett der Navy verlacht die Gefahr der deutschen U.-Boote! — Ein Schelm, wer weniger mutig ist als er!" — „Der Tod rief: Kopf weg, du Milchbart! — Aber Glen Kidston antwortete als englischer Junge: Hüte den deinen, Tommy OhnebarN" Der Nationalheld wird von Hand zu Hand gereicht. Vater und Mutter reisen mit ihm hin und her. Jede Gesellschaft wünscht ihn zu sehen, ihn zu begrüßen, zu bestaunen, seine kleine, eingedrillte Rede zu hören. Der König empfängt ihn und hängt ihm Auszeichnungen auf die stolze Knabenbrust. Soviele Orden hatte noch kein Kind der Welt, und dieses Kind ist ein englischer Junge! — Dieser Kadett rief dem Tode zu: „Hier ist Glen Kidston! — Wer bist du?" Und der Tod blieb ihm die Antwort schuldig. Das junge Herz hat nun einen Ruhm zu verteidigen, den Ruhm, vor dem Tode gefeit zu fein. Glen Kidston ist das Symbol des unsterblichen England, und weil England unsterblich ist, glaubt Glen Kidston an seine Macht über den Tod. Er nennt feine ängstliche Mutter „little mam" und reicht gerade mit dem Scheitel bis an ihr Kinn. Zu seinem Vater sagt er „old dad" und haut ihm mit hochgerecktem Arm kameradschaftlich auf die Schulter: „Hier ist Glen Kidston! — Und wer bist du?!" Während des ganzen Krieges schweigt der Tod mit nachsichtigem und humorvollem Lächeln. In der Skagerrakschlacht torpediert er dem Oberleutnant Kidston einen Dreadnought unter den Füßen fort — Ein Volltreffer, der einmal einen tollen Irrweg neben einem Geschützrohr hindurch in Kidstons Panzerturm findet, krepiert nicht und bleibt wie ein zahmer Hund zu feinen Füßen liegen. Eine Flattermine verschont niemanden außer ihm. Seine Verwegenheit kennt keine Grenzen mehr, und wo immer sein Admiral ihn hinstellt verkriecht sich der Tod. * Als der Krieg zu Ende ist, kann Glen Kidston nicht mehr ohne seinen brüderlichen Gegner leben. Er versteht den Sinn des Friedens nicht, erfaßt nicht den Begriff Leben ohne fein Widerspiel, den Tod. Der köstliche Inhalt seiner Jugend scheint kläglich zu versiegen, da fordert der Tod ihn zu einem neuen Spiel heraus, und jauchzend tritt Glen Kidston auf den Plan. Er ist über Nacht durch eine Erbschaft zum Millionär geworden, und nun gibt es nichts mehr, was er sich im Spiel mit dem Tode versagen müßte. Im Flugsport, auf unerprobten Maschinen, im Rennreiten, Renn- sahren auf den schnellsten Wagen und den gefährlichsten Bahnen wagt er tausendmal sein Genick. In Wüste und Urwald bändelt er mit dem Großwild an, und stündlich gehen die ritterlich spottenden Worte hin und her: „Kopf weg, Glen Kidston!" — „Hüte den deinen, Tomy Ohnebart!" — Die Sense flirrt. Tausende fallen in Sport und Berus, aber Glen Kidston steht mit lachendem Munde und duckt seinen Scheitel nicht mehr um ein Haar. In Dublin fährt er ein tolles Rennen. Eine Kurve schleudert ihn hinaus. Der schwere Wagen wirbelt der Länge nach dreimal durch die heulenden Lüste und knallt explodierend auf die Bahn. — „Sein Rennen ist aus", sagen die erstarrten Zuschauer. Die Sanitäter finden ihn zwanzig Meter vom flammenden Wagen in einer grünen Hecke, als ob er im Klubsessel säße. Er raucht eine Zigarette und lacht: „Hier ist Glen Kidston!" 1928 stürzt ein deutsches Flugzeug über der Grafschaft Kent ab. Von den acht Insassen lebt nut' er. — Er fährt in Solent mit feiner jungen Frau ein Matorbaatrennen. Der Motor explodiert und reißt das Boot in Fetzen. — „Kops weg, Gladys, lacht Glen Kidston, packt sie und schwimmt mit ihr an Land. Er bringt das Unglücksflugzeug,'aus dem ein bekannter ausländischer Bankier in den Kanal gestürzt war, in seinen Besitz. Das Unglück bleibt der Maschine treu. Bei einer waghalsigen Jagdexpedition nach Afrika stürzt es ab. Kidston ist heil, und auch der Dursttod in der Wüste tut ihm nichts. Es beginnt gegen jede Regel heftig zu regnen. — Es ist unmöglich, jedes feiner Abenteuer zu erzählen. Nun ist es sehr seltsam, daß Glen Kidston gegen den Tod im gleichen Augenblick verliert, in dem er seine sportliche Amateureigenschaft in diesem Spiele aufgibt. Er beschließt, fein Glück in den Dienst des Luftverkehrs zwischen England und Südafrika zu stellen, und er verbindet sich mit dem Flugkapitän T. A. Gladstone, um zunächst die Strecken der Reise zu prüfen. lieber den öden, zerklüfteten Drachenbergen, die zu überfliegen sind, lauern die berüchtigten, glühendheißen Sandstürme. — In der Van-Ree- den-Schlucht hat der Tod eine. Ruhmeshalle für abstürzende Flieger. An den Felswänden haften die Gerippe ihrer Maschinen wie Jagdtrophäen. Glen Kidston fliegt in das gelbschwarze Wadern des Sandsturmes hinein. Ein Händler, der mit seinem Maultier in einer Felsspalte Zuflucht Wie ein Pfeil saust der getrossene Wal ab. Die lange Leine rauscht I aus sie ist etwa ein Kilometer lang und hat sechs Zentimeter Durchmesser. Als sie säst ganz raus ist, wird stark gebremst, die Funken fliegen nur so. Ungefähr fünfzehn Minuten zieht der Wal den Fangdampser hinter sich her. Er kommt dabei häufiger hoch, um zu atmen. Langsam wird er müde. Sobald die Leine lose wird, wird eingehievt. Die zweite Harpune saust durch die Lust, wieder platzt die Granate, nachdem ihre Widerhaken sich im Fleisch des Tieres sestgehakt haben. Aus der nächsten Nähe wird dem Wal durch eine Granate der Gnaden- ^"Js?der^Walsisch tot und längsseits gebracht, stötzt man ein Glasrohr in den toten Körper. Vom Bord aus wird aus Prehlustflaschen komprimierte Lust hineingeblasen; denn der tote Wal sackt ab, wenn seine I Lungen sich entleert haben. . Ist diese Arbeit getan, so stößt man eine lange Stange mit einer bunten Flagge in den Rücken des Wals. So läßt man ihn treiben, wahrend das Fangschiss nach neuer Beute sucht. Gegen Abend werden die erlegten Wale, die durch die Flaggen weithin sichtbar sind, langsseits des Fangdampfers seftgemacht und zur schwimmenden Trankocherei geschafft. Die schwimmende Jabrif. So eine schwimmende Trankocherei ist eine hinlänglich wunderbare Sache. Ein modernes Fabrikschisf hat eine Gröhe von 15 bis 22 000 Tonnen eine Besatzung von über zweihundert Mann. Die modernsten Schiffe die er Art besitzen am Achterschiff ein Slip, genau wie eine regelrechte Werft, genügend groß, damit mit einer starken Winde der Wal, der em Gewicht bis zu hundert Tonnen besitzt, an Bord gezogen werden kann. Der Vorgang dauert keine zehn Minuten. Nun liegt der Wat aus dem Schlachtdeck oder bei ganz modernen Schissen in einem Schwimmdock- genau so wie ein Schiff im Schwimmdock liegt — und wird hier mit Hilfe von gewaltigen Dampsfägen zerlegt. Die Speckschicht, sein wertvollster Teil, die eine dicke von dreißig bis vierzig Zentimetern besitzt, wird von geübten Händen abgeschält, ganz ähnlich, wie man einen dicken Wintermantel auszieht. Die Stücke wandern in die Kessel der Kocherei und werden dort in drei bis vier Stunden restlos zu Del verarbeitet. Selbst das Skelett, dessen Knochen immer noch stark ölhaltig sind. Eine solche schwimmende Fabrik bildet mit vier bis sechs Fangschiffen zusammen eine Arbeitseinheit. Bei guten Fängen geht der Betrieb ununterbrochen Tag und Nacht, des nachts bei Scheinwerserlicht. Das Mutterschiff als Dperationsbasis enthält außer den Fabrikanlagen alle Einrichtungen, die für das rauhe Leben in den hohen Breiten notwendig find: Arzt, Hospital, Reparaturwerkstatt. Meist auch ein Flugzeug, mit dessen Hilfe man neue Fanggebiete ausfindig macht. Ein gutes Geschäft — für die andern. Mehr als zehntausend Menschen und mehrere hunderttausend Tonnen Schisssraum sind im Walfang beschäftigt. Die jährliche Produktion besah in den letzten Jahren trotz stark gefallener Preise einen Wert von 300 Millionen Mark. Am anschaulichsten wird die Entwicklung, wenn man erfährt, daß die Produktion sich in den letzten acht Jahren sprunghaft ansteigend von 700 000 Tonnen jährlich aus über drei Millionen Tonnen gesteigert hat. lieber Zweidrittel dieser Großindustrie liegen in norwegischen Händen. Man kann sagen, daß der Walfang trotz Krise und Niedergang der Preise auch heute noch eine blühende Industrie geblieben ist. Bis vor kurzem zahlten die norwegischen Fanggesellschaften durchschnittlich zwanzig Prozent Dividende aus. Jahresdividenden von hundert und mehr Prozent waren keine Seltenheit. An zweiter Stelle hinter den Norwegern kommen die Engländer, die auch an einigen norwegischen Gesellschaften maßgebend beteiligt sind. In weiterem Abstand folgen Holland, Japan, Argentinien, ^^Und"wo^blew^Deutschlanb? — Deutschland betreibt keinen Walfang: Dafür kaufen wir aber für jährlich 90 Millionen Mark Walol den anderen ab. Das ist ein Drittel der Weltproduktion. wozu braucht man Walfische? Eine schlechte Lampe nennen wir noch heute eine ^ransunzetzDie alte Tranfunzel war jahrhundertelang die Hauptverbraucherin des Waltrans. Später entwickelte der Wal ganz neue und ungekannte Reize für die Damenwelt. Die umfangreiche Krinoline der 60. Jahre erforderte gewisse Stützen die nicht nur fest, sondern auch elastisch sein mußten. Man stelle sich nur die Folgen vor, wenn etwa beim Tanz ein bred;eiü)es Krmolmen- gerippe dolchartig aus den zarten Geweben herausgestochen hatte. Hier lieferte der Wal in Gestalt des Fischbeins em unübertreffliches Material. Auch später als die Ideale einer jüngeren Generation die Wespentaille verlangten, waren die Fischbeinstäbe, di- der Walfisch liefert der gangbarste Weg zur „Schönheit". Daß das zarteste und fahrzehntelang belieb- teste aller Parfums, das Ambra nämlich, ausgerechnet aus ben Därmen bes Walfisch stammte, verschwieg man zwar den zartempfmbenden Seelen, zog aber nichtsdestoweniger einen guten Prosit iwraus. 2lmbra, eme bernsteinartige Masse, ist, mit Verlaub zu sagen eme B^dauungsstorung des Wals, ziemlich ähnlich, wie es die Perle für die Auster ist. — Mit dem | Niedergang der Tranfunzel begann der Niedergang der Walfangerei. Der Fang lebte erst wieder auf, als man den Tran zur Seifenfabrikatton ver wandte. Die eigentliche große Entwicklung “ber begann als man es verstand das Del geruchlos zu machen und zu oerfeften. Walol ist heute der wichtigste Rohstoff der Margarine-Fabrikation. ' Geld wird bei dieser Industrie verdient! Nicht nur für die Fanggesell- schaften, sondern auch für die Fänger. Ein Schutze z. B„ der wichtig e Mann an Bord eines Fangschiffes, kann nach einer guten Saison aus feinen Prämien dreißig bis fünfzigiausenb Mark für eine harte Arbeit von acht Monaten nach Hause bringen. Da ist man einfacher Matrose m Sandefjord, Larvik oder Tönsberg zum wohlhabenden Mann gewordeii, der Villa und Auto besitzt, wenn er auch zwei Drittel des Jahres in Dreck I und Speck, in tobenden Stürmen, in Eis und Gefahr auf dem Fangboot herunifchlingert. . Ist Walfang Raubbau? In den letzten Jahren wurden im Durchschnitt 40 OVO Male erlegt. Die Produktion hat sich ein einem Jahrzehnt ungefähr verzehnfacht. Da ist es kein Wunder, daß man die rapide Entwicklung nut einer Sorge betrachtet und das Ausfterben des Wals zu besorgen beginnt. Schon einmal war diese Gefahr akut: Die dauernden Ver olgungen hatten den Wal in den norwegischen Gewässern derart dezimiert, daß die Regierung zu Ansang des Jahrhunderts ein Fangverbot erließ das zunächst zehn Jahre dauerte. Das Fanggebiet auf der nördlichen $a(btugel fiel damit im wesentlichen aus. Aber schon vor dem Erlaß des Schutz- aesetzes war bekannt, daß im südlichen Eismeer ein weit größerer Reichtum an Walen Ausbeute versprach. Gegen Ende des neunzehnten Jahr- Hunderts schickten die Norweger die erste Expedition ins Submeer in die Gegend der Falklandsinseln. Ihr Führer war ein früherer /Begleiter Nansens, Kapitän Larsen. Kapitän Larsen ist der erste Pionier des Walfangs im südlichen Eismeer. Wie alle Propheten, galt er nichts m seinem Vaterland. Erst im Jahre 1903 gelang es ihm, eme Walfanggesell- fchaft in — Argentinien zu begründen. ’ Neue norwegische Expeditionen folgten 1905, 1911 und 1912. Die Fangergebnisse, anfangs mager, verbesserten sich nach gründlicher Kenntnis der Fanggebiete. 1927 nahm die erste schwimmende Kocherei den Betrieb im TOt^n^breV großen Norwegia-Expebitionen 1927 bis 1930, bie mit den modernsten Mitteln, z. B. Aufklärungsflugzeugen, arbeiteten, wurden die Fanggebiete erst eigentlich umgrenzt und erschlossen. 1927 wurde die Bouvet-Jnsel von Norwegen annektiert: Großbritannien zog seinen Anspruch zurück. Für 27 Millionen Kronen Waltran brachte allem die Expe- bition von 1928 nach Norwegen heim. Die Hauptfanggebiete bes süblichen Eismeeres liegen östlich und südlich von Kap Horn zwischen dem 50. und 65. Breitengrad. Fanggebiete minderer Bedeutung liegen an der Südspitze Afrikas, an der argentinischen und an der chilenischen Küste. . Besteht nun wirklich ernstliche Gefahr, daß der Walbestand dezimiert wird? Die Gelehrten beurteilen die Frag« heute wesentlich optimistischer als noch vor einigen Jahren. Die 'neuerschlossenen Fanggebiete sind, verglichen mit den bisher bekannten, so groß, der Walbestand so reich — sahen doch die Norwegia-Expedittonen zeitweise bis zu 50 Wale irn Gesichtskreis des Schiffes —, daß mindestens auf ein bis zwei Jahrzehnte eine Ausbeute in heutiger Höhe gesichert erscheint, ohne daß Gefahr der I Ausrottung für den Wal besteht. Und wo bleibt Deutschland? Die Geschichte des Walfangs ist wahrscheinlich so alt wie bie Geschichte bes Fischsangs überhaupt. Bis in bie Mitte bes vorigen Jahrhunderts waren Deutsche an Jagd unb Fang hervorragenb beteiligt. Jnselsriestn waren es, bie den Kern der Besatzung für bie holländischen und englischen Walsi chsänger-Flotten lieferten. Aber feit den napoleonischen Kriegen hak die deutsche Walfischfängerei sich nie mehr richtig erholt. 1848 kehrte das letzte deutsche Fangschiff in einen deutschen Hasen heim. 1912 gab der deutsche Kaiser bie Anregung für die Gründung einer deutlchen Fanggesellschast, die tatsächlich ins Leben trat, mit gutem Erfolg'an der afrikanischen Küste arbeitete und nach dem Kriege uns mit den Kolonien verlorenging. Die Engländer nahmen das gute Geschäft in I eigene Regie. Als nach dem Kriege die deutsche Seefahrt langsam wieder auflebte, tauchte auch der Gedanke einer deutschen Walfanggesellschast wieder auf. . m rr. Es ist interessant, das wechselnde Schicksal des Gedankens in IDer Preist, besonders der Fachpresse, zu verfolgen. In den Jahren 1927bis 192» häuften sich bie Notizen unb Berichte von ber erfolgreichen Arbeit Des oenommen hat, sieht bie Maschine aus dem verhängten Himmel stürzen. 1 Bn den brennenden Trümmern liegen zwei unkenntlich verkohlte Leichen. Aber sünszig Schritte davon findet er eine hinausgeschleuderte Bisiten tark(Don Slen^ Sib(t^ mächtigen Felstisch wie eine ausgefpiclte Trumpfkarte: „Hier ist Gien Kidston! , Der Tod hatte dieses Mal den höheren Trumpf. Wal! Wal! Von Heinrich H a u f e r. Walfang als Abenteuer. Seien wir ehrlich: wenn wir versuchen, uns ein Bild von Walfisch- iagden und Waffischfang zu machen, so taucht vor unserem geistigen Auge unwillkürlich ein Bild aus unseren Knabentagen auf, elne ^Uuftrahon aus dem Guten Kameraden" ober einem abenteuerlichen Seeroman. Ein kleines Ruderboot, besetzt mit vier ober fünf Mann. Arn Bug der Harpunier, der soeben mit gespannten Muskeln unb blitzendem Auge mit riesigem Schwung die Harpune in den Leib eines gemalttgen Wals schleudert, dellen enormer Schwanz das kleine Boot haushoch überragt Das nächste Bild' Der verwundete Wal zertrümmert nut einem gewaltigen Schlag bas Boot der Walfischfänger — alle Beteiligten, ausgenommen natürlich der jeweilige Held der Geschichte (unb der Walfisch), pflegen zu ertrinten. Gehören wir einer etwas jüngeren Generation an. so wissen mir bereits, daß bie Hanbharpune heutzutage durch eine Kanonenharpune ersetzt ist, die mit Pulverladung abgeschojsen wird. Wir wissen auch, daß der Walfang sich aus einem Abenteuer zu einer Industrie entwickelt hat aber das ist schon ungefähr alles, was wir wissen. Walfang heule. Wal, Wal, an Steuerbord! ruft der Ausguckmann — Hart Steuerbord, Maschine voraus, volle! sagt der Kapitän — Peng! hallt der scharfe Knall der Kanone. Die Harpune saust durch bie Lust. Fisch fest, Fisch fest, ertönt es von der Back. Jeber Wal hat bei normalen Preisen einen Wert von 7000 Reichsmark. So schreibt Kapitän Kircheib der Weltumsegler, in seinem ausgezeichneten Buch „Polarkreis Sud — Polarkreis Nord . Wal Wal ran ans Werk! Deutschland muß wieder eigenen Walfang haben!" Das ist das Motto, mit dem dieser hervorragendste Pionier eines deutschen Walsischfanges sein Buch einleitet. Sehen wir uns den Walfang, wie er heute betrieben wird, noch etwas ganz hoch hinaus 'M Witwensitz der >b a l u[ro. begegnen. , , , .. Aber Vorsicht! Denn wie es mit Reiseführern manchmal geht, wie die ibunten, schön bebilderten Heftchen ost ganz etwas anderes versprechen, Wer einen Hang zum Vornehmen hat, dem bietet sich eine reiche Auswahl. Er kann sich als ein Heer in Herrnstadt, Herrnhut oder Herrnhalb am richtigen Orte dünken, kann sich in einem der vielen Furstenberge in Leut chen Landen, in Fürstenwalde oder Fürstenstein ebenso wie in Gräfenberg oder Herzogenbusch wohl fühlen, und wenn er ganz hoch hmaus avill, dann mag er nach Königsberg oder Koniggratz, dem Witwensitz der Löhmischen Königinnen, nach Kaiserslautern (an dem Flusse Lauter) od Kaiserswerth reisen; aber als ebenso vornehmer Aufenthalt bietet s ch ihm Basel (basileia — die Königsstadt) dar. Wen es gelüstet, Ennne- Tungen an die großen Männer der Vergangenheit wachzurufen, der muh lich schon zu einer Reise über den großen Teich entschließen, was ja noch immer nicht so weit ist wie nach den elysäischen Feldern; er kann aus "Amerikas Landkarte einem Homer, einem Goliath, einem Hanni- Auslandes. Immer von neuem wird der Gedanke vor die Oeffentlichkeit gestellt. Pioniere, wie Kapitän K i r ch e i s und Kapitän Kraul setzen sich ein. Von Zeit zu Zeit tauchen Meldungen aus, die Gründung einer deutschen Walfanggesellschast stünde dicht bevor — dann wieder Schweigen. Hauptgrund, weshalb keine deutsche Gesellschaft bis zum heutigen Tag ins Leben trat, war und ist der Mangel an Kapital. Das deutsche Kapital war — sagen wir es assen — an dem nationalen Pioniergedanken, einem deutschen Unternehmen dieser Art nur schwach interessiert. Der damalige Staat hatte zwar für viele Unternehmen Geld, die besser unterblieben wären, aber deutscher Walfang war ihm eine Angelegenheit der „Außenseiter". " • Lin „Elektrischer Stuhl" für Male. Leider ist viel zu wenig bekannt, in wie starkem Maße deutsche Technik und Wissenschaft am Walfang mitarbeiten. Die Fabrikationseinrichtungen der schwimmenden Oelfabriken werden zum größten Teil von deutschen Firmen geliefert. Die außerordentlich wichtigen drahtlosen Telefone und Peilapparate liefert die deutsche Telesunkengesellschaft. Den größten Fortschritt in der Methode des Walfangs der letzten Jahre hat die Erfindung eines deutschen Gelehrten gebracht. Im Jahre 1929 wurde Professor Weber von Norwegen her beauftragt, die Frage zu untersuchen, ob man Wale nicht mit elektrischen Strömen töten könnte. Schon wenige Monate später hatte Professor Weber eine elektrische Harpune durchkonstruiert und in Betrieb gesetzt. Die elektrische Harpune wird genau wie die bisherige Harpune abgeschossen. Sie schleppt aber nicht mehr ein dickes Tau hinter sich her, sondern nur ein dünnes elektrisches Kabel. Dadurch sind Schußweite und Zielsicherheit stark verbessert. Kurz vor dem Schuß wird ein kleiner, nur zwei- bis dreipserdiger Elektromotor an Bord des Fangschiffes in Tätigkeit gesetzt. Er liefert einen Strom von picht mehr als 100 Volt. Die Harpune bohrt sich in den Körper des Wals, der Strom wird abgeschlossen, das Tier legt sich augenblicklich auf die Seite und ist sofort tot. Die Vorteile der neuen Methode find sehr bedeutend. Der oft stundenlange, qualvolle Todeskamps des Tieres wird zu einem schmerzlos schnellen Ende. Nicht mehr wie früher entweicht die Luft aus den Lungen; der Wal bleibt schwimmen, braucht also nicht mehr mit Preßlust aufgeblasen zu werden. Zwanzig Prozent Fangverluste durch Brechen der Seinen werden aus- geschaltet. Mehr als ein halbes hundert Wale sind schon elektrisch getötet worden. Hunderte von deutschen Schissen liegen auf. Hamburg und alle deutschen Seestädte haben das trostlose Bild ihrer Schifsssriedhofe täglich vor Augen. 1927 hat man bei damaligen hohen Preisen die Kosten einer Wal- sanggesellschast mit Fangschiffen und Trankochereien auf 5 bis 6 Millionen Mark errechnet. Heute würden sich diese Kosten ganz wesentlich niedriger stellen. Jeder stark gebaute große Fracht- ober Passagierdampfer könnte ohne weiteres zu einer schwimmenden Trankocherei umgebaut werden. In letzter Zeit hört man wieder mehr von neuen Plänen, in Brake bei Bremen soll eine deutsche Fanggesellschaft gegründet werden. Von Liebesseele nach Schweinepfeife. Eine heitere Ortsnamen-Reife. Bon Dr. E. Webe r. Viele, die in diesen Wochen sich der angenehmen Beschäftigung hin- geben, sich ein Reiseziel zu wählen, werden bei her Dual der Wahl begierig nach einem Ratgeber Umschau halten. Wie wäre es, wenn sie sich nach dem bekannten Worte „Nomen est omen" der bunten und phantastischen Welt der Ortsnamen als Wegweiser bedienten? Empfindsame Gemüter mögen nach Liebeseele oder Lieberose pilgern, mögen sich in Apostelgarten, in Albrechts Teerose ober in einer der vielen Ortschaften erholen, bie ihren Namen bem buftigen Blumenreich entlehnt haben, fei es so offentunbig, wie es z. B. Blumenthal in Hannover, Blumenau in (Ermlanb, Blumenftein in ber Schweiz, bie ver- fdjiebenen Rosentäler, -selber und -Hagen tun, sei es in ber etwas verhüllteren Form wie bei bem märkischen Dorse Quitzow, in bem bie slawische kvitu, Blume, fortlebt. Freunbe bes berben Humors und vor allerlei Kuriosa werben vielleicht einen Ausflug nach Filzlaus, nach Schweinepfeife, nach Blauer Affe, nach Kuhbier, Huhnerholz ober zum Letzten Groschen machen — von benen sie bie meisten bequem beisammen im Branbenburgischen finben. Liebhaber eines guten Bissens unb Trunkes werben sich für M e h l s a ck ober 91 ub e Iba u m, für 93ier= fiißchen ober Bierscheib entscheiben. Wer aber seine Sehnsucht nach bem Exotischen, (eine ungestillten Wünsche von Großwildjagben mit einem schmalen Gelbbeutel in Einklang bringen muß, ber kann je nach Geschmack in Löwenstein in Württemberg ober m ßomenberg tn Schlesien in Bärenstein in bem geruhsamen Sachsen ober Barfelbe in ber 9teumart sich schnell unb billig in sein Traumlanb versetzt g auben; ia..I°lbstdas harmlos tlingenbe Wiesental in Baben ober Wiesensteig in SBurttemberg bieten bie (Erinnerung an ein heute so seltenes Jagbwild wie den Wiesent, Während Schwerin mit einem ganzen „Tiergarten milder Bestien (von als die Wirklichkeit hält, so erweisen sich auch nicht selten bie Ortsnamen in dem, was wir aus ihnen herauszuhören vermeinen, als trügerisch. Der Trieb des Mannes aus dem Volke, ihm unverständliche Worte, fei es veraltete aus der eignen Sprache oder solche eines fremden Idioms, bekannten Ausdrücken anzunähern, hat oft zu seltsamen Entstellungen geführt, zu Bezeichnungen, bei denen „man sich etwas denken kann", wie wenig solche Leistungen der Volksetymologie auch vor einer kritischen Nachprüfung standhalten. „Ortsnamen, besonders solche, mit denen die Gedanken und Empfindungen viel zu tun haben", sagt der Germanist Rudolf Hildebrand, „in ihrem oft seltsamen Sinne zu verstehen, einen klaren unb womöglich schönen Sinn darin zu finden, das ist ein so natürlicher Drang des Seelenlebens, daß schon kleine Kinder chn empfinden unb auf eigne Hanb möglichst befriebigen, fo z. B. wenn ein kleines Mäbchen ben Vater fragte: „Nicht wahr, Amerika heißt so, weil es am Meer liegt"? Auch wir selbst finb wie bas Kinb in jebem Augenblick geneigt, solche Deutungsversuche vorzunehmen, bereu Ergebnis oft von bem wahren Sinn himmelweit entfernt ist. Wer in „Käse unb Brot" einen Zusammenhang mit biefen nahrhaften Stoffen sucht, wirb ebenso bitterlich enttäuscht werben wie bei Deutschdrob, Bähmischbrob ober Kötzschenbroda, bie Bezeichnung „Käse unb Brot" für einen Hügel ist eine Verballhornung aus bem slawischen Kesebrabe (wahrscheinlich soviel wie Ziegenhügel); bie verschiebens „Brote" weisen auf eine ehemals hier bestehenbe Furt — slawisch brodu — hin, währenb bas sächsische Kotzschen- broba insofern einen kulinarischen Hintergrund hat, als es auf bas slawische Kozybrode-Ziegenpilz zurückgeht, einen eßbaren Pilz, ber hier gefunben wurde. Angenehmer ist eine Täuschung, wie sie z. B. Winkel im Rheingau ober Königswinter in ihrem Namen bergen, bie nicht an bie Enge ober an bie kalte Jahreszeit gemahnen; vielmehr bebeutet Winkel „vini cella", b. h. Weinkeller, unb Königswinter „Königs Weinstock", nämlich Karl bes Großen „Veinatriu". Dagegen kommt ein Anhänger des Gottes Gambrinus weder in Bierscheide noch an bem biefen Ort burchsträmenben Bierbach auf feine Rechnung, bie beibe in ihrem Namen nur bie (Erinnerung an ben einst Germaniens Flüffe bevölkernden Bieber bewahrt Haden. Wer ahnte, wenn er nach 2 i e b e f e e l e pilgert, daß er ein einfaches Lindendorf — Lipa Selo — aufsucht, oder wenn er, ein zweiter Ulrich von L i ch t e n st e i n, im Frauendienst nach Fraureuth wallfahrt, eine Pflaumenbaumrodung als sein Ziel wählt? Nichts von einem leckeren Fischgericht lebt in Salmdorf fort, sondern hier narrt den Feinschmecker bas beutsche salhe«Salroeibe, währenb bie slawische Form bes Baumes, vrba, bie auch Werben an ber (Elbe ben Namen gegeben hat, sich aus bem böhmischen Vrbise zu Fürwitz, aus Brbica bei Breslau zu Wirrwitz im beutfchen Munbe gemanbelt hat. Eine Quelle bes Irrtums kann auch bie Bezeichnung bes Ortes Igel bei Trier bilben, bie burch bie Um- beutfdjung einer unverstänblich geworbenen Bezeichnung entstanben ist; er war ursprünglich nach ber bart errichteten Grabpyramide der Secun- diner „ad aguliam", d. h. mit mittelalterlicher Sprachform „beim Obelisken", benannt .mutzte sich aber bie Anpassung an das Stacheltier genau so gefallen lassen, wie aus dem stolzen K a st e l l von einst über das slawische „kostelo" ein bescheidener Kuhstall wurde. Im Gegensatz zu dieser in einen deutlich erkennbaren Stall gewandelten Burg verhüllt die stolze Feste Koburg schamhaft in ihrem ersten Teil ihre ursprünzlichen Beziehungen zu einem Koben, einem Schweinstall. Der Wunsch des Volks, unverständlich gewordene Namen zu erklären unb sie gleichzeitig mit einer bichterifch gestalteten Grünbungsgeschichte in Verbinbung zu bringen, hat zu mancherlei hübschen Sagenbildungen geführt. So lebt im spanischen Volksmund die Ueberüeferung, bie Haupt- tabt bes ßanbes habe ihren Namen von bem Zuruf eines Knaben an eine Mutter: „madre id!", b. h. „Mutter gehl" erhalten; ber Junge war, o wirb erzählt, „von einem Bären verfolgt, auf einen Baum geklettert unb mahnte bie herbeieilenbe Mutter mit jenen Worten gleichfalls zur Flucht. An ber Stelle, wo sich bies begab, würbe bann bie Stabt ge= grünbet. Antwerpen, bas in Wahrheit bem vlämifchen aen’t werf — an ber Werft, feinen Namen verbankt, birgt, fo will es die Sagenbilbung, die grausige Erinnerung an die Gewalttaten eines Riesen Druon, der hier den vorübersahrenben Schissern ihre halbe Labung abforberte1 unb, wenn sie sich weigerten, ihnen bie rechte Hanb abhieb, bie er bann in bie Scheibe warf, bis ihm selbst burch einen Stärkeren bas Gleiche wibersuhr; nach biefen Untaten soll der Ort Antwerpen (Handwerfen) genannt worden fein. Häufig liebt es auch die Volksetymologie, gleichzeitig mit der Deutung des Namens den Stammbaum des Ortes recht weit in sagenhafte oder biblische Zeit zurückzuführen. So geht nach ihr bie Gründung von Trier auf Tredeta, den Sohn des Ninus,- zuruck, der zur Zeit des Erzvaters Abraham aus bem ßanbe Assyrien vertrieben würbe unb auf feiner Wanberung burch bas bamals jeber menschlichen Steblung entbehrende Europa Irenens, die erste Stadt dieses Erdteils, errichtet haben soll, während für Hamburg sogar Vater Noahs Sohn Ham als Stamm* Herr bemüht wird. (Eine weniger vornehme Entstehungsgeschichte wird für Hamburgs Schwesterstadt Altona — in Wahrheit die „alte Au — aus ihrem Namen abgeleitet: sie soll diesen der Klage einer Hamburger Abordnung bei ihrem Gründer, einem dänischen König, verdanken, in der bie Worte- Si is all to na! Sie ist allzu nah!" nämlich an Hamburg, immer wieberkehrten. Seligenftabt soll zu seinem Namen burch ben beglückten Ausruf Karl bes Großen: „Selig ist bie Stabt, wo ich meine Tochter qefunben habe!" gekommen [ein, als ber Herrscher hier bie Wieberoer- einiqunq mit seiner an ber Zubereitung eines Fischgerichts erkannten Tochter seierte. Als ein ergötzliches Beispiel, wie bie nie erlafjmenbe namenbeuttoe Kraft bes Volkes über bie Jahrhunberte hinweg ihre Faben [pinnt und Ergebnisse modernen Verkehrs an Stelle uralten Gotter- qlaubens setzt, sei zum Schlüsse noch des Ortes Güterglück, des Knotenpunktes zweier wichtiger Bahnlinien gedacht, der — (o will es der Volksmund — die Stätte ist, wo man mit seinen Gutem Glück hat. Wer von den Tausenden, die hier uorüberfaufen, weiß noch etwas von jenem Steinhaufen (-kkik, -klyck) der sich hier, in Suterclic, einstmals als Altar ,u Ehren des altwendischen Gottes der Morgenrote Jutr erhob? Andere Zeiten Haden andere Gotter auf den Thron gefetzt und brn alten sogar ein Fortleben im Namen mißgönnt. an. Aber dieser hielt seinen spöt- jetzt mit Fuchs in Verantwortlich: Oc. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'jche Universitäts»Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen Stottern. Das kann nicht einer aus. was wir „Das — halte ich auch nicht absolut notwendig." Jetzt verlor der Kommissar die Fassung. Er geriet ins „Sie wollen sich mit mir einen Witz machen. Morris! Ihr Ernst sein!" „O ja — mein voller Ernst!" entgegnete der Arzt mähen daheim in seinem Bett lag und dennoch — bei Cajus der Jnvalidenstraße gewesen ist!" „Zu gleicher Zeit?" „Ja — zu gleicher Zeit!" „Aber das ist ja — anormal!" „Anormal!" Der Doktor stieß ein kurzes verärgertes Lachen „Auch so ein geduldiges Wort, auf das wir alles abladen, nicht unter den alten, abgetragenen Hut unserer Erfahrung bringen ...I Aber wer sagt Ihnen, Kommissar Kling, daß unsere Erfahrung nicht früher oder später einmal so fortgeschritten sein wird, daß wir alle diese Dinge nicht mehr — anormal finden ...?" „Kann sein! Aber verzeihen Sie die Frage, Doktor--Sind Sie Okkultist?" „Darüber habe ich wahrhaftig selbst noch nicht nachgedacht! Jedenfalls bin ich aber kein Skeptiker. Ich habe mir abgewöhnt, Dinge einfach zu negieren, deren Existenz hf) durch nichts anderes widerlegen kann als die Erfahrung meiner fünf Sinne und — eine ablehnende Geste! Wenn Sie den Fall Grau objektiv betrachten, lieber Kling, dann sprechen ebensoviel sogenannte „Tatsachen" dafür, daß Donald Grau an jenem Abend in der Jnvalidenstraße gewesen ist, — als dagegen. Haben Sie ganz vergessen, daß Sie selbst sich von diesen Tatsachen haben leiten lassen, nach Berlin zu fahren und den Fall eingehender zu untersuchen?! Wie erklären Sie sich zum Beispiel, daß Grau die Fuchssche Wohnung bis in die minutiösesten Einzelheiten beschrieben hat? Eine Wohnung, die er — in Wirklichkeit — nie betreten hat? Oder woher, Die Dame mit dem Oiteepetz. Die Geschichte eines rätselhasten Falles von Caren. Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München. (Schluß.) Aber wieso denn, Kommissar? Der Fall ist doch bereits aufgeklärt. Fuchs hat doch ein umfassendes Geständnis abgelegt. Und zwar, wie hier allgemein anerkannt wird — ganz allein aus Ihre geschickten Ma- növer hin! Wenn das kein glatter Erfolg ist ...!" ' Aber der Kommissar war nicht umzustimmen. „Diese Auffassung, lieber Morris, ist sehr freundlich von Ihnen. Aber ich kann sie leider nicht teilen. Es geht mir damit ähnlich, als wenn Sie etwa wochenlang einen Patienten duf Lungenentzündung behandelt hätten und schließlich stellt sich heraus, daß er an der Cholera gestorben ist. Wenn Sie das als Erfolg bezeichnen wollen ...!" . ,. Dr. Morris lachte herzlich. „Ich will nicht hoffen, daß mir ein derartiger diagnostischer Lapsus passiert. Aber wie dieser Vergleich aus Ihren Kriml- nalfall anwendbar sein soll, verstehe ich nicht." f , Kling nahm einen Schluck Burgunder. „Sehr einfach! Ich habe die ganze Zeit eine Mordsache bearbeitet. Und zum Schluß ist eine Bilderfälschung herausgekommen. Ist das nicht ungefähr dasselbe — wie Lungenentzündung und Cholera?" Er kaute mißvergnügt an [einer Zigarre. „Wir haben einfach Glück gehabt, das ist alles! Der Zufall hat uns auf eine Spur geführt, die wir alle miteinander nicht vermutet haben. Und mir schlügen uns vielleicht heute noch mit einer imaginären „Leiche herum", wenn nicht eben dieser Zufall ..." Er sah den Arzt betroffen von der Seite an. Es war ihm vorgekommen, als hätte Morris leise vor sich hingelacht. „O ja — man kann es auch „Zufall" nennen ...1" bemerkte er versonnen. „Ein wahres Glück, daß wir das Wort in unserm Sprachschatz haben! Sonst kämen wir zuweilen doch in Verlegenheit." „Was wollen Sie damit jagen, Doktor? Doch nicht etwa — daß die Entdeckung des Gemäldes in des Fuchsschen Wohnung kein Zufall gewesen ist?" Jetzt richtete Morris seinen durchsichtig klaren Blick fest auf Klings Gesicht. „Ja, lieber Kling — beinahe hätte ich das gesagt! Sogar auf die Gefahr hin, daß Sie mich für einen Phantasten halten. So ziemlich das Aeraste, was einem Wissenschaftler passieren kann!" Der Kommissar muhte erst mit einiger Anstrengung seine Gedanken sammeln, bevor er etwas erwidern konnte. „Aber ich bitte Sie, Morris", sagte er endlich irritiert, „Sie können doch nicht im Ernst behaupten wollen, daß ... Daß zwischen dieser Bilder- rälfdjung und dem — Mord . irgendein Zusammenhang besteht . .! Morris lächelte ihm ruhig in die Augen. „Warum denn nicht? Warum — kann ich das nicht behaupten?" „Weil ... Weil eine derartige Behauptung eine — eine Ungeheuerlichkeit wäre!" Kling geriet in immer größere Verwirrung. „Und weil sie ja auch den Tatsachen ins Gesicht schlägt ... Denn der Mord ist ja illusorisch. Casus Fuchs ist ja tatsächlich gar nicht ermordet worden!" „Und woher, lieber Kling — woher wollen Sie das so genau wissen? Dem Kommissar stockte sekundenlang der Atem. Er starrte Morris wie einen Verrückten an. „Woher ich das weiß ...?! Weil ..." Er mußte sich selbst erst mühsam in dem Chaos seiner Erinnerungen zurechtfinden. „Weil auch nicht das geringste für einen gewaltsamen Tod dieses Mannes spricht. Und weil —i er schleuderte den letzten Satz dem Arzt wie einen Trumpf über den Tisch — weil Grau an jenem kritischen Tage ja erwiesenermaßen zu glauben Sie, wußte er, daß sich Casus Fuchs am 19. November zwischen funf und sieben Uhr in dieser Wohnung aufgehalten und sein Bild verpackt hat ...? Und woher sollte er die Adresse gewußt haben?! Die genaue Adresse, die auf der Kiste stand? Die Ihnen selbst als Schlussel zu diesem ganzen, rätselhaften Fall gedient hat ...! Denn ohne diese Adresse wären Sie wohl schwerlich nach Werdenburg geraten. Und hatten vielleicht die „Dame mit dem Otterpelz" niemals zu Gesicht bekommen. Meinen Sie nicht auch? Oder wollen Sie alle diese Dinge auch — Zufall nennen ...? Kommissar Kling saß wie betäubt in seinem Sessel. , Ich weiß nicht", sagte er endlich. „Ich kann Ihnen batyn nicht folgen, Doktor. Ich wurzle zu tief in der Wirklichkeit, oder, wenn Sie wollen — in dem, was wir vorläufig noch unter Wirklichkeit verstehen. Aber es interessiert mich immerhin, diesen Fall einmal in Ihrer Beleuchtung zu efjen. Denn ich muß zugeben, daß er mir — mit normalen Augen betrautet — auf ewige Zeiten ein Rätsel bleiben wird!" „Aber vielleicht ist das Rätsel gar nicht so unlösbar, wenn man nur von einer anderen Voraussetzung ausgeht. Nämlich von der — daß Grau kein — in unserem Sinne — normaler Typ ist. Sondern ein hypersenüb- ler, wenn nicht sogar medial veranlagter Mensch, der im Wachtraum — ober wie Sie es nennen wollen — bie-ses rein spirituelle Erlebnis reali- unerheblich bürste habet seine erbliche Belastung ins Gewicht fallen. Wie wir ja wissen, war bie Mutter „Epileptikerin, jawohl! Litt an zeitweisen Dämmerzustänben. In spateren Jahren traten noch manische Depressionen hinzu, bie ihre Internierung notwendig machten ... Aber soweit ich als Laie unterrichtet bin, finb bas alles ganz bekannte unb ber Mebizin geläufige Krankheitserscheinungen, bie nichts mit Uebernatürlichem zu tun haben." Morris nickte ernst. „Gewiß nicht. Aber auch anbere Symptome, bie man bei biefer Frau beobachtet hat, werben heute von ber Wissenschaft bebingungsweise anerkannt." „Was für Symptome meinen Sie?!" „Nun biefer ungewöhnliche Fall hat mich natürlich stark beschäftigt. Unb ba habe ich mir beim auf eigene Faust bie Familie Grau em biß- chen näher angesehen, soweit sich eben bie Genealogie zuriickversolgen ließ. Unb ich bin zu sehr interessanten unb bemerkenswerten Ergebnissen gelangt — namentlich was bie mütterliche Linie betrifft. Es untersteht keinem Zweifel, baß sich in biefer Familie gewisse mebiale Fähigkeiten vererbt haben. Schon bie Großmutter ber Frau Grau, bie Frau eines Leinewebers in Annaberg, hat in ihrem Heimatort ben Ruf einer Hellseherin genossen. Die alten Leute von Annaberg erinnern sich ihrer noch unb wissen manches Wunberbare von ihrer Begabung zu erzählen ..." „Altweibergeschwätz!" warf Kommissar Kling verächtlich bazwischen. Aber Morris lieh sich nicht aus bem Gleise bringen. „Mag sein", fuhr er ohne Gekränktsein fort, „man muß natürlich von berartigen Ueberlieferungen immer ein gut Teil abziehen. Aber auch bas Körnchen Wahrheit, bas davon bleibt, reicht für meine Diagnose vollkommen aus. Jedenfalls bin ich mir, nach sorgfältigster Sichtung des gesammelten Materials darüber durchaus im klaren, daß unser guter Grau, ebenso wie seine Mutter, von der somnambulen Veranlagung seiner Vorfahren fein Teil abbekommen hat. Gehen wir nun von der Voraussetzung aus, daß diese „Gräfin" für ihn eine lebendige Person gewesen ist — infolge der Suggestion, der er unterlag — dann bedeutet es auch weiter kein Wunder mehr, daß seine Einbildung das Schicksal des Bildes mit bem Schicksal ber Person — biefer bis zur Besessenheit geliebten Frau, identifiziert hat ... Unb wenn wir bie «ache von biefem Gesichtspunkt ausgehenb betrachten, — bann, lieber Kling, werben Sie mir zugeben müssen, baß bas ganze sogar ein burch- aus logisches Gesamtdilb barstellt." „Logisch — wieso?" Nun, sehr einfach! Er empfing, währenb er bie vermeintliche „Gräfin" malte, auf mebialem Weg die Inspiration, daß dieser „Frau" von Fuchs Gefahr drohte. Daß er irgendeinen Schurkenstreich mit ihr vorhatte. Er wußte, daß Fuchs sie bei sich „versteckt" hielt. Daß sie in bem großen „Schrank eingesperrt" war. Unb er hat wie ein Rutengänger ihr Bersteck aussinbig gemacht! Gibt Ihnen bas alles nicht ein wenig zu benken, Herr Kommissar?" Der Kommissar starrte mit gesenktem Kopf auf seine Stiefelspitzen. Das Blut hämmerte wie verrückt in feinen Ohren. Er fühlte einen Druck in ben Schläfen, als sollten sie zerspringen. Gepreßt sagte er: „Vielleicht — ja!" Er hatte ein Gefühl, als ob ber Boben unter ihm fortgezogen würde. Und — im Versinken schon klammerte er sich an einen rettenden Einfall. „Aber der Mord ...? Wie wollen. Sie den erklären? Denn den kann er doch nicht begangen haben. Nicht wahr?!" „Warum nicht ...? Glauben Sie nicht, daß ein derartig fanatischer Haß, wie ihn Grau gegen diesen Fuchs empfand ... Glauben Sie nicht, daß ein solches Gefühl auch — töten kann? Wenn auch nur — auf indirektem Wege ...! Er stand plötzlich aus und ging ein paar mal erregt durchs Zimmer. Dann blieb er vor Kling stehen und streckte ihm die Hand hin. „Kommissar Kling, ich denke, es ist besser, wir lassen dieses Thema fallen. Sonst kriegen wir einander noch in die Haare. Und — bas wäre schabe!" Der Kriminalbeamte legte zögernb seine Rechte in bie bargebotene Hanb. Ein wenig beschämt jagte er: „Das nicht, Doktor! Aber Sie werben hoch begreifen, baß unsere ganze Kriminalistik ins Wanken geraten würde, wenn wir solche Ideen auskommen ließen ... Und wo blieb unsere Gerechtigkeit, wenn sie sich mit abstrakten Dingen befassen wollte!" „Im Gegenteil! Ich bin sogar der Meinung, daß es unserer „Gerechtigkeit" besser bekäme, wenn sie zuweilen weniger — konkret wäre .. ! Aber bas ist nur meine ganz private Meinung. Dienstlich —" Doktor Morris lächelte wieher sein warmes unb geminnenbes Lächeln — „bienst- lich, Kommissar Kling, würbe ich mich hüten, sie auszusprechen." Hause in seinem Bett lag unb Überhaupt nicht in Berlin gewesen ist!! Er sah Dr. Morris herausforbernb ....... tischen Blick mit vollkommener Gelassenheit aus. Entschiebenheit, bie Kling fast erschrocken aufsehen ließ. „Ich halte es für burchaus bent'bor, daß Donath Grau „erwiesener-