Jahrgang (955 Montag, Öen 15. November Nummer 88 GieheimZamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Guleika. Von Marianne von Willemer. Was bedeutet die Bewegung? Bringt der Ost mir frohe Kunde? Seiner Schwingen frische Regung Kühlt des Herzens tiefe Wunde. Kosend spielt er mit dem Staube, Jagt ihn auf in leichten Wölkchen, Treibt zur sichern Nebenlaube Der Insekten frohes Völkchen. Lindert sanft der Sonne Glühen Kühlt auch mir die heißen Wangen, Küßt die Neben noch im Fliehen, Die auf Feld und Hügel prangen. Und mir bringt sein leises Flüstern Bon dem Freunde tausend Grüße,- Eh noch diese Hügel düster«, Grüßen mich wohl tausend Küsse. Und so kannst du weiterziehen! Diene Freunden und Betrübten. Dort, wo hohe Mauern glühen, Find ich bald den Vielgeliebten. Ach, die wahre Herzenskunde, Liebeshauch, erfrischtes Leben Wird mir nur aus seinem Munde, Kann mir nur sein Atem geben. Erste Liebe. Von Robert Braun. An einem milden Winterabend führte mich der Zufall in den Teil unserer Stadt, der der Aufenthalt meiner j^nöheit war. Ich kam in die Gasse, wo das ansehnliche Zinshaus steht, in dessen oberstem Stock wir gewohnt hatten. Obgleich ich während der langen Jahre unseres Auszugs schon mehrmals hier vorbeiging, hatte mich nie ein so starkes Verlangen erfaßt, wieder einzutreten, diesmal aber tat ich es fast willenlos,- ich drückte die Klinke des kleinen Bürgcrtors nieder, das von selbst ins Schloß fiel, und befand mich im Flur. Ganz selbstverständlich, als ob ich hier beschäftigt wäre, bog ich links zur „ersten Stiege" ein, ging vom Auge des Hauswarts betrachtet, durch den langen Veranda- gang, vor dessen Fenstern der Hof liegt, und, den Schritt verlangsamend, den ersten Stock hinaus — seit vielleicht zwei Jahrzehnten wieder am alten Orte der Kindheit. Zwar schien dem Stiegenhaus die Seele entwichen, doch bald erkannte ich Vertrautes. Immer noch bekleideten in abgeblaßten Resten die Phantasie-Marguertten die Wände, immer noch folgte das zu redlichen Ranken gebogene Eisengeländer dem Anstieg der Treppe, die in je drei Absätzen — zivei längeren und einem kurzen die Stockiverke erklimmt. Nun stand ich im ersten, dem für inich bedeutsamsten. Hier hatten einst die Besitzer gewohnt, zwei verschwisterte Damen, von denen die ältere in weitläufigen Zimmern allein >u leben schien, die andere gegenüber und mit größerer Familie. Zwischen den Türen, die ein roter Lauftcppich — der einzige im ganzen Hause — verband, gab es oft lebhaften Verkehr. Wenn ich von unserem vierten Stock hcrabkam, konnte ich unten Schlüssel klingeln hören und sah vom Geländer aus einen Angehörigen der Familie oder jemanden vom Gesinde iiber den Teppich gehen. Das märe freilich für den elfjährigen Knaben, der ich damals war, nicht denkwürdig geworden, wenn nicht eine Person allem besonderen Inhalt verliehen hätte: die jüngste von den drei Nichten der kinderlosen weißhaarigen Hausfrau. Es ivar an einem Wintertag gewesen, als sie mir zum ersten Mal ausfiel. Meine Erinnerung zeigt mich mir als Volksschüler mit bebänderter Matrosenkappe und kurzem Wintcrrock, den zwei Reihen messingner Knöpfe zieren. Dunkel weiß ich, daß wir uns zweimal innerhalb weniger Stunden begegneten. Das erste Mal beim Ausgehen durch das Haustor, wo mich ihre blauen Augen anblickten, und das zweite Mal bei der Rückkehr von der Straße, über der ein leiser Schneeflockenfall schwebte, wieder beim Haustor, wo sich ihr ernstes Anschaun so eindringlich wiederholte, daß ich bis tief ins Herz erschrak. Damit war mir für Jahre der Keim einer schweren ratlosen Liebe eingepflanzt. Es gab kein Betreten des Stiegenhauses mehr, ohne die ängstliche Erwartung, sie wtederzusehen, die mir durch Zufall oder die unbekannten Bedingungen ihres offenbar strengen Schülerinnendaseins verborgen blieb, bis nach Wochen unerwartet eine neue Begegnung erfolgte. Manchmal erreichte ich sie früh morgens beim Haustor. Ihre braunen Zöpfe fielen über die Schultasche, die nicht wie die meine, eine bloßes Lederkästchen war, sondern schon eine Mappe, mit Riemen verschließbar und für höhere Töchter bestimmt. Am schönsten war's, wenn wir uns auf einer gleichgültigen Straße entgegenkamen. Schon von ferne war mir der Blick ihres beinahe trotzigen, deutschen Jungmädchen-Antlitzes zugewendet, diese starken Äugen, die der Ernst der Lider zur Hälfte verdeckte. Die Seligkeit über dieses schweigende Einverständnis machte meine Beine schwankend. Ich erfuhr zum ersten Mal die Urfreuden der Liebe: die überraschende Entdeckung, daß man auf dieser Erde nicht allein ist, daß einem jemand sein Wesen schenkt, wenn auch nur durch die Sprache des Blickes. Neben der Türe der Hausfrau brannte ein Wandarm mit flackerndem schwachen Licht, an dem wohl ein Leitungsfehler sein mußte. Wenn ich an dunklen Wintertagen von der Nachmittagsschule heimkam, hörke ich schon im Flur das Kochen der Flamme und roch den erregenden Geruch ausströmenden Gases. Jeden Augenblick konnte ich wieder das Schlüsselgeräusch vernehmen und jemanden von den Bewohnern des ersten Stockes den Gang überqueren sehen: wenn nicht die Geliebte selbst, so die aschblonde Haushälterin oder den gleichaltrigen Bruder, dessen Gesicht dem ihrigen glich und der mit der selbstverständlichen Eleganz reicher Söhne aufirat Es konnten auch ihre steifen älteren Schwestern kommen oder die strenge Hausherrin selbst Lange dauerte der Sommer der beiden Familien, den sie, wie eS hieß, auf ihrem Gut verbrachten Noch vor Schul-Ende waren ihre Fenster mit Papier vermacht, das herabgelassene grüne Ja- lusien vortäuschte. Und als eines Tages die Flügel wieder offen standen, war es tief im Herbst, und ich besaß schon Bücher und Hefte für das neue Schuljahr, die angenehm rochen. Von der Gasse aus begrüßte ich geheim die ersehnte Ankunft. Ich sah wieder in das braun getäfelte Zimmer, bas immer am meisten erleuchtet war. Aber ich wußte: sie. die dem Ganzen Bedeutung gab, fehlte noch: die Wohnung wurde gesäubert, bevor die Herrschaft einzog. Erst eine neue Begegnung mit ihr, die durch unbekannte Sommerfreuöen kräftiger und so gebräunt geworden war. daß die Blaue ihrer Augen tiefer erschien, gab mir die wohlige Gewißheit einer neuen Hausgemeinschaft während der zukünftigen Wintermonate. Im Frühling bekam ich sie öfter zu Gesicht. Dann lehnte sie manchmal zwischen den zurückgezogenen roten Damastportieren des offenen Fensters und atmete milde Luft ein, ober ich sah sie von der Hofseite aus über den Parkettboden ihres Zimmers gehen. Manchmal auch übten Bruder und Schwester auf Fahrrädern im Hofe elegante Schwünge und Kehren, was freilich zu meiner Vorstellung von ihrem Ernst nicht stimmte. Einmal bewarfen sie sich sogar mit Rollen aus Pappe zwischen Hof und Fenster ganz öffentlich. Der Versuch, eine wirkliche Entscheidung herbeizuführen, .indem ich ihr einen Liebesbrief sandte, schlug fehl. Ich weiß nicht, welche Beteuerungen ich mit meiner angestrengten Knabenfeder verfaßte, sondern nur das eine, daß ich mir die Antwort an ein nahegelegenes Postamt erbat. Wie oft fragte ich dort hochklopfenden Herzens an, erwartend, der Beamte würde ein für mich bestimmtes Schreiben durch den Schalter reichen, worin sie mir ihre Neigung gestand und ein Stelldichein gewährte, aber ich ging immer leer fort. Ich vermutete, daß die Familie meinen Brief abgefangen und ihr vorenthalten hätte. Keine Liebe entgeht dem Tag des großen zerstörenden Schmerzes, und so mußte auch ich daran glauben, ich, der diesem Mädchen nach zwei Jahren eigentlich ebenso fremd geblieben war wie den tausenden anderen meiner Stadt, ... da ich sie nicht einmal grüßte. Aber wie hätte ich nicht tief erschrecken sollen, als ich sie eines Spätnachmittags im Frühling — ich kam gerade aus dem Sorfftt — mit einem lungen Mann vor dem Haustor stehen sah, der mit allen Zeichen männlicher Sicherheit mit ihr scherzte? Das war entscheidend für mich, sie ganz verloren zu geben, mich aber zurückgestoben in die alte Einsamkeit zu finden, die in ihrer Schwere nur diesem Alter begreiflich ist. In einem Anfall ersten tiefen Liebeskummers lief ich die Stufen hinaus, flüchtete in mein Zimmer und vergrub den Kopf im ltzett. Ich übte voreilig Rache, indem ich bei der nächsten Begegnung wegsah und beim Hinuntergehen über die Stufen vor mich hinpfiff. Aber ihr folgendes Verhalten konnte mich doch belehren, daß ich falsch geschlossen hatte. Ihr Blick blieb mir immer gleich zugewandt und hatte nichts von seinem beglückenden Ernst verloren. Und einmal nachts vor dem Schlafengehen ließ ein Ereignis wieder alle alte Sehnsucht wach werden: als ich wie immer meine gewohnte Ausschau über die untersten Hoffenster hielt, deren Scheiben sonst nachtspiegelnd und mit strenger Verschlossenheit diese unerreichbaren Zimmer fernhielt, — da lag ihr Kopf, dunkel gegen einen lampenhellen Hintergrund auf dem Bord, das Gesicht nach oben: sie schaute in den Himmel, darin Sterne standen. Aber sogleich verschwand sie, ich hatte sie wohl verscheucht. Wir zogen bald aus, und so rückte die Zeit das Haus der Kindheit bald in Vergessenheit. Es verging gut ein Jahrzehnt, bis ich unerwartet wieder von seinen Menschen erfuhr. Eine Geschäftsfrau des Stadtteils, die mich wiedererkannte, gab mir darüber Auskunft: die Hausherrnfamilie hätte es lange verlassen, der Bruder, der schöne elegante Junge, sei im Kriege gefallen. Sie selbst aber habe lungenkrank in einem Sanatorium gelegen, und man fürchte noch für ihr Leben. Magie des Herbstes. Bon Dr. Johannes Günther. Der Landschaftsdichter langweilt uns, wenn er nicht die Seele der Landschaft mit seiner vermählt hat und uns das Ereignis dieses Einswerdens in seiner gehobenen Sprache ausdrücken kann. Von der Herbstlandschaft dichten heißt selbst ein Magier sein — wie das Herbstlied der Natur, das müde, verhalten leidenschaftliche, verwesend und doch würzig duftende, neblige und doch durchsonnte, tausendfarbige Herbstbild magisch ist. Pilzduft am Weg und fruchtbar Regendunst, Der vor Gewitterschauern, Herbstgewittern Schwer aus dem Btrkenlaub zur Erde sinkt, Von dürren Aesten, von den weißen Gittern Der Stämme müd gehalten. Stare ziehn Wie ferne Böen über's Land, Und wo die Sonne noch durch Wolken rinnt, Ist es wie einer Stunde müd gemessner Sand. So dichtet Hans Friedrich B l u n ck. In zwei Sätzen fügt er die Worte karg hinzu: in seiner norddeutschen Art: zögernd gibt er diesen Worten lyrische Hebungen. Keusch, tief-echt klingt innerlichste Teilnahme an. In der nötigen meisterlichen Kürze entsteht ein Bild, im wahren Sinne des Wortes „gedichtet". Gewiß, Herbst ist Scheiden, Sterben. Diese Erkenntnis beugt uns. Es mag sein, daß der Dichter diese Stimmung schon in sich trägt und nun in der Herbst-Natur sein Abbild sucht. Ich denke an jenen Aufschrei der Melancholie, den Johann Christian Günther im November 1715 mit einem schier über seine Kraft gehenden Versuch in den Worten bändigte: Was leid' ich nicht um dich, Du mir in's Herz geprägtes Bild! Die Sehnsucht jaget mich, So wie ein schüchtern Wild. Mein Schlaf ist nur ein Qualm, Mein Lied ein Klagepsalm, Die Angst der bangen Einsamkeit Begräbt mich vor der Zeit, Weil ich den Kuß Entbehren muß, Der so viel Lust verspricht: Doch hoff' ich, alles auszustehn. Verlaß' nur du mich nicht! oder — im Gegensatz dazu — den männlich ins Herz zurückge- preßten Drang der Empfindsamkeit in Liliencrons kleiner lyrischer Skizze „Aus der Kinderzeit": Der Mann entdeckt beim Aufräumen einen Kinderbrief, in welchem der kleine Briefschreiber, innerlich kaum beteiligt, an einer Stelle berichtet: „Die Bäume sind nun kahl". Die Bäume sind nun kahl — das herbe Wort Ließ mich die Briefe still zusammenlegen, Gab Hut und Handschuh mir und Rock und Stock Und drängte mich hinaus in meine Heide. Hier, die weite All-Einsamkeit wird die rechte Stätte für ihn sein. Die Herbsteinsamkeit der Heide. Aber besiegt ist die Melancholie nicht. Die Melancholie kann jedoch abgewandt werden, die traurige Stimmung, die der Herbst hervorrnft, kann in ein Lächeln, in eine Resignation, ja, darüber hinaus, in eine, tief im Seeleninncrn, siegreiche Heiterkeit aufgelöst werden, wenn der beschaulich Lebende und Erlebende sich über das Sonnen- und Glücks-Restchen, das der Herbst vergönnt, zu freuen weiß und damit — denn auch in diesem Fall ist der Herbst ja Abbild, Sinnbild — zu schlichtem, schönem Gleichmaß. Ich denke da an die zarte Herbstfeier, die Johann Heinrich Voß angesichts der lieblichen Umgebung EutinS beging und festhielt in seinen Versen „Herbstsang". Das ist freilich etwas bedächtig-lehrhaft: „Oh geh am sanften Scheidetage Des Jahrs zu guterletzt hinaus Und nenn ihn Sommertag---* und gar: „Ein weiser Mann, ihr Lieben, haschet Die Freuden im Vorüberfliehn .. Am sichersten aber wird der gesunden, der sich dem Licht und dem Farbensegen des Herbstes hingibt. Karl Nötiger schreibt schon als Zweiunddreißigjähriger „Ich soll mein Herz nun lösen Von allem blinden und bösen Wollen, Wünschen und Wahn, Von allem schmerzlichen Weinen, Von allem verworrenen Kleinen, Von allem, was mir weh getan. Im Herbstlicht muß ich stehen Und in das Leuchten sehen. Herz, trink dich sonnensatt. — Immerhin galt es, eine Melancholie, die der Herbst mit sich bringen soll, zu überwinden. Es gibt aber auch eine Philosophie oder, besser gesagt, eine denkerisch, fast religiös, ausgewcrtete Naturanschauung, die eine Melancholie von vornherein gar nicht kennt: die vielmehr im Herbst-Vorgang etwas Frohes, Sieghaftes sieht. „Alle Blüten müssen vergehn, daß Früchte beglücken" sagt Goethe in der Sammlung von Weisheitssprüchen, die er in dem Buche „Vier Jahreszeiten" gerade dem Herbste zuschreibt. Nur aus einem Untergang kann Auferstehen, kann Leben kommen. Nur aus dem Opfer kommt der Sieg. Unter den Eichen formt der junge Theodor Körner den schon sehr reifen Gedanken: Und wenn herbstlich eure Blätter fallen, Tot auch sind sie euch ein köstlich Guti Denn, verwesend, werden eure Kinder Eurer nächsten Frühlingspracht Begründer. Die Blätter sterben ab, sinken zu Boden, aber sie düngen das Erdreich, auf daß neues Wachstum aus ihm aufsteigen kann. Ihr Sterben, ihr Fall ist notwendig. Sie sterben ja eigentlich nicht. Hier wandelt eine Kraft nur ihre Form. Herbst ist Wandlung. Wandlung ist Leben. Leben ist Grund zur Freude. Anton W i l d - gans schrieb ein eigenartiges Gedicht: „Genius des Herbstes": der Herbst ist der Arzt am Bette einer Gebärenden. Die Mutter stirbt. Der Arzt ist sorgend um sie ... Dann wendet er sich ab von all dem Sterben Und weiht dem jungen Leben sein Erbarmen, Und aus der Mutter toterstarrten Armen Hebt er das Kind, den Frühling, ihren Erben! Dionysos, der Herbstgott, ist also der Leidende und der Frohlockende zugleich. Seine Gabe, der Wein, ist Sorgenbrecher und Erkenntnissteigerer zugleich. In Hölderlins „Herbstfeier" schwingt so — hellenisch-germanisch — Lust und Ernst. Wir sehen das in Klopstocks Gesang „Rheinwein" noch zu empfindsamer Glut gesteigert und im „Rheinweinlieb" des Matthias Claudius treuherzig verfestigt: Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben. Gesegnet sei der Rhein! Da wachsen sie am Ufer hin und geben Uns diesen Labewein. So trinkt ihn denn und laßt uns allewege Uns frcun und fröhlich sein! Und wüßten wir, wo jemand traurig läge, Wir gäben ihm den Wein. Unausgesprochen tönt diese Gewißheit, daß der Herbst Leben sei, ja vielleicht die spürbar lebendigste der Jahreszeiten, in den Poesien mit, die von ihres Dichters Trotz künden. Dehme l geht am Herbsttage hinaus und findet in der Kiefer, die dort mit dem Sturm kämpft, einen gleichgesinnten Bruder, und er macht sich über die kränkelnden Stubenhocker lustig. So gehören seine Gedichte ,Die Harfe" und „Novemberfahrt" zusammen — das erste ist enthusiastisch, das zweite sarkastisch. Aber es gibt gewiß Dichter, die ihren Trieb, hinausziehen zu muffen in den Herbst, feiner und stiller und inniger begründen. Sie werden getroffen von der Magie des Herbstes, der sie sich unbedingt ans einige Zeit, auf starke Schaffenszeit, hingeben müssen. Sie müssen teilnehmen an diesem großen „Stirb und Werde" in der Natur. Andere Menschen würde dies Erlebnis niederwerfen. Sie werden darum nicht verachtet. Es können liebste Menschen sein. Sie sollen zurtickbleiben und die Schaffenden getrost ziehen lassen. Hermann Stehr dichtet: Du, meine Frau, laß schreiten Alleine mich durch's Feld, Dies leise Hinübergleiten Beschattet dir die Welt. Mir ist das Schwinden Bringen Und jede Fluchtgestalt Ein herrliches Gelingen Lebendiger Allgewalt. Deutsche Bauern-Schicksale. Vo« der germanische« Siedlung zum neue« freie« Bauernstand. Von Dr. Wilhelm Gemperle. Blicken wir aus die Entwicklung des nationalen Geschehens seit Beginn dieses Jahres zurück, so sehen wir ein allmähliges Hervortreten der Landwirtschaft und des Bauernstandes aus dem Hintergrund, in dem beide lange Jahre ihr Dasein gefristet haben, in der sozialen Geltung empfindlich geschwächt und immer von den Wehen unserer kapitalistischen Wirtschaft bedroht. Die Wandlung, die in der kurzen Reihe von Monaten vor sich gegangen ist, hat sachlich in dem großen Gesetzgebungswerk besonders vom 13., 15. und 29. September ihren Ausdruck gefunden und mit dem machtvollen Erntedankfest, das zu einer Vertrauens- und Hilfekundgebung des deutschen Volkes für seinen Bauernstand geworden ist, feierliche Bestätigung erfahren. Damit wird ein schicksalsvolles und unruhiges Stück deutscher Bauerngeschichte abgeschlossen. Der Neubeginn und Wiederaufbau gewährt Ausblick in eine schönere Zukunft, in der der deutsche Bauer wieder seiner eigentlichen Bestimmung, die Kraftquellen des deutschen Volkes zu speisen und rein zu halten, froh werden kann. Mit dem Aufbau des Reichsnährstandes, der Abhüngung der Landwirtschaft vom allgemeinen freien Markt durch die Maßnahmen zur Markt- und Preisregelung für landwirtschaftliche Erzeugnisse, mit der landwirtschaftlichen Schuldenregelung und mit dem Reichs-Erbhofgesetz hat die Regierung an alte Ueberlieferungen des deutschen Bauerntums angeknttpft, die durch den Hochkapitalismus und durch die liberale Wirtschaftsepoche unterbrochen worden war. Die alten Germanen hatten von jeher eine tiefe religiös begründete Beziehung zum Boden, von dem sie dankbar Nahrung, Wohnung und Kleidung empfingen. Das Gefühl der Verbundenheit mit der Scholle ist mit dem Zurückweichen gemeinwirtschaftlicher Formen, die sich noch lange in der gemeinsamen Nutzung an Weibe, Wald und Wasser erhalten haben, und mit der Ausbreitung von Einzelbesitz und Sondernutzung, also mit der stärkeren Betonung des Privateigentums, nur noch kräftiger geworden. Auch die unter dem Feudalismus allmählich sich herausbildende und durch das ganze Mittelalter sich fortsetzende Aufspaltung in Adlige und Unfreie, die neue Herrschafts- und Dienstverhältnisse begründete, hat dieses enge Verhältnis zur heimischen Erde solange nicht zerstören können, als der Herr nicht nur die Spanndienste und Abgaben seiner Hörigen annahm, sondern zugleich auch für ihren Schutz sorgte. Solange hielt auch die gütige Mutter Erde beide, Herrn und Knecht, in der Gemeinschaft der Verpflichtung gegenüber der Scholle umfangen und ließ daneben einen Stand freier Klein- und Mittelbauern, der sich in Friesland und Dithmarschen bis auf unsere Tage gehalten hat, stolz und fruchtbar gedeihen. Erst die Ausbreitung der Geldwirtschaft und das Vordringen des dem Deutschen wesensfremden römischen Rechts haben den Anstoß zur Auflösung jahrbundertealter Bindungen zwischen Mensch und Scholle und zur Erschütterung des Bauernstandes gegeben. Die nüchterne, gleichmachende Tendenz des Römischen Rechts, die den Boden wie eine Ware behandelte und dem freien Verkehr überantwortete, führte zu Verschuldung und schließlich in vielen Fällen zum erfolglosen Existenzkampf des freien Bauern. Die freie Teilbarkeit, die Pfändbarkeit von Hof und Boden, die dem Bauernstand auf den ersten Blick große Vorteile, Beweglichkeit und Selbständigkeit zu gewähren schienen, brachten ihn in Abhängigkeit mächtiger Gutsbesitzer, von geistlichen und weltlichen Herren, die, nachdem alle gesetzlichen Schranken gefallen waren, ihren Besitzstand auf Kosten der Bauernhufcn zu erweitern trachteten. Die Epoche des „Bauernlegens" setzte ein. Hier ist der Beginn der Entwicklung, die dann später im neunzehnten Jahrhundert mit ganz anderen weltanschaulichen Vorzeichen unter der Herrschaft des Wirtschaftsliberalismus fortgesetzt wurde. Wollte man die Eigentumsverhältnisse in der Landwirtschaft in den vergangenen Jahrhunderten auf einer farbigen Landkarte darstellen, so ergäbe das ein weitaus buntscheckigeres Gebilde, als die schon so mannigfaltige politische Gliederung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Am weitesten ging die Zersplitterung von Grund und Boden im Siidwesten Deutschlands, wo häufig mit jeder Erbfolge eine Neuaufteilung der landwirtschaftlichen Nutzfläche vorgenommen wurde, bis das einzelne Anwesen kaum noch den notdürftigen Lebensunterhalt einer kleinen Familie deckte. Große Ströme wertvollsten Bauernnachmuchses flössen aus der Heimat in fremde Länder. Die Nachkommen schwäbischer Bauerngeschlechter finden wir noch heute in aller Welt. Ihn große Teile des westlichen Deutschlands stand es ähnlich. Die iveiten Gebiete östlich der Elbe bewahrten sich auch in der Besied- lunqsweise bas koloniale Gepräge, sie wurden der Sitz der großen fsintsherrfchasten, hatten aber Mangel an bodenständiger Bauern- 'chaft, die das Reich später so dringend als Wall gegen die Aus- 'tebnungsgelüste der Polen brauchte. Im nordwestlichen Deutschland hingegen blieb bis heute der selbständige Bauernhof als Träger selbstbewußter Geschlechter, die sich durch ihr Erbrecht gegen Auflösung und Zersplitterung zu schützen wußten, die Regel. Die Adligen und Eigentümer der großen Güter belaßen in der Einrichtung des Majorats, das die ungeteilte Erbfolge des Bodens scherte, einen wirkungsvollen Damm gegen den Ansturm der 'tcitPit Geldmächte. _ _ ,. Der Staat hat dieses Recht bis in das 29. Jahrhundert hinein immer wieder bestätigt, um die Kraftquelle seines Offiziers- und Jeamtennachwuchses nicht versiegen zu lassen. Aber auch gegen das Janernlegen wendeten sich im 18. Jghrbundert bereits ecnnchtige , Herrscher in erster Linie aus Gründen der Volksgesundheit und ies militärischen Nachwuchses, der doch hauptsächlich aus den Kreisen der Bauernschaft stammte. Friedrich Wilhelm I. und Friedrltz «er Große waren die ersten preußischen Monarchen, die Verbote gegen das Bauernlegen erließen, damit den Einziehungsgelüsten geldbedürftiger Adliger einen Riegel vorschoben und die bevölkerungspolitischen und wehrpolitischen Grundsätze verwirklichten, die jetzt wieder zu Ehren kommen. . Die Stein-Hardenbergschen Reformen zu Anfang des 19. Jahrhunderts, besonders das Oktobcredikt von 1807 und ^?L^?guiikrungsedikt von 1811 sollten ganz im Sinne dieser preußischen Ucberliefcrung nicht nur die Aufsaugung eines freien Bauernstandes verhindern; sie wollten darüber hinaus sogar die «der kurzem in Hörigkeit geratenen Bauern durch ein Ablosungssystem von den auf ihnen lastenden Fronden und Abgaben befreien, um in Zeiten der tiefsten nationalen Erniedrigung ein für den preußischen Staat begeisterungsfähiges Volk gleichberechtigter Staatsbürger zu schaffen, die Kampftruppe der Be- frciungskriege. Es war die Tragik dieses mit so viel vaterländischem Schwung in Angriff genommenen Werkes, daß es in halben Maßnahmen stecken blieb, daß nur die eine Seite der Agrarfrage gelöst wurde, die Befreiung der Bauern aus den sie umgebenden gutsherrschaftlichen Klammern, daß ihnen aber nicht der Platz im Rahmen eines gesicherten Bauernstandes angewiesen wurde. So wurde ihnen zwar die juristische Freiheit geschenkt, zugleich aber wurden sie, überbürdet mit den Lasten der Ablösungsschulden, den Schwankungen und Erschütterungen des freien Marktes ausgesetzt, so daß sie letzten Endes eine neue, den Bauernstand demoralisierende Abhängigkeit etngetanscht hatten, die ein bäuerliches Proletariat entstehen ließ und wertvolle Kräfte an die rasch anwachsenden Industriestädte auslieferte. Wenn man den unsanft aus seinen Freiheitsträumen erwachten Bauern seinem Schicksal überließ, so entsprach das durchaus dem Fortschrittsglauben des Wirtschaftsliberalismus und seinem Vertrauen in den harmonischen Zusammenhang der Einzelinter- eßen. Die Wirklichkeit aber sah anders aus. Die Landwirtschaft wurde nach den Perioden der Blüte in die Wirtschaftskrisen hin- eingeriffen, von Spekulationen und Konjunkturschwankungen hin- und hergeworfen, mit denen sich der Bauer wie jeder andere Produzent abfinden mußte. Der Bauernschutz verkümmerte. Erst Bismarck hat im Jahre 1879 mit seiner Vündniskündignng an die Nationalliberalen und mit seiner Begründung der Zollpolitik zum Schutze der nationalen Arbeit, die der Landwirtschaft Agrarzölle brachte, auf die Lebenswichtigkeit des Bauernstandes hingewiesen und auch immer wieder betont, daß der Bauer eine besondere Stellung im Volksganzen einnimmt, die über seine wirtschaftliche Aufgabe weit hinausgeht. Die Erkenntnis, daß die Landwirtschaft mit den Maßstäben der Rentabilität allein nicht gemessen werden dürfe, begann sich wieder Bahn zu brechen. Der Kampf gegen die Polonisierung des deutschen Ostens, die drohende Gefahr der Entvölkerung der Grenzmarken beleuchtete grell die Notwendigkeit eines kräftigen Bauernschutzes. „Der Bauer ist kein Unternehmer im landläufigen Sinne." Dieser Ausspruch des Reichsernährungsministers Darre und die Worte des Reichskanzlers bei der Aussprache über das Reichserbhofgesetz, daß „eine große Anzahl lebensfähiger kleiner und mittlerer Bauern möglichst gleichmäßig über das ganze Land verteilt, die beste Gewähr für die Gesunderhaltung von Volk und Staat bietet", zeigen den Weg, den die nationale Revolution dem deutschen Bauern eröffnet hat, und verkünden die Hoffnungen, die das deutsche Volk auf seinen Bauernstand setzt. wiesele. Die Geschichte eines kleine« Pferdes. Von Nikolaus Schwarzkopf. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Es gibt außer körperlicher Arbeit und außer der hohen Wissenschaft noch andere Dinge in der Welt, mit denen man die Menschen beglücken, mit denen man schließlich auch sein Brot verdienen kann." „Soll er etwa das lebendige Spielzeug werden verwöhnter Kinder? Soll er Schlachten schlagen helfen auf den umhegten Spielplätzen? Soll er den Kopf senken vor den Herrschaften dieser Erde, wie wenn er ein Sklave wäre gleich den meisten unserer Mitmenschen?" „Die Freiheit, Herr, steckt ihm zu sehr im Blut, als daß er sich hierzu eigne! Er soll, in Freiheit dressiert, ein großer Künstler werden." „Ich seh' mein Gäulchen, meiner Treu, schon auf dem Hochseil tanzen! Nein, wollten Sie gar einen Künstler aus ihm machen, gäb ich Riesele erst recht nicht her. Auch in meinem Haus wird mehr gelacht als geweint." Riesele schritt indes züchtig einher, da die Schmicke der Peitsche über seinen Ohren drohte und nicht verschwinden wollte! Am Bahnhof stieg der Fremde aus, nahm Nieseles Köpfchen zwischen die Hände und sagte zu ihm: „Wir sehen uns wieder" und zum Bauern sagte er: „Ich komme nach drei Wochen wieder und werde dann das Riesele abholen! Und wie gesagt: Sie sollen keinen Schaden haben bei der Sache!" Als der Vater zu Hause erzählte, was ihm begegnet war, öffneten sich die drei kleinen Mäulchen und schlossen sich schier nicht mehr an diesem Abend. Der Vater hatte beim Militär allerhand Stückchen gesehen: der Rittmeister war ein Pferdenarr gewesen der neunzehn Reitpferde besaß und sie dressieren konnte. aten!" Surfte es aus dem Stalle laufen, es durfte die großen Gäule besuchen an deren Koppel, es durste den Kopf hineinstecken zu den Großen und ward geliebkost wie von seiner Mutter. Eines Tages entdeckte es in einer der letzten Koppeln ein füllen, das an der Brust seiner Mutter trank. Dieses Fullen trank noch an seiner Mutter, obgleich es viel größer war als Riesele! Riesele wollte durchaus nicht etwa mit ihm trinken: es hatte nur seine Freude an dem großen Säufer und dünkte sich sehr erwachsen. Jeden Tag trieb es sich bei Mutter und Kind umher, bis ein Wärter ihm gar die Tür ausmachte und es hinetn- lausen ließ zu Mutter und Kind. Hier im Schatten einer Mutterliebe verbrachte Riesele ine nächsten Wochen seines Lebens, bis der Winter kam. Die Mutter hatte genug Liebe und verschenkte davon an das Riesele, soviel sie konnte, und Riesele wuchs mächtig heran! So sehr e» sich aber im Wachsen Beeilte: das kleine Mulierktnd blteb größer! Es konnte seinen Kopf auf die dritte Querstange der Koppel legen, aber Riesele konnte das nicht! Riesele war klein, Riesele war ein Fwerg gegen dieses Füllen; Riesele konnte sich strecken soviel es wollte, aber es blieb klein. Trotzdem, wenn es auch kleiner war als der Säugling, so war es doch stärker als dieser, und sein Benehmen glich viel eher dem eines gesetzten Burschen. Von Tag zu Tag glänzte Rieseles Haut mehr, seine Haare stellten sich dichter, da der Winter schon weiß aus den nahen Bergen hockte, die Blesie leuchtete mitten über den Augen, und in den Augen erschien ein seltener Glanz, der alle, dte kamen, über die Maßen entzückte. Zugleich schossen die Haare des Schweifes tief hernieder und berührten fast die Hufe, die Mahne zottette sich in weichen Krüuselwellen am Halse herab und frei über die Schulterblätter, und die Stirnhaare wuchsen bis zur Blesie und hörten °" Meseles^Mcken blieb schmal, seine Brust wollte sich nicht breit auseinandertun. Seine Schenkel wulsteten sich nur kaum merklich hervor. Wenn die beiden Kinder miteinander spielten, so tolpatschte das größere hierhin und dahin, ungelenk und steif, stieß sich bald an den Stangen und rannte gegen die Mutter, und einmal warf es sogar das Riesele um auf den Grasboden, daß dem Riesele säst die Tränen kamen. t Dieses aber bewegte sich ganz anders! Die geringe Last seines Körpers schnellte, von den Vorderbeinen aufgewippt, überaus leicht, zierlich und anmutig den Rücken hernieder in die Hinterbeine, so daß die Vorderbeine sich fröhlich in der Luft ergingen, die lange Zottelmähne umherwirbelte, der Kopf sich vor Uebermut schüttelte, die Zähne hervorblihten und die Ohren in der Luft herumstachen, wie wenn sie Fliegen schlagen wollten! Dte geringe Last des Körperchens turnte in die Vorderbeine, daß die Hinterbeine nach allen Seiten ausfeuern konnten, als seien sie die schlimmsten Pferdebeine der Welt, daß sie aber nur fortgesetzt und immer wieder Löcher in die kalte Herbstlust schlugen. Die Kraft, die sich in dem kleinen Körper regte, wollte ver- tobt sein! Ein Spatz, der sich aufs Geländer des Hages setzte, eine Mücke, die heranfloq, das Riesele zu stechen und von seinem Blut zu trinken, ein verspäteter Schmetterling, der irgendwohin slat- terte und an Riesele zufällig vorbeikam: sie alle reizten des Rieseles junge Krasi. Und jeweilen stürzte sich der kleine Mann ans das harmlose Tierchen: der große Säugling tat dann auch mit, und wenn der Spatz endlich den Hag verlasien, wenn der Schmetterling sich weiter in die Höhe geschwungen, wenn das Bienlein i das Weite gesucht hatte, so gerieten die zwei Kleinen sich an die Köpfe und bissen sich gegenseitig in die Hälse, in die Kinnbacken, gar in die Ohren, und feuerten aus, trafen sich aber niemals! Der Säugling war recht ungelenk und stand oft breitbeinig da wie das hölzerne Pferd der Trojaner. Riesele dagegen wußte mit sich umzugehen! Es konnte, wenn eine Fliege an seiner Brust saß, den Brustmuskel erzittern lassen und brauchte vor dieser Fliege nicht fortzulaufen wie lein M'lch- bruder' Es konnte, wenn der Bauch juckte, den Schweif herschwin- gen, aber es konnte den Kopf so weit zurirckbiegen, daß es sich am Bauche schaben konnte, daß es den Vorderhuf oder auch den Sin- terfiuf heben konnte und dabei nicht achtzugeben brauchte, ob es umsalle. wie der große Kleine! Die dünnen Rippen preßten sich am schwarzen Bauchlein hervor, wie mit dem Silberstift getönt! Der Hals erglänzte längs der Rundung und sprühte Licht ans, die Mähnenspitzen ergossen sich über den gestreckten Kopf, und der ganze Körper ruhte ge- sestigt in dieser Stellung wie in Erz gegosien. Indessen: es wurde kalt, das ganze Gestüt ward abgebrochen, und Riesele kam wieder in einen Stall. Schon am zweiten Tag erschienen etliche Manner in dem Stall Sie besahen sich die schweren Gäule, und plötzlich kam einer der Männer auf Riesele zu und sagte zu den übrigen: „Hier staunt: brauchen wir denn nicht auch einen Daupnin? Er ist zwar von Haus aus ein Mädchen, aber was verschlägi's? Er sagte das etwa so, wie ein Theatermann einen jugendlichen Liebhaber sucht oder eine Heldenmntter oder eine komische Alte. Alle kamen zu Riesele her: alle besahen, befühlten, betätschelien Riesele, und Rieiele stand da inmitten ihrer Lobpreisungen und spielte mit den Nüstern und svürte die vielen einoebenden Blicke wie Liebkosungen an sich umhergleiten. Seine Blesse ward gestreichelt, seine Ohren wurden gezerrt, seine Augen wurden mit einem kleinen Kerzenlicht beleuchtet, ob sie gesund seien 'eine Lippen wurden wiederholt auseinandergenomn'«, 'eine Zunge herausgeholt, seine Zähne mit einem blanken Schlüssel beklopft. (Fortsetzung folgt.) Trudelchen und sprach: „Hier. Kind ein Füchschen für dein Rappchen, und das hier gibst du deinen Brüdern! Hier, sieh genau hin, der Mann, der da im Gold abgebildet ist, das ist der Kaiser!" Das Kind betrachtete die Münze und rief zum Fenster hinaus: ,Gustav, August, kommt herein, ihr habt goldenes Geld bekommen!" , , , „ . Sie kamen herein, und das Riesele ging, ohne ferner Mutter Ade gesagt zu haben, von dannen, dem Zirkus des Lebens entgegen, den die Menschen sich eingerichtet haben. 8. Der Fremde führte Riesele fort aus dem Paradies, am Buchenwäldchen vorbei in das nahe Städtchen an den Bahnhof, wo es mit seiner Mutter schon einmal gewesen war. Die Kinder kamen gelaufen, weil gerade die Schule aus war, und sie stellten sich ans Gitter des Gttterbahnhofes, wo das schwarze Gäulchen auf den Zug warten mutzte, sie winkten ihm, als es in den Bahn- wagen trat, und riefen seinen Namen, als sie es nicht mehr sehen konnten! . , , Riesele blieb lange Stunden im Bahnwagen und fuhr übern Rhein. Da es heraüstreten durfte, hing vor seinen Augen ein ungeheures Licht, das langsam an einem Pfahl in die Höhe geleiert wurde, und ringsum zuckten kleinere Lichter auf. Die Sperre schnurrte zurück, und Riesele schritt hinaus in den Abend und stapfte neben dem Manne her über eine große flache Wiese, einem unheimlichen Gehege zu, zwischen desien Gebälk unabsehbare Gäule weideten, schwere- Gäule, deren Köpfe sich kaum einmal vom Grasboden erhoben. Riesele durste nicht mehr in eine dieser Koppeln: es wurde in einen Stall geführt, der ganz weiß getüncht war. Hier verbrachte es die erste Nacht in der Fremde. Gleich am Morgen Neran iwortlich: l)r. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'fche Univerfitäls-Duch- und Steindruckerei. R. Lange. Gieße». Im Walzertakt ritt er an zum Appell: Schottisch auf den Hinterbeinen konnten zwei seiner Gäule iloti tanzen! Einmal enchien er mit einem Rappen dessen Hufe vergoldet waren, zum Appell. „Vergoldet?" rief bas Trudelchen, das in der Mutter Schoß saß, „und die Hufeisen, waren die auch von Gold? „ „Die waren natürlich auch von Gold! erwiderte der Vater und erzählte weiter, wie dieser Rittmeister einmal in einem Zirkus ganz plötzlich, ohne daß irgend jemand zuvor davon gewußt hätte, angeritten sei mit einem schneeweißen Hengst, wie er nur einfach rundum geritten sei, und wie die Menge vor Begeisterung geschrien hätte. Alles habe geschrien: „Bravo, bravo! und er, der Vater, habe mit seinen Kameraden zuerst geschrien und zuerst geklatscht, und nachher hätte jeder drei Tage Urlauf bekommen und °K1 “gtr9fU8?“"1 stigte die Mutier, „ja, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da weiß ick) auch Bescheid! Doch will ich heut abend nichts mehr erzählen, ich heb meine Sache auf -bis zum Sonntag. ^a, wenn Riesele in einen Zirkus soll, da ging ich auch mit! „Ich auch, ich auch!" verletzten die Buben und knöpften die Hosenträger ab, und Trudel, die schon halb geschlafen hatte, rieb sich die Äugen und.flüsterte: "^reilitfb' srettichl' ivir"alle gucken, wenn das Riesele Walzer tanzt oder auf dem Hochseil läuft, oder wenn es dem König sagt, wie lang er noch zu leben habe!" Nun wurden alle Tage zu Sonntagen, die Buben schnitten sich Degen aus Holz, klebten Papierbelme, gürteten farbige Bänder um den Leib, und das Mädchewckanzte, wo immer es ging und stand. Die Mär, daß Riesele in den Zirkus komme, wußte bald die ganze Jugend des Dorfes. Httpfseile, Springreife goldene Schnüre, Soldatengerät aller Art tauchten auf, und auch die Alten betrachteten das Tierchen mit den Augen ihrer Komodianten- tage, wie jeder Mensch sie mit sich durchs Leben trägt. Dav ganze Dorf begann inmitten der grauen Kartoffelernte zu leuchten im zukünftigen Glanze des kleinen Riesele, und alle sagten: „Es hat sein Glück gemacht!" . . Als jedoch die drei Wochen herum waren und der Fremde wiederkam, da wollte niemand das Riesele hergeben. Die ganze Stube war voller Kinder, aber das Riesele stampfte ungestüm in seinem Hag, als wisse es, was geschehen solle, und als wolle es möglichst rasch fort in den Zirkus. Der Fremde zählte zwei lange Reihen dicker Silbermunzen auf den eichenen Tisch, der Vater überzählte sie, indem er mit zwei Fingern auf je zwei tupfte und sie ein bißchen hoher schob, und die Mutier hielt die Daumenspitze zwischen den Zahnen. Die Buben liefen hinaus, wie sie das viele Geld sahen, und die Stube leerte sich fast. Trudel trat betrübt zur Mutter, und als die Mutter sie auf den Arm nahm, kollerten dem Kinde die Tränen aus den Augen, und es sagte ganz laut: „Jetzt verkaufen wir das Riesele, wie die Bruder den Joseph verkauft haben um dreißig Silberlinge: da hätten wir das Riefele doch Joseph nennen sollen, wie's noch ganz klein war!" Die Mutter konnte die Tränen auch nicht verbeißen, sie sah den Vater an und sagte , ~ t t „Dreißig Silberlinge, dafür hat auch Judas den Herrn ver- „Ja, willst du das Riesele behalten?" fragte der Vater. „Die Kinder, die Kinder!" antwortete die Mutter, „da guck hinaus, die Buben führen's fort!" . „Was die Buben tun, gilt wohl nicht!" sagte der Fremde, zog seine Börse und legte drei Zehnmarkstückchen zu dem Geld, Hob das eine wieder vom Tisch auf, reichte es dem weinenden