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Behandelt die Frauen mit Nachsicht: Es ist nicht gut, daß Euch eine Rippe bricht. „ , , , , .... . .. viele Gebetspfeile auf das Feld setzen, so wird unsere Ernte keinen Schaden leiden/ Cha freute sich sehr über die Wandlung im Gemüt ihres Gatten, der nun allzeit fröhlich war. Bloß daß er Heimlichkeiten hatte daß er sich morgens und abends eine Viertelstunde in den Speicher einschloß, ärgerte die junge Frau. Sie lauschte an der Tür und hörte, daß Iitso mit jemandem sprach. Cha konnte ihre Neugier nicht bezwingen; eines Nachts stellte sie ihren Mann zur Rede. Iitso schwieg verwirrt; doch wer kann einer schönen Frau aus die Dauer widerstehen, wenn sie die Matte mit ihm teilt? Iitso berichtete also, was er im Laden des Händlers gefunden hatte, wie er dort seinen Vater für wenige Kupfermünzen kaufen konnte, und daß er dem Ehrwürdigen nun morgens und abends seine Aufwartung mache, ihm Rechenschaft vom Wachstum der Saaten gebe und sich an seiner Freude freue. Cha jedoch glaubte der verwunderlichen Geschichte nicht. Als Iitso auf dem Reisfeld arbeitete, lief sie in den Speicher, warf die Geräte aus der Truhe, wickelte das Papier vom Spiegel und wollte sich den Vater selbst auch ansehen. „Q Jammer" rief sie aus, „Iitso hat mich schmählich belogen!" Denn im Spiegel war nicht das Gesicht des Vaters, eine schöne, ganz junge Frau mit blanschwarzem Haar blickte sie an, ängstlich zuerst, dann zornig, voll Empörung. Aber Iitso sah nicht den frommen Eifer und die Lieblichkeit im Gesicht feiner jungen Frau. Und als der Tag des Abschieds von den Toten gekommen mar, als der Gatte tränenüberströmt das kleine Totenschiff aufs Wasser setzte, dem winzigen Fahrzeug nachblickte, wie es laternenerleuchtet den Fluß hinunterschwamm zum Meer und schließlich zum Totenreich, da faßte sich Cha Mut und sprach: „Geliebter, du mußt deine Trauer bannen, sonst dorrt auch mir das Herz. Wallfahrte nach der großen Stadt Kioto und bete 311m wundertätigen Buddha,...... heile. Ich will inzwischen das Haus hüten und 1 Iitso gehorchte. Weil der Regen strömend vom Htinmel fiel, legte er seinen langen Strohmantel um die Schultern und wanderte mühsam und bedrückt über die große Straße. Er sah mancherlei, was ihm bis dahin unbekannt gewesen war, blühende Gebirgswiesen und bewaldete Hügel, Bäume, die mit seltsamen Formen vor dem roten Abendhimmel standen, als hätte der Tuschpinsei eines Magiers sie hingesetzt zur Freude des Menschen. Schließlich erreichte Iitso die Stadt, tauchte ein in das Gewimmel der Menschen, betäubt von einem Leben, dessen Buntheit er sich in der Leere seines Geburtsorts nie geträumt hatte. Er seufzte auf, als fei er einer Lebensgefahr entronnen, wie er schließlich im Dämmerlicht des Tempels kauerte, und schickte mit dein Weihrauchdunst seine Gebete zu Buddha, dem Herrn. Aber — war dies schon ein Anfang der Befreiung von feiner Trauer? — immer wieder lockte ihn eine bestimmte Gasse in der Stadt, die lauter blau gestrichene lichte Häuser hatte, Dächer in der Farbe jenes fröhlichen Blau, das Cha liebte, dunkelblau ausgefchlagene Verkaufsstände und leuchtend blaue Fahnen. Um die Mittagsstunde suchte er den Weg dorthin, wollte für Cha ein seidenes Tuch kaufen, weich und himmelblau, mit aufgemalien Gräsern und fliegenden Vögeln, winzig klein, so daß sie es eben zum Schmuck um ihr zartes Handgelenk schlingen konnte. Der Verkäufer empfing ihn sehr höflich und zeigte Iitso alle seine Schätze, weil er sofort erkannt hatte, daß dieser Fremdling vom Lande fei, unwissend und leicht zum Kauf zu überreden. So sah Iitso zum erstenmal einen Spiegel. Wer beschreibt fein Erstaunen, als er in die glänzende Scheibe blickte! ein Schauer rieselte über Jitsos Rücken, feine Knie zitterten und kalter Schweiß näßte ihm die Hände. Kein Zweifel — das Gesicht im metallenen Rahmen kannte er; das war niemand anders, als No-Saku, der Vater! Jung, stark und gesund sah der Vater aus, so, wie ihn Iitso in Erinne- rurtg hatte aus der Zeit, da er selbst noch ein Knabe war. Iitso stammelte ein Dankgebet; im gleichen Augenblick bewegte auch der Vater im Spiegel die Lippen, ja, die Frömmigkeit seines Sohnes schien ihn fo zu rühren, daß zwei Tränen aus seinen Augen perlten. Schnell bezahlte Iitso und eilte bann, den in buntes Papier eingewickelten Spiegel krampfhaft fest unter dem Arm, der großen Landstraße zu. Während all der Tage des Wanderns dachte Iitso nicht an Essen und Trinken; nur schnell den Vater heimbringen in die alte Bambushütte! Mitten in der Nacht kam Iitso vor sein Haus, schlich auf Zehnspitzen nach dem Schuppen, wo die Ackergeräte stehen, und verbarg den Spiegel auf dem untersten Grund der großen Truhe. meiner Samilienbliitter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Papier geschnitten hatte, stellte ihr eigenes Lacktischchen, uraltes Erbe der Samurai-Ahnen, vor den Altar und kredenzte der Seele des Toten Lotosblüten und Süßigkeiten, soviel sie beschaffen konnte, Zuckermelonen, Pflaumen und Pfirsiche. Geschichte einer jungen Liebe. Dem Japanischen nacherzählt von Paul E i p p e r. Iitso war der einzige Sohn des Bauern No-Saku, und beide wohnten außerhalb des Dorfes in einer Bambushütte, arm an irdischen Gütern. Doch sie liebten sich innig, so sehr, daß keiner auch nur eine Stunde ohne den andern bleiben wollte. Glücklich, singend bearbeiteten sie Sommer um Sommer ihr kleines Reisfeld, schliefen gemeinsam auf der wollenen Decke und entbehrten nicht die Gesellschaft der übrigen Menschen. Eines Abends faßen sie auf dem mattenbedeckten Boden ihrer Hütte, hatten den mit Papier überzogenen Rahmen der vorderen Hauswand weg- geichoben und sahen zufrieden in den blauen Himmel, der bis zur Unendlichkeit sich dehnte. No-Saku tat noch einen Zug aus der winzigen Pfeife, klopfte die Asche aus dem Kupferkopf und räusperte sich. „Iitso", sagte er, „ich habe lange nachgedacht und finde, daß du nun heiraten mußt. Bislang war mir der Gedanke schrecklich; denn ich fürchtete für den Frieden dieser Hütte, wenn eine Frau das Leben mit uns teilte; aber ein Traum sagte mir, es sei nun hohe Zeit." Zum erstenmal sand Iitso keinen Schlaf; tausendfältige Gedanken kreisten hinter feiner Stirn, verlockende und angstvolle. Am Morgen aber streifte er über das weiße Lendentuch, das sonst die einzige Bekleidung seines sonnengebräunten Körpers war, die eng anliegenden Beinkleider, knüpfte mit Bambusfasern die Sandalen fest an feinen nackten Füßen, schlüpfte in die kurze, weitärmelige Seidenjacke, die sein Vater ihm lieh, und setzte den großen, weißen Basthut auf, der wie ein Pilz über seinem Schädel saß. Biorgenkühle wehte lind und erfrischend vom fernen Schneegipfel des Fujijama; eine bläulich silberne Durchsichtigkeit der Luft machte, daß jeder Baum und jeder Strauch schon in weiter Ferne sich scharf und deutlich abhob von seiner Umgebung. „Dies ist der rechte Tag zur Brautschau", sagte No-Saku Hnd gab seinem Sohn das Geleit. Am zweiten Tage schon traf der junge Reisbauer die schöne, rosen- wangige Cha, und fein Herz entbrannte in Liebe zu ihr. Auch das Mädchen schaute, verschämt zwar, doch mit leuchtendem Blick auf den fremden Mann, und vor dem Laden des Erillenverkäufers kamen sie in ein scheues erstes Gespräch. Bald heiratete Iitso bann die schöne Samuraitochter, und unter mancherlei, wenn auch bescheidenen Feierlichkeiten zog Eha in die Bambus- Hütte, deren erhöhter Boden nun den ganzen Tag freundlich widerhallte vom Klipp-Klapp der Gctas; denn das junge Mädchen wußte recht drollig in den Holzschuhen zu Hüpfen. No-Saku freute sich sehr über die Wahl des Sohnes; auch er liebte Cha und ihren feinen Geschmack, wie sie durch ein paar Blumen und Zweige die Eintönigkeit der Hütte beleben konnte. Und weil Blau Chas Lieblingsfarbe war, strich der alte Mann über Nacht die Pfosten und das ganze Gebälk des Hauses mit einem lieblichen Himmelblau. Doch der kalte Wind der Nacht biß feine Brust; No-Saku kränkelte, «in böser Husten verzehrte ihn. Der ehrerbietige Sohn und die demütige Schwiegertochter wichen nicht eine Stunde vom Krankenlager; zärtlich pflegten sie den alten Marn« und verbrannten Räucheropfer, um die Gottheit gnädig zu stimmen. Aber den Ewigen gefiel es, Schmerz auf das : junge Paar zu legen und Herzeleid. No-Saku verfiel immer mehr; noch I «he der erste Monat feit Chas Ankunft vergangen war, endete der Vater in den Armen Jitfos und der jungen Cha fein Leben. Gebeugt von tiefer Traurigkeit verbrachte Jitfo Woche um Woche, kaum fähig, die Arbeiten auf dem Felde zu verrichten. Selbst die Liebe ä feiner schönen Gattin heiterte ihn nicht auf; Tränen benetzten die Schüs- - sein mit Reis und Gemüsen, die sie zum anmutigen Mahl ihm kredenzte. -3a, immer wieder legte Iitso die Eßstäbchen zur Seite und lief hinaus, | starrte zum Dachfirst hoch, in der Hoffnung, die Seele seines Vater zu 8 entdecken, wie sie segnend über der Hütte schwebe. Als die Zeit des Laternensestes nahte, da man die Toten ehrt, hoffte I Eha durch ein besonders schönes Fest die Qual von Iitso zu nehmen. Sie schmückte den Hausaltar mit vielen Blumen, die sie selbst aus buntem s Wnb Cha weinte den ganzen Tag vor dem Hausaltar, bis Jitso abnunaslos ins Zimmer trat. „Du schändlicher Lugner , beschimpfte fie ben Gatten idi'roeifj ganz genau, was du heimlich im Schuppen verborgen Ast" Schämst du dich nicht, das heilige Andenken demes Vaters 3U schmähen, dein Weib mit einer Person zu betrugen, die gar nicht dein “Sf 'barfjtc, seine Frau habe den Verstand verloren und beschwor s,e. ihm ui glauben, daß niemand anders als sein Vater m der Truhe wohne. Schoner Vater", schrie kreischend tue beleidigte Cha, „blicke nur redjt deutlich in deinen Spiegel! Warum hast du mich Überhaupt gehe' ratet wenn du... Ich kratze ihr die Augen aus, der koketten Frauensperson in deinem Spiegel." Dann verbarg sie sich in ihrer Kammer, rieaelte die Tür ab. Jitso ging zur Truhe, nahm den Spiegel und sah In die traurigen Augen seines Vaters. Kein Zweisel, ein Dämon mußte seine liebe Frau verzaubert haben. Im Gesuhl des guten Gewissens und ieiner Unschuld klopfte er an die Kammertür und flehte Cha an, mit ihm zu der heiligen Nonne zu gehen, die oben am Berge in einer Hohle hQufte Cha willigte ein unter der Bedingung, daß das Frauenzimmer auch mit gehe und die Nonne Jitsos Schande selbst betrachten könne. De? Gatte gelobte es und packte den Spiegel in die vom Vater ererbte ‘stumm schritt das Paar den steilen Berg hinauf, Juso läutete die Glocke, und die fromme Frau erschien. Sie härte stumm Chas Klage an, hörte auch Jitsas Verteidigung und griff dann wortlos nach dem Spiegel. Behutsam wickelte sie den verdächtigen Gegenstand aus, sah lange aus die alänzende Fläche, dann betete sie und nahm Chas Hand. Du hast recht, meine Tochter; dein Gatte ist einem Blendwerk unterlegen. Aber glaube der Weisheit meiner grauen Haare, der Frieden eurer Ehe wird künftig nicht mehr getrübt werden. Auch ich habe setzt das fremde Weib gesehen. Aus Scham Über ihre Sunde, deinen Mann umbuhlt zu haben, ist sie während des kurzen Weges zu meiner Hohle eine ganz alte Frau geworden, zerfurcht im Gesicht mit vielen tausend Falten Und deshalb werde ich sie bei mir behalten m meiner Klosterzelle. Geht heim, Jitso und Chai Buddhas Segen über euch und die Kinder, die Cha dem Gatten bescheren wird!" Der Theaterzettel. Zu seinem 500. Geburtstage. Von Dr. Paul Landau. Wir wissen nicht, wann der erste Theaterzettel das Licht der Welt erblickte. Wie so manche andere Ersindnng, deren wir uns heute als selbstverständlich bedienen, ist seine Entstehung „vergraben tt, dunkler Nacht". Aber trotzdem dürfen wir in diesem Jahr leinen 5X). Geburtstag feiern, denn der älteste uns erhaltene Zettel, der Urahne eines unzähligen Geschlechts, stammt aus dem Jahre 1433 und wird m der Londoner Theaterzettel-Sammlung, der vollständigsten ihrer Art, ausbewahrt. Gr ist mit schwarzer Tusche auf Pergament geschrieben und hat eine lange Vorgeschichte, denn früher wurden schon Aufführungen angekundigt, wenn auch freilich nicht in der uns geläufigen Form. Das Altertum kannte den Theaterzettel nicht. Das Wichtigste von dem, was heute der Zettel erzählt, teilte bei den späteren griechischen Komödien- ; dichtem der Prolog mit. Eigentliche Theateranzeigen sind zu Anfang der ; römischen Kaiserzeit ausgekommen, wir würden von diesen vergänglichen Aufzeichnungen nichts wissen, wenn nicht ein glücklicher Zusall in dem oom Be uv verschütteten und dann wieder ausgegrabenen Pompeji eine antike Stadt in unsere Zeit hinübergerettet hätte. Auf einer jener geweihten Wände, aus denen Bekanntmachungen aller Art mit schwarzer Farbe für das pvmpejanische Publikum hingekritzelt wurden, finden wir eine Bekanntmachung, die zwar keine Vorstellung im Theater, aber doch eine im Zirkus ankundigt. Die Anschrist lautet: „Des Aedilen Suettms Certus Gladiatorensamilie wird in Pompeji am ersten Juli kampsen. Auch eine Tierhetze findet statt. Ein Zeltdach ist vorhanden." Andere derartige Anzeigen, wie wir sie auch für Theateraufführungen annehmen dürfen, haben den Zusatz: „Wenn das Wetter es erlaubt , und derselbe Hinweis auf die Abhängigkeit von der Witterung, dir bei den Vorstellungen im Freien ausschlaggebend war, sindet sich später auf den Theaterzetteln des 16. Jahrhunderts. In der römifchen Kaiserzeit gab es schon Anschlagsäulen, denn mehrfach stoßen wir auf die Angabe, daß Programme theatralischer und zirzensischer Spiele an Säulen oder Pfeilern angeheftet wurden. Als im Mittelalter mit den Mysterienspielen eine neue Theaterkultur sich zu entwickeln ansing, da war zunächst keine Bekanntmachung vonnöten, denn die Spiele waren ja in den Nahmen der kirchlichen Feste eingefügt, und Bürger wie Behörden nahmen in ihrer Gesamtheit an diesen großen Veranstaltungen teil, die als wahre Volksfeste die ganze Stadt beschäftigten. Da zudem die Aufführungen zu Ehren Gottes stattfanden und niemand mit ihnen Geschäfte machte, lag jeder Gedanke an Reklame fern. Allmählich aber wuchs die Zahl der Vorstellungen, sie losten sich von der Kirche los, und so war es praktisch, in großen Städten die Bürgerschaft von den Einzelheiten der geplanten Aufführungen zu unterrichten. Die älteste erhaltene deutsche Urkunde dieser Art, die aber mehr als 30 Jahre jünger ist, als die überhaupt älteste englische, ist eine geschriebene Ankündigung für eine Hamburger Passionsaufführung in niederdeutscher Sprache; sie lautet hochdeutsch gekürzt: „Gott dem Allmächtigen zum Lobe, dem Leiden unseres Herrn Jesu Christi zur Ehre und Würde, den Herzen der Menschen zur inneren Einkehr, um der ewigen Seligkeit willen, sind die würdigen Herrn Dekane und das Kapitel und ein ehrsamer Rat dieser Stadt übereingekommen, daß man in der kommenden stillen Woche das Leiden des Herrn spielen soll Die Herren des Kapitels und vom Rat werden dasür Sorge tragen, daß das Geld, das zum Spiele gespendet ist, für nichts anderes aus-gegeben wird." Als Spielzeit wird dann In der Ankündigung, die wahrscheinlich aus dem Jahre 1466 stammt, Montag und Dienstag um 12 Uhr nach der Mahlzeit angegeben, die nach Besuch de» Gottesdienstes eingenommen werden soll. Ist hier noch mehr der Ton des obrigkeitlichen Erlasses festgehalten, so tritt der Charakter der Ankündigung deutlich hervor in dem ältesten gedruckten deutschen Theaterzettel, den wir kennen, einem Blatt in prach- ttqen Leitern für eine Rostocker Aufführung von 1520, die, aus dem Niederdeutschen übersetzt, folgendermaßen beginnt: '.'Durch Gunst und Erlaubnis der geistlichen und weltlichen Obrigkeit dieser Stadt Rostock wird man hier — will's Gott — am kommenden Sonntag ab dem Tage Mariae zur Ehre Gottes ein schönes inniges Spiel veranstalten von dem Stand der Welt und den sieben Altersstufen des Menschen, wo durch m sieben Artikeln das Leiden Christi aus sieben Tageszeitendargeftellt wird Daran schließt sich eine Empfehlung des hohen moralischen Wertes der Aufführung, und am Ende heißt es: „Wem sodann dies zu sehen beliebt der verfüge sich nach dem mittleren Markt, da wird man um halb zwölf ""^AiU diesen ältesten Theaterzetteln fehlen stets Personenverzeichnisse und Namen der Darsteller. Die einzelnen Persönlichkeiten traten 1° hinter der Heiligkeit des ganzen Unternehmens völlig zuruch und lochet sich nicht alle damals kannten und daher des Bürgermeisters Tochterlein als Mana und der Herr Säckelbewahrer als Pettus nicht erst vorgestellt zu werden brauchten, ging der einzelne Darsteller niemanden etwas an. Wo es der Sinn des Spieles erforderte, stellte der Prolog die einzelnen Figuren vor, die Darsteller trugen auch den Namen ihrer Nolle auf der Kopfbedeckung oder auf einem Zettel in der Hand. Im ganzen war das Ankundigungs. wesen beim Theater im 16. Jahrhundert noch sehr dürftig, und die nch ige Theaterreklame kam erst auf, als die ersten Berussschauspleler auftraten, die aufs Geldverdienen angewiesen waren. Das war zunächst m ling« land der Fall, und hier bürgerte sich der Theaterzettel bald ein. Als ihn bann die „englischen Komöbianten" auch in Deutschlanb heimisch machten, begnügten sie sich bannt nicht, sondern veranstalteten m den deulschen Städten, um Aussehen zu erregen, große Umzüge, bei denen sie ihre Dor- stellunaen durch marktschreierische Deklamationen unter Trommel- und Trompetengetön ankündigten. Da eine hohe Obrigkeit diese ,,ungehörigen Aufläufe" verbot, muhten sich die Prinzipale der englischen Truppen damit begnüaen, bloß zu Ansang und Ende der Komodie die Trommel zu rühren und sich durch „angeschlagene Briefs" an bas Publikum zu roCnDer’ältefte uns erhaltene „Briefs" stammt aus Nürnberg und ist vom 21. April 1628 datiert. „Zu wissen sey jedermann", heißt es Da, „bah allhier ankommen eine gantz neue Compagni Comoebianten, so niemals zuvor hier zu Land gesehen, mit einem sehr luftigen PsFechermg - welche täglich agieren werden fchöne Comoedien, Tragoedien, Pastorellen (Schafferei,en) und Historien, vermengt mit Üblichen und lustigen Interlumen, und zwar heut Mittwoch den 21. Aprilis werden sie praesenttrn eine sehr lustige Comoedie genannt: Die Liebes Süßigkeit verändert sich m Todes Bitterkeit Nach der Comoedie soll praesentirt werden em schoen Ballet und lächerliches Possenspiel. Die Liebhaber solcher Schauspiele sollen sich nach Mittags Glocke 2 einstellen ussm Fechthauh, allda umb die befttmbte Zeit präzise angegangen werden." Ein solch verhältnismäßig einfacher Zettel konnte aber die pomphaften mündlichen Ankündigungen nicht ersetzen. Für die grohen Haupt- und Staatsaktionen, für die mythologischen und phantastischen Szenenfolgen, die die englischen und die frühesten deutschen Schauspielerbanden aussührten, brachte das Publikum eine aus- führliche Inhaltsangabe, und die bildete nun in möglichst wirksamer ; Auszählung aller Wundertaten, Schrecknisse und lustigen Episoden den ! Hauptinhait des Theaterzettels. Solche ellenlangen bombastischen Haufun- * gen all der Herrlichkeiten, die dem Publikum vorgesetzt werden sollen, I haben sich auf den Zetteln der Schmieren bis in die jüngste Vergangenheit erhalten und verfehlen nie ihre Wirkung auf eine naive Menge. Aber schon der Prinzipal Velten, der für die Reformierung des deutschen Theaters viel geleistet, hat die Inhaltsangabe öfters weggelafsen, und später hals man sich, um wenigstens etwas von dem Inhalt anzudeuten. *tnit einer angehängten Erklärung des Titels, worüber schon Lessing als über einen „Küchenzettel" gespottet hat. Es ist die aus dem , Schaucrdrama" bekannte Manier mit dem beliebten „ober , die sich noch aus Theaterzetteln unserer klassischen Literatur findet wie z B. Romeo und Julia ober ber unvermutete Ausgang auf bem Kirchhofe . ,'Minna von Barnhelm ober ber Major mit bem steifen Arme", „Emilia Galotli ober ber Hintergangene Fürst", „Clavigo ober das Leichenbegrab- n‘S Der‘beginn der Ausführung wird in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts meistens mit 5 bis 6 Uhr angegeben, bas Enbe häufig gegen 9 ^Bisweilen erhielt ber Theaterzettel eine Ermahnung zum Anstand für die Galerie. Da heißt es: „Die erste Reibe der Gallerie liegt, die zweite hockt auf der Erden, die dritte kniet, die vierte fitzt auf denen Bänken, die letzte steht, und ihnen allen ist streng verboten, herunter in das Parterre I w spucken". Moderner wirkt die folgende Bitte eines Bremer Theater- zettels von 1791: „Diejenigen Damen, welche dem Publiko die kleine Gefälligkeit etwa bisher noch nicht erwiesen haben, in bem Schauspiele mit niedrigerem Kopfputz als gewöhnlich zu erscheinen, werden nochmals inständig gebeten, doch dem gemeinsamen Vergnügen dies unbebeutenbe Opfer zu bringen." Der Theaterzettel wirb auch bereits zu allerhcmb Mitteilungen benutzt, bie aus bie im 19. Jahrhundert üblich gewordene Anzeige Hinweisen, so wenn es auf einem Zettel ber Seyler sitzen Truvve i von 1775 heißt: „Am Freytaye ist beym Eingang an ber Cosse ein Selb« beutel liegen geblieben, ber Eigenthürner besfelben, der sich darüber ge- ' nirgend legitimieren kann, beliebe sich bey mir in den drey Schwanen zu melden." Die wichtigste Neuerung im Theaterzettel des 18. Jahrhunderts, die zugleich ein Zeichen für das Hervortreten ber künstlerischen Persönlichkeit und für bie Hebung bes Schaulvielerstcwbes ist. war bie Nennung ber Schauspieler mit Nomen, bie zwischen 1750 und 1760 >n Deutschlanb üblich wurde. Auf den Theaterzetteln ber Seylerschm Truvve erhalten bie männlichen S^auspie'-er zuerst die Titulatur „Herr", d'e Damm „Ma- bame" unb „Mademoiselle". Auch Dichter werben jetzt öfter mit Nackien * Narr, lustige Person. aufgeführt, und zwar mit allen ihren Titeln und Würden, so daß es heißt: „Romeo und Julia, bürgerliches Trauerspiel vom Herrn Kreissteuereinnehmer Weiße" oder „Minna von Barnhelm vom Hofrat Magister Lessing". Mit diesem Zeremoniell, das sich übrigens noch bis weit ins 19. Jahrhundert erhielt, räumte Goethe in Weimar auf; er nannte während seiner Direktion einfach die Namen der Dichter und Schauspieler, er machte auch aus dem Zettel, der bis dahin vielfach ein ungeheures Format hatte, ein handliches viereckiges Blatt und verlieh dem Theaterzettel überhaupt eine schlichte Sachlichkeit und einfache Würde. Reise rund durch Frankreich. Bon Josef Ponten. Es darf wohl gesagt werden und wird gelten, daß die romanische Kultur mehr stadtgeboren und stadtbestimmt, „urbaner" ist als die germanische. Daraus folgt im allgemeinen ein etwas anderes Verhältnis des Romanen zum Lande: es mag ein sentimentaleres sein. Im Sommer ist man, ist namentlich der Pariser „ä la Campagne", oft in Gesellschaft; der Franzose hat die gesellschaftliche Kultur ausgebildet und suhlt sich wahrscheinlich in der Gesellschaft glücklicher als der Germane. Im französischen Roman — der Roman ist Chronik und Spiegel, aber auch Handpostille und Fibel der Kultur — spielt das Landleben, das gesellschaftliche Leben, eine große Rolle. Da liegt das kleine Dorf mit seinen meist gereihten, in geschlossener Front stehenden, ein wenig langweilig und nüchtern aussehenden Häusern. In allen alten Kulturländern ist Holz selten, der Römer kam aus einem an Holz schon verarmenden, von Natur aber an Steinen reichen Lande in ein an Steinen, an schönen zum Bauen geeigneten Steinen, reiches Land und gab ihm zu einem gewissen Teile sein Gesicht. Ein trotziges Bauerntum scheint unpopulärer in Frankreich gewesen zu sein als in Deutschland. Das in eigenwilliger Isolierung stehende und das Siedlungsideal der verschiedenen sich unabhängig nebeneinander behauptenden Stämme ausdrückende deutsche Bauernhaus, wie etwa das ober- bayerische, mit langen Holzbalkonen und Galerien ins Land hinausschauend, oder das sich hinter Wasser, Gräben und Eichenkamps bergende niedersächsische Bauernhaus, ist in Frankreich ohne Parallele. Selbst die geselliger siedelnden Hessen und Franken haben eigene und unverwechselbare Bauformen ihrer Siedlungen geschaffen, die Friesen wieder andere als die Niedersachsen — das deutsche Bauernhaus ist ein schönes gewachsenes Äatur-Kulturzeugnis, ein eigentümlicher und kostbarer Besitz Europas, ein Charakter von nicht minderer grundsätzlicher Bedeutung als etwa der griechische Tempel oder der römische Stadtplan. Der Römer und überhaupt der Mittelmeerländer ist ein im aristotelischem Sinne mehr politischer Mensch und hat die Gemeinschaftsformen, auch die baulichen, ausgebildet; das Individuum trat zurück und mit ihm auch die Ausdrucksgestalten des individuellen Lebens. Also wurde das Haus gleichförmiger, es blieb unbedeutend und hatte sich zu fügen. Diese Beobachtung drängt sich einem in Frankreich bald auf, und sie stimmt auch mit vielen anderen Zügen des volklichen, des geschichtlichen und des politischen Schicksals überein — wenn man in einem großen Kreise durch ganz Frankreich reift, überall, die Bretagne vielleicht ausgenommen, behält Bauernhaus und Dorf ein annähernd gleiches Gesicht, wenn auch das jeweils zur Verfügung stehende Baumaterial und das Klima des Landstriches natürlich Individualzüge hineinzeichnen. Jedenfalls, Formspannungen wie in Deutschland gibt es nicht. Die Dorfflur, das „Gewann", ist weiträumig und weitläufig in Frankreich. Wie sollte es anders fein in einem Lande, dem, wenn wir RRßland zu Asien stellen, an Landfläche größten, an Bevölkerungszahl aber dritt- ober viertgrößten Europas. Diese Bevölkerung wohnt fast zur Hälfte in den Städten, und von der Gesamteinwohnerzahl der nur fünfzehn Großstädte entfällt die Hälfte allein auf Paris. Das bedeutet, daß die Kleinstadt, die zudem das Gesicht der Landschaft längst nicht so entscheidend wie die Großstadt verändert, eine große Rolle hat, und daß es für die Landbewohner genug Platz gibt. So erscheint dem. Reisenden, der aus dem in Stadt und Land überfüllten Deutschland kommt, die französische Landschaft weit und oft leer, die Dörfer drängen sich nicht in unüberschaubaren Gesichtskreis wie oft in Deutschland, so viele kleine Städte mit Industrien auf engem Raum wie zum Beispiel in Württemberg und Sachsen dürften in Frankreich vergeblich gesucht werden. Die stagnierende Bevölkerung braucht keine sehr intensive Felderwirtschaft, und so sieht man weit weniger als bei uns das lebhafte Maschinenwesen landwirtschaftlicher Betriebe und die weißen Felderflächen mineralischer Düngung; es herrscht altmodische, idyllische und patriarchalische Landwirtschaft vor. Der Weinbau, der überhaupt keinen Maschinenbetrieb im Freien zuläßt, ist viel ausgedehnter als bei uns, und Rebenzucht trägt in eine Landschaft etwas Heiteres, Altertümliches und fast Biblisches. In der Nähe des Dorfes zieht ein stiller Kanal vorbei, man sieht auf den geraden Wasserzeilen zwischen endlosen Reihen von Weiden ober Pappeln, die auf den Dämmen stehen, den Schiffer den seltenen Kahn stoßen. Denn ob auch Frankreich, dank der Natur seines Gewässernetzes leicht und mit Gewinn und dank seiner frühen nationalen Einigung, die schon vor Luthers Zeit vollendet war, Kanäle bauen konnte und es in der Zeit seiner großen Politik, der des absoluten Königtums, auch tat, so sind die Kanäle wohl meist schmal, seicht, keine „Großschiffahrtswege" und bewirken einen schon fast geschichtlichen Reiz. Wald ist auf den Höhen an den Rändern der Landschaft und auf engste Räume zurück- und zusammengedrängt und ist an sich schon seltener in einem Lande, dessen Großteil im waldfeinblichen trockenen Süden liegt; die alten Kulturen haben, wie bereits gesagt, viel Holz verbraucht, und aufzuforsten liegt in einem Lande mit unermeßlichem Kolonialbesitz ter ist sechsundzwanUgmal größer als das Mutterland), der zum guten Ten in den feuchten Troven, den eigentlichen Waldländern der Erde, sich findet, keine rechte Veranlassung, kein wirtschaftlicher Antrieb vor. Entlang den Kanälen und Landstraßen stehen hohe schone Pappeln, zahllose Panpeln, Pyramidenpappeln, italienilche Pappeln, die in nördlichen Landschasten den Stilbaum der südlichen, die Zypresse, ersetzen. Man kann die Pappel wohl den Charakterbaum Frankreichs, der fron» zösischen Kulturlandschaft nennen, so häufig ist sie, und der Beweis für gen Fleiß und die Absichtlichkeit, mit der sie gepflanzt wurde, dürste die im Rheinland oft zu hörende Behauptung sein, baß die rheinischen Pappeln an ben großen Lanbstraßen, die in der Zeit der zwanzigjährigen französischen Fremdherrschaft am Rhein gut vor hundert Jahren angelegt wurden, alle „von Napoleon gepflanzt" seien. In der Nähe des Dorfes liegt das ChLteau, das Schloß, in dem wohl meist ein Städter ober gar ein Pariser im Sommer wohnt; ChLteau — der Franzose ist entsprechend der Volltönigkeit aller romanischen Sprachen und der Raumbedürftigkeit romanischen Wesens freigebiger als wir in der Zuteilung gutklingender Benennungen und zum Gebrauch großer Wörter geneigt. Meist ist es ein ChLteau des Dix-Huiticme aus der Zeit der Adelsherrschaft, mit Mansard- und Walmdächern, bas der späte Enkel noch hält ober bas der Bourgeois in der Adelssäkularisation erwarb. Aber auch Neubauten der letzten bürgerlichen Zeit sind bei dem konservativen Sinn der Franzosen für gewöhnlich im Stil des 18. Jahrhunderts errich- tet. (Versuche im modernen Stil sind, wie überhaupt die — seltene — moderne Architektur in Frankreich, fast ausnahmslos greulich). Schöne Pappelalleen führen auf die ChLteaux zu, namentlich auf die größeren und älteren, Terrassen schauen ins stille Land, und kleine und größere Parks mit alten schönen Bäumen gibt es da voll von Stimmungszauber. Das französische ChLteau ist ein eigentümlicher und kostbarer Kulturbesitz des westlichen Europa! Man sieht Entenvögel, Störche und auch Reiher fliegen, fein Wunder in den verhältnismäßig schwach bevölkerten und vom modernen Gewerde- e nicht ergriffenen Landschaften. Burgen wie in Deutschland, kleine gen eines kleinen Rittertums, die von der Zeit zerstört wurden, sieht man wenig, sieht man fast keine in Frankreich, da bei feiner selten zentralistischen Tendenz ein kleines Individualrittertum sich nicht entwickeln ließ. Nur einige wenige große Burgen des großen Adels erscheinen im Lande, namentlich an der Loire, die bann mit größtem Recht ChLteaux zu nennen sinb unb mit ben Bauten der Könige wetteifern. Das ist im großen das typische Bild einer Landschaft der „douce France“, wie ein verliebter und liebenswürdiger Patriotismus sagt, im ganzen also ein wenig stiller und gehaltener als bei uns, ein „paysage intime" — das Wort ist eine französische Erfindung —, auch mehr einheitlich als bei uns, ein wenig antiquierter sicherlich auch, bas Bilb einer Landschaft, wie wir sie aus ben Romanen Balzacs für bie Touraine (Balzac stammte aus Tours) kennen. Selbstverständlich ist solcher Art beschriebene Lanbschaft immer ausgesucht, eigentümlich unb in Besonder- heit auffällig, so wie ein eigenartiger Mensch in ber Masse, selbstverständlich gibt es auch sozusagen neutrale, wenig ausgezeichnete unb für Frankreich ebenso wenig typische Landschaften, wie sie es für Deutschland wären, wo sie ebenso unterschiedlich vorkommen. Es gibt natürlich weite Strecken, namentlich im nördlichen Frankreich, in denen man, wenn man nicht wüßte, baß man in Frankreich ist, in Deutschlanb zu fein glauben könnte. Das Untypische ist naturgemäß überall verwanbter als bas Typische, Gestalt liebt Ausschließlichkeit. — Die Vergleichbarkeit bes Untypischen mag sogar den größten Teil ber Masse der beiden Länder beherrschen. Europa ist zu klein, um sehr große Formspannungen zu erzeugen. Wir kennen durch die Impressionisten viele Bilder von Landschaften der Seine und Marne. Und da ist die Wiedergabe folgender auffälliger Beobachtung am Platze: an einem heißen Augustsonntag fuhr ich aus dem glühenden Paris seineaufwärts aufs Land. Wie teer waren die Ufer der Seine! Wie wenige in der Millionenstadt drängte es hinaus in die Natur! Und dagegen ein Augustsonntag oder auch nur ein Werktag an den Ufern der Havel ober ber Jsarl Nein, ber Pariser hat nicht bas urtümliche ursprüngliche Verhältnis zu der Natur! Ein französischer Journalist reift in Deutschland, er beschreibt bas sommersonntägliche Treiben an ben Haoelseen vor ben Toren Berlins, er nennt es im Pariser „Journ-l" — mit leichtem Schrecken offenbar —: „hygienischen Paganismus". Wir Deutsche lesen bas Wort mit anberm Vorzeichen unb sinb des ueränberten Sinnes froh. Kleider machen Leute. Novelle von Gottfried Keller. (Fortsetzung.) Nun war es eine weitere Fügung, daß der Schneider, nachdem er auf seinem Dorfe schon als junger Bursch dem Gutsherrn zuweilen Dienste geleistet, seine Militärzeit bei den Husaren abgebient hatte und demnach genugsam mit Pserben umzugehen oerftanb. Wie daher sein Gefährte höflich fragte, ob er vielleicht fahren möge, ergriff er sofort Zügel und Peitsche unb fuhr in schulgerechter Haltung in raschem Trabe burch bas Tor unb auf ber Lanbstraße bahin, so baß die Herren einanber ansahen unb flüsterten: „Es ist richtig, es ist jebenfalls ein Herr!" In einer halben Stunde war das Gut des Amtsrates erreicht, Stra- pinsti fuhr in einem prächtigen Halbbogen auf unb ließ bie feurigen Pferde aufs beste anprallen; man sprang von ben Wagen, ber Amtsrat kam herbei und führte bie Gesellschaft ins Haus, unb alsobald war auch ber Tisch mit einem halben Dutzend Karaffen voll karneolfarbigen Sausers besetzt. Das heiße, gärende Getränk wurde vorerst geprüft, belobt, und sodann fröhlich in Angriff genommen, während ber Hausherr im Hause bie Kunde herum trug, es sei ein vornehmer Gras ba, ein Polacke, und eine feinere Bewirtung vorbereitete. Mittlerweile teilte sich bie Gesellschaft in zwei Partien, um bas versäumte Spiel nachzuholen, ba in biefem Canbe feine Männer zusammen [ein konnten, ohne zu spielen, wahrscheinlich aus angeborenem Tätigkeitstriebe. Strapinski, welche bie Teilnahme aus verschiebenen Gründen ab- lehnen mußte, wurde eingeladen zuzusehen, denn das schien ihnen immerhin ber Mühe wert, ba sie so viel Klugheit unb Geistesgegenwart bei ben Karten zu entwickeln pflegten. Er mußte sich zwischen beide Partien setzen, unb sie legten es nun barauf an, geistreich unb gewandt zu spiele'» und den Gast zu gleicher Zeit zu unterhalten. So saß er denn wie ein kränkeln- der Mrst, vor welchen bie Hofleute ein angenehmes Schauspiel auf- ' fuhren und den Laus der Welt darstellen. Sie erklärten ihm d.e bedeutendsten Wendungen, Handstreiche und Ereignisse, unb roenn die eine Partei für einen Augenblick ihre Aufmerksamkeit ausschlieMchdemSplee zuwenben muhte, so führte die andere dafür um so angelegentlicher die Unterhaltung mit dem Schneider. Der beste Gegenstand dunkle ste hlerfur Pferde, Jagd und dergleichen: vtrapmskl wußte hier auch am besten Be scheid denn er brauchte nur die Redensarten hervorzuholen, welche er einst in der Rahe von Offizieren und Gutsherren gehört und die ihm schon dazumal ausnehmend wohl gefallen hatten. Wenn er diese Redensarten auch nur sparsam, mit einer gewissen Bescheidenheit und stets mir einem schwermütigen Lächeln vorbrachte, so erreichte er damit nur eine größere Wirkung; wenn zwei oder drei von den Herren aufstanden und etwa zur Seite traten, so sagten sie: „Es ist ein vollkommener Junker! Rur Melcher Böhni, der Buchhalter, als ein geborener Zweifler, rieb sich vergnügt die Hände und sagte zu sich selbst: „Ich sehe es kommen, daß es wieder einen Goldacher Putsch gibt, ja, er ist gewissermaßen schon da! Es mar aber auch Zeit, denn schon sind's zwei Jahre seit dem letzten! Der Mann dort hat mir so wunderlich zerstochene Finger, vielleicht von Praga ober Ostrolenka her! Run, ich werde mich hüten, den Verlauf zu ftörcn!" Die beiden Partien waren nun zu Ende, auch das Sausergelüste der Herren gebüßt, und sie zogen nun vor, sich an den alten Weinen des Amtsrates ein wenig abzukühlen, die jetzt gebracht wurden; doch war die Abkühlung etwas leidenschaftlicher Natur, indem sofort, um nicht in schnöde,, Müßiggang zu verfallen, ein allgemeines Hasardspiel vorgeschlagen wurde. Man mischte die Karten, jeder warf einen Brabantertaler hin und als die Reihe an Strapinski war, konnte er nicht wohl feinen Fingerhut aus den Tisch setzen. „Ich habe nicht ein solches Geldstück", sagte er errötend; aber schon hatte Melcher Böhni, der ihn beobachtet, für ihn eingesetzt, ohne daß jemand darauf acht gab, denn alle waren viel zu behaglich als daß sie aus den Argwohn geraten wären, jemand in der Welt könne kein Geld haben. Im nächsten Augenblick wurde dem Schneider, der gewonnen hatte, der ganze Einsatz zugeschoben; verwirrt ließ er das Geld liegen und Böhni besorgte für ihn das zweite Spiel, welches ein anderer gewann, sowie das dritte. Doch das vierte unb fünfte gewann wiederum der Poiacke, der allmählich aufwachte und sich in die Sache fand. Indem er sich still und ruhig verhielt, spielte er mit abwechselndem Glücke; einmal kam er bis auf einen Taler herunter, den er setzen mußte, gewann wieder, und zuletzt, als man das Spiel satt bekam, besah er einige Louisdor, mehr als er jemals in seinem Leben besessen, welche er, als er sah, daß jedermann sein Geld einsteckte, ebenfalls zu sich nahm, nicht ohne Furcht, daß alles ein Traum fei. Böhni, welcher ihn fortwährend scharf betrachtete, war jetzt im klaren über ihn und dachte: den Teufel fährt der in einem vierspännigen Wagen! Weil er aber zugleich bemerkte, daß der rätselhafte Fremde keine Gier nach dem Gelbe gezeigt hatte, so war er nicht übel gegen ihn gesinnt, sondern beschloß, die Sache durchaus gehen zu lassen. Aber der Graf Strapinski, als man sich vor dem Abendessen im Freien erging, nahm jetzt seine Gedanken zusammen und hielt den rechten Zeitpunkt einer geräuschlosen Beurlaubung für gekommen. Er hatte ein artiges Reisegeld und nahm sich vor, dem Wirt zur Wage von der nächsten Stadt aus sein aufgedrungenes Mittagsmahl zu bezahlen. Also schlug er seinen Radmantel malerisch um, brückte bie Pelzmütze tiefer in die Augen und schritt unter einer Reihe von hohen Akazien in der Abendsonne langsam auf und nieder, das fchöne Gelände betrachtend, oder vielmehr den Weg erspähend, den er einschlagen wollte. Er nahm sich mit seiner bewölkten Stirne, seinem lieblichen, aber schwermütigen Mundbärtchen, seinen glänzenden schwarzen Locken, seinen dunkeln Augen, im Wehen seines faltigen Mantels vortrefflich aus; der Abendschein und das Säuseln der Bäume über ihm erhöhte den Eindruck, so daß die Gesellschaft ihn von Ferne mit Aufmerksamkeit und Wohlwollen betrachtete. Allmählich ging er immer etwas weiter vom Hause hinweg, schritt durch ein Gebüsch, hinter welchem ein Feldweg vorüber ging, unb als er sich vor den Blicken ber Gesellschaft gebeckk sah, wollte er eben mit festem Schritt ins Feld rücken, als um eine Ecke herum plötzlich der Amtsrat mit seiner Tochter Nestchen ihm entgegentrat. Nestchen war ein hübsches Fräulein, äußerst prächtig, etwas stutzerhaft gekleidet und mit Schmuck reichlich verziert. „Wir suchen Sie, Herr Graf!" rief der Amtsrat, ,chamit ich Sie erstens hier meinem Kinde vorstelle und zweitens, um Sie zu bitten, daß Sie ims die Ehre erweisen möchten, einen Bissen Abendbrot mit uns zu nehmen; dis anderen Herren sind bereits im Hause." Der Wanderer nahm schnell seine Mütze vom Kopfe und machte ehrfurchtsvolle, ja furchtsame Verbeugungen, von Rot Übergossen. Denn eine neue Wendung war eingetreten, ein Fräulein beschritt den Schauplatz der Ereignisse. Doch schadete ihm feine Blödigkeit unb übergroße Ehrerbietung nicht bei der Dame; im Gegenteil, die Schüchternheit, Demut und Ehrerbietung eines so vornehmen und interessanten jungen Edelmanns erschien ihr wahrhaft rührend, ja hinreißend. Da sieht man, fuhr es ihr durch den Sinn, je nobler, desto bescheidener und unverdorbener; merkt es euch, ihr Herren Wildsänge von Goldach, die ihr vor den jungen Mädchen kaum mehr den Hut berührt! Sie grüßte den Ritter daher auf das holdseligste, indem sie auch lieblich errötete, und sprach sogleich hastig unb schnell unb vieles mit ihm, wie es die Art behaglicher Kleinstädterinnen ist, die sich den Fremden zeigen wollen. Strapinski hingegen wandelte sich in kurzer Zeit um; wäh- renb er bisher nichts getan hatte, um im geringsten in die Rolle einzu- gehen, die man ihm aufbürdete, begann er nun unwillkürlich, etwas gesuchter zu sprechen unb mischte allerhand polnische Brocken in bie Rebe, für;, das Wchneiderblütchen fing in ber Nähe bes Frauenzimmers an seine Sprunge zu machen unb feinen Reiter davon zu tragen. 21m Tisch erhielt er ben Ehrenplatz neben der Tochter bes Hauses; denn bie Mutter war gestorben. Er würbe zwar bald roieber melancholisch, da er bedachte, nun müsse er mit ben anbern wieber in bie Stabt zurück- fefjren ober gewaltsam In bte Nacht hinaus entrinnen, unb da er ferner überlegte, wie vergänglich bas Glück sei, welches er jetzt genoß. Aber bennoch empfand er dies Glück unb sagte sich zum voraus: „Ach, einmal wirst bu boch in beinern Leben etwas vorgestellt unb neben einem solchen höheren Wesen gesessen haben." r Es war in ber Tat keine Kleinigkeit, eine Hanb neben sich glanzen zu sehen, bie von drei ober vier Arrnbänbern flirrte, unb bei einem flüchtigen Seitenblick jebesmal einen abenteuerlich reizenb frisierten Kops, ein holdes Erröten, einen vollen Augenaufschlag zu sehen. Denn er mochte tun ober lassen, was er wollte, alles wurde als ungewöhnlich unb nobel ausgelegt unb die Ungeschicklichkeit selbst als merkwürdige Unbefangenheit liebens- würdig befunden von ber jungen Dame, welche sonst ftunbenlang über gesellschaftliche Verstöße zu plaudern wußte. Da man guter Dinge war, fangen ein paar Gäste Lieder, die in den Dreißigerjahren Mode waren. Der Graf wurde gebeten, ein polnisches Lied zu fingen. Der Wein überwand seine Schüchternheit endlich, obschon nicht 'feine Sorgen; er hatte einst einige Wochen im Polnischen gearbeitet unb wußte einige polnische Worte, sogar ein Volksliebchen ausroenbig, ohne ihres Inhaltes bewußt zu sein, gleich einem Papagei. Also sang er mit ebtem Wesen, mehr zaghaft als laut unb mit einer Stimme, welche wie von einem geheimen Kummer leise zitterte, auf polnisch: Hunberttausend Schweine pferchen Bon ber Desna bis zur Weichsel, Und Kathinka, dieses Ferkel, Geht im Schmutz bis an die Knöchel! Hunderttausend Ochsen brüllen Aus Wolhyniens grünen Weiden, Uno Kathinka, ja Kathinka, Glaubt, ich sei in sie verliebt! „Bravo! Bravo!" riefen alle Herren, mit den Händen klatschend, unb Rettchen sagte gerührt: „Ach bas Nationale ist immer so schön!" Glücklicherweise verlangte niemand bie Uebersetzung dieses Gesanges. Mit dem Ueberschreiten solchen Höhepunktes ber Unterhaltung brach bie Gesellschaft auf; ber Schneiber wurde wieder elngepackt unb sorgfältig nach Golbach zurückgebracht; vorher hatte er versprechen müssen, nicht ohne Abschied davon zu reisen. Im Gasthof zur Waage wurde noch ein Glas Punsch genommen; jedoch Strapinski war erschöpft und verlangte nach dem Bette. Der Wirt selbst führte ihn auf seine Zimmer, deren Stattlichkeit er kaum mehr beachtete, obgleich er nur gewohnt war, in dürftigen Herbergskammern zu schlafen. Er stand ohne alle unb jebe Habseligkeit mitten auf einem schönen Teppich, als der Wirt plötzlich den Mangel an Gepäck entdeckte und sich vor bie Stirn schlug. Dann lief er schnell hinaus, schellte, rief Kellner unb Hausknechte herbei, wortwechselte mit ihnen, kam wieber unb beteuerte: „Es ist richtig, Herr Graf, man hat vergessen, Ihr Gepäck abzuladeni Auch bas Notwenbigste fehlt!" „Auch bas kleine Paketchen, bas im Wagen lag?" fragte Strapinski ängstlich, weil er an ein hanbgrohes Bündelein dachte, welches er auf dem Sitze hatte liegen lassen unb bas ein Schnupftuch, eine Haarbürste, einen Kamm, ein Büchschen Pomabe unb einen Stengel Bartwichse enthielt. „Auch biefes fehlt, es ist gar nichts da", sagte der gute Wirt erschrocken, weil er darunter etwas sehr wichtiges vermutete. „Man muß dem Kutscher sogleich einen Expressen nachschicken", rief er eifrig, „ich werbe bas besorgen!" Doch ber Herr Gras fiel ihm ebenso erschrocken in den Arm unb sagte bewegt» „Lassen Sie, es bars nicht sein! Man muß meine Spur verlieren für einige Zelt", setzte er hinzu, selbst betreten über biefe Erfindung. Der Wirt ging erstaunt zu den Punsch trinkenden Gästen, erzählte ihnen ben Fall unb schloß mit dem Aussprüche, baß der Graf unzweifelhaft ein Opfer politischer oder der Familienverfolgung [ein müsse; denn um eben diese Zeit wurden viele Polen und andere Flüchtlinge wegen gewaltsamer Unternehmungen des Landes verwiesen; andere wurden von fremden Agenten beobachtet und umgarnt. Strapinski aber tat einen guten Schlaf, und als er spät erwachte, sah er zunächst den prächtigen Sonntagsschlafrock des Wagwirtes über einen Stuhl gehängt, ferner ein Tischchen mit allem möglichen Toilettenwerkzeug bedeckt. Sobann harrten eine Anzahl Dienstboten, um Körbe und Kvfsdr, angefüllt mit feiner Wäsche, mit Kleibern, mit Zigarren, mit Büchern, mit Stiefeln, mit Schuhen, mit Sporen, mit Reitpeitschen, mit Pelzen, mit Mützen, mit Hüten, mit Socken, mit Strümpfen, mit Pfeifen, mit Flöten unb Geigen abzugeben von feiten ber gestrigen Freunbe, mit ber angelegentlichen Bitte, sich bieser Bequemlichkeiten einstweilen bedienen zu wollen. Da sie bie Vormittagsstunben unabänberlid) in ihren Geschäften verbrachten, ließen sie ihre Besuche auf bie Zeit nach Tisch gnfagen. Diese Leute waren nichts weniger, als lächerlich ober einfältig, fonbern umsichtige Geschäftsmänner, mehr schlau als vernagelt; allein ba ihre wvhlbesorgte Stabt klein war und es ihnen manchmal langweilig darin vvrkam, waren sie stets begierig auf eine Abwechslung, ein Ereignis, einen Vorgang, dem sie sich ohne Rückhalt Hingaben. Der vierspännige Wagen, bas Aussteigen des Fremden, sein Mittagessen, bie Aussage bes Kutschers waren so einfache unb natürliche Dinge, baß bie Golbacher, welche keinem müßigen Argwohn nachzuhängen pflegten, ein Ereignis darauf aufbauten, wie auf einen Felsen. Als Strapinski bas Warenlager sah, bas sich vor ihm ausbreitete, war seine erste Bewegung, daß er in seine Tasche griff, um zu erfahren, ob er träume ober wache. Wenn sein Fingerhut dort noch in seiner Einsamkeit weilte, so träumte er. Aber nein, ber Fingerhut wohnte traulich zwischen dem gewonnenen Spielgelbe unb scheuerte sich freundschaftlich an ben Talern; so ergab sich auch sein Gebieter wieberum in bas Ding unb stieg von seinen Zimmern herunter auf bie Straße, um sich bie Stabt zu besehen, in welcher es ihm so wohl erging. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: Dr. SjanS Thhrivt. — Druck unb Verlag: Vrühl'fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Gießen-