Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1935 Freitag, den 13. Oktober Nummer 79 Stilles Glück. Von Josef von Eichendorff. Es hat die Nacht geregnet, Es zog noch grau ins Tal, Und ruhten still gesegnet Die Felder überall: Von Lüften kaum gefächelt, Durchs ungewisse Blau Die Sonne verschlafen lächelt Wie eine wunderschöne Frau. Nun sah ich auch sich heben Aus Nebeln unser Haus. Du dehntest zwischen den Reben Dich von der Schwelle hinaus, Da funkelt auf einmal vor Wonne Der Strom und Wald und Au — Du bist mein Morgen, meine Sonne, Meine liebe, verschlafene Frau! Baue ndrot. Von Johan L u z i a n. Na Hus! Na Hus! Na Hus! brummelte der abgezehrte, ausgehungerte, zerlumpte Feldgraue Ludwig Moellers halblaut vor sich hin, ohne es zu wissen. Zuweilen schlägt er sich im Takt dazu auf die Knie. Dann wieder springt er auf, geht die drei Meter hin und die drei Meter her im Vicrter-Klasse-Abteil von einer Fenster- scite zur anderen, ohne sich um die Bauern und die Hausierer neben sich zu kümmern. Er preßt den struppigen Kopf gegen die schlitternden Fensterrahmen, wippt ungeduldig mit den geflickten Schuhsohlen, trommelt verzweifelt mit den klammen Fingern gegen die Scheiben. Na Hus! denkt Moellers mit immer schmerzvollerer Ungeduld seit der Zug mit ihm durch die russische Unendlichkeit fuhr, auf Leningrad zu, seit der Dampfer mit ihm durch den Sturm über die Ostsee tanzte nach Stockholm, seit das schwedische Schiff auf Lübeck zustampfte, seit er mit der Lübeck- Büchener Bahn nach Hamburg kam und ohne sich umzusehen in den nächsten Zug, Richtung Bremen, stieg. Und nun sitzt er schon in der Kleinbahn von Rotenburg nach Zeven, und Wolfensen ist schon vorbei und Bötersen und gerade auch Mulmshorn. Da draußen sind nun das alte stille Moor, die schwarzbraune Heide mit den silbergraucn Placken Sand, die torfbraunen Aeckcr, die hellen Birkengehölze. Elsdorf ist vorbei. Da kommt schon die neue Fabrik, kommen niedrige Lagerhäuser, Schienenstrange, und da — dahinten im rotgrauen Abenddunst der Kirchturm von Zeven. Der Zug hält. Moellers taumelt aus dem Wagen, stürzt zur Sperre, drückt dem Beamten den Ausweis in die Hand. Als der lange gucken und fragen ivill, stößt er ihn beiseite und hastet davon, seinen grauen Reisesack mit den paar Klaniotten auf dem Buckel, die Bahnhofstraße hinunter an den niedrigen Häusern vorbei. Ziegeldächer neben Strohdächern, grauverputzte Wände neben Fachwerk. Da, die neue Zentralmolkeret, vor dem Kriege gebaut. Da die rostige Wellblechwand. Hat sich was geändert? Hat sich nichts verändert? Ist das die Stadt, an die man Jahre über gedacht hat? Weiter, weiter! Alles hat ja Zeit, man ist noch nicht zu Haus! Noch fünf Kilometer, dann muß der Hof da liegen, der Moellershof, der ihm und seinem Bruder Willem gehört, denn die Alten sind beide tot. Der Heimkehrer überholt ein Fuhrwerk, einen Ackerwagen, der, gezogen von einem Ganl nnd einer Kuh nebeneinander, die Landstraße dahinruckelt. Moellers hat kein Zutrauen, es geht ihm Aicht flink genug, er tapst mit seinen Nagelschuhen daran vorbei nnd wirft ein flüchtiges „N'Obend" zurück. Er sieht sich den Bauern kaum an, sicher kennt er ihn, aber da liegt nun das Dorf. Die Straße macht wieder einen Knick nach rechts, ein Waldstück kommt, niedriges Buschwerk, und nun, und nun — noch einen Kilometer, dann ist er an Moellers Wald. Was für ein Wald! Er kennt nun die russischen Wälder am Ural, und hat die schwedischen Küstenwälder gesehen, aber was sind alle Wälder gegen diesen kleinen, ausgehauenen, lichten Wald von ein paar Eichen, ein paar Buchen und dahinten ein paar Fichten! Sein Herz schmerzt in der Freude des Wiedersehens dieser Bäume, bis zu denen Moellers Aecker reichen. Da drüben geht die Sonne unter, ihr blasses Rot ist noch nicht ganz vom Himmel gelöscht, ein wenig Schein liegt über allem. Da ragt die hohe Fichte, die nur noch oben an der Spitze ein paar Aeste hat, die schon so lange sterben will, wie Ludwig Moellers lebt, aber immer noch da ist. Und wo die Fichte steht, mitten unter dem Kranz von mächtigen Eichen liegt der Hof, sein, sein Hof! ... Moellers stolpert voran auf der schlechten Straße, er hastet, er läuft beinahe, der Sack auf dem Rücken schlägt ihm mit einer Blechbüchse Corneöbees ins Kreuz, er merkt nichts, er sieht nur: gleich geht der Weg links ab, und der Weg führt zu dem Hof hin. Aber vor diesem Weg bleibt Moellers plötzlich stehen. Seine Knie zittern, und die Füße wollen nicht weiter. Der Mann lehnt sich erschöpft an einen Apfelbaum, läßt seinenSack zur Erde fallen, und hält sich mit beiden Händen an dem schorfigen Baum fest, weil er in einen Wirbel geraten ist und alles um ihn zu kreisen beginnt. So steht er lange da, ein grauer Mann in der Dämmerung, der sich über die Äugen wischt. Da ist nun der Hof. Alles steht noch da wie immer. Vorne rechts die Kate, in der Mitte die lange neue Scheune, die 1914 fertig geworden, mit hellgrauem Kunstschiefer gedeckt. Seitlich da- i von das Backhaus, der kleine Hügel, und daneben das alte, niedere Haus seiner Väter mit dem schwarzgrünen Strohdach und den gekreuzten Pferöeköpfen am Giebel, zwischen denen das Storchennest sitzt. Der linke Teil des Hauses birgl die Tenne mit dem Kuhstall, dem Pferdestall, dem Schweinekoben, der Knechtskammer. Der rechte Teil birgt die Küche, die Stuben, die Schlafkammern. Alles wird noch so sein, wie es war vor sechs Jahren, als der Krieg kam. In der Kate brennt Licht, im Bauernhaus brennt Licht, mildes, gelbes Petroleumlicht, warm, vergnügt, behaglich. Moellers steht an den Apfelbaum gelehnt und schluchzt. Die Tränen laufen ihm in den verwilderten Bart, die verkrampften Hände zittern. Der ganze Mann, der nichts anderes mehr dachte als: Na Hus! Na Hus! und nichts anderes wollte, als hier zu stehen und das alles wieöerzuhaben, was nun vor ihm liegt, wagt es nicht, den kleinen Seitenweg zu Ende zu gehen. Die ungeheure Spannung, die quälende Sehnsucht, die Besitz von allem Dasein, von Wachsein und Schlaf und Traum ergriffen hatte, ohne die das Leben nicht mehr zu tragen gewesen wäre, hat nun nur noch dreihundert Meter Feldweg vor sich. Und was dann? Schwer wie Blei sind seine Füße, in den Knien sackt er bei jedem Schritt ein wenig ein, als er langsam den Feldweg dahin- gcht. Nun kommt er zu der Kate. Auf der Diele darin steht eine Frau, kehrt ihm den Rücken zu, und dreht beim Schein der Stallaterne Rüben durch die Schneidemaschine. Moellers weiß, das ist Trina, die alte Trina. Aber er ruft sie nicht an. Eine Kuh brüllt, ein Hund beginnt zu kläffen. Moellers geht leise weiter. An der Scheune vorbei, am Backhaus vorüber. Aus der Vackofen- tür schlägt ihm ein warmer Schwaden entgegen, in der Asche glüht es noch. Schnuppernd zieht er den Dunst ein: Rauch von Buchenscheiten, Geruch von frischem Roggenbrot... Er meint satt zu werden allein von solchem Geruch. Und dann steht er vor dem Tor zur Tenne. Der eine Flügel ist offen und gegen die Wand zurückgeschlagen. Ein halber Mahlstein ist davor gewälzt, um ihn vor dem Winde festzuhalten. Der alte Stein! Auf der Tenne hängen zwei Laternen an den Querbalken über dem schwarzweißen Vieh. Er hört die Kühe malmen und kauen, hört das Klappern der Melkeimer, das Zischen der Milch. Hört vom Pferdestall her das Schnauben. Ah! die guten gesunden Laute! Ah! wie gut das hier riecht! Da sinkt raschelnd eine Schütte Heu aus der Bodenluke, eine rauhe würzige Wolke, über den feldgrauen Mann herab, der im Halbdunkel schwer atmend mitten auf der Tenne steht. Und nun steigt jemand die Leiter vom Heuboden herab. Ist das Willem, sein Bruder? Der Rücken und der breite Hintern in der Manchesterhose könnten zu ihm gehören. „Willem!" ruft Ludwig Moellers leise. In seiner Kehle fühlt er es trocken und heiß. Der Mann dreht sich um und bleibt auf der letzten Sprosse stehen, mit dem Rücken gegen die Leiter gelehnt. „Wat wiß du denn hier?" fragt er barsch. E, Hat eht Gesicht, daS Ludwig Moellers nicht kennt. Schweigend und nachdenkend, wo sie einander hiniun sollen, sehn sich die beiden an, der abgemagerte und zerlumpte Heimkehrer und der kräftige, gesunde Mann im Manchesteranzug. Jetzt kommt ein Pferdeknecht aus dem Stallverschlag hinzu und fragt grinsend: „Buer, wat ts dat'n für een?" Buer? hört Moellers. Buer?! Und nun reckt er sich hoch, das Scheue und Gedrückte verschwindet von ihm, denn hier matzt sich ein Fremder einen Herrentitel an, der ihm, Ludwig Moellers, gebührt. Seine Augen funkeln zornig, als er herrisch fragt: „Wer is hier Buer, wat?!" Der Knecht glotzt von einem zum anderen. Der Mann aber tritt von der Leitersprosse langsam und schwer herab und macht einen Schritt auf den Feldgrauen zu. „Wer hier Buer is? Ick bin hier Buer!" „Du lüchst!" schreit Moellers. Eine Wut packt ihn, aber gedämpft durch eine plötzlich heraufsteigende Trauer. Er vermißt etwas. Kein geschlachtetes Kalb, kein erleuchtetes Haus, kein Trara und keine Musik zum Fest seiner späten Heimkehr, von der ja auch niemand etwas ahnen konnte, und doch fehlt hier etwas. Und dafür ist etwas Fremdes und Störendes zu viel da ... „Du lüchst! Ick bin de Buer!" schnaubt Moellers den Mann da vor ihm an und ballt seine Hände, um sich auf ihn zu stürzen. Der andere verzieht böse spöttisch den Mundwinkel, er will nicht wissen, wer der Zerlumpte ist, woher er kommt, er wendet sich rasch von ihm weg. Ueber die Schulter sagt er zum Knecht: „Hein, de is besoopen! Smiet em vor de Dör!" Und Moellers wird von dem Knecht Hein gepackt, daß er seine müden, morschen Knochen nicht mehr rühren kann, und landet mit einem Fußtritt im Rücken stolpernd vor dem Misthaufen. Sein Sack mit der russischen Aufschrift, der ihn von Sibirien begleitete, fliegt hinterher. Der Knecht tritt den Mahlstein zur Seite und zieht das Tor hinter sich zu. Ludwig Moellers erhebt sich, in schäumender Wut mit den Zähnen knirschend und stiert das Tor an, über dessen oberem Oval ein dünner Streifen Licht schimmert. Seine aufgerissenen Augen brennen vor Schmerz, seine Nägel bohren sich in die Handballen. Anzünden! Anzünden! denkt er. Das Haus anzünden, die Scheune anzttnden mit der Glut aus dem Backofen! Und er stürzt zum Backhaus. Er findet ein Büschel Stroh, bläst in die Holzglut. Das Stroh ist feucht und qualmt, der Rauch beizt seine Augen, sie beginnen zu tränen. Da löst sich auch der Schmerz in seinem Innern, er wirft sich vor der Feuerstätte auf die Knie, und legt den Kopf stöhnend gegen die warmen Backsteine. Hier ist das Brot deiner Kindheit gebacken worden, Bauernbrot, spricht es in ihm, hier hat deine Mutter gebückt gestanden und Jahr für Jahr die langen schwarzbraunen Laibe mit dem Backholz herausgezogen, hier hast du die frischen Krusten des warmen Brotes in den Mund gesteckt bekommen, wenn du ihr zusahest, so klein wie jetzt auf den Knien. Mit dem Kopf hast du nicht höher gereicht als jetzt ... Da drüben ist dein Kammer- senster, in dem du satt und warm geschlafen hast als Kind, und dort hinten am Heiderand sind die Hünenstcine mit allem Grauen und allem Zauber deiner Jugend. Und was du bist und was du bis heute warst im Unglück der Fremde und im Glück deiner Sehnsucht — das bist du nur durch diesen Hof und diese Erde und diesen Geruch geworden ... Mann! willst du deine Herkunft ausrotten, deine Heimat verbrennen! Ist das nicht alles dein wahrer Besitz für ewige Zeiten, wer sich auch immer darauf breit machen mag! Mag man dich fortjagen, verlieren kannst du nur, was du dir selber nimmst. Ludwig Moellers stand auf und sagte halblaut vor sich hin: „Wcet de Dübel, wat hier los is! Weet de Dübel, wat in Dütschland los is! Wenn ook fremde Lüd hier wohnt un mi von'm Hoff jogt, wenn ook fremde Lüd in Dütschland de Buern speeln wüllt, — de, dem de Hoff tohört, de kümmt wedder! De, dem Dütschland tohört, de kümmt wedder to ehr Recht! Dat is wohr un dat bliwwt wohr!" Und Ludwig Moellers stapfte den Feldweg langsam zur Straße zurück, wanderte schwerfällig und müde zum Dorf zurück, setzte sich in die Wirtschaft und fragte, nachdem er sich zu erkennen gegeben hatte, nach dem Schicksal seines Hofes. Er erfuhr, daß fein Bruder auf dem Rückzug aus Belgien ums Leben gekommen sei, daß man den Hof auf zehn Jahre an einen Bauernsohn aus Tostedt verpachtet habe, da man von dem in Rußland verschollenen Ludwig Moellers keine Nachricht bekam. Verpachtet, nicht verkauft! jubelte es in dem Heimkehrer auf und seine Augen senkten sich dankbar auf die gefalteten Hände. In zehn Jahren und vielleicht schon früher ist alles wieder mein! Dank! Dank! ... Dann aber sagte er leise vor sich hin: Willem! Nu bin ick alleen ... Ober du mußt keen Angst hewwen, ick paß good op, ick paß für di mit op, Willem. Du kannst ruhig slapen, Willem ... Von einem festen Laib Roggenbrot, den der Wirt ihm auf den Tisch gelegt hatte, schnitt sich Ludwig Moellers den ersten Knacken herunter. Wie kräftig das duftete, rote gut davon zu essen roar! Bauernbrot! Brot der Heimat! ... Herbstgefühl. Von I.W. von Goethe. Fetter grüne, du Laub, Am Rebengeländer Hier mein Fenster herauf! Gedrängter quellet, Zroillingsbeeren, und reifet Schneller und glänzend voller! Euch brütet der Mutter Sonne Scheideblick,' euch umsäuselt Des holden Himmels Fruchtende Fülle: Euch kühlet des Mondes Freundlicher Zauberhauch, Und euch betauen, ach! Aus diesen Augen Der ewig belebenden Liebe Vollschroellende Tränen. Das Marne-Drama. Von Generaloberst von Einem. Der 80jährige Generaloberst von Einem, der langjährige Kriegsminister unter Wilhelm II. und Heerführer im Weltkrieg, bietet in seinen bei K. F. Koehler in Leipzig erschienenen „Erinnerungen eines Soldaten" aus genauester Kenntnis des deutschen Heeres in Krieg und Frieden einen bedeutsamen Beitrag zur Geschichte des letzten halben Jahrhunderts. Besonders erschütternd ist das Kapitel, in dem er zu der Schicksalsstunde des Weltkrieges, der Marneschlacht, Stellung nimmt. Die Literatur über die Marneschlacht ist bereits so umfangreich geworden, daß ich es mir versagen kann, mich in Einzelheiten ihres operativen Laufs zu vcrlicreu. Wenn ich mich im Rahmen meines Buches überhaupt zu diesem Thema äußere, so geschieht es nur, weil man die Schuld an ihrem Fehlschlag vielfach — und besonders in Laienkreisen — unserer angeblich ungenügenden Rüstung, d. h. also dem Kriegsministerium, zur Last legt. Dieser Vorwurf ist falsch: ich kann ihn als früherer Minister um so eher zurückweisen, als er nicht einmal gegen mich selber, sondern nach Lage der Dinge nur gegen meine beiden Nachfolger gerichtet ist. Dabei darf ich meine Kompetenz zur Beurteilung der ganzen Frage daraus herleiten, daß ich zunächst einmal die gesamte Materie aus meiner Tätigkeit im Generalstab und Kriegsministerium besonders gründlich gekannt habe, und daß ich zum ander» auch unmittelbar am kritischen Punkt stand, als uns an der Marne das Verhängnis ereilte. Denn da mein VII. Armeekorps aus dem rechten Flügel der 2. Armee focht, so klaffte unmittelbar neben meiner 13. Division die bekannte Lücke, als die rechts von uns befindliche 1. Armee zur Abwehr eigener Umfassungsgefahr ihre beiden linken Flügelkorps auf den rechten Flügel herumwarf. Au diesem Punkt bzw. beim „Loch" pflegt die Kritik nun einzuhaken, soweit sie gegen das Kriegsministerium gerichtet ist. Hätten wir damls, so erklärt man, die fehlenden drei Armeekorps gehabt, die der Generalstab in den Wehrvorlagen von 1912/13 vergeblich gefordert hat, so wäre das „Loch an der Marne" überhaupt nicht entstanden bzw. es wäre doch ein leichtes gewesen, cs mit Hilfe dieses Korps wieder abzuriegeln. Das klingt ja nun soweit ganz schön und verständig. Aber leider ist es nur blaffe Theorie, und zwar eine Theorie, die von falschen Voraussetzungen ausgeht und daher auch zu völlig falschen Ergebniffen führt. Ganz abgesehen davon, daß sich in der kurzen Zeit von etwa 1912 bis 1914 drei weitere Armeekorps nur äußerst behelfsmäßig und keinesfalls mit der bei uns üblichen organifato- rischen Vollkommenheit hätte aufstellen Iaffen — ganz abgesehen davon fußt die Kritik auch auf der durchaus irrigen Annahme, die Marneschlacht sei infolge unserer mangelnden Stärke verloren gegangen. Nichts ist verkehrter als diese Unterstellung! Die deutsche Armee war für die erstrebte große Veruichtungsschlacht in Nordfrankreich absolut oder sogar mehr als stark genug — sofern nur die vorhandenen Kräfte dort zur Entscheidung eingesetzt rouröen, wo dies der grundlegende Schlieffen-Plan vorfah! Es fielen für die INarneschlacht aus bzw. standen noch verfügbar die beiden Armeekorps, die unbegreiflicherroeise dem rechten Stoßflügel entnommen und nach dem Osten gefahren wurden, obwohl sie von dort nicht einmal angefordert waren und für die Tannenberg- schlacht viel zu spät kamen. (Garde-Reservekorps und XI. AK.) Es war weiterhin noch vorhanden das in Schleswig-Holstein belassene 9. Reservekorps, das dort völlig überflüssig erschien, weil cs gegenüber einer etwaigen Landung der Engländer ohnehin zu schwach war. Vor allem aber war schließlich noch ein großer Teil der 6. Armee verfügbar, die man in einer aussichtslosen Offensive gegen die Festungslinie Toul—Epinal anrenncit ließ, statt ihre starken Kräfte der entscheidungsuchenden Operation des rechten Flügels nutzbar zu machen. Es handelt sich also, sehr gering gerechnet, um mindestens 5 bis 6 Armeekorps, um welche die deutsche Armee an der Marne hätte stärker sein können, wenn man den Schlieffen-Plan, auf dem doch der ganze Feldzug beruhte, konst- S3"Ä Ä "ÄSf M.M-.UN, 4? »S SÄÄÄÄÄÄ wäre, sondern sie ist allein in der Verzettelung dieser Kräfte durch oiHO°^eicltCr5?u^»Urn9 8U suchen. Sie liegt darin, dah M o l t k e mit einem Feldzugsplan operierte, dessen großartige, um nicht zu Ctt er überhaupt nicht verstanden hatte. Man Ut?öe öettommen nichts Unkomplizierteres denken, als diesen Schliessen-Plan, der die starke Festung Metz als Zen- & "ft?atnrn unter Benutzung des Vogesenschutzes zwischen und Straßburg nur einen schwachen linken Flügel spannte un\tnUTt nördlich von Metz, mit der Festung als Dreü- kiüaei torLt? 0efamtct? deutschen Armee einen rechten Stoß- flugel bildete, stark genug, jeden Widerstand über den Haufen zu Ma?/,-' i-^^^öbrade für diese Einfachheit des Entwurfs besaß iDioItfc fein 93eiftänöni§ — ct hotte nicht beoiiffen hnti ail»3 und Geniale in seinem Kern fast ausnahmslos einfach und unkompliziert ist. So verstärkt er denn unter gleich- Ai.f^rr^a)roa?Un8r 6e/ rechten Flügels den in Elsaß-Lothringen aufmarschierenden linken Flügel, dem er damit die Möglichkeit ^!^uen offensiven Vorgehens gab,' so sucht er statt des einen Schlieffenschen Kriegstheaters zu gleicher Zeit auf verschiedenen Spielen, und so verstieß er gegen eines der Grundgesetze aller Strategie: daß der Versuch, an allen Fronten stark zu schwach" zu^'werd"n^ S“ 6Ct ®efaf)r fü[)rt' am entscheidenden Punkt diesem grundlegenden Fehler der Verwässerung des Ma^ianes war es dann eine weitere Unterlassungssünde, 6ie verschiedenen Armeen nicht fest in der Hand behielt, sondern mit seinen Direktiven häufig genug hinter den ^'u/elnen Heerführern herhinkte. Wie er der 6. Armee für ihre aussichtslose Offensive in Lothringen einen viel zu weiten Spiel- raum gab, so hätte auch manche Kampfhandlung beim Vormarsch des rechten Flügels zu noch weiterreichenden Wirkungen geführt "/un hler die Oberste Führung ein strafferes Zusammenarbeiten der beteiligten Armeen gesichert hätte. Ebenso war es ein Fehler daß sie der Sturmenergie der Truppe und ihrem Vorwärtsörang viel zu sehr freie Hand gab und beides sich oft bis ins Sinnlose auswirken ließ, statt die Vorbewegung der gewaltigen Heeressäulen nach einheitlichem, festem Plan zu regeln. Erotz aller dieser Fehler, die sich zum Teil nur aus der kränklichen Natur des Generalobersten v. Moltke erklären lassen, brauchte die Marneschlacht immer noch nicht verloren zu werden Denn einen Ausgleich für die Mängel der Obersten Führung schuf die unvergleichliche Haltung und Leistung der Truppe die »öcr öte an der Marne bzw. am Ourg entstandenen kritischen Stunden hinweggeholfcn hätte. Es bedurfte zur Ueber- windung der Krisis nur des Vertrauens in diese Truppe und einer gewissen Kühnheit des Entschlusses, die Moltke leider nicht aufbrachte.^fm Augenblick der höchsten Spannung, wo man einmal in der Hoffnung auf den Beistand der Vorsehung und des Schlach- tengluckes kühn zu sein hatte, versagten seine Nerven. Es kam zu einem furchtbaren Entschluß, der uns den vollständigen Endsieg über die Franzosen gekostet hat. Friedrich der Große würde von einem „timiden" Entschluß der deutschen Heeresleitung gesprochen haben. In der Tat war cs nichts anderes: die Tragik wird dadurch nicht gemildert, sondern nur vergrößert. Man hat den Oberstleutnant Hentsch, der kraft der ihm er- teilten Vollmacht den verhängnisvollen Rückzugsbefehl aussprach, sum Sündenbock gestempelt und ihn mit der Verantwortung für das Marneunglück belastet. Ich kann mich diesem Vorwurf nicht anschließen. Es ist militärisch und menschlich zweifellos verständlich, daß Hentsch in der kritischen Lage, die er antraf, einen Entschluß faßte, der nur von der Vorsicht, aber nicht vom Wagemut diktiert wurde. Etwas anderes vermochte er in seiner Stellung auch schwerlich zu tun: denn die ungeheure Verantwortung, die sich in der gegebenen Situation mit einem kühnbeherzten Entschluß verbunden hätte, konnte nur von der obersten Führung, allo von Moltke selber übernommen werden. Dieser aber saß in Luxemburg viel zu weit hinter der Front, um einen Einblick in die wirklichen Verhältnisse zu haben und in dem Durcheinander der Vorstellungen und Gegenvorstellungen entscheiden zu können. Als dann Moltke endlich vorn bei uns csntraf, war der Rückzug bereits im Gange, der von der Truppe nicht verstanden und nur mit innerstem Widerstreben ausgeführt wurde. Es kam stellenweise sogar zu einer Art Depression, die aber in den Kämpfen gegen den jetzt fester und energischer geworbenen Gegner bald wieder verschwand und einer gesteigerten Heldenhaftigkeit Platz machte. Während dieser Rttckzugsbewegung hatte ich in Reims einen erregten Zusammenstoß mit dem Generalobersten von Moltke. ^ch traf einen vollkommen zusammcngebrochcncn. zerstörten Mann, ber mir mit den Worten entgegenkam: „Um Gotteswillen, wie hat das nur geschehen können". Ungeachtet seines leidenden Zustandes ging mein Temperament mit mir durch, und ich erwiderte ihm: „Das sollten Sie selber doch eigentlich am besten wissen! Wie konnten Sie nur in Luxemburg bleiben, und sich die Führung so vollkommen entgleiten lassen!" „Aber, bester Einem, ich konnte während des Vormarsches doch nicht mit dem Kaiser durch bas halbe Frankreich ziehen!" „Warum denn nicht?" war meine schroffe Antwort. „Der Kaiser würde doch sicher nichts dagegen ernzuwenben gehabt haben! Und wenn Ihr großer Oheim es mit seiner Verantwortung vereinbaren zu können glaubte, seinen König unmittelbar auf die Schlachtfelder von Königgrätz und Sedan zu führen, sa> konnten ®te $uat mindesten mit dem Kaiser so dicht hinter der Front bleiben, daß Sie die Zügel in der Hand behielten!" hpr r^rs^ mVHeftigkeit schwerkranken Mann gegenüber darauf starb, spater leid getan: doch war sie aus den Verhältnissen heraus verständlich. Es war in der Tat nur das öoH= wene Veriagen der Obersten Heeresleitung, das uns statt des die Niederlage an der Marne gebracht hat. Air« "der f°9ar wahrscheinlich wäre der Ausgang, trotz aller vorhergegangenen Fehler, wesentlich anders gewesen wenn der eine Mann zur Stelle gewesen wäre, der auch die Lage an üe? meistern gewußt hätte: Ludenborff! Es unterliegt frififrfipn 9h,1 feR?e^s®ro^et' dast General Ludendorff hier im kritischen Augenblick die Situation ebenso an sich gerissen Hätte w-e er es zu Beginn des Krieges bei Lüttich getan hat und daß dorss swth ^em Rückzugsbefehl gekommen wäre. Luden- dre Kühnheit des Entschlusses und das Vertrauen auf das Schlachtengluck aufgebracht, deren es damals — ähnlich wie bei Tannenberg - bedurfte. Aber Moltke hatte diesen seinen wich- iÖCtl er jahrelanger Zusammenarbeit kannte, und der sich wie kein anderer auf den Schlieffen-Plan verstand nur zum Oberguartiermeister der 2. Armce gemacht s?att ilni bei Ausbruch des Krieges sofort ins Große Hauptquartier zu nehmen eine Tragik nächsten Gehilfen zu machen. Auch darin liegt eine Tragik, die durch den Sieg bei Tannenberg — alles in allem genommen —, nicht gemildert wird. Der Mann, der mit d eker Zeit fertig wird. Roman von Walter Julius B l o e m sGDS.). sFortsetzung.) ~ $n, Dieser Woche häufen sich solche Berge von Arbeit dass lfeUnßin9frnnrt Te zweite Sekretärin nicht fertig werden würde. Die Hilfskraft, öie er seit dem Sommer beschätigt, gab weder seiner Kanzlet noch seinem Leben eine persönliste "Note sie läßt moil/inp abgeschliffenen Nagelkuppen über dieSchreib- wafchme gleiten, kommt und geht auf die Minute und empfängt pünktlich ihr Gehalt. Keine Mitarbeiterin. In den Anqeleqen- heiten der Wagenschanz-Werke ergibt es sich von selber so daß Schonlelnbis in den spaten Abend damit zu tun hat, und bei Schreibarbeiten hilft ihm Elli Hampel. Sie kennt den ganzen isirhp Schafts, war vom Anfang bis zu diesem bittteren Ende dabet und vermag dem Anwalt jede Auskunft zu geben, öie v 4- WllU Es gelang also wieder nicht. Es blieb ohne Zweck, daß Doktor Wagenschanz sie um zehn Mark aufbcsserte. Ihre Voraussage traf genau ein, sie hat auch diesmal wieder kein Glück. „Aber ich bin es gewohnt, stempeln zu gehen." „Das ist nicht nötig, Elli", tröstet Peter, „ich habe mir über- 5^' ^ei(?h»r?elreta^lrt rfti"6i0e iE zum nächsten Fünfzehnten. Sie hat Eltern, die für sie sorgen können. Dann treten Sie zum Jahresanfang bei mir ein." 6 Un-Aück!""^ dankbar. „Es ist gut. Ich habe eben auch niemals Es ging alles hin und her, muß sie einsehen, bis Peter Schön- lein die verworrenen Drähte ergriff, und sogleich wurden die Dinge mit ihrem ruhtigen Namen bezeichnet. Ein klarer Kopf bemächtigte sich der Führung, es wird nicht mehr in hysterischen Vorwürfen geschwelgt wie bei dem Kandidaten Kieselbach, es wird nicht mehr hoffnungsvoll phantasiert wie bei Doktor Wagenschanz es wird nicht mehr in die Luft geschwiegen wie bei Rosemarie hier geht es sachlich zu, Zahlen marschieren auf, Debet und Kredit reden eine Sprache, die man nicht überhören kann. Elli ist nun im Herbst zwanzig geworden. Sie verdient im Augenblick wenigstens soviel, um sich sattzuessen. Wenn sie genug ißt und genug schläft, vermag sie in der Zwischenzeit eine un- glaubliche Menge Arbeit zu bewältigen, zumal sie aus Haß gegen ihre Kollegin Alchenbrenner, die Spitznase, gelernt hat, selber wie eine Blechpuppe zu arbeiten: aber, wenn man will, wird sofort ein Menschlein daraus, das allmählich ganz vernünftige Ansichten bekommt. Den Tag in der Fabrik und den Abend bei Herrn Schön- lcin, dann fallt Elli tot ins Bett und springt Schlag sieben in der Frühe federlebendig aus den Kissen. Aber geht es so das ganze Leben zu? Es macht den Eindruck. Dafür also sind wir geboren worden. Und wenn wir genug zu arbeiten, zu essen und zu schlafen haben, dann erfüllen wir also unsre Bestimmung ... ,, Sie freut sich darauf, daß sie nach der Liquidation ber Wagenschanz-Werke in Peter Schönleins Kanzlei übersiedeln wird. Dann hat sie ein Dach über dem Kopf und wieder eine gewissermaßen persönliche Beziehung zu ihrer Arbeit. Darauf legt Elli großen Wert, sie will eine Mitarbeiterin sein. Sie will auf sanfte Art in ihren Chef verliebt sein und ihm auf ihre Weise helfen können. Wenn er keinen Bauch hat, gibt sie sich mit zwanzig Mark monatlich weniger zufrieden. Ob die Arbeit manchmal oder jeden Tag über die vorgeschriebenen Stunden hinüberdauert, das spielt für Elli keine wichtige Rolle. Sie half Anton Waqenschanz mit allen Kräften, sie bestaunte, was man doch so aus dem Nichts aufbauen kann. Nun kehrt es wieder ins Nichts zurück, dreißig Männer brotlos, dreißig Frauen in Sorge, Antons Zusammenbruch plündert den Christbaum zahlloser Kinder. Aber Elli findet das alles nicht so schlimm. Fast ein volles Jahr gab Doktor Wagenschanz einem Hundert von Menschen Brot und Arbeit, und so erfüllte er ein Jahr lang die Bestimmung dieser Menschen. Und auf eine geheimnisvolle Weise geht der Rummel immer weiter. Arbeit wird geschaffen und wieder verloren Brot wächst auf den Strrßen und wird wieder weggefegt. Für ein zwanzigjähriges Proletariermädchen, finde ich, eine verständliche und einfache Nationalökonomie ... Uebrigens empfand Elli für ihren künftigen Chef immer erne gewisse Zuneigung. Schönlein geht immer so gut angezogen, sie verliebte sich von jeher in seine hübschen Krawatten, niemals sah sie ihn unrasiert. Ihm eignet, Frauen gegenüber, eine besondere Höflichkeit. Man mutz seine Hände ansehen, an denen nichts Brutales ist. Abends trägt er Hausschuhe aus schwarzem Lack, und oft unterbricht er sein Diktat, indem er eine silberne Zigarettendose zu Elli hinüberschiebt, oder einen sühen Likör im Silberbecher. Silber ist sein Lieblingsmetall. Aber nun mutz man ihn bewundern, diesen Mann, der als klarer Kopf unter unklare Leute tritt, und dem überlassen werden mutz, aus dem Zusammenbruch für alle noch etwas zu retten, und der keinen dabei bevorzugt. Elli hat sich lange gegen diese traurige Ueberzeugung zu wehren versucht, und aufrichtigerweise unterliegt sie bei Tage immer noch ein wenig dem Eindruck, den Doktor Wagenschanz und sein Verhalten auf sie macht. „Wenn der im Grabe läge, er würde es aufstemmen. Es kann doch nicht so schlecht um ihn stehen, er experimentiert unaufhörlich und hat seine neue Rasierseife zu verbessert, daß er sie sofort fabrizieren lassen möchte, aber seine Gläubiger erlauben es ihm nicht. Er sagt, daß Sie es nicht erlauben." „ ~ „ Peter zuckt die Achseln. „Ein Phantast. Querkopf. Ein Bulle, der gegen das rote Tuch rennt. Aber es gibt eben Menschen, die wie eine Kanonenkugel nur in der Richtung weitermachen können, in der sie abgeschossen sind; es gibt für diese Leute keine Vernunftgründe, keinen Zweifel, keine Einsicht, sie haben ihre Richtung im Gehirn und müssen sie fortsetzen. Das ist das ganze Geheimnis." „Wie Sie doch alles verstehen, Herr Schönlein. Ich kenne ihn seit drei Jahren und habe mich nie in ihm ausgekannt, Sie sagen drei Worte über ihn und machen ihn mir begreiflich." „Das war nicht sehr schwierig, Elli." Peter lächelt. Sie betrachtet seine Hand und empfindet unvermittelt das rasende Bedürfnis, er möge einmal ihr Haar streicheln, eine ganz flüchtige Bewegung, nichts Erotisches, pfui, yur einen kleinen Dank, daß man um Mitternacht hier bei ihm sitzt und seine Auffassungen zu Papier bringt, obwohl man eigentlich jetzt spätestens daheim ankommen müßte, oben in der Mansarde bei der Witwö Wagenschanz, müdemüdemüdemüde, die Kleider abstreifen und umsinken. Aber es handelt sich um etwas sehr wichtiges. Die drei Inserate, die das Unheil heraufbeschworen haben, blieben ohne Wirkung, wenigstens ohne greifbare. Nur treffen täglich Stötze und Waschkörbe von Briefen ein, keine Bestellungen, leider, sondern nur Erkundigungen von Drogisten, Friseuren und Großhändlern, um was für eine unbekannte Firma es sich in jenen Inseraten eigentlich handele, nirgends sind die Waren auf Lager, kein Mensch kennt sie, kein Händler kann sie vorzeigen, wenn die Kunden fragen, was denn eigentlich damit los sei. Und man möge umgehend Muster und Prospekte senden. Daß dies geschieht, ist selbstverständlich, es findet auch Schönleins Billigung. Die in der Fabrik verbliebenen Arbeiter sind mit dem Verpacken und Befördern dieser zahlosen Sendungen beschäftigt, die in die Tausende gehen. Heute ging es so arg her, daß sogar der Kandidat Kieselbach und Rosemarie helfen mußten, Doktor Wagenschanz organisierte so etwas wie eine Arbeitsteilung im Falten und Einpacken und Adressieren der Muster. Er schrie und sporte alle an, es herrschte ein Betrieb wie bet einer Mobilmachung. Schönlein zieht bedauernd die Schultern hoch. „Es tut mir wirklich leid um ihn, was nützen ihm tausend Anfragen, und ein Musterstück ist noch kein Absatz. Das kommt doch alles viel zu spät und kann ihn nicht mehr retten." Das stimmt, findet Elli. Die nebelhaften Hoffnungen, die Wagenschanz-Werke würden das Weihnachtsgeschäft an sich reißen, bleiben durchaus dürre und verwirklichen sich nicht. Allerdings, etwas mehr Absatz gibt es doch: in jenen Gegenden, die schon vorher bearbeitet waren, geht der Verkauf schlagartig in die Höhe, aber das sind nur einzelne und kleinere Städte. Daß eine gewisse Belebung im Verkauf eintritt, leugnet auch Schönlein nicht, nach diesen irrsinnigen Werbemaßnahmen. Die Zeitungen unserer Stadt haben sich mit den mißlichen Verhältnissen bet den Wagenschanz-Werken beschäftigt, wieder einmal geht Antons Name von Mund zu Mund. Die Frauen erfahren, daß die neue Fabrik sttllgclegt ist, und kaufen für alle Fälle noch ein paar Tuben der Schünheitskreme Erotikon. Die Männer kaufen aus dem gleichen Grunde noch einige Tüten „Barbaran weich" auf Vorrat. Die Händler decken sich daraufhin mit neuen Beiräten ein, wenigstens in unserer Stadt werden die Erzeugnisse plötzlich gekauft, bar bezahlt. Das ist erfreulich für Antons Gläubiger, aber was will es besagen gegenüber diesen Riesen- vorräten, gegenüber dieser in die Luft gepufften Propaganda? Nun handelt es sich aber darum, daß Anton von Tag zu Tag drängender eine Wiederaufnahme der Fabrikation von seinen Gläubigern fordert, er schickt seinem Anwalt täglich eine Liste der eintreffenden Bestellungen, die Kurve zeigt sehr merklich nach oben und sagt für den ungünstigsten Angenblick vierzehn Tage vor Weihnachten, eine Erschöpfung der Verkanfslager voraus. Schönlein hält ihm vor, daß diese Bestellungen winzig sind, wenn man die unverkauften Lager betrachtet. Immerhin ist er Anwalt der Fabrik und nicht der Gläubiger, also mutz er auf AntonS Drängen eine Serie Eilbriefe an alle Gläubiger versenden, er wägt in vorsichtiger Weise die Worte, damit man ihn später nicht beschuldigen könne, er habe die Karre nur noch tiefer in den Dreck gefahren. Jedenfalls beantragt er in diesem Schreiben, aus den mit Beschlag belegten Eingängen möge die Lohnsumme für drei bis fünf Arbeiter hcrausgcgeben werden, zwecks vorlänsiger Wiederaufnahme der Fabrikation nur der Kreme und der Rasierpille, und auch dies unter Beachtung der jeweiligen Bestellungen. Rohstoffe besitze das Werk noch bei weitem ausreichend. Diesen Brief an die vierzehn Gläubiger des Unternehmens, vierzehnmal Eilboten. Zwei Uhr nachts. „Sie sind müde, Etlichen. Tut mir leid, aber das muß noch erledigt werden. Ich werde einen standesgemäßen Kaffee für Nachtarbeiter Herstellen." „Doch. Ich schaffe es noch. Kleinigkeit." Aber ihre Augen blicken schon dunkel, glänzen sehr und sind mühsam geöffnet. Nach einigen Minuten kommt Schönlein mit einem hübschen Tablettchen zurück, Silber und blitzend sauber, unter dem braunen Kännchen brennt ein kleines Spiritusflämmchen. Das versteht Peter so wohltuend herzurichten. Aber die Schreibmaschine klappert nicht mehr. Elli sitzt mit den Händen im Schoß, die Schultern zusammengezogen, ihr kußlicher und ein wenig geschminkter Kindermund ist ganz klein geworden, und über die Augen haben sich die Lider gesenkt, blasse Lider mit den feinen blauen Aeder- chen der Uebermüdung. Peter stellt sein Tablett beiseite und überlegt, was er tun soll. Es wird ihm nichts übrig bleiben, als daß er seine etwas abgelegenen Schreibmaschinenkünste hervorholt und die vierzehn Briese zu Ende schreibt. Die kleine Elli tut ihm leid. Ein hageres Gesichtchen, nie hat ihr jemand gesagt: du bist schön, und wenn es ein Glück für sie gab, so hieß es: schinde dich ab für andre Leute. Niemand fragt, ob sie müde oder traurig ist, niemand verwöhnt sie. Es gibt Blnmenläden, an deren zärtlicher Fülle Elli vorübergeht. Kommt sie wohl ans den Gedanken: schenkt mir mal einer ein Sträußchen? Hinter den Schaufenstern der Juweliere und der Wäschehandlungen blitzt der funkelnde Ueberfluß. Ellt trägt keinen bescheidenen Talmiring am Finger, und wer hätte ihr wohl mal ein seidenes Hemdchen geschenkt? Aber obgleich das Glück ihr immer die Kehrseite zudreht, nie hört man sie klagen. Wo sich eine Ritze Hoffnung auftut, Hoffnung für andere, Elli stemmt sich sogleich hinein, sie lacht und tröstet und ermutigt die Leute ihres Lebenskreises, und wenn es das Unglück will, so geht sie stempeln und beklagt sich nicht lange, das müssen heutzutage so viele, und deshalb ist es für Elli kein Grund, sich aufzuregen. „Kleines Mädchen", flüstert Schönlein und streichelt die blonden Dauerwellen, „aufwachen, heimgehen, schlafenlegen." Das kleine Mädchen schlägt große Traumangen auf und murmelt etwas, was nach „Ja, gleich!" klingt, und schläft schon wieder, kerzengerade sitzend und nur ein wenig angelehnt. Dieser Schlaf fängt am Munde an, möchte man sagen, steigt in die Lider und bemächtigt sich jetzt des Nackens, der seinen Halt verliert, er macht die Schultern schlaff und nun den Rücken. Das kleine Mädchen an der Schreibmaschine schläft ganz fest, es wacht auch nicht auf vom Geruch des starken Kaffees, den Schönlein in einem Mokkatäßchen unter Ellis Nase hält, und er sicht dabei, wie spitz diese Nase schon ist. Das blüht im Schatten noch zwei, drei Jahre, dann verwelkt cs über ein paar Jahrzehnte, und so erfüllt cs seine Bestimmung. Schönlein nimmt die Schlafende vom Stuhl auf, die Arme um Ellis Schultern und um ihre Knie, sie liegt nicht schwer an seiner Brust, und trägt sie in fein Arbeitszimmer hinüber, dort steht ein Liegesofa, das ist gut dafür, dort streckt dieser federleichte Körper sich aus, ein Rest Besinnung kuschelt die Wangen in die vielen Kissen hinein, die Peter herbciholt. Hier mag Elli eine Stunde schlafen, während er die Briefe zu Ende tippt. Aber dann ergreift es ihn mit einer zarten Mächtigkeit, daß eine tiefe Nacht ist, und wieder eine Frau schlafend in seiner Wohnung, ein wunderhares Gefühl, etwas bis in den Grund der Seele Entbehrtes. Er schiebt keinen neuen Bogen in die Maschine und kehrt an Ellis Lager zurück. Die strähnigen Haare hängen ihr in die Stirn hinein, der Körper liegt da in seiner unschuldigen Wehrlosigkeit. Schönlein zieht ihr vorsichtig die Schuhe ans, Kleinmädchenschiibe ans dem Ramschhasar, und die Strümpfe haben an jedem Faß ein Loch, aber auch dieser lächerliche Anblick verbirgt nicht, wie zierlich Ellis Füße sind, und auch die zerdrückten Aermel ihrer Waschbluse leugnen nicht das Ebenmaß dieser Arme. Peters Müdigkeit verfliegt. Den Kaffee, den er für Elli braute, holt er sich selber, er stellt sich einen Stuhl herbei, vor dies Sofa. Eigentlich müßte er Elli wachrütteln. Aber wer wartet auf sic? Es tut so wohl, eine schlafende Frau zu sehen, es geht tief in die Seele hinab und verbindet die fernsten menschlichen Zeiten. Wcibcr erobern und verteidigen, mit ihnen das künftige Leben zeugen, es ist ein nie begriffenes Gebot der unendlichen Natur. Aber der Urmensch kauerte am Lager des schlafenden Urweibes. Schönlein zieht eine Plüschdecke über Elli, bis an den Hals. 1 Eine Weile später geht er in fein Schlafzimmer, entkleidet sich und ! legt sich nieder. Aber schlafen kann er nicht. Es ist wieder eine ■ Frau im Haus! Und noch mehrmals in dieser Nacht wandert er von feinem Rett zu Elli, wagt kein Licht zu machen, weil er fürchtet, sie könnte aufwachen und heimgehen. Vor seinem Hause sicht eine Laterne, nackte Kastanienäste schwanken darüber in der Winternacht, Schatten und Licht tanzen an der Decke. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'scheUniversitätS-Duch» und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.