Eichener Amilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Nummer 4 Freitag, den 13. Januar Jahrgang 1953 Oer Mensch. Von Matthias Claudius. Empfangen und genähert Vom Weibe wunderbar, Kömmt er und sieht und höret Und nimmt des Trugs nicht wahr; Gelüstet und begehret Und bringt sein Tränlein dar: Verachtet und verehret, fjat Freude und Gefahr; Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, Hält nichts und alles wahr; Erbauet und zerstöret Und quält sich immerdar; Schläft, wachet, wächst und zehret; Trägt braun und graues Haar. Und alles dieses währet, Wenns hoch kommt, achtzig Jahr. Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder, Und er kömmt nimmer wieder. Oie Gesindestube. Erzählung von Selma Lagerlöf. In alter Zeit, wo ein Dienstbote auf einem Hofe noch seine Kleider von der Herrschaft erhielt, hatte natürlich der weibliche Teil das ganze Jahr hindurch alle Hände voll zu tun. Während der langen dunklen Winterabende und der langen dunklen Wintermorgen mußten sie am Spinnrad sitzen und Vorrat für den Webstuhl schaffen. Die Weberei selber aber konnten sie vor dem Frühjahr, ehe die Tage lang wurden, nicht beginnen, denn diese Arbeit kann nicht im Halbdunkel verrichtet werden. Wenn man mit dem groben Wollzeug, der Leinwand, den Baumwollstoffen und den dünneren Wollzeugen fertig werden wollte, ehe der Dorf- chneider ins Haus kam, galt es, sich am Webstuhl tüchtig zu sputen. Aber nie ging es damit richtig vorwärts, wenn der Webstuhl in der Küche stand. Nein, die Weberinnen saßen am besten allein, jede für sich in einer Stube, wo sie ganz ungestört waren. Darum hatte man früher auch auf jedem ordentlichen Hofe eine besondere Webkammer, und eine solche befand sich auch auf Marbacka. Sie stammte aus der Zeit der alten Pastoren, lieber der Gesindestube hatte man noch einen Stock aufgezimmert, der aus zwei niederen Stuben bestand mit Kachelöfen aus Ziegelsteinen, wenn man so sagen darf, aus Lehmwänden und einer Balkendecke. In der inneren Kammer wohnte der Großknecht, in der äußeren standen zwei Webstühle, an jedem Fenster em