GichemrZaimlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang <933 Montag, den 13. Zevruar Nummer 15 Aussprüche über Musik. Von Richard Warner. Ewig verehrt und angebetet sei Gott, der Herr der Freude und des Glücks, der Gott, der die Musik erschuft" ♦ Ich glaube, wer nur einmal in den erhabenen Genüssen dieser hohen Kunst schwelgte, für ewig ihr ergeben sein muß und sie nie verleugnen kann. * Da, wo die menschliche Sprache aushört, fängt die Musik an. * Ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen als in der Liebe. * Dem Rufe Fausts: „Welch Schauspiell Aber achl Ein Schauspiel nurl Wo sah' ich dich, unendliche Natur?" antwortet auf's allersicherste die Musik. * Das, was die Musik ausspricht, ist ewig, unendlich und ideal: sie spricht nicht die Leidenschaft, die Liebe, die Sehnsucht dieses oder jenes Individuums in dieser oder jener Lage aus, sondern die Leidenschaft, die Liebe, die Sehnsucht selbst, und zwar in den unendlich mannigfaltigsten Motivierungen, die In der ausschließlichen Eigentümlichkeit der Musik begründet liegen, jeder anderen Sprache aber fremd und unausdrückbar sind. ♦ Wir nennen die Musik die Offenbarung des innersten Traumbildes vom Wesen der Welt. * Der magische Schatz, vor dem die Sonnenstrahlen verblassen, wenn sein Anblick unser Herz mit göttlicher Liebe, unseren Geist mit seliger Erkenntnis füllt, das ist der Genius der Musik. * Unsere Musik ist noch der lebendige Gott in unserem BusenI Die Melodie ist der vollendete Ausdruck des inneren Wesens der Musik. * Oft habe ich erklärt, daß ich die Musik für den rettenden Genius des deutschen Volkes halte. Ich habe beschlossen, in Gott und in der reinen Musik zu verscheiden. Richard Wagners deutsche Sendung. Zu seinem 50. Todestage am 13. Februar. Von Professor Dr. Max von Schillings, Präsidenten der Preußischen Akademie der Künste. Ein Junge von 14 Jahren war ich, als mich der leuchtende Blick Richard Wagners zum ersten Male — und nur für eine kurze Sekunde — streifte. Ja, ich darf mich sogar rühmen, das unsterbliche deutsche Genie damals „beschirmt" zu haben. Es war 1882 in Bayreuth. Vor dem Eingang zum Festspielhause erwartete ich die Anfahrt des Meisters. Als fein Wagen hielt, stürzte ich hinzu, von einem spontanen Entschluß getrieben, und öffnete ihm den Schlag. Da gerade ein paar Regentropfen fielen, spannte ich zu seinem Schutz meinen Regenschirm auf und geleitete ihn so fürsorglich die wenigen Schritte bis zum Tor. Heute noch fühle ich den lächelnd erstaunten Blick auf mir ruhen, mit dem der Meister mir dankte. Die flüchtige Begegnung hinterließ mir einen nachhaltigen Eindruck. Ihm gesellte sich das Erlebnis einer der Erstaufführungen des „Parsifal". Erschüttert stand ich mit meinem jugendlichen Empfinden vor den ungeheuerlichen Ausmaßen dieses Werkes! Seine Geheimnisse ahnte ich nur, aber tief grub sich in die junge Seele die Ehrfurcht vor der einsamen Gröhe des Werkes und vor dessen Schöpfer. Kein Wunder, daß das Erlebnis für die ganze Entwicklung meiner Kunftanfchauung richtunggebend fein mußte. Später kam ich dann als junger musikalischer Assistent der Festspiele nach Bayreuth und wurde im Hause Wahnsried freundlich aufgenommen. Der persönliche Verkehr mit Frau Cosima Wagner, einer Fürstlichen austbem Gebiete des Geistes, half mir, immer tiefer in die Welt Richard Wagners einzudringen. Wagners Werk ist inzwischen Besitztum der ganzen Welt geworden. Aber für uns Deutsche bedeutet es noch mehr als Besitztum: es bedeutet Sein. Unser Wesen ist es, das hier seine einmalige und endgültige Gestalt gefunden hat. Alles, was im Unbewußtfein des deutschen Menschen schon vorgebildet lag, unser Träumen von Größe, von Sittlichkeit, unsere metaphysischen Sehnsüchte, das Gesetz, nach dem wir angetreten, und die Strenge des deutschen Schicksals: alles das hob Wagner ans Licht des Tages und bildete es körperhaft durch die Mittel feines Wortes und Klanges. So wurde der Künstler aus dem Geschlecht der Titanen zugleich zum Schöpfer einer neuen deutschen Kultur. — Nur langsam und allmählich ist der Deutsche sich dieses Besitzes bewußt geworden. Wir wissen es von altersher, daß im Leben des Einzelnen wie der Völker nichts so schwierig ist, als sich selber zu erkennen. Nur eine wahrhaft nationale Kunst kann dauernde internationale Geltung gewinnen. Eine Frucht entwickelt sich vom Kern her. Der Kern eines Menschen aber ist die Zugehörigkeit zu seinem Volkstum. Von hier aus erst kann er sich zum Weltmenschen, zum Allmenschen entwickeln. Wagner hat mit feiner künstlerischen. Erscheinung den Wahrheitsbeweis dafür erbracht. Wie ein Baum wurzelt fein Werk in der deutschen Erde, um mit seinen Verzweigungen weit hinaus in die fremde Seelenlandschaft zu greifen. Das Wesen ist deutsch, die Wirkung gehört der Welt. Der ausgezeichnete Wagnerforscher Housten Stewart Chamberlain, ein Engländer, der aus Ueberzeuaung Deutscher wurde, hat einmal gesagt: Das Drama im Sinne Richard Wagners konnte nur der Musiker schaffen, denn die Seele des Deutschen erlangt erst durch die Musik ihren vollendeten, ihren gleichsam erlösenden Ausdruck. In der Tat: Die Liebe des Hans Sachs zu Evchen in den Meistersingern wird kaum mit einem Wort angedeutet. Die Musik ist es, die hier wie im „Tristan", diesem einzigartigen Lied von Liebe und Tod, die tiefsten Geheimnisse und verborgensten Regungen der Seele offenbart. Auch auf dem rein praktischen Gebiet des Theaters hat Wagner Neues und Großes gewirkt. Die reformatorische Kraft feines Geistes hob nicht nur die Opernbllhne aus der Sphäre einer seichten, äußerlichen Tratidion, erzwang nicht nur einen einheitlichen gesanglich-darstellerischen Stil, sie gab vielmehr darüber hinaus dem gesamten deutschen Theater neue Impulse. Begriff und Wesen der dramatischen Kunst als eines geistigen F e st e s wurden durch ihn lebendig. Er gab den Deutschen das erste Festspielhaus. Selbstverständlich ist es weder Sinn noch Absicht der diesjährigen Wagner-Gedenkfeiern, „vergessene" Leistungen dem Bewußtsein wieder näherzubringen. Solches Unterfangen mag verstaubtem Besitz frommen, den man aus einem Winkel der Kunstwelt wieder hervorfuchen muß. Richard Wagners Schaffen dagegen lebt im Bewußtsein der weitesten Kreise des deutschen Volkes. Anteil an ihm zu nehmen, bedünkt Notwendigkeit. Wenn in sämtlichen Städten des Reiches, auch in den kleineren, die sich nur noch unter mühsam ermöglichten Opfern eine Opernbühne erhalten können, die erlauchte Feierlichkeit der Wortdramen Wagners sich entfaltet, dann wird jeder auf die ihm eigene Art, jeder nach seinem Erfahrung?- und Empfindungskreise, sich im Innersten bereichert fühlen durch das Schaffen des großen Sohnes unseres Volkes, well es in künstlerischer Erhöhung alle Phasen irdischer Begebenheiten und Zusammenhänge vom Volkstümlich-Schlichten bis zum Prvblemhaft-Tief- grünbigen veranschaulicht. Fordert doch Wagner von seinen Zuhörern nichts weiter als ein menschlich fühlendes Herz und gesunde Sinne. Um ihn zu „verstehen", braucht man nichts anderes als die Aufnahmefähigkeit einer Kunst gegenüber, die den ethischen Idealen des wahren Heldentums und der reinen Menschenliebe dient. Wie ein roter Faden zieht durch das ganze musikdramatische Werk des Meisters der ethische Gedanke. Im „Ring des Nibelungen" wird das Postulat aufgestellt, nicht Reichtum und Macht, sondern Menschenliebe als höchsten Gewinn zu erstreben. Im „Parsival" findet das Prinzip des Mitleidens feine intensivste Offenbarung. Es fehlt in unserer von Problemen (und Problemchen) bedrängten, um neue Ausdrucksformen ringenden, sensationshungrigen Zeit nicht an solchen, die den unverminderten Wert des uns von Wagner überkommenen deutschen Geistes- und Kunstgutes abzuleugnen versuchen. Gewiß: dem Gesetze der Wellenbewegung unterliegt alles Geschehen auf der Erdkugel, nichts Neues kann entstehen, ohne daß Altes zugrundegeht. Jenseits aber von diesem gesetzmäßigen Aus und Nieder in der Natur, jenseits dieses nie endenden Daseinskampfes, sozusagen aus einem Eiland, dessen Uferböschung keine feindliche Welle überspülen kann, befinden sich in gesicherter Sphäre alle jene Gebilde, welche die Werte und Merkmale des Ueberzeitlichen in sich tragen. Richard Wagners Unsterblichkeit hat dem lotgefagtmerben bisher in gelaßener Kraft roiberftanben. Seine Kunst ist zeitlos, und beshalb hoffe ich, baß bie Feiern zu feinen Ehren im Gebenkjahr 1933 nicht allein bie Lebenbigkeit feines Lebenswerkes im Raum ber Gegenwart überzeugenb bartun werben, fonbern, baß ihnen eine Höhere Aufgabe zukommt. Die Aufgabe, bas Werk in seinen überzeitlichen Werten an bie Zukunft weiterzureichen, wo es wirken möge, vereinigt mit bem ©eifteserbe unserer anberen großen Dichter unb Musiker. Hat bas Jahr 1932 im Zeichen bes universellsten beutschen Geniemenschen geftanben, im Zeichen Goethes, so wirb man bas nunmehr begonnene Jahr ein Wagnerjahr nennen bürfen. Die Gesamterscheinung Richarb Wagners (egt roieber einmal Zeugnis ab von ben gewaltig beroegenben Kräften geistig-künstlerischen Schaffens, bie bem beutfchen Menschen eingeboren firub, ihm selber unb anberen zum Heile. Richard Wagner über sich selbst. Aus seinen Briefen an Hans von Bülow. Zu den Menschen, die zu Wagner In eine schicksalhaft« $e« rührung traten, gehört vor allem Hans von Bülow, der erste Gatte Cosimas, der lange Jahre einer der besten Freunde des Meisters war. An ihn sind die beiden für das künstlerische Schassen Wagners ungemein bezeichnenden Briese gerichtet, die wir dem im Verlag« Eugen Diederichs in Jena erschienenen Buch „Richard Wagner, Briefe an Hans von Bülow" entnehmen. Venedig, den 27. September 1858. Mein liebster, bester Hansl Sei mir nicht böse, daß ich seit unserer Trennung Dich bisher nur erst noch mit gemeinen Besorgungen bedacht, Dir aber noch nichts Vernünftiges weiter von mir mitgetheilt habe. Es wird auch heute nicht viel werden, trotzdem ich die beste Absicht dafür habe. Eine Zeitlang hielten mich setzt die Sorgen für meine äußere Existenz in Beschlag. Der plötzliche Fortgang von Zürich hat mir manch Verdrießliches gebracht, und meinen Ausgabenetat stark vermehrt, wogegen ich nun eben sorgen muß, durch Ausbeutung des Rienzi-Erfolges in Dresden Mittel für ein möglichst sorgloses Bestehen wenigstens bis zur Vollendung des Tristan zu schaffen. So habe ich deshalb denn Briefe über Briefe zu schreiben gehabt, wovon ich noch ganz verdreht bin: möge diese Bemühung wenigstens Früchte tragen, von denen ich jetzt leider noch gar nichts verspüre. Doch seh« ich soviel, daß Venedig eine glückliche Wahl war ... Der Ort, so eigen und melancholisch, spricht mich sehr an: ich kann hier die mit vorgenommene absoluteste Zurückgezogenheit gewiß besser erreichen, a.s irgend wo. So hoffe ich denn auf ruhige, ungestörte Stimmung zur Wiederaufnahme meiner Arbeit. Mein Flügel, der mir bish.r in Zürich hin. , Schatten „Tristans" vollzieht sich die Wandlung, die eine 6trat, turänderung des gesamten musikalischen Theaters zur Folge hoben sollte. Tristan" ist der Scheitelpunkt der individualistischen Ausdrucksmusik, die Krönung des 19. Jahrhunderts, des Jahrhunderts von Beethoven. Beethovens sinfonischer Ausdrucksstil, die Technik [einer gewaltigen Durchführungen wurde endgültig zur wesentlichen Substanz des musika. lischen Dramas gemacht. Diese Begegnung zwischen Wagner und Beethoven, diese Synthese zwischen Sinfomk und Drama, ist einer der stark sten und schönsten Beweise für das Wirken eines geistigen Gesetzes, sie zeugt für den gemeinsamen geistigen Urgrund aller Künste, für die immanent wirkende Grundkraft einer Epoche, für die unlösbare Der- kettuna aller Künste an die Welt und das Leben. ___ Das 19. Jahrhundert gilt als das Jahrhundert des Individualismus. Beethoven schuf die universale Musiksprache dieses Jahrhunderts. Cr gab der Musik die Möglichkeit, die persönlichsten Empfindungen und Gefühle, den inneren Kampf zwischen Individuum und Schicksal unmittelbar auszudrücken. Er begründete HL und Revolution anschließend - die individualistische Ausdrucksmusik Seine Sinfonie (Sonatenform) ist das absolut-musikalische Drama, die Beethovensche Sinfonie folgt der dynamischen Kurve des Dramas, d e von der „Disposition" über die „Durchführung zum Konflikt zur „Katastrophe" führt und in die „Katharsis' (&uflpj4n9) •?’* Erkenntnis dieser architektonisch-dynamischen Aehnlichkeit zwischen der Sonatenform Beethovens und der klassischen Dramenform wurde ur den Dichter-Musiker Wagner zum entscheidenden Erlebnis Aus dieser Er- kenntnis heraus wuchs die Vision des Ges am t k u n ft tp e r k s unö> b Wirklichkeit der musikdramatischen Form. Das menschliche (mdiv,dualistische) Einzelschicksal Tristans ist Achse und Mittelpunkt zugleich. Reben- Handlung, Episode, gibt es kaum. Die Musik ist nichts als idelle Vertiefung und klangliche Verfinnlichung (Ausdruck) der anbluns. 2)iefe Beschränkung auf das Wesentliche bedeutet: „Tristan erscheint als konsequentes, konzentriertestes individualistisches Musikdrama, ist im tiefsten Sinne dramatisierte Sinfonie. * Das Tristan-Erlebnis erschüttert nicht nur den Menschen Wagner und den Schöpfer des Musikdramas: dieses Erlebnis treibt den Musiker Waqner an die Grenzen einer musikalischen Epoche, [ordert von ihm, der Idee das Letzte zu erzwingen, was sie zur unnachahmlichen Verwirklichung gebraucht. Rach „Tristan" beginnt tue Krise. Die Impressionisten und Expressionisten und schließlich die Atonalisten erschopsen die gesamte musikalische Substanz, zerschlagen die ohnehin übersteigerten Formen und verlieren sich in psychologischen Klang-Spekulationen. Die i Zersetzung der Harmonik bedingte eine Zersetzung der Melodik und die Zersetzung der Melodik eine Zersetzung der rhythmischen Kruste. D,e Musik ist mit Isolde von Tristan in ein fremdes Land entfuhrt worden, aber die Musik will und darf nicht mit „Tristan sterben. „Tristan hat seine Sendung vollbracht, und WaMr vollbrachte durch chn die ent- cheidende Tat der deutschen musikalischen Romantik. Wer an eine Fort- etzunq dieser Tat glaubt, dem ist der Sinn dieses Werkes noch nicht aufqeqangen. Tristans Liebestod ist mehr als das Ende eines Dramas: ! mit ihm stirbt eine Epoche! So wird er zum Symbol für die gewaltige Erschütterung, die nach ihm die Musik wie alle anderen Lebenserschei- nungen erfaßt. Eine neue Welt wird geboren, und diese neue Welt er- zeugt eine neue Weltanschauung: das ewig sich wiederholende Schicksal, dem alles Lebendige unterworsen ist. „Tristan" aber bleibt eines der großen Ereignisse und eine der ewigen Wirklichkeiten dieser vergangenen Epoche. Drama und Musik gingen In Ihm die engste Berblndung ein, b e sich denken läßt. Sie wuchsen zusammen zu einer neuen organischen untrennbaren Einheit. Kein Takt, der gegen die dramaturgische Logik verstieße, kein Wort, das der musikalischen Logik, des [infomfdjen 61113 zuwider wäre. „Tristan" Ist und bleibt dasMuflkdramaschlecht. Tn^an. von August Grasen von Platen. Wer die Schönheit angefchaut mit Augen, Ist dem Tode schon anheimgegeben, Wird für keinen Dienst der Erde taugen, Und doch wird er vor dem Tode beben, Wer die Schönheit angeschaut mit Augen, Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe, Denn ein Tor nur kann auf Erden hoffen Zu genügen einem solchen Triebe: Wen der Pfeil des Schönen je getroffen, Ewig währt für ihn der Schmerz der Liebe! Ach, er möchte wie ein Quell versiechen, Jedem Hauch der Lust ein Gift entsaugen, Und den Tod aus jeder Blume riechen: Wer die Schönheit angeschaut mit Augen. Ach, er möchte wie ein Quell versiechen! ^Tristan und Isolde", das Werk der Erfüllung. Von A d v l f R a s k I n. .Tristan uni) Isolde" ist das entscheidende Werk Richard Wagners, well es dasjenige Werk ist, welches die epochale Idee Wagners am reinsten verkörpert. Diese Idee verbirgt sich hinter dem Begriff musikali ches Drama". „Tristan" ist das konsequenteste Musikdrama überhaupt. Dieses Werk stellt den Höhepunkt innerhalb des Wagnerschen Schassens dar. In ihm laufen alle Linien zusammen, die das Werk Richard Wagners be- stimmen^erk DQn rolcj.er Tragweite muß im Positiven wie im Negativen gleich groß sein. Seine Partitur, als musikgeschichtliches Ereignis ein historisches Dokument von ungeahnter Tragweite, behalt ihren Wert und erfüllt ihre Aufgabe außerhalb jeder dem Zufall ausgetieferten Aufführung und ist nicht mehr gebunden an die mehr oder weniger große Zuneigung eines Publikums. „Tristan" ist der Orientierungspunkt für Generationen geworden. * Wagners Theorie vom Musikdrama entspringt dein alten, mit der Over selbst geborenen ästhetischen Konflikt zwischen Wort und Ton, zwischen Drama und Musik. Drama und Musik sind zwe, grundverschiedene Kunstformen, die in der Oper zusammengekoppelt werden müssen. Das Drama hat seine Eigengesetze. Die Musik hat ihre Eigengesetze. Das Drama verlangt: glaubwürdige, natürliche Darstellung aus der Buhne, Verwirklichung eine Handlung. Die Musik verlangt organische Entwicklung und Durchführung der musikalischen Formen. Wird das Drama gesungen, so ist das zunächst unglaubwürdig und widernatürlich, — [ewst dann wenn die Musik den erforderlichen Tonfall und Ausdruckswert des gesprochenen Wortes nachzuahmen versucht. In der alten Oper vor \ Wagner wurden deshalb die Bezirke des Dramas und die Bezirke der Musik streng und konsequent voneinander getrennt: im Rezitativ (Sprechgesang) hatte das Wort die absolute Herrschaft — in der Arie, in den Ensemblesätzen und Chören diktierte die Musik; die Handlung spielte sich In einem das natürliche Sprechen nachahmenden Sprechgesang (Rezitativ) ab und in der Arie und den ihr verwandten rem musikalischen Formen (Nummern genannt — darum Nummernoper) wurde Ie-bigltd) ein aus der Borangegangenen Handlung herausspringender Affekt ,Ge- fühl) zur Grundlage eines rein musikalischen Formablauss gemacht. Mit anderen Warten: im Rezitativ verzichtet die Musik zugunsten des Dramas auf ihre eigene, ihrem Material und chren Formen gesetzten entsprechende Logik, und in der Arie setzt die Handlung aus und erlaubt die willkürlichste Behandlung des Wortes zugunsten der musikalischen Logik. Wagners entscheidende Arbeit galt der theoretischen und praktischen Ueberwindung dieses Zwiespalts, den er als Dichter-Musiker besonders schmerzhaft empfand. In seinen Musikdramen drangt der Wille zur organischen Verschmelzung der gegensätzlichen Künste Drama und Musik immer stärker in den Vordergrund. Er knüpst dabei an C. M. von W e - b e r 5 „Euryanthe" an und entscheidet wenigstens für seine Zeit einen uralten Kamps, der van Anbeginn der Oper zwischen den literarischen Musikern und den musikalischen Literaten ausgesachten wurde. Immer deutlicher bindet er die Arien und „Nummern", also die rein nmsikali- schen Farmen, an die dramaturgische Logik. Zum Beispiel: „Rienzi steht noch stark unter dem Einfluß der großen französischen Nummern- opern. Im „Lohengrin" spüren wir die natürlichere Verbindung von Arie und Drama. Die Arie wird immer mehr zu einem organischen Stück der Handlung (Lohenqrins „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan , Elsas „Einsam in trüben Tagen", Zug zum Münster, Brautchor usw.) „Tannhäuser" und „Holländer" folgen noch konsequenter den Ansprachen des Dramas (Lied des Steuermanns, Daland-Arie, Spinnerinnenchor, Sentaballade, Venusberg-Ballett, Pilgerchor, Sängerkrieg usw.) Mit Hilfe des von Beethoven entwickelten sinfonischen Ausdrucksstils (Durchsührungstechnik) verlegt Wagner systematisch das Schwergewicht in die Handlung, also in das Rezitativ, das als klangvolle, orchestral unterbaute „unendliche Melodie" ununterbrochen mit der Handlung zusammenläuft. In dem entscheidenden Auflatz „Oper und Drama" verkündigt Wagner seine neue Theorie, und zwar in dem Glauben und mit dem Anspruch, den ursächlichen Zusammenhang aller Künste im Sinne der griechischen Tragödie wieder ausgedeckt und rekonstruiert zu haben. Aus diesem Glauben entsteht die Tetralogie „Der Ring des Nibelungen", wächst als gültigste und großartigste Leistung der „Tristan". Allerdings: die Ironie des Schicksals wollte es, daß die ursprünglich als komische Oper geplanten und unbeschwert von dieser theoretischen Konsequenz zur „Entspannung" geschriebenen „Meistersinger" das deutscheste, populärste und musikalisch schönste Werk des Bayreuther Meisters werden sollten. Kehren wir zurück zu „Tristan": er bedeutet letzte und tic-flke Erfüllung der Idee vom Mufikdrama, der Idee v-nn „Gesamtkunstwerk". zmiickgehatten wurde, soll nächster Tafle ankommen. Die letzten herz- zerreihenden Lebenserfahrungen haben mich in all meinem Verhalten zur Welt immer negativer gestimmt: ich fühle mich jetzt fast ganz losgelöst von allen Wünschen und Verlangen. Ich möchte nur noch Andern so wenig wie möglich Leiden verursachen: weiß ich, daß diese sich mildern, so schwinden auch die meinigen. Mir sagt Alles so bestimmt und entschieden, was ich soll, daß ich nicht mehr schwanken soll: wäre ich nicht Künstler, so könnte ich Heiliger werden; diese Erlösung ist mir aber nicht bestimmt: auch das Leben kann ich mir nicht nehmen, denn wollte ich's, jo würde mir auch dieser Wille zum Kunstobjekt werden, und mich jedenfalls für so lang« wieder ins Leben zurückziehen, bis ich das Kunstobjekt verwirklicht, somit in den ganzen Kreis des Jammers und Elends, wie er sich daran hängt, wieder eingetreten wäre. So ift’s einmal mit mir; und das ist Fatum, daran ist nichts zu ändern. So führe ich's denn aus, und lasse es mir gefallen, wenn mir hie und da etwas gute Laune gemacht wird. Das ist dann ein Freundesblick, ein sympathischer Herzensruf, eine Begegnung im Bekenntnisse des Mitgefühles und der Liebe! Was will ich mehr? Alles übrige Begehren macht uns gemein und zieht uns in den Kreis des Gemeinen. Fort aus dem, wer etwas zu retten hat! — Wird Cosima nun wohl bald begreifen lernen, welches Elend im Dasein liegt, und wo einzig die Erlösung daraus zu treffen? Ein Tag, eine Stunde reift mehr, als Jahre. — Was mich betrifft, fo wundre ich mich einzig über die Beständigkeit meiner Haarfarbe: es gab Augenblicke, wo ich glaubte, jetzt müßte ich Greis geworden sein! — Meine arme Frau hat es noch schwer gehabt: doch hielt sie, wie es scheint, die Sorge und Mühe des Auswirthschaftens, das die Thörin durchaus sich nicht ersparen wollte, aufrecht. Sie ist jetzt noch bei ihren Verwandten in Zwickau, wo sie wenigstens bequeme Ruhe genießt. Ihre Resignation scheint jetzt tief und ernst zu sein: sie hat nur Todes- gedanken. Sonderbar, wie stark in mir das Mitleiden ist! Dem Gemeinsten können wir unser Mitleiden schenken, Mit-Freude nur dem Edlen, was wir lieben. Wie aber die Welt nicht zur Freude, sondern zum Leiden da ist, behauptet das Mitleid endlich immer die Oberhand, weil es sich dem Kernpunkte des Daseins zuwendet. Und so fühle ich, wer am meisten leidet, dem gehöre ich, so lange er leidet: von ihm wende ich mich erst, wenn ich seine Freude cheilen soll, wenn sie nicht die Freuden eines edlen Wesens sind. Und was können diese Freuden fein? Uebereinftimmungin der Anerkennung dieses Weltzustandes: Sympathie, Trost durch Mitgefühl. — Wieviele könnte ich beglücken, wenn sie es mir und sich möglich machten! — Run, denn — fo arbeite ich, dichte und componire! Nehmt es dann, so gut Jhr's könnt, und — laßt mich in Ruhe! — Aber — sterben soll niemand aus Kummer über mich: — Das kann ich nicht zugeben! — Leb wohl! Du siehst, es kommt nichts Vernünftiges heraus! — Ist wieder etwas vom Tristan fertig, so erfährst Du darin das Beste, was ich Dir sagen kann! Grüß Cosima! Und sag ihr Gutes von mir! AdieuI Tausend Grüße von Deinem R. W. ♦ Artichauts, den 1. Januar 1866. Guten Abend, lieber Hans, zum Neujahr! Ich krame soeben unter meinem Zeuge herum, und finde eine gewisse Mappe nicht, in welcher folgendes eingepfercht war: 1. Die Instrumentation des 1. Aktes von Siegfried. 2. Die angefangene Reinschrift davon. 3. Präparierte Sogen zur Fortsetzung derselben, vom ersten Acte bereits völlig liniirt, von einem Teil des zweiten bloß mit Blei- ftiftpuntten bezeichnet. Diese Mappe — in dunkelblauem Maroquin — ist der ursprüngliche Einband der Partitur des Rheingoldes — welches noch auf dem Rücken verzeichnet steht, also keine eigentliche Mappe, sondern Notenbuchdeckel. «Bitte Cosima in meinem Namen, sich mit Nathieu deswegen in Rapport zu setzen: es ist möglich, daß sie oben in dem kleinen Mahagoni-Schränkchen gelegen hat. Unter allen hiesigen Sachen finde ich sie nicht. Was fall ich Dir von mir sagen, als daß ich mich krampfhaft an die Möglichkeit, endlich — endlich zur Arbeit zu kommen, anklammere? Ich bin zu den gewaltsamsten Maßregeln entschlossen, um mir Arbeitsjahre zu bereiten. Unsere Bildungspläne muß ich ganz im Stiche lassen: nichts darf ich ins Auge fassen, was mich in irgend einem Rapport mit diesem Unwesen erhält, das alle meine Kräfte auffaugt, meine Stimmung zerstört, mein produktives Gedächtnis lähmt, und mit all diesen Opfern zu nichts von mir geführt wenden kann! — Es ist bei mir die höchste, allerhöchste Zeit. Noch ein solch zersplitterndes Jahr, und nie — nie werden meine Werke vollendet oder geschrieben! Dies ist mir klar wie die Sonne. Bon Selbftrettung kann hier nur insofern die Rede sein, als ich meine Werke rette. Daß ich Hoffnungen Andrer damit vernichte, Lebensplane, die sich den meinigen angeschlossen hatten, durchkreuze, das kann und muh mich schmerzen; aber mein eigenes Leiden ist so groß, daß ich nicht zur Rechenschaft zu ziehen bin und keiner Frage darnach zu antworten mich befugt ^Oh, könnte ich Allen tobt sein! Betrachtet es so! Sieh, wie würdest Du und der König sich benehmen, wenn ich plötzlich gestorben wäre? So thust Du Unrecht, für diese ober jene Forderung Dich damit zu wehren, daß i ch dazu nöihig fei: — ich bin ja tobt! Also tue immer, als ob Du unter ben Umftänben berufen wärest, bas Beste, was eben möglich ist, für meine Werke, unsere gemeinschaftlichen Jbeen zu thun. Dies bas eine! — Nun bas Andre: ekell's Dich, haft Du durchaus keine Luft — oh! dann laß laufen, zwinge Dich nicht. Ich kann Dich um nichts bitten, viel weniger Dir etwas vorschreiben. Sei frei und handle frei! — Ich kann nichts, nichts mehr, als sehen, ob ich meinen gemarterten Nerven noch meine Werke entlocke. Einen andern Sinn kann mein Leben gar nicht mehr haben. Sterben — ä la bonne heure! das wäre etwas anderes — aber, nicht unter Mime's Reichsoerwesung! — Dein Brief war gut, tüchtig und männlich! Du bist der einzige Kerl, ben mir das Schicksal zugeführt, der wirkliches Feuer und Selbstgefühl hat! — Sei aus ganzem Herzen belobt und gegrüßt! Adlm, Bester, liebster Hans! — Recht weiß ich's noch nicht, wie ich mir die Sache zu- recht lege: aber ich will! und nun habe ich Geduld, das Richtige wird sich finden. Einstweilen heiße ich mir so gut als möglich die „Artichoken", und — juche meine Notenpapiere heraus. Daß mir's noch nicht wie „com- poniren ist, kannst Du Dir denken. Aber — ich will, — ich muh. Und wird's sich wohl irgendwie machen! Sei innigft umarmt! Tausend Grüße an Cosima und die Kinder! Stets Dein dankbarer Rich. Wagner. Das Mangobaumwunder. Roman von Leo Perutz und Paul Frank. Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München. lFortiegung.) Dr. Kircheisen holte tief Atem. Er zitterte vor Erregung am ganzen Körper. Wie rasch das gekommen war... Heute morgen hatte er die Baronesse noch nicht gekannt — jetzt vermochte er sich gar nicht mehr vorzustellen, wie er ohne sie leben könnte. Heute beim Frühstück, als sie ihm kaum die Hand reichte, wie hätte er da in [einen kühnsten Träumen an das Glück zu denken gewagt, das er jetzt als sicheren Besitz in Händen hielt. Die Baronesse machte sich aus feinen Armen los und blickte sich um. „Die vielen, schönen Blumen sind jetzt alle fort!" sagte sie leise. „Ja, die sind fort!" sagte Dr. Kircheisen und senkte schuldbewußt den Kopf. „Tod und verwelkt." Eine Weile schwiegen sie beide, dann begann der Arzt feine Pläne zu entwickeln. „Ich werde meine Praxis wieder aufnehmen. Dann habe ich mit den Zinsen meines Vermögens so viel und mehr, als wir beide zu einem behaglichen Leben brauchen. Ich habe meine große Junggesellenwohnung am Kohlmarkt, fünf Zimmer mit Küche und allem andern, die könnten wir fürs erste behalten. Zweiter Stock mit Lift natürlich." „Die Küche auch im zweiten Stock?" „Natürlich." „Das geht nicht", erklärte die Varoneffe. „Die Puzzi Schönborn, Mamas Freundin, die vorige Woche geheiratet hat, die hat die Küche im Parterre und die übrige Wohnung im ersten Stock. Das Esten wird unten zugerichtet unb, wenn es fertig ist, im Aufzug heraufgeschickt. So will ich's auch haben." „Ich versteht von solchen Dingen nicht viel, ich will mich gern nach deinen Ratschlägen richten, Kind. Ich werde noch heute mit meinem Hausherrn sprechen und ihm sagen, daß ich auf die Wohnung im ersten Stock reflektiere", sagte Dr. Kircheisen und überlegte sorgenvoll, wie er die alte Bettina bestimmen könnte, gutwillig das Feld ihrer Tätigkeit ein Stockwerk tiefer zu verlegen. „Und was machen wir aus der leeren Küche?" fragte er dann. „Eine Dunkelkammer." „Natürlich! Du haft viel Sinn für das Praktische", sagte Dr. Kircheisen voll ehrlicher Bewunderung. „Mir geht es leider fast völlig ab. Du photographierst?" „Nein." „Ich auch nicht." „Das macht nichts. Eine Dunkelkammer müssen wir haben. Papa hat auch eine, mit grünen und roten Lampen. Aber er läßt mich nicht hinein. Damit ich ihm nicht alles ruiniere und zerbreche, sagte er." Sie dachte eine Weile nach. „Und das Telephon muß neben meinem Bett sein." „Im Schlafzimmer? Ist das jetzt modern so?" „Natürlich. Früh, wenn ich aufwach', frag' ich bann gleich in der Küche an, was es zu Mittag gibt. Dann ruf’ ich Papa an: Hier Spatz! Es ist halb zehn und ich lieg’ noch immer im Bett!' Wird das luftig! Ich glaub’, Papa wird's nicht erlauben." „Was?" „Daß wir heiraten." Dr. Kircheifen schwieg. Nach den Erfahrungen, die ihm in dieser Hinsicht zur Verfügung standen, mußte er zugeben, daß die Baronesse mit ihrer Skepsis weiterblickend war als er. „Tut nichts , sagte das junge Mädchen nach einer Weile Nachdenkens. „Dann bleiben wir eben verlobt. Wir mästen jetzt unsere Anfangsbuch, staben irgendwo einschneiden und ein Herz ringsherum. So hat's meine frühere Französin auch gemacht, wie sie sich mit ihrem Postbeamten ver- lobt hat. Da hier, in diesen Baum da. Da ist Platz genug." Dr. Kircheisen sand diesen Varfchlag reizend. Mit feinem Taschenmesser schnitt er in kräftigen Zügen feine und der Baronesse Initialen in den Stamm des Mangobaumes unb zog ein kunstvoll geschnörkeltes $erSieerSaronefle war mit [einer Leistung durchaus zufrieden. „So. Jetzt sind wir richtig verlobt", sagte sie. „Adieu. Es ist schon spät. Ich hab’ so Angst. Ich muß gehen." . Sie legte mit einer reizenden Geste der Besorgnis die Hand an ihre Wange unb war im nächsten Augenblick zur Tür hinaus. Dr Kircheisen zog sein Notizbuch hervor unb notierte: Morgen mit bem Hausherrn sprechen, wegen der Küche im ersten Stock. Bei der Telephonzentrale um einen neuen Gesellschaftstelephonanschluh ersuchen. — Er steckte sein Notizbuch ein... Es wird gut fein, wenn ich das Gesuch gleich morgen ausfertige, denn es dauert ja doch mindestens ein halbes Jahr, eh' man in Wien einen neuen Telephonanschluß b^Dr^Kircheisen horchte auf. Wenn ihn sein Ohr nicht täuschte, so waren bas Schritte, die sich näherten. Wahrhaftig, zwei Gestalten kamen durch den Garten auf das Treibhaus zu. Der Baron war es und bet alte Philipp Was wollen die hier um diese Abendstunde im Treibhaus? Hat lein lein cranttoortlid): Dr. Hans Thyriot. - Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Duch. und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. ®e™33UUeid)t, wenn der Herr Baron ihm alles sagen würde, was ge- sch-hen^st. mir aud) nicht glauben. Ins Gesicht lachen würde er mir Aber vielleicht kommt Ulam Singh nochmals zu sich! Einmal ist er schon wach gewesen, vollkommen bei Besinnung war °r und hat sogleich .Hanf verlangt und ein Tuch zu verschlingen versucht. So haben seine Experimente immer begonnen. Wenn er nur nochmals erwachen "°^Jch hab' den Herrn Baron immer gewarnt. Himmelhoch hab' ich ihn gebeten. Lassen sich der Herrn Baron nicht mit diesem Fremden, der doch sicher kein Christ ist, ein. Aber auf mich alten Mann hat man xa nicht auf den Hinterflügeln die Reihe blutroter Flecken ... freilich! Es ist der Papilio Hector, der schöne, tropische Schmetterling mit den melancholi- ^Wie°merkwürdig: Alle diese Tiere, die furchtbare Pik Paluga die lästigen Landblutegel und jetzt der schöne Papilio Hector: Sie alle stammen aus Ceylon! Was hat das zu bedeuten? Ist das nur Zufall, daß alle diese tropischen Tiere, die hier so rätselhast austauchen, dieselbe Helmat haben? Und dieser sinnlose Zorn, der den Baron beim Anblick des fremden, schönen Falters erfaßt hatte. W,e er ihn zerstampft hatte! Wit dem gleichen Haß, mit dem er die schonen, blühenden Lianen vernichtet hakte.9 Jetzt entsann sich Dr. Kircheisen plötzlich senes erschreckten Ausrufes des Barons, der ihm heute morgen solacherüch sinnlos vorge- kommen war und dessen Ursache er jetzt mit einem Male begrifL , Um Gottes willen!" hatte der Baron geschrien. „Gibt es auch Tse-tse-^l,egen U1 Kein°Zweifel. Ausschließlich Tiere der Ceylonfauna waren es die den Baron in seinem Treibhause ängstigten und verfolgten. Was hatte das zu bedeuten? , , .. . ~ Dr. Kircheisen sand keine Antwort auf diese Frage. „ Er verließ das Treibhaus, aber die seltsamen Reden die der Baron geführt hatte, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. „Er will mir das Serum nicht geben, Gott verzeihe es ihm, er weiß nicht, welche Schuld er auf sein Gewissen nimmt , hatte der alte Mann gesagt. Und dann, die furchtbare Gefahr, die der Baronesse zu drohen schien. „Eine Un lckmldiae ins Verderben gerissen! Mein armes Kind! ' Re?n! Dr. Kircheisen hatte seinen Entschluß gefaßt. Er wollte: keine Si+mlh aui fein Gewissen laden. Er durst« dem Baron das Karasin kLmÄt'länger verweigern. Vielleicht ...ein Gedanke durchfuhr hn am Ende es ist ihm so viel an dem Serum gelegen. Vielleicht könnt' ich seine Zustimmung zu unserer Eheschließung dafür erhalten! Es lt ohne Zweifel eine Ungesetzlichkeit, wenn ich das Serum verwende! Aber Ulam Singh ist nicht zu retten, und überdies: D«' ^Miesse schwebt in irgendeiner, mir unbekannten Gefahr ... das allein jchon recyiserngr, gehört!" . „Was nützt es, Philipp, wenn du mich jetzt an all das erinnerst. Ja, ich war leichtsinnig/' „ Uebermütifl ... der Herr Baron verzechen schon. "Ja, Uebermut war es, Tollheit, Selbstmord! Philipp, es hat schon manch einer sein Leben vergeudet. Mit Spielen, mit Trinken oder mit Weibern. Aber so sinnlos frivol wie ich hak noch niemals ein Mensch : (ein Leben weggeworfen. Und nicht allein das meine! An mir liegt nichts „Das dürfen der Herr Baron nicht sagen." „An mir liegt gar nichts! Aber eine Unschuldige hab ich mit ins Verderben geriffen. Mein armes Kind ..." Der Baron verstummte mit einem Male. Irgend etwas zog feine Aufmerksamkeit auf sich. Wortlos, aber voll Erregung starrte er aus den ™an9°fmt,ner $u(^taben ln ber Rinde entdeckt? ... durchfuhr es tzen Arzt ... Wird er weiter sprechen? Wird er jetzt endlich den Schleier lüsten? Dr. Kircheisen lauschte angestrengt. Alles Blut drängte ihm zum Kopf. Diese wilden Anklagen, von denen er nur Bruchstücke verstanden hatte, diese furchtbare Beichte, deren Sinn so dunkel war, wie alles, was er ht diesem Hause gehört und gesehen hatte! Und was, Gottes willen, hatte feine Braut mit all dem zu tun? „Eine Unschuldige mit ins Verderben gerissen! Mein armes Kind!" Um des Himmels willen, welche Gefahr drohte der Baronesse? ... Ein Geräusch unterbrach die Stille, ein feine« Geräusch von unbestimmter Art. Dann stieß der alte Philipp einen erschreckten Ruf aus: „Da ... da ist er!" „Wo?" rief der Baron. „Hier ... sehen Sie nur! Auf dem Zweig gerade vor Ihnen. Wie groß er ist und wie merkwürdig er aussieht!" „Verwünschte Bestie!" schrie der Baron, und seine Stimme schlug schrill in den Diskant hinaus. „Wie kommst du wieder her? Ist die Brut noch immer nicht vertilgt? Verdammtes Ungeziefer! Stirb! So ... fo ... fo!" Das Geräusch eines stampfenden Fußes ertönte. Den Baron selbst konnte der Arzt von seinem Versteck aus jetzt nicht sehen, aber der Schatten an der Wand huschte und zuckte in wilden Verrenkungen auf und ab. Jetzt schien der Baron völlig erschöpft sich gegen die Brust des alten Philipp zu lehnen. Es war ganz still, nur die schweren, keuchenden Atemzüge des Barons waren hörbar. „Er war sehr schön. So einen hab' ich noch nie gesehen", sagte der alte Diener. „Der Herr Baron hätten sich nicht so aufregen sollen. Es war kein Grund." „Komm, Philipp, wir wollen gehen", sagte der Baron leise. Dr. Kircheisen hörte die schlürsenden Schritte der beiden alten Männer sich entfernen. Dann ertönte das Zirpen der Türangel. — Er war allein. Run kam er aus seinem Versteck hervor und suchte den Boden ab, dort, wo ihn der Fuß des Barons zerstampft hatte. Da lag ein großer Schmetterling. Tot und zertreten. Die Flügel, am Rande ausgefranst, bebten noch leise. Sie waren tief schwarz gefärbt, die Vorderflügel trugen einen weihen Querbalken ... Das ist ja, ... durchfuhr es ihn ... sollte das ein Papilio Hector fein? Die Große stimmt ungefähr: Er ist saft handtellergroß. Die weißen Querbalken und hier der ntte Herr Verdacht geschöpft? Wollten die beiden ihn und die ^Dr^^ircheisekkücktk sich eilig nach einem Versteck um. Er muhte ver- schLen wie Lllie er bemVron seine Anwesenheit erklären? Dor hinter dem Gartentisch, auf dem die vielen Topsblumen standen ... dort würde ibn sicher niemand bemerken. ____ ,Du kannst ruhig hereinkommen", horte er tue Stimme des Barons. -frier ift keine Schlange mehr. Ich hab sie alle erschlagen. Baron Vogh kam langsam und mit gesenktem Kops auf den Mangobaum zu. Der alte Diener ging ein paar Schritt hinter feinem Herrn, und auch er hielt den Kopf bekümmert zur Erde gesenkt. Jetzt legte der Baron die Hände an den Stamm des indischen Baumes und fuhr beinahe zärtlich streichelnd über seine nfftge Rinde. Dr Kircheisen wagte in feinem Versteck kaum zu atmen. Sorgenvoll beobachte/e er das sonderbare Tun des Barons Wie wenn die beiden das Herz in der Rinde entdeckten mit seinem und der Baronesse Anfangsbuchstaben darin! .. , Philipp, sieh: Er trägt schon Früchte." Die Hand des Barons tastete im "Blätterwerk9 Ein Ast, den er ergriffen hatte, bog sich nieder und chnellte zurück. Der alte Philipp kam naher, nahm eine Frucht aus der Hand des Barons, besah sie lange und bih hinein. nr„,:.rnl6„ „Wie merkwürdig das schmeckt ,, sagte er. „Beinahe wie Aprikosen unh" auch wieder wie saure Gurken." , , ° ®ie lange wird's dauern", sagte der Baron, und seine Stimme klang müde und traurig, „so werden die Früchte vertrocknet sein oderabgefallen auf der Erde faulen. Und die Blätter werden verwelken und der Stamm wird morsch werden und wie Zunder auseinanderfallen. Jetzt kann der Herr Baron bedauern", flüsterte Philipp heiser vor Erregung. „Jetzt sind Herr Baron verzweifelt, jetzt, wo es zu spat ist. ./Vielleicht ist's nicht zu spät. Freilich, der Doktor verweigert nur Ü Serum Gott verzeih's ihm, er weiß nicht, welche Schuld er auf si roa$i^ in^Gsdanken versunken, ging Dr. Kircheisen durch den Garten und auf sein Zimmer. — Spuk in der Rächt. . _ Wer aber war die fremde Frau gewesen, die der Baronesse in Ulam Singhs Krankenzimmer diesen plötzlichen Schreck elngMgt hatte? Eme Fiebervislon? Eine Halluzination der erregten Sinne? Em Trugbild oas hip überreizten Nerven den Augen der Paronesse vorgegaukelt hatten? Undenkbar 3 Es muß ein Wesen von Fleisch und Blut gewefen sein. Denn der Baron hatte es so ernsthaft und mit solchem Nachdruck, als ob er mehr als er sagen wollte, über den rätselhaften Vorgang wußte, dem Arzt bestätigt: „Gretl hat wirklich eine fremde Iran im Zimmer^ ge- fehen Ja! Eine fremde Frau war es, die Gretl so erschreckt hatte. cujer in aller Welt war das geheimnisvolle Wesen, das der Baroness« in hem halbdunklen Zimmer erschienen war? Woher war es gekommen und wohin chrasch wieder verschwunden? Sollt- es etwa geheime Ta- petentüren im Zimmer geben? Zu den vielen Rätseln des f)™ » “ ein neues, quälendes hinzugekommen eins, das den Arzt die ganze übrige Nacht hindurch um seinen Schlaf und seine Ruhe brachte. . .. Rn hatte lick die Sache abgespielt: Gegen halb zwölf Uhr nachts ha.te der Arkt is Buch kn dem er geblättert hatte, beifeite gelegt. Benor er zu Bette gbtq war es seine Pflicht, nochmals nach seinem Patienten zu Hetzen Dr9 Kircheisen steckte die Injektionsspritze und das kleine Fieber Krankenzimmer das flackernde Licht einer Kerze mochte es fein. Und letzt hörte er3 auj ®eräufd>e, Stimmen ... was wollte der Baron zu fo später Stunde noch bei Ulam Singt)? ... ^ircbeifcn trcit näher. Sie Sure ftcinb hoth offen. , <»-14 Es hllft nichts gnädiger Herr! Wir müssen ihn wieder ms Bett zurücktra^en " Es war des alten Philipp Stimme, d.e der Arzt ver- nommen hatte. Minute, Philipp", erklang jetzt die Stimme des Barons. „Nur noch eine Minute w°Uen wir warten. Er wird bestimmt wieder zu sich kommen. Ulam Singh! Horst du mich. . . Eine Weile blieb alles still. Ein merkwürdiger Geruch strömte durch die halbofsene Tür des Krankenzimmers und erfüllte den Gang, eini ®£ rudi der dem Arzte fremd und völlig unbekannt war. Tabak. Was 1 eine' infernalische Sorte raucht der Baron schon wieder? Der Arzt Jog Q..hnrfh ht» pin Nein, das war kein Tabak. Nur eine li ise ®Umm. d-- .«« Bisher ift alles fo gut gegangen", klagte der Baron. „Er muh wieder aufwachen. Hab' doch Geduld. Er muß aufwachen „Ich bin müde. Ich möchte schlafen gehen!" ertönte plötzlich die Stimme ^Me°Baronesse war auch hier? Dr. Kircheifen stieß sogleich die Tür auf. In dem schwacherleuchteten Zimmer bot sich ihm ein merkwürdiger Ulam Slnah saß auf dem Boden in der Mitte des Raumes. Er war bewußtlos, das stellte der Arzt auf den ersten Blick fest. Seine Augen waren geschlossen, sein Kopf auf die rechte Schulter gesunken. Ungewohn Uch knd beinahe grotesk war die Art, wie er saß: der dunkle, ausg - mergelte Körper des Inders war zu einer unnatürlichen, beinahe unglaubhaften Haltung verrenkt. Der rechte Fuß lag auf dem Unkten Ob. - schenke! und der linke auf dem rechten Oberschenkel ganz oben, beinah an die Hüften gepreßt, und die linke Hand hielt die rergte Fußspitze ge packt, während die rechte schloss am Körper hinabhing. (Fortsetzung folgt.)